Lebenszeichen: Weihnachtsküche 2016

Das Blog liegt brach (solche Phasen gibt’s halt immer mal), aber der Herd keineswegs. Die Rezepte für das diesjährige Weihnachtsessen habe ich nach einigen Basisrecherchen im Netz selbst aus mehreren Rezepten zusammenimprovisiert und möchte sie Euch nicht vorenthalten. Als Fleischbeilage gab’s dazu eine klassisch gebratene Gänsebrust ohne weiteres Chichi. Die Stärkebeilage haben wir diesmal weggelassen, passen würden aber auf jeden Fall Spätzle oder Kartoffelknödel. Fröhliche Festtage!


Winterlicher Rahmwirsing mit Lebkuchengewürz

für 4 Personen

1 Kopf Wirsing, nicht zu groß
1 kleine Zwiebel
100 g Bacon in Scheiben
1 EL Butter
4 EL Olivenöl
250 ml Schlagsahne
2 EL Frischkäse
2 EL Crème Fraîche
3 TL Lebkuchengewürz (Zimt, Orangenschale, Koriander, Piment, Sternanis, Muskatnuss, Nelken)
1 TL Chinesisches Fünfgewürzpulver (Fenchel, Anis, Zimt, Pfeffer, Nelken)
etwas Madeira
Salz
Pfeffer

Grobe Stiele und den Strunk aus dem Kohlkopf entfernen und die Blätter in feine Streifen schneiden (ca. 4 cm x 5 mm). Die Zwiebel und den Bacon fein würfeln. Die Baconwürfel mit 1 EL Olivenöl in einer Pfanne knusprig braun braten und auf Küchenpapier abtropfen lassen. In einem großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen und die Kohlstreifen 5–8 Minuten angaren, dann in ein großes Sieb abgießen und abtropfen lassen.

In demselben Topf Butter und 3 EL Olivenöl erhitzen und die Zwiebel glasig anbraten. Mit einem guten Schuss Madeira ablöschen und 2–3 Minuten weiterdünsten. Schlagsahne, Frischkäse, Crème Fraîche, Lebkuchengewürz und Fünfgewürzpulver hinzugeben, alles gut durchrühren und weitere 3–5 Minuten leicht köchelnd durchziehen lassen. Mit Salz und Pfeffer kräftig abschmecken (schließlich soll die Masse den gesamten Kohl aromatisieren). Die abgetropften Kohlstreifen und die Baconwürfel hinzugeben und alles gut unterheben. Den Rahmwirsing im Topf abgedeckelt bei schwacher bis mittlerer Hitze noch ca. 10–15 Minuten zuende garen.

Das Kohlgemüse schmeckt am besten, wenn es einen Tag vor dem Servieren zubereitet wird und über Nacht noch schön durchziehen kann.


Black-Beer-Sauce zur Weihnachtsgans

für 4 Personen

1 kleine Zwiebel
2 Knoblauchzehen
150 g Sellerieknolle
Olivenöl
ca. 800 ml kräftiges, schwarzes Stout- oder Black-Porter-Bier (ca. 6% Vol. Alkohol, mit Aromen nach Kaffee, Schokolade, Malz – etwa »Dunkle Macht« von Hopper Bräu oder »Insel Kap Oatmeal Stout« von der Rügener Insel-Brauerei, notfalls gehen auch Guinness oder Köstritzer Schwarzbier, obwohl sie »dünner« und weniger aromatisch sind. Ich habe diesmal 2,5 Flaschen Belhaven Scottish Oak Stout verwendet.)
2 EL brauner Zucker
1 Msp. Piment, gemahlen
1 Msp. Zimt, gemahlen
1 Msp. Cayennepfeffer
50 ml Sojasauce
etwas Madeira
Salz
Pfeffer

