Die Welt(en) hinter den Buchstaben

Die ersten Buchstaben, an die ich mich erinnern kann, waren die eines ABC-Lernspiels. Die kleinen quadratischen Kunststoffkärtchen zeigten jeweils auf der einen Seite einen schwarzen Großbuchstaben, auf der anderen Seite die einfarbige Zeichnung eines Gegenstandes, der mit diesem Buchstaben begann. Mein Onkel, damals Grundschullehrer, lehrte mich mit diesem Spiel lesen, noch bevor ich vier Jahre alt war.

14 Jahre später, Mitte der Achtziger Jahre, brachte die Popband »Art Of Noise« das Album »In Visible Silence« heraus. Auf dem Cover war der Name der Band in fotografierten »Accidental Letters« zu lesen. Das inspirierte mich und ich zog mit meiner kleinen Analogkamera los, um für eine Weile auf Schritt und Tritt mein eigenes Alphabet dieser Art zu knipsen. Die Fotos habe ich immer noch, lediglich die Buchstaben B, L und U fehlen, ob die Abzüge verschollen sind oder ich sie aus unbekanntem Grund nicht fotografiert habe, ist ungewiss.

Etwa zeitgleich pflegte ich meine selbst aufgenommenen Mixtapes mit sogenannten »Rubbelbuchstaben« zu beschriften. Es gab einen dicken Katalog der Firma Letraset mit hunderten verschiedener Alphabete, natürlich jedes in verschiedenen Schriftgrößen erhältlich und ich hatte etliche dieser Beschriftungsbögen in meinem Besitz. Oft verfremdete ich Buchstaben, indem ich mit einem feinen Skalpell Teile davon noch vor dem Aufrubbeln entfernte oder aus Segmenten mehrerer Buchstaben verschiedener Schriften neue, eigene Lettern zusammensetzte. Einige derart beschriftete Cassetten haben die Jahre überstanden, aber meine Rubbelbuchstabenphase war irgendwann vorbei.

Auch heute in meinem Beruf als Artdirektor und Grafik-Designer habe ich fast täglich mit Buchstaben zu tun. Es macht mir Spaß, für Kunden mit Schriften zu gestalten, Texte zu setzen oder Medien damit zu layouten. Ganz besonders mag ich die Recherche nach einer passenden Schrift, wenn ein Kunde ein neues Logo für sein Unternehmen oder ein neues Produkt in Auftrag gibt. Welche Schrift sieht »maritim« aus (z.B. für einen Kunden aus dem Bereich Schiffsautomation) oder »juristisch« (etwa für eine Anwaltskanzlei)? Ich kann stundenlang die Datenbanken der Schriftanbieter durchsuchen, um nach einem Font zu suchen, der die Branche und das Image des Kunden mit dem neuen Logo typografisch auf den Punkt bringt und ich denke, meist gelingt mir das ganz gut.

Doch die Arbeit mit Schriften in meinem Job bewegt sich meistens auf dem Gebiet der »glatten« Typografie. Professionelle Fonts haben detailliert und präzise ausgearbeitete Buchstabenformen und obwohl es auch tausende Schriften gibt, die »handgemacht« oder »grungy« gestaltet sind, sieht ein und derselbe Buchstabe immer stets 100% gleich aus oder aber ein Algorithmus wechselt beim Tippen zufällig zwischen mehreren leicht unterschiedlichen Formvarianten desselben Buchstabens, so dass organische Variationen in Wörtern simuliert werden, aber es bleibt eine Simulation – berechnet, technisch und artifiziell.

Kommt ein und derselbe Buchstabe einer Computerschrift in einem Wort mehrmals vor, sieht er entweder immer gleich aus oder die Software »rotiert« durch mehrere Formvarianten. Wird der betreffende Buchstabe häufiger verwendet, als es Varianten gibt, wiederholen sich die Letterformen wieder von vorn. Im unteren Beispiel sind offenbar drei verschiedene e-Varianten in der Schrift hinterlegt, das vierte getippte e sieht daher wieder aus wie das erste. Diese Unzulänglichkeit fällt insbesondere bei abgewetzt oder handgeschrieben aussehenden Schriftarten auf.

Und genau an diesem Punkt beginnt meine Begeisterung für besondere Schriften und außergewöhnliche Buchstaben. Ich finde Formen, Schriftzüge und Beschriftungen eigentlich am interessantesten, wenn sie zum Unikat werden. Entweder hat sich ein Laie, ein professioneller Schriftmaler oder ein Gestalter speziell für die zu lösende Aufgabe oder Anwendung eine individuelle Lösung einfallen lassen und diese umgesetzt, mit absichtlich eigens kreierten Lettern und/oder unvermeidbaren, handwerklich bedingten Formabweichungen – oder die Schriftformen bekamen nachträglich durch äußere Einflüsse wie z.B. Verwitterung einen einzigartigen Look. Dann fangen Buchstaben für mich an, Geschichten zu erzählen, die über den dargestellten Text hinausgehen.

Manchmal erkennt man handgezeichnete Schriften sofort, aber bisweilen sind sie auch gut getarnt. Ein Beispiel dafür sind die Titel der deutschen Fernsehserie um die hessische »Familie Hesselbach« aus den 1950er Jahren. Hier enthüllt nur genaueres Hinsehen, dass diese tatsächlich von Hand erstellt wurden, da sich einzelne gleiche Buchstaben formal ganz leicht voneinander unterscheiden. Interessant für typografische Erbsenzähler, aber visuell eher unaufregend.

Interessanter wird es, wenn die Besonderheiten der Buchstaben und Schriftzüge kaum mehr zu übersehen sind. Spätestens seit ein Smartphone mein ständiger Begleiter ist, knipse ich auf jeder Reise, auf alltäglichen Wegen, im Urlaub, beim Einkaufen oder auf Ausflügen typografische »Sehenswürdigkeiten« und poste diese auch unregelmäßig hier im Blog (siehe die Linkliste zu den bisherigen Beiträgen am Ende dieses Postings) und ich möchte im Folgenden mal eine ganze Reihe davon vorstellen, die ich thematisch etwas übersichtlicher gruppiert habe.

Eyecatcher

Dies sind Fundstücke, die eine (manchmal nur kleine) typografische Besonderheit aufweisen, die eindeutig zum Hingucker wird. Mich begeistert immer wieder der Erfindungsreichtum der Skandinavier bei der Formgebung des kleinen Buchstabens »g«, aber auch ein »Buchstabenfriedhof« mit ausgemusterten Leuchtbuchstaben oder das Logo eines dänischen Zimmermanns, der sich mit kindlicher Experimentierfreude jeglichen branchenüblichen Konventionen widersetzt.

Eingeritzt

Bei manchem Naturspaziergang finden sich außer narbigen Liebesgleichungen gelegentlich auch noch andere typografische Botschaften in der einen oder anderen Baumrinde, die zum Nachdenken über die Urheber oder auch zum Gruseln anregen.

Handgeschrieben

Hier ist der Inhalt meistens nicht von der Form zu trennen. Wer hat das wohl geschrieben? In welcher Stimmung war die schreibende Person und inwiefern hat sich ihre Gemütsverfassung vielleicht auch auf die Form der Buchstaben ausgewirkt? Ist das noch »Graffiti« oder irgendwas anderes? Auf jeden Fall sind es sehr persönliche Botschaften.

Eigenwillig

Hier ist der Hintergrund der kreierten Buchstaben und Schriftzüge schon etwas professioneller: der Absender betreibt ganz offensichtlich ein Gewerbe und möchte seine potenziellen Kunden darauf hinweisen oder darüber informieren. Jedoch ist weder typografisches Know-how vorhanden noch ist der Urheber willens oder in der Lage, Geld in professionelle Gestaltungshilfe zu investieren. Und demzufolge buhlen schließlich ungelenke Botschaften und schiefe selbstgebastelte Logos um die Gunst der Kundschaft – auffallend sind sie aber allemal.

Unvollkommen

Hochprofessionell ist der Anspruch, edel die Materialien, teuer die Anbringung (zumindest bis auf das letzte Beispiel). Und doch unterlief den Buchstaben während bzw. nach der Anfertigung oder Installation ein Missgeschick, das erst auf den zweiten Blick auffällt, daher ist diese Bildergalerie mit Erläuterungen versehen.

Ausgelassen

»Hereinspaziert, meine Damen und Herren! Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Jedes Los ein Gewinn!« – auf der Kirmes, dem Jahrmarkt, der Dult, dem Schützenfest tummeln sich die handgefertigten Schriftzüge der Schausteller zuhauf und versuchen die vergnügungswilligen Besucher zu Buden und Fahrgeschäften zu locken. Fröhlich und auffällig muss es sein. Und möglichst bunt.

