{"id":9338,"date":"2024-01-27T15:02:13","date_gmt":"2024-01-27T14:02:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=9338"},"modified":"2024-01-27T18:41:31","modified_gmt":"2024-01-27T17:41:31","slug":"schulfrust-schullust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2024\/01\/27\/schulfrust-schullust\/","title":{"rendered":"Schulfrust, Schullust"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich mag ja kurze Social-Media-Postings, die im Nachhinein entweder aufgrund der sich in den Replys entspinnenden Beitr\u00e4ge oder Diskussionen oder einfach durch das eigene \u00bbGedankenecho\u00ab zu dem Thema weiteres Nachdenken dazu ansto\u00dfen. So geschehen auch wieder heute. Zuerst las ich auf Mastodon folgendes in meiner Chronik geteilte Posting:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Heute gibt es Zeugnisse. Seid nett zu euren Kindern. Sie werden sich M\u00fche gegeben haben \u2764\ufe0f<\/p>\n<cite><a href=\"https:\/\/troet.cafe\/@Tami\/111820604936830893\">https:\/\/troet.cafe\/@Tami\/111820604936830893<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Besonders beim zweiten Satz blieb ich spontan h\u00e4ngen und h\u00f6rte in meinem Kopf sofort einen ber\u00fchmten Satz aus irgendeinem TV-Werbespot f\u00fcr Kaffee oder Weichsp\u00fcler aus den 1970er Jahren: \u00bbM\u00fche allein gen\u00fcgt nicht!\u00ab. <em><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#999999\" class=\"has-inline-color\">(Edit: Der Satz stammt von der Werbefigur \u00bbFrau Sommer\u00ab in einem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bPrXmHtZwJ4\" target=\"_blank\">Spot f\u00fcr Jacobs Kr\u00f6nung Kaffee<\/a>. Danke an <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/fnordon.de\/@uwesinha@toot.berlin\" target=\"_blank\">Uwe Sinha<\/a> f\u00fcr den Hinweis.)<\/mark><\/em>  Denn w\u00e4hrend meiner eigenen Schulzeit hatte zumindest ich oft das Gef\u00fchl, dass manche Lehrer*innen entweder die M\u00fche, die ich mir tats\u00e4chlich gegeben hatte, nicht sahen bzw. anerkannten oder mir das Unterrichtsfach, das mich eigentlich grunds\u00e4tzlich interessiert h\u00e4tte, durch ihre Pers\u00f6nlichkeit und\/oder die Art ihres Unterrichts bzw. der Stoffaufbereitung so weit verg\u00e4llten, dass ich jede Lust verlor, mir \u00fcberhaupt M\u00fche zu geben. Als ich eine Weile dar\u00fcber nachgedacht hatte, postete ich auch einen Beitrag zum Thema:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>R\u00fcckblickend kann ich sagen, dass f\u00fcr meine \u00bbschlechten\u00ab Noten w\u00e4hrend der Schulzeit nur zu ~30% private Umst\u00e4nde oder generelles (und bis heute anhaltendes) Desinteresse an einem bestimmten Unterrichtsfach verantwortlich waren. Die restlichen ~70% rechne ich dem Unverm\u00f6gen, Unwillen oder mangelnder Motivation meiner damaligen Lehrer an, die es nicht vermochten, mir Dinge begeisternd und nachvollziehbar beizubringen. Das belegen auch Notenspr\u00fcnge nach Lehrerwechsel in einigen F\u00e4chern.<\/p>\n<cite><a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@formschub\/111821928013309913\">https:\/\/fnordon.de\/@formschub\/111821928013309913<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Manche Follower pflichteten mir vollauf bei, andere eingeschr\u00e4nkt. Dann kam vom Lehrerfollower <a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@herr_rau\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">@herr_rau<\/a> eine interessante R\u00fcckfrage:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Klingt gut m\u00f6glich! Professionelle Nachfragen, die erste provokant gemeint, die zweite nicht: 1. Waren f\u00fcr die guten Noten auch zu 70% die Lehrkr\u00e4fte verantwortlich, oder l\u00e4uft da die Zuschreibung anders? 2. Waren die Lehrkr\u00e4fte, die das damals nicht geschafft haben, wenigstens bei anderen in der Klasse erfolgreicher? Wenn ja, kann man den Prozentsatz des Erfolgs \u00fcberhaupt erh\u00f6hen oder ist der am Ende relativ konstant?<\/p>\n<cite><a href=\"https:\/\/fnordon.de\/@herr_rau\/111822372428730979\">https:\/\/fnordon.de\/@herr_rau\/111822372428730979<\/a><\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als ich \u00fcber diese beiden Aspekte nachdachte, merkte ich schnell, dass meine Antwort darauf so ausf\u00fchrlich sein m\u00fcsste, dass sie entweder einen ellenlangen Thread erfordern w\u00fcrde oder einen anderen Kanal \u2013 wie diesen hier. Also m\u00f6chte ich das gerne tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Schulzeit sehe ich f\u00fcr bessere oder schlechtere Noten bzw. Leistungen in der Schule r\u00fcckblickend sechs grobe Einflussfaktoren und die werde ich mal versuchen, nacheinander durchzugehen: <strong>1.<\/strong> der pers\u00f6nliche ggf. wechselhafte Lebensverlauf w\u00e4hrend der Schulzeit, <strong>2.