Essen ist fertig!

Ich betrachte die Aufregung um den sogenannten „Pferdefleisch-Skandal“ mit einem, sagen wir, irritierten Brauenrunzeln. Ja, es ist wahr: das in Fertiggerichten gefundene Pferdefleisch gehört dort nicht hinein. Insbesondere nicht, wenn es auch noch mit Rückständen von Medikamenten oder anderen schädlichen Stoffen versetzt ist. Und wäre es unbelastetes Pferdefleisch und gehörte dort hinein, müsste es zumindest in der Zutatenliste auf der Verpackung angegeben sein. Und von mir aus kann man auch gern der Meinung sein, dass irgendwelche Kontrollen versagt haben, die jetzt natürlich verschärft werden müssen. Wie das einzuhalten ist, sei mal dahingestellt.
Meine Meinung dazu ist: dieser Vorfall passt auch dann ganz klar ins Bild, wenn alle Vorschriften eingehalten worden wären, weshalb er mich auch nur mäßig verwundert. Skandale dieser Art sind vermutlich nicht vermeidbar, aber man kann ihnen als Konsument in gewissem Rahmen vorbeugen – indem man bewusster einkauft.

Ich bin ein leidenschaftlicher Packungstextleser. Schon als Kind habe ich auf dem Frühstückstisch die Werbeprosa und Zutatenlisten auf Cornflakespackungen, Margarinebechern, Kababoxen und Milchtüten gelesen, weil ich eben gern lese, auch, während ich kaue. Nachdem ich dann als Heranwachsender das Kochen als Hobby für mich entdeckt hatte, setzte ich diese Gewohnheit einfach beim Lebensmitteleinkauf im Supermarkt fort. Nach der Lektüre tausender Aufschriften auf Wurstpackungen, Ketchupflaschen, Joghurtbechern, Käseecken und Brotbeuteln war die logische Schlussfolgerung aus dem Meisten, was dort stand, für mich: fast jedes industriell nach einer „Rezeptur“ hergestellte Lebensmittel – je biliger, desto wahrscheinlicher – wird zur Profitmaximierung des Herstellers nach drei aufeinanderfolgenden Prinzipien „komponiert“. Zunächst werden die Zutaten ausgesucht. Dabei werden Rohstoffe, die hochwertig oder teuer sind (z.B. Olivenöl, Nüsse) entweder durch billigere oder minderwertigere Ersatzstoffe vollständig ersetzt (dann: Pflanzenöl, Mandeln) oder – um als „ausgewählte Zutaten“ die Inhaltsliste kulinarisch zu frisieren – nur in homöopathischen Mengen zugefügt (etwa sagenhafte 5% Hühnerfleisch in der Tütenhühnersuppe). Im zweiten Schritt wird die Rezeptur dann durch billige Füllstoffe gestreckt bzw. verdünnt, die nach nichts oder fast nichts schmecken: Wasser oder Molke sind hier z.B. sehr beliebt. Und zum Schluss – denn die blasse, dünne Plempe würde jetzt keinem Kunden mehr schmecken – wird das ganze dann mit Gewürzen, Aromen, Geschmacksverstärkern, Farbstoffen und den fast allgegenwärtigen Verdickungsmitteln (Carrageen, Xanthan, Gummiarabikum, Johannisbrotkernmehl oder „modifizierte Stärke“) wieder einigermaßen auf Geschmack und eine simuliert gehaltvolle Konsistenz gepimpt.

Unerklärlicherweise sind viele Produkte sehr populär, die auf genau diese Weise hergestellt werden – etwa einer der bekanntesten Frischkäse, nach dem auch eine beliebte Torte benannt ist. Im Konkurrenzprodukt der Firma BUKO (ich mach jetzt ausnahmsweise mal aus Überzeugung Werbung) ist nur Frischkäse und Salz – und es kostet nahezu genausoviel. Ich kann nicht erkennen, dass die Zusatzstoffe des Marktführerprodukts im Vergleich eine Verbesserung der Qualität, der Haltbarkeit oder des Geschmacks mit sich bringen. Sie erhöhen meines Erachtens lediglich die Gewinnspanne. Ich zumindest möchte keine Gelatine in meinem Fruchtjoghurt haben oder modifizierte Stärke in der Mayonnaise, kein Carrageen in der Schlagsahne, kein Kartoffelmehl im Pesto und traue Herstellern, die bereits bei der vorschriftsmäßigen Deklaration ihrer Produkte erahnen lassen, dass sie bei Ersatz- und Zusatzstoffen aus dem Vollen schöpfen, eher ein unehrliches oder gar skandaltaugliches Verhalten zu.

