Konsumtempel

Einerseits …

… habe ich bestimmt schon tausenderlei Dinge online bestellt – Hosen, Pullover, Jacken, Küchenutensilien, Möbel, CDs, DVDs, Gewürze, Wanderschuhe, Schokolade, Schnaps, einen Kaffee-Vollautomaten, meine Heimkino-Anlage, Fahrradzubehör, Wein, Zimmerpflanzen, Bücher, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke und und und …
Ich möchte Online-Shopping nicht missen. Nirgends gibt es mehr Auswahl, kann man besser Preise vergleichen, akribisch nach ganz bestimmten Produkten suchen, die zu einem selbst oder zur Einrichtung passen (mein Küchentisch! ♥️), die Verfügbarkeit prüfen, einfach elektronisch bezahlen und sich alles bequem bis nach Hause liefern lassen. Ich hätte überhaupt keine Lust mehr, für alle etwas speziellen Bedarfe Dutzende Geschäfte in der Innenstadt oder in über die Stadt verteilten Einkaufsstraßen abzuklappern, insbesondere im Shoppinggedränge zur Weihnachtszeit, um dann doch meist mit leeren Händen wieder heimzufahren. Ich liebe es, im Internet einzukaufen. Toll, dass es das gibt!

Andererseits …

… bin ich auch mit Kaufhäusern in einer Zeit aufgewachsen, als sie in der Blüte ihres Erfolges standen. Von kleinen, lokalen Kaufhäusern namens kepa oder Schwickert (bei kepa gab’s von Mutti immer einen heißen Kakao!), über die etwas »ramschigeren« Warenhäuser wie Kaufhalle oder Woolworth, die lokalen und überregionalen Spezial-Warenhäuser für bestimmte häusliche Bedürfnisse (irgendwo zwischen Einmachglas, Musik-Keyboard und Vorschlaghammer) wie Brinkmann, Vetter oder den Hamburger Kultladen 1000 Töpfe, bis hin zu den großen Ketten und Häusern: Horten (kennt Ihr noch die berühmten »Hortenkacheln«?), Hertie, Alsterhaus, KaDeWe – und natürlich Kaufhof und Karstadt. Als Kind verbrachte ich nach der Schule oft Stunden in den Spielzeug- und Musikinstrumentenabteilungen der Kaufhäuser an meinem Wohnort. Ein großer Teil meines »Erwachsenen-Hausstands« stammt aus dem Sortiment dieser Häuser. In London stromerte ich staunend durch die Kaufhauslegende Harrods, durch Debenhams, Harvey Nichols und John Lewis Oxford Street, in Kopenhagen ist ein Besuch bei Illum Pflicht, keine Schwedenreise ohne Abstecher zu Åhléns. Ich bin gewiss weder Nostalgiker noch Fortschrittsverweigerer, aber ich fände es schade, wenn Kaufhäuser völlig aussterben. Denn zumindest aus meiner Sicht haben sie nach wie vor Vorteile.

Die spektakuläre »Food Hall« im Kaufhaus Harrods in London.

