Das Wurmloch

In den letzten Jahren habe ich, wenn mir ab und zu mal eine Idee für einen Cartoon durch den Kopf schoss, diese schnellen Skizzen gerne mal auf Twitter rausgehauen. Inzwischen poste ich nicht mehr so viel auf Twitter und versuche zudem aus bekannten Gründen, mich weiter von dort zurückzuziehen, dafür poste ich mehr auf Mastodon. Insbesondere dort jedoch vermisse ich aber nach wie vor schmerzlich die Möglichkeit, nach eigenen und fremden früheren Postings suchen zu können, mit Volltext, Username, Datum etc. Deshalb landen solche Kleinigkeiten jetzt erstmal wieder hier. Ordentlich abgelegt, jederzeit wieder auffindbar und auch die Urheberschaft wird so etwas besser dokumentiert. Heute was mit Piepmatz.

Ich seh’ ein ABC

Gestern hatte ich mal Zeit und Lust, während einer ausgedehnten Runde durch Hamburg eine kleine Wiederaufnahme des Spaß-Projekts anzusetzen, über das ich in einem Blogbeitrag im August 2022 schon mal berichtet hatte: ein »I see letters«-Alphabet aus Schnappschüssen von Alltagsgegenständen, die zufällig wie Buchstaben geformt sind. Der vorhandene Satz analoger Fotoabzüge umfasst 23 Versalien, aber drei Lettern aus dem Alphabet fehlen: »B«, »L« und »U«. Ob ich diese Motive damals nicht finden konnte oder ob mir vorhandene Abzüge abhanden kamen, kann ich nicht mehr rekonstruieren.

Also dachte ich mir, wieso sollte ich nicht jetzt mal die Augen offenhalten und versuchen, diese Lücken zu schließen? Eine Kamera im Smartphone habe ich ja ohnehin ständig dabei. Und da ich etliche Erledigungen in der Innenstadt zu beschicken hatte, sah ich mich auf meinem Weg um. Und tatsächlich wurde ich fündig und nun ist das Alphabet komplett – zumindest die Großbuchstaben.

Nun überlege ich, ob ich nicht noch weitermache. Vielleicht mit allen Kleinbuchstaben, dazu Ziffern? Vielleicht einige Satzzeichen? Oder noch mal alles von vorn und Dubletten der Versalien sammeln? Ich entscheide mich unterwegs. Was mir immer wieder auffällt, wenn ich mit dieser Art suchendem »Kamerablick« unterwegs bin, ist die bemerkenswerte Schärfung der Beobachtungsgabe. Ich sehe die Umwelt mit einem ganz anderen Fokus. Viel aufmerksamer, wacher für die Details, Gebäude und Muster am Wegesrand. Stellen, an denen ich schon dutzende Male achtlos vorüberging, betrachte ich durch diese mentale Brille plötzlich ganz neu.

Für das Alphabet habe ich mir zudem vier »Regeln« für die Auswahl der Motive auferlegt, die ich konsequent einhalte:

  • Das fotografierte Zeichen darf nicht einen Teil einer handgeschriebenen oder maschinell erstellten tatsächlichen Beschriftung darstellen (also z.B. ein Buchstabe aus einem Werbeschild oder einem Graffiti). Es muss ein natürliches oder künstliches Objekt sein, das nur zufällig aussieht wie ein Buchstabe, aber dessen ursprünglicher Zweck es niemals war, ein Schriftzeichen darzustellen.
  • Das Bildmotiv darf nicht von Hand umarrangiert werden, es ist nicht erlaubt, z.B. Kabel, Seile o.ä. so zurechtzulegen, dass ein Buchstabe entsteht. Die Ähnlichkeit muss in dem Objekt gegeben sein, so wie es vorgefunden wird (siehe z.B. »N« und »Q« oben im Foto)
  • Es ist nicht erlaubt, Motive nachträglich am Computer so zu retuschieren, dass der Buchstabe entsteht
  • Drei Stilmittel sind beim Einfangen der Alltagszeichen gestattet:
    • Das Drehen des Motivs (siehe »C«, »D« und »B«)
    • Die Wahl eines Bildausschnittes bzw. die Aufnahme des Details eines größeren Objekts (siehe »F«, »K« und »R«)
    • Die Wahl einer speziellen Perspektive bzw. eines bestimmten Blickpunkts auf das fotografierte Objekt, so dass ggf. dadurch die Ähnlichkeit zu einem Buchstaben überhaupt erst entsteht (siehe »A« und »U«)

Ich kann’s nur empfehlen, das selbst mal auszuprobieren! Und die Ergebnisse gerne hier teilen oder verlinken!

Drama, Baby!