Dahingegangen

Das Gegenteil der Kirmes ist vermutlich der Friedhof. Hier ist nun endgültig Schluss mit lustig, aber typografisch spannend bleibt es trotzdem. Schaut man sich die Sterbedaten auf den Grabmalen an (sofern sie noch zu lesen sind), wirken einige der Buchstabenformen überraschend modern für jene Zeit.

Vernachlässigt

Der Zustand des Bahnnetzes in Deutschland ist desolat. Seit der Bahn-Reform im Jahr 1994 hat die Deutsche Bahn mehr als 5400 Kilometer ihres Streckennetzes abgebaut, inklusive vieler Stationen. Davon betroffen sind auch etliche teils prunkvolle Bahnhofsgebäude oder Stellwerkposten, die im Vorbeifahren aus dem Zugfenster oder beim Aussteigen als Relikte des dort einst regen Bahnverkehrs ins Auge fallen. Doch sowohl die architektonischen Details als auch die Beschriftungen lassen noch einen Hauch der früheren Pracht erahnen.

Nostalgisch

Die Fünfziger und Sechziger Jahre waren die Glanzzeit der Reklame und des Kinos. Erste Wahl für Werbebeschriftungen jener Zeit waren oftmals handgeformte Neon-Schriftzüge. Spätestens seit dem Einzug preiswerter LED-Leuchtelemente sind die aufwendig gefertigten gasgefüllten Glasgebilde zum teuren Luxus geworden. Aber an manch altem Gebäude, das die Zeit überdauert hat, kann man sie noch sehen, an Lichtspielhäusern, Bars oder Geschäften. Die Formen der Buchstaben sind oft ebenso ästhetisch und eigenwillig wie charakteristisch für die Aufbruchsstimmung und den Zukunftsglauben der Nachkriegszeit. Eine meiner Lieblingsrubriken für famose Buchstabenformen. Als Bonus am Ende dieser Galerie noch zwei Fundstücke aus anderen Bereichen, die aber dennoch ihren gestalterischen Ursprung etwa in derselben Zeit haben.

Geschichtsträchtig

Noch älter als »Retro« und zumeist nicht beleuchtet, aber oftmals entweder überraschend gut erhalten oder liebevoll restauriert, finden sich auch abseits von Bahnhöfen und Kinos historische Schriftzüge mit sehr schönen, individuellen und handgefertigten Buchstabenformen. Manche als großformatige Ladenbeschriftungen, manche nur auf kleinen Tafeln oder Hinweisplaketten. Hinschauen lohnt sich.

Verwittert

Darunter fällt der weitaus größte Teil meines typografischen Fotobestandes. Wenn es keinen Grund mehr gibt, eine Inschrift instand zu halten, weil das Geschäft, Restaurant, Hotel, Unternehmen etc. schon lange nicht mehr existiert, sind die Buchstaben dem Zahn der Zeit ausgesetzt. Sie blättern ab, bleichen aus oder werden übermalt und mit der Zeit bleibt nur noch ein kläglicher, aber interessanter Rest zurück. Ich frage mich oft, wie es wohl aussah und zuging an diesen Orten, als die Beschriftungen entstanden, in welcher Zeit das war und welche Geschichten die Buchstaben erzählen würden, wenn sie es könnten.

Geisterhaft

Noch unscheinbarer als verwitterte Buchstaben sind die Schriftzüge, von denen nur noch ein Schatten ihrer selbst übrig blieb. Die eigentlichen Buchstabenkörper, Schriftfolien oder Leuchtelemente wurden längst entfernt, vielleicht entwendet, sind von selbst abgefallen oder im Laufe der Jahre komplett unkenntlich geworden. Was bleibt, ist wie nach dem Abhängen eines alten gerahmten Bildes an der Wand nur noch ein Umriss, oft kaum noch lesbar. Buchstabenphantome.

Erheiternd

Manche Buchstabensichtung bringt auch einen stillen Humor mit sich. Keine Brüller oder Schenkelklopfer, aber auf eine gewisse Art kleine typografische Pointen.

Das war die vorerst letzte Galerie aus meinem Buchstabenarchiv. Wer sich die Blogbeiträge mit den Ausbeuten meiner typografischen Fotosafaris durch etliche deutsche und europäische Städte anschauen mag, kann die Links der nachfolgenden Liste anklicken. Es lohnt sich auf jeden Fall, zu Hause und auf Reisen selber mal die Augen offenzuhalten und nach Buchstaben zu suchen, die Geschichten erzählen. Es gibt viel zu entdecken.

Typografische Fundstücke von unterwegs

Zeug

Etwa ein Jahr »vor Corona« schaute ich aus Neugier mal einige Folgen der Netflix-Serie »Aufräumen mit Marie Kondo«. Darin hilft eine etwas animehaft wirkende japanische Dame verschiedenen Menschen während mehrerer Besuche, deren sämtliche in Haushalt und Wohnung aufbewahrten Besitztümer zu sortieren, zu bewerten, auszumisten und letztlich etliches zu entsorgen. Auch ich hatte danach tatsächlich ebenfalls einige Stellen in meinem eigenen Zuhause neu sortiert – vorrangig dort, wo mich die verknäuelte oder gestapelte Lagerung von Dingen schon länger genervt hatte.

Zum gleichen Thema gibt es (natürlich auch von Frau Kondo, aber nicht nur) auch haufenweise Ratgeberbücher, sie heißen »Simplify your Life«, »Einfach entrümpeln« oder »Besser aufräumen, freier leben«. Der Markt dafür ist zweifellos groß, sicher lagert wohl jeder in seiner Wohnung, im Keller oder auf dem Dachboden »Zeug«. Ich persönlich versuche – schon allein, weil meine Wohnung und der dazugehörige Dachboden nicht besonders groß sind – in unregelmäßigen Abständen Dinge auszusortieren und wegzuwerfen, vielleicht auch, weil es in meiner weiteren Verwandtschaft einen moderat ausgeuferten Fall von Sammelwut und Hortmanie gibt, was mich dazu veranlasste, ein Erbe auszuschlagen. Ich hätte das Sortieren der Hinterlassenschaft weder bewältigen wollen noch können.

Ein Anlass zum Abwerfen von Ballast war z.B. vor einigen Jahren die Anschaffung einer neuen Regalwand im Wohnzimmer, was ich zum Anlass nahm, den Inhalt der alten gnadenlos auszumisten. Letztes Jahr zeigten sich dann Ermüdungserscheinungen an der Aufhängung eines Hängeschrankes in der Küche – ebenfalls ein Grund, mich rigoros von kaum genutztem Geschirr und Gläsern zu trennen. Es tut nicht weh, macht Platz und in 99% aller Fälle vermisse ich die entsorgten Dinge hinterher nicht, ja, ich vergesse sogar oft, dass ich sie je besaß.

Trotzdem gibt es eine gewisse Kategorie an Dingen in meinem Besitz, die sich – glücklicherweise in geringer Menge – solchen Revisionen hartnäckig entzieht. Zeug. Und zwar eine bestimmte Art von Zeug, denn Zeug hat tatsächlich Kategorien. Ich habe fünf davon ausfindig gemacht, aber vielleicht gibt es ja sogar noch mehr.

Da ist zunächst (1) das Krempelzeug, das eigentlich ganz klar Müll ist, aber schwer zu entsorgen: Sondermüll wie alte Leuchtstoffröhren, Lack- und Farbreste, Autobatterien oder Reifen, alte Möbelstücke. Das lagert meist irgendwo weit außerhalb des Blickfelds, bis es mich bei einem Wiedersehen schließlich so sehr nervt, dass ich mich aufraffe und endlich den ordnungsgemäßen Abtransport organisiere.

Weiterhin gibt es (2) das Tarnzeug, das ebenfalls unzweifelhaft in die Tonne gehört, das sich aber geschickt inmitten der eigenen Besitztümer versteckt, bis eine Sichtung und Sortierung es zutage bringt: Verpackungskartons oder Gebrauchsanweisungen für längst entsorgte Elektrogeräte, abgetragene oder nicht mehr passende Kleidungsstücke oder Schuhe, alte Handys, Router oder Netzteile, schon lange abgelaufene Lebensmittel und Gewürze im Vorratsschrank – Zeug, das sich harmlos in Schränken und Schubladen als gebrauchsfähiges Relikt tarnt, aber eigentlich nur unnütz Platz wegnimmt, bis man es als Müll entlarvt und sich dessen entledigt.

