Zeug

Etwa ein Jahr »vor Corona« schaute ich aus Neugier mal einige Folgen der Netflix-Serie »Aufräumen mit Marie Kondo«. Darin hilft eine etwas animehaft wirkende japanische Dame verschiedenen Menschen während mehrerer Besuche, deren sämtliche in Haushalt und Wohnung aufbewahrten Besitztümer zu sortieren, zu bewerten, auszumisten und letztlich etliches zu entsorgen. Auch ich hatte danach tatsächlich ebenfalls einige Stellen in meinem eigenen Zuhause neu sortiert – vorrangig dort, wo mich die verknäuelte oder gestapelte Lagerung von Dingen schon länger genervt hatte.

Zum gleichen Thema gibt es (natürlich auch von Frau Kondo, aber nicht nur) auch haufenweise Ratgeberbücher, sie heißen »Simplify your Life«, »Einfach entrümpeln« oder »Besser aufräumen, freier leben«. Der Markt dafür ist zweifellos groß, sicher lagert wohl jeder in seiner Wohnung, im Keller oder auf dem Dachboden »Zeug«. Ich persönlich versuche – schon allein, weil meine Wohnung und der dazugehörige Dachboden nicht besonders groß sind – in unregelmäßigen Abständen Dinge auszusortieren und wegzuwerfen, vielleicht auch, weil es in meiner weiteren Verwandtschaft einen moderat ausgeuferten Fall von Sammelwut und Hortmanie gibt, was mich dazu veranlasste, ein Erbe auszuschlagen. Ich hätte das Sortieren der Hinterlassenschaft weder bewältigen wollen noch können.

Ein Anlass zum Abwerfen von Ballast war z.B. vor einigen Jahren die Anschaffung einer neuen Regalwand im Wohnzimmer, was ich zum Anlass nahm, den Inhalt der alten gnadenlos auszumisten. Letztes Jahr zeigten sich dann Ermüdungserscheinungen an der Aufhängung eines Hängeschrankes in der Küche – ebenfalls ein Grund, mich rigoros von kaum genutztem Geschirr und Gläsern zu trennen. Es tut nicht weh, macht Platz und in 99% aller Fälle vermisse ich die entsorgten Dinge hinterher nicht, ja, ich vergesse sogar oft, dass ich sie je besaß.

Trotzdem gibt es eine gewisse Kategorie an Dingen in meinem Besitz, die sich – glücklicherweise in geringer Menge – solchen Revisionen hartnäckig entzieht. Zeug. Und zwar eine bestimmte Art von Zeug, denn Zeug hat tatsächlich Kategorien. Ich habe fünf davon ausfindig gemacht, aber vielleicht gibt es ja sogar noch mehr.

Da ist zunächst (1) das Krempelzeug, das eigentlich ganz klar Müll ist, aber schwer zu entsorgen: Sondermüll wie alte Leuchtstoffröhren, Lack- und Farbreste, Autobatterien oder Reifen, alte Möbelstücke. Das lagert meist irgendwo weit außerhalb des Blickfelds, bis es mich bei einem Wiedersehen schließlich so sehr nervt, dass ich mich aufraffe und endlich den ordnungsgemäßen Abtransport organisiere.

Weiterhin gibt es (2) das Tarnzeug, das ebenfalls unzweifelhaft in die Tonne gehört, das sich aber geschickt inmitten der eigenen Besitztümer versteckt, bis eine Sichtung und Sortierung es zutage bringt: Verpackungskartons oder Gebrauchsanweisungen für längst entsorgte Elektrogeräte, abgetragene oder nicht mehr passende Kleidungsstücke oder Schuhe, alte Handys, Router oder Netzteile, schon lange abgelaufene Lebensmittel und Gewürze im Vorratsschrank – Zeug, das sich harmlos in Schränken und Schubladen als gebrauchsfähiges Relikt tarnt, aber eigentlich nur unnütz Platz wegnimmt, bis man es als Müll entlarvt und sich dessen entledigt.

Danach kommt (3) das sentimental kontaminierte Zeug – so könnten Dinge bezeichnet werden, die schon längst weggeworfen worden wären, wenn nicht im Hinterkopf eine hartnäckige Stimme einwenden würde »… Aber das war doch damals ein Geburtstagsgeschenk von Tante Erna!« oder »… Aber das hat Dir doch Deine Mutter extra als Andenken aus dem Urlaub von Mallorca mitgebracht!«. Sprich: Dinge, die zwar als aufrichtig nett gemeinte Gaben in meinen Besitz gelangten, die ich jedoch selbst niemals angeschafft hätte, die weder meinen Geschmack noch meine Interessen treffen und die ich aus Pietät gegenüber einer verbundenen Person (oft zu lange) nicht der Entrümpelung übergebe.

