{"id":9552,"date":"2024-03-04T12:26:24","date_gmt":"2024-03-04T11:26:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/?p=9552"},"modified":"2024-03-04T18:03:05","modified_gmt":"2024-03-04T17:03:05","slug":"schmeckts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2024\/03\/04\/schmeckts\/","title":{"rendered":"Schmeckt\u2019s?"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern Abend habe ich mir einen langgehegten Wunsch erf\u00fcllt und bin anl\u00e4sslich meines Geburtstages mit dem Mann in einem Berliner Restaurant essen gegangen, welches nicht nur \u00fcberwiegend sehr gute Bewertungen im Netz aufweisen kann, sondern auch eine besondere (fleischliche) Spezialit\u00e4t anbietet, n\u00e4mlich Steaks vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wagy%C5%AB\">\u00bbWagy\u016b-Rind\u00ab<\/a>. Die Feinheiten zur Herkunft und Klassifizierung dieser Fleischsorte und zum Unterschied zwischen diesen Steaks und den noch kostspieligeren vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kobe-Rind\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00bbKobe-Rind\u00ab<\/a> m\u00f6chte ich hier nicht vertiefen, das w\u00fcrde den Rahmen und das Thema dieses Blogbeitrags sprengen. Ich achte zwar fortschreitend darauf, seltener und weniger Fleisch zu mir zu nehmen, vor allem das ausnehmend klimasch\u00e4dliche Rindfleisch, aber als kulinarisch interessierter Esser wollte ich es zumindest einmal probiert haben. Ich hatte bereits geschluckt, als ich vor der Reservierung online in die Speisekarte lugte, aber durch eine au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige finanzielle Zuwendung in den letzten Monaten r\u00fcckte die Erf\u00fcllung meines Wunsches nun in eine durchf\u00fchrbare N\u00e4he und der feierliche Anlass gab mir dann den finalen Impuls, ihn endlich in die Tat umzusetzen. Es war tats\u00e4chlich die h\u00f6chste Rechnung, die ich nach einem \u00bbdinner for two\u00ab jemals in einem Restaurant beglichen habe und es war auch ein durchaus hervorragendes Men\u00fc. Meine Vorspeise, Thunfischtatar auf Avocadow\u00fcrfeln in einem Jus aus Ponzu-Saft und ger\u00f6stetem Sesam\u00f6l, schmeckte vortrefflich. Das Steak war au\u00dfergew\u00f6hlich zart und saftig, die Gem\u00fcsebeilagen, die Knoblauch-Parmesan-Pommes und der Tr\u00fcffelmayo-Dip delikat, der gew\u00e4hlte feinfruchtige Wei\u00dfwein und der vollmundige Rotwein passten gut zum Essen, der Service war freundlich und prompt \u2013 es war ein rundum sch\u00f6ner Abend. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"512\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-1024x512.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9559\" srcset=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-1024x512.jpg 1024w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-768x384.jpg 768w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-1536x768.jpg 1536w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-2048x1024.jpg 2048w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Steakhaus_Marzahn-1-1800x900.jpg 1800w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Links die Vorspeise, rechts das legend\u00e4re \u00bbWagy\u016b-Rind\u00ab als Entrecote, 300 g, medium rare (Beilagen ohne Abbildung).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es gab also eigentlich nichts zu beanstanden. Eigentlich. Denn wenn ich \u00fcber die Details des Essens nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass ich einige der Bestandteile meiner Gerichte von fr\u00fcheren Mahlzeiten oder bei Gastronomiebesuchen zu anderen Anl\u00e4ssen und an anderen Orten als \u00bbbesser\u00ab in Erinnerung habe. In der \u00bbNordbornholms R\u00f8geri\u00ab, einer Fischr\u00e4ucherei auf dieser sch\u00f6nen d\u00e4nischen Insel, a\u00df ich die in meiner Erinnerung bisher besten Pommes meines Lebens <em>(siehe Bild am Ende des Beitrags)<\/em>, perfekt goldbraun  in Erdnuss\u00f6l frittiert, au\u00dfen zartkross und innen saftig, und mit grobem lokalen Meersalz bestreut. Das bemerkenswerteste Steak, das ich jemals verzehrte, hatte ich tats\u00e4chlich selbst zubereitet, ausgew\u00e4hlt aus dem sehr gut sortierten Sortiment gereifter Steaks in der Fleischtheke eines EDEKA-Feinkostmarkts im etwas \u00bbfeineren\u00ab Hamburger Stadtteil Uhlenhorst. Es schmeckte so unvergleichlich aromatisch \u00bbrindfleischig\u00ab, dass ich dieses Aroma als Messlatte bis heute auf der Zunge mit mir trage. Die Sauce Bearnaise, die der Mann zu seinem Gericht bestellt hatte, war fein emulgiert und definitiv hausgemacht, aber das Estragonaroma hatte ich in fr\u00fcheren Varianten schon intensiver und \u00bbrunder\u00ab wahrgenommen. Ich verstand auch die \u00bbIdee\u00ab des verantwortlichen Kochs hinter der Pommeszubereitung, die frittierten Kartoffeln mit Parmesan und ger\u00f6stetem Knoblauch auf eine neue geschmackliche Ebene heben zu wollen, aber bez\u00fcglich der Ausf\u00fchrung fand