Danach kommt (3) das sentimental kontaminierte Zeug – so könnten Dinge bezeichnet werden, die schon längst weggeworfen worden wären, wenn nicht im Hinterkopf eine hartnäckige Stimme einwenden würde »… Aber das war doch damals ein Geburtstagsgeschenk von Tante Erna!« oder »… Aber das hat Dir doch Deine Mutter extra als Andenken aus dem Urlaub von Mallorca mitgebracht!«. Sprich: Dinge, die zwar als aufrichtig nett gemeinte Gaben in meinen Besitz gelangten, die ich jedoch selbst niemals angeschafft hätte, die weder meinen Geschmack noch meine Interessen treffen und die ich aus Pietät gegenüber einer verbundenen Person (oft zu lange) nicht der Entrümpelung übergebe.

Meine nächste Kategorie ist (4) das Andenkenzeug. Das sind meist Fotos, Erbstücke, Geschenke oder Mitbringsel, an denen mir tatsächlich etwas liegt. Gegenstände, bei deren Gebrauch oder Betrachtung ich gerne oder auch wehmütig an die damit verbundenen Menschen denke. Manches davon hätte ich mir wohl ohne diesen emotionalen Kontext ebenfalls niemals selber gekauft, aber die schönen Gefühle werten die Optik oder den Gebrauchswert derart auf, dass diese Kombination Grund genug ist, sich nicht davon zu trennen. Vielleicht verblassen die Erinnerungen im Laufe der Zeit bei dem einen oder anderen Gegenstand dann doch irgendwann einmal so sehr, dass das Loslassen und Aussortieren ratsam erscheint, aber wenn nicht, ist das auch okay. Eine Kategorie Zeug, die bleiben darf.

Die letzte Kategorie, mit der ich am häufigsten hadere, ist (5) das Eigenzeug. Das sind Dinge, die irgendwie zu mir, zu meinem Leben oder Lebensphasen, meiner Persönlichkeit, meiner Prägung gehören und mit denen mich oft viele schöne oder bedeutsame Erinnerungen verbinden. Aber dennoch merke ich allmählich, dass ich diese Dinge nicht mehr »benutze«. Das können z.B. Bücher sein, die mich als jüngeren Menschen tief beeindruckt oder bewegt haben, von denen ich aber nahezu sicher bin, dass ich sie nie wieder lesen werde. Das sind CDs mit famoser Musik und Songs aus der Partyzeit »damals™« in Clubs, die heute ungehört im Regal verstauben, ebenso wie Vinyl-Alben von Künstlern, deren innigster Fan ich einst war und deren Musik ich nach wie vor liebe. Dabei besitze ich inzwischen nicht einmal mehr einen Plattenspieler. Auch ein paar VHS-Videocassetten stehen noch in einem Regal, meistens welche, die danach (noch) nicht wieder auf digitalen Medien veröffentlicht wurden, deren Inhalte ich aber sehr mag oder mochte. Doch auch einen Videorecorder zum Abspielen gibt es bei mir nicht mehr, ebenso wie einen Cassettenplayer für die überschaubare Auswahl an »Mixtapes«, die in einer Schublade lagern.

Vielleicht fällt es mir so schwer, mich von diesem größtenteils ungenutzten Eigenzeug zu trennen, weil ich damit irgendwie auch einen Teil von mir selbst wegwerfen würde. Die Musik, die Bücher, Texte, Filme, Bands, Künstler gehören zu mir, sind ich, haben mich begleitet, begeistert, geprägt, bereichert. Ich schaue darauf, nehme vielleicht manchmal etwas davon in die Hand und denke »Ach, ja …«. Und stelle es dann wieder zurück an seinen Platz. Und solange der Anteil dieses Zeugs nicht überhand nimmt, werde ich wohl erstmal damit weiterleben.

(Ich freue mich auf Kommentare, wie Ihr zu Zeug steht, damit umgeht, darüber nachdenkt, was Euch dazu einfällt – auch gerne in Eurem eigenen Blogeintrag. Oder habt Ihr am Ende gar kein Zeug und seid so rigoros bei der privaten Inventur, dass Euer Hausstand zeugfrei ist?)

Es geht voran

Ich stehe in Hamburg Hauptbahnhof an einem Bahngleis. Der gesamte Bahnsteig ist schwarz vor Menschen. Ein Zug fährt ein und die aus den Türen quellende Menge an Passagieren versucht sich einen Weg durch die wartenden Fahrgäste zu den Ausgängen oder Anschlussgleisen zu bahnen. Sicherheitspersonal der Bahn weist die Menschen darauf hin, doch bitte die schraffierte Sicherheitszone an der Bahnsteigkante freizuhalten. Manchmal klappt das, manchmal schwappt die Menschenmenge wie zur Seite geschobener Pudding gleich nach dem Abgang der Security wieder zurück vor die weiße Linie. Ein ICE fährt im Schrittempo an uns vorbei und verschafft sich deutlich nachhaltiger Abstand und Respekt durch ein gellendes Hornsignal. Für meinen Zug wurden erst 5 Minuten Verspätung angekündigt, dann 15. Inzwischen ist seit 20 Minuten noch kein Zug zu sehen und keine Ansage gibt ein Update. Ein Gleiswechsel für einen anderen Regionalzug wird durchgesagt. Auf der elektronischen Anzeigetafel rutscht die Meldung für den ersatzlosen Ausfall eines weiteren Regionalzuges nach oben ins Blickfeld. Ein paar Teenager haben es sich auf dem Asphalt neben ihrem Gepäck niedergelassen und vertreiben sich die Zeit mit ihren Smartphones.

Endlich wird »mein« Zug angesagt, 25 Minuten später als geplant. Langsam fährt der »Metronom« ein. Es ist ein Pendelzug, der unentwegt zwischen zwei Regionalbahnhöfen pendelt. Die Verspätung sei begründet in »Verzögerungen aus vorhergehender Fahrt«, heißt es. Der Zug hält, die Türen öffnen sich (glücklicherweise eine davon direkt vor mir) und die Passagiere ergießen sich auf den vollen Bahnsteig. Ungeduldig warten die neuen Fahrgäste seitlich der Türöffnungen auf das Versiegen der aussteigenden Menge Reisender, dann werden Wagen, Abteile und Gänge sofort wieder in Beschlag genommen. Ich bekomme einen Einzelsitzplatz im oberen Deck, die meisten Reisenden sind offenbar zu mehreren unterwegs und möchten gerne zusammen sitzen. Ich habe nicht viel Gepäck, deshalb bin ich nicht auf die völlig unterdimensionierten »Gepäckablagen« über den Sitzen angewiesen. Der Zugführer ermahnt die Fahrgäste per Durchsage, zurückzutreten und nicht fortwährend ihre Köpfe aus den Türen zu stecken, man wolle nun gerne möglichst umgehend abfahren. Ein Schwatzen und Lärmen liegt in der Luft. Irgendwo weint ein Kind, eine Spieluhr wird aktiviert, »Schlaf, Kindchen schlaf« klingelt hell durch den Wagen. Bei jedem Halt kommt Bewegung in die Menge, Menschen stehen auf, kommen durch, wollen raus, machen Platz. Erneute Durchsage des Zugführers, gleiches Thema wie vorhin, nur eine Spur bestimmter in der Tonlage. Gleich danach formuliert eine weibliche Zugbegleiterin dieselbe Bitte nach zügigem Aus- und Zustieg und Freihalten der Türöffnungen noch mal etwas freundlicher, so als würde Mama noch mal sanfter formulieren, was Papa zuvor kommandiert hat. Der Zug hat nun rund 30 Minuten Verspätung, die Hoffnung auf meinen Umstieg an meiner Zwischenstation innerhalb der fahrplanmäßig veranschlagten 5 Minuten habe ich bereits in Hamburg am Hauptbahnhof fahren lassen. Ich habe keine Termine, bin nicht auf pünktliches Ankommen angewiesen. Mein Laptop habe ich im Rucksack dabei, ich kann beim Fahren oder beim Warten an Unterwegsbahnhöfen arbeiten, glücklicherweise ist im Büro ein wenig »Sommerloch« und es gibt nur wenige, größtenteils entspannte Deadlines für meine Projekte.