So richtig wurde ich durch die französische Schauspielerin Isabelle Huppert eigentlich erst durch einen »cinephilen« Freund aufmerksam. Sicher, ihren Namen kannte ich schon vorher und auch ein Gesicht verband ich damit. Aber dass ich mir gezielt Filme anschaute, in denen sie mitspielt, das geschah erst danach. Nicht jeder Eintrag in ihrer Filmographie ist ein Glanzstück, aber es gibt schon eine ganze Menge sehr interessanter, dramatischer, amüsanter oder bizarrer Werke. So hat mir etwa der ebenso beklemmende wie originelle Film »Elle« ausgesprochen gut gefallen, ich mochte auch die Tragikomödie »Ein Chanson für Dich«, die überdrehte Drogenposse »Eine Frau mit berauschenden Talenten« (Kopfnuss mal wieder an den deutschen Übersetzer, Originaltitel »La Daronne« [dt.: »die Alte«]), den nicht immer ganz schlüssigen, aber fesselnden Psychothriller »Greta« oder das Mutter-Tochter-Drama »I’m Not a F**king Princess«. In all diesen Filmen stiehlt Huppert ihren Schauspielkollegen in fast jeder Szene die Show und hat nie ein Problem damit, sich in der Haut ihrer Figuren bis an die Schmerzgrenze zu bewegen – in puncto Grausamkeit, Verletzlichkeit, Exzentrik oder Monstrosität. Allen obengenannten Filmen ist allerdings gemein, dass sie erst nach 2010 entstanden – ich nähere mich dem Werk der Darstellerin, die immerhin seit 1971 vor der Kamera und auf der Bühne steht, daher quasi »rückwärts«. Das hängt auch damit zusammen, dass etliche ihrer älteren Filme leider bei Streaming-Anbietern nicht oder nicht mehr angeboten werden. Gerne würde ich etwa »Heaven’s Gate« (1980) einmal sehen, »Malina« (1991) oder »Marie Curie – Forscherin mit Leidenschaft« (1997). Aber Fehlanzeige. Und auch die letzte verbliebene Videothek hier im Viertel hat solche älteren, wenig publikumswirksamen Filme leider nicht im Sortiment. Gebraucht sind ältere Filme zwar auf DVD erhältlich aber als Raritäten auch gerne etwas teurer und auf Verdacht sind mir solche Ausgaben immer etwas zu riskant.

Ab und zu jedoch springt das gute alte Fernsehen in die Bresche und wiederholt Frühwerke der Schauspielerin. In der arte-Mediathek gab es etwa vor kurzem das düstere Krimi-Melodram »Rückkehr zur Geliebten« (1979) zu sehen (dazu ein Posting bei Mastodon) und gerade gestern schaute ich dann, ebenfalls auf arte, »Die Spitzenklöpplerin« (1977), ein Drama über die erste Liebe einer schüchternen jungen Frau (Huppert war damals 24, spielt aber eine erst 18-Jährige), die an der Beendigung der Beziehung durch ihren Partner zerbricht. Kein Happy-End also. In beiden Filmen spielt sie übrigens sehr viel stillere, introvertiertere und verletzlichere Charaktere als in den später entstandenen, die ich kenne. Ich fand beide Filme sehenswert und interessant, aber gleichzeitig musste ich innerlich, selbst bei dramatischen Szenen, bisweilen schmunzeln, weil sie mir stellenweise als »typische« französische Dramen aus den 1960er bis 1980er Jahren vorkamen, deren Stilmittel und Versatzstücke sich als überspitzte Klischees sehr schön, vielleicht in einem fiktiven Kurzfilm, komprimieren ließen: Tristesse, Beziehungsprobleme, Seitensprünge, Hassliebe, Zigarettenrauchen, Paris, Melancholie, Abschiede, Gewalt, Intrigen, Psychoterror, Leidenschaft, Wechselbäder der Gefühle. Ich möchte das nachfolgend einmal beispielhaft ausprobieren:

Wir befinden uns in Paris. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es scheint kühl zu sein, unzweifelhaft Herbst, die Menschen in der Stadt tragen warme Jacken und Mäntel und gehen mit eingezogenen Köpfen durch die Straßen. Durch das transparente Spiegelbild der Straßenlebens in der Glasscheibe eines Cafés fokussiert sich die Kamera auf eine gutaussehende, zeitlos elegant gekleidete Frau mittleren Alters, die allein vor eine Tasse Kaffee und einem Aschenbecher an einem fensternahen Tisch sitzt, raucht und nach draußen schaut. Sie blickt nach oben zum Himmel, runzelt die Stirn, schaut auf ihre Armbanduhr, winkt nach der Bedienung und zahlt. Dann schlüpft sie in ihren Mantel, nimmt ihre Handtasche und steht auf, um das Café zu verlassen. Sie tritt hinaus auf die Straße, es beginnt leicht zu regnen. Sie geht schnellen Schrittes zu einem benachbarten Zeitungskiosk und kauft sich die aktuelle Ausgabe des »Figaro«, währenddessen verstärkt sich der leichte Regen zu einem Wolkenbruch. Sie hält sich die Zeitung schützend über den Kopf und eilt zwischen den vereinzelt fahrenden Autos auf die andere Straßenseite, wo sie im überdachten Hauseingang eines kleineren Hotels Unterstand findet. Dieses Hotel scheint auch ihr Ziel zu sein, sie schaut nochmals auf ihre Uhr und blickt suchend nach links und rechts. Ein Taxi hält vor dem Eingang und ein Mann, leicht graumeliertes Haar, steigt aus, zahlt, erblickt die Frau im Hauseingang und geht auf sie zu. Sie begrüßen sich mit zwei »bises«, haken einander ein und betreten das Hotel. Die Kamera schwenkt an der Fassade des Gebäudes empor zu den oberen Stockwerken.

Schnitt. Wir befinden uns nun in einem Zimmer des Hotels. Die Frau steht rauchend am Fenster, Regentropfen rinnen an der Scheibe herab, durch den Regen sieht man von oben auf die Silhouette der Stadt. Der Mann sitzt auf einem Sessel und starrt von sich hin, beide Hände am Kinn. Die Frau zieht an ihrer Zigarette und bläst den Rauch gegen die Fensterscheibe.