Industriell zubereitete Lebensmittel und Fertiggerichte sparen in den meisten Fällen kein Geld, in vielen Fällen keine Zeit, aber in den allermeisten Fällen an Qualität und Geschmack. Das populäre Argument „aber Wenigverdiener können sich doch nur Fertigfood leisten“ halte ich für Unsinn. Wer sich nur ein bisschen kundiger macht, die Packungstexte liest, sich mit den elementaren Zutaten und Inhaltsstoffen vertraut macht oder – wenn die Motivation da ist – auch mal selber was kocht oder zubereitet (oder auch nur Rezepte liest, um zu verstehen, was in bestimmten Speisen oder Esswaren eigentlich idealerweise drin sein sollte), kann der Foodmaskerade der Industrie schon sehr weiträumig (und preiswert) aus dem Weg gehen. Das Internet macht diese Weiterbildung einfach wie noch nie. Pauschales Rumjammern und Klagen über die ach so böse Lebensmittelmafia sind kein Zeichen von Mündigkeit, im Gegenteil: Wissen und Erfahrung machen mündig, weil sie zu einem eigenen Urteil und eigenen Entscheidungen befähigen und diese nicht anderen überlassen. Lest Euch durch, was drin ist, setzt dies in Relation zum Preis des Produkts, vergleicht mit Alternativen im Regal oder aus „eigener Produktion“. Und dann wählt den Weg, dem Ihr am meisten vertraut und lasst es Euch schmecken.


Foto: © formschub.de

Schweinkram

Wun. Der. Bar. Endlich wieder eine Gelegenheit, den inneren Poeten von der Leine zu lassen. Der Kommentarbereich im Blog von Isabel Bogdan birst nach Ihrem Aufruf zum rüden Reimen gerade vor Leserbeiträgen, die sämtlich drei Dinge miteinander gemeinsam haben: es sind Limericks, sie sprühen vor Ideenreichtum und – sie drehen sich samt und sonders um Sex. Oder Erotik. Oder Masturbation, Geschlechtsverkehr und Co. Schweinkram, eben. Ich möchte daher eine dringende (NSFW-)Besuchs- und Leseempfehlung aussprechen und nachdrücklich auch zum Mitmachen anregen. Vielleicht wird’s ja sogar ein Buch …

Um vorab einen wenigstens kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was Besucher dort drüben erwartet, hier die beiden drei Pornofünfzeiler, zu denen mich dieser große Spaß inspirierte:

Es war mal ein Dichter aus Plön,
dessen Verse war’n immer obszön.
Sie wimmeln vor Brüsten,
Schwänzen, Mösen und Lüsten,
doch liest sich das trotzdem recht schön.

Ein sehr schüchterner Boy aus Marseille
liebte Sarah (aus PVC).
Doch beim Liebesspiel
barst prompt das Ventil
und die Leidenschaft endete jäh.

Update: … und noch eins

Ein Bisexueller aus Maine
hatt’ ein Date – die Lady hieß Jane.
Auf dem Weg dorthin dann
sprach ein Tarzan ihn an,
da entschied er: »Ich nehm lieber den!«

Bei sowas muss ich einfach mitmachen. Ich kann | nicht | anders.


Foto: © formschub.de

So isses.

Zur aktuellen Diskussion über Sexismus im Alltag (Hashtag #aufschrei bei Twitter) hier ein Blogartikel, bei dessen Lektüre ich nahezu permanent mit dem Kopf nickte:

Und ja, ich schaue mir gern hübsche Männerärsche an und erfreue mich an großen Männern mit breiten Schultern und langen Beinen aber ich fasse ihnen nicht auf den Po und in den Schritt. Ich bitte sie nicht, über ihre Brusthaare streicheln zu dürfen. Selbst besoffen habe ich mich so gut im Griff, dass ich nicht meinen Unterleib beim Tanzen an Männern reiben muss.