Wir erreichen den Zielbahnhof dieses Zuges, Uelzen. Ein Bahnhof mit einer sonderbaren Gleisnummerierung und sehr schmalen Bahnsteigen, an denen nur einseitig Züge halten, die andere Seite wird durch ein Metallgitter begrenzt. Wir fahren an Bahnsteig 302 ein, für mich geht es weiter an Gleis 304. Alle Fahrgäste müssen gleichzeitig den Zug verlassen, der Bahnsteig ächzt förmlich unter der Last der aussteigenden Menschen. Selbst bei pünktlicher Ankunft hätte ich nie im Leben innerhalb von 5 Minuten mein Anschlussgleis erreicht, das wird mir nun klar. Egal. Ich habe mich bereits unterwegs informiert – 30 Minuten später fährt bereits der nächste Regionalzug, mit dem ich meine Reise fortsetzen kann. Ich folge der Bewegung der Menschenmenge langsam in Richtung der einzigen schmalen Treppe, die zu den anderen Gleisen und zum Ausgang führt. Manche Reisende führen monströs große Rollkoffer mit sich, neben denen sie fast winzig wirken, angesichts des engen Abgangs ohne Rolltreppe verschattet sich ihre Miene. An meinem Anschlussgleis warten deutlich weniger Menschen, die Weiterfahrt scheint etwas entspannter zu werden. Als der Zug einfährt, bekommen fast alle Fahrgäste einen Sitzplatz. An einem Vierertisch kommen einander fremde Reisende ins Gespräch. Einer hat ein Laptop dabei, die Kameralinse ist abgeklebt, er gibt seinen Sitznachbarn anhand der Bahn-Website Hinweise für die Fortsetzung ihrer Reise. Im hinteren Teil des Wagens schreit ein Kleinkind, laut, unentwegt, zornig und in sehr hochfrequenten Tönen. Ich hole meine Noise-Cancelling-Ohrhörer heraus und dämpfe so den Trubel, zumindest ein wenig. Die Schar der Passagiere ist bunt gemischt: Familien, Alleinreisende, Senioren, verschiedenste Hautfarben, von elegant über casual bis leicht abgetragen gekleidet. Eine Zugbegleiterin kontrolliert die Fahrscheine. Der Zug fährt pünktlich weiter von Station zu Station, mit der geringeren Anzahl an Fahrgästen reduzieren sich die Verzögerungen bei den Zwischenhalten. Ich muss nun noch ein weiteres Mal umsteigen, diesmal allerdings mit einer Wartezeit von 90 Minuten, denn der letzte Teilzug verkehrt nur alle zwei Stunden, ohne die Verspätung des ersten Zuges hätte ich nur 30 Minuten zu warten gehabt.

Am letzten Zwischenhalt, Stendal, hole ich mir im Kiosk in der Bahnhofshalle ein »Warte-Eis«. Ich setze mich auf eine metallene Sitzreihe am nahegelegenen Busbahnhof und warte auf die Bereitstellung meines letzten Anschlusszuges. Mit dem Eis, dem Beobachten der Menschen um mich herum und etwas Arbeit am Computer vergeht die Zeit vergleichsweise schnell, der erwartete Zug fährt bereits 30 Minuten vor Abfahrt hinter mir am Gleis ein. Ich suche mir im fast leeren Wagen einen Sitzplatz und setze meine Arbeit fort. Nach und nach füllt sich auch dieser Zug, die Menschen wirken nun eher so, als lebten sie hier in der Gegend und nutzten den Zug zum Pendeln, Einkaufen, einander besuchen. Erneut ist die Abfahrt pünktlich, ich erreiche mein Ziel, Rathenow, um 18:55 Uhr, eine Stunde später als anfangs geplant. Der Mann holt mich am Bahnhof ab.

Ein großer Teil der oben geschilderten Ereignisse, Abläufe und Beobachtungen auf meiner Reise besteht aus ungeplanten Zwischenfällen, Verzögerungen, Beeinträchtigungen. Bin ich deshalb genervt oder sauer? Auf die Bahn oder auf die Fahrgäste? Nein. Ich habe das 9-Euro-Ticket genutzt, wie vermutlich die meisten anderen meiner Mitreisenden. Wäre dieselbe Verbindung eine Fernverbindung zum »Normalpreis« gewesen, hätte ich der Bahn einen nicht unerheblichen Geldbetrag in Erwartung der Erbringung einer möglichst reibungslosen Beförderungsleistung übergeben. Dann wäre ich genervt von Verspätungen, Änderungen, verpassten Anschlüssen. Das 9-Euro-Ticket hingegen kostet zwar immer noch Geld, aber eigentlich ist es ein Geschenk. Ein Geschenk an sehr sehr viele Leute, die sich bislang solche Reisen tatsächlich nicht leisten konnten oder die Bahn als Verkehrsmittel für sich schlicht nicht »auf dem Schirm« hatten. Sie alle können sich nun alternativ fortbewegen, frei nach eigenem Ermessen und auch auf längeren Strecken, ohne eigenen Pkw. Sie können eine Reise machen, einfach zur Erholung oder um nahestehende Menschen zu besuchen, sie können Urlaub machen, am Leben und an mehr Mobilität teilhaben. Sicher, wenn man am Ziel seiner 9-Euro-Fahrt einen wichtigen feststehenden Termin hat, das Ticket zum möglichst pünktlichen Pendeln zur Arbeitsstätte nutzt, oder spät abends unterwegs irgendwo unerwartet »strandet«, hat man allen Grund, sich darüber zu ärgern und wird vielleicht beim nächsten Anlass wieder gezwungenermaßen auf das verlässlichere Verkehrsmittel Auto ausweichen (sofern es auf der Route keine Staus gibt). Aber das Gros der Fahrgäste profitiert von diesem Geschenk. Und über Geschenke regt man sich eigentlich nicht auf. Für die Bahn und alle Verkehrsträger sollte, ja, muss dieses Experiment ein Ansporn sein. Ein Ansporn, Kapazitäten, Infrastruktur, Verbindungen und Angebote in bisher ungekanntem Maße auszubauen und zu verbessern. Vermutlich wird das 9-Euro-Ticket nicht zu denselben Konditionen fortgesetzt, es wird teurer werden, hoffentlich mit einem gestaffelten Tarif- und/oder Gültigkeitssystem, das dann nicht »zurückfällt« und finanziell schlechter Gestellte wieder wie zuvor benachteiligt oder ausschließt. Ich hoffe darauf. Und für mich ist nach einigen Fahrten das 9-Euro-Ticket ein Ereignis, das ich eigentlich noch eher als ein »Sommermärchen« bezeichnen würde als damals die Fußball-WM 2006.

Foto: T. Bregenzer

Burrata mit Tomaten-Vanille-Ragout

Im vorhergehenden Blogbeitrag erwähnte ich eine vortreffliche italienische Vorspeise, die ich gleich zwei Mal im italienischen Restaurant Bellini in Stralsund genossen hatte. Schon beim ersten Mal nahm ich mir vor, zu versuchen, dieses Gericht zu Hause »nachzubauen«. Das habe ich inzwischen getan und ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nun müsste man in bester Kitchen Impossible-Manier natürlich das Original mit meiner »Fälschung« vergleichen, um die letzten Unterschiede zu erschmecken und ggf. auszugleichen. Aber es schmeckt zu 100% wie in meiner noch frischen Erinnerung und das ist ja eigentlich das Wichtigste.

Falls Interesse am Nachkochen besteht, hier das rekonstruierte Rezept.

Zutaten (für 2 Portionen):

2 Kugeln Burrata (leicht gekühlt, aber nicht kühlschrankkalt)
1/2 EL Butter
250 g möglichst aromatische Cherrytomaten, geviertelt
2 Blätter Basilikum, in schmale Streifen geschnitten
sowie einige ganze Basilikumblätter zum Garnieren
2 cl (ca. 1 Schnapsglas voll) Portwein oder Madeira
2 cl Wasser
1 Msp. Vanilleschote, gemahlen (oder ausgekratztes Vanillemark)
1/2 Msp. Cayennepfeffer
1 TL Ahornsirup
etwas Pfeffer
Salz
Balsamico

Die Butter bei starker Hitze schmelzen, bis sie leicht schäumt. Die Cherrytomaten, Vanille und Basilikum zugeben, Hitze reduzieren und 3 min unter gelegentlichem Umrühren köcheln lassen. Mit Portwein und Wasser ablöschen und weitere 5 min mit geschlossenem Deckel dünsten lassen. Dann Ahornsirup, Cayennepfeffer und Pfeffer zugeben und unterrühren. Mit Salz und Balsamico mild-fruchtig abschmecken. Das Ragout sollte nicht zu dessert-süß und nicht zu tomatensoßig-salzig sein, und die unterschwellige Schärfe von Pfeffer und Cayennepfeffer sollte auf der Zunge deutlich spürbar werden, sie wird später von der sahnigen Frische der Burrata wieder gemildert.

Die abgetropften Burrata jeweils in die Mitte eines tiefen Tellers legen, mit dem heißen Tomatenragout überschöpfen und mit etwas Basilikum garnieren.

Aus meiner Sicht eine perfekte Vorspeise für den Sommer.