Trotzdem bleibt natürlich die Frage: Wozu suche ich selbst, oder andere Kunden, (noch) ein klassisches Kaufhaus auf? Wenn ich darüber nachdenke, meistens dann, wenn ich in einer speziellen Abteilung viele verschiedene Produkte unterschiedlicher Hersteller und Marken an einem Ort vorfinden und begutachten möchte, bei denen es mir wichtig ist, das Produkt sehr genau anzusehen, es anzufassen und manchmal auch »auszuprobieren«. Ein neues Portemonnaie, zum Beispiel. Es gibt kaum noch spezialisierte »Lederwarengeschäfte«, die Geldbörsen aller möglichen Hersteller führen, aber im Kaufhaus gibt es das noch. Ich z.B. bevorzuge kleinformatigere Portemonnaies, möglichst aus weichem, schwarzem Leder, mit vielen, praktisch angeordneten Einsteckfächern für Karten und Ausweise. Ich möchte ein ausreichend großes Münzgeldfach, mit einem Druckknopf, der nicht hervorsteht und daher die Magnetstreifen meiner Karten nicht beschädigt, wenn ich mit dem Portemonnaie in der Gesäßtasche darauf sitze. Ich möchte innerhalb weniger Minuten mehrere Börsen anfassen, aufklappen, inspizieren, bewerten, und mich dann für eine davon entscheiden. Alternativ müsste ich nacheinander den Samsonite-, den Picard-, den Aigner- etcetera-Flagshipstore abklappern und mir dort einzeln das begrenzte Sortiment ansehen. Viele der (preiswerteren) Hersteller, von denen ich bereits Geldbörsen kaufte, führen überhaupt keine eigenen Läden – wo also sollte ich im Einzelhandel danach suchen? Online kann ich nichts anfassen, aufklappen, testen, ich müsste in einem oder mehreren Shops infragekommende Modelle bestellen, bezahlen, warten, in Empfang nehmen, auspacken, anschauen, entscheiden, den Ausschuss zurücksenden und um Erstattung bitten. Das ist weder effizient noch nachhaltig noch spart es Zeit. Genau dafür lob’ ich mir das Kaufhaus. Ähnlich verhält es sich bei mir z.B. noch mit Schreibwaren, Glückwunschkarten, Hosengürteln und (sic!) Unterwäsche. Es gibt zwar inzwischen auch in Kaufhäusern die Tendenz zum »Aufsplitten« des Sortiments, weg von einer zentral dargebotenen Auswahl aller Marken und hin zu mehreren, in der Etage verteilten »Markeninseln«, wo dann ausschließlich die Produkte eines Herstellers zu finden sind, wie etwa bei Gürteln: eine Display-Säule mit Wrangler-Gürteln hier, ein Drehkarussell mit Tom-Tailor-Gürteln dort – aber man muss wenigstens nur ein paar Meter von Insel zu Insel schlendern und nicht einen ganzen Nachmittag in der City rumlaufen.

Was ich selten in Kaufhäusern kaufe, sind Produkte, die es fast überall sonst gibt: Zeitschriften, Schokoriegel, Duschgel, Batterien. Ich schätze sehr die gehobenen Lebensmittelabteilungen mancher Kaufhäuser (»Perfetto«) mit ihrem durchaus oberhalb der klassischen Supermärkte angesiedelten Sortiment internationaler Delikatessen (»Die Sechste« im KaDeWe!), oder jene Bereiche der Süßwarenabteilung, die mit edlen Pralinen, Schokoladen oder anderem seltenen Naschwerk locken. Doch meinen täglichen Bedarf an Eiern, Milch, Butter, Mehl oder Brot decke ich dann doch lieber bei kleinen Händlern, auf dem Wochenmarkt, im Biomarkt oder bei Rewe, Kaufland, Lidl und Co.

An manchen Sortimenten in Kaufhäusern kann man auch gut einige Umbrüche ablesen, die der Einzelhandel durchgemacht hat. Wer kennt sie noch, die meist familienbetriebenen Spezialgeschäfte für Betten und Matratzen? Den kleinen Laden für Stoffe und Kurzwaren oder den »Eisenwarenhandel«, wo man Schrauben, Nägel, Werkzeug und Glühbirnen bekam? Sie sind fast völlig verschwunden und wurden durch Bettendiscounter, Baumärkte oder Onlineshops ersetzt. Doch die Kaufhäuser waren es, in denen einige dieser Produktgruppen ihre Nische finden und behaupten konnten, so dass man nicht zwangsweise jeden abgefallenen Knopf im Internet nachbestellen muss, man auch »offline« feine Bettwäsche jenseits von billig bedruckter Massenware findet oder – ohne lange Tour zum Baumarkt im Gewerbegebiet am Stadtrand – die Ersatz-LED-Birne für die Küchenlampe mal eben in der kleinen Heimwerkerecke des Kaufhauses bekommt. Auch das ist ein – wenn auch überschaubarer – Bedarf, den ein Kaufhaus befriedigen kann.

Auf Twitter sind die Meinungen gespalten: die klassischen Kaufhäuser seien überflüssig, altbacken, gingen am Bedarf vorbei, sagen die einen, andere betrauern den Verlust einer gut erreichbaren Einkaufsmöglichkeit mit fachkundiger Beratung, befürchten den Verlust der Attraktivität der Innenstadt oder fragen sich, was danach mit den geräumten Immobilien passiert.

