Der Wunsch

6. Januar 2017 um 10:57

Gestern Abend habe ich zwei Folgen einer Dokumentation über Naturgewalten gesehen – Vulkane und Erdbeben. Es ging um Plattentektonik, den Pazifischen Feuerring, Millionen Jahre Erdgeschichte, die im Maßstab nur hauchdünne Erdkruste, Lavakonsistenzen und die Auswirkungen der Kräfte aus dem Inneren der Erde auf ihre Oberfläche und das Leben darauf.

Danach schaute ich vor dem Schlafengehen noch mal bei Twitter und Facebook rein: ein paar Schmunzler, die eine oder andere interessante Tagesmeldung, ansonsten der übliche Brei aus Grabenkriegen, Belanglosigkeiten, Gezeter und Mitmenschenbashing.

Ich glaube, wenn mir heute eine Fee erschiene und mir einen einzigen Wunsch gewährte, müsste ich ziemlich genau, was ich will. Es wäre kein altruistischer Wunsch, kein Ende der Armut, kein Weltfrieden, keine globale Harmonie. Es wäre ein eher egoistischer Wunsch, aber es ginge mir nicht um Geld, Status, Ansehen oder Ruhm.

Ich würde mir wünschen, dass ich einen Tag lang an beliebigen Orten der Welt und mit beliebiger Entfernung von der Erdoberfläche Geschehnisse, die sonst Jahrhunderte, Jahrtausende oder Millionen von Jahren dauern, im Zeitraffer anschauen und dabei auch in der Zeit umherreisen dürfte. Ich würde gern die flüssige Erde in einer Viertelstunde erkalten sehen, wäre dabei, wie kilometerdicke Eiskrusten wie gefrierende Wolken über Kontinente wallten und wieder abtauten. Ich stünde in Landschaften, aus denen in Minuten Gebirgszüge aufgefaltet würden, könnte sehen, wie die Kontinentalplatten über den Globus zögen, sich aneinander rieben, an ihren narbigen Rändern gelegentlich grelle Glutlinien aufflammten, könnte sehen, wie Fluten die Küstenlinien formten, wie Ströme und Ozeane mit den Gezeiten atmeten, wie riesige Wälder ergrünten und wieder verdorrten oder könnte einem Mammutbaum zuschauen, wie er in der Zeit, in der man sonst ein Früstücksei kocht, sich vom Keimling zum viertausendjährigen Waldgoliath emporknorrte. Ich könnte erleben, wie Erdbeben, Vulkane und Sedimente unablässlich das Gesicht der Erde verwandelten, beobachtete Meere, Flüsse und Seen beim Entstehen, Vordringen und Zurückweichen und über all dem spannte sich ein kreisendes Firmament mit den rasenden Bahnen unserer Nachbarplaneten und den gemächlich wechselnden Konstellationen der unzähligen Sterne dahinter. Ich sähe im Nu, wie Wüsten entstünden, wie neue Inseln und Landmassen aufstiegen und wieder untergingen, wie die Erosion Hügel und Berge modellierte und massive Felsbrocken in feinsten Sand verwandelte, könnte beobachten, wie Wasserläufe, Säure gleich, atemberaubende Canyons aus dem Fels ätzten, wäre Zeuge, wie riesige Meteoriten den Planeten torpedierten und die glühenden Wunden in seiner Haut erkalteten und von der Kraft der Elemente allmählich wieder geglättet würden.

Und nach diesen überwältigenden 24 Stunden meiner epochalen Reise würde ich mich vielleicht an ein kurzes, helles Flackern auf der Oberfläche des Planeten erinnern, kurz vor Schluss, an ein Netz von Lichtern und ein flüchtiges Wirbeln, verzweigte Bewegungen, gefolgt von einem Wimpernschlag Trübheit, vielleicht Rauch oder auch Staub und denken: dieses Flackern – das waren dann wohl wir.

Ich glaube, am Abend dieses Tages hätte ich das Gefühl, dass es ein schöner war.

 

Foto: © formschub.de

Nachtrag

17. Juni 2015 um 15:26

Ein typographisches Fundstück aus Bremen muss ich noch nachreichen, das ist einfach zu schön, um es nicht mit aufzunehmen …

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Kiosk Empire #05

17. März 2014 um 12:43

Wahnsinn – eigentlich war »Kiosk Empire« nur ein von mir ausgedachter Stellvertreter für meine unter dieser Überschrift gesammelten kuriosen deutsch-englischen Unternehmensnamen. Nun durfte ich mitten in Hamburg entdecken: das gibt’s ja wirklich! Und in Berlin habe ich neulich abends aus der Ferne auch noch was Schönes erspäht …

Gesehen in der Hamburger U-Bahn-Station „Stephansplatz”

Gesehen in Berlin in der Nähe der S-Bahn-Station „Alt-Tegel”

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Lieber Max Goldt,

22. April 2013 um 12:57

falls Du für Deine nächsten Kolumnen oder Buchtexte noch Überschriften suchst, empfehle ich Dir die Lektüre der Aushänge an der Infosäule im Foyer der Trierer Sparkasse, Filiale Saarstraße. Es lohnt sich!

Fotos: © formschub.de

Kiosk Empire (Winter Edition)

13. März 2013 um 10:33

Wenn Deutsch und Englisch Sex miteinander haben.

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Kiosk Empire strikes back (#4)

25. Dezember 2012 um 17:59

Hier mal wieder schöner Nachschub aus dem Land der deutsch-englischen Wortpaarungen. (Frühere Fundstücke hier: erstens, zweitens, drittens)

(Gesehen im Park-Center, Berlin-Treptow)

(Gesehen in einem Hotelfenster in Meißen)

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Massenproduktornamente

31. Juli 2012 um 11:01

Gehandyknipst im ICA Maxi Supermarkt, Växjö, Schweden.