(…)

Abgesehen davon, dass meiner Erfahrung nach die Triebhaftigkeit nichts mit dem Geschlecht, sondern geschlechtsneutral indidviduell ist, ist das doch keine Rechtfertigung. Wenn ich mich nicht im Griff habe, handelt es sich nicht um das genetisches Erbe, sondern um ein Armutszeugnis. Penisse müssen nicht aus der Hose genommen werden, keine Hand muss auf einer großen, hübschen Brust landen, Pos in gut sitzenden Hosen müssen nicht anzüglich kommentiert werden.

Zum ganzen Artikel im Wortlaut und Kontext bitte hier entlang.


Photo: © russelldavies | Some rights reserved

Timelapsus

Als bekennender Fan der Serie „Fringe“ gucke ich mich gerade mit wachsender Begeisterung durch die zweite Staffel, in der es nach zahlreichen mysteriösen Vorkommnissen, Indizien und Andeutungen nun tatsächlich zur unerfreulichen Konfrontation zweier paralleler Universen kommt. In der Episode 16, die nach dem Sohn des Protagonisten Dr. Walter Bishop, „Peter“, benannt ist, geht es während einer ausführlichen Rückblende um bedeutungsvolle Ereignisse, die sich im Jahre 1985 zugetragen haben. Das inspirierte die Macher der Serie zu der schönen Idee, bei dieser Folge den regulären Vorspann durch eine spezielle Version im Stil der 80er Jahre zu ersetzen. Statt der neuzeitlichen (grenz)wissenschaftlichen Trendthemen werden die damaligen eingeblendet, der Grafikstil, Computeranimationen und die Science-Fiction-Schrift Amelia aus dem Jahre 1967 sorgen für eine stilechte Retro-Optik. Wäre da nicht die Nennung der drei Serienerfinder am Schluss der Titelsequenz. Die sorgt nämlich bei Typographiefans für einen kleinen Sprung im Raum-Zeit-Kontinuum: es ist die Verdana, die zwar als Computerschrift speziell für Microsoft entworfen wurde, allerdings erst 1996 – elf Jahre nach 1985. Mysteriös …


Screenshot content: © FOX Broadcasting Company,
published for non-commercial documentary purposes

Männerschatten

Ich habe einen Schatten. Er wird nicht um so sichtbarer, je heller es ist. Er ist stärker in der Dunkelheit, aber manchmal auch spürbar am Tage. Er wird dunkler, wenn es fast menschenleer um mich ist, aber damit er erscheint, muss eine mir fremde Frau anwesend sein. Ich bemerkte ihn schon öfter, aber in den letzten Wochen gehäuft. Ich mag ihn nicht.

Am Tage nach meiner Agenturweihnachtsfeier, es war gegen 18:00 Uhr und schon dunkel, ging ich von der S-Bahn-Station in der Nähe des besuchten Lokals zu meinem Auto, das ich dort wohlweislich am Abend zuvor zu Gunsten einer Taxifahrt hatte stehen lassen. Auf dem Weg zum Parkplatz, auf der Großen Elbstraße in der Nähe des Hamburger Fischmarkts, näherte ich mich von hinten einer Frau, die in dieselbe Richtung ging. Es war niemand sonst in Sichtweite. Ich glaubte zu spüren, dass sich die Frau unwohl fühlte, vielleicht sogar Angst hatte, als sie meine Schritte hinter sich hörte. Ich steuerte bewusst an den äußersten Rand des Gehsteigs, um sie mit größtmöglichem Abstand zu überholen und ihr zu signalisieren, dass sie keinen Grund zur Besorgnis hat, ehe ich abbiegen konnte, zu meinem Wagen ging und sich unsere Wege trennten.