Frau: (zum Mann, aber ohne sich zu ihm umzudrehen) Hast Du es ihr gesagt?
Mann: Wann hätte ich das tun sollen? Du weißt, dass ich in Marseille war.
Frau: Diesmal war es Marseille, davor war es Lyon, wieder davor war es Nizza. Du bist ein Feigling.
Mann: Aber immerhin ein Feigling, den Du liebst. Sonst wärst Du nicht hier.
Frau: Dinge ändern sich, François. Ich ändere mich. Und ich lasse mich nicht länger von Dir zum Narren halten.
Mann: Mein Gott, Francine! Du weißt, dass es zwischen mir und ihr längst aus ist. Unsere Ehe ist längst nur noch eine tote Hülle.
(Er steht aus dem Sessel auf, tritt zu ihr ans Fenster und berührt ihr rotes Kleid an ihrer Schulter)
Du weißt, dass ich Dich liebe. Und nur Dich. Genügt Dir das nicht?
Frau: (drückt energisch ihre Zigarette im Achenbecher auf der Fensterbank aus und dreht sich zu ihm um) Ich kann das nicht mehr. Wir müssen uns trennen.
Mann: (eindringlich) Francine …
Frau: Ich hätte das schon längst beenden sollen. Das alles hier. Es führt zu nichts. (Sie dreht sich wieder um und schaut zum Fenster hinaus)
Mann: (packt sie an den Schultern und dreht sie zu sich herum) Geh nicht!
Frau: Küss mich!

Beide schauen sich einige Sekunden lang intensiv in die Augen, dann umarmen und küssen sie sich leidenschaftlich. Als der Kuss endet, richtet die Frau ihr Haar und geht zu einem Stuhl, auf dem ihr Mantel und ihre Handtasche liegen. Sie nimmt beides in die Hand.

Frau: Ich werde jetzt gehen. Adieu. Und ruf mich nicht wieder an.
Mann: Francine!
Frau: Es hat keinen Sinn mehr. François. Ich dachte, es wäre Liebe zwischen uns. Aber ich habe mich geirrt. So schön es auch war. Manchmal muss man auch loslassen können. (Sie dreht sich um und geht Richtung Tür)
Mann: Ich kann ohne Dich nicht leben.
Frau: Du wirst es lernen müssen. Ich werde es lernen müssen. Es werden andere kommen und bald wirst du mich vergessen haben. (Sie öffnet, die Tür, blickt noch einmal zurück zu ihm, geht hinaus und zieht sie hinter sich zu)
Mann: (nun allein im Raum, verzweifelt Richtung Tür schreiend) FRANCINE!

Die Frau tritt unten aus dem Hotel hinaus auf die Straße. Es regnet weiterhin. Sie winkt ein Taxi zu sich heran, steigt ein und man sieht von außen, wie sie dem Fahrer stumm ihr Fahrtziel nennt. Schnitt in das Taxi. Die Frau öffnet ihre Handtasche und holt ein Foto heraus: ein unbeschwerter Urlaubsschnappschuss von ihr und François. Sie zerreißt das Foto, öffnet das Fenster, wirft die wenigen Schnipsel aus dem Fenster und schließt es wieder. Dann nimmt sie ein silbernes Etui aus der Tasche und zündet sich daraus eine Zigarette an. Sie schaut aus dem Taxi auf die draußen vorbeigleitende Stadt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Schnitt auf den Rinnstein am Straßenrand. In einer Regenpfütze schwimmen die Fotoschnipsel, der Teil mit den beiden Gesichtern der Liebenden dreht sich langsam im trüben Wasser, tropfen drücken ihn allmählich unter die Oberfläche.

Schnitt. Die Frau steht allein in ihrer Wohnung am Fenster, es ist Abend, die blaue Stunde. Sie raucht und hat ein Glas Rotwein in der Hand. Auf einem Tisch im Zimmer steht in einer Vase ein großer Strauß Rosen, noch mit Zellophan umhüllt, ein ungeöffneter Briefumschlag klebt auf der Folie. Sie leert ihr Glas »auf ex« aus, geht zum Telefon und wählt eine Nummer, die sie offenbar auswendig kann. Das Rufzeichen ertönt. Jemand nimmt ab und man hört die Stimme eines Mannes.

Stimme: Hallo? …
Frau:
Stimme: Francine …? Francine, bist Du es?
Frau:
Stimme: Ich liebe Dich! Ich brauche Dich! Sag etwas! Irgendwas …

(Die Frau legt auf)

– FIN –

Die Lieferung

Es gibt unangenehme Träume, aus denen ich missgestimmt erwache und sogar welche, aus denen ich angsterfüllt hochschrecke. Es gibt massenhaft Träume, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnere, belanglose, nach denen ich denke »naja« – und es gibt welche, die auch Stunden nach dem Aufwachen noch sehr präsent sind und ich denke »wow, das war ja cool«. Heute hatte ich mal wieder so einen.

