{"id":1943,"date":"2011-12-07T01:43:37","date_gmt":"2011-12-07T00:43:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=1943"},"modified":"2020-06-30T12:57:33","modified_gmt":"2020-06-30T10:57:33","slug":"apfel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2011\/12\/07\/apfel\/","title":{"rendered":"\u00c4pfel"},"content":{"rendered":"<p>Ich sitze zu Hause auf dem Sofa und bestelle online Weihnachtsgeschenke. Am vergangenen Wochenende war ich in der Stadt und versuchte, ein paar Besorgungen offline zu machen, doch es war wenig erbaulich. \u00dcberall Menschen, dicht gedr\u00e4ngt, ungeduldig, ellbogig, genervt, l\u00e4rmend, l\u00e4stig. Auch in den Gesch\u00e4ften wurde ich bei den gesuchten Pr\u00e4senten nicht f\u00fcndig. Gibtsnich, hamwanich, ausverkauft, zu teuer, zu klein, zu gro\u00df, zu anders. Nach zwei Stunden brach ich den Konsumausflug ab.<\/p>\n<p>Wie ich es vor dem Internet geschafft und erduldet habe, Jahr f\u00fcr Jahr in solchem Gewimmel meine Bescherungsbesorgungen zu machen \u2013 es ist mir ein R\u00e4tsel. <a href=\"http:\/\/www.gfk.com\/group\/press_information\/press_releases\/009061\/index.de.html\">Einer GfK-Studie zufolge<\/a> geben dieses Jahr 92% der Deutschen im Schnitt 241 Euro f\u00fcr Weihnachtsgeschenke aus.<\/p>\n<p>Es sind nicht viele Menschen, die ich beschenken werde und m\u00f6chte. Meine Gro\u00dfeltern und mein Vater leben nicht mehr, der Kontakt zu Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen oder gar weiter entfernten Verwandten ist sp\u00e4testens seit Beginn meines Berufslebens, dem damit verbundenen Umzug nach Hamburg und dem Verbleib von Familienfeiern nahezu eingeschlafen. Doch der engste Beziehungskreis aus Partner, Familie und lieben Freunden ist wohl gepflegt, dort macht mir das Schenken Spa\u00df. Kein Zwang, kein Geschenkewettr\u00fcsten. So soll es sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich nach Geschenkideen google, Produkte vergleiche und meinen virtuellen Warenkorb best\u00fccke, muss ich an ein ganz besonderes Weihnachtsfest denken. Es muss 1978 gewesen sein, da war ich elf Jahre alt und unsere Familie lebte damals in Nigeria. Mein Vater hatte sich in den Siebziger Jahren zwei Mal bewusst \u2013 in \u00dcbereinkunft mit meiner Mutter \u2013 eine Arbeitstelle im Ausland gesucht. Deutsches Know-how war gefragt, es wurde gut bezahlt und man sah etwas von der Welt. L\u00e4nder wie Algerien (unser erster Auslandswohnsitz) und Nigeria, die heute von Aufruhr, politischer Instabilit\u00e4t oder islamistischen Tendenzen betroffen sind, waren f\u00fcr europ\u00e4ische Familien durchaus bewohnbar, wenn auch in firmeneigenen, aber keineswegs abgeschotteten Wohnanlagen. Ich ging dort mit den Kindern der Arbeitskollegen meines Vaters zur Schule, machte mit den Eltern auf den M\u00e4rkten und in den Gesch\u00e4ften die t\u00e4glichen Eink\u00e4ufe und lernte neue Freunde kennen. Es war Alltag in einem Land, wo manche Urlaub machten.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich war vieles auch anders. Wir hatten zwar eine Ananaspflanze, einen Papayabaum, Bananenpalmen und Zuckerrohr im Garten, aber es gab keine \u00c4pfel \u2013 in keinem Laden. Wir hatten keinen Fernseher, zwei Jahre lang. Die Kollegenfamilie, im Haus \u00fcber uns, hatte einen der ersten Videorecorder, doch das Angebot an (kindertauglichen) Filmen war sehr begrenzt. Wir lasen, spielten drau\u00dfen, besuchten Freunde, statt fernzusehen. Es war hei\u00df und feucht, oft fiel der Strom und damit die Klimaanlagen in der Wohnung aus, was besonders nachts, bei Temperaturen noch \u00fcber 25 \u00b0C, das Schlafen durchaus erschweren konnte. Drau\u00dfen gab es Vogelspinnen und Schlangen (selten), riesige Tausendf\u00fc\u00dfler, gigantische Schmetterlinge und Eidechsen, Gottesanbeterinnen, \u00fcberdimensionale Kakerlaken und anderthalb Zentimeter gro\u00dfe Ameisen. Es gab unglaublich frischen Fisch: Makrelen, Barracudas, Garnelen und Blue Marlin. Aber es gab kein Schweinefleisch, kein Nutella, keine Yps-Hefte. Mortadella und andere Wurst waren manchmal in Dosen erh\u00e4ltlich, K\u00e4se nur als Schmelzk\u00e4seecken. Was es nicht gab und was haltbar war, konnten wir bei den halbj\u00e4hrlichen Heimfl\u00fcgen in tragbaren Mengen selbst importieren. Auf alles andere hie\u00df es schlicht zu verzichten.