Stop

An einem regennassen Nachmittag in Berlin zwischen Autos und mit Schirmen vorbeihastenden Menschen einfach mal kurz nach unten schauen und einen Moment innehalten.
Coke_S
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Filmfoodverbalmimikry

Gestern beim Frühstück fiel mir etwas Seltsames auf: ich habe zwar schon seit je her unzählige von Filmzitaten in mein Floskelrepertoire integriert (z.B. „Herr Ober, dürfen wir Ihnen vielleicht etwas bringen?“ – Loriot, Pappa ante Portas), aber erstmals bemerkte ich, dass ich aus vielen Filmen die Aussprache von Lebensmitteln übernommen habe, sofern die Protagonisten diese auf eine ganz besondere Weise aussprechen oder betonen. Das geht sogar soweit, dass ich die betreffenden Lebensmittel fast nur noch so wie in dem jeweiligen Film ausspreche. Meist sind es nur ein oder zwei Wörter und jeweils bezogen auf die deutsche Synchronfassung – ich durchforste gerade mein Gedächtnis, um möglichst viele dieser Vokabeln, die ich bislang eher unbewusst benutzte, ausfindig zu machen. Ein paar habe ich schon gefunden:
„Salz?“ (Am Anfang und Ende des Wortes gelispelt) – Shirley (Kathryn Pogson), die Tochter von Mrs. Ida Lowry in „Brazil“ (leider ohne Cliplink)
„Kohlrabi.“ (mit vorn auf der Lippe genuscheltem „b“) – Loriot als „Krawehl“-Dichter Lothar Frohwein in „Ödipussi“
„Champagner!“ (schrill-generös) – Luxusschmarotzerin und Dauerkurgast Bubbles DeVere (Matt Lucas) in „Little Britain“
„Muskatnuss!!!“ (à la Hitler) – Louis de Funès als Restaurantinhaber Monsieur Septime in „Le Grand Restaurant“ („Scharfe Kurven für Madame“)
„Frisches Obst?“ (hysterisch-abgedreht) – John Cleese als Militärausbilder in der Episode „Self Defence against Fresh Fruit“ in „Monty Pythons wunderbare Welt der Schwerkraft“
„Käffchen?“ (eifrig-affektiert) – Petra Zieser als Redaktionsassistentin in Hape Kerkeling’s „Kein Pardon“
Mir fallen bestimmt noch mehr Beispiele ein … aber es ist schon eine komische Marotte.
Oder geht es noch jemandem so?
Movie_Mouth
Photo: © Richardzinho | Some rights reserved

Nawwi

Es ist Abend, längst dunkel, und ich mache auf dem Nachhauseweg mit dem Auto noch einen kleinen Schlenker zur Tankstelle in der Nähe meiner Wohnung, denn ich habe morgen früh einen beruflichen Termin und wenig stresst mich mehr, als auf Wegen, die Pünktlichkeit erfordern, noch Erledigungen einplanen zu müssen. Es ist eine kleine Tankstelle, gerade mal vier Zapfsäulen werden von dem leuchtend blauen Baldachin überspannt. Beim Tanken muss ich an den Witz denken, von dem Mann, der – nach den hohen Benzinpreisen gefragt – antwortet, das sei ihm egal, er tanke sowieso immer nur für 20 Euro. Ich tanke für dreißig. … 98 … 99 … 00 – ein Tick von mir: die kleine Genugtuung, die Wunschsumme auf dem Tanksäulendisplay centgenau zu treffen.
Es ist nichts los am Bezahltresen. Als ich aus dem Tankshop zurück zu meinem Auto gehe, kommt mit energischen Schritten ein älterer, stämmiger Mann auf mich zu, Unverständliches brummelnd. Ich denke: oh nein, bitte kein Großstadtfreak und tue, als nähme ich an, er ginge nicht auf mich zu, sondern nur in meine Richtung, als er mit lauter, zu lauter Stimme fragt: „Wie komme ich denn hier zur Autobahn? Ich muss auf die Autobahn!“ Autobahnen gibt es, wie auch der Ortsunkundige ahnen mag, einige in und um Hamburg, daher frage ich nach, in welche Richtung er denn wolle. „Nach Bremen! Auf die A1! Es weiß ja keiner mehr, wie man irgendwo hinkommt! Alle, die ich frage, sagen: Keine Ahnung, ich hab ja jetzt NAWWI! Alle ham nur noch NAWWI! Immer nur NAWWI! Kennt sich keiner mehr aus, alle fahrn nur noch mit NAWWI!“ Ich erläutere ihm die Strecke Richtung Elbbrücken, von dort, sage ich, sollte es dann ausgeschildert sein. Er bedankt sich nicht, fragt nur „Ham Sie auch NAWWI? Ich hab noch kein NAWWI!“ Ich verneine, um den Dialog durch die Erwähnung der NAWWIfähigkeit moderner Smartphones nicht über Gebühr zu verkomplizieren. Der Mann dreht sich um, er bedankt sich nicht, geht zu seinem Wagen und ruft in die Nacht „Ich hab die Schnauze voll, ich hol mir jetzt auch NAWWI! Dann fahr ich auch nur noch mit NAWWI!“
Ich hoffe, er findet seinen Weg, denke ich, als ich ins Auto steige und mich wieder in den Feierabendverkehr einfädele. Nach Hause, es ist nicht weit. Gleich habe ich mein Ziel erreicht.
Nawwi
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Filmriss