ich nach dem ersten Bissen, da g\u00e4be es noch \u00bbLuft nach oben\u00ab. Ich will hier gar nicht auf hohem Niveau herumm\u00e4keln, vielmehr regte mich der gestrige Restaurantbesuch dazu an, dar\u00fcber nachzudenken, was f\u00fcr mich eigentlich \u00bbgutes\u00ab oder Essen ausmacht oder was \u00bbbesser\u00ab bedeutet, warum mir einige Mahlzeiten in der Vergangenheit so au\u00dfergew\u00f6hnlich gut geschmeckt haben, warum ich mich noch nach Jahrzehnten an einzelne Zubereitungen oder Gerichte immer noch lebhaft erinnern kann und ob das alles wirklich immer zwingend mit dem Preis zusammenh\u00e4ngen muss, den man daf\u00fcr bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine \u00dcberlegungen, nach welchen Kriterien ich \u00bbEssen\u00ab beurteile, f\u00fchrten mich bislang zu f\u00fcnf Achsen, die als pers\u00f6nliche Bewertungsskalen f\u00fcr mich dabei eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Sie \u00fcberlappen sich zwar in einigen Aspekten, aber als grobes Raster funktionieren sie recht gut:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Absolut gezahlter Preis<\/strong><br>sehr gering &lt; &gt; f\u00fcr mich okay &lt; &gt; exorbitant hoch<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Erhaltener Gegenwert\/Zutaten\/Zubereitung<\/strong><br>begeisternd\/besser als erwartet &lt; &gt; angemessen &lt; &gt; entt\u00e4uschend<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Pr\u00e4sentation\/Attit\u00fcde<\/strong><br>lieblos\/unoriginell &lt; &gt; einfach\/unpr\u00e4tenti\u00f6s &lt; &gt; aufwendig\/meisterhaft &lt; &gt; protzig\/\u00fcbertrieben<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Vertrautheit des Gerichts\/der Rezeptur<\/strong><br>mir zur Gen\u00fcge bekannt &lt; &gt; gelegentlich schon gegessen &lt; &gt; f\u00fcr mich absolut neu\/\u00fcberraschend<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Umgebung\/Situation\/Anlass <\/strong><br>wertet den Genuss ab oder st\u00f6rt &lt; &gt; ist irrelevant &lt; &gt; wertet den Genuss auf<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Den Service in einem Restaurant k\u00f6nnte man zwar als sechste Achse noch dazunehmen und er spielt auch f\u00fcr ein gastronomisches Gesamterlebnis m.E. eine wesentliche Rolle. Aber weil ich hier auch selbst zubereitetes Essen mit einbeziehe, lasse ich dieses Kriterium bewusst au\u00dfen vor. Meine h\u00e4ufigste <em>positive<\/em> Erfahrung war, dass in Lokalen, die einem Hotel angegliedert sind, eine gute Servicekultur h\u00e4ufiger anzutreffen war als in solit\u00e4ren Restaurants. Die h\u00e4ufigste <em>negative<\/em> Erfahrung war, dass in Restaurants aller Preisklassen (auch dem gestern besuchten) den Servicekr\u00e4ften zu oft der Wille oder die F\u00e4higkeit fehlt, mit einem 360\u00b0-Blick durch den Gastraum zu gehen und beispielsweise, wenn am Nebentisch abkassiert wurde, nach diesem Vorgang an allen umgebenden Tischen kurz zu pr\u00fcfen, ob irgendwo sonst aktuell ein Servicebedarf besteht. Zeigen geleerte Gl\u00e4ser an, dass nachbestellt werden m\u00f6chte? Schauen mich G\u00e4ste bed\u00fcrftig an oder heben ihre Hand? Wie oft schon erlebte ich Kellner*innen, die mit schmalstdenkbarem Sichtfeld durch die Tischreihen schreiten, um sich an <em>einem<\/em> Tisch <em>einer<\/em> Aufgabe zu widmen, sich anschlie\u00dfend blind umzudrehen und schnurstracks Richtung Tresen\/K\u00fcche abzutreten. Wieviel Umsatz und G\u00e4stewohlwollen durch dieses Defizit verlorengehen, m\u00f6chte ich mir lieber nicht ausmalen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Absolut gezahlter Preis \u2013 Muss gutes Essen viel Geld kosten?<\/h5>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich beantworte ich diese Frage mit \u00bbnein\u00ab. Gutes Essen <em>kann<\/em> teuer sein, aber es <em>muss<\/em> nicht. Jeder gastronomische Betrieb und auch die Hersteller aller verwendeten Produkte und Zutaten m\u00f6chten nat\u00fcrlich mit ihrem Erl\u00f6s einen Gewinn erwirtschaften. Mir ist klar, dass ich somit bei einem ausw\u00e4rtigen Essen stets nicht nur den Gegenwert der Lebensmittel bezahle, sondern auch Raummiete, Personal, technische Betriebskosten usw. Viele Gastwirte pflegen, auf Getr\u00e4nke eine h\u00f6here Marge zu berechnen als auf die servierten Speisen, auch das ist absolut legitim, um mit gutem Essen auf seine Kosten zu kommen. Vom individuell ausgepr\u00e4gten Gewinnstreben der Betreiber mal abgesehen, sind vermutlich die zwei h\u00e4ufigsten Optionen, um f\u00fcr \u00bbwenig Geld\u00ab sehr gut zu essen: erstens (z.B. im Urlaub) in einem Land zu speisen, in dem der Gast f\u00fcr seine heimische W\u00e4hrung einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Gegenwert in lokalen Restaurants erh\u00e4lt, da ihm der vorteilhafte Wechselkurs dies erm\u00f6glicht. Da dieser Wertbetrachtung aber eine gewisse Verzerrung innewohnt, m\u00f6chte ich mich bevorzugt der zweiten Option zuwenden: Man