Fimmel

In Wörterbüchern wird der Begriff »Fimmel« definiert als »übertriebene, fast zu einer Sucht ausartende Vorliebe für etwas«, Synonyme dafür sind z.B. Tick, Spleen, Schrulle, Grille oder Marotte. Müsste ich meine eigenen Fimmel nennen, wäre es zum einen, dass ich es bevorzuge, wenn Dinge an meinem Arbeitsplatz oder in meiner Wohnung rechtwinklig zueinander liegen und zum anderen habe ich den Drang, die Räume in meiner Wohnung in einem einheitlichen Farbklang auszustatten. Die Anregung dazu bekam ich schon als Teenager in der Kurzgeschichte »Die Maske des Roten Todes« von Edgar Allan Poe, wo die Festgemächer des hochmütigen und hedonistischen Prinzen Prospero beschrieben werden:

Zuerst aber will ich die Räumlichkeiten beschreiben, in denen es [das Fest] stattfand. Es waren sieben Säle von wahrhaft fürstlicher Pracht. […] Das Zimmer am östlichen Ende des Schlosses war in Blau gehalten, und so waren auch dessen Fensterscheiben tiefblau gefärbt. Der zweite Saal war mit purpurroten Wandbespannungen und Zierraten ausgeschmückt, infolgedessen waren auch die Scheiben purpurrot. Der dritte Saal war, wie die Fenstergläser, ganz in grün gehalten, der vierte war orangegelb, der fünfte weiß und der sechste violett. Der siebente Saal war mit schwarzem Samt ausgeschlagen, der die Decke umdüsterte und in schweren Falten auf den gleichfalls schwarzen Samtteppich, der den Boden bedeckte, niederfiel. Einzig und allein in diesem Zimmer entsprach die Farbe der Fensterscheiben nicht der der übrigen Ausstattung: sie waren rot, rot wie Blut.

In meiner Wohnung sind die Zimmer gewiss weniger prunkvoll eingerichtet als in Prinz Prosperos Schloss und auch die Fenster sind aus herkömmlichem farblosen Flachglas, aber im kleinen Flur dominiert die Farbe Rot, im Wohnzimmer sind es Blaugrau und Anthrazit, im Schlafzimmer Schwarz und Violett, das Bad ist ein Traum in Ultramarinblau und in der Küche habe ich allerlei Grünes zusammengetragen: Küchengeräte, Geschirr, Gläser, Besteck, Kochwerkzeuge, Töpfe und Schüsseln.

Fotos: © formschub

Eine nur noch kurz verfügbare Besonderheit im Bad (siehe Pfeil im Bild) ist das hellblaue Toilettenpapier. Es ist meine letzte Rolle, die Produktion dieses Papiers der Marke real,– QUALITY wurde offenbar eingestellt, ein alternatives hellblaues Papier zu erschwinglichem Preis ist derzeit meines Wissens nicht auf dem Markt. Davor kaufte ich – ebenfalls bis zur Produktionseinstellung – das hellblaue Papier von Tempo, wiederum davor das superflauschige Charmin, welches ebenfalls 2009 vom Markt verschwand. Somit wird mein schönes Farbkonzept im Bad demnächst, nach dem Verbrauch der aktuellen Rolle, unausweichlich von schnödem andersfarbigen Papier kontaminiert werden müssen. Ich kann damit leben, denn es ist ja nur ein Fimmel.

Update: mir ist noch ein Fimmel eingefallen. Ich »sammle« angenehm natürlich duftende Duschgels und stelle dann jeweils einen jahreszeitlich passenden Auszug von etwa 5–6 der ca. 25 vorhandenen Flaschen und Tuben in der Duschkabine bereit. Derzeit stehen dort Ingwer, Grüner Apfel & Zitrus, Thymian & Rosmarin, Minze & Teebaumöl, Maiglöckchen und Gurke & Bambus.

Foto: © formschub

Einen Fimmel der anderen Art, in dessen Zentrum aber ebenfalls Klopapier steht, hat die Grafik-Designerin Juli Gudehus: Seit Ende der 90er Jahre hat sie aus aller Welt »Proben« (jeweils ein Blatt) verschiedener Klopapiere, inzwischen etwa 800 Stück aller möglichen Marken, Sorten und Dekore zusammengetragen und fein säuberlich einzeln blattweise in Klarsichthüllen, sowie nach Kategorien sortiert – sehr deutsch, wie sie selbst sagt – in Leitzordnern abgeheftet. Während des »Corona-Lockdowns« begann Juli, ab Mitte März auf YouTube eine moderierte »Führung« durch ihre Sammlung zu veröffentlichen. In mittlerweile 25 Episoden ihrer Playlist »Klopapier – Gestaltung für den Arsch« zwischen 5 und 18 Minuten Länge erzählt sie allerhand Interessantes, Wissenswertes, Überraschendes und Amüsantes über die zivilisatorische Errungenschaft Klopapier.

