Schnickschnack

Immer noch im Moselland, im Elternhaus des Mannes. Unsere Termine, Erledigungen und Ausflüge unternehmen wir mit dem hinterlassenen Auto seines Vaters, einer Mercedes B-Klasse. Auch ich habe das Fahrzeug nun in der letzten Woche reichlich bedient und gesteuert. Es fährt sich angenehm, Automatikgetriebe, straffe Beschleunigung, recht gute Rundumsicht, bequeme Sitze, solide Straßenlage. ABER. Die elektronische Ausstattung dieses Wagens, ihre Performance und insbesondere die Bedienung halte ich persönlich für eine Katastrophe. Die Ingenieure im »Autoland Deutschland« scheinen mittlerweile zu delirieren. Die Bedienungsanleitung für dieses Modell hat sage und schreibe 575 Seiten. Fünfhundertfünfundsiebzig. Für ein Auto.

Ein paar Anekdoten: Gleich zu Beginn nach dem Einsteigen und Anlassen belehrt einen das etwa postkartengroße Display in der Mitte der Frontkonsole, man solle sich auf keinen Fall von den Mitteilungen auf den Displays und Armaturenanzeigen vom Verkehrsgeschehen ablenken lassen. Gleichwohl tut die Elektronik dann während der Fahrt alles, um genau das zu erzielen. Liegt auch nur ein Brillenetui oder eine Jacke auf dem ansonsten leeren Rücksitz, wird ein vollflächiges Pop-Up-Fenster über der Tachoanzeige eingeblendet, mit der Warnung, dass auf dem Rücksitz eine nicht angeschnallte Person sitze (Spoiler: nein). In diesem Pop-Up-Fenster befindet sich zwar in der oberen Ecke ein ⨉, das andeutet, man könne die Warnmeldung einfach schließen, aber tippt man darauf, passiert – nichts. Entweder sind meine Finger nicht spitz genug oder ich müsste irgendwo in dem Bedienungsschinken nach der Anleitung suchen, wie ich diesen unerwünschten Unsinn ausblenden kann, der mir während der Fahrt die Instrumententafel kontaminiert oder so lange auf dem Display rumtippen, bis es doch irgendwann verschwindet – oder ich abgelenkt im Graben lande.

In der Dämmerung soll eine fancy Beleuchtungsautomatik dafür sorgen, dass automatisch zwischen Fern- und Abblendlicht gewechselt wird, mehr noch: sogar eine Teil-Abblendung wird durchgeführt, die das Licht nur im Sichtfeld eines entgegenkommenden Fahrers dimmt, während die restlichen Streckenbereiche weiter voll ausgeleuchtet werden. Wenn es funktioniert. Einmal nämlich gleißte der Wagen fröhlich weiter, während uns ein anderes Auto entgegenkam. Ich suchte, wie ich manuell abblenden konnte, was mir schließlich mit einigen Hebelbetätigungen auch gelang, doch seither ist die Lichtautomatik komplett deaktiviert und ich fand intuitiv keinen Bedienschritt mit denselben Hebeln, der sie hinterher wieder reaktivierte. Ach ja, die Bedienungsanleitung.

Touchiert man mit einem der rechten Räder einmal versehentlich die rechte Fahrbahnmarkierung, so wird unvermittelt ein ziemlich krasser Vibrationseffekt im Lenkrad zugeschaltet, der mich beim ersten Mal enorm erschreckt hat. Vermutlich wurde diese elektronische Warnpeitsche ersonnen, um dem Abkommen des Fahrzeugs von der Fahrbahn nach rechts beim berüchtigten »Sekundenschlaf« vorzubeugen, aber was nützt diese Warnung, wenn der gewarnte Fahrer vor Schreck das Steuer nach links verreißt und im Gegenverkehr landet? Ich würde sagen: nicht viel.