<\/strong> die etwas permanenteren privaten Umst\u00e4nde sowie das Elternhaus (Bildung, Attit\u00fcde, Wohlstand, famili\u00e4res Umfeld), <strong>3.<\/strong> die besuchte Schule als solche, <strong>4.<\/strong> die individuellen F\u00e4higkeiten, Talente und Interessen des Sch\u00fclers, <strong>5.<\/strong> der positive oder negative Einfluss von Klassenkameraden und Schulfreunden und schlie\u00dflich <strong>6.<\/strong> die Kompetenz, Motivation und Pers\u00f6nlichkeit der einzelnen Lehrer nebst ihrem Unterrichtsstil. Man m\u00f6ge in den Kommentaren auf jeden Fall gerne erg\u00e4nzen, falls ich etwas vergessen oder selbst nicht erfahren habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bedingt durch die h\u00e4ufigen berufsbedingten (selbstgew\u00e4hlten) Umz\u00fcge meines Vaters samt Familie besuchte ich in den ersten 13 Jahren meines <strong>Lebens<\/strong> ziemlich viele verschiedene Schulen an den unterschiedlichsten Orten. Eingeschult in einer firmeneigenen Schule des Arbeitgebers meines Vaters in Constantine (Algerien), wo ich das erste und zweite Schuljahr absolvierte, danach nahm ich einige Monate an der Dorfschule bei der Oma v\u00e4terlicherseits am Unterricht teil, bis die n\u00e4chste deutsche Wohnadresse der Familie feststand. Weiter ging es in der dritten und vierten Klasse dann in der Grundschule am neuen Wohnort nahe Hildesheim, anschlie\u00dfend Wechsel aufs Gymnasium in Hildesheim-Himmelsth\u00fcr. Dann wieder Umzug ins Ausland, sechste und siebte Klasse an der DSL, Deutsche Schule Lagos (Nigeria). Anschlie\u00dfend 1979 wieder zur\u00fcck Deutschland und an das Gymnasium davor. Dort an dieser Schule blieb ich dann, bis ich 1986 mein Abitur machte, Notendurchschnitt 2,1.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon alleine diese vielen Orts- und Schulwechsel tragen ein gewisses Risiko in sich, dass ein Kind, das h\u00e4ufig aus dem gewohnten Umfeld genommen wird und in ein anderes wechseln muss, dadurch Gefahr l\u00e4uft, auch schulische Schwierigkeiten zu erfahren. Beste Freunde m\u00fcssen zur\u00fcckgelassen werden, neue Kontakte gekn\u00fcpft werden (was mir nie leicht fiel, ich war ein eher sch\u00fcchternes Kind), neue Lehrer, neue Schule, alles anders. Auch die Reihenfolge der Unterrichtseinheiten an den verschiedenen Schulen war nat\u00fcrlich alles andere als aufeinander abgestimmt. Manchmal verlie\u00df ich die eine Schule, wenn ein Thema gerade angerissen worden war und wechselte an eine andere, wo ich mich mitten in einem Thema wiederfand, dessen Anfang ich vers\u00e4umt hatte. Im Scherz sagte ich einmal w\u00e4hrend einer Unterhaltung, das d\u00fcstere Thema Drittes Reich und Nazizeit h\u00e4tte ich wohl doppelt so oft wie Gleichaltrige durchnehmen m\u00fcssen und das spannende Thema Sexualkunde h\u00e4tte ich daf\u00fcr mehrmals verpasst, weil es gerade jedes Mal abgeschlossen worden war, als ich an eine andere Schule und in eine neue Klasse kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf f\u00fcr die h\u00e4ufigen Umz\u00fcge, denn die dadurch bedingten Erlebnisse, Erfahrungen und Kontakte m\u00f6chte ich im Nachhinein keinesfalls missen. Schmerzlich waren die Ortswechsel dennoch. Ich erinnere mich noch gut, dass ich Rotz und Wasser heulte, weil ich meinen besten Freund Frank nach der zweiten Klasse in Algerien zur\u00fccklassen musste. Das In-Verbindung-Bleiben war damals nicht so einfach wie es heute online ist und zudem war ich ja damals erst sieben. Aber der Kontakt zu einem meiner sp\u00e4teren Schulfreunde aus der siebten Klasse wurde durch das Internet tats\u00e4chlich vor einigen Jahren wieder sporadisch belebt. W\u00fcrde ich weiter im Netz recherchieren, k\u00f6nnte ich bei hinreichend eindeutigen Namen sicherlich noch weitere Weggef\u00e4hrt*innen von damals wiederfinden. Besondere Probleme in der Schule hatte ich meiner Erinnerung nach aber durch diese unsteten Umst\u00e4nde nicht. Der Bruder meines Vaters war selber Grundschullehrer und nutzte mich schon vor meiner Einschulung im besten Sinne als \u00bbVersuchskaninchen\u00ab, so dass ich schon mit vier Jahren sehr gut lesen konnte. Unter meinem Zeugnis nach der zweiten Klasse (mit guten Noten) vermerkte der Klassenlehrer damals \u00bbThomas ist ein guter Sch\u00fcler. Er beteiligte sich nicht immer am Unterricht, der ihn teilweise unterforderte\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Aspekt, der nachweislich Einfluss auf meine schulischen Leistungen hatte, war der Krebstod meines Vaters, als ich vierzehn war. Pl\u00f6tzlich blieb ich mit meiner jungen Mutter (36) und der kleinen Schwester (9) als Halbwaise zur\u00fcck. Ich wei\u00df nicht, von wie vielen Bekannten und Verwandten ich damals den Satz h\u00f6ren musste \u00bbJetzt bist <em>du<\/em> der Mann im Haus\u00ab. Als w\u00fcrde es nicht reichen, dass der Verlust des Vaters einem Kind komplett den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht, wird mit einer solchen (wie ich heute wei\u00df, absolut toxischen) Bemerkung zus\u00e4tzlich ein Anspruch aufgestellt, mit dem kein Kind konfrontiert werden sollte. Ich habe damals versucht, ihn im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten als eine Aufgabe zu sehen und das war sicherlich auch ein Grund f\u00fcr einen vor\u00fcbergehenden Leistungsabfall, etwa ab der 8. Klasse in der Schule. Trotzdem blieb die schlechteste Zeugnisnote, die ich hatte, eine Vier minus. Die Benotung von Klassenarbeiten und Tests mag bisweilen sogar schlechter ausgefallen sein, aber daran erinnere ich mich nicht mehr, abgesehen von einer dunklen Ahnung, dass ich in Mathe mal eine F\u00fcnf nach Hause brachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mutter (und zuvor auch mein Vater) hat mich nie f\u00fcr mittelm\u00e4\u00dfige oder schlechte Noten getadelt oder bestraft. Beide haben versucht, mir <strong>zu Hause<\/strong> bei den Aufgaben und beim Lernen zu helfen, zumindest bis meine Mutter dies nach meinem Wechsel aufs Gymnasium nicht mehr leisten konnte, da sie von ihren Eltern nur einen Hauptschulabschluss zugestanden bekommen hatte. Auch gab es im Elternhaus niemals anhaltende Konflikte, die sich auf meine schulischen Leistungen h\u00e4tten auswirken k\u00f6nnen und auch finanziell war die Familie, wenn auch nicht \u00bbreich\u00ab, so doch immer hinreichend gut gestellt, um Unterrichtsmaterialien und die Ausbildung von uns zwei Kindern zu finanzieren. Nach dem Tod meines Vaters war ich selbst f\u00fcr meine Noten verantwortlich und habe das dann in den Jahren danach auch irgendwann wieder ganz gut hinbekommen. Zumindest musste ich keine Klasse wiederholen, obwohl das ja aus heutiger Sicht auch nicht schlimm gewesen w\u00e4re. Doch damals sagte man zu den betroffenen Kindern noch \u00bbSitzenbleiber\u00ab \u2013 allein schon dieses Wort ist ein Stigma. Meine Eltern haben mich stets \u00bbmachen lassen\u00ab, ich konnte meine Leistungskurse in der Oberstufe selber w\u00e4hlen, frei entscheiden, ob ich studieren m\u00f6chte oder nicht und wenn ja, was und es gab keine Praxis oder Firma, f\u00fcr deren Nachfolge ich vorgesehen gewesen w\u00e4re oder anderweitige fachliche oder statusbedingte Erwartungen. Daf\u00fcr bin ich beiden, insbesondere meiner Mutter, die als pl\u00f6tzlich alleinerziehende Witwe eine unfassbare St\u00e4rke aufbringen musste, bis heute sehr dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die besuchten <strong>Schulen<\/strong> fand ich eigentlich immer okay bis gut. Die Klassenst\u00e4rken waren zeitweise ziemlich krass, so dass in der Mittelstufe bis zu 36 Sch\u00fcler in einer Klasse waren. Durch meine Einschulung im Ausland war ich es gewohnt, quasi selber ein \u00bbAusl\u00e4nder\u00ab zu sein, wenngleich nicht unter den damaligen Mitsch\u00fclern, die alle deutschsprachige Eltern hatten, aber im ganz normalen Alltag. Schon in der ersten Klasse hatte ich Franz\u00f6sischunterricht. Dass mir das sp\u00e4ter im selben Fach auf dem Gymnasium nicht zum Vorteil gereichte, laste ich auch einer Lehrerin auf dem Gymnasium an, darauf komme ich sp\u00e4ter noch einmal zur\u00fcck. Schon in der Grundschule in Deutschland (1975\u20131977) erinnere ich mich an zwei Mitsch\u00fcler mit t\u00fcrkischen Eltern und einen Sch\u00fcler mit italienischen Eltern, mit dem ich sogar eine Zeit lang befreundet war. Das war \u00bbnormal\u00ab&nbsp;und hatte nach meiner Erinnerung keinerlei Einfluss auf die Klasse oder den Unterricht. In meinen Zeugnissen kann ich schon seit der Grundschule, sp\u00e4ter vermehrt auch auf dem Gymnasium, hinter einzelnen F\u00e4chern bei vermeintlich \u00bbverzichtbaren\u00ab F\u00e4chern Religion, Musik und Kunst ebenso wie bei Physik, Chemie oder Erdkunde, den handschriftlichen Vermerk \u00bbn. ert.\u00ab, einmal sogar etwas ausf\u00fchrlicher als Stempel \u00bbWegen Lehrermangels nicht erteilt\u00ab. Ich kann schlecht beurteilen, ob das auf mich negative Auswirkungen hatte, denn ich kannte es ja nicht anders. Gibt es \u00fcberhaupt Sch\u00fcler von damals und heute, die eine komplett mit Lehrkr\u00e4ften versehene Schule besucht haben? Vielleicht hat ja auch dazu der\/die eine oder andere einen Kommentar. <\/p>\n\n\n\n<p>An die Klassenr\u00e4ume und sonstigen R\u00e4umlichkeiten kann ich mich nur noch undeutlich erinnern. Aber da viele Schulgeb\u00e4ude erst in den 1960ern und 1970ern, also recht kurz vor meiner Schulzeit, gebaut wurden, kann es sein, dass meine vage Erinnerung, es sei alles zumeist recht neu und gut ausgestattet gewesen, korrekt ist. Auf dem Gymnasium waren