Im Traum befand ich mich in einer Wohnung, die keinerlei Ähnlichkeit hatte mit meiner echten oder einer, die ich persönlich kenne, aber sie war im Traum völlig glaubhaft meine eigene. Eine bestellte Lieferung war angekündigt, ich hatte einen großen Flachbildfernseher bestellt, 55 Zoll. Aus irgendeinem Grund und obwohl ich »zu Hause« war, nahm ich die eintreffende Lieferung nicht persönlich entgegen, sondern bekam eine Nachricht, sie sei in einem Zimmer des Hauses abgestellt worden. Ich ging in den besagten Raum und fand dort eine viel größere Lieferung vor: statt eines großen Fernsehers waren insgesamt fünf davon angeliefert worden, dazu noch zwei Waschmaschinen. Doch im Traum war ich davon nicht ansatzweise beunruhigt oder veranlasst, dies zu reklamieren. Vielmehr begutachtete ich die gelieferte Ware und begann, mit dem Mann (der plötzlich ebenfalls anwesend war) zu besprechen, wie man die Geräte sinnvoll unterbringen und verteilen könne. Der größte Fernseher war mit »65 Zoll« spezifiziert, war aber in seinen Dimensionen etwa doppelt so breit und hoch wie ein reales Gerät dieser Größe. Den sollte der Mann in seine Wohnung mitnehmen, er habe doch zwischen zwei Regalen im Wohnzimmer genug Platz dafür, was sogar tatsächlich hätte hinkommen können. Das zweite Gerät war offensichtlich das tatsächlich bestellte mit 55 Zoll, dieses wollte ich in meiner Wohnung behalten, Die drei weiteren Fernsehgeräte waren alle gleich groß, aber mit wesentlich geringeren Abmessungen, nur etwa 60 cm breit. Die könne der Mann doch mit ins Büro bei sich nehmen und unter den Kollegen verteilen. So wurde es beschlossen und damit war die Fernseherlieferung besprochen. Blieben noch die zwei Waschmaschinen. Diese hatten seltsamerweise keine »Bullaugen«, sondern man konnte sie mit einer Klappe öffnen, wie sonst Geschirrspülmaschinen, und auch das fand ich nicht im geringsten sonderbar oder hinterfragte, wie das wohl funktionieren sollte. Stattdessen öffnete ich beide Klappen und schaute ins Innere der Geräte. In jeder der leeren, hell beleuchteten stählernen Kammern befand sich eine handliche gedruckte Bedienungsanleitung sowie eine kleine klare rechteckige Glasflasche mit einer auberginefarbenen Flüssigkeit und einem schwarzen Drehverschluss. Ich fragte mich, wozu diese Fläschchen wohl gut seien und nahm eine davon in die Hand. Ich schnippte mit einem Fingernagel gegen die Flasche und da geschah etwas Beeindruckendes: ausgehend von dem Punkt, wo der Schnippimpuls die Flasche getroffen hatte, änderte die Flüssigkeit im Inneren in wolkigen, wirbelnden Strukturen ihre Farbe, von dunkelviolett hin zu einem leuchtenden Orange. Als die komplette Flüssigkeit sich umgefärbt hatte, pochte ich erneut mit dem Finger dagegen und der Farbumschlag wiederholte sich in umgekehrter Richtung. Ich war fasziniert, fand das wunderhübsch und schlug in der Bedienungsanleitung nach, welchen Zweck Flasche und Flüssigkeit haben. Dort stand zu lesen, dass es sich um eine Art Ablenkungsköder für Mäuse handelt. Man solle den schwarzen Schraubverschluss abdrehen und das Fläschchen in einiger Entfernung zur angeschlossenen Maschine auf den Boden stellen. »Die Mäuse« (woher immer die kommen sollten) würden dann von der Flasche angezogen und sich demzufolge nicht mehr der Maschine nähern (warum auch immer sie dies tun sollten). Ich nahm das völlig unverwundert zur Kenntnis und begann erneut, mit den faszinierenden verschlossenen Flaschen zu experimentieren. Ich nahm metallene Bolzen, meine Finger und andere kleine Gegenstände und brachte die Flüssigkeit im Inneren wieder und wieder mit unterschiedlich starken und pointierten Impulsen zu ihren wechselnden, strudelnden Farbumschlägen, wobei die Farbigkeit zunehmend bunter wurde: rosa, violett, gelb, rot.

Dann wachte ich auf.

Es ist eigentlich unmöglich, Traumbilder real zu illustrieren, aber ungefähr so sah das aus.

Ein Schlager für die Liebenden von heute

Als ich heute Altpapierkartons zerkleinerte, Überreste der jüngsten Paketzustellungen online bestellter Weihnachtsgeschenke, fiel aus einem der Kartons ein kleines Kärtchen zu Boden. »Folge mir auf Instagram«, stand darauf. Nicht gewöhnt, von solchen Zetteln geduzt zu werden, ergänzte mein Hirn ein »…, Baby!« am Ende und ich fand, das klingt ein bisschen wie ein Anmachspruch, den jemand meiner Generation »jungen Leuten« zuschreiben würde. Ich fragte mich, ob es inzwischen wohl schon Schlager gibt, deren typische, liebesseichte Texte auch das heute selbstverständliche, permanente Online-Sein, Social Media und andere digitale Errungenschaften aufgreifen. In meinem Kopf begann eine Melodie im Stil eines Songs von Andreas Dorau zu spielen, andere Hirnzellen steuerten stilistisch passende Textfragmente bei und voilà – so in der Art könnte ich mir dergleichen vorstellen:

Ich hab Dich zuerst auf TikTok gesehn,
(oh Baby Baby)
Du performtest mega und warst wunderschön.
Ich ging auf Insta, um mich abzulenken,
doch dauernd musste ich an Dich denken.

Ich traute mich nicht, Dir ein Like zu geben,
(oh Baby Baby)
dies Gefühl hatte ich noch nie im Leben.
App auf, App zu, was ist nur gescheh’n?
Wie konntest Du mir nur so den Kopf verdreh’n?