»Wenn man Klopapier gestaltet, dann hat Klopapier – also zumindest, was das Visuelle betrifft – auch noch eine Kontrollfunktion, das heißt: man möchte das Wischergebnis begutachten.«

(Juli Gudehus über allzu dominante Klopapier-Dekore und -Farben)

Mir fiel auf, wie sie in ihr anfänglich spontan entstandenes Videoprojekt, zunächst mit der Handy-»Handkamera« und damit verbundenen Schwankungen bei Bild und Ton aufgenommen, im weiteren Verlauf immer mehr Herzblut investiert und es mit immer mehr Verbesserungen versieht, was dem Schauvergnügen auf jeden Fall zugute kommt. Schon ab Folge 5 sorgt ein Handystativ für eine ruckelfreie Fixierung der Kamera und auch die Tonspur wird gleichmäßiger und deutlicher. Ich zumindest habe beim Ansehen schon einiges gelernt über dieses allzu oft achtsam wegegspülte, aber unverzichtbare Alltagsutensil. Inzwischen sind nach den Corona-Hamsterkäufen die Regale in Drogeriemärkten und Supermärkten wieder voll befüllt und vielleicht sieht ja der eine oder andere nach dem Einblick in Juli Gudehus’ Klopapiermuseum während des nächsten Einkaufs beim Händler seines Vertrauens dieses vermeintlich unscheinbare Zellstoffprodukt mit ganz anderen Augen.


Ich würde mich sehr freuen, von Euch in Kommentaren, Beschreibungen, Anekdoten oder Links von Euren eigenen Fimmeln zu erfahren!

»Die Klopapier-Familienpackung ist voluminös und paßt nicht in die Einkaufstasche, so daß man sie sich unter den Arm klemmen muß auf dem Heimweg. Einem Gesprächspartner gegenüber erklärte ich neulich, daß es mir immer ein bißchen peinlich ist, mit so einem Großgebinde auf der Straße herumzugehen, […] [Ich bin] mir sicher, daß den meisten Menschen, die gerade ein Toilettenpapier-Zehnerpack gekauft haben, daran gelegen ist, auf direktem Wege nach Hause zu kommen. Niemand macht damit noch einen Boutiquenbummel oder geht zu einem Bewerbungsgespräch.«

(Max Goldt in seiner Kolumne »Stinksvans tötet die Theaterstimmung«, Mai 1995)

Bio


Photo: © russelljsmith on Flickr | Licensed under Creative Commons

Im wunderbaren Twitter-Adventskalender »Hilli will’s wissen. Ein Türchen für Euch« von @HilliKnixibix wurde allen Followern heute die Frage gestellt: »Wie würde der 1. Satz Deiner Autobiographie lauten?«. Gute Frage! Klare Antwort:

Zumindest meine Geburt ereignete sich sowohl zum gewünschten wie auch zu einem passenden Zeitpunkt.

Ich bin schon seit jeher – warum auch immer – ein ziemlich duldsamer Mensch. Ungeduldig sein, Unzufriedenheit äußern, Grenzen setzen, einen gesunden Egoismus leben und »Nein!« sagen musste ich mühsam lernen. Der Preis dafür war – auch gesundheitlich – bisweilen hoch, zumeist jedoch bezahlte ich mit Zeit. Zeit, die verstrich, bis ich nicht mehr konnte, obwohl ich schon lang nicht mehr wollte. Zeit, die von meinem Leben abging, weil ich sie anderen schenkte, die das weder verdienten noch zu schätzen wussten. Zeit, die ich nicht ich sein konnte, weil ich versuchte, für andere jemand zu sein, der ich nicht bin. Zeit, die ich Angst hatte vor Folgen oder Konsequenzen, die nicht eintraten, als ich mich endlich traute, über meinen Schatten zu springen.

Ich grolle mir selbst inzwischen nicht mehr deswegen, weil mich die Wege und Weichen letztlich zu einem Punkt in meinem Leben führten, an dem ich jetzt und heute sehr gerne bin. Nur die Zeit – die ist weg.

Darum ein guter Rat an alle: Bitte nicht nachmachen. Nehmt Euch all Eure Zeit für Euer Leben und lebt es so, wie es für Euch sein soll, wie es gut ist und sich richtig anfühlt. Ihr bekommt verlorene Zeit nicht zurück.

Kusshand

Es ist schon spät, etwa 1 Uhr 30, als ich an der Hamburger Bushaltestelle »Mundsburg« den Nachtbus besteige, der mich fast bis vor meine Haustür bringt. Für einen Wochentag ist der Bus recht voll, mehrheitlich junge Leute belegen die Sitzplätze, so dass ich mich gegenüber dem Hinterausgang in die »Kinderwagennische« stelle, wo auch ein schwarzer Mensch mit seinem Fahrrad steht. Er unterhält sich in einer mir unverständlichen Sprache erheitert über mich hinweg mit einem Bekannten, der am Fenster auf der nächsten Sitzbank hinter mir sitzt. Ich sehe, was wohl der Anlass der Heiterkeit sein mag, denn der blonde junge Mann neben ihm ist entweder sehr müde oder erheblich alkoholisiert und hat in seligem Schlummer seinen Kopf auf die Schulter des Gesprächspartners gebettet. Die Brems- und Lenkmanöver des Busses lassen ihn leicht hin- und herpendeln, aber er hält wacker seine unbewusste Kuschelposition.