Sicher ist: die Kaufhäuser müssen sich verändern. Sie müssen ihr Sortiment zuspitzen, verschlanken und den Stadtbewohnern und Touristen ein Angebot machen, das online und in anderen Innenstadtgeschäften so in dieser Form nicht zu finden ist. Noch mehr Malls und Einkaufspassagen – vor allem in Großstädten – braucht niemand. Ich zumindest würde mich freuen über eine zeitgemäße und tragfähige Renaissance der ehemaligen »Konsumtempel«.

Sowas könnte ich mir gut vorstellen. Manche Läden (z.B. Schokoladengeschäfte) schaffen das sehr schön im Kleinen: ein ansprechend »kuratiertes« Sortiment vieler Produkte unterschiedlicher Marken zusammenzutragen. Das müsste man für passende Warengruppen in Kaufhäusern skalieren.

Update, kurz nach dem Blogbeitrag auf Twitter

Update, 26. Juni 2020: Wie die substanzielle Reform des Konzepts »Kaufhaus« in den letzten 30 Jahren von Karstadt und Kaufhof verschleppt bzw. verschlafen wurde, hat der Twitter-User @jhein in einem Thread sehr anschaulich zusammengefasst.


48 Days Later*

* Zeitraum zwischen der ersten Anordnung von Kontaktbeschränkungen (22. März 2020) und dem Datum dieses Blogbeitrags.


Foto: © formschub

Ach was – »die Alten«. Platz den Jungen!
Die Pandemie ist abgeklungen,
stark und gesund sind uns’re Lungen,
Lockerungen! Lockerungen!

Expertenrat mit Engelszungen,
der Virologen Forderungen:
in allen Ohren längst verklungen.
Lockerungen! Lockerungen!

Genug jetzt mit den Regelungen,
Kontaktverboten, Einschränkungen,
das Virus ist doch längst bezwungen,
Lockerungen! Lockerungen!

Den Mundschutz locker umgeschlungen,
wird unbeschwert sich aufgeschwungen.
Konsum! Kontakt! Beerdigungen.
Lockerungen. Lockerungen.

Kulinarische Katastrophen

Ungenießbarer FraßServiervorschlag. – Foto: uberculture via Foter.com | Lizenziert unter CC BY

Wohl jeder, der gerne essen geht oder selber kocht – auch für Gäste –, kennt sicherlich mindestens eines der beiden unschönen Szenarien, mit denen man nicht nur Freunde oder Bekannte zutiefst enttäuschen kann, sondern auch selbst vor (Fremd)scham am liebsten im Boden versinken würde:

  1. ein vollmundig angekündigtes, selbstgekochtes Mahl für Besucher misslingt so grandios, dass man es als ungenießbar bezeichnen muss, oder
  2. eine in hohen Tönen vom Gastgeber gelobte Spezialität oder ein empfohlenes Restaurant entpuppt sich, ausgerechnet zum verabredeten Zeitpunkt, als absolute Katastrophe mit verdorbenem oder schlecht zubereitetem Essen, miesem Service oder anderen Unglücksfällen.

Ich erinnere mich gut an einige dieser Ereignisse und obwohl die meisten schon lange zurück liegen, haben sie sich tief in meine Genießerseele eingebrannt. Von einem möchte ich heute berichten.

Es war noch zu Zeiten meines Studiums, als ich begann, als noch unerfahrener, aber ambitionierter »Junghobbykoch« eine aufwendig bebilderte Kochbuchreihe zu sammeln: großformatige Bände, durchgehend farbig bebildert, mit aufwändigen Fotos und herrlich angerichteten Speisen. Jeder Band widmete sich unter der Überschrift »Eine kulinarische Reise« einer bestimmten Länderküche, man bekam schon beim Ansehen Lust, auf fremden Märkten einzukaufen und die abgebildeten Köstlichkeiten genauso verführerisch nachzukochen.

Aus dem Band »Amerika« wählte ich »Chili con Carne«, in einer angeblich authentisch texanischen Variante. Mehrere Gäste wollte ich mir dazu einladen – einige Mitstudenten und Freunde – und den Termin für das originalgetreue Essen bewusst auf einen Abend am Wochenende legen, damit auch zwei Freundinnen aus Hamburg und Marburg anreisen konnten.