Die Knoblauchzehen schälen und in dünne Scheiben schneiden, die Zwiebel und den Sellerie fein würfeln. Das Olivenöl in einem Topf erhitzen und die Knoblauchscheiben darin goldgelb ankaramellisieren, dann sofort die Zwiebelwürfel hinzugeben und unterheben, damit der Knoblauch nicht zu dunkel und damit bitter wird. Das Knoblauch-Zwiebel-Gemisch 5–8 Minuten bei etwas reduzierter Hitze glasig andünsten, dann mit Madeira ablöschen und noch 2–3 Minuten weiterköcheln lassen. Das Bier, den Zucker und die Sojasauce hinzugeben und alles bei geöffnetem Topf und geringer Hitze etwa 30 Minuten garen und einkochen lassen. Das Gemüse in dem Biersud mit einem Pürierstab feinst pürieren und die Sauce danach durch ein Sieb streichen, damit grobe Gemüseteilchen ausgefiltert werden und die Sauce wieder schön glatt ist. Mit Piment, Cayennepfeffer, Salz und Pfeffer behutsam abschmecken und ggf. noch eine Weile bis zur gewünschten Konsistenz einkochen lassen.

Auch diese Sauce schmeckt am besten, wenn sie einen Tag vor dem Servieren zubereitet wird und über Nacht noch schön durchziehen kann.

Guten Appetit!

Black Beer
Foto: © formschub.de

Heimat, das sind Menschen.

Hallo, mein Name ist Thomas, ich bin jetzt 48 Jahre alt und kenne keinen Ort, kein Dorf, keine Stadt, die ich als meine »Heimat« bezeichnen würde. Ich kenne Leute in meiner Familie, meinem Freundeskreis, unter Kollegen, bei denen dies anders ist – und ich vermute, das hängt sehr damit zusammen, wie und wo man aufgewachsen ist. Ich glaube, Heimat ist ein Gefühl, das sich durch das lange Verweilen an einem Ort (z.B. dem der Geburt oder Kindheit) verfestigt und durch häufige Ortswechsel, wie etwa Reisen oder Umzüge, auflöst. Ich lebe jetzt seit über zwanzig Jahren in Hamburg, weil ich hier einen tollen Job habe, weil ich die Stadt mag, weil das »Naturell« ihrer Bewohner dem meinen sehr ähnlich ist und weil ich hier Freunde habe. Ja, ich fühle mich hier zu Hause. Aber ich könnte genausogut in Berlin, Leipzig, Stockholm, London, Amsterdam, Dublin oder Kopenhagen leben, um nur einige Städte zu nennen, die mir auch sehr gut gefallen.

Das Gefühl, keine geographische Heimat zu haben, hat seinen Ursprung in meiner Kindheit. Meine Großeltern kommen aus dem Südharz, aber auch sie wurden teilweise durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs dorthin verschlagen. Meine Eltern wurden zwar dort geboren, aber noch bevor ich das Licht der Welt erblickte, zogen sie (mit mir als Fötus im »Gepäck«) bereits das erste Mal um und so sollte ich im März 1967 rund 200 km vom Ort meiner Empfängnis geboren werden: in Friedberg, nördlich von Frankfurt/Main, wo mein Vater sein Studium absolvierte. Ich erinnere mich nicht mehr an meine ersten Lebensjahre in Hessen, ich habe nur Fotos von mir als pausbäckiges Kleinkind, die in jener Zeit aufgenommen wurden, aber meine Mutter erzählte mir, ich hätte im Zuge meiner sprachlichen Prägung sehr schnell das nachgestellte »Gell?« angenommen und als Kleinkind so quasi schon etwas vom hessischen Lokalkolorit assimiliert.