Folge mir auf Facebook, Baby!
Teile meine Story, Sugar!
Gib mir einen Comment, Honey!
Klick mich an, das ist kein Scherz,
setz’ ein Bookmark für mein Herz.

Ich bin sonst nicht schüchtern, doch Du haust mich um,
(oh Baby Baby)
seh’ ich Dein Profilbild, macht mein Herz Boom-Boom.
Vorhin hab ich endlich auf »Follow« geklickt,
Du hast akzeptiert, das macht mich verrückt!

Ich hab Dir geschrieben: Willst Du ein Date?
(oh Baby Baby)
Ich schau’ voll nervös auf mein Endgerät.
Wo bleibt Deine Antwort, willst Du mich nicht seh’n?
Der Traum meines Lebens wär, mit Dir zu gehn.

Schreib mir eine Message, Baby!
Fave meine Postings, Sugar!
Verlinke mich auf Twitter, Honey!
Klick mich an, das ist kein Scherz,
setz’ ein Bookmark für mein Herz.

Die Tage vergehen, ohne dass Du mir schreibst,
(oh Baby Baby)
Du postest auch nichts, ich frag’ mich, wo Du nur bleibst.
Heut steht auf Deiner Page: Du warst gar nicht echt,
bist nur ein Deep-Fake-Girl – und mein Herz zerbricht.

Ich verlasse Facebook, Baby,
lösche mich auf Insta, Sugar,
gehe nie mehr online, Honey.
Mein Traum war nur ein Cyber-Scherz,
ich lösch’ mein Bookmark für Dein Herz.

Wildsuppe mit dunkler Einbrenne nach Art von »Omas Ochsenschwanzsuppe«

Über das kürzliche lange Wochenende war ich gleich zweimal zu Gast im »Wirtshaus im Gut« in Wunsiedel und genoss dort als Vorspeise eine hervorragende Wildsuppe. Ich habe versucht, die Zutaten und die Zubereitung zu erschmecken, um zu versuchen, sie zu Hause nachzukochen. Heute hatte ich die Muße und Lust dazu, habe morgens auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt alles Notwendige besorgt – und das Ergebnis kommt dem Original wunderbar nahe. Vom Aufwand und den feinen Zutaten her (die Pilzeinlage ist ein von mir hinzugefügtes Extra) ist es ein wahres Sonntagsessen – aber es lohnt sich.

Zutaten (für 3–4 Teller)

300 g Wildgulasch (z.B. Reh oder Wildschwein)
1 große Karotte*
1 mittelgroße Zwiebel
1 kleine Stange Lauch*
1 etwa mandarinengroßes Stück Knollensellerie*
3 EL Tomatenmark
200 ml Rotwein
1200 ml Wildfond aus dem Glas
1 Handvoll frische oder tiefgekühlte Waldpilze (z.B. Pfifferlinge oder Steinpilze)
neutrales Öl zum Braten und Gemüse-Rösten (z.B. Rapsöl)
4 schwarze Pfefferkörner
8 Pimentkörner
6 ganze Gewürznelken
1 Lorbeerblatt
Salz
Pfeffer aus der Mühle
60 ml Madeira oder Sherry
50 g Mehl
35 g Butter
1 El Balsamico
2–3 Zweige Petersilie*

(* = kann man auch im Bundle als Suppengrün kaufen)

Zubereitung (alles in allem dauert sie ca. 2½–3 Stunden)

Das Gemüse putzen und in ca. würfelzuckergroße Stücke schneiden. Mit etwas Öl vermengen, einlagig auf einem mit Backpapier belegten Blech verteilen und im vorgeheizten Backofen bei 220 °C etwa 20–30 Minuten anrösten, bis es deutliche dunkelbraune Stellen bekommt.

Derweil die Pilze putzen und fein würfeln. In einem großen Suppentopf mit etwas Öl oder Butter kurz anschmoren, rausnehmen und beiseitestellen. Ggf. Öl nachgießen und die Wildgulaschstücke im selben Topf scharf von allen Seiten braun anbraten. Ebenfalls herausnehmen und beiseitestellen.

Nochmals ggf. Öl nachgießen und das geröstete Gemüse in den Suppentopf geben. Mit dem Tomatenmark unter Rühren anrösten und mit dem Rotwein ablöschen. Hitze reduzieren und den Rotwein fast völlig einkochen lassen. Das gebratene Fleisch zugeben, mit dem Wildfond aufgießen und die Gewürze zugeben. Mit geschlossenem Deckel 45 Minuten leicht vor sich hin köcheln lassen, dann nochmal 15 Minuten mit geöffnetem Deckel simmernd einkochen lassen.

Das Fleisch aus der Suppe herauslesen und beiseitestellen. Die Suppe durch ein feines Sieb in einen kleineren Suppentopf gießen und das getränkte Gemüse im Sieb gut ausdrücken – es hat damit seine Schuldigkeit getan und kann in den Bioabfall.

In einem trockenen kleinen Topf bei mittelstarker Hitze das Mehl trocken unter ständigem Rühren erhitzen, bis es goldbraun wird (nicht anbrennen lassen!). Die Butter zugeben und unterrühren, bis eine streuselartige, aber homogene Masse entsteht. Zwei Kellen der durchgesiebten Suppe zugeben und mit einem Schneebesen glattrühren. Die entstandene Mehlschwitze zum Rest der Suppe zurückgießen und alles unter Rühren mit dem Schneebesen nochmals einige Minuten leicht aufkochen lassen. Den Sherry/Madeira zugeben und mit Salz, Pfeffer und Balsamico würzig abschmecken.