Der große Abend war gekommen, alle Zutaten eingekauft und ich machte mich ans Kochen. Noch während ich in der Küche werkelte, trafen die Gäste ein. Ich schnibbelte, rührte und briet, möglichst alles genau nach Rezept. »60 Gramm Chilipulver« stand da – und ich wunderte mich zwar, dass das mehr als meine ganze Dose sein würde, aber ein bisschen Feuer sollte es ja haben, das Chili, und so kippte ich das rote Pulver beherzt in die appetitlich auf dem Herd blubbernde Masse – zwar etwas weniger als im Rezept angegeben, aber eine minder pikante Würzung, so dachte ich, käme ja deutschen Gaumen entgegen.

Bald wurde der Tisch gedeckt und die Gäste bekamen Wein und das vermeintlich authentische Opus serviert. Schon nach wenigen Löffeln wurde es stiller am Tisch. »Boah, ist das scharf!« war die erste Meldung. Was da ausgesprochen wurde, hatte ich auch gerade gedacht. »Ey, wieviel Chili ist denn da dran?« – »50 Gramm.« – »Ich glaub, das ist zu viel.«. Man verlangte nach Wasser, ich holte einen großen Krug. Mein Mund brannte. Bei Tisch wurden erste Diskussionen darüber geführt, dass Milch Schärfe schneller von der Zunge abführen könne als Wasser. Die Bestecke ruhten auf den fast vollen Tellern.

»Tut mir leid, aber das kann man nicht essen.« sprach der erste bei Tisch die bittere scharfe Wahrheit aus. Alle nickten, tranken Wasser, rangen nach Luft, mampften trockenes Weißbrot. Mein Kopf war inzwischen von der Schärfe so rot, dass meine hinzukommende Schamesröte nicht weiter auffiel. Wir räumten den Tisch ab. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir stattdessen noch Pizza bestellt hatten, damit wenigstens alle satt wurden, wohl aber, dass die Gäste von außerhalb, die bei mir übernachten mussten, am nächsten Morgen bestätigen konnten: »es brennt immer zweimal«.

So lernte ich meine Lektion, wie wichtig beim Kochen gewissenhaftes Abschmecken ist – insbesondere das letzte Mal kurz vor dem Servieren. Keine der damaligen Freundschaften zerbrach an dem Missgeschick, aber die Anekdote vom »Chili aus der Hölle« musste ich mir in den Jahren danach noch etliche Male anhören.

Nun gebe ich das Stöckchen an meine Leser weiter – was waren Eure größten Koch-Reinfälle, Restaurant-Debakel, Bewirtungs-Schlappen? Schreibt in die Kommentare, bloggt, postet bei Facebook oder Kurzes bei twitter und verlinkt es gerne hier – Hashtagvorschlag: #tellerpannen

Ich freue mich auf spannende Beiträge!

Enttäuscht


Photo: © Benson Kua on FlickrLicensed under Creative Commons

Immer wieder mal vermelden Wirtschaftsnachrichten, dass eine erfolgreiche Firma ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahr oder letzten Quartal deutlich gesteigert habe, aber nicht so stark, wie von »den Analysten« erwartet, »die Analysten« seien enttäuscht. Und ich denke: macht Euch doch mal locker, da hat ein Unternehmen Erfolg! Es wird Geld verdient! Menschen haben Arbeit! Kunden freuen sich über tolle oder nützliche Produkte! Und ihr Analysten, ihr alten Miesepeter, seid »enttäuscht«. Undankbares Pack!

Als ich gestern wieder so eine Nachricht hörte, wurde ich zu einer kleinen Serie von Tweets inspiriert, die ich noch spät nachts in meine Timeline postete. Und als ich sie heute morgen nochmals las, dachte ich: »eigentlich sollte ich ein Gedicht daraus machen«. Vielleicht schreibe ich demnächst noch die eine oder andere Strophe um, aber so gefällt es mir schon recht gut. Ich hoffe, Euch auch.

Samsungs Smartphoneabsatz schwächelt,
Die Analysten sind enttäuscht.
Angela Merkel hat gelächelt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Konjunktur verliert an Kraft,
Die Analysten sind enttäuscht.
Tim Cook trinkt ein Glas Apfelsaft,
Die Analysten sind enttäuscht.

Kaum jemand kauft noch Limousinen,
Die Analysten sind enttäuscht.
Im Kuchen sind zuviel Rosinen,
Die Analysten sind enttäuscht.

Der Goldpreis steigt, der Ölpreis fällt,
Die Analysten sind enttäuscht.
In Frankfurt hat ein Hund gebellt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Kurse treten auf der Stelle,
Die Analysten sind enttäuscht.
Claus Kleber trägt jetzt Dauerwelle,
Die Analysten sind enttäuscht.