Kaum zwei Wochen später machte ich während meines Jahresendurlaubs einen Spaziergang mit meinem Freund in der Nähe eines Meißener Weingutes. Weite Felder, ein paar Rebstöcke, eine einsame Landstraße, Feldwege. Kein Mensch, so weit das Auge reicht. Auf einem teils matschigen, schnurgeraden Feldweg wanderten wir unter dem diesigen, grauen Dezemberhimmel am früheren Nachmittag dahin, als vor uns in der Ferne eine Person sichtbar wurde, die offensichtlich auf uns zujoggte. Etwa hundert Meter, ehe wir einander passierten, erkannten wir, dass es sich um eine Frau handelte. Und da setzte das Gefühl wieder ein. Zwei Männer, eine Frau, niemand sonst in der Nähe. Ich wandte mich meinem Freund zu und wechselte ein paar Worte mit ihm, um das Unbehagen, das seitens der Joggerin spürbar war, zu zerstreuen. Wortlos auf den Boden blickend lief sie an uns vorbei.

Ich bin ein friedfertiger Mensch. Ich habe mich nur einmal – da war ich etwa 9 Jahre alt – mit einem anderen Menschen, einem Mitschüler, geprügelt. Ich verabscheue Gewalt, Aggression, sinnloses Zerstören von Dingen. Ich finde Nötigung, Misshandlung, Vergewaltigung absolut inakzeptabel, unentschuldbar und verabscheuenswert. Ich bin überdies als schwuler Mann ohnehin der falsche Adressat dieses bedrückenden Gefühls (auch, wenn man mir das nicht ansieht). Und dennoch verschwindet dies im Dunkel meines „Männerschattens“, wenn ich in ähnlichen Situationen wie geschildert, einer Frau begegne. Ich werde unfreiwillig zu einem Repräsentanten derjenigen Männer – wie viele es davon auch geben mag (hoffentlich immer weniger) – die jeden Tag in Wort und Tat, unverblümt oder angedeutet, in vollem Ernst oder mit sexistischen Witzchen, einzeln oder im Rudel, Frauen diskriminieren oder sogar angreifen.

Ich will das nicht. Aber ich bin auch unsicher, was ich in einer solchen konkreten Situation tun soll, um meinen „Männerschatten“ zumindest aufzuhellen. Die Frau freundlich ansehen? Gar anlächeln? Schneller gehen, um sie zu überholen und ihr das Gefühl des Verfolgtwerdens zu nehmen? Langsamer gehen? Die Straßenseite wechseln? Den Abstand vergrößern? Etwas sagen? Garnichts tun? Vielleicht finden die Blogleserinnen unter meinen Besuchern ja meine Gefühle und Gedanken dazu auch komplett bescheuert. Aber wissen würde ich es gerne.

Update: Sophie Montag hat in ihrem Blog eine Antwort auf meinen Artikel geschrieben, die ich gern als Leseempfehlung verlinke.

Männerschatten
Foto (Bildmontage): © formschub.de

Jahresrückblick 2012

Über Weihnachten und Neujahr war die „To-Do-Liste“ mal ein paar Tage ausgesetzt, daher schob ich diesen aufwendigeren Blogartikel bewusst etwas vor mir her. Doch da die erste Jahreswoche noch nicht rum ist, erlaube ich mir mal, etwas nachträglich Bilanz zu ziehen.

Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen. Egal. Ich fühl mich super.

Haare länger oder kürzer?
Gleichbleibend kurz, mit Tendenz zum Ultrakurzen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Es mehren sich Anzeichen für eine spürbare Kurzsichtigkeit. Ein Augenarzttermin für Januar 2013 steht ganz oben auf der To-Do-Liste. Bei meiner Eitelkeit wird die Brillenauswahl sicher Wochen dauern …

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger. Seit Januar 2012 bin ich mit zwei Partnern selbstständig, zwar mit Festgehalt, aber deutlich reduziert. Da half das Ersparte zunächst sehr, über die Runden zu kommen. Aber es geht bergauf.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger für „Zeug“ wie DVDs, CDs, Technik-Gadgets, Klamotten. Mindestens genausoviel wie letztes Jahr für Essen (und Trinken), wenn nicht sogar mehr. Aber ist ja für ’nen guten Zweck …

Mehr bewegt oder weniger?
As bewegt as it gets. Gekündigt (November 2011), eine eigene Agentur gegründet. Jede Menge neue Leute kennengelernt, beruflich wie privat. Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gesammelt. Verantwortung übernommen. Sich was getraut. Gereift. Selbstbewusster geworden. Fühlt sich gut an.