kann sehr gutes Essen f\u00fcr sehr wenig Geld genie\u00dfen, wenn ein Gericht entweder sehr einfach zuzubereiten ist (und zudem gekonnt zubereitet wird!) bzw. wenn man f\u00fcr dessen Zubereitung nur sehr wenige Zutaten ben\u00f6tigt, die zudem auch in guter Qualit\u00e4t meist nicht viel kosten. Beispiel: eine Scheibe selbstgebackenen, noch ofenwarmen Brotes mit frischer Butter. Der Preis f\u00fcr Mehl, Wasser, Hefe und Salz ist vergleichsweise niedrig, ebenso die Kosten f\u00fcr den Strom, der zum Backen ben\u00f6tigt wird. Die Butter ist fast das Teuerste an dieser Speise, aber insgesamt geh\u00f6rt diese K\u00f6stlichkeit zu den kosteng\u00fcnstigsten Gen\u00fcssen, die ich kenne. Weitere Beispiele f\u00fcr ebenso simple und kosteng\u00fcnstige wie k\u00f6stliche Zubereitungen sind etwa Spaghetti aglio e olio, Misosuppe, Hummus oder Waldorfsalat. Bei eigener Zubereitung kann man den Preis zus\u00e4tzlich senken, wenn man mit der saisonalen Verf\u00fcgbarkeit z.B. der gebr\u00e4uchlichsten Gem\u00fcsezutaten vertraut ist und diese bevorzugt dann einkauft und nutzt, wenn deren Preise auf ihrem Jahrestief sind. Es hilft aus meiner Sicht ohnehin, sich mit etwas Warenkunde und eigenem Kochwissen auszustatten, sowohl um selbst g\u00fcnstige Speisen zubereiten zu k\u00f6nnen als auch um die Qualit\u00e4t und den Gegenwert von au\u00dfer Haus genossenen oder fertig gekauften Gerichten besser beurteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Gegenwert \u2013 Was bekomme ich f\u00fcr mein Geld?<\/h5>\n\n\n\n<p>Auf dieser Achse habe ich schon ein ziemlich breites Spektrum an Erfahrungen machen k\u00f6nnen. Ich m\u00f6chte behaupten, dass inzwischen in vielen F\u00e4llen schon an der Speisekarte, die au\u00dfen vor einem Restaurant aush\u00e4ngt, beurteilen kann, wie beseelt und phantasievoll in der K\u00fcche gearbeitet wird. Wenn ich bereits dort eine Ahnung bekomme, dass der K\u00fcchenchef sich mit Ausgangsprodukten, W\u00fcrzungen, Aromen, Konsistenzen und Texturen auskennt, damit experimentiert und spielt und so einen Mehrwert f\u00fcr seine G\u00e4ste zu kreieren versucht, der \u00fcber den Preis der Zutaten hinausgeht. Das gilt aber eher f\u00fcr Restaurants, die \u00bbneue\u00ab Gerichte kreieren. Wenn ich ein Restaurant besuche, das auf seiner Karte fast nur altbekannte \u00bbKlassiker\u00ab auflistet, bin ich auf G\u00e4stebewertungen im Netz angewiesen oder muss es selbst herausfinden. Denn hinter \u00bbWiener Schnitzel\u00ab, \u00bbGyros mit Zaziki und Pommes\u00ab, \u00bbTeriyaki-Ente\u00ab oder \u00bbSpaghetti Carbonara\u00ab kann sich so ziemlich alles verbergen. Das Schnitzel kann hauchd\u00fcnn flachgeklopft, zart paniert und goldbraun frittiert auf dem Teller landen \u2013 oder als z\u00e4her Fladen mit fettgl\u00e4nzender brotig-dicker Panade. Die Pasta k\u00f6nnen al dente mit einem s\u00e4migen Film frischer, halbgestockter Eiermasse und feinen Streifen Guanciale-Speck serviert werden \u2013 oder man versteht in dem gew\u00e4hlten Restaurant darunter \u00fcberkochte Nudeln mit einer breiigen Sahneso\u00dfe, in der Presskochschinkenw\u00fcrfel schwimmen. Im schlimmsten Fall muss man f\u00fcr beide Extreme einen \u00e4hnlichen Preis bezahlen. Da ich einige dieser Klassiker schon in hervorragender Qualit\u00e4t probieren durfte, bestelle ich sie oft, um sie als \u00bbVisitenkarte der K\u00fcche\u00ab einzustufen. In einem chinesischen Restaurant ist nach meiner Erfahrung die (meist recht g\u00fcnstige) Wan-Tan-Suppe als Vorspeise ein guter Indikator f\u00fcr das Niveau der Restaurantk\u00fcche insgesamt. Wenn eine aromatische, selbstgekochte Bouillon im Sch\u00e4lchen schwappt, mit hauchd\u00fcnnen Teigtaschen, die mit fein gew\u00fcrzter hausgemachter Hackmasse gef\u00fcllt sind und zwischen den kleinen Fettaugen auf der Suppe knackige Lauchzwiebelringe schwimmen, darf ich davon ausgehen, dass die Hingabe, die zu dieser Suppe f\u00fchrte, auch in die restlichen Vorspeisen und Hauptgerichte einflie\u00dft. In einer Eisdiele ist f\u00fcr mich das Straciatellaeis der Lackmustest, in einem Bistro oder Steakhaus der Caesar-Salat. <\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Entt\u00e4uschungen, an die ich mich erinnern kann, waren ein \u00bbCarpaccio vom Rind\u00ab vor Jahrzehnten in einem italienischen Restaurant in Hannover und ein knorpeliges, z\u00e4hes Gulasch in einem Budapester Lokal, das ich im Nachhinein als \u00bbTouristenfalle\u00ab bezeichnen w\u00fcrde. Das Carpaccio bestand aus trocken servierten d\u00fcnnen Scheiben Rinderfilet (immerhin), die mit getrockneter Petersilie aus der Streudose (!) und fertig geriebenem T\u00fctenparmesan (!!) bestreut waren. Kein Salz, kein Pfeffer, kein Oliven\u00f6l, es war eine satte \u00bbNull\u00ab auf der Bewertungsskala. Da ich damals als junger Gast noch sch\u00fcchterner mit offensiv ge\u00e4u\u00dferter Kritik war, habe ich mich meiner Erinnerung nach nicht beschwert, sondern