Mittagspausengespräch mit einem Kollegen über jüngst gesehene Filme:
„Wir hatten uns ja neulich auch einen Film auf DVD ausgeliehen, der war richtig gut. Mit dieser blonden Schauspielerin …”
„Welche?”
„Die kennst du auch. Na, diese blonde. Die hat doch die Hauptrolle gespielt in … na!”
„Jünger oder älter?”
„So mittel. Ich seh die so gern. Die spielt gut.”
„Erzähl doch mal, worum’s ging. Vielleicht fällt’s dir dann ein.”
„Mulholland Drive war’s! Die Blonde!”
„Naomi Watts.”
„Ja, genau. Der war jedenfalls gut.”
„War das der Film, wo es um diesen Verkehrsunfall ging?”
„Ja, genau. Und Sean Penn spielte die männliche Hauptrolle.”
„Nee, das war doch Jude Law.”
„Nein, nicht Jude Law. Sean Penn … oder?”
„Quatsch. Ewan McGregor.”
„Jedenfalls war der gut. Spannend. Wie hieß der nochmal …? Mann …”
„Alles in so kühlen Farben gedreht … und so’n bisschen übersinnlich?”
„Ja, genau.”
„Ja, den hab ich auch gesehen, stimmt, der war gut. Ist schon etwas älter, nicht?”
„Genau … und Sean Penn spielt doch diesen Typ, der diese Herztransplantation hatte …”
„Herztransplantation … ???”

Wir hatten beide recht. Aber verschiedene Filme gesehen.
21 Gramm und Stay. Beide gut. Und auf dem Weg zum DVD-Verleih kann man noch super in der Apotheke reinschauen und sich eine Palette Gingium oder Voltax holen.
Brain
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Frühstücksgedanken

In Zeiten der allgemeinen Vertipptastung und Touchscreenisierung des Alltags ist ein Toaster ein angenehm analoger Fels in der digitalen Brandung: Man steckt eine Brotscheibe in einen offen zugänglichen Schlitz, stellt an einem Drehregler stufenlos den Bräunungsgrad ein, drückt einen Hebel herunter, der dann hörbar einrastet und nach einer unbestimmten Zeit wird der geröstete Toast mit einem energischen Federimpuls ausgeworfen.
Kein Brotschlitten, der auf Sensorberührung lautlos aus dem Toastergehäuse gleitet und auf den man in eine brotförmige Vertiefung die Scheibe einlegen muss. Kein Qualm, der bei Fehlfunktion aus den Randfugen des Brotschlittens quillt, während man verzweifelt um Fehlerbehebung bemüht auf Tipptasten trommelt. Kein Display, das dir kaltpixelig einen „Bread Size Error 273” oder einen „Crumble Overflow” entgegenhöhnt. Nur nackte, archaische Mechanik und simple, durchschaubare Elektrik.
Mein Toaster ist mein Freund.
Toaster
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Zeichen und wundern

Kaum ein Jahr nach dem letzten Besuch stand Prag einmal mehr auf meiner Kurzreiseagenda. Und obwohl das Wetter auch dort nicht wirklich zu genussvollen Spaziergängen einlud, stromerte ich mit der Kamera einen Nachmittag lang durch die Straßen. Anders als bei den letzten Städtereisen stachen mir allerdings diesmal nicht typo-, sondern piktographische Fundstücke ins Auge. Lokale, seltene, kuriose und/oder selbstgemachte Bildzeichen, die mehr oder weniger klar zum Tun oder Lassen von irgendwas auffordern. Von was genau, ist bei so viel Kreativität eigentlich Nebensache.
Prag Piktogramme
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