Der nächste Umzug, es muss um 1970 herum gewesen sein, führte uns zurück an den Rand des Harzes, nach Seesen, wo mein Vater seinen ersten Job nach dem Studium annahm. An diese Zeit habe ich tatsächlich rudimentäre Erinnerungen. Eines der Nachbarskinder, mit denen ich spielte, hieß Holger und von den Kinderspielen auf dem Innenhof trage ich noch heute ein »Souvenir« in Form einer haarlosen Narbe am Hinterkopf bei mir – ich war bei einer nicht sonderlich schlauen Variante des Fangenspielens – mit einer Spieldecke über dem Kopf – die Kellertreppe hinuntergefallen.

1972. Schon wieder umziehen. Diesmal nach Himmelsthür bei Hildesheim. Ich erinnere mich an Heckenrosen vor dem Haus, einen Spielkameraden namens Dirk, an Rosinenbrötchen vom umliegenden Bäcker. Da war ich fünf – und bekam eine Schwester.

1974 suchte mein Vater gezielt nach einer Anstellung im Ausland. Deutsche Ingenieure waren gesuchte Fachkräfte in aller Welt, die bei Bau- und Maschinenbautätigkeiten in vielen Regionen ihre Kenntnisse einbrachten und diese Jobs wurden gut bezahlt. Für die Kinder der »Auswanderer« stellten manche großen Firmen sogar eigene Kindergärten und Schulen auf die Beine. Und so hieß es 1975 erneut: umziehen! Diesmal übers Mittelmeer, ins französischsprachige Algerien, nahe der Stadt Constantine, die schon damals mehrere 100.000 Einwohner zählte. Es gab zwar ein eigens für die Facharbeiter der Firma errichtetes Wohngebiet, doch dieses war keineswegs wie ein Ghetto umzäunt. Unsere Nachbarn waren Algerier, in deren Haus waren wir gelegentlich spontan zu Gast. Meine Eltern erzählten uns oft, wie fasziniert die Nachbarn und auch andere Einheimische von den weißblonden Haaren waren, die meine Schwester und ich zu dieser Zeit hatten. Von Algerien habe ich noch Erinnerungen an den Geschmack des selbstgebackenen Fladenbrotes der Nachbarsfamilie, an einen kleinen Bach jenseits der Straße, in dem Süßwasserkrabben, Frösche und Kaulquappen lebten, an Ausflüge in die Sahara, an Datteln, frisch von der Palme gepflückt und gegessen und an das Einkaufen in den wuseligen Basaren der Stadt, wo es nach Hammelfleisch, Brot, Abwasser und Gewürzen roch und an unsere junge Haushaltshilfe, Fatima, die außerhalb des Hauses immer schwarz verschleiert sein musste, und an ihre mit Henna rot gefärbten Handflächen. Schon in der ersten Klasse hatte ich Französischunterricht, Madame Adas hieß meine Lehrerin und einer meiner besten Freunde hieß Ulrich. Es zerriss mir das Herz, als seine Eltern wieder aus der Nachbarschaft fortzogen mussten, zurück nach Deutschland oder in ein anderes Land, keine Ahnung. Mit 6 ist man noch zu jung für eine Brieffreundschaft, aber ich weiß noch: ich habe geweint.

Zurück nach Deutschland kamen wir 1975, es war wieder in der Nähe von Hildesheim. Eine neue Schule, neue Freunde, eine neue Wohnung. Auch einige meiner Mitschüler hatten offenbar Umzüge hinter sich, da waren zum Beispiel Mario aus Italien und zwei türkische Jungs, zweieiige Zwillinge, ihre Namen weiß ich nicht mehr. Zwei Jahre lang besuchte ich eine ganz normale Grundschule in Deutschland. Dann abermals: umziehen!

