{"id":7556,"date":"2023-03-22T14:19:16","date_gmt":"2023-03-22T13:19:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=7556"},"modified":"2023-03-23T10:46:45","modified_gmt":"2023-03-23T09:46:45","slug":"drama-baby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2023\/03\/22\/drama-baby\/","title":{"rendered":"Drama, Baby!"},"content":{"rendered":"\n<p>So richtig wurde ich durch die franz\u00f6sische Schauspielerin <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Isabelle_Huppert\" target=\"_blank\">Isabelle Huppert<\/a> eigentlich erst durch einen \u00bbcinephilen\u00ab Freund aufmerksam. Sicher, ihren Namen kannte ich schon vorher und auch ein Gesicht verband ich damit. Aber dass ich mir gezielt Filme anschaute, in denen sie mitspielt, das geschah erst danach. Nicht jeder Eintrag in ihrer Filmographie ist ein Glanzst\u00fcck, aber es gibt schon eine ganze Menge sehr interessanter, dramatischer, am\u00fcsanter oder bizarrer Werke. So hat mir etwa der ebenso beklemmende wie originelle Film <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/231874\/kritik.html\" target=\"_blank\"><strong>\u00bbElle\u00ab<\/strong><\/a> ausgesprochen gut gefallen, ich mochte auch die Tragikom\u00f6die <strong>\u00bbEin Chanson f\u00fcr Dich\u00ab<\/strong>, die \u00fcberdrehte Drogenposse <strong>\u00bbEine Frau mit berauschenden Talenten\u00ab<\/strong> (Kopfnuss mal wieder an den deutschen \u00dcbersetzer, Originaltitel \u00bbLa Daronne\u00ab [dt.: \u00bbdie Alte\u00ab]), den nicht immer ganz schl\u00fcssigen, aber fesselnden Psychothriller<strong> \u00bbGreta\u00ab<\/strong> oder das Mutter-Tochter-Drama <strong>\u00bbI\u2019m Not a F**king Princess\u00ab<\/strong>. In all diesen Filmen stiehlt Huppert ihren Schauspielkollegen in fast jeder Szene die Show und hat nie ein Problem damit, sich in der Haut ihrer Figuren bis an die Schmerzgrenze zu bewegen \u2013 in puncto Grausamkeit, Verletzlichkeit, Exzentrik oder Monstrosit\u00e4t. Allen obengenannten Filmen ist allerdings gemein, dass sie erst nach 2010 entstanden \u2013 ich n\u00e4here mich dem Werk der Darstellerin, die immerhin seit 1971 vor der Kamera und auf der B\u00fchne steht, daher quasi \u00bbr\u00fcckw\u00e4rts\u00ab. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass etliche ihrer \u00e4lteren Filme leider bei Streaming-Anbietern nicht oder nicht mehr angeboten werden. Gerne w\u00fcrde ich etwa <strong>\u00bbHeaven&#8217;s Gate\u00ab<\/strong> (1980) einmal sehen, <strong>\u00bbMalina\u00ab<\/strong> (1991) oder <strong>\u00bbMarie Curie \u2013 Forscherin mit Leidenschaft\u00ab<\/strong> (1997). Aber Fehlanzeige. Und auch die letzte verbliebene Videothek hier im Viertel hat solche \u00e4lteren, wenig publikumswirksamen Filme leider nicht im Sortiment. Gebraucht sind \u00e4ltere Filme zwar auf DVD erh\u00e4ltlich aber als Rarit\u00e4ten auch gerne etwas teurer und auf Verdacht sind mir solche Ausgaben immer etwas zu riskant.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab und zu jedoch springt das gute alte Fernsehen in die Bresche und wiederholt Fr\u00fchwerke der Schauspielerin. In der arte-Mediathek gab es etwa vor kurzem das d\u00fcstere Krimi-Melodram <strong>\u00bbR\u00fcckkehr zur Geliebten\u00ab<\/strong> (1979) zu sehen (dazu ein <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/fnordon.de\/@formschub\/109463456048569554\" target=\"_blank\">Posting bei Mastodon<\/a>) und gerade gestern schaute ich dann, ebenfalls auf arte, <strong>\u00bbDie Spitzenkl\u00f6pplerin\u00ab<\/strong> (1977), ein Drama \u00fcber die erste Liebe einer sch\u00fcchternen jungen Frau (Huppert war damals 24, spielt aber eine erst 18-J\u00e4hrige), die an der Beendigung der Beziehung durch ihren Partner zerbricht. Kein Happy-End also. In beiden Filmen spielt sie \u00fcbrigens sehr viel stillere, introvertiertere und verletzlichere Charaktere als in den sp\u00e4ter entstandenen, die ich kenne. Ich fand beide Filme sehenswert und interessant, aber gleichzeitig musste ich innerlich, selbst bei dramatischen Szenen, bisweilen schmunzeln, weil sie mir stellenweise als \u00bbtypische\u00ab franz\u00f6sische Dramen aus den 1960er bis 1980er Jahren vorkamen, deren Stilmittel und Versatzst\u00fccke sich als \u00fcberspitzte Klischees sehr sch\u00f6n, vielleicht in einem fiktiven Kurzfilm, komprimieren lie\u00dfen: Tristesse, Beziehungsprobleme, Seitenspr\u00fcnge, Hassliebe, Zigarettenrauchen, Paris, Melancholie, Abschiede, Gewalt, Intrigen, Psychoterror, Leidenschaft, Wechselb\u00e4der der Gef\u00fchle. Ich m\u00f6chte das nachfolgend einmal beispielhaft ausprobieren:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir befinden uns in Paris. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es scheint k\u00fchl zu sein, unzweifelhaft Herbst, die Menschen in der Stadt tragen warme Jacken und M\u00e4ntel und gehen mit eingezogenen K\u00f6pfen durch die Stra\u00dfen. Durch das transparente Spiegelbild der Stra\u00dfenlebens in der Glasscheibe eines Caf\u00e9s fokussiert sich die Kamera auf eine gutaussehende, zeitlos elegant gekleidete Frau mittleren Alters, die allein vor eine Tasse Kaffee und einem Aschenbecher an einem fensternahen Tisch sitzt, raucht und nach drau\u00dfen schaut. Sie blickt nach oben zum Himmel, runzelt die Stirn, schaut auf ihre Armbanduhr, winkt nach der Bedienung und zahlt. Dann schl\u00fcpft sie in ihren Mantel, nimmt ihre Handtasche und steht auf, um das Caf\u00e9 zu verlassen. Sie tritt hinaus auf die Stra\u00dfe, es beginnt leicht zu regnen. Sie geht schnellen Schrittes zu einem benachbarten Zeitungskiosk und kauft sich die aktuelle Ausgabe des \u00bbFigaro\u00ab, w\u00e4hrenddessen verst\u00e4rkt sich der leichte Regen zu einem Wolkenbruch. Sie h\u00e4lt sich die Zeitung sch\u00fctzend \u00fcber den Kopf und eilt zwischen den vereinzelt fahrenden Autos auf die andere Stra\u00dfenseite, wo sie im \u00fcberdachten Hauseingang eines kleineren Hotels Unterstand findet. Dieses Hotel scheint auch ihr Ziel zu sein, sie schaut nochmals auf ihre Uhr und blickt suchend nach links und rechts. Ein Taxi h\u00e4lt vor dem Eingang und ein Mann, leicht graumeliertes Haar, steigt aus, zahlt, erblickt die Frau im Hauseingang und geht auf sie zu. Sie begr\u00fc\u00dfen sich mit zwei \u00bbbises\u00ab, haken einander ein und betreten das Hotel. Die Kamera schwenkt an der Fassade des Geb\u00e4udes empor zu den oberen Stockwerken.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schnitt. Wir befinden uns nun in einem Zimmer des Hotels. Die Frau steht rauchend am Fenster, Regentropfen rinnen an der Scheibe herab, durch den Regen sieht man von oben auf die Silhouette der Stadt. Der Mann sitzt auf einem Sessel und starrt von sich hin, beide H\u00e4nde am Kinn. Die Frau zieht an ihrer Zigarette und bl\u00e4st den Rauch gegen die Fensterscheibe.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau:<\/strong> <em>(zum Mann, aber ohne sich zu ihm umzudrehen)<\/em> Hast Du es ihr gesagt?<br><strong>Mann:<\/strong> Wann h\u00e4tte ich das tun sollen? Du wei\u00dft, dass ich in Marseille war.<br><strong>Frau: <\/strong>Diesmal war es Marseille, davor war es Lyon, wieder davor war es Nizza. Du bist ein Feigling.<br><strong>Mann:<\/strong> Aber immerhin ein Feigling, den Du liebst. Sonst w\u00e4rst Du nicht hier.<br><strong>Frau:<\/strong> Dinge \u00e4ndern sich, Fran\u00e7ois. <em>Ich<\/em> \u00e4ndere mich. Und ich lasse mich nicht l\u00e4nger von Dir zum Narren halten.<br><strong>Mann: <\/strong>Mein Gott, Francine! Du wei\u00dft, dass es zwischen mir und ihr l\u00e4ngst aus ist. Unsere Ehe ist l\u00e4ngst nur noch eine tote H\u00fclle.<br><em>(Er steht aus dem Sessel auf, tritt zu ihr ans Fenster und ber\u00fchrt ihr rotes Kleid an ihrer Schulter)<\/em><br>Du wei\u00dft, dass ich Dich liebe. Und nur Dich. Gen\u00fcgt Dir das nicht?<br><strong>Frau:<\/strong> <em>(dr\u00fcckt energisch ihre Zigarette im Achenbecher auf der Fensterbank aus und dreht sich zu ihm um)<\/em> Ich kann das nicht mehr. Wir m\u00fcssen uns trennen.<br><strong>Mann:<\/strong> <em>(eindringlich) <\/em>Francine \u2026<br><strong>Frau:<\/strong> Ich h\u00e4tte das schon l\u00e4ngst beenden sollen. Das alles hier. Es f\u00fchrt zu nichts. <em>(Sie dreht sich wieder um und schaut zum Fenster hinaus)<\/em><br><strong>Mann:<\/strong> <em>(packt sie an den Schultern und dreht sie zu sich herum)<\/em> Geh nicht!