{"id":7232,"date":"2023-02-19T23:35:49","date_gmt":"2023-02-19T22:35:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=7232"},"modified":"2023-02-21T18:50:23","modified_gmt":"2023-02-21T17:50:23","slug":"gemischte-gefuehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2023\/02\/19\/gemischte-gefuehle\/","title":{"rendered":"Gemischte Gef\u00fchle"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt einen Film namens \u00bbDas Leben ist ein langer, ruhiger Fluss\u00ab und was mich betrifft, stimmte das in den letzten Jahren auch meistens. Ein <em>sch\u00f6ner<\/em> langer, ruhiger Fluss, muss ich sogar sagen, denn Ruhe muss ja nicht Langeweile bedeuten. Aber manchmal \u00e4ndert sich das. Dann sinkt pl\u00f6tzlich der Wasserstand im Fluss, der Wasserlauf wird schmaler, gewundener, flacher und man sp\u00fcrt bisweilen, wie Steinbrocken im Flussbett unten am Bootsrumpf entlangkratzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Am Mittwoch Vormittag, ein f\u00fcr uns ungew\u00f6hnlicher Zeitpunkt, ruft mich der Mann an. Festnetz. Noch ungew\u00f6hnlicher. \u00bbIrgendwas ist\u00ab, denke ich noch beim Abheben. Er ruft von unterwegs an, auf dem Weg zum Bahnhof, sein Vater sei in der Nacht zum Mittwoch gestorben und er nun auf dem Weg zur Mutter, die jeden denkbaren Beistand gebrauchen k\u00f6nne. Es kommt nicht ganz \u00fcberraschend, eine schwere Erkrankung und deren begleitende, sehr massive medikament\u00f6se Therapie lie\u00dfen mit ernsten gesundheitlichen Unw\u00e4gbarkeiten rechnen, aber es ist dann doch noch mal etwas anderes, wenn diese sich manifestieren. Es war ein Tod im Schlaf, unter den gegebenen gesundheitlichen Umst\u00e4nden die denkbar friedlichste Art des Abschieds.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Bekanntenkreis sind viele etwa in unserem Alter (Mitte f\u00fcnfzig) und w\u00e4hrend der letzten zwei, drei Jahre gab es h\u00e4ufiger Todesmeldungen des einen oder anderen Elternteils. Robust formuliert wird das  durch den Spruch \u00bbDie Einschl\u00e4ge kommen n\u00e4her\u00ab. Logisch formuliert: je l\u00e4nger man sich immer \u00e4lterer Eltern erfreuen darf, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gl\u00fcck in einem immer k\u00fcrzer werdenden Zeitraum unweigerlich wird enden m\u00fcssen. Einerseits ist es ein Segen, dass der menschliche Verstand innerhalb einer friedlichen Alltagsumgebung in der Lage ist, den Tod so effektiv zu verdr\u00e4ngen, andererseits f\u00fchrt diese Verdr\u00e4ngung zu um so gr\u00f6\u00dferer Disruption, wenn er sich dann pl\u00f6tzlich unverdr\u00e4ngbar ereignet. Dinge wie das eigene Testament, eine Patientenverf\u00fcgung, wichtige Vollmachten oder gar die Zusammenstellung eines Dokumentenordners mit gesammelten Informationen und Schriftst\u00fccken f\u00fcr Hinterbliebene (so einer war in diesem Fall gottlob vorhanden) schiebe nicht nur ich leichtfertig vor mir her, ich bin doch noch fast jung, was soll schon passieren? Nachlassprokrastination. Das anzugehen, f\u00fchlt sich jetzt anders an. Ratsamer, vern\u00fcnftiger, \u00fcberf\u00e4lliger. Der Mann berichtet am Telefon, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.test.de\/Bestatter-In-Lippstadt-begraben-1724984-1724964\/\" target=\"_blank\">wie viele Ma\u00dfnahmen nach einem Todesfall mit extrem kurzen Fristen zu erledigen