1977 nahm mein Vater erneut einen Job im Ausland an. Wieder Afrika, diesmal allerdings viel näher am Äquator. Nigeria hieß unser neues Ziel. Hier gab es eine übergreifende Deutsche Schule für die Kinder zugewanderter Arbeiter, aber es waren auch einige einheimische Kinder in den Klassen, meine Mathelehrerin war mit einem Nigerianer verheiratet, die Frau eines Kollegen meines Vaters und Nachbarn in unserem Wohnhaus, war Äthiopierin, ihre Kinder, Rodney und Colette, unsere Spielkameraden. Im Garten wuchsen Zuckerrohr, Papayas und Bananen, wenn wir als weiße Exoten zum Einkaufen oder bei Wochenendausflügen in ausschließlich von Schwarzen bewohnte Orte kamen, strömten oft Scharen von Kindern herbei und riefen »Oibo! Dash me!« (Weiße! Schenkt mir was!). Dass viele Einheimische nicht viel Geld hatten und die ausländischen Arbeiter im Vergleich merklich wohlhabender waren, äußerte sich nicht nur in diesen kleinen Aufläufen, sondern auch in gelegentlichen Überfällen und Einbrüchen auf Weiße bzw. in deren Wohnungen. Auch Bekannten unserer Familie passierte dies, wir aber hatten Glück. Ich vermisste oft ganz banale Lebensmittel, die in Deutschland jeden Tag verfügbar waren: Mortadella, Schnittkäse oder Äpfel (dazu gibt es auch schon einen früheren Blogeintrag). Meine Oma ging derweil in Deutschland alle 14 Tage für mich zum Kiosk und kaufte für mich das neue YPS-Heft. Nur zweimal im Jahr maximal hatten wir einen freien Heimflug auf Firmenkosten nach Deutschland, die große Kiste YPS, die dann auf mich wartete, war jedesmal ein großes Highlight. Ich schloss neue Freundschaften, ging hier zwei Jahre zur Schule. 1979 zogen wir zurück nach Deutschland.

Das nächste Auslandziel war schon geplant: Venezuela. Anfang der Achtziger sollte es losgehen, der Arbeitsvertrag meines Vaters war schon unterzeichnet. Dann die Diagnose aus heiterem Himmel: Krebs. Kaum ein Jahr später war mein Vater tot, mit nur 37 Jahren. Ich war 14. Von nun an blieben wir eine lange Zeit in Deutschland.

Was geblieben ist von diesen vielen, oft schmerzhaften, aber auch unglaublich bereichernden Ortwechseln und Umzügen, ist die Gewissheit, dass ich überall leben könnte, wohin mich Menschen begleiten oder wo ich auf Menschen treffe, die ich mag, an denen mir etwas liegt, die mir verbunden sind, die mir Nähe geben. Heimat ist kein Ort, es ist ein Gefühl, eine Konstellation aus Geborgenheit, Zuversicht, Wohlbefinden und Freundschaft, vielleicht auch Liebe. Und es sind immer Menschen. Ohne sie kann kein Ort eine Heimat sein.

Heute lebe ich in Hamburg, dem »Tor zur Welt«. Ich finde es gut, dass dieses Tor zu beiden Seiten hin geöffnet ist, dass in meinem Viertel, in Barmbek, Geschäfte und Menschen aus zahllosen Ländern ansässig sind und dass ich in der Stadt auf Touristen und Einwohner aus allen Kontinenten treffe. Es spielt keine Rolle, ob sie hierhergezogen sind, hier geboren wurden, als Touristen zu Besuch, nur auf Zeit, des Jobs wegen oder aus Herzensangelegenheiten, ob sie bald wieder fortziehen oder Geflüchtete sind. Ich finde es selbstverständlich, dass meine Bekannten und Freunde Namen wie George, Nese oder Ario tragen und dass ich in meinem Job bisher unter anderem Serkan, Mehran, Monique, Jo, Poul Erik, Ngoc Minh und Ufuk begegnet bin. Diese Vielfalt ist ein unendlicher Reichtum – und ich möchte nie wieder so arm sein, wie diejenigen, die sich ihr verweigern.

Ich unterstütze die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge und würde mich freuen, wenn auch einige meiner Blogleser sich mit einer Spende am Fundraising des Projekts beteiligen.