lediglich auf das Geben von Trinkgeld verzichtet. Das w\u00fcrde mir heute definitiv nicht mehr passieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften \u00dcberraschungen erlebte ich fast immer dann, wenn ich ein sehr \u00bbsimples\u00ab&nbsp;Gericht bestellte und die Zubereitung oder Produktqualit\u00e4t meine Erwartungen maximal \u00fcbertraf. So ist mir bis heute ein Teller \u00bbgebratene Scampi mit Knoblauch\u00ab in Erinnerung geblieben, den ich auf einer Restaurantterrasse in einem K\u00fcstenst\u00e4dtchen in der Toscana serviert bekam. Die Scampi waren riesig und so perfekt gebraten, dass man die Schale als r\u00f6sche superd\u00fcnne Kruste einfach mit verspeisen konnte, das Oliven\u00f6l, mit dem sie glasiert waren, hatte das fein-ger\u00f6stete, karamellisierte Aroma der gebr\u00e4unten Knoblauchscheiben assimiliert, die zwischen den Scampi lagen. Dazu etwas Salz und Pfeffer, zehn von zehn Punkten und ein un\u00fcbertroffener \u00bbvalue for money\u00ab. In einem gutb\u00fcrgerlichen Gasthof im Fichtelgebirge waren es k\u00fcrzlich die sonst eher achtlos mitgemampften Kartoffelkl\u00f6\u00dfe, die meine Aufmerksamkeit weckten, da ich noch nie eine so feine, kartoffelige Zubereitung mit perfekter Konsistenz erlebt hatte. Manchmal sind es auch die kleinen \u00bbDreingaben\u00ab des Restaurants zu den eigentlich bestellten Gerichten. Ich erinnere mich an manchen famosen Korb hausgebackenen Brotes, manchmal mit ebenfalls selbstgemachten originellen Dips oder Aufstrichen. Auch ein \u00bbGru\u00df aus der K\u00fcche\u00ab&nbsp;in einem Restaurant in der N\u00e4he von Mei\u00dfen darf da nicht unerw\u00e4hnt bleiben: eine kleine Espressotasse mit einigen L\u00f6ffeln einer tats\u00e4chlich mit Espresso versetzten, leicht schaumigen Hummerbisque. Diesen herrlichen Geschmack aus Krustentier und Kaffee werde ich niemals vergessen. Wenn ich Enthusiasmus, Phantasie und Kompetenz, auch bei den einfachsten Speisen, erschmecken kann, dann bekomme ich meistens mehr, als ich anschlie\u00dfend mit meinem Geld verg\u00fcte.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Pr\u00e4sentation \u2013 Die \u00bbShow\u00ab vom Ambiente bis zum Teller<\/h5>\n\n\n\n<p>Ein weites Feld ist auch diese Bewertungsachse. Oft beginnt es schon bei der Eigenwerbung auf der Website des Restaurants. Die Information, nach der ich auf Restaurantwebsites bisher am h\u00e4ufigsten suchen musste, betraf *Tusch!* \u2013 die \u00d6ffnungszeiten. Stehen sie auf jeder Unterseite im Footer? Stehen sie bei \u00bbWir \u00fcber uns\u00ab? Bei \u00bbReservieren\u00ab? Bei \u00bbKontakt\u00ab? Werden sie wom\u00f6glich \u00fcberhaupt nicht auf der Website genannt, sondern nur im Google-Maps-Eintrag? Und stimmen sie? Sind Ruhetage, Urlaube, vor\u00fcbergehende saisonale Schlie\u00dfungen korrekt und aktuell hinterlegt? Nicht selten habe ich trotz aufgesp\u00fcrter Angaben dann sp\u00e4ter vor verschlossenen T\u00fcren gestanden oder die Website frustriert verlassen und mich anderen Lokalit\u00e4ten zugewandt. Dann eben nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie pr\u00e4sentiert sich das Restaurant insgesamt gegen\u00fcber prospektiven G\u00e4sten? Oft findet sich irgendwo online oder im Vorwort der Speisekarte ein Absatz mit der \u00dcberschrift \u00bbUnsere Philosophie\u00ab. Da steht dann was von frischen Zutaten, aufmerksamem Service, Gastlichkeit und so weiter. Meistens aber w\u00e4ren diese Texte zwischen verschiedenen Restaurants ohne Weiteres austauschbar. Entweder sind es blumig formulierte Selbstverst\u00e4ndlichkeiten oder die nachfolgende Auflistung der tats\u00e4chlich bestellbaren Gerichte und Zutaten ist bei der Vorabbewertung des Lokals weitaus hilfreicher. Auf der Suche nach einem guten Berliner Steakhaus f\u00fcr mein anfangs erw\u00e4hntes Geburtstagsdinner stie\u00df ich auf ein Restaurant, das dem Thema \u00bbExklusivit\u00e4t\u00ab eine ganz neue Facette hinzuf\u00fcgte. \u00bbWillkommen im Goldhorn\u2011Beefclub Berlin, einem der exklusivsten Beefclubs der Welt\u00ab stand auf der Website zu lesen. Aha, dachte ich, da kann man dann wohl nur speisen, wenn man diesem \u00bbClub\u00ab als Mitglied beitritt? Doch kurz darauf wurde ein Banner eingeblendet \u00bbKein Mitglied? Kein Problem! Reservieren Sie einfach links auf Quandoo. Sie erhalten so eine kostenlose 24 h Mitgliedschaft\u00ab. Also \u00bbsuper exklusiv, aber eigentlich kann jeder zu uns kommen\u00ab. Mhm, soso, aha, naja, nundenn. Auch die sonderbare Verkn\u00fcpfung zwischen gegrilltem Fleisch und der Definition von \u00bbM\u00e4nnlichkeit\u00ab, die in einem Bildmotiv der Seite zum Ausdruck kommt, wo ein Kleinkind neben einem Steak mit der Zeile \u00bbSO WERDEN M\u00c4NNER GEMACHT\u00ab zu sehen war, mutete mir seltsam an. Da wollte ich nicht essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ich den Konzepten \u00bb\u00dcberkonsum\u00ab\u00a0und \u00bbexzessiver materieller Luxus\u00ab