Bärlauchsteckbrief

Nicht nur auf der schönen Insel Bornholm, wo ich gerade urlaubte, ist derzeit die Bärlauchsaison auf ihrem Höhepunkt. Die Wälder und Bachläufe sind gebietsweise geradezu zugewachsen mit dichten Matten dieser Würzpflanze – der eine mag sie, der andere nicht. Wer Bärlauch schätzt und nicht selbst sammeln will oder kann, bekommt das mittlerweile geradezu „trendige“ Kraut auch auf vielen Wochenmärkten zu kaufen, die Preise dafür sind allerdings oftmals genauso saftig wie das Grün der schwertförmigen Blätter.

Billiger ist das Selbersammeln. Doch ist Vorsicht geboten, denn ein anderes Gewächs, das dem Bärlauch ziemlich ähnlich sieht, hat zur selben Zeit ebenfalls Saison – und ist beim Verzehr hochgiftig: das Maiglöckchen. Ich bin zwar kein Botaniker, aber dennoch vermag ich beide Pflanzen anhand dreier charakteristischer Unterscheidungsmerkmale sicher auseinanderzuhalten. Als Hilfestellung für angehende Bärlauchsammler daher hier ein kleiner bebilderter Steckbrief der beiden Gewächse (aus rechtlichen Gründen allerdings ohne Gewähr für die individuelle Anwendung):

Maiglöckchen vs. Bärlauch
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(1) Die Blätter

Beim Maiglöckchen sind die Blätter (besonders bei jungen Pflanzen) spiralig ineinander gewickelt, was man besonders von oben gut erkennen kann. Einen klar abgegrenzten Stiel haben sie nicht, sie verjüngen sich nach unten hin kontinuierlich.

Bärlauch hat schon im jungen Stadium der Pflanze getrennt voneinander sprießende Blätter, die mit einer Verjüngung unten abschließen und in einen klar abgegrenzten, glatten, hellen Stiel übergehen.

Aufgrund dieses Unterscheidungsmerkmals sollte man beim Sammeln der Pflanzen immer darauf achten, die Blätter möglichst nahe am Boden abzupflücken oder abzuschneiden, damit man nie in die Bredouille kommt, zu Hause nur Blattspitzen oder stiellose Blätter klassifizieren zu müssen. Je mehr Stiel dranbleibt, desto besser. Die Stiele kann man ja vor der späteren Weiterverarbeitung immer noch abschneiden.


(2) Die Blüten

Wer unsicher beim Sammeln ist, tut gut daran, sich an der Fundstelle Pflanzen zu suchen, die bereits einen jungen Blütenstand haben. Sind die Pflanzen voll erblüht, ist die Unterscheidung einfach – fast jeder kennt die charakteristischen, zu mehreren am Stiel nach unten hängenden Maiglöckchenblüten und wird sich hüten, diese nebst Blättern zum Verzehr zu sammeln. Auch Bärlauch in voller Blüte ist leicht zu erkennen: der von mehreren sternförmigen weißen Blüten gebildete, kugelförmige Blütenstand des Bärlauchs hat mit Maiglöckchen nichts mehr gemein. Doch auch vor dem Erblühen gibt es ein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal:

Beim Maiglöckchen kann man auch am jungen Blütenstand bereits erkennen, dass die Pflanze mehrere Blüten an einem Stiel tragen wird – an der Spitze des Stiels sind mehrere kleine kugelige Knospen angelegt, die klar voneinander getrennt sind.

Obwohl auch Bärlauch letztlich mehrere kleine Blüten an einem Stiel trägt, sind diese bis zu ihrer Entfaltung von einer einzigen tropfenförmigen, sehr hellen und leicht durchsichtigen Hülle umgeben. Bärlauch trägt nie mehr als eine dieser Blütenhüllen an einem einzelnen Stiel.