sind<\/a>. Wohl niemand m\u00f6chte als Hinterbliebener, schon genug befasst mit dem eigenen Schmerz, noch hilflos verstreute und unsortierte Unterlagen des Verstorbenen suchen und sichten. Und doch passiert das vermutlich jeden Tag hundertfach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin erk\u00e4ltet, seit Mittwoch. Im Lichte der Ereignisse eine Lappalie, es ist immerhin kein Corona, sagen sowohl mein Selbsttest am Morgen als auch der Schnelltest in der Apotheke am Nachmittag. Noch bin ich optimistisch, am n\u00e4chsten Tag fit genug f\u00fcr die FFP2-bemaskte Teilnahme an einem Kundenmeeting zu sein, aber noch am Abend sage ich ab und gebe der Anwesenheit per Videochat den Vorzug. Zu matt, zu \u00bbverrotzt\u00ab. Ich frage den Mann am Telefon, ob ich auch anreisen soll, helfen kann, aber wir einigen uns darauf, dass ich einfach jederzeit telefonisch oder per Messenger \u00bbda bin\u00ab, wann immer er mich braucht. In n\u00e4chster Zeit werden absehbar auch bereits gebuchte Tickets, Zugreisen, Tischreservierungen, Konzertkarten entweder verfallen oder storniert werden m\u00fcssen. Nebensachen. Nichtigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Freitag, ich hatte ihr selbst \u00fcberlassen, wann, spreche ich erstmals mit der Schwiegermutter. Ich mache mir Gedanken, was ich sagen soll. Floskeln wie \u00bbherzliches Beileid\u00ab oder \u00bbaufrichtige Teilnahme\u00ab liegen mir so fern wie nichts anderes. Ich sage einfach, dass ich sehr traurig bin, sie gern umarmen w\u00fcrde. Weinen am Telefon ist eigentlich gar nicht so schlimm. Man f\u00fchlt sich besser hinterher. \u00dcber sechzig Jahre waren beide verheiratet. Ich kann nur erahnen, welches Loch der Tod in ein so langes gemeinsames Leben rei\u00dft, vielleicht kann ich nicht einmal das. Aber auch hier lauert die Logik, der sich jede\/r stellen muss, der\/die eine Ehe oder eine andere lebenslange Partnerschaft eingeht. Wenn sich zwei Menschen daf\u00fcr entscheiden, miteinander so alt wie m\u00f6glich zu werden, kommt eine\/r der beiden nicht umhin, den Tod des anderen \u00fcberleben zu m\u00fcssen. Ein grausamer, harter Tribut, aber entrichtet f\u00fcr etwas eigentlich Unbezahlbares. Der Tod macht so viele Dinge unermesslich. Das sind auch so Dinge, \u00fcber die ich nachdenke, in diesen Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Bestatter, noch so ein Thema. In der Hast des Unerwarteten geriet die Familie hier gl\u00fccklicherweise durch einen Zufall sofort in die H\u00e4nde der bestm\u00f6glichen Betreuung: der n\u00e4chstgelegene Bestatter, eher intuitiv und praktisch gew\u00e4hlt, erwies sich als unglaublich empathisch, hilfreich, tr\u00f6stend und sympathisch. Vielleicht auch etwas, das sich \u00bbvorher\u00ab schon mal zu sondieren lohnte, denke ich und in meinem Kopf ziehen Bilder unangenehmer Bestatter aus Filmen und Serien vorbei, quasi Gebrauchtwagenh\u00e4ndler im Sargbusiness, das w\u00fcrde ich f\u00fcr mich nicht wollen. Auf Twitter folge ich einigen Bestattern, manchmal sehe ich im \u00d6PNV Werbeaufkleber f\u00fcr Bestatter an den Fenstern, aber so richtig kundig, wer sich an meinem Wohnort in dieser Branche hervortut oder anbietet, bin ich nicht. Und damit wohl gleichsam nicht allein.