{"id":6431,"date":"2022-07-17T15:14:41","date_gmt":"2022-07-17T13:14:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=6431"},"modified":"2022-07-17T20:00:45","modified_gmt":"2022-07-17T18:00:45","slug":"es-geht-voran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2022\/07\/17\/es-geht-voran\/","title":{"rendered":"Es geht voran"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich stehe in Hamburg Hauptbahnhof an einem Bahngleis. Der gesamte Bahnsteig ist schwarz vor Menschen. Ein Zug f\u00e4hrt ein und die aus den T\u00fcren quellende Menge an Passagieren versucht sich einen Weg durch die wartenden Fahrg\u00e4ste zu den Ausg\u00e4ngen oder Anschlussgleisen zu bahnen. Sicherheitspersonal der Bahn weist die Menschen darauf hin, doch bitte die schraffierte Sicherheitszone an der Bahnsteigkante freizuhalten. Manchmal klappt das, manchmal schwappt die Menschenmenge wie zur Seite geschobener Pudding gleich nach dem Abgang der Security wieder zur\u00fcck vor die wei\u00dfe Linie. Ein ICE f\u00e4hrt im Schrittempo an uns vorbei und verschafft sich deutlich nachhaltiger Abstand und Respekt durch ein gellendes Hornsignal. F\u00fcr meinen Zug wurden erst 5 Minuten Versp\u00e4tung angek\u00fcndigt, dann 15. Inzwischen ist seit 20 Minuten noch kein Zug zu sehen und keine Ansage gibt ein Update. Ein Gleiswechsel f\u00fcr einen anderen Regionalzug wird durchgesagt. Auf der elektronischen Anzeigetafel rutscht die Meldung f\u00fcr den ersatzlosen Ausfall eines weiteren Regionalzuges nach oben ins Blickfeld. Ein paar Teenager haben es sich auf dem Asphalt neben ihrem Gep\u00e4ck niedergelassen und vertreiben sich die Zeit mit ihren Smartphones.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich wird \u00bbmein\u00ab Zug angesagt, 25 Minuten sp\u00e4ter als geplant. Langsam f\u00e4hrt der \u00bbMetronom\u00ab ein. Es ist ein Pendelzug, der unentwegt zwischen zwei Regionalbahnh\u00f6fen pendelt. Die Versp\u00e4tung sei begr\u00fcndet in \u00bbVerz\u00f6gerungen aus vorhergehender Fahrt\u00ab, hei\u00dft es. Der Zug h\u00e4lt, die T\u00fcren \u00f6ffnen sich (gl\u00fccklicherweise eine davon direkt vor mir) und die Passagiere ergie\u00dfen sich auf den vollen Bahnsteig. Ungeduldig warten die neuen Fahrg\u00e4ste seitlich der T\u00fcr\u00f6ffnungen auf das Versiegen der aussteigenden Menge Reisender, dann werden Wagen, Abteile und G\u00e4nge sofort wieder in Beschlag genommen. Ich bekomme einen Einzelsitzplatz im oberen Deck, die meisten Reisenden sind offenbar zu mehreren unterwegs und m\u00f6chten gerne zusammen sitzen. Ich habe nicht viel Gep\u00e4ck, deshalb bin ich nicht auf die v\u00f6llig unterdimensionierten \u00bbGep\u00e4ckablagen\u00ab \u00fcber den Sitzen angewiesen. Der Zugf\u00fchrer ermahnt die Fahrg\u00e4ste per Durchsage, zur\u00fcckzutreten und nicht fortw\u00e4hrend ihre K\u00f6pfe aus den T\u00fcren zu stecken, man wolle nun gerne m\u00f6glichst umgehend abfahren. Ein Schwatzen und L\u00e4rmen liegt in der Luft. Irgendwo weint ein Kind, eine Spieluhr wird aktiviert, \u00bbSchlaf, Kindchen schlaf\u00ab klingelt hell durch den Wagen. Bei jedem Halt kommt Bewegung in die Menge, Menschen stehen auf, kommen durch, wollen raus, machen Platz. Erneute Durchsage des Zugf\u00fchrers, gleiches Thema wie vorhin, nur eine Spur bestimmter in der Tonlage. Gleich danach formuliert eine weibliche Zugbegleiterin dieselbe Bitte nach z\u00fcgigem Aus- und Zustieg und Freihalten der T\u00fcr\u00f6ffnungen noch mal etwas freundlicher, so