<br><strong>Frau: <\/strong>K\u00fcss mich!<br><br><em>Beide schauen sich einige Sekunden lang intensiv in die Augen, dann umarmen und k\u00fcssen sie sich leidenschaftlich. Als der Kuss endet, richtet die Frau ihr Haar und geht zu einem Stuhl, auf dem ihr Mantel und ihre Handtasche liegen. Sie nimmt beides in die Hand.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau:<\/strong> Ich werde jetzt gehen. Adieu. Und ruf mich nicht wieder an.<br><strong>Mann:<\/strong> Francine!<br><strong>Frau: <\/strong>Es hat keinen Sinn mehr. Fran\u00e7ois. Ich dachte, es w\u00e4re Liebe zwischen uns. Aber ich habe mich geirrt. So sch\u00f6n es auch war. Manchmal muss man auch loslassen k\u00f6nnen. <em>(Sie dreht sich um und geht Richtung T\u00fcr)<\/em><br><strong>Mann:<\/strong> Ich kann ohne Dich nicht leben.<br><strong>Frau:<\/strong> Du wirst es lernen m\u00fcssen. Ich werde es lernen m\u00fcssen. Es werden andere kommen und bald wirst du mich vergessen haben. <em>(Sie \u00f6ffnet, die T\u00fcr, blickt noch einmal zur\u00fcck zu ihm, geht hinaus und zieht sie hinter sich zu)<\/em><br><strong>Mann:<\/strong> <em>(nun allein im Raum, verzweifelt Richtung T\u00fcr schreiend)<\/em> FRANCINE!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Frau tritt unten aus dem Hotel hinaus auf die Stra\u00dfe. Es regnet weiterhin. Sie winkt ein Taxi zu sich heran, steigt ein und man sieht von au\u00dfen, wie sie dem Fahrer stumm ihr Fahrtziel nennt. Schnitt in das Taxi. Die Frau \u00f6ffnet ihre Handtasche und holt ein Foto heraus: ein unbeschwerter Urlaubsschnappschuss von ihr und Fran\u00e7ois. Sie zerrei\u00dft das Foto, \u00f6ffnet das Fenster, wirft die wenigen Schnipsel aus dem Fenster und schlie\u00dft es wieder. Dann nimmt sie ein silbernes Etui aus der Tasche und z\u00fcndet sich daraus eine Zigarette an. Sie schaut aus dem Taxi auf die drau\u00dfen vorbeigleitende Stadt. Ihre Augen f\u00fcllen sich mit Tr\u00e4nen.<\/em><br><br><em>Schnitt auf den Rinnstein am Stra\u00dfenrand. In einer Regenpf\u00fctze schwimmen die Fotoschnipsel, der Teil mit den beiden Gesichtern der Liebenden dreht sich langsam im tr\u00fcben Wasser, tropfen dr\u00fccken ihn allm\u00e4hlich unter die Oberfl\u00e4che.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Schnitt. Die Frau steht allein in ihrer Wohnung am Fenster, es ist Abend, die blaue Stunde. Sie raucht und hat ein Glas Rotwein in der Hand. Auf einem Tisch im Zimmer steht in einer Vase ein gro\u00dfer Strau\u00df Rosen, noch mit Zellophan umh\u00fcllt, ein unge\u00f6ffneter Briefumschlag klebt auf der Folie. Sie leert ihr Glas \u00bbauf ex\u00ab aus, geht zum Telefon und w\u00e4hlt eine Nummer, die sie offenbar auswendig kann. Das Rufzeichen ert\u00f6nt. Jemand nimmt ab und man h\u00f6rt die Stimme eines Mannes.<\/em><br><br><strong>Stimme:<\/strong> Hallo? \u2026<br><strong>Frau:<\/strong> \u2014<br><strong>Stimme:<\/strong> Francine \u2026? Francine, bist Du es?<br><strong>Frau:<\/strong> \u2014<br><strong>Stimme:<\/strong> Ich liebe Dich! Ich brauche Dich! Sag etwas! Irgendwas \u2026<br><br><em>(Die Frau legt auf)<\/em><br><br>\u2013 FIN \u2013<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Paris-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7565\" srcset=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Paris-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Paris-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Paris.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/figure>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_7556\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2023\/03\/22\/drama-baby\/\"  data-item_title=\"Drama, Baby!\"  data-item_date=\"2023-03-22T14:19:16+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.60\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So richtig wurde ich durch die franz\u00f6sische Schauspielerin Isabelle Huppert eigentlich erst durch einen \u00bbcinephilen\u00ab Freund aufmerksam. 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