Nahöstlich flammen Krisen auf,
Die Analysten sind enttäuscht.
Frau Schulz hat’s mit dem Blutkreislauf,
Die Analysten sind enttäuscht.

Der Deutsche trinkt zu wenig Bier,
Die Analysten sind enttäuscht.
Auf der Toilette: kein Papier,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Sonne scheint, die Blumen blüh’n,
Die Analysten sind enttäuscht.
Am Himmel zwitschernd Vögel zieh’n,
Die Analysten sind enttäuscht.

Am Strand küsst sich ein Liebespaar,
Die Analysten sind enttäuscht.
Der Weltfrieden ist endlich da,
Die Analysten sind enttäuscht.

Schönes misst man nicht nur in Geld,
Die Analysten sind enttäuscht.
Sie dreht sich gratis, diese Welt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Es heißt »erleben«. Nicht »erlabern«.

Silence
Photo: © Sam_Carpenter1974 on Flickr | Licensed under Creative Commons

Nach (genossenen) Filmen, Konzerten, Theaterstücken, Lesungen, hätte ich oft gern eine Schweigeviertelstunde, in der die Welt um mich herum die Fresse hält. Keine ausgelutschte Rausgehmusik vom Band, keine Balalaikaklampfer vorm Konzerthaus, keine Trailer im Foyer und kein sofortiges sezierendes Geschwätz. Nur das Echo des eigenen Empfindens. Wenigstens einen Moment lang. Ansonsten laufe ich Gefahr, dass das, was ich höre oder sage, das wahre Gefühl des Erlebten überdeckt oder ersetzt, wie eine Anekdote, deren launiges Erzählen das tatsächliche historische Geschehen Schicht um Schicht bis zur Unkenntlichkeit übermalt.

Aber ich bekomme sie selten, diese stillen fünfzehn Minuten.

Lesen lernen 2.0

Hier Ihr eBook downloaden

Ich bin gerade im Urlaub in Südwestdänemark. Es gibt viele Pilze hier im Wald, Dutzende von Sorten. Leider habe ich damit nicht gerechnet und meinen famosen gedruckten Pilzführer zu Hause stehen lassen. Nach zwei Wanderungen, bei denen ich zuhauf Pilze stehen lassen musste, da ich sie nicht kenne und mangels Bestimmungshilfe nicht identifizieren konnte, dachte ich: hey, das wäre doch mal eine Gelegenheit, einen Pilzführer als mein erstes eBook zu erwerben und einfach auf dem iPhone mit in den Wald zu nehmen. Toller Plan. Dachte ich. Denn nach dem ermunternden Rechercheergebnis bei buecher.de – ein Pilzbuch mit rund 260 Seiten im ePub/PDF-Format – begann die Agonie.

Ich legte das eBook in meinen Warenkorb und bezahlte. Wunderbar. Mir wurde sogleich ein Link-Button angezeigt: »Hier Ihr eBook downloaden«. Ich dachte: »fein, das geht ja einfach« und klickte auf den Link. Der Download ging verdächtig schnell. Zu schnell für ein so dickes Buch. Hm. Ich schaute mir die versprochene »eBook«-Datei an. Sie trug die Dateiendung .acsm. Nochmal hm. Ich versuchte, sie mit dem Adobe Reader zu öffnen. Ging nicht. Ich googelte »acsm-Datei« und las, dass ich eine Adobe-ID und die Software »Adobe Digital Editions« benötigen würde, erst dann könne ich mein eBook »wirklich« laden, entsperren und (hoffentlich) lesen.

Ich erinnerte mich, irgendwann im Pleistozän hatte ich mal eine Adobe ID. Aber wann? Wo? Wozu? Ich fand auf meinem Rechner keine Spuren mehr davon. Also ging ich zu adobe.de und suchte. Ich solle zu adobe.com gehen, sagte man mir dort. Das tat ich und – halleluja – es gab eine Seite, wo ich mit dem Link »Passwort vergessen« ausprobieren konnte, ob ich noch als Karteileiche bei Adobe rumlag. Also E-Mail-Adresse eingeben, neues Passwort anlegen, Bestätigungs-E-Mail abwarten, Bestätigungs-E-Mail-Link anklicken, einloggen. Derweil hörte ich die Pilze leise im Wald wachsen.