Der hirnrissigste Plan?
Einen „Plan“ gab’s nicht. Trotzdem sollte man Zimmerkamine nicht unbeaufsichtigt lassen. Nicht eine Minute.

Die gefährlichste Unternehmung?
Siehe „Der hirnrissigste Plan“.

Der beste Sex?
… ist immer der, bei dem man hinterher eine Weile braucht, um rauszufinden, wo man jetzt gerade ist und was man eben kurz vorher gemacht hat.

Die teuerste Anschaffung?
Ersetze ich mal durch „Die kostspieligste Investition“ – mein Anteil an der finanziellen Einlage zur eigenen GmbH.

Das leckerste Essen?

Weitere besuchenswerte Restaurants 2012:

Eigentlich schmeckt’s meistens. Besonders, wenn die Freunde auch noch alle gut kochen können.

Das beeindruckendste Buch?
Friedrich Torberg, „Die Tante Jolesch“ (ein Tipp von der Kaltmamsell). Großer Spaß.
Insgesamt aber wieder viel zu wenig gelesen, meistens „häppchenlesbare“ Bücher, die ich abends kurz vorm Schlafengehen nochmal zur Hand nehmen kann, etwa Max Goldts „Die Chefin verzichtet“, Gedichtbände, Bücher mit kurzen Episoden eines Autors ( 1 | 2 ) oder Anthologien.

Der ergreifendste Film?
Ich hinke ja aufgrund meiner Saalquatscherphobie dem Kinoprogramm stets leicht hinterher und schaue Filme lieber im DVD-Heimkino. Trotzdem wagte ich auch ein paar Mal den Ausflug in den Kinosaal. Auf jeden Fall war 2012 für mich das Jahr, in dem gute Serien mich mindestens ebenso sehr fesselten wie Filme.

Meine Top 3

Gutes Popcornkino

  • Planet der Affen Prevolution
  • Source Code
  • The Thing
  • Men In Black 3
  • Prometheus

Serienfavoriten

  • Breaking Bad
  • Six Feet Under
  • Walking Dead
  • Rome
  • Fringe

Die beste CD?
„50 Words for Snow“ von Kate Bush, „Be Strong“ von The 2 Bears, „Thousand Mile Stare“ von Chicane, „Mein Herz Brennt“ mit klassisch ganz famos aufbereiteten Liedern von Rammstein (sic!), „SSSS“ – eine „Reunion“ der Depeche-Mode Urväter Vince Clarke und Martin Gore.
Für mich neu entdeckte Künstler anhand von Einzeltiteln waren u.a. Androcell („Neurosomatic Circuit“), Bon Iver („Holocene“, „Flume“), FC Kahuna („Machine Says Yes“), GusGus („Hateful“, „Changes Come“), Index ID („Windschatten“), Joey Fehrenbach („Behold“), Koan („Winged Knights“), Pomplamousse („Bust Your Knee Caps“, „Nature Boy“), Saru („Decompression“), Skizzy Mars („Colours“, „Houdini“), Stempf („Kraftfutter“), Trentemøller („Marble Shade“, „Kink“, „Prana“, „Physical Fraction“) und Xploding Plastics („Kissed By A Kisser“). Die verlinke ich jetzt aber nicht alle einzeln …

Das schönste Konzert?
Das Highlight 2012 war die „Parsifal“-Inszenierung von Stefan Herheim bei den Bayreuther Festspielen. Alle drei Aufzüge sind bei YouTube in voller Länge in HD verfügbar ( 1 | 2 | 3 ).