Blogger für Flüchtlinge

Wer auf seiner Seite ebenfalls ein Banner der Aktion einbinden möchte, kommt per Klick auf das Bild zum Blog tollabea.de, wo diese schöne visuelle Umsetzung enstand und in vielen Varianten frei zum Download bereitsteht.

»Pesto Mojo Verde«

Bei Besuchen in diversen Tapas-Restaurants ebenso wie bei meinen bislang zwei Urlaubsreisen auf die schöne Kanaren-Insel La Palma kam ich an der Spezialität »Papas Arrugadas con Mojo« nicht vorbei. Für dieses »Arme-Leute-Essen« werden ausgesucht kleine Kartoffeln in stark mit Meersalz versetztem Wasser so lange gekocht bzw. anschließend noch im abgegossenen Topf abgedampft, dass die Schale eine runzlige Struktur bekommt und mit einer Schicht aus kristallinem Salz bedeckt ist. Die dazu gereichte(n) Sauce(n), »Mojo« genannt, gibt es in »rojo« (rot) und »verde«, sie werden kalt püriert, bestehen aus Olivenöl, Knoblauch, Paprika, Kräutern und Gewürzen, können in verschiedenen Schärfegraden angerührt werden und sind eigentlich iberische Verwandte der berühmten Frankfurter »Grie Soss« bzw. des italienischen Pesto. Der Unterschied zu Pesto besteht im Wesentlichen im Fehlen des Nuss- und Käseanteils (Pinienkerne, Parmesan) – und da dachte ich mir heute: Wieso probiere ich nicht mal aus, wie eine Mojo schmeckt, das man mit passenden Zutaten der spanisch-kanarischen Küche zu einem »echten« Pesto ergänzt? Hier mein Rezept für den – wie ich finde – sehr gelungenen ersten Versuch:

Zutaten (als Dip für 3–4 Personen):

150–200 ml gutes Olivenöl
1 Bund glatte Petersilie, gewaschen und entstielt
1 Bund Koriandergrün, gewaschen und entstielt
8 kleine milde grüne »Bratpaprika«, entkernt, entstielt und halbiert
1 kleine Knoblauchzehe
80–100 g gereiften, etwas härteren Manchego-Käse, fein gerieben
100 g geschälte (blanchierte) Mandeln
Saft einer kleinen Zitrone
1 Zweig Thymian
1 TL Tabasco (nach Geschmack und gewünschter Schärfe)
1/2 TL Kreuzkümmel
1 Prise Zucker
Salz und Pfeffer

Die Kräuter mit dem Öl, der Paprika, Mandeln, Zitronensaft und Gewürzen im Mixer auf höchster Stufe zu einer feinen Masse pürieren und mit Salz, Zucker und Pfeffer abschmecken. Dabei nicht zu viel Salz nehmen, denn der Käse enthält ja auch welches. Die pürierte Masse in eine Schüssel umfüllen und den geriebenen Käse unterheben. Im Kühlschrank einige Stunden gut durchziehen lassen.

Dazu gibt’s heute bei uns die erwähnten »Papas Arrugadas«, Quark und geräucherte Lachsfilets.

Beim nächsten Mal werde ich ausprobieren, wie sich der Geschmack verändert, wenn die Bratpaprika tatsächlich vorher gebraten und die Mandeln in einer Pfanne leicht angeröstet werden. Ich vermute, dadurch wird das Pesto etwas weniger grün und frisch, sondern durch die Röstnoten etwas kräftiger und herzhafter.

¡Que aproveche!
Pesto Mojo Verde
Foto: © formschub.de

Nachtrag

Ein typographisches Fundstück aus Bremen muss ich noch nachreichen, das ist einfach zu schön, um es nicht mit aufzunehmen …

Foto: © formschub.de

Typographische Impressionen

Gesammelt in Gera.