Eine Woche an der Ostsee

Nun sind die Reisewochen vorüber. Als letzte Etappe nach Regensburg und Berlin war nun – mal wieder – Stralsund an der Reihe. Es gab gleich mehrere Gründe, die schöne Hansestadt erneut zu besuchen: Zum Ersten war der Mann gebeten worden, ein Clavichord für das erste Konzert der diesjährigen Greifswalder Bachwoche (13.–19.06.2022) zur Verfügung zu stellen. Zum Zweiten würde genau dieses Instrument bei diesem Konzert von unserer Schweizer Trauzeugin gespielt werden, die wir aus diesem Anlass erstmals seit drei Jahren wiedersehen würden. Zum Dritten war sie nicht nur eigens bereits einige Tage früher nach Berlin angereist, um von dort aus mit uns am Wochenende gemeinsam nach Stralsund in eine schöne Ferienunterkunft zu reisen, sondern hatte auch noch zwei Tage nach dem Konzert »drangehängt«. Zum Vierten hatte der Mann exakt am Datum des Konzerts Geburtstag und zum Fünften und Letzten folgte am Tag danach unser dritter Hochzeitstag und geheiratet hatten wir am 14. Juni 2019 in – Stralsund.

Die Abreise am Sonntag begann etwas unruhig, da das Internet vermeldete, die Straßen in der Berliner Innenstadt seien aufgrund gleich zweier Großveranstaltungen flächendeckend gesperrt. Eine davon war die Fahrrad-Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) mit zehntausenden angekündigten Teilnehmern. Doch der Mann lotste uns geschickt an den rot markierten Strecken auf Google Maps vorbei; seltsamerweise war tatsächlich auf unserer gesamten Route aus der Stadt heraus sogar auffallend wenig Verkehr. Entweder waren die Berliner aufgrund der eventbedingten Sperrungen vorsorglich gleich reihenweise zu Hause geblieben oder es waren schlicht aufgrund der exorbitanten Treibstoffpreise (trotz »Tankrabatt«) weniger Autofahrer unterwegs. Und so kamen wir nach rund 3,5 Stunden mit nur einer kleinen Autobahn-Stauumfahrung am frühen Nachmittag an unserer Unterkunft an.

Die Begrüßung gestaltete sich etwas unstimmig, ich nenne solche Momente nach einem Album der Talking Heads gern »Sand in the Vaseline«. Vor der Unterkunft erwartete uns der Vermieter des Appartements, ein sonnengegerbter ca.-Mittsechziger. Nachdem er beim Einparken den Tempoherz-Aufkleber am Heck unseres Wagens gesehen hatte, stieg er recht zügig darauf ein. Ob wir auch »so welche« seien, die sich für ein Tempolimit stark machten, die Grünen hätten »es« ja dann bald »geschafft«. Ich versuchte, mit dem Faktenargument zu kontern, dass reduzierte Geschwindigkeit tatsächlich Sprit spare (laut Bordcomputer hatte unser Skoda Kombi erfreuliche 4,8 l pro 100 km verbraucht), aber mir als Antwort nur ein flapsiges »So’n Quatsch!« angeboten wurde, sagte ich nur »Ich denke, bei diesem Thema kommen wir nicht zusammen« und beendete die Diskussion. Überraschenderweise war die Stimmung zwischen ihm und uns danach keineswegs getrübt, er führte uns freundlich durch die Räumlichkeiten und war auch bei weiteren Begegnungen in den folgenden Tagen ausgesprochen entgegenkommend. Vielleicht ist die nachdrückliche Beendigung streitträchtiger Gespräche tatsächlich ein gutes Rezept für gegenseitigen Respekt.

Nach dem Ausladen des Gepäcks nebst dem mitgebrachten Instrument holten wir in der Nähe noch drei Leihfahrräder ab und gönnten uns auf der Sonnenterrasse einer Braugaststätte an der Hafenpromenade ein Willkommensbier. Das Ziel zum Abendessen danach lag in »spitting distance« fast gegenüber, ein vertrauter, sehr guter »Italiener«. Meine Vorspeise beeindruckte mich nachhaltig: eine cremige Kugel Burrata in einem warmen Cherrytomatenragout, gewürzt mit Vanille und Basilikum – so köstlich, dass ich mir vorgenommen habe, dieses Gericht in der heimischen Küche demnächst nachzubauen. Wieder in der Unterkunft, feierten wir dann noch zu dritt in des Mannes Geburtstag hinein.

Die Aromen vollreifer Tomaten mit Vanille, dazu die zartschmelzende Burrata – ein Traum!

Am Montag Morgen, nach einem guten Frühstück, hatte ich eine Weile zu arbeiten. Der Mann und die Trauzeugin machten sich kurz nach Mittag auf den Weg nach Greifswald, um das Konzert vorzubereiten, ich wollte zwei Stunden später mit dem Zug rechtzeitig dazustoßen. Die Zugfahrt sollte meine erste unter Nutzung des »Neun-Euro-Tickets« sein. Ich hatte mich etwas verkalkuliert beim Abschätzen der Zeit, die ich für die Fahrradstrecke von der Unterkunft zum Bahnhof benötige und musste nach dem Abstellen des Rades dann ziemlich spurten, um rechtzeitig am Gleis zu sein. Kaum am Platz, fiel mir auf, dass ich den Schlüssel des Fahrradschlosses nicht bei mir hatte, abgeschlossen hatte ich das Rad auf jeden Fall, aber wohl in der EIle vergessen, den Schlüssel abzuziehen. Das Rad stand nicht direkt auf dem Bahnhofsvorplatz, sondern etwas abseits in einer schattigen Ecke mit weiteren Fahrradständern, und so versuchte ich, meine aufkommende Unruhe damit zu beschwichtigen, dass das Rad an dieser Stelle wahrscheinlich in den nächsten Stunden keinem Langfinger auffallen würde.

Das Konzertpublikum war »wohlerzogen« und lauschte der leisen Klängen des Clavichords in der Aula der Universität ohne Husten, Rascheln und sonstige Nebengeräusche. Am besten aus dem naturgemäß sehr »bachlastigen« Programm gefiel mir ein Stück von Pachelbel mit einigen rasend schnellen Tastaturläufen und einmal mehr beneidete ich Menschen wie unsere Freundin, die ein Instrument derart virtuos beherrschen. Gleich nach Zugabe und Schlussapplaus machte ich mich dann aber doch zügig auf die Rückreise, um nach meinem nachlässig abgestellten Rad zu schauen. Glücklicherweise bewahrheitete sich meine Hoffnung und es stand mit im Schloss steckenden Schlüssel nach wie vor am Bahnhof. Glück gehabt!
Abendessen mit rustikaler, guter Küche in der bereits gestern besuchten Braugaststätte, diesmal aufgrund der Abendfrische jedoch drinnen.

Am Hochzeitstag, dem Dienstag, war eine Radtour über Rügen geplant. Eine Herausforderung für unsere Begleiterin, denn sie hatte aus gesundheitlichen Gründen seit über 6 Jahren kein Rad mehr bestiegen, sicherte uns jedoch zu, dass sie – wenn auch mit bedächtigem Tempo – sich wieder dazu imstande fühlte.
Die Tour begann an der Stralsunder Hafenpromenade mit einer Fährüberfahrt zum Rügener Anleger »Altefähr« und von dort aus auf einem ausgewiesenen Radweg, teils mit Schotterstrecken, teils mit betonierten/asphaltierten Wegen, zur geplanten vorläufigen Endstation, der Rügener Insel-Brauerei. Bei sommerlichem, aber frischwindigem Wetter kamen wir gemächlich voran; unterwegs fiel mir am liegenden Stamm einer großen umgestürzten Weide erstmals ein »Schwefelporling« auf – ein essbarer Pilz, der von April bis Juni an toten oder absterbenden Bäumen zu finden ist und der durcherhitzt und zubereitet nach Hühnchenfleisch schmecken soll, weshalb er im englischen Sprachraum auch »chicken of the woods« genannt wird. Mangels eines Schneidwerkzeugs hobelte ich den stattlichen Fruchtkörper mit einer abgelaufenen Kreditkarte vom Stamm, wobei ich noch strauchelte und mir einige leicht blutende Kratzer am Handgelenk zuzog. Aber diesen Preis zahlte ich gerne für diese schon länger erhoffte Pilzfundpremiere. Im Leinenbeutel im Rucksack verstaut, ging es dann weiter.

Der schon etwas ältere, aber noch genießbar weiche Schwefelporling wog mindestens ein Kilo.

Die nächste Zwischenstation war die kleine, leider verschlossene »Kapelle Bessin« aus dem Jahr 1482. Da sich unsere Freundin als professionelle Musikerin mit besonderer Begeisterung Alter Musik aus der Zeit um deren Erbauung widmet, war dies ein schöner und thematisch sehr passender Haltepunkt.