z.B. Musikraum, Bio-, Physik-, Chemie- und Mathesammlung meiner Erinnerung sehr gut ausgestattet und auch in der Sporthalle herrschte kein Mangel an Turnger\u00e4t und Requisiten. In der Mathesammlung standen sogar schon in den fr\u00fchen 1980ern mehrere PCs (Commodore 8032 und VC 20) zur Verf\u00fcgung. Es gab Overheadprojektoren, Matrizendrucker, zahlreiche ca. 2 \u00d7 2 m gro\u00dfe zusammengerollte Karten und Schaubilder, die oft an speziellen St\u00e4ndern entrollt und aufgehangen wurden, zusammensteckbare Anatomiemodelle, ein komplettes menschliches Skelett und so weiter. Aus meiner damaligen Sicht eines Kindes bzw. Jugendlichen k\u00f6nnte ich nicht beklagen, dass diesbez\u00fcglich ein Mangel geherrscht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Thema meiner <strong>Interessen und Talente<\/strong> stand schon immer Sport an letzter Stelle und darin hatte ich auch zumeist die schlechteste Note, meistens irgendwas zwischen drei und vier. Schon in der ersten Klasse fand ich es doof, dass die Jungen so oft Fu\u00dfball spielen mussten. Bereits den Sportunterricht in den ersten beiden Jahren in der algerischen Schule erinnere ich als nach Geschlechtern aufgeteilt. Da es aber nur eine Lehrkraft gab, konnte oder wollte diese nur eine der beiden Gruppen betreuen und das waren dann zumeist die fu\u00dfballspielenden Jungs. Die M\u00e4dchen durften derweil am Spielfeldrand auf den dortigen kleinen B\u00e4umen herumklettern und oft genug gelang es mir, mich dem Fu\u00dfballspiel zu entziehen und ich gesellte mich zu ihnen. An den Sportunterricht in der deutschen Grundschule erinnere ich mich nicht sehr deutlich, h\u00f6chstens an Schlaglichter wie blaue Turnmatten, Medizinb\u00e4lle, vielleicht Spiele wie V\u00f6lkerball oder Brennball. Meinen Freischwimmer machte ich, indem ich mich die geforderte Zeit lang im Schwimmbecken auf dem R\u00fccken treiben lie\u00df, anscheinend war das nicht verboten, denn nach dem Sprung vom \u00bbEiner\u00ab erhielt ich tats\u00e4chlich das Abzeichen. Sportlicher Ehrgeiz war mir seit jeher fremd. Ich sah keinen Sinn darin, mich mit anderen Kindern in Zeit, Kraft oder Leistung zu messen, ich hasste es, auf der Aschenbahn zu laufen, weit zu springen oder zu werfen (und versagte auch jedesmal kl\u00e4glich). Die Bundesjugendspiele waren mir ein Graus, als ich einmal in der Sportumkleide eine unausgef\u00fcllte Siegerurkunde fand, trug ich selber meinen Namen ein und malte einen Stempel und eine Unterschrift darunter. Das war mein Siegermoment. Sp\u00e4ter auf dem Gymnasium f\u00fchrte der Sportunterricht sogar vor\u00fcbergehend zu Schulangst und Magenschmerzen. Der Schwimmlehrer hatte verk\u00fcndet, dass nur diejenigen Jungs (auch hier getrennter Sportunterricht) im Zeugnis eine Note besser als f\u00fcnf bek\u00e4men, die mindestens einmal vom \u00bbDreier\u00ab springen w\u00fcrden. Mein massives Widerstreben gegen\u00fcber diesem Zwang f\u00fchrte dazu, dass ich tats\u00e4chlich versuchte, \u00bbkrank\u00ab zu werden, indem ich Dinge ausprobierte, die ich im Familienkreis als angeblich schlecht f\u00fcr die Gesundheit wahrgenommen hatte. So a\u00df ich z.B. einmal Unmengen Kirschen und trank anschlie\u00dfend glasweise Wasser, weil man davon angeblich Bauchschmerzen bek\u00e4me. Hat nicht geholfen, ich z\u00f6gerte meinen Sprung Woche um Woche so lange wie m\u00f6glich hinaus. Am Ende kam ich nicht darum herum, st\u00fcrzte mich von dem schwindelnd hohen Turm in den nassen Abgrund und trotz des Applauses der Klassenkameraden kam keine Freude ob dieser \u00dcberwindung auf und meinen damaligen Sportlehrer verachte ich noch heute daf\u00fcr. Auch Ger\u00e4teturnen fand ich furchtbar, Barren, Bock, Reck, Ringe, Pferd, Sprungbretter und obenauf ledergepolsterte Kletterkisten&nbsp;\u2013 f\u00fcr mich alles Requisiten der Unlust und des Scheiterns.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter in der Oberstufe gab es dann die M\u00f6glichkeit, halbjahresweise zwischen einzelnen Sportarten zu w\u00e4hlen und ich sah das als eine Chance, weiter auszuloten, ob ich nicht wenigstens f\u00fcr einzelne Disziplinen Begeisterung aufbringen k\u00f6nnte. Ich probierte Hallenhockey, Basketball, Rudern, Badminton (das war okay) und Handball. Aber verordneter oder mit Verbissenheit und zum Zwecke von Sieg oder Wettbewerb betriebener Sport und ich sind nie wahre Freunde geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders war es bei Kunst und Deutsch, damit hatte ich von Anfang an keine Schwierigkeiten und hatte meist \u2013 von einigen Lehrer*innenpers\u00f6nlichkeiten und spezifischen Schullekt\u00fcren abgesehen \u2013 sogar Spa\u00df am Unterricht. Da ich schon vor der Schulzeit eine Leseratte war und mir wohl dadurch ein intuitives Gef\u00fchl f\u00fcr