als w\u00fcrde Mama noch mal sanfter formulieren, was Papa zuvor kommandiert hat. Der Zug hat nun rund 30 Minuten Versp\u00e4tung, die Hoffnung auf meinen Umstieg an meiner Zwischenstation innerhalb der fahrplanm\u00e4\u00dfig veranschlagten 5 Minuten habe ich bereits in Hamburg am Hauptbahnhof fahren lassen. Ich habe keine Termine, bin nicht auf p\u00fcnktliches Ankommen angewiesen. Mein Laptop habe ich im Rucksack dabei, ich kann beim Fahren oder beim Warten an Unterwegsbahnh\u00f6fen arbeiten, gl\u00fccklicherweise ist im B\u00fcro ein wenig \u00bbSommerloch\u00ab&nbsp;und es gibt nur wenige, gr\u00f6\u00dftenteils entspannte Deadlines f\u00fcr meine Projekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erreichen den Zielbahnhof dieses Zuges, Uelzen. Ein Bahnhof mit einer sonderbaren Gleisnummerierung und sehr schmalen Bahnsteigen, an denen nur einseitig Z\u00fcge halten, die andere Seite wird durch ein Metallgitter begrenzt. Wir fahren an Bahnsteig 302 ein, f\u00fcr mich geht es weiter an Gleis 304. Alle Fahrg\u00e4ste m\u00fcssen gleichzeitig den Zug verlassen, der Bahnsteig \u00e4chzt f\u00f6rmlich unter der Last der aussteigenden Menschen. Selbst bei p\u00fcnktlicher Ankunft h\u00e4tte ich nie im Leben innerhalb von 5 Minuten mein Anschlussgleis erreicht, das wird mir nun klar. Egal. Ich habe mich bereits unterwegs informiert \u2013 30 Minuten sp\u00e4ter f\u00e4hrt bereits der n\u00e4chste Regionalzug, mit dem ich meine Reise fortsetzen kann. Ich folge der Bewegung der Menschenmenge langsam in Richtung der einzigen schmalen Treppe, die zu den anderen Gleisen und zum Ausgang f\u00fchrt. Manche Reisende f\u00fchren monstr\u00f6s gro\u00dfe Rollkoffer mit sich, neben denen sie fast winzig wirken, angesichts des engen Abgangs ohne Rolltreppe verschattet sich ihre Miene. An meinem Anschlussgleis warten deutlich weniger Menschen, die Weiterfahrt scheint etwas entspannter zu werden. Als der Zug einf\u00e4hrt, bekommen fast alle Fahrg\u00e4ste einen Sitzplatz. An einem Vierertisch kommen einander fremde Reisende ins Gespr\u00e4ch. Einer hat ein Laptop dabei, die Kameralinse ist abgeklebt, er gibt seinen Sitznachbarn anhand der Bahn-Website Hinweise f\u00fcr die Fortsetzung ihrer Reise. Im hinteren Teil des Wagens schreit ein Kleinkind, laut, unentwegt, zornig und in sehr hochfrequenten T\u00f6nen. Ich hole meine Noise-Cancelling-Ohrh\u00f6rer heraus und d\u00e4mpfe so den Trubel, zumindest ein wenig. Die Schar der Passagiere ist bunt gemischt: Familien, Alleinreisende, Senioren, verschiedenste Hautfarben, von elegant \u00fcber casual bis leicht abgetragen gekleidet. Eine Zugbegleiterin kontrolliert die Fahrscheine. Der Zug f\u00e4hrt p\u00fcnktlich weiter von Station zu Station, mit der geringeren Anzahl an Fahrg\u00e4sten reduzieren sich die Verz\u00f6gerungen bei den Zwischenhalten. Ich muss nun noch ein weiteres Mal umsteigen, diesmal allerdings mit einer Wartezeit von 90 Minuten, denn der letzte Teilzug verkehrt nur alle zwei Stunden, ohne die Versp\u00e4tung des ersten Zuges h\u00e4tte ich nur 30 Minuten zu warten gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am letzten Zwischenhalt, Stendal, hole ich mir im Kiosk in der Bahnhofshalle ein \u00bbWarte-Eis\u00ab. Ich setze mich auf eine metallene Sitzreihe am nahegelegenen Busbahnhof und warte auf die Bereitstellung meines letzten Anschlusszuges. Mit dem Eis, dem Beobachten der Menschen um mich herum und etwas Arbeit am Computer vergeht die Zeit vergleichsweise schnell, der