Nach der Erfrischung im Biergarten der Insel-Brauerei ging es dann, kräftigem Gegenwind entgegenstrampelnd, über gute Radwege, den Rügendamm und die Altstadt, zwecks wohlverdienter Stärkung in ein gutbürgerliches Lokal am neuen Stralsunder Marktplatz. Ich entschied mich aus einem leicht nostalgischem Geführ heraus für »gebackenen Camembert mit Preiselbeeren« und »Matjesfilet in Aalrauch mit hausgemachter Remoulade, Apfelspalten und Bratkartoffeln«. Wenn schon gutbürgerlich, dann richtig.
Insgesamt kam bei mir während dieses Ausflugs ein echtes »Sommerferiengefühl« auf. Sonne, Wind, Meer, Felder voller Mohn und Kornblumen, der Radelfahrtwind im Gesicht – es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch.

Trinkbares Gold.

Der Mittwoch begann mit einem Abschied: unsere Freundin und Reisegefährtin musste Stralsund verlassen und zurück nach Hause fahren. Der Mann brachte sie vormittags zum Bahnhof und so hatten wir den Rest des Tages dann »nur noch« allein zur Verfügung. Wir beschlossen, abends mal nicht auswärtig essen zu gehen, der Mann besorgte Spargel und Schinken und wir bereiteten alles für einen geselligen Zuhauseabend mit Heimkino vor. Am Nachmittag machten wir noch eine kleinere Wanderung auf Rügen auf der Halbinsel Wampen, durch Wald und über Feld bis zur Küste und beschlossen den Ausflug (natürlich!) mit einem Bier im Freien. Serientipp, auch im Kontext der aktuellen Konfliktlage Europas und der Ukraine mit Russland: die norwegische Serie »Occupied« über eine russische Besatzung des Landes durch Russland aufgrund von Differenzen zur Versorgung mit Gas und Öl – hochaktuell, spannend und mit nervenzehrenden Cliffhangern der Folgen. Zum Zeitpunkt dieses Blogbeitrags vollständig abrufbar in der arte Mediathek.

Vor dem Hauptgang mit Spargel bereitete ich noch den tags zuvor geernteten Schwefelporling zu, mit Zwiebeln angebraten und im Ofen 20 Minuten weitergebacken. Von dem gut 1 kg schweren Pilz blieb am Ende nach dem Putzen noch gut die Hälfte übrig, denn da er schon etwas älter war, gab es im Inneren bereits einige zu feste Bereiche, die minder gut schmecken sollen und daher sortierte ich sie aus. Geschmacklich war der Rest aber ausgesprochen schmackhaft. Fände ich erneut einen solchen Pilz, würde ich beim nächsten Mal ausprobieren, ihn tatsächlich anstelle des Hühnerfleisches zu einem indischen Hühnercurry zu verarbeiten. »Chicken of the Woods Korma« oder so.

Die zweite bemerkenswerte Wanderung während dieser Tage fand am Donnerstag statt. Mit dem Rad fuhren wir gut 9 km zum »Pütter See«, wo der fußläufige Teil der Tour begann. Laut Wandernavi des Mannes sollten wir eine Weide überqueren, die wir zwar umzäunt und mit einem Gittertor verschlossen vorfanden, das sich aber mit einer Klinke problemlos öffnen ließ. Nach 100 Metern bemerkten wir etliche Rinder beim Grasen, die neugierig in unsere Richtung sahen, darunter auch einige imposante pechschwarze Stiere mit durchaus beeindruckenden, langen und spitzen Hörnern, die uns beim etwas bangen Entlangschleichen dicht am Zaun des Geländes dauerhaft und misstrauisch musterten. Ich weiß nun ziemlich sicher, wo das Wort »stieren« seinen Ursprung hat.

Die Wanderroute ging gleichermaßen urwüchsig weiter. Am Ende der Weide mussten wir über einen niederliegenden Zaunabschnitt und durch ein Brennesselareal steigen (mit langen Hosen, glücklicherweise), dann setzte sich der Weg fort über einen beidseitig von Wasser und Schilf begrenzten Damm. Wir überkletterten umgestürzte Bäume, suchten Durchgänge zu wegsamen Pfaden an dicht bewachsenen Waldrändern, sahen unheimliche, knorrige Baumriesen, umgingen ein großes Getreidefeld und entdeckten eine quadratmetergroße Stelle dicht bewachsen mit vollreifen Walderdbeeren, die uns zu einem ausgiebigen Snack verführte. Auf der gesamten Strecke begegneten wir keinem einzigen Mensch, obgleich wir etliche wilde Wege mit schwachen erkennbaren Fahrrinnen bewanderten, die wohl gelegentlich Nutzfahrzeuge befuhren.

Live-Berichterstattung aus der Wanderwildnis.

Auf dem Rückweg versuchten wir, die erneute Querung der Viehweide vom Anfang möglichst zu vermeiden und fanden einen schmalen Trampelpfad, der allerdings von fast mannshohen Gräsern beinahe zugewuchert war. An den Fahrrädern angelangt, zeigte sich die »Ernte«: unzählige Zecken, vor allem auf der Hose. Da ich vorangegangen war, hatte ich die meisten abgestreift und entfernte noch vor dem Zurückradeln ein rundes Dutzend von meiner Kleidung, im weiteren Verlauf des Tages weitere fünf bis sechs und in den Tagen bis zur Abreise musste sogar die stets mitgeführte Zeckenpinzette noch einige Male zum Einsatz kommen. Wohlweislich hatte ich mich, im Herbst 2021 beginnend, 3fach gegen FSME impfen lassen und da eine Zecke zunächst gut 24 Stunden auf dem Körper des Wirts umherkrabbelt, bis sie den idealen Bissplatz gefunden hat und selbst nach dem Festsetzen noch gut 48 Stunden vergehen, bis ggf. Borrelioseerreger in die Saugwunde gelangen, ist bei rechtzeitiger Selbstuntersuchung und Entfernung der Blutsauger das Risiko für Infektionen vergleichsweise gering.

Trotz dieser Unbill war das jedoch erneut eine Wanderung mit »Sommerferiengefühl«. Oft streifte ich als Kind allein oder mit Freunden durch die Natur, fing Kaulquappen, beobachtete Tiere, sammelte Pilze und Pflanzen, naschte Beeren oder erkundete wild zugewachsene Pfade. Dieser Tag war einer, der solche Erinnerungen wieder aufleben ließ.
Fürs Dinner – nach dem obligatorischen Wanderbelohnungsbier – wählten wir ein vertrautes Lokal mit feinerer Küche als in den Tagen zuvor und ich genoss zwei köstliche Gänge – was genau es war, habe ich in der Fülle der (kulinarischen) Eindrücke dieser Tage inzwischen leider schon wieder vergessen und auch das obligatorische Tellerfoto ist an diesem Abend irgendwie unter den Tisch gefallen. Aber gut war’s, so weit reicht die Erinnerung noch.

Freitag, der vorletzte Stralsundtag, war wieder etwas geruhsamer. Ausschlafen, frühstücken, etwas arbeiten und am Nachmittag nochmals Aufbruch nach Rügen zu einer Wanderung entlang des »Gelben Ufers«, einer am Meer aufragenden Sand-Steilwand, in der zahllose Schwalben nisten. Die größte Strecke des Weges kann man aber am steinigen Strand am Fuße der Wand zurücklegen. Beim Gehen auf den lose überienanderliegenden großen Steinen muss man sehr konzentriert darauf achten, wohin man tritt, aber am Strand finde ich das sogar toll – unebene Wegstrecken durch Wald und Flur zwingen dazu, permanent auf den Weg zu schauen, obwohl es ringsum viel Interessanteres zu sehen gäbe. Bei einer Strandwanderung ist aber genau das, was direkt vor den Füßen liegt, das Interessanteste: Muscheln, Tang, Strandgut, bizarr geformte oder buntgeäderte Steine. Auch an wegsameren Stränden schaue ich beim Gehen eigentlich am liebsten auf die angeschwemmte kleinteilige Welt, die zu meinen Füßen liegt.

Auch an diesem Abend wurde »zu Hause« gegessen: Auf dem Gelände der Insel-Brauerei (man ahnt, wozu) bietet auch ein Räucherfischladen frische Ware zum Kauf an und mit einer Tüte Kartoffeln zum Backen aus dem benachbarten Hofladen und einem improvisierten Frischkäsedip wurde daraus später ein vorzügliches Mahl.