Nun war da noch die Software. Die Seite war schnell gefunden, die neueste Version 4.0 wurde auf einem schlichten Screen zum Download angepriesen, Systemvoraussetzungen für den Mac wurden nicht genannt. Also flugs auf den Download-Link geklickt, den Installer gestartet und das Programm installiert. Die Pilze im Wald entfalteten derweil ihre jungen Hüte.

Doch die Software ließ sich nicht starten. »Sie benötigen mindestens MacOS 10.7«* sagte mir das fertig installierte Programm nach dem Startversuch. Eine Nachricht, die zwar inhaltlich wertvoll, aber fünf Minuten früher eine Idee willkommener gewesen wäre. Also deinstallierte ich die Software und legte all meine Hoffnung in die auf der noch geöffneten Adobe-Website direkt darunter zum Download angebotene Version 3.0. Hoffnungsvoll lud ich down, installierte und versuchte einen erneuten Start. Wieder Fehlanzeige. Die Wipfel der Bäume rauschten im Wald, während ich auch diese Version deinstallierte.

* (mein MacBook Pro ist schon etwas älter und macht seit 10.6.8 keine Systemupdates mehr mit, erfüllt aber nach wie vor ansonsten blendend seinen Zweck)

Doch halt, vor Users Blicken gut versteckt, gab es anscheinend auf einer anderen Adobe Download-Seite eine noch frühere Softwareversion. Toll. Ich downloadete und summte leise »Das Wandern ist des Müllers Lust« vor mich hin, während ich den Installer startete und auf die Fertigstellung wartete. Angstvoll klickte ich auf das App-Icon … und – das Programm startete! Mein Herz klopfte. Wie aufregend doch das Zeitalter digitalen Lesens war!

Nun konnte ich auch die acsm-Datei öffnen, meine noch warme Adobe ID eingeben und das eBook herunterladen. Auf die 5 Minuten Wartezeit auf die 150 MB große Datei kam es nun auch nicht mehr an. »Sie können kostenpflichtige und gratis erhältliche digitale Inhalte herunterladen und online oder offline lesen. Kopiergeschützte eBooks lassen sich mühelos von Ihrem PC auf andere Computer oder Endgeräte übertragen.« verhieß derweil rosarot der Startbildschirm. In Gedanken sah ich mich schon mit meinem Weidenkörbchen am Arm über weiche Moospolster stapfen, die Zukunft des Pilzesammelns auf einem bläulich glimmenden Display in der anderen Hand. Der Download meldete Vollzug. Ich konnte die Buchdatei sehen! Öffnen! Darin blättern! Mit roten Wangen suchte ich nun nach der mühelosen Möglichkeit, das digitale Wunder im Nu, mit einem Wisch, einem Klick, vom Klapprechner auf mein iPhone zu übertragen. Und suchte. Im Menü. Und suchte. In der Hilfefunktion. Und suchte. Bei Google. Aha. Am Horizont verfärbte sich das Sonnenlicht in Erahnung des Abends zartrosa.

Ich schloss mein iPhone ans MacBook an. Es wurde nicht erkannt. Okay. Ich aktivierte Bluetooth, verband das Gerät mit dem Mac und hoffte, so einen Kanal zum eBook-Transfer herzustellen. Doch Hoffnung ist ein zartes Porzellan, das alsbald erneut von einer rohen Fehlermeldung in Scherben geschlagen wurde. Vor dem Haus umflatterten erste Fledermäuse den Giebel. Ich klappte meinen Rechner zu, stieg mit meinem Partner ins Auto und fuhr in den Wald. Ohne eBook. Nur mit Körbchen. Wir brauchten zwar schon fast eine Taschenlampe, aber am Ende kam doch gut ein Kilo mir bekannter Pilze zusammen. Die zahllosen anderen, unbekannten, die wir am Wegesrand zurücklassen mussten, verdanken ihr Leben – Adobe.


