Typographische Impressionen

Gesammelt in Gera.

Ich war zum ersten Mal in diesem schönen thüringischen Städtchen und bereits während der ersten Autofahrt durch einige Seitenstraßen sah ich, dass dies mal wieder eine Fundgrube sein würde für das Suchen und Aufspüren schöner, skurriler, verwitterter Inschriften an Häusern und Gebäuden. Und so war es dann auch. Am ergiebigsten – und leider auch am betrüblichsten ob der vielen baufälligen, einstmals schönen Häuser – war das Viertel um den Geraer Südbahnhof. Rund drei Stunden war ich auf Fotosafari. Hier meine Ausbeute …

Typographische Fundstücke aus Gera
Fotos: © formschub (Klick macht groß)

Enttäuscht


Photo: © Benson Kua on FlickrLicensed under Creative Commons

Immer wieder mal vermelden Wirtschaftsnachrichten, dass eine erfolgreiche Firma ihren Gewinn im Vergleich zum Vorjahr oder letzten Quartal deutlich gesteigert habe, aber nicht so stark, wie von »den Analysten« erwartet, »die Analysten« seien enttäuscht. Und ich denke: macht Euch doch mal locker, da hat ein Unternehmen Erfolg! Es wird Geld verdient! Menschen haben Arbeit! Kunden freuen sich über tolle oder nützliche Produkte! Und ihr Analysten, ihr alten Miesepeter, seid »enttäuscht«. Undankbares Pack!

Als ich gestern wieder so eine Nachricht hörte, wurde ich zu einer kleinen Serie von Tweets inspiriert, die ich noch spät nachts in meine Timeline postete. Und als ich sie heute morgen nochmals las, dachte ich: »eigentlich sollte ich ein Gedicht daraus machen«. Vielleicht schreibe ich demnächst noch die eine oder andere Strophe um, aber so gefällt es mir schon recht gut. Ich hoffe, Euch auch.

Samsungs Smartphoneabsatz schwächelt,
Die Analysten sind enttäuscht.
Angela Merkel hat gelächelt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Konjunktur verliert an Kraft,
Die Analysten sind enttäuscht.
Tim Cook trinkt ein Glas Apfelsaft,
Die Analysten sind enttäuscht.

Kaum jemand kauft noch Limousinen,
Die Analysten sind enttäuscht.
Im Kuchen sind zuviel Rosinen,
Die Analysten sind enttäuscht.

Der Goldpreis steigt, der Ölpreis fällt,
Die Analysten sind enttäuscht.
In Frankfurt hat ein Hund gebellt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Kurse treten auf der Stelle,
Die Analysten sind enttäuscht.
Claus Kleber trägt jetzt Dauerwelle,
Die Analysten sind enttäuscht.

Nahöstlich flammen Krisen auf,
Die Analysten sind enttäuscht.
Frau Schulz hat’s mit dem Blutkreislauf,
Die Analysten sind enttäuscht.

Der Deutsche trinkt zu wenig Bier,
Die Analysten sind enttäuscht.
Auf der Toilette: kein Papier,
Die Analysten sind enttäuscht.

Die Sonne scheint, die Blumen blüh’n,
Die Analysten sind enttäuscht.
Am Himmel zwitschernd Vögel zieh’n,
Die Analysten sind enttäuscht.

Am Strand küsst sich ein Liebespaar,
Die Analysten sind enttäuscht.
Der Weltfrieden ist endlich da,
Die Analysten sind enttäuscht.

Schönes misst man nicht nur in Geld,
Die Analysten sind enttäuscht.
Sie dreht sich gratis, diese Welt,
Die Analysten sind enttäuscht.

Schöne Grüße!

Die Post bringt allen was
Fotomontage: formschub | Original von rotkraut.c.r. bei Flickr | Licensed under Creative Commons

Ich trage mich seit der Adventszeit mit dem Gedanken an ein »Projekt«. Während meiner Weihnachtseinkäufe in den Wochen vorm Fest durchstöberte ich sowohl das Internet als auch einschlägige Hamburger Szeneläden wie »Männerschwarm« oder »Bruno’s« nach originellen, witzigen, schönen, kreativen »schwulen« Gruß- oder Weihnachtskarten, die ich gern innerhalb meines Freundeskreises verschickt hätte … Fehlanzeige.

Vielleicht habe ich an den falschen Orten gesucht, aber was ich fand, war samt und sonders »schlimm«: Klischees mit Regenbögen und in den Pride-Farben, umgelenke Cartoons, kitschige Muskelweihnachtsmänner, unwitzige Bildmotive et cetera. Und da dachte ich: Marktlücke! Nun habe ich zwar weder Zeit noch Energie, einen Verlag zu gründen, der dieses vorgefundene Defizit dauerhaft beseitigt, aber vielleicht klappt es ja, eine (zunächst) einmalige Aktion auf die Beine zu stellen. Wenn sie rechtzeitig in Angriff genommen wird.