Ausdruck, Sprache, Interpunktion und Orthographie aneignen konnte, kam ich in Deutsch \u00fcber die gesamte Schulzeit mit guten bis sehr guten Noten nach Hause. Ich schrieb seitenweise lange Aufs\u00e4tze, hatte kein Problem mit Diktaten und konnte gut und fl\u00fcssig vorlesen. In Kunst konnte ich meinen Gestaltungsdrang auch in der Schule ausleben, den ich ohnehin zu Hause mit Block und Tuschkasten, Bunt- und Filzstiften sowie einem unb\u00e4ndigen Basteldrang pflegte. Die M\u00f6glichkeit, auf meinem Gymnasium sogar einen Kunst-Leistungskurs w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, ist sicherlich mit f\u00fcr die recht gute Abinote verantwortlich. Und seit 1995 verdiene ich mit gestalterischer Arbeit als Grafik-Designer meinen Lebensunterhalt, womit ich sogar eins meiner Talente zum Beruf machen durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den anderen Sprachen war mir Englisch am n\u00e4chsten, vielleicht auch, weil ich es w\u00e4hrend des zweiten Auslandsaufenthaltes der Familie in Nigeria auch als Landessprache im Alltag sprechen musste. Spanisch und Latein hatte ich nicht gew\u00e4hlt und mit Franz\u00f6sisch wurde ich unter anderem aufgrund der Lehrer*innen nie wieder richtig warm. Ab der 10. Klasse etwa hatte ich das Gl\u00fcck, hervorragende Englischlehrer w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, die mein Interesse an dieser Sprache auch durch ihre Themenwahl und Unterrichtsweise f\u00f6rderten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei den Naturwissenschaften gab es eine Melange aus Interesse und lehrerbedingten Einfl\u00fcssen. Grunds\u00e4tzlich war ich schon fr\u00fch ein naturwissenschaftlich interessiertes Kind. Etliche B\u00e4nde der Buchreihe WAS IST WAS standen in meinem B\u00fccherregal, u.a. zu den Themen Dinosaurier, Weltall, Vulkane, Planeten. Ich f\u00fchrte zu Hause Experimente aus einschl\u00e4gigen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.neue-impulse-verlag.de\/shop\/item\/9783473554379\/spiel-das-wissen-schafft-von-hans-jurgen-press-gebundenes-buch#\" target=\"_blank\">Jugendb\u00fcchern<\/a> durch, streifte andauernd durch die Natur und den Wald, studierte Pflanzen und Tiere und versuchte, ihre Namen zu lernen, leierte Gro\u00dfeltern und Eltern all ihr Wissen \u00fcber Blumen, B\u00e4ume, Kr\u00e4uter und Pilze aus den Rippen und bekam etwa mit 12 Zugriff auf ein Abonnement der popul\u00e4rwissenschaftlichen Magazins \u00bbP.M.\u00ab, das ich mehrere Jahre lang las. Einmal zu Weihnachten bekam ich von den Eltern einen Elektronikbaukasten und pfl\u00fcgte noch am Heiligabend mit meinem Vater fast durch das gesamte Anleitungsbuch, bis meine Mutter dem Experimentiermarathon aufgrund der Einbu\u00dfe an festlicher Gem\u00fctlichkeit Einhalt gebot. Durch einen Bekannten meines Vaters bekam ich etwa im gleichen Alter allerlei ausgemusterte Requisiten f\u00fcr ein eigenes kleines Chemielabor im elterlichen Keller geschenkt: Reagenzgl\u00e4ser, Kolben, Spiritusbrenner, Dosierl\u00f6ffel, St\u00e4nder, Chemikalien und sogar eine kleine handbetriebene Zentrifuge. Zu dieser Zeit, man glaubt es heute kaum, war es einem Teenager auch noch ohne Weiteres m\u00f6glich, in bestimmten Apotheken ungehindert Chemikalien zu kaufen: Salzs\u00e4ure, Schwefels\u00e4ure, Wasserstoffperoxid, Natriumhydroxid, Kaliumpermanganat, Kupfersulfat, gelbes Blutlaugensalz, Kaliumnitrat. Man musste mur wissen, welche Apotheken im Wohnort experimentierfreudigen Sch\u00fclern zugeneigt waren und die Werkstoffe ohne Arg herausgaben. Unter gleichgesinnten Schulkameraden wurden die Adressen dieser \u00bbChemikaliendealer\u00ab bereitwillig geteilt. Es war f\u00fcr kleine Chemiker eine ebenso goldene wie aus heutiger Sicht unglaubliche Zeit. Was habe ich alles ausgef\u00e4llt, angez\u00fcndet, destilliert, umgewandelt, nachgewiesen und synthetisiert! <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ester\" target=\"_blank\">Ester<\/a> waren etwa ein gro\u00dfes Faszinosum: man gie\u00dft einige Substanzen zusammen, erhitzt sie und pl\u00f6tzlich riecht es aus dem Reagenzglas nach <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.chemie-schule.de\/KnowHow\/Fruchtaroma?utm_content=cmp-true\" target=\"_blank\">Apfel oder Banane<\/a>. Zauberei. Auch f\u00fcr diese Leidenschaft gab es etliche f\u00fcr Jugendliche verfasste B\u00fccher im Handel, die ich nat\u00fcrlich besa\u00df, ebenso mehrere Chemiebauk\u00e4sten.