Update 19. Oktober 2014: Inzwischen habe ich es tatsächlich nach weiteren 3 Stunden Recherche und App-Wahnsinn geschafft, das erworbene Pilz-eBook auf mein iPad zu übertragen. Ich gebe zu, es ist noch ein iPad 1 (2010) und läuft notgedrungen unter iOS 5.1.1, aber, hey: wir reden hier über den Wunsch, etwas zu lesen – und das sollte meiner Meinung auch im digitalen Zeitalter so einfach sein wie essen, trinken oder Zähne putzen. Ist es aber nicht. Gefühlt war das Finden und Installieren eines geeigneten Readers in etwa so nervig wie aus einem Karton Sägemehl, einer Tube Holzleim und ein paar Schrauben ohne Bedienungsanleitung ein Bücherregal aufzubauen. Die Abbildung unten verdeutlicht einige der Schikanen, denen ich auf dem steinigen Weg zu meinem – ich will es nicht »Erfolg« nennen – Durchbruch begegnete.

Viele der Apps, die Adobe itself auf seiner Website anpreist, gibt es unter den genannten Namen nicht mehr. Andere ① verlangen die Einrichtung eines Accounts (ich will doch nur lesen!), erkennen das Dateiformat nicht ②/③, verlangen von mir ein Systemupdate, welches wiederum erfordern würde 300+x Euro für eine komplett neue Hardware auszugeben ④, oder versuchen, wie die Adobe-Reader-App (!!!), mir einen superduper Konvertierungsaccount für nur 79,99 EUR pro Jahr unterzujubeln ⑤, mit dem ich dann – oder auch nicht – mein schon bezahltes eBook auch auf dem iPad anschauen darf. Gelandet bin ich letztlich beim kostenlosen eBookS Reader von libri, der nach einer einmaligen Eingabe der Adobe ID das eBook-Dokument immerhin klaglos öffnet (Update: die App gibt es nicht mehr, libri hat sich inzwischen auf die tolino-Plattform fokussiert, deren Reader-App ich noch nicht getestet habe). Dass meine printverwöhnten Augen dann mit Seiten»layouts« wie ⑥ verspottet werden, fällt nach der ganzen Mühe dann schon fast unter »Peanuts«.

Nein, ich warte lieber noch eine Weile, bis eBooks auf allen Devices wirklich mühelos, mit einem Klick oder Wisch angezeigt werden und digitales Lesen tatsächlich so einfach ist wie … naja, Lesen halt. Und ich bin gespannt, wenn es soweit ist (und ich es noch erleben darf), ob Adobe dann dabei noch eine Rolle spielt.

eBook Wahnsinn, Screenshots

Isso.

Über manche Themen wird endlos diskutiert. Kontrovers. Leidenschaftlich. Emotional. Abwegig. Beleidigend. Oder voller Hass. Aber dann gibt es mitten in dem Stimmenwirrwarr einzelne Menschen, welche Gedanken äußern, die sich so richtig anfühlen wie die Sonne an einem blauen Sommerhimmel. Und auf einmal bekomme ich eine warme, trotz aller Dispute hoffnungsvolle Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn sich diese Gedanken wie ein gesunder, weiser Virus verbreiteten und die ganze Welt ansteckten. Hier sind drei davon.


Durch Ralf Königs Comics erlebte ich mein Coming-out als Hetero. Seine Comics erlaubten mir, mich auf den Gedanken einzulassen, wie es wäre, einen Mann zu lieben. Sie machten mir Mut, mich zu fragen, wo ich stehe. Auszuprobieren, was mir gefällt. Und aufgrund dieser Erfahrungen laut sagen zu können: Ich liebe Frauen. Nicht weil es die Norm ist. Sondern weil es sich für mich persönlich stimmig anfühlt.

Quelle: Comiczeichner Flix im Tagesspiegel. Der Text über seinen Kollegen wurde verfasst anlässlich der Ehrung Ralf Königs für dessen Lebenswerk auf dem Internationalen Comic-Salon Erlangen 2014.



Foto: © Kristine Speare | Quelle: tumblr (inzwischen gelöscht), das Bild zeigt ihren Vater



Foto: Sarah-Lena Gombert | Quellen: RuhrNachrichten, Twitter

Haben Männer, die ein Problem damit haben, dass Männer Männer oder Frauen Frauen lieben, ein Problem mit Frauen?