Das gekochte Wildfleisch in kleine Stücke schneiden, zusammen mit den angeschmorten Pilzen und der kleingehackten Petersilie in die heiße Suppe geben und unterrühren.

Hier der Link zum Rezept, das ich als Basis für meine Anpassung genommen habe

Die Welt(en) hinter den Buchstaben

Die ersten Buchstaben, an die ich mich erinnern kann, waren die eines ABC-Lernspiels. Die kleinen quadratischen Kunststoffkärtchen zeigten jeweils auf der einen Seite einen schwarzen Großbuchstaben, auf der anderen Seite die einfarbige Zeichnung eines Gegenstandes, der mit diesem Buchstaben begann. Mein Onkel, damals Grundschullehrer, lehrte mich mit diesem Spiel lesen, noch bevor ich vier Jahre alt war.

14 Jahre später, Mitte der Achtziger Jahre, brachte die Popband »Art Of Noise« das Album »In Visible Silence« heraus. Auf dem Cover war der Name der Band in fotografierten »Accidental Letters« zu lesen. Das inspirierte mich und ich zog mit meiner kleinen Analogkamera los, um für eine Weile auf Schritt und Tritt mein eigenes Alphabet dieser Art zu knipsen. Die Fotos habe ich immer noch, lediglich die Buchstaben B, L und U fehlen, ob die Abzüge verschollen sind oder ich sie aus unbekanntem Grund nicht fotografiert habe, ist ungewiss.

Etwa zeitgleich pflegte ich meine selbst aufgenommenen Mixtapes mit sogenannten »Rubbelbuchstaben« zu beschriften. Es gab einen dicken Katalog der Firma Letraset mit hunderten verschiedener Alphabete, natürlich jedes in verschiedenen Schriftgrößen erhältlich und ich hatte etliche dieser Beschriftungsbögen in meinem Besitz. Oft verfremdete ich Buchstaben, indem ich mit einem feinen Skalpell Teile davon noch vor dem Aufrubbeln entfernte oder aus Segmenten mehrerer Buchstaben verschiedener Schriften neue, eigene Lettern zusammensetzte. Einige derart beschriftete Cassetten haben die Jahre überstanden, aber meine Rubbelbuchstabenphase war irgendwann vorbei.

Auch heute in meinem Beruf als Artdirektor und Grafik-Designer habe ich fast täglich mit Buchstaben zu tun. Es macht mir Spaß, für Kunden mit Schriften zu gestalten, Texte zu setzen oder Medien damit zu layouten. Ganz besonders mag ich die Recherche nach einer passenden Schrift, wenn ein Kunde ein neues Logo für sein Unternehmen oder ein neues Produkt in Auftrag gibt. Welche Schrift sieht »maritim« aus (z.B. für einen Kunden aus dem Bereich Schiffsautomation) oder »juristisch« (etwa für eine Anwaltskanzlei)? Ich kann stundenlang die Datenbanken der Schriftanbieter durchsuchen, um nach einem Font zu suchen, der die Branche und das Image des Kunden mit dem neuen Logo typografisch auf den Punkt bringt und ich denke, meist gelingt mir das ganz gut.

Doch die Arbeit mit Schriften in meinem Job bewegt sich meistens auf dem Gebiet der »glatten« Typografie. Professionelle Fonts haben detailliert und präzise ausgearbeitete Buchstabenformen und obwohl es auch tausende Schriften gibt, die »handgemacht« oder »grungy« gestaltet sind, sieht ein und derselbe Buchstabe immer stets 100% gleich aus oder aber ein Algorithmus wechselt beim Tippen zufällig zwischen mehreren leicht unterschiedlichen Formvarianten desselben Buchstabens, so dass organische Variationen in Wörtern simuliert werden, aber es bleibt eine Simulation – berechnet, technisch und artifiziell.

Kommt ein und derselbe Buchstabe einer Computerschrift in einem Wort mehrmals vor, sieht er entweder immer gleich aus oder die Software »rotiert« durch mehrere Formvarianten. Wird der betreffende Buchstabe häufiger verwendet, als es Varianten gibt, wiederholen sich die Letterformen wieder von vorn. Im unteren Beispiel sind offenbar drei verschiedene e-Varianten in der Schrift hinterlegt, das vierte getippte e sieht daher wieder aus wie das erste. Diese Unzulänglichkeit fällt insbesondere bei abgewetzt oder handgeschrieben aussehenden Schriftarten auf.

Und genau an diesem Punkt beginnt meine Begeisterung für besondere Schriften und außergewöhnliche Buchstaben. Ich finde Formen, Schriftzüge und Beschriftungen eigentlich am interessantesten, wenn sie zum Unikat werden. Entweder hat sich ein Laie, ein professioneller Schriftmaler oder ein Gestalter speziell für die zu lösende Aufgabe oder Anwendung eine individuelle Lösung einfallen lassen und diese umgesetzt, mit absichtlich eigens kreierten Lettern und/oder unvermeidbaren, handwerklich bedingten Formabweichungen – oder die Schriftformen bekamen nachträglich durch äußere Einflüsse wie z.B. Verwitterung einen einzigartigen Look. Dann fangen Buchstaben für mich an, Geschichten zu erzählen, die über den dargestellten Text hinausgehen.