<\/p>\n<p>Etwas Sch\u00f6nes, das wir dort hatten, war ein kleines, rot-wei\u00dfes Motorboot. Es geh\u00f6rte uns und der erw\u00e4hnten Kollegenfamilie gemeinsam und am Wochenende fuhren wir damit meist durch die K\u00fcstenlagunen und aufs Meer hinaus. Manchmal richtig weit, so dass ich das Land am Horizont kaum noch sah. Nicht immer waren beide Familien vollz\u00e4hlig an Bord, es kam auch vor, dass die M\u00fctter und einige der Kinder am Strand blieben, wo das Boot im seichten Wasser gut anlegen konnte. Oft fuhren auch nur die beiden \u00bbPapas\u00ab zum Angeln raus aufs Meer und brachten abends von dort stattliche Fische zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auf einer der Bootstouren, es war kurz vor Weihnachten, aber in \u00c4quatorn\u00e4he nach wie vor tropisch warm, begegneten wir weit drau\u00dfen auf dem Meer einem gro\u00dfen, dort ankernden Frachter. An der Reling standen Mitglieder der Besatzung, sie riefen und winkten. Wir n\u00e4herten uns dem Schiff und die V\u00e4ter verstanden irgendwann, dass die Funkanlage des unter Schweizer Flagge (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schweizer_Hochseeschifffahrt\">sic!<\/a>) fahrenden Schiffes ausgefallen und somit keine Verbindung zu Lotsen m\u00f6glich war, die es sicher in den Hafen f\u00fchren konnten. Man fragte uns, ob wir nicht als Kurier einspringen wollten. Und so fuhr unser kleines Motorboot nach Erhalt der entsprechenden Instruktionen los, Richtung K\u00fcste, um dort Meldung zu machen. Als wir sp\u00e4ter zum Schiff zur\u00fcckkamen, um das nahende Geleit zu verk\u00fcnden, warf uns ein Matrose zum Dank aus einer st\u00e4hlernen Luke, nicht weit \u00fcber dem Wasser, einen gro\u00dfen Plastiksack zu. Darin: eine dicke, mit leuchtendrotem Wachs \u00fcberzogene K\u00e4sekugel \u2013 und eine Menge knackig-gr\u00fcner \u00c4pfel. K\u00e4se! \u00c4pfel! Was f\u00fcr ein aufregender Tag! Was f\u00fcr ein besonderer Dank.<\/p>\n<p>Am Weihnachtsabend, kurz darauf, unter unserem tropentauglichen k\u00fcnstlichen Tannenbaum, dort lagen sie dann. Die \u00c4pfel. Ich bekam auch einen Legokasten, aber ich habe schon lange vergessen, was man daraus bauen konnte. Aber an die \u00c4pfel, an die frischen, gelbgr\u00fcnen \u00c4pfel, an die erinnere ich mich, als w\u00e4re es gestern gewesen.<\/p>\n<p>Ich bin nicht traurig, dass ich als Kind ein paar Jahre lang auf einiges vermeintlich Selbstverst\u00e4ndliche verzichten musste. Ich bin dankbar, dass ich den Wert solcher Dinge \u2013 und auch den von (Weihnachts)geschenken \u2013 anders zu sch\u00e4tzen gelernt habe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1944\" title=\"Motorboot_Nigeria\" src=\"http:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Motorboot_Nigeria.jpg\" alt=\"Motorboot_Nigeria\" width=\"450\" height=\"434\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1945\" title=\"Weihnachten_1978\" src=\"http:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/Weihnachten_1978.jpg\" alt=\"Weihnachten_1978\" width=\"450\" height=\"528\" \/><br \/>\n<em>Das Boot. Die \u00c4pfel. Und ich.<\/em><br \/>\n<em>Fotos: \u00a9 formschub<\/em><\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_1943\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2011\/12\/07\/apfel\/\"  data-item_title=\"\u00c4pfel\"  data-item_date=\"2011-12-07T01:43:37+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sitze zu Hause auf dem Sofa und bestelle online Weihnachtsgeschenke. Am vergangenen Wochenende war ich in der Stadt und versuchte, ein paar Besorgungen offline [&#8230;]<\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_1943\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2011\/12\/07\/apfel\/\"  data-item_title=\"\u00c4pfel\"  data-item_date=\"2011-12-07T01:43:37+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,14,1],"tags":[],"class_list":["post-1943","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausser-haus","category-selbstgebrautes","category-von-der-tageskarte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1943","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1943"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1943\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4824,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1943\/revisions\/4824"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1943"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1943"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1943"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}