Ich war zum ersten Mal in diesem schönen thüringischen Städtchen und bereits während der ersten Autofahrt durch einige Seitenstraßen sah ich, dass dies mal wieder eine Fundgrube sein würde für das Suchen und Aufspüren schöner, skurriler, verwitterter Inschriften an Häusern und Gebäuden. Und so war es dann auch. Am ergiebigsten – und leider auch am betrüblichsten ob der vielen baufälligen, einstmals schönen Häuser – war das Viertel um den Geraer Südbahnhof. Rund drei Stunden war ich auf Fotosafari. Hier meine Ausbeute …

Typographische Fundstücke aus Gera
Foto: © formschub.de (Klick macht groß)

Lesen lernen 2.0

Hier Ihr eBook downloaden

Ich bin gerade im Urlaub in Südwestdänemark. Es gibt viele Pilze hier im Wald, Dutzende von Sorten. Leider habe ich damit nicht gerechnet und meinen famosen gedruckten Pilzführer zu Hause stehen lassen. Nach zwei Wanderungen, bei denen ich zuhauf Pilze stehen lassen musste, da ich sie nicht kenne und mangels Bestimmungshilfe nicht identifizieren konnte, dachte ich: hey, das wäre doch mal eine Gelegenheit, einen Pilzführer als mein erstes eBook zu erwerben und einfach auf dem iPhone mit in den Wald zu nehmen. Toller Plan. Dachte ich. Denn nach dem ermunternden Rechercheergebnis bei buecher.de – ein Pilzbuch mit rund 260 Seiten im ePub/PDF-Format – begann die Agonie.

Ich legte das eBook in meinen Warenkorb und bezahlte. Wunderbar. Mir wurde sogleich ein Link-Button angezeigt: „Hier Ihr eBook downloaden“. Ich dachte: „fein, das geht ja einfach“ und klickte auf den Link. Der Download ging verdächtig schnell. Zu schnell für ein so dickes Buch. Hm. Ich schaute mir die versprochene „eBook“-Datei an. Sie trug die Dateiendung .acsm. Nochmal hm. Ich versuchte, sie mit dem Adobe Reader zu öffnen. Ging nicht. Ich googelte „acsm-Datei“ und las, dass ich eine Adobe-ID und die Software „Adobe Digital Editions“ benötigen würde, erst dann könne ich mein eBook „wirklich“ laden, entsperren und (hoffentlich) lesen.

Ich erinnerte mich, irgendwann im Pleistozän hatte ich mal eine Adobe ID. Aber wann? Wo? Wozu? Ich fand auf meinem Rechner keine Spuren mehr davon. Also ging ich zu adobe.de und suchte. Ich solle zu adobe.com gehen, sagte man mir dort. Das tat ich und – halleluja – es gab eine Seite, wo ich mit „Passwort vergessen“ ausprobieren konnte, ob ich noch als Karteileiche bei Adobe rumlag. Also E-Mail-Adresse eingeben, neues Passwort anlegen, Bestätigungs-E-Mail abwarten, Bestätigungs-E-Mail-Link anklicken, einloggen. Derweil hörte ich die Pilze leise im Wald wachsen.

Nun war da noch die Software. Die Seite war schnell gefunden, die neueste Version 4.0 wurde auf einem schlichten Screen zum Download angepriesen, Systemvoraussetzungen für den Mac wurden nicht genannt. Also flugs auf den Download-Link geklickt, den Installer gestartet und das Programm installiert. Die Pilze im Wald entfalteten derweil ihre jungen Hüte.

Doch die Software ließ sich nicht starten. „Sie benötigen mindestens MacOS 10.7“* sagte mir das fertig installierte Programm nach dem Startversuch. Eine Nachricht, die zwar inhaltlich wertvoll, aber fünf Minuten früher eine Idee willkommener gewesen wäre. Also deinstallierte ich die Software und legte all meine Hoffnung in die auf der noch geöffneten Adobe-Website direkt darunter zum Download angebotene Version 3.0. Hoffnungsvoll lud ich down, installierte und versuchte einen erneuten Start. Wieder Fehlanzeige. Die Wipfel der Bäume rauschten im Wald, während ich auch diese Version deinstallierte.