eher skeptisch gegen\u00fcberstehe, sprechen mich auch Restaurants, die ihre vermeintliche Exklusivit\u00e4t durch kulinarische, innenarchitektonische oder pr\u00e4sentationsbezogene Luxuskomponenten zu pimpen versuchen, in keinster Weise an. Diese Dubaiattit\u00fcde \u00e0 la \u00bballes muss golden gl\u00e4nzen oder mit Glitzersteinen beklebt sein\u00ab, \u00bbwas kostet die Welt, wir fliegen Wasser in die W\u00fcste, bauen Inseln ins Meer, wo vorher keine waren, jedes unserer Autos\/H\u00e4user\/Yachten kostet mehr, als ein Durchschnittsmensch in Jahrzehnten verdient\u00ab, die mit Luxusmarken-Logos bepflasterten Taschen, Koffer, Jacken, M\u00e4ntel, all das wirkt auf mich derart aus der Zeit gefallen, monstr\u00f6s und in Zeiten der Klimakrise maximal unangemessen, dass es mich eher abst\u00f6\u00dft. \u00bbDer Champagner floss in Str\u00f6men\u00ab, hei\u00dft es ja bisweilen. Aber warum sollte er das? Das zentrale Kennzeichen des Besonderen ist es doch, dass es etwas <em>Besonderes<\/em> ist. Wenn es jederzeit in unbegrenzter Menge zur Verf\u00fcgung steht und jeden Tag \u00fcberm\u00e4\u00dfig konsumiert werden kann, ist es doch eigentlich nur noch so besonders wie R\u00fcbenzucker. In diesem Zusammenhang las ich von einer <a href=\"https:\/\/www.capital.de\/wirtschaft-politik\/warum-steakvergolder-salt-bae-trotz-schlechter-qualitaet-erfolgreich-ist-34499780.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">pseudoprominenten Person<\/a>, die ebenfalls ein oder mehrere \u00bbedle\u00ab Steakh\u00e4user betreibt, wo manche der servierten Fleischgerichte gro\u00dfz\u00fcgig mit Blattgold belegt werden. Zus\u00e4tzlich wird wohl bei Tisch einer Art \u00bbGew\u00fcrzchoreographie\u00ab zelebriert, bei der das aufgetragene Fleisch mit flamenco\u00e4hnlichen Armbewegungen aus gro\u00dfer H\u00f6he mit grobem Salz bestreut wird. Meine Braue hebt sich. Gro\u00dfe Fleischst\u00fccke nur der Show halber vollfl\u00e4chig mit Blattgold zu \u00bbgarnieren\u00ab, das dann \u2013 pardon \u2013 am n\u00e4chsten Tag wieder ausgekackt und weggesp\u00fclt wird \u2013 ich wei\u00df gar nicht, <a href=\"https:\/\/www.wwf.de\/themen-projekte\/waelder\/mining\/gold-mining\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wo ich anfangen sollte<\/a>, diesem gastronomischen Auswuchs und der Schei\u00dfegalhaltung dahinter die Bezeichnung \u00bbLuxus\u00ab abzusprechen. Und die ponyhohen Pfefferm\u00fchlen in manchen Restaurants fand ich schon fr\u00fcher albern, da brauch\u2019 ich nicht noch einen Salztanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe \u00fcberhaupt nichts gegen eine edle, kultivierte, exklusive Atmosph\u00e4re oder Speisenpr\u00e4sentation, aber \u2013 vielleicht f\u00fchle ich mich auch seit fast 30 Jahren deshalb in meinem Wohnort Hamburg so wohl \u2013 gerne mit Understatement, Stilgef\u00fchl und Dezenz. Ich mag es z.B., wenn bei einer Suppe zuerst der Teller mit der warmen Einlage auf den Tisch gestellt wird und die Servicekraft dann aus einer Kanne die fl\u00fcssige Suppe dazugie\u00dft. Mir gef\u00e4llt gut gestaltetes Geschirr, es muss kein Luxusporzellan sein, auch Steingut oder Keramik mit dem Charme und den leichten Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten einer Handfertigung kann sehr stilvoll sein. Dunkel erinnere ich mich an den Besuch eines Restaurants (vielleicht war es <a href=\"https:\/\/schaarschmidts.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Schaarschmidts Restaurant<\/a> in Leipzig), dessen Gastr\u00e4ume mehrere verschachtelte kleine Zimmer waren, die mit dunklen Holzm\u00f6beln und hohen B\u00fccherregalen wie \u00bbOmas Wohnzimmer\u00ab eingerichtet waren und wo jedes Gedeck, jeder Teller unterschiedlich waren. Es wirkte tats\u00e4chlich, als w\u00fcrden die Speisen auf dem \u00fcber Jahrzehnte angesammelten Geschirr aus dem Bestand einer Gro\u00dfmutter serviert \u2013 und es passte perfekt zu dem umgebenden Ambiente. F\u00fcr mich m\u00fcssen im Januar auch keine Deko-Erdbeeren oder -Johannisbeeren am Tellerrand liegen, die saisonfern von sonstwoher eingeflogen wurden und im schlimmsten Fall nicht mitgegessen, sondern nach dem Abr\u00e4umen weggeworfen werden. Vermissen w\u00fcrde ich auch nicht den Industriebalsamicosirup, mit dem allzu gern Tellerr\u00e4nder oder Gerichte beschn\u00f6rkelt werden. Die einzeln auf einem St\u00fcck Fisch oder Fleisch platzierte Ranke einer Erbsensprosse oder eine dekorativ eingesteckte Parmesanhippe erfreuen das Auge ebenso. Less is more, Unma\u00df, geh weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Und last not least habe ich auch schon hervorragend in Restaurants gegessen, in denen <em>\u00fcberhaupt kein<\/em> Augenmerk auf die Pr\u00e4sentation oder das Ambiente gerichtet wurde. Ich erinnere mich an ein komplett wei\u00df gefliestes Lokal mit eiskalt glei\u00dfender Neonbeleuchtung und kunststoffgepolstertem K\u00fcchengest\u00fchl in Portugal. Der Anblick des Gastraumes geriet aber schnell zur Nebensache angesichts der hervorragenden \u00bbLulas grelhadas\u00ab, die dort zubereitet und aufgetragen wurden: fangfrische Calamari-Tuben, auf dem Grill gebr\u00e4unt, mit Zitrone, Salz, Pfeffer und Knoblauch gew\u00fcrzt, dazu Oliven\u00f6l und einfache Salzkartoffeln mit Petersilie, serviert auf einem schmucklosen wei\u00dfen Porzellanteller. Perfekt!