{"id":642,"date":"2009-07-09T03:21:34","date_gmt":"2009-07-09T01:21:34","guid":{"rendered":"http:\/\/formschub.de\/blog\/?p=642"},"modified":"2023-02-24T23:01:14","modified_gmt":"2023-02-24T22:01:14","slug":"vom-muhen-und-scheitern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2009\/07\/09\/vom-muhen-und-scheitern\/","title":{"rendered":"Vom M\u00fchen und Scheitern"},"content":{"rendered":"<p>Laut einer Studie der <a href=\"https:\/\/www.gfk.com\/de\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">GfK<\/a> geh\u00f6re ich zur Minderheit der Deutschen, die pro Monat gerne mehr als dreimal \u00bbausw\u00e4rts\u00ab essen gehen. Davon profitieren zwar oft \u2013 bevorzugt in Hamburg oder Berlin \u2013\u00a0Restaurants meines Vertrauens, doch ebenso gerne probiere ich Empfehlungen von Freunden, aus Gastro- und Stadtmagazinen, aus dem Web oder spontane Entdeckungen am Wegesrand aus. Von zweien dieser Erlebnisse handelt der heutige Blogbeitrag.<\/p>\n<p>Das Besondere daran war f\u00fcr mich die Diskrepanz zwischen Ambition und Performance bzw. zwischen K\u00fcche und Service. Eigentlich ist es das h\u00f6chste Lob, nach einem Restaurantbesuch einfach sagen zu k\u00f6nnen \u00bbdas war gut\u00ab \u2013\u00a0und zwar alles: Service, Angebot, Preisgestaltung, Essen, Getr\u00e4nke, Atmosph\u00e4re. Jede Einschr\u00e4nkung wie \u00bbbis auf\u00ab oder \u00bbau\u00dfer\u00ab tr\u00fcbt das Pr\u00e4dikat. Es gibt aber immer wieder Gastronomen, die auf ihrer Website oder dem Vorblatt der Speisekarte wohlklingende Anspr\u00fcche formulieren und sie dann nur teilweise einl\u00f6sen \u2013 in der Hoffnung, dass gute K\u00fcche oder edle Innenarchitektur andere Vers\u00e4umnisse ausgleichen. Doch das gelingt nur selten \u2013 und wenn, dann mit bitterem Nachgeschmack.<\/p>\n<p>Die erste gastronomische Begegnung f\u00fchrte mich ungeplant ins Restaurant Louisiana Kid <em>(<strong>Update:<\/strong> inzwischen geschlossen)<\/em> in der N\u00e4he des Hackeschen Markts in Berlin. Es war der Vorabend einer Urlaubsreise und wir wollten zu zweit ohne gro\u00dfen Aufwand in der heimischen K\u00fcche ein sch\u00f6nes Dinner genie\u00dfen. Ungeplant war die Einkehr deshalb, weil unter der angesteuerten Adresse am Stadtbahnbogen nicht mehr, wie erwartet, der Italiener <strong>La Rustica<\/strong> residierte, sondern das besagte S\u00fcdstaatenlokal. Und da im Au\u00dfenbereich genug Pl\u00e4tze frei waren, beschlossen wir, zu bleiben.<\/p>\n<p>Das freundliche Bedienpersonal brachte die Karte. \u00bbDas Louisiana Kid bem\u00fcht sich stets, eine m\u00f6glichst authentische K\u00fcche auf den Tisch zu bringen. Alle unsere Gerichte werden frisch zubereitet, in Zeiten des gro\u00dfen Andrangs m\u00fcssen unsere G\u00e4ste daher mit ein wenig Wartezeit rechnen\u00ab, hie\u00df es da. Doch da das Lokal nur m\u00e4\u00dfig besucht war, vernachl\u00e4ssigten wir diesen Hinweis.<\/p>\n<p>Nach der Bestellung folgte ein Abstecher auf die sanit\u00e4ren Anlagen. Dazu war, ebenso wie f\u00fcr die st\u00e4ndig ein und aus laufenden Servicekr\u00e4fte, der trendy mit Sand ausgestreute Au\u00dfenbereich zu verlassen und der mit hochgl\u00e4nzenden Steinfliesen ausgelegte Innenbereich zu durchqueren. Hip, aber unpraktisch, denn trotz der gro\u00dfen Fu\u00dfmatte vor der Eingangst\u00fcr zog sich innen eine breite, unansehnliche Sandspur ambientemindernd quer durch den Gastraum. Die Toilette (Herren) war tadellos sauber, doch der Seifenspender hing frei an der Wand seitlich neben dem Becken, eine feuchtgl\u00e4nzende Seifenlache auf dem Boden darunter. Statt eines Handtrockners hatte man sich f\u00fcr Papierhandt\u00fccher entschieden. V\u00f6llig okay, doch das Volumen des daf\u00fcr vorgesehenen Minim\u00fclleimers w\u00e4re sp\u00e4testens nach dem vierten Besucher ersch\u00f6pft. All das wertet ein Lokal zwar nicht unmittelbar ab, aber wirft dennoch die Frage auf, warum so an der Praxis vorbeigedacht wurde.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck am Platz wurden die bestellten Vorsuppen serviert. Obwohl nicht zum Mitessen gedacht, irritierte mich zuerst der mit Balsamicosirup dekorierte Tellerrand. Als authentisch karibisch empfand ich diese inzwischen allgegenw\u00e4rtige Dekolangeweile ebensowenig wie die in der Suppe schwimmenden Rosmarincroutons. Geschmacklich war die Suppe \u2013 eine tomatige Fischsuppe mit Shrimpseinlage \u2013 akzeptabel, allerdings deutlich weniger originell als die englischen Texte in der Speisekarte. In weltgewandter Vorbereitung auf Touristen hatte man dort das in einer Speise enthaltene Krebsfleisch als \u00bbCrap Meat\u00ab \u00fcbersetzt. Doch offenbar waren keine Engl\u00e4nder anwesend, denn wir h\u00f6rten niemanden lachen.<\/p>\n<p>Das Warten auf die Hauptspeise schlie\u00dflich zementierte die Urteilsfindung. Trotz mindestens halbleerer Tische und ungeachtet einer Zwischenmeldung, eines der beiden Gerichte w\u00fcrde \u00bbetwas l\u00e4nger dauern\u00ab kam der Hauptgang f\u00fcr meine Begleitung erst auf den Tisch, als ich bereits die letzten So\u00dfenreste vom Teller kratzte.<\/p>\n<p>Egal, aus welchem Anlass und in welcher Konstellation zwei Personen einen gemeinsamen Restaurantabend verbringen: ein solcher Servicelapsus ist indiskutabel. Was im Ged\u00e4chtnis blieb, waren der freundliche Service, eine herbe Entt\u00e4uschung \u2013 und etwas Sand unter den Schuhen.<\/p>\n<p>Ortswechsel. In Hamburg gibt es seit einigen Jahren regelm\u00e4\u00dfig die sch\u00f6ne Initiative des <a href=\"http:\/\/www.hamburgkulinarisch.de\/restaurants_details.php?Id=170&amp;Type=SS\">Schlemmersommers<\/a>. Fast 90 Restaurants servieren im Rahmen des Angebots \u2013 2009 vom 15. Juni bis 15. August \u2013 ein mehrg\u00e4ngiges Sommermen\u00fc f\u00fcr zwei Personen zum Festpreis von 59 Euro (ohne Getr\u00e4nke). Eine gute Gelegenheit, ausgetretene Genusspfade zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Unsere Wahl fiel auf das <a href=\"http:\/\/www.fillet-of-soul.de\/\">Fillet of Soul<\/a> auf dem Freigel\u00e4nde hinter den Hamburger Deichtorhallen. Auf dem Speiseplan stand:<\/p>\n<ul>\n<li>Rucola-Basilikum-Salat mit Wassermelone, Spargel, H\u00fcttenk\u00e4se und Thunfisch im Szechuanpfeffer<\/li>\n<li>Poulardenbrust im Serranomantel mit Safranrisotto, Pinienkernen und Paprika-Oliven-Salsa<\/li>\n<li>Karamellisierter Key-Lime Pie mit Minzerdbeeren und Joghurteis<\/li>\n<\/ul>\n<p>Angenehm fern vom bewegten Verkehr dieser Gegend bietet das Lokal einen ger\u00e4umigen, verglasten Gastraum und einen gro\u00dfz\u00fcgigen Bereich mit Au\u00dfensitzpl\u00e4tzen, auf dem wir an dem betreffenden Sommerabend zu viert einen Tisch einnahmen. Obwohl wir beim Eintreffen in das etwa halbvolle Etablissement von einer Servicekraft begr\u00fc\u00dft und platziert wurden, vergingen gut zehn Minuten, bis ein Satz Karten an unserem Tisch eintraf. Ebenso geruhsam waren die Intervalle bis zur Aufnahme der Getr\u00e4nkebestellung, deren vollst\u00e4ndiger, in mehrere Etappen zerdehnter Auslieferung und der Entgegennahme der Speisew\u00fcnsche. Doch dann sollten wir erfahren, was Warten wirklich bedeutet.