* (mein MacBook Pro ist schon etwas älter und macht seit 10.6.8 keine Systemupdates mehr mit, erfüllt aber nach wie vor ansonsten blendend seinen Zweck)

Doch halt, vor Users Blicken gut versteckt, gab es anscheinend auf einer anderen Adobe Download-Seite eine noch frühere Softwareversion. Toll. Ich downloadete und summte leise „Das Wandern ist des Müllers Lust“ vor mich hin, während ich den Installer startete und auf die Fertigstellung wartete. Angstvoll klickte ich auf das App-Icon … und – das Programm startete! Mein Herz klopfte. Wie aufregend doch das Zeitalter digitalen Lesens war!

Nun konnte ich auch die acsm-Datei öffnen, meine noch warme Adobe ID eingeben und das eBook herunterladen. Auf die 5 Minuten Wartezeit auf die 150 MB große Datei kam es nun auch nicht mehr an. „Sie können kostenpflichtige und gratis erhältliche digitale Inhalte herunterladen und online oder offline lesen. Kopiergeschützte eBooks lassen sich mühelos von Ihrem PC auf andere Computer oder Endgeräte übertragen.“ verhieß derweil rosarot der Startbildschirm. In Gedanken sah ich mich schon mit meinem Weidenkörbchen am Arm über weiche Moospolster stapfen, die Zukunft des Pilzesammelns auf einem bläulich glimmenden Display in der anderen Hand. Der Download meldete Vollzug. Ich konnte die Buchdatei sehen! Öffnen! Darin blättern! Mit roten Wangen suchte ich nun nach der mühelosen Möglichkeit, das digitale Wunder im Nu, mit einem Wisch, einem Klick, vom Klapprechner auf mein iPhone zu übertragen. Und suchte. Im Menü. Und suchte. In der Hilfefunktion. Und suchte. Bei Google. Aha. Am Horizont verfärbte sich das Sonnenlicht in Erahnung des Abends zartrosa.

Ich schloss mein iPhone ans MacBook an. Es wurde nicht erkannt. Okay. Ich aktivierte Bluetooth, verband das Gerät mit dem Mac und hoffte, so einen Kanal zum eBook-Transfer herzustellen. Doch Hoffnung ist ein zartes Porzellan, das alsbald erneut von einer rohen Fehlermeldung in Scherben geschlagen wurde. Vor dem Haus umflatterten erste Fledermäuse den Giebel. Ich klappte meinen Rechner zu, stieg mit meinem Partner ins Auto und fuhr in den Wald. Ohne eBook. Nur mit Körbchen. Wir brauchten zwar schon fast eine Taschenlampe, aber am Ende kam doch gut ein Kilo mir bekannter Pilze zusammen. Die zahllosen anderen, unbekannten, die wir am Wegesrand zurücklassen mussten, verdanken ihr Leben – Adobe.


Update, 19. Oktober:

Inzwischen habe ich es tatsächlich nach weiteren 3 Stunden Recherche und App-Wahnsinn geschafft, das erworbene Pilz-eBook auf mein iPad zu übertragen. Ich gebe zu, es ist noch ein iPad 1 (2010) und läuft notgedrungen unter iOS 5.1.1, aber, hey: wir reden hier über den Wunsch, etwas zu lesen – und das sollte meiner Meinung auch im digitalen Zeitalter so einfach sein wie essen, trinken oder Zähne putzen. Ist es aber nicht. Gefühlt war das Finden und Installieren eines geeigneten Readers in etwa so nervig wie aus einem Karton Sägemehl, einer Tube Holzleim und ein paar Schrauben ohne Bedienungsanleitung ein Bücherregal aufzubauen. Die Abbildung unten verdeutlicht einige der Schikanen, denen ich auf dem steinigen Weg zu meinem – ich will es nicht „Erfolg“ nennen – Durchbruch begegnete.

