{"id":2942,"date":"2012-12-25T15:58:36","date_gmt":"2012-12-25T14:58:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=2942"},"modified":"2020-06-30T17:56:44","modified_gmt":"2020-06-30T15:56:44","slug":"beinkrebs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2012\/12\/25\/beinkrebs\/","title":{"rendered":"Beinkrebs"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man mal einen Moment lang dar\u00fcber nachdenkt, wie viel Raum Gewohnheiten und Routinen im t\u00e4glichen Leben einnehmen, ist man \u00fcberrascht. Kaffeekochen, Z\u00e4hneputzen, Anziehen, Bettenmachen \u2013 wohl jeder Mensch hat bei diesen T\u00e4tigkeiten eine individuelle, fast unver\u00e4nderliche Art, sie durchzuf\u00fchren. Die Handgriffe, ihre Reihenfolge, die Bewegungsmuster. Routinen erleichtern den Alltag, weil man nicht dar\u00fcber nachdenken muss, was dort gerade getan wird, oftmals so sehr, dass gleichzeitig etwas anderes erledigt werden kann, das mehr Aufmerksamkeit erfordert: Zeitung lesen etwa, oder Telefonieren. Denn der Ablauf im Hintergrund ist immer gleich. Meistens jedenfalls.<\/p>\n<p>Eine meiner Routinen ist das Abtrocknen nach dem Duschen. Der Griff zum Handtuch, das immer an derselben Stelle neben der Duschkabine h\u00e4ngt. Zuerst die Haare durchrubbeln, dann von oben nach unten abfrottieren, nebenbei den Tag schon mal vorwegnehmen: Was liegt an? Muss eingekauft werden? Stehen Verabredungen an?<\/p>\n<p>An einem Morgen diesen Jahres, Anfang August, wurde diese Routine unterbrochen. Etwas war anders. Eine kleine Stelle am linken Bein oberhalb des Knies, die unter dem Handtuch nicht nachgab, wie sonst, sondern mit einem leichten Druckschmerz dagegen hielt. \u00bbVerspannungen\u00ab dachte ich, und ging zum Tagesablauf \u00fcber, ich hatte Urlaub, Zeit und Mu\u00dfe. Kein Grund f\u00fcr beunruhigende Gedanken. Die Gewohnheit, gesund zu sein. Mal eine Erk\u00e4ltung, gelegentlich Kopfschmerzen, selten R\u00fcckenbeschwerden. Der K\u00f6rper benimmt sich.<\/p>\n<p>Doch die Stelle blieb. Unver\u00e4ndert, nicht st\u00e4rker, nicht schw\u00e4cher, stemmte sich der gef\u00fchlt \u00bbmentosgro\u00dfe\u00ab Fremdk\u00f6rper Ber\u00fchrungen entgegen. \u00bbDas wird schon nichts Schlimmes sein\u00ab, sagte mein Mann, \u00bbich hab noch nie was von Beinkrebs geh\u00f6rt.\u00ab Ich lachte, recht hat er. Weiter mit Urlaub.<\/p>\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter sa\u00df ich bei meinem Hausarzt im Wartezimmer, inzwischen war das vorsichtige morgendliche Betasten schon fast eine neue Routine. Die Untersuchung ging schnell, die Diagnose \u2013 gestellt von einem jungen Arzt in Vertretung, auch Haus\u00e4rzte machen mal Urlaub \u2013 klang eindeutig: h\u00f6chstwahrscheinlich ein Lipom, eine harmlose Fettgeschwulst, ein rein kosmetisches Problem, haben viele, keine Sorge, kann drinbleiben, solang\u2019s nicht st\u00f6rt. Vielen Dank, auf Wiedersehen.<\/p>\n<p>Ich bin ein paar Tage erleichtert, dann google ich \u00bbLipom\u00ab. Die Beschreibung passt, nur von Druckschmerz ist nicht die Rede. Ein Kollege, mit einer \u00c4rztin verheiratet, empfiehlt mir einen Internisten. Ich vereinbare einen Termin, lege mich dort auf die Ultraschallliege, das Gel auf meinem Bein ist so kalt wie das graue Septemberwetter drau\u00dfen. Der Arzt dreht den Monitor in meine Richtung. Im monochromen Pixelbrei erscheint ein Ei. \u00bbDas ist es.\u00ab, sagt der Internist, \u00bbUngew\u00f6hnlich scharf begrenzt. Ich denke, es ist das Beste, ich \u00fcberweise Sie mal zur Kernspintomographie. Mit Ultraschall kann ich das nicht klar diagnostizieren.