In den jüngsten öffentlichen Debatten rund um das Coming Out von Thomas Hitzlsperger, Regenbogenlehrpläne, den Winterspielen in Sotschi bzw. den Diskriminierungen Homosexueller in Russland fallen mir – zum wiederholten Male – Dinge auf, die mich fast mehr beschäftigen als der eigentliche Gegenstand der Diskussion. Der Eindruck mag subjektiv sein, aber er stellt meine gesammelte Wahrnehmung dar:

  • Die Diskussion konzentriert sich vorwiegend auf Schwule, also Männer, ebenso die Ressentiments, welche die Diskussion prägen. Lesben tauchen bei der Thematisierung homosexueller Rechte lediglich am Rande auf und es kommt mir so vor, als würden sie auch weniger aggressiv abgelehnt, eher als exotische Randerscheinung gemieden oder – offen auftretend – zwar angestarrt, aber mehr oder weniger toleriert.
  • Oft erheben diejenigen am lautesten ihre Stimme, die am wenigsten Erfahrung oder Einfühlungskompetenz bezüglich der alltäglichen Lebenswelten Homosexueller haben. Altpolitiker (Blüm) oder sonstige Senioren in offiziellen Positionen und Ämtern, allen voran Geistliche. Je konservativer oder katholischer, desto lauter.
  • Frauen scheinen ein geringeres Problem im Umgang mit Homosexuellen beiderlei Geschlechts zu haben als Männer. Sie leiden auch anscheindend weniger unter der paranoiden Vorstellung, von jeder homosexuellen Frau als potenzielle Sexualpartnerin angesehen und »angebaggert« zu werden als die meisten Männer, die gegenüber Schwulen diese Befürchtung weitaus häufiger zeigen.
  • Männer sind in der Debatte generell präsenter, lauter und aggressiver. Es gibt offenbar weniger homophobe Frauen (die Statistik spricht in Deutschland von einem Frauen-/Männer-Verhältnis von etwa 1 zu 1,5) und sie äußern sich offenbar auch gemäßigter.
  • Je »emanzipierter« ein heterosexueller Mann vom patriarchisch-traditionellen Rollenverständnis der Geschlechter ist, desto offener und toleranter ist er gegenüber (männlichen) Homosexuellen eingestellt. Alle Hetero-Männer, die ich kenne, die in ihrer Beziehung, ihrem Beruf und ihrer Familie die Geschlechtergleichberechtigung aktiv leben und umsetzen, belegen dies.

Die plausibelste Begründung meiner Beobachtungen, die mir bisher begegnet ist, fasst ein allerorten im Netz kursierendes Zitat sehr treffend zusammen – das sich vornehmlich an heterosexuelle, homophobe Männer wendet:

»Homophobia: the fear that gay men will treat you the way you treat women.«, wobei ich »treat« lieber durch »look at« ersetzen würde, da vielleicht nicht jeder der angesprochenen Männer seine sexistische Weltsicht »tätlich« auslebt.

Anders gesagt, es scheint, dass eine sexistisch geprägte Einstellung gegenüber anderen Menschen (speziell von Männern gegenüber Frauen) mit einem homophoben Standpunkt korreliert. Unterstützt wird diese Wahrnehmung durch Erkenntnisse aus der Publikation »Homophobie in Nordrhein-Westfalen – Sonderauswertung der Studie ,Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘« des Ministeriums für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in Nordhrein-Westfalen (Link zum PDF-Dokument). Dort heißt es auf Seite 34:

Homophobie korreliert signifikant mit anderen Elementen der »Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«. Das Muster gleicht dem von Gesamtdeutschland weitgehend. Wie auch im übrigen Deutschland korrelieren homophobe Einstellungen besonders eng mit sexistischen (r = .45). Wer homosexuelle Menschen abwertet und ihnen gleiche Rechte verweigert, tut dies signifikant auch eher gegenüber Frauen. Signifikante Verknüpfungen auf niedrigem Niveau finden sich (…) zwischen Homophobie und allen anderen in der GMF-Studie erfassten Vorurteilen (Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, die Befürwortung von Etabliertenvorrechten, der Abwertung von Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Behinderung).

Homophobie ist also eigentlich gar keine Homosexuellenfeindlichkeit, sondern – mit einem gewissen Vorsprung der Frauenfeindlichkeit – allgemeine Menschenfeindlichkeit. Vielleicht hat sich das ja schon derjenige gedacht, der den Begriff »Homophobie« seinerzeit erfand, denn da steckt es im Wortsinne bereits drin.

Gerne würde ich wissen, ob die Leser dieses Blogbeitrags meine oben geschilderte Wahrnehmung der öffentlichen Diskussion teilen oder das ganz oder teilweise komplett anders sehen. Ich freue mich auf Eure Kommentare.


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