Viele der Apps, die Adobe itself auf seiner Website anpreist, gibt es unter den genannten Namen nicht mehr. Andere ① verlangen die Einrichtung eines Accounts (ich will doch nur lesen!), erkennen das Dateiformat nicht ②/③, verlangen von mir ein Systemupdate, welches wiederum erfordern würde 300+x Euro für eine komplett neue Hardware auszugeben ④, oder versuchen, wie die Adobe-Reader-App (!!!), mir einen superduper Konvertierungsaccount für nur 79,99 EUR pro Jahr unterzujubeln ⑤, mit dem ich dann – oder auch nicht – mein schon bezahltes eBook auch auf dem iPad anschauen darf. Gelandet bin ich letztlich beim kostenlosen eBookS Reader von libri, der nach einer einmaligen Eingabe der Adobe ID das eBook-Dokument immerhin klaglos öffnet. Dass meine printverwöhnten Augen dann mit Seiten„layouts“ wie ⑥ verspottet werden, fällt nach der ganzen Mühe dann schon fast unter „Peanuts“.

Nein, ich warte lieber noch eine Weile, bis eBooks auf allen Devices wirklich mühelos, mit einem Klick oder Wisch angezeigt werden und digitales Lesen tatsächlich so einfach ist wie … naja, Lesen halt. Und ich bin gespannt, wenn es soweit ist (und ich es noch erleben darf), ob Adobe dann dabei noch eine Rolle spielt.

eBook Wahnsinn, Screenshots

Nelson Mandela und Handtücher

Nelson Mandela ist tot. Es ist immer traurig, wenn ein Mensch, der mit Mut, Beharrlichkeit und Integrität die Welt zum Besseren verändert hat, stirbt. Ich habe kein besonderes Verhältnis zu diesem großen Mann, außer, dass mir sein Ziel der Abschaffung der Apartheid schon immer als etwas Selbstverständliches erschien. Ich habe einen großen Teil meiner Kindheit in (Nord-/Äquatorial-)Afrika zugebracht, hatte schwarze Mitschüler in meiner Klasse und konnte nie nachvollziehen, warum die Hautfarbe einen Grund bieten sollte, Menschen anders zu behandeln.

Und: ich kann nicht an Nelson Mandela denken, ohne an Handtücher zu denken. Der Ursprung dieser hartnäckigen Assoziation war mein erster „eigener“ Urlaub – ohne Eltern, nur mit zwei Freunden – Ende der Achtziger Jahre. Reiseziel war Großbritannien. Zwei Wochen Zelttour durch das ganze Land zwischen South East und Schottland. Nelson Mandela war noch in Haft und allerorten auf unserer Strecke sahen wir die berühmte Solidaritätsbekundung „FREE NELSON MANDELA!“ – in Schlagzeilen, auf Bannern, Plakaten, Buttons und Transparenten. Zeitgleich jedoch warben fast alle britischen Tankstellen marktschreierisch mit einer Rabattpunkte-Aktion, deren Prämien aus kostenlosen Handtüchern bestand. „FREE TOWELS!“ war neben fast jeder Zapfsäule in fetten Lettern plakatiert. Und so wunderten wir uns, wir waren jung und pubertär, dass offenbar nicht nur Herr Mandela, sondern auch zahlreiche Frotteewaren dringend ihrer Freilassung bedurften. Ich bin froh, dass zumindest Ersteres im Jahr 1990 gelang, mit allen zu begrüßenden politischen Folgen. Das Schicksal widerrechtlich inhaftierter Badtextilien hingegen habe ich in den letzten Jahrzehnten etwas aus den Augen verloren.


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