Dazu kamen die Kartengeschenke von Weihnachten 2011, die ich im letzten Jahr einlösen durfte: „Cardillac“) in der Semperoper, „Lear“ in der Hamburgischen Staatsoper, zwei Konzerte in der Berliner Philharmonie (Edward Elgar: „The Dream of Gerontius“ und Dmitri Schostakowitsch: „Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1“/„Symphonie Nr. 8“). Auch sehr schön: Benjamin Brittens „War Requiem“ in der Marienkirche zu Lübeck und ein spätabendliches Orgelkonzert bei Kerzenlicht am 23. Dezember in der Dresdner Frauenkirche.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
… dem Lieblingsmenschen, guten Freunden (wie letztes Jahr) und den beiden Mitgründern der eigenen Agentur.
… dem guten Gefühl, dass mir mein Job wieder mehr Spaß macht.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
… dem Lieblingsmenschen und guten Freunden (wie letztes Jahr) und den beiden Mitgründern der eigenen Agentur.

Vorherrschendes Gefühl 2012?
So soll es sein, so kann es weitergehen.

2012 zum ersten Mal getan?
Eine Firma (mit)gegründet.

2012 nach langer Zeit wieder getan?
Operiert worden.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die Zeit von der Diagnose bis zur Operation des (letztlich gutartigen) Tumors in meinem linken Oberschenkel. Die elende Bürokratie und die immer noch laufende Klage im Rahmen meines (mit abwegigen Argumenten abgelehnten) Antrags auf Gründungszuschuss bei der Hamburger Agentur für Arbeit. Alle Begegnungen mit Menschen, deren Ignoranz, Arroganz, Egoismus, Aggression oder Trägheit mich unnötig Kraft und Lebenszeit kosten.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich musste eigentlich niemanden besonders nachdrücklich überzeugen, das ging fast wie von selbst.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Offenbar die Weihnachtsgeschenke „Magischer Unterwasser-Kristallpalast“ von Playmobil für meine Nichte (4) und das fernsteuerbare Playmobil Motormodul 4856 für meinen Neffen (9), wenn es danach geht, wie schnell sie das Geschenkapapier von den Kartons abfetzten und schrien „DAS HAB ICH MIR SCHON IMMER GEWÜNSCHT!“

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Die Diagnose „gutartig“ (obwohl ich nicht weiß, wen ich hier als Schenkenden nennen soll).

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Ich habe das Gefühl, du hast in meinen Kopf geschaut und das umgesetzt, was ich mir unausgesprochen gedacht habe.“ (ein Kunde, nicht ganz wörtlich, angesichts der präsentierten Designentwürfe)
„Dann feiern Sie das heute mal richtig.“ (Chefarztsekretärin nach dem telefonisch durchgegebenen negativen Befund)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Kein Satz. Blicke.

2012 war mit einem Wort …?
Wendepunkt.

Jahresrueckblick_2012
Foto: © formschub.de

Beinkrebs

Wenn man mal einen Moment lang darüber nachdenkt, wie viel Raum Gewohnheiten und Routinen im täglichen Leben einnehmen, ist man überrascht. Kaffeekochen, Zähneputzen, Anziehen, Bettenmachen – wohl jeder Mensch hat bei diesen Tätigkeiten eine individuelle, fast unveränderliche Art, sie durchzuführen. Die Handgriffe, ihre Reihenfolge, die Bewegungsmuster. Routinen erleichtern den Alltag, weil man nicht darüber nachdenken muss, was dort gerade getan wird, oftmals so sehr, dass gleichzeitig etwas anderes erledigt werden kann, das mehr Aufmerksamkeit erfordert: Zeitung lesen etwa, oder Telefonieren. Denn der Ablauf im Hintergrund ist immer gleich. Meistens jedenfalls.

Eine meiner Routinen ist das Abtrocknen nach dem Duschen. Der Griff zum Handtuch, das immer an derselben Stelle neben der Duschkabine hängt. Zuerst die Haare durchrubbeln, dann von oben nach unten abfrottieren, nebenbei den Tag schon mal vorwegnehmen: Was liegt an? Muss eingekauft werden? Stehen Verabredungen an?
An einem Morgen diesen Jahres, Anfang August, wurde diese Routine unterbrochen. Etwas war anders. Eine kleine Stelle am linken Bein oberhalb des Knies, die unter dem Handtuch nicht nachgab, wie sonst, sondern mit einem leichten Druckschmerz dagegen hielt. „Verspannungen“ dachte ich, und ging zum Tagesablauf über, ich hatte Urlaub, Zeit und Muße. Kein Grund für beunruhigende Gedanken. Die Gewohnheit, gesund zu sein. Mal eine Erkältung, gelegentlich Kopfschmerzen, selten Rückenbeschwerden. Der Körper benimmt sich.