<\/p>\n\n\n\n<p>Eher gleichg\u00fcltig stand ich den F\u00e4chern Religion, Sozialkunde, Werte &amp; Normen, Geographie gegen\u00fcber. Ich konnte mich mit den Inhalten arrangieren und mir durch mein Sprachtalent und eine gute Auffassungsgabe sogar lehrerunabh\u00e4ngig zumeist okaye Zensuren \u00bberlabern\u00ab. Geschichte empfand ich lehrerbedingt gr\u00f6\u00dftenteils als absolut langweilig, \u00f6de Jahreszahlen, tote Leute, doofe Kriege, die zum Teil alle gef\u00fchlt kurz nach den Dinosauriern stattfanden, Feldherrn, Grenzkonflikte \u2013 dieses Fach enthielt f\u00fcr mich nie wirklich Leben, auch wenn ich einiges an Wissen mitnahm, das mir vielleicht heute zugute kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen nicht zu untersch\u00e4tzenden Einfluss auf die schulischen Leistungen hatten bei mir mindestens zwei <strong>Schulfreunde,<\/strong> die mein Interesse an Chemie und Mathematik\/Informatik befeuerten. Bei meiner Schwester war es zu Beginn der Pubert\u00e4t genau umgekehrt, sie schloss in der Schule einige Freundschaften, die mit daf\u00fcr sorgten, dass ihr Interesse an der Schule sowie ihre Leistungen eine Weile drastisch nachlie\u00dfen, so dass meine Mutter schlie\u00dflich gen\u00f6tigt sah, einen Schulwechsel zu veranlassen und diesen schlechten Einfluss zu unterbinden. Der erste meiner Freunde sog mich mit seinem Interesse in die Welt der Chemie. Er hatte am Gymnasium einen guten Draht zu einem der \u00bbcoolen\u00ab Chemielehrer aufbauen k\u00f6nnen und \u00fcber ihn die Erlaubnis bekommen, nach der Schulzeit an Nachmittagen Zugang zur Chemiesammlung zu erhalten, um dort unbeaufsichtigt (!) eigene Experimente durchzuf\u00fchren. Und ich durfte mit hinein. Es ging immer alles gut, manchmal qualmte oder stank es ein wenig, aber niemand kam zu Schaden. Auch so etwas ist heute undenkbar, aber es befl\u00fcgelte mein Interesse an der Chemie und den wundersamen Vorg\u00e4ngen in dieser Disziplin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Schulfreund war in Mathe ein \u00bbNerd\u00ab und stand immer etwas au\u00dferhalb der Klassengemeinschaft. Aus Geldgr\u00fcnden musste er oft die Kleidung seiner zwei \u00e4lteren Br\u00fcder auftragen und so f\u00fchrte schon seine etwas unmodische, manchmal zu kleine oder kurze Kleidung zu Skepsis oder Spott. Aber intellektuell war er ein Naturtalent, in Mathe und Physik Spitzenreiter bei der Notenbewertung und auch sein feiner Humor fand in mir ein gleichklingendes Echo. Zu dieser Zeit war der \u00bbRubik\u2019s Cube\u00ab gerade der hei\u00dfe Schei\u00df und er fand tats\u00e4chlich einen Weg, sich theoretisch einen L\u00f6sungsalgorithmus f\u00fcr dieses Puzzle zu erarbeiten. Allein davor hatte ich h\u00f6chsten Respekt. Wie der Chemiefreund hatte auch dieser Klassenkamerad einen guten Kontakt zu einem der Mathelehrer und erlangte durch diesen einen fast uneingeschr\u00e4nkten nachmitt\u00e4glichen Zugang zur Mathesammlung, in den ich einbezogen wurde. Und so konnte ich mich etwa ab der 8. Klasse an den ersten klobigen PCs autodidaktisch mit der Programmiersprache BASIC auseinandersetzen, etwa zur gleichen Zeit bot die Schule im Rahmen einer Projektwoche einen Einf\u00fchrungskurs \u00bbPersonal Computer\u00ab am Commodore VC 20 an und 1982 kaufte ich mir dann meinen ersten eigenen Computer, einen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sinclair_ZX_Spectrum\" target=\"_blank\">Sinclair ZX Spectrum<\/a>, auf dem ich nicht nur spielte, digital gestaltete oder BASIC-Programme schrieb bzw. seitenlang aus Computermagazinen abtippte (!), sondern bald sogar kleine Programme in der prozessoreigenen Maschinensprache schrieb \u2013 etwas, das inzwischen wieder komplett versch\u00fcttet ist und nur in Form meiner gelegentlichen, auch berufsbedingten Besch\u00e4ftigung mit selbst beigebrachten HTML- oder Javascript-Kenntnissen \u00fcberlebt hat. Der Mathefreund bekam von seinen Eltern etwa zeitgleich einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Texas_Instruments_TI-99\/4A\">TI-99\/4A<\/a> und so konnte ich trotz der modellbedingten Ger\u00e4teinkompatibilit\u00e4t mit ihm zusammen auch zu Hause dieser neuen Leidenschaft nachgehen. Ich denke, in beiden F\u00e4llen \u2013 Chemie und Computer \u2013 w\u00e4ren dieses brennende Interesse und der Spa\u00df am Lernen und Ausprobieren ohne diese Freundschaften nicht zustande gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Welchen Einfluss nun hatten die <strong>Lehrer<\/strong> auf mein Engagement, meine Leistungs- und Lernbereitschaft, meine Motivation, mein Verst\u00e4ndnis des Stoffs und nicht zuletzt auf meine Noten? Die Lehrer, die ich r\u00fcckblickend als am unangenehmsten in Erinnerung behalten habe, machten aus meiner Sicht etliche Fehler. Nicht all diese Fehler kann ich ihnen pers\u00f6nlich anlasten. Auch sie haben eine Ausbildung gehabt, die sie pr\u00e4gte, waren bisweilen stress- oder altersbedingt demotiviert, ihrem gew\u00e4hlten Beruf oder der Unbarmherzigkeit mancher pubert\u00e4rer Sch\u00fcler nicht gewachsen (ich erinnere mich noch gut an eine weinende Referendarin, die mir leid tat) und