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine gelungene, stimmige und unpr\u00e4tenti\u00f6se Pr\u00e4sentation kann den Genuss eines guten Essens deutlich aufwerten, aber aus einem uninspirierten oder minderwertigen Gericht kein Festmahl machen. Die Puzzleteile m\u00fcssen sich authentisch ineinanderf\u00fcgen. Prunk, Protz und Attit\u00fcde sollten das verzehrte Mahl, auch wenn es mit K\u00f6nnen und Hingabe komponiert und zubereitet wurde, nicht \u00fcbertrumpfen. Ich pers\u00f6nlich mag es, wenn das Essen die Hauptrolle spielt und nicht blo\u00df Statist in einer \u00fcberbordenden Gastro-Show ist, die allzu oft nur entweder dem Reibach oder der Ablenkung dient.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Vertrautheit \u2013 wieviel macht der Reiz des Neuen aus?<\/h5>\n\n\n\n<p>Vielen der erinnerungsw\u00fcrdigsten Speisen meines Lebens begegnete ich in einem Moment, wo ich dergleichen zum allerersten Mal <em>\u00fcberhaupt<\/em> a\u00df. Das oben bereits erw\u00e4hnte schlechteste Rindercarpaccio ever war tats\u00e4chlich eine Entt\u00e4uschung, die zeitlich sehr dicht auf meine allererste Begegnung mit diesem Klassiker der italienischen Antipasti folgte. Ich war von einem der Chefs der Werbeagentur, in der ich w\u00e4hrend meines Designstudiums als \u00bbFreier\u00ab nebenbei arbeitete, zum Abendessen in Frankfurt\/Main eingeladen worden, weil ich ihm als Fahrer am Steuer eines Lieferwagens helfen sollte, einige M\u00f6belst\u00fccke von dort aus einem aufgel\u00f6sten Zweitb\u00fcro abzuholen und zum Agentursitz nach Hildesheim zur\u00fcckzutransportieren. Sein Lieblingsitaliener, sagte er, sei das besuchte Restaurant und ich k\u00f6nne bestellen, was immer ich wollte. Und so probierte ich mein allererstes Carpaccio \u2013 es war ein Gedicht. Hauchzarte rohe Rinderfiletscheiben, mit gutem Oliven\u00f6l und Zitrone betr\u00e4ufelt, dazu frisch gehobelter Parmesan, d\u00fcnn geschnittene Champignons und etwas Rucola. Ich war begeistert und habe diese Komposition seither schon einige Male zu Hause nachempfunden. An mein damals gew\u00e4hltes Hauptgericht erinnere ich mich nicht. Auch meine erste Begegnung mit der indischen K\u00fcche war eine Offenbarung, die ich w\u00e4hrend einer Studienreise nach Chicago, gemeinsam mit einigen Kommilitonen, erlebte. Seit meinem damaligen \u00bbChicken Tikka Masala\u00ab bin ich der indischen K\u00fcche verfallen und diese Gaumenliebe h\u00e4lt bis heute unvermindert an. Oder mein erstes Hummus, serviert als eins von vielen kleinen Gedecken einer \u00fcppigen Mazza-Platte im Restaurant Saliba in Hamburg. Der nussige Geschmack, die cremige Konsistenz, die Gew\u00fcrze darin \u2013 noch nie zuvor hatte ich so etwas vorher geschmeckt. Die anderen Kompositionen waren ebenso fulminant: gebratenes Lammhack mit Zimt und ger\u00f6steten Pinienkernen, rauchiges Auberginenp\u00fcree, zitroniges Tabouleh \u2013 ich betrat bei dieser ersten Begegnung mit der syrisch\/libanesischen K\u00fcche eine komplett neue Welt, die ebenfalls bis heute zu meinen Lieblingsl\u00e4nderk\u00fcchen geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es liegt vermutlich in der Natur der Jugendjahre, dass man in den ersten 10 bis vielleicht 30 Jahren seines Lebens sehr viel h\u00e4ufiger mit neuen Gen\u00fcssen und Speisen konfrontiert wird als in h\u00f6herem Alter \u2013 es sei denn, man legt es zeit seines Lebens darauf an, auch weiterhin bewusst st\u00e4ndig Neues zu probieren. Ich glaube, der Erstkontakt mit einem neuen Gericht hat immer das Potenzial zu einer besonders nachhaltigen Pr\u00e4gung \u2013 das kann sowohl im Positiven als auch im Negativen stattfinden. Schade ist es, wenn ein erstmals probiertes Gericht allein aufgrund von Fehlern oder Defiziten bei der Zubereitung als missliebig bewertet wird und man daraus pauschal die Konsequenz zieht, dieses nie wieder zu essen. Damit werden oft viele Chancen der Rehabilitation einer Speise vertan, die, in einer versierten K\u00fcche zubereitet, den einstigen Skeptiker wom\u00f6glich geschmacklich \u00fcberzeugen, begeistern und zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Ist ein Gericht, eine Zubereitung oder eine L\u00e4nderk\u00fcche vertraut und auf dem Tisch steht die hundertste Currywurst, das hundertste Sushigedeck, die hundertste Bolognese, dann ersch\u00f6pft sich der <em>Neuigkeitswert<\/em> dieser Speise und ihres Beeindruckungspotenzials fast nur noch in Nuancen. Wenn man diesen trotzdem Aufmerksamkeit schenken will und kann, muss Essen dadurch