Doch die Stelle blieb. Unverändert, nicht stärker, nicht schwächer, stemmte sich der gefühlt „mentosgroße“ Fremdkörper Berührungen entgegen. „Das wird schon nichts Schlimmes sein“, sagte mein Partner, „ich hab noch nie was von Beinkrebs gehört.“ Ich lachte, recht hat er. Weiter mit Urlaub.

Drei Wochen später saß ich bei meinem Hausarzt im Wartezimmer, inzwischen war das vorsichtige morgendliche Betasten schon fast eine neue Routine. Die Untersuchung ging schnell, die Diagnose – gestellt von einem jungen Arzt in Vertretung, auch Hausärzte machen mal Urlaub – klang eindeutig: höchstwahrscheinlich ein Lipom, eine harmlose Fettgeschwulst, ein rein kosmetisches Problem, haben viele, keine Sorge, kann drinbleiben, solang’s nicht stört. Vielen Dank, auf Wiedersehen.

Ich bin ein paar Tage erleichtert, dann google ich „Lipom“. Die Beschreibung passt, nur von Druckschmerz ist nicht die Rede. Ein Kollege, mit einer Ärztin verheiratet, empfiehlt mir einen Internisten. Ich vereinbare einen Termin, lege mich dort auf die Ultraschallliege, das Gel auf meinem Bein ist so kalt wie das graue Septemberwetter draußen. Der Arzt dreht den Monitor in meine Richtung. Im monochromen Pixelbrei erscheint ein Ei. „Das ist es.“, sagt der Internist, „Ungewöhnlich scharf begrenzt. Ich denke, es ist das Beste, ich überweise Sie mal zur Kernspintomographie. Mit Ultraschall kann ich das nicht klar diagnostizieren.“ Trotz des Reizwortes „Kernspintomographie“ bin ich nicht beunruhigt, mir sind Ärzte, die Fragen haben, lieber als selbstgerechte Halbgötter in Weiß. Ich bekomme eine Praxisempfehlung zum Doktorvater des Internisten, einem niedergelassenen Radiologen. Keine Woche später liege ich bis zur Hüfte in einer engen Röhre und höre über einen schlechten Kopfhörer NDR Info Radio, während der Apparat, in den ich 20 Minuten lang schubweise hinein- und hinausgefahren werde, ohrenbetäubende Klickgeräusche macht, die dumpf das Radioprogramm zerhacken. Der Radiologe ist ein freundlicher Mann, er nimmt sich Zeit und zeigt mir die erstaunlich scharfen Aufnahmen meines Unterleibs, kein Vergleich mehr zu dem schwammigen Monitorbild beim Ultraschalltermin. „Sie haben Glück.“ sagt er. „Mit dieser Art von Tumoren kenne ich mich aus. Darüber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben.“ Wieder bin ich erstaunt, dass mich das nun erstmals ausgesprochene Wort nicht beunruhigt, vielleicht, weil ich mich auch hier in guten Händen fühle. Es muss nichts Bösartiges sein, sagt der Arzt und erklärt mir ausführlich, was ich da im Bein habe. Ein sogenannter Stammzellentumor oder Weichteiltumor, er entsteht oft an Stellen, wo das Gewebe (etwa durch eine starke Prellung) vorangehend schon einmal traumatisiert wurde. Und es besteht immer die Möglichkeit einer „Entartung“. Doch vor einer Behandlung müsse geklärt werden, ob die Stelle im Bein die einzige im ganzen Körper sei. Ein erneuter Termin wird vereinbart, diesmal eine Thorax-Computertomographie. Nun werde ich doch etwas nachdenklicher. Ich lenke mich ab durch Arbeit und Verabredungen mit Freunden, vermeide es, die gehörten Fachbegriffe zu googeln, verdränge den Gedanken „Was, wenn …“ und merke, dass die sorgenvollen Blicke derer, denen ich von meinen Arztbesuchen berichte, ihre (zweifellos aufrichtige) Anteilnahme und ihre aufmunternden Worte mehr an mir nagen als mir nützen. Ich beginne zu erahnen, dass zu viel Mitgefühl Menschen, die (ernsthaft) krank sind, auch Kraft rauben kann, statt ihnen welche zu geben.