Manchmal erkennt man handgezeichnete Schriften sofort, aber bisweilen sind sie auch gut getarnt. Ein Beispiel dafür sind die Titel der deutschen Fernsehserie um die hessische »Familie Hesselbach« aus den 1950er Jahren. Hier enthüllt nur genaueres Hinsehen, dass diese tatsächlich von Hand erstellt wurden, da sich einzelne gleiche Buchstaben formal ganz leicht voneinander unterscheiden. Interessant für typografische Erbsenzähler, aber visuell eher unaufregend.

Interessanter wird es, wenn die Besonderheiten der Buchstaben und Schriftzüge kaum mehr zu übersehen sind. Spätestens seit ein Smartphone mein ständiger Begleiter ist, knipse ich auf jeder Reise, auf alltäglichen Wegen, im Urlaub, beim Einkaufen oder auf Ausflügen typografische »Sehenswürdigkeiten« und poste diese auch unregelmäßig hier im Blog (siehe die Linkliste zu den bisherigen Beiträgen am Ende dieses Postings) und ich möchte im Folgenden mal eine ganze Reihe davon vorstellen, die ich thematisch etwas übersichtlicher gruppiert habe.

Eyecatcher

Dies sind Fundstücke, die eine (manchmal nur kleine) typografische Besonderheit aufweisen, die eindeutig zum Hingucker wird. Mich begeistert immer wieder der Erfindungsreichtum der Skandinavier bei der Formgebung des kleinen Buchstabens »g«, aber auch ein »Buchstabenfriedhof« mit ausgemusterten Leuchtbuchstaben oder das Logo eines dänischen Zimmermanns, der sich mit kindlicher Experimentierfreude jeglichen branchenüblichen Konventionen widersetzt.

Eingeritzt

Bei manchem Naturspaziergang finden sich außer narbigen Liebesgleichungen gelegentlich auch noch andere typografische Botschaften in der einen oder anderen Baumrinde, die zum Nachdenken über die Urheber oder auch zum Gruseln anregen.

Handgeschrieben

Hier ist der Inhalt meistens nicht von der Form zu trennen. Wer hat das wohl geschrieben? In welcher Stimmung war die schreibende Person und inwiefern hat sich ihre Gemütsverfassung vielleicht auch auf die Form der Buchstaben ausgewirkt? Ist das noch »Graffiti« oder irgendwas anderes? Auf jeden Fall sind es sehr persönliche Botschaften.

Eigenwillig

Hier ist der Hintergrund der kreierten Buchstaben und Schriftzüge schon etwas professioneller: der Absender betreibt ganz offensichtlich ein Gewerbe und möchte seine potenziellen Kunden darauf hinweisen oder darüber informieren. Jedoch ist weder typografisches Know-how vorhanden noch ist der Urheber willens oder in der Lage, Geld in professionelle Gestaltungshilfe zu investieren. Und demzufolge buhlen schließlich ungelenke Botschaften und schiefe selbstgebastelte Logos um die Gunst der Kundschaft – auffallend sind sie aber allemal.

Unvollkommen

Hochprofessionell ist der Anspruch, edel die Materialien, teuer die Anbringung (zumindest bis auf das letzte Beispiel). Und doch unterlief den Buchstaben während bzw. nach der Anfertigung oder Installation ein Missgeschick, das erst auf den zweiten Blick auffällt, daher ist diese Bildergalerie mit Erläuterungen versehen.

Ausgelassen

»Hereinspaziert, meine Damen und Herren! Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Jedes Los ein Gewinn!« – auf der Kirmes, dem Jahrmarkt, der Dult, dem Schützenfest tummeln sich die handgefertigten Schriftzüge der Schausteller zuhauf und versuchen die vergnügungswilligen Besucher zu Buden und Fahrgeschäften zu locken. Fröhlich und auffällig muss es sein. Und möglichst bunt.

Dahingegangen

Das Gegenteil der Kirmes ist vermutlich der Friedhof. Hier ist nun endgültig Schluss mit lustig, aber typografisch spannend bleibt es trotzdem. Schaut man sich die Sterbedaten auf den Grabmalen an (sofern sie noch zu lesen sind), wirken einige der Buchstabenformen überraschend modern für jene Zeit.

Vernachlässigt

Der Zustand des Bahnnetzes in Deutschland ist desolat. Seit der Bahn-Reform im Jahr 1994 hat die Deutsche Bahn mehr als 5400 Kilometer ihres Streckennetzes abgebaut, inklusive vieler Stationen. Davon betroffen sind auch etliche teils prunkvolle Bahnhofsgebäude oder Stellwerkposten, die im Vorbeifahren aus dem Zugfenster oder beim Aussteigen als Relikte des dort einst regen Bahnverkehrs ins Auge fallen. Doch sowohl die architektonischen Details als auch die Beschriftungen lassen noch einen Hauch der früheren Pracht erahnen.

Nostalgisch

Die Fünfziger und Sechziger Jahre waren die Glanzzeit der Reklame und des Kinos. Erste Wahl für Werbebeschriftungen jener Zeit waren oftmals handgeformte Neon-Schriftzüge. Spätestens seit dem Einzug preiswerter LED-Leuchtelemente sind die aufwendig gefertigten gasgefüllten Glasgebilde zum teuren Luxus geworden. Aber an manch altem Gebäude, das die Zeit überdauert hat, kann man sie noch sehen, an Lichtspielhäusern, Bars oder Geschäften. Die Formen der Buchstaben sind oft ebenso ästhetisch und eigenwillig wie charakteristisch für die Aufbruchsstimmung und den Zukunftsglauben der Nachkriegszeit. Eine meiner Lieblingsrubriken für famose Buchstabenformen. Als Bonus am Ende dieser Galerie noch zwei Fundstücke aus anderen Bereichen, die aber dennoch ihren gestalterischen Ursprung etwa in derselben Zeit haben.