keineswegs langweiliger werden, denn auch die bewusste Suche nach der \u00bbBest of\u00ab-Zubereitung eines eigentlich zur Gen\u00fcge vertrauten Gerichts kann durchaus aufregend und sehr schmackhaft sein. Ich versuche selbst, etwa beim Brotbacken oder beim Zubereiten von Hummus, stetig besser zu werden, meine Rezepturen und Praktiken zu verfeinern und habe viel Spa\u00df daran. Aber einen solchen kulinarischen \u00bbFlash\u00ab wie bei der Verkostung meines ersten Carpaccio erlebe ich nach wie vor selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich will ich den wiederholten Genuss der Lieblingsspeise, idealerweise jedes Mal in genau derselben bevorzugten Zubereitungsweise, keineswegs abwerten. Es ist etwas Wunderbares, wenn ein Gericht, das man liebt und sein Leben lang immer und immer wieder gerne genie\u00dft, endlich mal wieder auf dem Tisch stehen kann, insbesondere, wenn man schon seit l\u00e4ngerem mal wieder Appetit darauf hatte. Meine Mutter fragt mich immer, welches meiner Leibgerichte aus ihrem Repertoire sie kochen soll, wenn ich meinen n\u00e4chsten Familienbesuch avisiere. Es gibt vier bis f\u00fcnf Gerichte, die ich selber noch nie exakt so hinbekommen habe wie sie: H\u00fchnerfrikassee, Kohlrouladen, Gulasch mit Nudeln und gr\u00fcner Bohneneintopf. Jedes Mal ein Hochgenuss, aber die Erinnerung an die einzelnen wiederkehrenden Verzehrmomente wird vermutlich nicht immer derart klar auf einen bestimmten Zeitpunkt hin erinnert werden k\u00f6nnen wie bei den oben genannten geschmacklichen Erstkontakten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Situation \u2013 wo, wann und warum wird gegessen?<\/h5>\n\n\n\n<p>Vermutlich kennen es einige: Ein lauer Sommerabend in s\u00fcdlichen Gefilden, ein kleiner Tisch auf der Au\u00dfenterrasse eines kleinen Dorfrestaurants, pfirsichfarbene Reste von Abendrot s\u00e4umen den Horizont, am Zenit des Himmelsgew\u00f6lbes erscheinen die ersten Sterne, Grillen zirpen, das Ger\u00e4usch eines Motorrollers und Gespr\u00e4chsfetzen aus den umgebenden Gassen, leise Musik \u2026 und der rote Wein im Glas schmeckt so gut wie noch nie ein Rotwein geschmeckt hat. Der Ober oder die Speisekarte werden konsultiert, um zu erinnern, wie das feine Gew\u00e4chs hei\u00dft, der Name wird notiert, vielleicht das Etikett der Flasche abfotografiert. Wieder daheim, wird das Internet umgest\u00fclpt auf der Suche nach diesem fantastischen Tropfen. Endlich \u2013 ein kleiner Weinh\u00e4ndler bietet den gesuchten Roten feil, er wird bestellt und bald schon freudestrahlend dem Postpaket enthoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir ging es anschlie\u00dfend zumeist auf zwei Pfaden weiter: Entweder verstaubte die rare Anschaffung im Regal, da ich allzu z\u00f6gerlich auf einen Anlass wartete, der es wert w\u00e4re, endlich dieses alkoholische Souvenir zu dekantieren und wenn der Landwein dann doch endlich nach acht oder zehn Jahren im Glas landet, ist die rubinrote Farbe l\u00e4ngst einem lebrigen Braun gewichen und er durch \u00dcberlagerung ungenie\u00dfbar geworden. Oder er wird recht zeitig ge\u00f6ffnet, vielleicht ein den damaligen Urlaub assoziierendes Men\u00fc gezaubert, idealerweise stimmt sogar die Jahreszeit und es kann auf dem Balkon gespeist werden. Doch der erste Schluck entzaubert das Mitbringsel als einen bestenfalls durchschnittlichen Rebensaft, der in jedem Supermarkt f\u00fcr 3,99 in gleicher Qualit\u00e4t zu erstehen w\u00e4re. Es war nicht der <em>Wein<\/em>, der an jenem wunderbaren Abend so famos, so rund, aromatisch, so perfekt war, sondern die damalige <em>Situation<\/em>, die so  berauschend empfundene Umgebung mit all ihren sensorischen und emotionalen Reizen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zweite Anekdote, die daran ankn\u00fcpft, habe ich w\u00e4hrend meines ersten Urlaubs in der Toskana erlebt: Die (deutsche) Besitzerin der damaligen Ferienunterkunft, eines kleinen alten H\u00e4uschens in der N\u00e4he des Ortes Greve, hatte f\u00fcr unsere etwa sechs Personen umfassende \u00bbClique\u00ab einen italienischen Abend mit einem Men\u00fc unter freiem Himmel im Garten des Anwesens ausgerichtet. Es gab wunderbare hausgemachte Antipasti, k\u00f6stliche Pastagerichte, delikaten Salat und hervorragenden Wein. Alle waren beseelt, dieses Dinner war einfach perfekt \u2013 die warme Abendbrise, die Landschaft, die Unterkunft, das Essen. Als Digestif servierte die Hausherrin f\u00fcr alle, die wollten, eine Runde Grappa. Auch dieser wurde hoch gelobt \u00bbsuper aromatisch\u00ab, \u00bblecker\u00ab, \u00bbsowas kriegt man eben nur hier in Italien\u00ab. Doch die Gastgeberin wartete mit einer Pointe auf, mit der niemand am Tisch gerechnet hatte: \u00bbNee, den bringe ich immer von ALDI mit, wenn ich nach Deutschland fliege. So einen guten habe ich hier noch nicht gefunden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einfluss der jeweiligen Situation darauf, wie