Als sich offenbar die Zielhaltestelle des Fahrradmannes und seines Bekannten nähert, versucht dieser, den Schlafenden freudlich aufzuwecken, um an ihm vorbei auszusteigen – erst zaghaft, dann etwas vehementer, aber der schläft selig weiter. Dem Sitzenden bleibt nichts anderes übrig, als über den weggetretenen Nachtschwärmer hinwegzusteigen, was ihm mit einem großen, fast katzenartig-elegant anmutenden Schritt auch fast berührungsfrei gelingt. Der junge Schläfer bleibt erstaunlich gerade sitzen, obwohl seine menschliche Stütze nun auf dem Sitz neben ihm fehlt.

Der Bus fährt weiter. Nach drei weiteren Haltestellen, kurz bevor er den zentralen Umsteigebahnhof in Barmbek erreicht, machen sich einige andere junge Leute in der Umgebung des Schläfers Gedanken, ob man den Tiefschläfer nicht doch wecken sollte, damit er nicht möglicherweise hier einen wichtigen Anschluss verpasst. Ein gewagtes Unterfangen, es helfen weder Knuffe, noch sanfte Wangenpatscher und ein mildes Schütteln mit Ansprechen. Erst als sich einer der Bemühten ein Herz fasst und versucht, den jungen Mann von seinem Platz aufzurichten, wacht dieser auf. Oder versucht es zumindest.

»Alter, hör zu: wir sind gleich in Barmbek! Musst du hier raus?«
Der Angesprochene schaut sein Gegenüber aus kaum geöffneten Augen komplett desorientiert an.
»Wohnst du hier? Musst du umsteigen in Barmbek? Komm, sag mal!«
Der junge Mann rutscht unbeholfen von seinem Sitz in den Stand im Mittelgang, sein unbekannter Helfer und zwei von dessen Freunden stützen ihn. Er torkelt. Der Bus hält und die Türen öffnen sich. Die meisten Fahrgäste steigen nun aus. Die jungen Männer gehen Richtung Tür und geleiten den Weggetretenen mit auf den Bussteig. Der Fahrer, der das Ganze anscheinend im Rückspiegel beobachtet hat, meldet sich über die Lautsprecheranlage zu Wort.

»Muss der hier raus? Wohnt der hier?«
Auf dem Bussteig weiter beharrliche Versuche einer Kontaktaufnahme.
»Hallo, hörma – musst du hier raus? Wir sind in Barmbek! Oder fährst du weiter bis Poppenbüttel?«
Endlich eine Reaktion. »Baambek, ja …«
»Wohnst du hier? Wo musst du hin? Umsteigen?«
»Ja … Baambek … Poppenbüddl … danke Jungs … Poppenbüddl.«

Und mit diesem Dank verbunden, versucht der immer noch von den drei Mitfahrern Gestützte, diese herzlich zu umarmen.
»Hey, lass ma. Poppenbüttel? Du musst nach Poppenbüttel? Dann musst du wieder einsteigen! Hier!«
»Danke Jungs, ja …« er löst sich aus dem unbeholfenen Zärtlichkeitsgeflecht und geht schwankend wieder in Richtung des geduldig wartenden Busses, allerdings nicht zur immer noch sperrangelweit offenen Hintertür, sondern ordnungsgemäß nach vorne zum Fahrer, steigt tapsig ein, zeigt die hervorgenestelte Fahrkarte vor und dreht sich noch mal zu seinen fremden Helfern um. »Danke, Jungs!«, hebt die Hand und wirft den Zurückgelassenen schwankend drei Kusshände zu. »Jaja, Alter. Keine Ursache!« höre ich noch, als die Türen sich schließen.

Der Bus fährt weiter, Richtung Poppenbüttel. Unser Protagonist hat inzwischen einen freien Sitzplatz gefunden und ist bereits wieder eingeschlafen, als ich an der nächsten Haltestelle aussteige.

Manchmal liebe ich diese Stadt ganz besonders.

Kiosk Empire #05

Wahnsinn – eigentlich war »Kiosk Empire« nur ein von mir ausgedachter Stellvertreter für meine unter dieser Überschrift gesammelten kuriosen deutsch-englischen Unternehmensnamen. Nun durfte ich mitten in Hamburg entdecken: das gibt’s ja wirklich! Und in Berlin habe ich neulich abends aus der Ferne auch noch was Schönes erspäht …


Gesehen in der Hamburger U-Bahn-Station »Stephansplatz«


(Gesehen in Berlin in der Nähe der S-Bahn-Station »Alt-Tegel«)

Fotos: © formschub