\u00ab Trotz des Reizwortes \u00bbKernspintomographie\u00ab bin ich nicht beunruhigt, mir sind \u00c4rzte, die Fragen haben, lieber als selbstgerechte Halbg\u00f6tter in Wei\u00df. Ich bekomme eine Praxisempfehlung zum Doktorvater des Internisten, einem niedergelassenen Radiologen.<\/p>\n<p>Keine Woche sp\u00e4ter liege ich bis zur H\u00fcfte in einer engen R\u00f6hre und h\u00f6re \u00fcber einen schlechten Kopfh\u00f6rer NDR Info Radio, w\u00e4hrend der Apparat, in den ich 20 Minuten lang schubweise hinein- und hinausgefahren werde, ohrenbet\u00e4ubende Klickger\u00e4usche macht, die dumpf das Radioprogramm zerhacken. Der Radiologe ist ein freundlicher Mann, er nimmt sich Zeit und zeigt mir die erstaunlich scharfen Aufnahmen meines Unterleibs, kein Vergleich mehr zu dem schwammigen Monitorbild beim Ultraschalltermin. \u00bbSie haben Gl\u00fcck.\u00ab sagt er. \u00bbMit dieser Art von Tumoren kenne ich mich aus. Dar\u00fcber habe ich meine Doktorarbeit geschrieben.\u00ab Wieder bin ich erstaunt, dass mich das nun erstmals ausgesprochene Wort nicht beunruhigt, vielleicht, weil ich mich auch hier in guten H\u00e4nden f\u00fchle. Es muss nichts B\u00f6sartiges sein, sagt der Arzt und erkl\u00e4rt mir ausf\u00fchrlich, was ich da im Bein habe. Ein sogenannter Stammzellentumor oder Weichteiltumor, er entsteht oft an Stellen, wo das Gewebe (etwa durch eine starke Prellung) vorangehend schon einmal traumatisiert wurde. Und es besteht immer die M\u00f6glichkeit einer \u00bbEntartung\u00ab. Doch vor einer Behandlung m\u00fcsse gekl\u00e4rt werden, ob die Stelle im Bein die einzige im ganzen K\u00f6rper sei. Ein erneuter Termin wird vereinbart, diesmal eine Thorax-Computertomographie. Nun werde ich doch etwas nachdenklicher. Ich lenke mich ab durch Arbeit und Verabredungen mit Freunden, vermeide es, die geh\u00f6rten Fachbegriffe zu googeln, verdr\u00e4nge den Gedanken \u00bbWas, wenn \u2026\u00ab und merke, dass die sorgenvollen Blicke derer, denen ich von meinen Arztbesuchen berichte, ihre (zweifellos aufrichtige) Anteilnahme und ihre aufmunternden Worte mehr an mir nagen als mir n\u00fctzen. Ich beginne zu erahnen, dass zu viel Mitgef\u00fchl Menschen, die (ernsthaft) krank sind, auch Kraft rauben kann, statt ihnen welche zu geben.<\/p>\n<p>Am Nachmittag vor der Computertomographie r\u00e4ume ich im B\u00fcro einen Sessel beiseite, als mir wie aus heiterem Himmel <a href=\"http:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=2228\">ein einzelner kupferfarbener Euro-Cent vor die F\u00fc\u00dfe f\u00e4llt<\/a>. Ich stecke ihn in ein separates Fach meines Portemonnaies und denke noch: vielleicht ein Gl\u00fcckspfennig.<br \/>\nDie Untersuchung kurz darauf ist ohne Befund. Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie kleine Zeichen.<\/p>\n<p>Nun ist klar: die Therapie geschieht operativ. Die scharfe Abgrenzung des Tumors zum benachbarten Muskelgewebe erleichtert dessen Entfernung, gleichwohl werde ich zweimal hintereinander ins Krankenhaus m\u00fcssen: zuerst f\u00fcr eine Biopsie, um anhand der Gewebeprobe zu kl\u00e4ren, ob der Tumor gut- oder b\u00f6sartig ist und danach zur eigentlichen Entfernung. Auch der Radiologe gibt mir wieder eine Empfehlung, er verweist mich an einen von zwei Spezialisten f\u00fcr diese Art von Tumoren in Hamburg. Trotz der weiterhin vorhandenen Ungewissheit dar\u00fcber, was da in meinem Bein wohnt, kehrt meine seltsam beruhigte Verfassung zur\u00fcck. Ich bin inzwischen fast dankbar daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Nach der ambulanten Biopsie darf ich schon abends mit einem 5 cm langen Schnitt wieder nach Hause. Die Gewebetypisierung, erkl\u00e4rte mir der etwas zerstreute, aber sehr \u00bbprofessorale\u00ab, mich an den Reklamearzt Dr. Best erinnernde Chirurg, sei aufgrund der anzusetzenden Zellkulturen, recht zeitaufwendig: mit etwa zwei Wochen Wartezeit m\u00fcsse ich rechnen. Ich rechne und warte. Endlich kommt der Anruf aus dem Sekretariat der Klinik: der Tumor ist gutartig. \u00bbDann feiern Sie das heute mal richtig.