Am Nachmittag vor der Computertomographie räume ich im Büro einen Sessel beiseite, als mir wie aus heiterem Himmel ein einzelner kupferfarbener Euro-Cent vor die Füße fällt. Ich stecke ihn in ein separates Fach meines Portemonnaies und denke noch: vielleicht ein Glückspfennig.
Die Untersuchung kurz darauf ist ohne Befund. Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie kleine Zeichen.

Nun ist klar: die Therapie geschieht operativ. Die scharfe Abgrenzung des Tumors zum benachbarten Muskelgewebe erleichtert dessen Entfernung, gleichwohl werde ich zweimal hintereinander ins Krankenhaus müssen: zuerst für eine Biopsie, um anhand der Gewebeprobe zu klären, ob der Tumor gut- oder bösartig ist und danach zur eigentlichen Entfernung. Auch der Radiologe gibt mir wieder eine Empfehlung, er verweist mich an einen von zwei Spezialisten für diese Art von Tumoren in Hamburg. Trotz der weiterhin vorhandenen Ungewissheit darüber, was da in meinem Bein wohnt, kehrt meine seltsam beruhigte Verfassung zurück. Ich bin inzwischen fast dankbar dafür.

Nach der ambulanten Biopsie darf ich schon abends mit einem 5 cm langen Schnitt wieder nach Hause. Die Gewebetypisierung, erklärte mir der etwas zerstreute, aber sehr „professorale“, mich an den Reklamearzt Dr. Best erinnernde Chirurg, sei aufgrund der anzusetzenden Zellkulturen, recht zeitaufwendig: mit etwa zwei Wochen Wartezeit müsse ich rechnen. Ich rechne und warte. Endlich kommt der Anruf aus dem Sekretariat der Klinik: der Tumor ist gutartig. „Dann feiern Sie das heute mal richtig.“ sagt die Sekretärin und wir vereinbaren den endgültigen OP-Termin.

Eine runde Woche später werde ich erneut in den OP gefahren. Ich erinnere mich noch, dass ich dabei mit der Anästhesistin scherzte: „Achten Sie aber darauf, dass mir der Herr Doktor ’ne schön dezente Narbe macht.“ Nach zwei Stunden erwache ich mit einem Drainageschlauch im Bein. Der Schnitt, wie ich beim ersten Verbandswechsel sehe, ist nun gut doppelt so lang. Egal. Bei einem bösartigen Tumor hätte ich durch das unabdingbare Ausräumen umgebenden Muskelgewebes eine richtige „Grube“ im Bein gehabt. Was ist dagegen eine spannenlange Narbe? Ich habe kaum Schmerzen. Drei Tage später darf ich die Klinik verlassen.

Inzwischen sind die Fäden gezogen, die Wunde verheilt gut und ich bin dankbar. Dankbar, dass dieser „Kelch“ an mir vorübergegangen ist. Dankbar, dass ich in der Hand guter Ärzte war. Dankbar, dass ich von Menschen umgeben war, die mit halfen und bei mir waren. Dankbar, dass mich dieses Erlebnis nachdenklicher gemacht hat. Vielleicht ist es doch kein so abwegiger Gedanke, mit Mitte 40 über ein Testament oder eine Patientenverfügung nachzudenken. Und froh darüber, rechtzeitig zum Arzt gegangen zu sein, trotz des Gedankens „Aber was, wenn es doch ,Beinkrebs‘ ist?“. Angst ist niemals gut. Sie lähmt, hemmt und schadet.

Ach, und eins noch, bevor ich wieder zur Routine übergehe:
Fröhliche Weihnachten – und bleibt gesund!

Fotos: © formschub.de