<\/p>\n<p>Etwa eine halbe Stunde dauerte es, bis die Vorspeisen ihren Weg zu uns fanden. Erschwert wurde die Wartezeit zus\u00e4tzlich dadurch, dass das ziemlich unaufmerksame und m.E. eher nach der \u00e4u\u00dferen Erscheinung gecastete Serviceteam selbst den Getr\u00e4nkenachschub zur Herausforderung machte. Die Umgangsformen des Personals w\u00fcrde ich noch wohlwollend als \u00bbflapsig\u00ab bezeichnen, dass es nach einer ersten Kritik an der langen Wartezeit dann zwar einen Getr\u00e4nkegang aufs Haus gab, allerdings nur f\u00fcr zwei von uns Vieren, werte ich als Fauxpas.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kam das Essen \u2013 und es war phantastisch. Tolle Aromen, fantasievolle Rezepturen, feine Zutaten, originell angerichtet, hervorragend gew\u00fcrzt. Die gewagte, leichte Kombination der Vorspeisenzutaten inspirierte zu \u00e4hnlichen Experimenten in der heimischen K\u00fcche, der Kontrast der Konsistenzen im Hauptgericht war wunderbar ausgewogen und die angenehm frischen, nicht zu s\u00fc\u00dfen Komponenten des Desserts bildeten einen perfekten Ausklang. Die nicht zu gro\u00dfen Portionen erlaubten es, ohne schlechtes Gewissen jeden Teller zu leeren und trotz der lauen Abendtemperaturen nicht gleich ins Phlegma zu sinken. Ein gro\u00dfes Lob an die K\u00fcchenk\u00fcnstler, die jedoch ihr offensichtliches Credo \u00bbFeines braucht Zeit\u00ab (ehemaliger Slogan einer Keksfirma) f\u00fcr mein Empfinden an diesem Abend etwas \u00fcberstrapazierten. Wir sind auf jeden Fall bereit, dem Fillet of Soul noch eine Chance zu geben. Mit besserem Timing und lernwilligem Personal w\u00e4re es eine echte Adresse.<\/p>\n<p>Was ist nun mein Fazit nach diesen beiden Gastroabenteuern? In beiden F\u00e4llen hatte ich das Gef\u00fchl, dass Wirte, K\u00f6che und Kellner sich und ihren Job viel st\u00e4rker mit den Augen ihrer G\u00e4ste h\u00e4tten sehen sollen. Vielleicht sollten auch sie gelegentlich in einem Restaurant mal richtig gut essen gehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/07\/muehen_scheitern.jpg\" alt=\"M\u00fchen und Scheitern\" \/><br \/>\n<em>Fotos (metaphorische Fotomontage):<\/em><br \/>\n<em>Dessert \u00a9 <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/ukcountryhotels\/3309131031\/\">ukcountryhousehotelsandspas<\/a> | <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/deed.de\">some rights reserved<\/a><\/em><br \/>\n<em>Dead fly \u00a9 <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/samyra_serin\/503759458\/\">Samyra Serin<\/a> | <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/2.0\/deed.de\">some rights reserved<\/a><\/em><\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_642\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2009\/07\/09\/vom-muhen-und-scheitern\/\"  data-item_title=\"Vom M\u00fchen und Scheitern\"  data-item_date=\"2009-07-09T03:21:34+02:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut einer Studie der GfK geh\u00f6re ich zur Minderheit der Deutschen, die pro Monat gerne mehr als dreimal \u00bbausw\u00e4rts\u00ab essen gehen. 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