\u00ab sagt die Sekret\u00e4rin und wir vereinbaren den endg\u00fcltigen OP-Termin.<\/p>\n<p>Eine runde Woche sp\u00e4ter werde ich erneut in den OP gefahren. Ich erinnere mich noch, dass ich dabei mit der An\u00e4sthesistin scherzte: \u00bbAchten Sie aber darauf, dass mir der Herr Doktor \u2019ne sch\u00f6n dezente Narbe macht.\u00ab Nach zwei Stunden erwache ich mit einem Drainageschlauch im Bein. Der Schnitt, wie ich beim ersten Verbandswechsel sehe, ist nun gut doppelt so lang. Egal. Bei einem b\u00f6sartigen Tumor h\u00e4tte ich durch das unabdingbare Ausr\u00e4umen umgebenden Muskelgewebes eine richtige \u00bbGrube\u00ab im Bein gehabt. Was ist dagegen eine spannenlange Narbe? Ich habe kaum Schmerzen. Drei Tage sp\u00e4ter darf ich die Klinik verlassen.<\/p>\n<p>Inzwischen sind die F\u00e4den gezogen, die Wunde verheilt gut und ich bin dankbar. Dankbar, dass dieser \u00bbKelch\u00ab an mir vor\u00fcbergegangen ist. Dankbar, dass ich in der Hand guter \u00c4rzte war. Dankbar, dass ich von Menschen umgeben war, die mit halfen und bei mir waren. Dankbar, dass mich dieses Erlebnis nachdenklicher gemacht hat. Vielleicht ist es doch kein so abwegiger Gedanke, mit Mitte 40 \u00fcber ein Testament oder eine Patientenverf\u00fcgung nachzudenken. Und froh dar\u00fcber, rechtzeitig zum Arzt gegangen zu sein, trotz des Gedankens \u00bbAber was, wenn es <em>doch<\/em> ,Beinkrebs\u2018 ist?\u00ab. Angst ist niemals gut. Sie l\u00e4hmt, hemmt und schadet.<\/p>\n<p>Ach, und eins noch, bevor ich wieder zur Routine \u00fcbergehe:<br \/>\nFr\u00f6hliche Weihnachten \u2013 und bleibt gesund!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2361\" title=\"Operation\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/Operation.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"640\" \/><\/p>\n<p><em>Fotos: \u00a9 formschub<\/em><\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_2942\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2012\/12\/25\/beinkrebs\/\"  data-item_title=\"Beinkrebs\"  data-item_date=\"2012-12-25T15:58:36+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man mal einen Moment lang dar\u00fcber nachdenkt, wie viel Raum Gewohnheiten und Routinen im t\u00e4glichen Leben einnehmen, ist man \u00fcberrascht. Kaffeekochen, Z\u00e4hneputzen, Anziehen, Bettenmachen [&#8230;]<\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_2942\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2012\/12\/25\/beinkrebs\/\"  data-item_title=\"Beinkrebs\"  data-item_date=\"2012-12-25T15:58:36+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2942","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-von-der-tageskarte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2942"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4873,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2942\/revisions\/4873"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2942"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2942"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2942"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}