Meine nächste Kategorie ist (4) das Andenkenzeug. Das sind meist Fotos, Erbstücke, Geschenke oder Mitbringsel, an denen mir tatsächlich etwas liegt. Gegenstände, bei deren Gebrauch oder Betrachtung ich gerne oder auch wehmütig an die damit verbundenen Menschen denke. Manches davon hätte ich mir wohl ohne diesen emotionalen Kontext ebenfalls niemals selber gekauft, aber die schönen Gefühle werten die Optik oder den Gebrauchswert derart auf, dass diese Kombination Grund genug ist, sich nicht davon zu trennen. Vielleicht verblassen die Erinnerungen im Laufe der Zeit bei dem einen oder anderen Gegenstand dann doch irgendwann einmal so sehr, dass das Loslassen und Aussortieren ratsam erscheint, aber wenn nicht, ist das auch okay. Eine Kategorie Zeug, die bleiben darf.

Die letzte Kategorie, mit der ich am häufigsten hadere, ist (5) das Eigenzeug. Das sind Dinge, die irgendwie zu mir, zu meinem Leben oder Lebensphasen, meiner Persönlichkeit, meiner Prägung gehören und mit denen mich oft viele schöne oder bedeutsame Erinnerungen verbinden. Aber dennoch merke ich allmählich, dass ich diese Dinge nicht mehr »benutze«. Das können z.B. Bücher sein, die mich als jüngeren Menschen tief beeindruckt oder bewegt haben, von denen ich aber nahezu sicher bin, dass ich sie nie wieder lesen werde. Das sind CDs mit famoser Musik und Songs aus der Partyzeit »damals™« in Clubs, die heute ungehört im Regal verstauben, ebenso wie Vinyl-Alben von Künstlern, deren innigster Fan ich einst war und deren Musik ich nach wie vor liebe. Dabei besitze ich inzwischen nicht einmal mehr einen Plattenspieler. Auch ein paar VHS-Videocassetten stehen noch in einem Regal, meistens welche, die danach (noch) nicht wieder auf digitalen Medien veröffentlicht wurden, deren Inhalte ich aber sehr mag oder mochte. Doch auch einen Videorecorder zum Abspielen gibt es bei mir nicht mehr, ebenso wie einen Cassettenplayer für die überschaubare Auswahl an »Mixtapes«, die in einer Schublade lagern.

Vielleicht fällt es mir so schwer, mich von diesem größtenteils ungenutzten Eigenzeug zu trennen, weil ich damit irgendwie auch einen Teil von mir selbst wegwerfen würde. Die Musik, die Bücher, Texte, Filme, Bands, Künstler gehören zu mir, sind ich, haben mich begleitet, begeistert, geprägt, bereichert. Ich schaue darauf, nehme vielleicht manchmal etwas davon in die Hand und denke »Ach, ja …«. Und stelle es dann wieder zurück an seinen Platz. Und solange der Anteil dieses Zeugs nicht überhand nimmt, werde ich wohl erstmal damit weiterleben.

(Ich freue mich auf Kommentare, wie Ihr zu Zeug steht, damit umgeht, darüber nachdenkt, was Euch dazu einfällt – auch gerne in Eurem eigenen Blogeintrag. Oder habt Ihr am Ende gar kein Zeug und seid so rigoros bei der privaten Inventur, dass Euer Hausstand zeugfrei ist?)

2 Kommentare

  1. Erst heute wieder habe ich aussortiert. Normalerweise gibt es bei mir eine goldene Faustregel: was ich in den letzten drei Jahren nicht in der Hand hatte, werde ich auch die kommenden nicht brauchen und kann weg. Die Sentimentalitätskategorie ist allerdings eine harte Ausnahme. In die fallen Sachen, die ich alle drei Jahre mal in die Hand nehme, in Erinnerungen schwelge und wenn selbige gut waren, wieder wegstaue.
    Beim Weggeben hilft mir die Vorstellung, dass andere vielleicht noch was damit anfangen können. Folglich habe ich vieles auf dem E-Portal für wenig Geld verkauft oder verschenkt. Anderes findet seinen Weg vor die Haustüre und von dort in fremde Hände. Die Platten laufen bei mir übrigens auch noch, genau wie die CDs und DVDs.

  2. Lieber Formschub. Du sprichst mir aus dem Herzen. Mir geht es ähnlich und Deine Kategorien werden bei künftigen Sortiervorhaben hilfreich sein. Beim Vinyl sieht es bei mir insofern anders aus, als ich meinen Marantz-Plattenspieler mit Baujahr 1986 nachwievor in ziemlicher Heavy Rotation in Betrieb habe. Als 1970 Geborener begleitet er mich seit meinem 16. Lebensjahr. Er und die dazugehörige Stereo-Anlage (auch so ein wunderbar angestaubter Ausdruck) sind samt dem gleichaltrigen „Staub-von-den-laufenden-Platten-Wischer“ mein Lieblingszeug.

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