Wieder andere (optische) Sensoren erfassen die Schilder am Straßenrand für Geschwindigkeitsbeschränkungen und blenden die vermeintliche aktuell gültige Höchstgeschwindigkeit auf der Instrumententafel ein. Überschreitet man sie, gibt »das System« einen nervigen akustischen Pling-Ton von sich. Dieser war das erste »Feature«, das wir mithilfe der Bedienungsanleitung deaktiviert haben. Nun blinkt das kleine Verkehrsschild-Piktogramm nur noch stumm, wenn die gefahrene Geschwindigkeit für zu hoch befunden wird. Ich möchte hier keineswegs den Eindruck erwecken, mir wäre daran gelegen, zu rasen – im Gegenteil. Aber das Fahrzeug irrt sich bestürzend häufig mit seinen Geschwindigkeitswarnungen. Haben z.B. die Straßenarbeiter hinter eine Baustelle mal vergessen, das »Tempo 50 wegen Bauarbeiten«-Schild wieder aufzuheben und auf die übliche Höchstgeschwindigkeit der freien Strecke zurückzusetzen, meint die Limousine noch Kilometer später, man müsse baustellenbedingt weiterschleichen. Umgekehrt geschieht es erschreckend oft, dass die Elektronik beim Befahren der typischen Serpentinenstrecken in den hiesigen Bergregionen im Cockpit einblendet, man könne auf den Zickzackstrecken mit ihren spitzen Harnadelkurven getrost mit 100 km/h die Berge hochspurten, wovon ich eher abraten würde. Oder plötzlich erscheint auf dem Zentraldisplay nach dem Ausparken und vorwärts Losfahren eine Kameraansicht der Umgebung hinter dem Auto. Wozu? Brauch ich nicht, alles frei, keine Hindernisse in Sicht und zudem absolut irrelevant für die aktuelle Fahrtrichtung. Daneben sondert die Elektronik beim Fahren aber auch ohne begleitende grafische Einblendungen allerlei weitere Pling-, Dödel-, Palim-Palim- und Piepgeräusche ab, deren Bedeutung ohne Konsultation DER ANLEITUNG komplett im Dunkeln bleibt. Eine der akustischen Belästigungen scheint zu bedeuten, dass das Fahrzeug den Kontakt zum Internet verloren hat. Ja, meine Güte, das passiert mir auch ständig, dann guck halt so lange mal aus dem Fenster, Gefährt, ey!

Obwohl ich selbst kein eigenes Auto mehr besitze, bin ich durch Mietwagen im Urlaub sowie Carsharing in heimischen Städten mit den verschiedensten Modellen und Fabrikaten vertraut. Ich bin sehr offen für technischen Fortschritt, halte mich oftmals für einen »First Mover«, erhoffe mir (wenngleich wohl vergeblich) einen baldigen zeitgemäßen Fortschritt bei der Digitalisierung in Deutschland und bin seit den 1980er Jahren privat und inzwischen auch beruflich fast täglich mit der Nutzung und Bedienung von Computern befasst, aber was dieser Pkw seinen Nutzern zumutet, grenzt an digitale Belästigung.

Um so lustiger, dass ich vorgestern Nacht einen Traum über dieses Auto hatte. Ich träumte, dass wir in den Unterlagen hier im Hause der Eltern Dokumente fänden, die belegten, dass der besagte Mercedes keineswegs ein vergleichsweise aktuelles Fahrzeugmodell sei. Vielmehr ging aus dem im Traum gefundenen Kaufvertrag hervor, dass das Baujahr des Autos 1987 gewesen wäre, dass es damals ein Heidengeld gekostet hätte, weil derart viele bahnbrechende, wegweisende Avantgarde-Elektronik darin verbaut worden war, die damals absolute Spitzentechnik repräsentierte, futuristisch und weit vor »State Of The Art«. Inzwischen jedoch war die technische Entwicklung rasant fortgeschritten und die einstigen High-Tech-Features wirkten im Jahr 2024 wie ein musealer, umständlicher Versuch, ein Auto mit elektronischen Accessoires auszustatten, der mittlerweile alles andere als zeitgemäß ist. Etwa so, wie der erste »Palm«-Taschencomputer aus dem Jahr 1996 – damals ein bestaunenswertes Stück Mikroelektronik (ich besaß selbst einen, um meine VHS-Videocassetten-Aufnahmen digital zu katalogisieren!), aber heutzutage im Vergleich mit einem aktuellen Smartphone-Modell ein kurioses technologisches Relikt.

In meinem Traum waren wir also, ohne es zunächst zu wissen, mit einem rollenden Palm Pilot auf den Straßen der Gegenwart unterwegs. Und nach dem Aufwachen dachte ich: ja, danke, liebes Traumhirn – genau so fühlt es sich an.

Midjourney war wieder so freundlich, meinen oben betexteten Eindruck in ein adäquates Bildmotiv zu übersetzen.

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