sicher auch mit einer Klassenst\u00e4rke von 30 Sch\u00fclern oder mehr zum Teil \u00fcberfordert. In zwei Situationen bekam ich aufgrund vermeintlicher Unaufmerksamkeit von einer Lehrerin (Grundschule, Deutschland) und einem Lehrer (sechste Klasse, Nigeria) eine \u00bbKopfnuss\u00ab verpasst. Absolutes No-go, damals vielleicht ab und zu \u00fcblich oder geduldet, aber das ist schon mal der erste Grund f\u00fcr eine nachtr\u00e4gliche Disqualifikation, insbesondere, wenn es keine M\u00f6glichkeit gab, sich als Kind f\u00fcr den vermeintlich zu bestrafenden Sachverhalt zu rechtfertigen. Danach kamen Lehrer, die ich als (zu) streng empfand, die im Unterricht auch manchmal herumschrien, die Druck aus\u00fcbten, um Leistung zu fordern und die Aussicht auf schlechte Noten als Zwangsinstrument einsetzten (s.o. \u00bbSprung von Dreier\u00ab). Es folgen Lehrer, die sich offenkundig kein M\u00fche bei ihrer Unterrichtsvorbereitung gaben oder eine einmal vor Jahren vorbereitete Unterrichtseinheit augenscheinlich Jahr f\u00fcr Jahr in jeder neuen Klasse unver\u00e4ndert, lieblos, blutleer, uninspiriert und stoisch herunterzuleiern, ohne jeden sp\u00fcrbaren Anspruch, in ihren Sch\u00fclern Interesse, Spa\u00df oder Wissbegierde zu entz\u00fcnden. Die negative Strahlkraft dieser Art p\u00e4dagogischer Gleichg\u00fcltigkeit pr\u00e4gte mich enorm. Ich war nie ein \u00bbStreber\u00ab, das waren f\u00fcr mich die Mitsch\u00fcler*innen, die sich immer ganz nach vorne, nahe ans Lehrerpult setzten, die mit dem Arm wedelten und mit den Fingern schnippten, wenn sie sich meldeten, die nie die Hausaufgaben verga\u00dfen, die niemals nebensitzende und in Pr\u00fcfungsbedr\u00e4ngnis befindliche Mitsch\u00fcler aus Solidarit\u00e4t halfen oder sie mal abschreiben lie\u00dfen, die ihr Federm\u00e4ppchen bei Klassenarbeiten wie eine Barriere zwischen sich und dem Nebenplatz aufbauten. Aber es gab Lehrer, die solche Sch\u00fcler zu ihren Lieblingen erkoren und sie sp\u00fcrbar bevorzugt behandelten. Auch solche P\u00e4dagogen betrachte ich im Nachhinein als nicht vorbildlich. Die Franz\u00f6sischlehrerin, die bei mir nachhaltig den Unterricht und jede Chance auf Freude am Erlernen dieser Sprache tr\u00fcbte, lie\u00df manchmal Spr\u00fcche ab wie \u00bbAlso, wenn Sie nicht mal das [z.B. aufgesagtes Konjugieren eines Verbs] zustande bringen, dann wei\u00df ich nicht, was Sie hier am Gymnasium \u00fcberhaupt verloren haben\u00ab. Setzen, werte Dame, ungen\u00fcgend.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt erinnere ich mich noch gut an Lehrer, die das Gegenteil erreichten. Diejenigen, die ein individuell vorhandenes Talent oder Interesse in einem Sch\u00fcler oder einer Sch\u00fclerin erkannten \u2013 oder ein Defizit beim Verst\u00e4ndnis in diesem Fach \u2013 und dann pers\u00f6nlich darauf eingingen. Im Englischunterricht (etwa 10. Klasse) fragte der Lehrer, an welchen Themen wir Interesse h\u00e4tten und so kam es, dass wir auf Englisch eine Unterrichtseinheit \u00fcber die Sprache und psychologische Wirkung von Werbung (z.B. anhand der Lekt\u00fcre von Vance Packards <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_geheimen_Verf%C3%BChrer\" target=\"_blank\">\u00bbThe Hidden Persuaders\u00ab<\/a>) und eine \u00fcber die tiefenpsychologische Interpretation von M\u00e4rchen (z.B. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Snow-White_and_Rose-Red\" target=\"_blank\">\u00bbSnow-White and Rose-Red\u00ab<\/a>) durchnahmen. So kam zur Ebene des Erlernens der Sprache noch eine weitere, hochinteressante hinzu, was die Motivation f\u00fcr mich unglaublich f\u00f6rderte. Als ich in der Oberstufe bei meinem Lieblings-Englischlehrer den gew\u00fcnschten Leistungskurs belegen konnte, sollten wir eine selbstgew\u00e4hlte Lekt\u00fcre besprechen und ein Referat dazu halten. Ich w\u00e4hlte als Horrorfan Bram Stokers \u00bbDracula\u00ab&nbsp;in der Originalfassung von 1897 und auch hier befl\u00fcgelte mich diese Wahlm\u00f6glichkeit innerhalb der Aufgabenstellung enorm. Solchen Lehrern bin ich dankbar. <\/p>\n\n\n\n<p>Humor ist aus meiner Sicht ebenfalls ein wichtiger Sympathiefaktor bei Lehrern. Auf die komplett spa\u00dfbefreiten Lehrmaschinen, die ich in einigen P\u00e4dagogen wahrnahm, welche sich hinter einer unpers\u00f6nlichen, verbissenen Attit\u00fcde verschanzten, die wohl aus ihrer Sicht Autorit\u00e4t, Kontrolle oder Kompetenz vermitteln sollte, h\u00e4tte ich gut verzichten k\u00f6nnen. Diejenigen, mit denen man lachen konnte, die regelm\u00e4\u00dfig in den Sch\u00fclerzeitungen als am\u00fcsante \u00bbSpr\u00fcchelieferanten\u00ab auftauchten, die ihre Leidenschaft f\u00fcr ihr Unterrichtsfach auch mit Witz zum Ausdruck bringen konnten, empfand ich als wesentlich erinnernswerter, angenehmer und motivierender. <em>(Sch\u00fcler zur Chemielehrerin: \u00bbMachen wir heut \u2019nen Versuch? Machen wir heut \u2019nen Versuch? Machen wir heut \u2019nen Versuch?