Nach den vergangenen, zwar sommerlichen, aber nicht allzu warmen Tagen hielten am Samstag dann auch endlich wärmere Temperaturen Einzug in der Region. Ich war etwas früher aufgestanden, um ein terminlich pressierendes Programmheft für ein Konzert zu gestalten und nach dem Frühstück schlug der Mann vor, man könne heute doch einmal einen Badestrand aufsuchen. Die Sonne lockte die Menschen in Scharen ins Freie und die übervollen Straßen, Parks und Strände in und um Stralsund riefen nach einer Alternative mit weniger Gewimmel. Und erneut sollte diese sich auf Rügen finden. Ausgehend vom kleinen Küstenort Lauterbach (hallo, Karl!) wanderten wir durch das überaus idyllisches Waldgebiet »Goor« auf dem »Pfad der Muße und Erkenntnis« zu einem winzigen, menschenleeren Sandstrand, auf dessen flachem Wasser Schwäne paddelten und das genau die richtige Temperatur für eine Erfrischung nach dem zurückgelegten Weg hatte. Erfahrungsgemäß sind Strände an Seen, Flüssen und Meeren oft um so spärlicher besucht, je weiter entfernt die nächste Autoparkmöglichkeit liegt. Und so bestätigte sich diese Beobachtung auch hier. Perfekt!

Nach dem naturnahen Bade ging es dann zurück, den schmalen Küstenweg entlang, zurück in den Ort. Unterwegs konnte ich von einigen Strandkiefern noch zwei Handvoll junge grüne kleine Kiefernzapfen sammeln, die ich, in Zucker eingelegt, zu einem aromatischen »Honig« verarbeiten wollte. Nach dem (Überraschung!) folgenden Tourenbier besuchten wir erneut das italienische Lokal vom ersten Abend (Burrata!) und beschlossen dann »chillend« den letzten Abend in der Unterkunft.

Abreise am Sonntag, letzte Mitbringsel-Einkäufe in diversen lokalen Geschäften und eine weitgehend reibungslose Autofahrt zurück nach Berlin. Unterwegs stieg die vom Bordcomputer gemessene Außentemperatur zusehends. Waren es in Stralsund am Vormittag noch frische 18 °C, erhöhte sich dies bis zum Eintreffen in Berlin auf satte 37 °C. Nach dem Halt an einem reichlich betonierten Rastplatz kurz vor dem Ziel zeigte der Temperaturmesser sogar rekordverdächtige 40,5 °C. Das Ausräumen des Gepäcks nach der Ankunft war dann auch eine ziemlich schweißtreibende Angelegenheit. Doch offensichtlich hatten wir exakt den Peak der Hitzewelle getroffen, denn schon am späteren Nachmittag kühlte die Luft in der Hauptstadt wieder auf angenehmere 23 °C ab.

Nach dem Akklimatisieren (im wahrsten Sinne des Wortes) sorgte ein Spaziergang nach der langen Fahrt noch für etwas Bewegung. Und am Ziel, dem Straßenbräu-Ausschank, stießen wir dann noch einmal auf den hinter uns liegenden wunderschönen Ostseeurlaub an.

Strandidyll.

Pixeltext

In meinem Job als Artdirektor stehe ich recht oft vor der Aufgabe, aus einem vom Kunden angelieferten Screenshot (z.B. aus einem beschrifteten Diagramm, einem abfotografierten Flipchart o.ä.) editierbaren Text zu extrahieren. Natürlich könnte ich auch alles abtippen, aber seit kurzem nutze ich ein wesentlich schnelleres und sehr zuverlässiges Feature von MacOS (ab MacOS 12 »Monterey«) das ich hier gerne teilen möchte.

Angenommen, Ihr habt z.B. am Geburtshaus von Marlene Dietrich die Schrifttafel mit ihren biografischen Daten fotografiert und möchtet den Text daraus extrahieren:

Schritt 01:

Die Bilddatei mit dem MacOS-Dienstprogramm »Vorschau« öffnen. Das verhindert (sofern man dies nicht möchte), dass diese nur einmal kurz benötigte Datei in die Mac-Bilddatenbank »Fotos« übernommen wird.

Schritt 02:

Durch das seit MacOS Monterey integrierte Feature »Live Text« kann man nun im Bild den zu entnehmenden Text einfach mit dem Cursor markieren und in die Zwischenablage kopieren.

Schritt 03:

Nun einfach das gewünschte Layout- oder Textverarbeitungsprogramm öffnen und den Text einfügen. Fertig!

Mir hat das in den letzten Monaten schon richtig viel Zeit gespart. Ein sehr nützliches Feature, ohne den zuvor notwendigen Umweg über eine separate OCR-App.

re:publicadebüt

Das war sie nun – meine erste re:publica. Seit zwölf Jahren hatte ich das bunte Treiben auf dem (bis vor kurzem) jährlich stattfindenden Festival stets interessiert online verfolgt, die Besucher still ein bisschen beneidet, ohne je selber dort gewesen zu sein. Entweder gab es Terminkollisionen mit Urlaubsplänen, zu viel Arbeit im Job, kein Geld für ein Ticket, fehlende »Traute«, sich unter die coolen Internetpeople zu mischen oder andere Hinderungsgründe. Doch dieses Jahr hat es endlich geklappt.

Nach drei Tagen zwischen drei Hallen, sechs Bühnen, zahllosen parallel stattfindenden Panels und der Qual der Auswahl war mein Kopf am Freitag Abend nach dem Closing dann auch proppenvoll. Ich erlitt im besten Sinne täglich ein Stendhal-Syndrom, irgendwo zwischen dem Impuls, möglichst wenig zu verpassen und gleichzeitig meine Aufnahmefähigkeit nicht zu überfordern. Da ich tatsächlich ein eher schüchterner Mensch bin und zudem ständig von Bühne zu Bühne eilte, waren die Begegnungen mit »echten« Internetleuten zwar seltener als ich vorab gedacht hatte, aber das war letztlich auch gar nicht so schlimm, denn WANN HÄTTE ICH MIT DENEN DENN AUCH NOCH SPRECHEN SOLLEN? Immerhin habe ich ein gutes Dutzend von weitem erkannt, sei es als Teilnehmer auf einer der Stages oder kurz im Gewimmel der Besuchermenge.

Ich will auch gar keinen detaillierten Bericht verfassen, denn wozu sollte ich etwas nacherzählen, was andere Anwesende ebenfalls erlebt oder woanders im Netz bereits nachgelesen oder angeschaut haben? Und außerdem waren die Vielzahl der Themen, die Breite des Angebots und die Flut der Eindrücke viel zu groß, um sie hier auch nur annähernd überschaubar zusammenzufassen.

Es ging um Zukunftsforschung. Diversität. Resilienz. Ukrainekrieg. Lügenkultur. Artenschwund. Hasskommentare. Digitalpolitik. Klimakrise. Science Fiction. Transrechte. Deepfakes. Wissenschaftsjournalismus. Verschwörungserzählungen. Alkoholismus. Twitter. Moos. Computerspiele. KI. Mehrheitsmotivation. Robotermusik. Komplexitätsforschung. Insekten. Faschismusstrategien. Tortendiagramme. Mobilitätswende. Erschöpfung. Nachhaltigkeit. Toleranz. Improvisation. Dystopien. Markenbildung. Depressionen und – Darmwinde (und das sind nur die Stichworte zu den Sessions, bei denen ich zumindest teilweise anwesend war).

Was ich aber empfunden und mitgenommen habe: die re:publica 2022 war nicht nur eine der vielfältigsten, interessantesten und inspirierendsten Veranstaltungen, die ich jemals besucht habe sondern auch eine, die die Welt so sieht und lebt, wie ich es mir überall und jeden Tag auch »draußen« wünschen würde. Mit tausenden Menschen, die in ihrer Individualität und Würde respektiert werden, unabhängig von ihrer Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Orientierung, ihrem Geschlecht und ihrem Erscheinungsbild. Mit Veranstaltern, die sich mit Herzblut engagieren, die ein eingeschworenes Team bilden, die eine Vision haben, die dieses Event in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft ausrichten. Mit Vortragenden, die – trotz aller teils deprimierenden Themen und düsteren Entwicklungstendenzen auf diesem Planeten und in diesen Zeiten – immer auch mögliche Strategien zum Gegensteuern und Handeln aufzeigten. Mit einem Publikum, das sich begeistern und mitreißen ließ, das neugierig ist, mentale Grenzen überwinden will, etwas dazulernen, konstruktiv diskutieren, andere Sichtweisen verstehen und annehmen kann, Kontroversen sachlich und zum gemeinsamen Besten überkommen will und an besseren, positiven Zukunftsvisionen mitwirken möchte. Und letztlich als ein Event, das Diversität akzeptiert und fördert, an Barrierefreiheit denkt, Nachhaltigkeit vorlebt, Besucher für fleischlose Ernährung interessieren möchte, Awareness aktiv und unterstützend fördert und mit der Kreativität und Power der »Netzgemeinde« und anderer Gleichgesinnter die Welt und die Gesellschaft inspirieren und voranbringen möchte.