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Supermarkt sehe ich ein Schild an der Kasse. Der Drahthalter, wo sonst die Rezeptzeitungen als Quengelware f\u00fcr Erwachsene lagern, ist leer. Auf der bedruckten R\u00fcckfl\u00e4che steht sinngem\u00e4\u00df \u00bbKein Heft mehr da? Nicht w\u00fctend werden!\u00ab Ich denke, gibt es wirklich Leute, die an der Kasse w\u00fctend werden, weil eine Rezeptgazette ausverkauft ist? Ist das Schild schon ein Zugest\u00e4ndnis an die Wutb\u00fcrger, die P\u00f6bler, Zeterer, Geiferer, die im Netz schon unumg\u00e4nglich sind, mit ihrer permanent zu kurzen Lunte, stets in Mentos-Cola-Laune? Sind die jetzt auch drau\u00dfen schon so pr\u00e4sent, dass es vorbeugend solcher Schilder bedarf? Oder bewerte ich das nur \u00fcber? Kurz darauf begegne ich im Feuilleton eines Mailportals der eher unverf\u00e4nglichen \u00dcberschrift \u00bbSechs Dinge, die Sie besser nicht mit dem Staubsauger aufsaugen sollten\u00ab, als erster Kommentar darunter erbost sich ein\/e Kommentator*in sinngem\u00e4\u00df, leider k\u00f6nne man die inkompetente, an ihren Sesseln klebende linksgr\u00fcnversiffte Bande der Ampelregierung nicht mit einem Staubsauger einsaugen, ein halbes Dutzend Ausrufezeichen folgen. Mittlerweile sind die Kommentare zu dieser belanglosen Liste \u00bbaufgrund zahlreicher Verst\u00f6\u00dfe gegen die Kommentar-Regeln\u00ab geschlossen. Es scheint Menschen zu geben, die ernste Probleme mit der Einsch\u00e4tzung der Bedeutsamkeit von Dingen und der eigenen Frustrationstoleranz haben. Es m\u00fcsste auch ohne Todesf\u00e4lle eine M\u00f6glichkeit geben, die Ma\u00dfst\u00e4be der Menschen ab und an wieder auf ein ges\u00fcnderes Ma\u00df zurechtzur\u00fctteln, denke ich. Die neue Situation hat mir anscheinend eine Brille aufgesetzt, durch die ich vor\u00fcbergehend fast alles aus einer davon durchdrungenen Perspektive betrachte. Aber vielleicht hat das ja ebenfalls was Gutes.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Satz aus den Telefonaten mit dem Mann ist mir noch im Ohr h\u00e4ngengeblieben. Er ist so kurz, fast lapidar, und doch steckt darin sehr viel von dem, was der Tod mit denen macht, die weiterleben: \u00bbDen Aufbahrraum habe ich als ein anderer Mensch verlassen, als der ich hineingegangen bin.\u00ab Es ist schon eigenartig \u2013 wir m\u00f6chten uns an Verstorbene erinnern als die Personen, die sie immer waren. Und sie hinterlassen uns durch ihren Tod gleichzeitig so ver\u00e4ndert, wie wir zu ihren Lebzeiten nie gewesen sind.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Dass wir erschraken,<br>da du starbst, nein,<br>dass dein starker Tod<br>uns dunkel unterbrach,<br>das Bisdahin<br>abrei\u00dfend vom Seither:<br>das geht uns an;<br>das einzuordnen wird<br>die Arbeit sein,<br>die wir mit allem tun.<\/p>\n<cite>(Rainer Maria Rilke) | Auszug aus \u00bbRequiem \u2013 <br>F\u00fcr eine Freundin (Paula Modersohn-Becker)\u00ab [1908]\u00ab<\/cite><\/blockquote>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_7232\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2023\/02\/19\/gemischte-gefuehle\/\"  data-item_title=\"Gemischte Gef\u00fchle\"  data-item_date=\"2023-02-19T23:35:49+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Film namens \u00bbDas Leben ist ein langer, ruhiger Fluss\u00ab und was mich betrifft, stimmte das in den letzten Jahren auch meistens. 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