\u00ab \u2013 Chemielehrerin: \u00bbNa klar machen wir heut \u2019nen Versuch, wir gucken uns an, wie du gestreckt durch die Oberlichter fliegst, wenn du nicht aufh\u00f6rst zu nerven.\u00ab)<\/em>. Gut erinnere ich mich auch an eine am\u00fcsante Notiz des LK-Englischlehrers am Blattrand einer Klausur, wo ich wohl unbewusst mal wieder ins \u00bbLabern\u00ab verfallen war: <em>\u00bbEben, eben \u2013 Sie sagten es bereits!\u00ab<\/em>. Beim Lernen lachen zu d\u00fcrfen kann eine wunderbare Motivation sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich k\u00f6nnte noch viel mehr zu diesem Thema aus dem N\u00e4hk\u00e4stchen plaudern, aber ich glaube, nach diesem Rundumschlag habe ich gen\u00fcgend Details und Erfahrungen aufgez\u00e4hlt, um die anfangs gestellten zwei Fragen, zumindest aus meiner Sicht, beantworten zu k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><em><strong>Waren f\u00fcr die guten Noten auch zu 70% die Lehrkr\u00e4fte verantwortlich, oder l\u00e4uft da die Zuschreibung anders?<\/strong><\/em><br \/>Hier f\u00e4llt mir eine \u00e4hnlich gesch\u00e4tzte prozentualen Zuordnung schwer, aber tendenziell: ja. Die Lehrer, denen es gelang, ihren Unterricht sowohl mit einem klassenweiten als auch mit einem individuellen Blick auf die Sch\u00fcler durchzuf\u00fchren, die Schw\u00e4chen, St\u00e4rken, Interessen und Talente erkannt haben, darauf reagiert haben oder darauf einzugehen vermochten, konnten eine bessere oder sogar gute Benotung f\u00f6rdern. Bei den F\u00e4chern, in denen ein\/e Sch\u00fcler*in ohnehin gut \u00bballein zurechtkommt\u00ab, weil eine grundlegende Begabung oder Wissbegierde f\u00fcr das Fach vorhanden sind, ist das aber vermutlich nicht so bedeutsam wie in gegenteiligen F\u00e4llen. Aber generell w\u00fcrde ich sagen: ein \u00bbguter\u00ab&nbsp;Lehrer gem\u00e4\u00df meiner o.g. Definition d\u00fcrfte wohl sp\u00fcrbar h\u00e4ufiger auch zu besseren Noten bei den Sch\u00fclern f\u00fchren. Einfach deshalb, weil solch ein P\u00e4dagoge einen Sch\u00fcler eher motivierend mitrei\u00dft als autorit\u00e4r vor sich hertreibt.<\/li>\n\n\n\n<li><em><strong>Waren die Lehrkr\u00e4fte, die das damals nicht geschafft haben, wenigstens bei anderen in der Klasse erfolgreicher?<\/strong><\/em><br \/>Zum Teil. Sicher gab es auch Lehrer, die einzelne Sch\u00fcler positiv oder negativ \u00bbauf dem Kieker\u00ab hatten (s.o. \u00bbStreber\u00ab) und ihre G\u00fcnstlinge bewusst oder unbewusst mehr gef\u00f6rdert haben als andere. Und es gab andererseits auch Lehrer, bei denen bzgl. einzelner Sch\u00fcler*innen \u00bbdie Chemie einfach nicht stimmte\u00ab oder die im Gegenteil mit ihnen auf einer Wellenl\u00e4nge waren. Auch wenn es unprofessionell anmuten mag, kann m.E. eine solche Differenz bei Temperament oder Charakter den Draht zwischen Lehrer und Sch\u00fcler sicher ebenfalls sp\u00fcrbar beeinflussen und sich auch auf die Noten auswirken. Schwierig zu beurteilen ist, was geschieht, wenn ein Sch\u00fcler mit einer nat\u00fcrlichen Begabung f\u00fcr ein Fach von einem \u00bbschlechten\u00ab Lehrer betreut wird. Dann ist es ja denkbar, dass der Lehrer die Noten dieses Sch\u00fclers kaum oder gar nicht zu beeintr\u00e4chtigen vermag. Ich h\u00e4tte mir z.B. bei dem erw\u00e4hnten Mathenerd-Freund nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass er an einen Mathelehrer h\u00e4tte geraten k\u00f6nnen, der \u00fcberhaupt imstande gewesen w\u00e4re, ihm objektiv gerechtfertigt eine schlechte Note zu geben. Es gab nat\u00fcrlich auch immer andere Sch\u00fcler in meiner Klasse, die von Lehrern, die ich pers\u00f6nlich nicht mochte, gute Noten bekommen haben. Denn w\u00fcrde ein \u00bbschlechter\u00ab Lehrer bei allen Sch\u00fclern unweigerlich auch zu schlechten Noten f\u00fchren, erschiene das wohl auch statistisch irgendwann auff\u00e4llig und der P\u00e4dagoge d\u00fcrfte sich f\u00fcr sein Unverm\u00f6gen zu rechtfertigen haben, den ihm anvertrauten Sch\u00fclern gute Leistungen zu entlocken.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Meinem gesch\u00e4tzten LK-Englischlehrer jedenfalls habe ich Jahre sp\u00e4ter, als ich im Job einmal vor der Aufgabe stand, f\u00fcr einen Kunden der damaligen Werbeagentur im Rahmen einer Werbekampagne einige Cartoonfiguren zu zeichnen, ein kleines Denkmal gesetzt, in dem ich ihn als Vorbild f\u00fcr eine der Figuren nahm.<\/p>\n\n\n\n<p>Er war einer von den Guten.<br \/><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"835\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Englischlehrer_LK-835x1024.jpg\" 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