Ich sage danke, re:publica, für diese anstrengenden, bunten, nachdenklichen, amüsanten, befruchtenden und hochinteressanten Tage und freue mich auf ein Wiedersehen – wann immer das sein wird. Vielleicht (und hoffentlich!) blows me the wind ja schon nächstes Jahr wieder hin.

Regensburgreise (II)

Vier Tage Regensburg sind schon wieder um. Wie immer bei solchen kompakten Auszeiten streiten im Kopf zwei Bewertungen miteinander – einerseits »Boah, es passiert jeden Tag so viel abseits der sonstigen Alltagsroutine, dass sich vier Tage anfühlen wie sonst vierzehn«, andererseits »Huch, ist ja schon wieder Zeit zum Abreisen, das ging eigentlich viel zu schnell vorbei«.

Nach drei Jahren Pause fühlte es sich gut an, mal wieder in dieser schönen Stadt zu Gast zu sein und die »Corona-Lücke« von zwei Jahren war gefühlt im Nu geschlossen, als sei ich tatsächlich letzte Pfingsten zum letzten Mal dort gewesen, anstatt 2018. Fast alle vertrauten und schon oft besuchten Orte – Biergärten, Restaurants, die Lieblingseisdiele, Geschäfte – haben die Pandemieflaute überlebt, etliche neue Locations haben eröffnet, ein sehr geschätztes Restaurant hat seine Preise dermaßen angezogen, dass es für mich leider unbesuchbar geworden ist – aber wenn die zahlungswillige Kundschaft das trägt (der Blick durchs Fenster am Pfingstsamstag ließ vermuten: nein), dann sei es.

Etwas enttäuscht war ich von einem anderen zuvor schon oft besuchten Restaurant, bei dem ich via OpenTable eine Reservierung vornahm: laut App hieß es »zur gewünschten Zeit noch vier Tische buchbar« und so belegte ich einen davon. Im Laufe des Tages kam dann jedoch ein Anruf: es hätte einen »Fehler« bei der Reservierung gegeben und man müsse die Reservierung entweder auf 18 Uhr vorverlegen oder stornieren. Damit fiel die Annahme in sich zusammen, ein Online-Reservierungstool würde verlässlich den realen Kapazitätsbestand der verfügbaren Tische abbilden, bedauerlicherweise in sich zusammen und wir mussten umdisponieren. Durch eine Wiedersehen (ebenfalls nach mehreren Jahren) mit alten Bekannten aus der «Alte-Musik-Szene« und eine spontane Verabredung zum Abendessen in einem großen Biergarten war dann aber die Stornolücke schnell gefüllt und so war es gut, wie es sich fügte.

Ich genoss es jeden Tag, dass wir diesmal Räder gemietet hatten. Das Wetter war größtenteils radeltauglich und so nutzte ich dies ausgiebig, teils zum Bummeln oder für Besorgungen in der Stadt, teils auf dem Weg zu den gebuchten Konzerten oder Biergärten/Restaurants und einmal sogar zu einer gemeinsamen Radtour zum Kulturmonolithen der »Walhalla«. Den Eintritt von 4,50 € in die Büstenhalle sparten wir uns, aber die schöne Radstrecke entlang der Donau und der dicht bewachsene, etwas abseits liegende steile Waldpfad zur Rückseite des von zahllosen Menschen aus allen Ländern umschwärmten Wagnertempels waren auch so Erlebnis genug.

Die beiden gebuchten Konzerte im Rahmen der »Tage Alter Musik«, beide in der Regensburger Dreieinigkeitskirche, brachten wie in vergangenen Jahren betagte Werke auf frische und neue Weise zu Gehör. Zum ersten Konzert (Nr. 3) am Samstag Vormittag heißt es in der Ankündigung:

»Obwohl wir von J.S. Bach mindestens fünf Konzerte für Solo-Orgel kennen, sind von ihm keine Orgelkonzerte mit Orchesterbegleitung überliefert. Der belgische Organist Bart Jacobs hat nun (…) mehrere solcher Konzerte rekonstruiert und er wird sie mit dem Brüsseler Barockorchester Les Muffatti auf der großen Bachorgel der Dreieinigkeitskirche aufführen. In 18 von seinen mehr als 200 Kantaten hat Bach die Orgel als obligates Soloinstrument in Arien, Chorpassagen und Sinfonias verwendet. Auf der Grundlage dieser Kantatensätze und diverser Instrumentalkonzerte erklingen die von Bart Jacobs rekonstruierten Orgelkonzerte, wie sie Bach 1725 anlässlich eines Konzerts in Dresden in der Sophienkirche auf der damals neuen Silbermann-Orgel aufgeführt haben könnte.«

www.tagealtermusik-regensburg.de

Ich war überrascht, wie gut Orgel (speziell das Instrument in dieser Kirche) und das von Streichern dominierte Orchester zusammenpassten. Der Klang der Saiteninstrumente schwirrte wie ein Schwarm Schmetterlinge über einem warmen, karamelligen Fundament, das die Orgel darunterlegte. Unerklärlicherweise war das Konzert nur etwa zur Hälfte besucht, aber auch das ließ sich zugunsten von mehr Abstandsmöglichkeiten zu den anderen Besuchern als Infektionsschutzpluspunkt verbuchen. Es gefiel.

Im zweiten Konzert (Nr. 15) am Montag Nachmittag erklang das selten zu hörende Blasintrument Zink, das interessanterweise nicht, wie der Name andeuten könnte, aus Metall, sondern aus Holz (früher auch Elfenbein) besteht. Dazu schreibt das Programm:

»Der französische Zinkvirtuose Adrien Mabire und sein mit erlesenen französischen Sängern und Instrumentalisten besetztes Ensemble La Guilde des Mercenaires (Die Söldnergilde) begeben sich in diesem Konzert auf eine Reise nach Venedig, um die musikalischen Wurzeln Giovanni Gabrielis zu erkunden, der hier 1557 geboren wurde, hier wirkte und hier 1612 starb. Dabei treffen sie auf die Entstehung einer typisch venezianischen Musizierpraxis, die Kunst der Mehrchörigkeit.«

www.tagealtermusik-regensburg.de

Mit viel Spielfreude und großem Können spielte sich das Ensemble durch das von geistlichen Texten geprägte, sehr melodische Programm und bekam am Ende großen Applaus. Die Zugabe fügte dann noch einen amüsanten Aspekt hinzu, indem die Sänger in zwei Gruppen geteilt wurde, die auf sehr gegensätzliche Weise einen in dieser Komposition angelegten »Sängerwettstreit« miteinander ausfochten. Das Etikett »Alte Musik« schreckt womöglich viele Menschen ab, sich derlei einmal anzuhören – so manches klingt nach fast 700 Jahren frischer als manche erst Jahrhunderte später komponierte Musik. Mein Alte-Musik-Anspieltipp: die »Sonata Representativa« (entstanden um 1670) des Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber – ein rund 10minütiges Potpourri kurzer Stücke, in denen mit historischen Instrumenten Tierstimmen von Nachtigall, Kuckuck, Frosch, Henne und Hahn, Wachtel und Katze imitiert werden. Sehr experimentell, witzig und überhaupt nicht »angestaubt«!

Eine kleine Überraschung ergab sich dann noch, als eine Message von zwei guten Berliner Freunden auf dem Handy eintraf »Viele Grüße aus Regensburg!«. Rein zufällig hatten die beiden (unabhängig von uns und dem Musikfestival) übers Wochenende dasselbe Reiseziel gewählt und so kam es rund 500 km südlich von unseren üblichen Treffpunkten in Berlin zu einem unerwarteten Wiedersehen.

Ansonsten waren die Tage in Regensburg von Freitag bis Montag ein angenehm sommerliches Puzzle aus Ausschlafen, ausgiebig Frühstücken, kleinen Wanderungen wie z.B. zur Spitze der Donauflussinsel Unterer Wöhrd, Stadtbummeln, Eisessen, reichlichem – aber nicht übermäßigem – Biergenuss und vielen kleinen Momenten die mich in diesen wenigen Tagen ausgesprochen reichlich mit Urlaubsgefühlen durchströmten. Und so half auch das leicht regnerische Wetter am Dienstag, dem Abreisetag, den Abschied etwas weniger wehmütig zu empfinden. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Regensburgreise – hoffentlich gleich wieder nächstes Jahr.

Die »blau-gelbe Stunde« auf dem Rückweg von der Leihfahrrad-Abgabe am Vorabend der Abreise.