Ein schöner Zufall ist es nämlich, dass der jährliche Welt-Aids-Tag am 1. Dezember ebenfalls in die Vorweihnachtszeit fällt. Die Zeit, in der vielleicht noch andere Menschen außer mir geneigt wären, ansprechende schwul-lesbische Kartengrüße an Freunde und Bekannte zu verschicken. Auf Karten mit oder ohne Weihnachtsbezug – und dies damit zu verbinden, etwas Gutes zu tun.

Ich stelle mir vor, mit Hilfe meiner Kontakte zu Euch, den »Internetleuten«, die mich hier durch mein Blog, auf Facebook, bei Twitter oder dem noch etwas brachliegenden Ello kennen – ob virtuell oder persönlich – diese Idee an ca. 10 gute, professionelle Zeichner oder Cartoonisten (einige Wunschkandidaten – träumen darf man ja – wären z.B. Ralf König, Der Flix, Joscha Sauer, Til Mette, Beetlebum, Katz & Goldt oder Kiki) heranzutragen und Sie dafür zu gewinnen, ein Benefiz-Grußkartenmotiv (im Standard-Postkartenformat 148 x 105 mm) für diesen Anlass zu entwerfen. Ich würde diese Motive, digital oder analog, engegennehmen, für eine professionelle Druckvorstufe sorgen, ein schlichtes »Artwork« für die Kartenrückseiten anfertigen und versuchen, eine Druckerei dafür zu gewinnen, diese Karten – gesponsort oder ebenfalls zum Benefiz-Selbstkostenpreis – in einer adäquaten Auflage qualitativ hochwertig zu drucken und zu konfektionieren. Anschließend würde ich mich – gern auch mit weiterer ehrenamtlicher Unterstützung – darum kümmern, für die Karten eine überschaubare Zahl lokaler Verkaufsstellen, z.B. in Hamburg oder Berlin, zu gewinnen und diese dort bis Anfang Dezember 2015 im Sortiment zu platzieren.

Einen Online-Vertrieb würde ich nur in Betracht ziehen, wenn die Bestell- und Versandabwicklung von einem bestehenden Shop übernommen würde, da dies ansonsten nicht »nebenbei« zu bewerkstelligen wäre. Wenn irgend möglich, möchte ich versuchen, den kompletten Verkaufserlös der Deutschen AIDS-Hilfe e.V. zukommen zu lassen, sofern alle Mitwirkenden sich auf eine honorarfreie Beteiligung einlassen wollen oder können.

Bis jetzt habe ich diese Idee nur in den genannten groben Zügen geboren, ohne zu wissen, ob sich das so einfach ohne gewerbs- oder steuer- oder spendenrechtliche Hürden durchführen lässt, daher bin ich natürlich auch diesbezüglich für Hinweise dankbar. Und ich würde natürlich gerne wissen, was Ihr generell davon haltet, ob Ihr vielleicht Kontakte zu geeigneten Zeichnern habt und vermitteln oder Euch anderweitig bei der Umsetzung einbringen könntet. Oder ob Ihr meint, dass das ganze eine Schnapsidee ist … 😉

Postkarte SchwesternBeispielpostkarte (Foto & Illustration): formschub

Hallo, 2015!

Ein Neues Jahr schenkt dir Zeit.
Zeit zum Leben,
Zeit zum Lieben,
Zeit zum Arbeiten,
Zeit, um neue Freunde zu gewinnen
und alte zu treffen,
Zeit, um gut zu dir zu sein.

Ein Neues Jahr schenkt dir Platz.
Platz, um zu wachsen,
Platz, um Fehler einzuräumen,
Platz, um zu teilen,
Platz, um nette Menschen in dein Leben zu lassen
und sie zu halten,
Platz, um Ruhe zu finden.

Ein Neues Jahr schenkt dir Chancen.
Chancen, um zu lernen,
Chancen, um dich zu hinterfragen,
Chancen, um besser zu werden,
Chancen, um neue Erfahrungen zu machen
und neugierig zu sein,
Chancen, um voranzukommen.

Ein neues Jahr schenkt dir Kraft.
Kraft, um Herausforderungen zu meistern,
Kraft, um zu helfen,
Kraft, um gesund zu bleiben,
Kraft, um deinen Weg zu finden,
Kraft, um deine Grenzen zu erkennen
und sie zu festigen,
Kraft, um etwas zu bewegen.