gut ein Essen schmeckt \u2013 ob in einem Restaurant oder selbst zubereitet \u2013 kann meiner Erfahrung nach riesig sein. Welcher Anlass liegt dem Essen zugrunde \u2013 ist es ein Candlelight-Dinner, ein Familienfest, die eigene Hochzeit oder der lang ersehnte Traumurlaub? Wo wird das Essen verzehrt \u2013 an einer romantischen Hafenpromenade, in freier Natur bei einem einsamen Picknick, im Restaurant auf der Dachterrasse eines Wolkenkratzers oder im Bordrestaurant eines Schiffs? Wer leistet mir beim Essen Gesellschaft \u2013 der\/die Geliebte, die Eltern, alte, wom\u00f6glich lang nicht getroffene Freunde? Die Endorphine, die w\u00e4hrend solcher Stunden ausgesch\u00fcttet werden, k\u00f6nnen allerhand objektive Unzul\u00e4nglichkeiten bei Geschmack und Qualit\u00e4t der genossenen Speisen und Getr\u00e4nke glattb\u00fcgeln oder sogar ins Gegenteil verkehren, davon bin ich \u00fcberzeugt. Genauso k\u00f6nnen unangenehme Umst\u00e4nde \u2013 schlechter Service, ein Streit unter den G\u00e4sten, penetrante Gesellschaft am Nachbartisch, eine verstopfte G\u00e4stetoilette oder andere Stressfaktoren&nbsp;\u2013 einen kulinarisch eigentlich nicht zu beanstandenden Restaurantbesuch zur gef\u00fchlten und dauerhaft als solche erinnerten Katastrophe brandmarken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin \u00fcberzeugt, man schmeckt nicht nur mit Zunge, Nase und Gaumen, es sind alle Sinne, die beim Genuss eines guten, k\u00f6stlichen und erinnerungsw\u00fcrdigen Mahls involviert sind und noch viele weitere Faktoren. Essen ist eine ganzheitliche Erfahrung, manche der Voraussetzungen daf\u00fcr kann man trainieren oder erlernen, einige kann man kontrollieren oder zu organisieren versuchen, aber andere bleiben schlicht dem Zufall \u00fcberlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmt habe ich beim Nachdenken \u00fcber gutes Essen noch einiges vergessen oder au\u00dfer Acht gelassen. Ich freue mich wie immer \u00fcber Erg\u00e4nzungen, eigene Gedanken, Widersprechen oder Richtigstellungen in den Kommentaren und w\u00fcnsche allzeit guten Appetit!<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/NBR_Pommes.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-9582\" srcset=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/NBR_Pommes.jpg 1024w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/NBR_Pommes-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/NBR_Pommes-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die besten Pommes der Welt? F\u00fcr mich jedenfalls waren sie es in dem Moment und an dem Ort, an dem ich sie a\u00df.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p> <\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_9552\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2024\/03\/04\/schmeckts\/\"  data-item_title=\"Schmeckt\u2019s?\"  data-item_date=\"2024-03-04T12:26:24+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend habe ich mir einen langgehegten Wunsch erf\u00fcllt und bin anl\u00e4sslich meines Geburtstages mit dem Mann in einem Berliner Restaurant essen gegangen, welches nicht [&#8230;]<\/p>\n<div class=\"likebtn_container\" style=\"clear:both;\"><!-- LikeBtn.com BEGIN --><span class=\"likebtn-wrapper\"  data-identifier=\"post_9552\"  data-site_id=\"5ec2910b6fd08bbb5dd94e1f\"  data-theme=\"heartcross\"  data-lang=\"de\"  data-show_dislike_label=\"true\"  data-share_enabled=\"false\"  data-counter_frmt=\"period\"  data-tooltip_enabled=\"false\"  data-i18n_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_after_like=\"gern gelesen\"  data-i18n_after_dislike=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_like_tooltip=\"gern gelesen\"  data-i18n_dislike_tooltip=\"gefiel mir nicht\"  data-i18n_unlike_tooltip=\"\u2764\ufe0f entfernen\"  data-i18n_undislike_tooltip=\"\u274c entfernen\"  data-i18n_popup_close=\"schlie\u00dfen\"  data-i18n_popup_text=\"Danke f\u00fcr Deine Bewertung!\"  data-style=\"\"  data-unlike_allowed=\"\"  data-show_copyright=\"\"  data-item_url=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/2024\/03\/04\/schmeckts\/\"  data-item_title=\"Schmeckt\u2019s?\"  data-item_date=\"2024-03-04T12:26:24+01:00\"  data-engine=\"WordPress\"  data-plugin_v=\"2.6.59\"  data-prx=\"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-admin\/admin-ajax.php?action=likebtn_prx\"  data-event_handler=\"likebtn_eh\" ><\/span><!-- LikeBtn.com END --><\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-9552","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-von-der-tageskarte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9552","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9552"}],"version-history":[{"count":65,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9625,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9552\/revisions\/9625"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.formschub.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}