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Fotos: © formschub.de

Stop

8. Juni 2012 um 11:54

An einem regennassen Nachmittag in Berlin zwischen Autos und mit Schirmen vorbeihastenden Menschen einfach mal kurz nach unten schauen und einen Moment innehalten.

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Foto: © formschub.de | (Klick macht groß)

Filmfoodverbalmimikry

7. April 2012 um 13:50

Gestern beim Frühstück fiel mir etwas Seltsames auf: ich habe zwar schon seit je her unzählige von Filmzitaten in mein Floskelrepertoire integriert (z.B. „Herr Ober, dürfen wir Ihnen vielleicht etwas bringen?“ – Loriot, Pappa ante Portas), aber erstmals bemerkte ich, dass ich aus vielen Filmen die Aussprache von Lebensmitteln übernommen habe, sofern die Protagonisten diese auf eine ganz besondere Weise aussprechen oder betonen. Das geht sogar soweit, dass ich die betreffenden Lebensmittel fast nur noch so wie in dem jeweiligen Film ausspreche. Meist sind es nur ein oder zwei Wörter und jeweils bezogen auf die deutsche Synchronfassung – ich durchforste gerade mein Gedächtnis, um möglichst viele dieser Vokabeln, die ich bislang eher unbewusst benutzte, ausfindig zu machen. Ein paar habe ich schon gefunden:

„Salz?“ (Am Anfang und Ende des Wortes gelispelt) – Shirley (Kathryn Pogson), die Tochter von Mrs. Ida Lowry in „Brazil“ (leider ohne Cliplink)

„Kohlrabi.“ (mit vorn auf der Lippe genuscheltem „b“) – Loriot als „Krawehl“-Dichter Lothar Frohwein in „Ödipussi“

„Champagner!“ (schrill-generös) – Luxusschmarotzerin und Dauerkurgast Bubbles DeVere (Matt Lucas) in „Little Britain“

„Muskatnuss!!!“ (à la Hitler) – Louis de Funès als Restaurantinhaber Monsieur Septime in „Le Grand Restaurant“ („Scharfe Kurven für Madame“)

„Frisches Obst?“ (hysterisch-abgedreht) – John Cleese als Militärausbilder in der Episode „Self Defence against Fresh Fruit“ in „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“

„Käffchen?“ (eifrig-affektiert) – Petra Zieser als Redaktionsassistentin in Hape Kerkeling’s „Kein Pardon“

Mir fallen bestimmt noch mehr Beispiele ein … aber es ist schon eine komische Marotte.
Oder geht es noch jemandem so?

Movie_Mouth

Photo: © Richardzinho | Some rights reserved

Nawwi

8. Dezember 2011 um 23:39

Es ist Abend, längst dunkel, und ich mache auf dem Nachhauseweg mit dem Auto noch einen kleinen Schlenker zur Tankstelle in der Nähe meiner Wohnung, denn ich habe morgen früh einen beruflichen Termin und wenig stresst mich mehr, als auf Wegen, die Pünktlichkeit erfordern, noch Erledigungen einplanen zu müssen. Es ist eine kleine Tankstelle, gerade mal vier Zapfsäulen werden von dem leuchtend blauen Baldachin überspannt. Beim Tanken muss ich an den Witz denken, von dem Mann, der – nach den hohen Benzinpreisen gefragt – antwortet, das sei ihm egal, er tanke sowieso immer nur für 20 Euro. Ich tanke für dreißig. … 98 … 99 … 00 – ein Tick von mir: die kleine Genugtuung, die Wunschsumme auf dem Tanksäulendisplay centgenau zu treffen.
Es ist nichts los am Bezahltresen. Als ich aus dem Tankshop zurück zu meinem Auto gehe, kommt mit energischen Schritten ein älterer, stämmiger Mann auf mich zu, Unverständliches brummelnd. Ich denke: oh nein, bitte kein Großstadtfreak und tue, als nähme ich an, er ginge nicht auf mich zu, sondern nur in meine Richtung, als er mit lauter, zu lauter Stimme fragt: „Wie komme ich denn hier zur Autobahn? Ich muss auf die Autobahn!“ Autobahnen gibt es, wie auch der Ortsunkundige ahnen mag, einige in und um Hamburg, daher frage ich nach, in welche Richtung er denn wolle. „Nach Bremen! Auf die A1! Es weiß ja keiner mehr, wie man irgendwo hinkommt! Alle, die ich frage, sagen: Keine Ahnung, ich hab ja jetzt NAWWI! Alle ham nur noch NAWWI! Immer nur NAWWI! Kennt sich keiner mehr aus, alle fahrn nur noch mit NAWWI!“ Ich erläutere ihm die Strecke Richtung Elbbrücken, von dort, sage ich, sollte es dann ausgeschildert sein. Er bedankt sich nicht, fragt nur „Ham Sie auch NAWWI? Ich hab noch kein NAWWI!“ Ich verneine, um den Dialog durch die Erwähnung der NAWWIfähigkeit moderner Smartphones nicht über Gebühr zu verkomplizieren. Der Mann dreht sich um, er bedankt sich nicht, geht zu seinem Wagen und ruft in die Nacht „Ich hab die Schnauze voll, ich hol mir jetzt auch NAWWI! Dann fahr ich auch nur noch mit NAWWI!“
Ich hoffe, er findet seinen Weg, denke ich, als ich ins Auto steige und mich wieder in den Feierabendverkehr einfädele. Nach Hause, es ist nicht weit. Gleich habe ich mein Ziel erreicht.

Nawwi

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