Geschichtsträchtig

Noch älter als »Retro« und zumeist nicht beleuchtet, aber oftmals entweder überraschend gut erhalten oder liebevoll restauriert, finden sich auch abseits von Bahnhöfen und Kinos historische Schriftzüge mit sehr schönen, individuellen und handgefertigten Buchstabenformen. Manche als großformatige Ladenbeschriftungen, manche nur auf kleinen Tafeln oder Hinweisplaketten. Hinschauen lohnt sich.

Verwittert

Darunter fällt der weitaus größte Teil meines typografischen Fotobestandes. Wenn es keinen Grund mehr gibt, eine Inschrift instand zu halten, weil das Geschäft, Restaurant, Hotel, Unternehmen etc. schon lange nicht mehr existiert, sind die Buchstaben dem Zahn der Zeit ausgesetzt. Sie blättern ab, bleichen aus oder werden übermalt und mit der Zeit bleibt nur noch ein kläglicher, aber interessanter Rest zurück. Ich frage mich oft, wie es wohl aussah und zuging an diesen Orten, als die Beschriftungen entstanden, in welcher Zeit das war und welche Geschichten die Buchstaben erzählen würden, wenn sie es könnten.

Geisterhaft

Noch unscheinbarer als verwitterte Buchstaben sind die Schriftzüge, von denen nur noch ein Schatten ihrer selbst übrig blieb. Die eigentlichen Buchstabenkörper, Schriftfolien oder Leuchtelemente wurden längst entfernt, vielleicht entwendet, sind von selbst abgefallen oder im Laufe der Jahre komplett unkenntlich geworden. Was bleibt, ist wie nach dem Abhängen eines alten gerahmten Bildes an der Wand nur noch ein Umriss, oft kaum noch lesbar. Buchstabenphantome.

Erheiternd

Manche Buchstabensichtung bringt auch einen stillen Humor mit sich. Keine Brüller oder Schenkelklopfer, aber auf eine gewisse Art kleine typografische Pointen.

Das war die vorerst letzte Galerie aus meinem Buchstabenarchiv. Wer sich die Blogbeiträge mit den Ausbeuten meiner typografischen Fotosafaris durch etliche deutsche und europäische Städte anschauen mag, kann die Links der nachfolgenden Liste anklicken. Es lohnt sich auf jeden Fall, zu Hause und auf Reisen selber mal die Augen offenzuhalten und nach Buchstaben zu suchen, die Geschichten erzählen. Es gibt viel zu entdecken.

Typografische Fundstücke von unterwegs

Burrata mit Tomaten-Vanille-Ragout

Im vorhergehenden Blogbeitrag erwähnte ich eine vortreffliche italienische Vorspeise, die ich gleich zwei Mal im italienischen Restaurant Bellini in Stralsund genossen hatte. Schon beim ersten Mal nahm ich mir vor, zu versuchen, dieses Gericht zu Hause »nachzubauen«. Das habe ich inzwischen getan und ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Nun müsste man in bester Kitchen Impossible-Manier natürlich das Original mit meiner »Fälschung« vergleichen, um die letzten Unterschiede zu erschmecken und ggf. auszugleichen. Aber es schmeckt zu 100% wie in meiner noch frischen Erinnerung und das ist ja eigentlich das Wichtigste.

Falls Interesse am Nachkochen besteht, hier das rekonstruierte Rezept.

Zutaten (für 2 Portionen):

2 Kugeln Burrata (leicht gekühlt, aber nicht kühlschrankkalt)
1/2 EL Butter
250 g möglichst aromatische Cherrytomaten, geviertelt
2 Blätter Basilikum, in schmale Streifen geschnitten
sowie einige ganze Basilikumblätter zum Garnieren
2 cl (ca. 1 Schnapsglas voll) Portwein oder Madeira
2 cl Wasser
1 Msp. Vanilleschote, gemahlen (oder ausgekratztes Vanillemark)
1/2 Msp. Cayennepfeffer
1 TL Ahornsirup
etwas Pfeffer
Salz
Balsamico

Die Butter bei starker Hitze schmelzen, bis sie leicht schäumt. Die Cherrytomaten, Vanille und Basilikum zugeben, Hitze reduzieren und 3 min unter gelegentlichem Umrühren köcheln lassen. Mit Portwein und Wasser ablöschen und weitere 5 min mit geschlossenem Deckel dünsten lassen. Dann Ahornsirup, Cayennepfeffer und Pfeffer zugeben und unterrühren. Mit Salz und Balsamico mild-fruchtig abschmecken. Das Ragout sollte nicht zu dessert-süß und nicht zu tomatensoßig-salzig sein, und die unterschwellige Schärfe von Pfeffer und Cayennepfeffer sollte auf der Zunge deutlich spürbar werden, sie wird später von der sahnigen Frische der Burrata wieder gemildert.

Die abgetropften Burrata jeweils in die Mitte eines tiefen Tellers legen, mit dem heißen Tomatenragout überschöpfen und mit etwas Basilikum garnieren.

Aus meiner Sicht eine perfekte Vorspeise für den Sommer.