erwartete Zug f\u00e4hrt bereits 30 Minuten vor Abfahrt hinter mir am Gleis ein. Ich suche mir im fast leeren Wagen einen Sitzplatz und setze meine Arbeit fort. Nach und nach f\u00fcllt sich auch dieser Zug, die Menschen wirken nun eher so, als lebten sie hier in der Gegend und nutzten den Zug zum Pendeln, Einkaufen, einander besuchen. Erneut ist die Abfahrt p\u00fcnktlich, ich erreiche mein Ziel, Rathenow, um 18:55 Uhr, eine Stunde sp\u00e4ter als anfangs geplant. Der Mann holt mich am Bahnhof ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der oben geschilderten Ereignisse, Abl\u00e4ufe und Beobachtungen auf meiner Reise besteht aus ungeplanten Zwischenf\u00e4llen, Verz\u00f6gerungen, Beeintr\u00e4chtigungen. Bin ich deshalb genervt oder sauer? Auf die Bahn oder auf die Fahrg\u00e4ste? Nein. Ich habe das 9-Euro-Ticket genutzt, wie vermutlich die meisten anderen meiner Mitreisenden. W\u00e4re dieselbe Verbindung eine Fernverbindung zum \u00bbNormalpreis\u00ab gewesen, h\u00e4tte ich der Bahn einen nicht unerheblichen Geldbetrag in Erwartung der Erbringung einer m\u00f6glichst reibungslosen Bef\u00f6rderungsleistung \u00fcbergeben. Dann w\u00e4re ich genervt von Versp\u00e4tungen, \u00c4nderungen, verpassten Anschl\u00fcssen. Das 9-Euro-Ticket hingegen kostet zwar immer noch Geld, aber eigentlich ist es ein Geschenk. Ein Geschenk an sehr sehr viele Leute, die sich bislang solche Reisen tats\u00e4chlich nicht leisten konnten oder die Bahn als Verkehrsmittel f\u00fcr sich schlicht nicht \u00bbauf dem Schirm\u00ab hatten. Sie alle k\u00f6nnen sich nun alternativ fortbewegen, frei nach eigenem Ermessen und auch auf l\u00e4ngeren Strecken, ohne eigenen Pkw. Sie k\u00f6nnen eine Reise machen, einfach zur Erholung oder um nahestehende Menschen zu besuchen, sie k\u00f6nnen Urlaub machen, am Leben und an mehr Mobilit\u00e4t teilhaben. Sicher, wenn man am Ziel seiner 9-Euro-Fahrt einen wichtigen feststehenden Termin hat, das Ticket zum m\u00f6glichst p\u00fcnktlichen Pendeln zur Arbeitsst\u00e4tte nutzt, oder sp\u00e4t abends unterwegs irgendwo unerwartet \u00bbstrandet\u00ab, hat man allen Grund, sich dar\u00fcber zu \u00e4rgern und wird vielleicht beim n\u00e4chsten Anlass wieder gezwungenerma\u00dfen auf das verl\u00e4sslichere Verkehrsmittel Auto ausweichen (sofern es auf der Route keine Staus gibt). Aber das Gros der Fahrg\u00e4ste profitiert von diesem Geschenk. Und \u00fcber Geschenke regt man sich eigentlich nicht auf. F\u00fcr die Bahn und alle Verkehrstr\u00e4ger sollte, ja, muss dieses Experiment ein Ansporn sein. Ein Ansporn, Kapazit\u00e4ten, Infrastruktur, Verbindungen und Angebote in bisher ungekanntem Ma\u00dfe auszubauen und zu verbessern. Vermutlich wird das 9-Euro-Ticket nicht zu denselben Konditionen fortgesetzt, es wird teurer werden, hoffentlich mit einem gestaffelten Tarif- und\/oder G\u00fcltigkeitssystem, das dann nicht \u00bbzur\u00fcckf\u00e4llt\u00ab und finanziell schlechter Gestellte wieder wie zuvor benachteiligt oder ausschlie\u00dft. Ich hoffe darauf. Und f\u00fcr mich ist nach einigen Fahrten das 9-Euro-Ticket ein Ereignis, das ich eigentlich noch eher als ein \u00bbSommerm\u00e4rchen\u00ab bezeichnen w\u00fcrde als damals die Fu\u00dfball-WM 2006.<br \/><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6433\" srcset=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/9-euro-ticket.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Foto: T. 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