So viele Geschenke!
Nutze sie sorgsam.
Alles Gute für 2015.

Foto und Text: © formschub

Reisepläne


Photo: © admanchester | Licensed under Creative Commons

Verbring den Urlaub weise – reise!
Wer etwas von der Welt hält,
mit Leidenschaft Tourist ist.
Doch wohin führt die Tour nur?
Lass’ ich mich nach Great Britain bitten?
Macht mich Mexico froh?
Gefiel’ es mir am Pol wohl?
Oder soll ich Jemen nehmen?

Mit dem Zug nach Bayern eiern?
Oder doch nach Skagen jagen?
Ich könnt auch nach Manhattan jetten.
Oder nach Schaffhausen sausen.
Preiswert wär: nach Flandern wandern,
ebenso nach Kempen trampen.
Langweilig: nach Siegen fliegen.
Zu heiß: auf die Kanaren fahren.

Was mag ein Flug nach Boston kosten?
Oder doch in London landen?
Mir ein Schiff nach Japan kapern?
Zu aufregend. Nach Brighton reiten?
Zu anstrengend. Gen Wien zieh’n?
Zu fad – doch könnt Athen geh’n …
Voll fett wär noch Marseille, ey!
Auch fänd ich Liverpool cool.

Täglich fahr’n zu Schären Fähren,
heben ab nach Riga Flieger,
obwohl ich auch Den Haag mag
und niemals in Dakar war.
Sehr schön soll’s auch am Rhein sein,
der Kenner nennt die Rhön schön.
Erkunde ich die Eifel? *zweifel*
Gefiel’ es mir in Prag? *zag*

Städte, wo Millionen wohnen,
Strände, die an Meeren wären,
Inseln, Berge, Küsten, Wüsten,
Wälder, Täler, Buchten, Schluchten.
Warum gibt’s nur so viele Ziele?
Ich find’ mich nicht zurecht, echt!
Ich glaub’ ich mach ’ne Pause
und bleib’ erstmal zu Hause.

Fünfminutenzeiler

Frühling ist’s, die Zeit der Liebe
Grün knospt wieder an den Zweigen
Jeder fühlt die Säfte steigen
Neustart für pausierte Triebe
und der Himmel ist so blau.

Stoff wird dünner, Ärmel kürzer
die Natur, sie duftet wieder
Bärlauch, Krokus, Veilchen, Flieder …
Frühling, alter Lebenswürzer!
das Jahr wär ohne Dich so grau.


Photo: © former Flickr user Aldaryn Grayraven | Some rights reserved

Teilen

Teilen ist toll. Teilen ist die Hefe im Contentteig des Internets. Ohne Teilen wäre das Internet ein öder, statischer Ort. Aber immer? Alles?

Als ich neulich einen Facebook-Eintrag von Peter Breuer zum Teilen las (leider inzwischen nicht mehr verfügbar), hörte ich sofort die Stimme von Herbert Grönemeyer in meinem Kopf. Die Melodie war die seines Songs »Kaufen«, aber der Songtext war ein anderer …

Teilen

Ich klick auf alles, ich klick auf »share«
Breaking News, Witzchen, Filme und mehr

Ich könnt im Internet ertrinken
mailen, teilen und verlinken
jeden Schwachsinn weiterwinken
oh, wie ist das schön

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal

Scrollt die Timeline dann weiter nach unten
hab ich längst schon was Neues gefunden

Online sein verzückt mich
»Share« klicken beglückt mich
Weil ich so zeigen kann,
hey ich bin vorn

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal

Die totale Contentflut
ich teile alles resolut
und es tut so gut,
oh, wie es durch mich strömt

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal


Graphic: © jurvetson @ flickr | Some rights reserved

Einspruch

Das berühmteste Herbstgedicht – wer kennt es nicht?

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

Ich hätte da allerdings eine Entgegnung:

Herr, bist Du jeck? Der Sommer war zu kurz!
Nimm fix die Schatten von den Sonnenliegen,
und wenn schon Wind, dann höchstens einen Furz.

Die letzten Früchte? – meinetwegen lass sie reifen,
dann scheint die Sonne wenigstens noch mal
und Wein hat schließlich auch sein Potenzial,
zum schweren, süßen aber sollen and’re greifen.

Dass Bauprojekte stocken, Herr, ist heute üblich.
Allein muss niemand bleiben – es gibt Internet,
Lesen und Schreiben tut man mit Tablet,
doch düst’re Jahreszeiten machen mich betrüblich,
ich glaub’, der Herbst ist mittlerweile obsolet.


Foto: © formschub