Der Geruch

In der Nähe einer üppig bewachsenen Fundstelle liegt der charakteristische Geruch des Bärlauchs schon der Luft. Nimmt man dann ein paar Blätter in die Hand und zerreibt oder zerrupft sie, wird er unverkennbar: Die Pflanze riecht „lauchig“ – ein Aroma irgendwo zwischen Schnittlauch und Knoblauch, nicht so „zwieblig“ wie Porree oder Frühlingszwiebeln und nicht so stechend wie Knoblauch. Diesen Geruch haben Maiglöckchen nicht, sie riechen unauffällig nach „zerriebener Pflanze“. Achtung! Nach diesem Reibetest mit dem Ergebnis „Maiglöckchen“ sollte man sich entweder sofort die Hände gründlich feucht reinigen oder bis zur nächsten Gelegenheit dazu tunlichst vermeiden, Gesicht, Augen, Schleimhäute und Mund zu berühren!

Wenn alle drei (!) Kennzeichen auf Bärlauch hinweisen, steht einer reichlichen Ernte nichts mehr im Wege. Es empfiehlt sich, alle gesammelten Blätter zu Hause beim gründlichen Waschen und Sortieren noch einmal gründlich in Augenschein zu nehmen. Mit der Zeit und größerer Sammelerfahrung entwickelt man schnell ein verlässliches Gefühl für die feinen Unterschiede zu versehentlich mitgesammelten, nicht essbaren Blättern. Und an Rezepten für Pestos, Saucen und andere Leckereien herrscht im Internet kein Mangel. Bärlauch passt etwa zu Nudeln, Kartoffeln, Fisch, Fleisch und vielen Gemüsen und ist eine tolle Würzzutat für Butter, Quark, Frischkäse und andere pikante Dips oder Brotaufstriche. Guten Appetit!

Foto: © formschub.de


Update (12.05.) zum Kommentar von Balz

Der Unterschied zwischen Bärlauch und dem ebenfalls ähnlich aussehenden und sehr giftigen Krokusgewächs der Herbstzeitlose wird auf der Website kräutergustel.de – ebenfalls mit Fotos – anschaulich erklärt. Die Unterscheidungsmerkmale Blätter, Blüten und Geruch sind dieselben, insofern bleibt der Rat: was nicht in allen Punkten der Beschreibung des Bärlauchs entspricht, sollte nicht auf dem Teller landen.

Lieber Max Goldt,

falls Du für Deine nächsten Kolumnen oder Buchtexte noch Überschriften suchst, empfehle ich Dir die Lektüre der Aushänge an der Infosäule im Foyer der Trierer Sparkasse, Filiale Saarstraße. Es lohnt sich!


Fotos: © formschub.de

Menschenleer

Schon seit geraumer Zeit faszinieren mich Orte in größeren Städten, die ursprünglich für die „Massenabfertigung“ größerer Menschenmengen konzipiert wurden, die ich aber zu bestimmten Zeiten oder in nur kurzen, zufälligen Momenten komplett verlassen vorfinde. Vielleicht wird ja eine kleine Serie daraus – hier sind zumindest schon mal zwei Motive.


Fotos: © formschub.de

Männerschatten

Ich habe einen Schatten. Er wird nicht um so sichtbarer, je heller es ist. Er ist stärker in der Dunkelheit, aber manchmal auch spürbar am Tage. Er wird dunkler, wenn es fast menschenleer um mich ist, aber damit er erscheint, muss eine mir fremde Frau anwesend sein. Ich bemerkte ihn schon öfter, aber in den letzten Wochen gehäuft. Ich mag ihn nicht.

Am Tage nach meiner Agenturweihnachtsfeier, es war gegen 18:00 Uhr und schon dunkel, ging ich von der S-Bahn-Station in der Nähe des besuchten Lokals zu meinem Auto, das ich dort wohlweislich am Abend zuvor zu Gunsten einer Taxifahrt hatte stehen lassen. Auf dem Weg zum Parkplatz, auf der Großen Elbstraße in der Nähe des Hamburger Fischmarkts, näherte ich mich von hinten einer Frau, die in dieselbe Richtung ging. Es war niemand sonst in Sichtweite. Ich glaubte zu spüren, dass sich die Frau unwohl fühlte, vielleicht sogar Angst hatte, als sie meine Schritte hinter sich hörte. Ich steuerte bewusst an den äußersten Rand des Gehsteigs, um sie mit größtmöglichem Abstand zu überholen und ihr zu signalisieren, dass sie keinen Grund zur Besorgnis hat, ehe ich abbiegen konnte, zu meinem Wagen ging und sich unsere Wege trennten.

Kaum zwei Wochen später machte ich während meines Jahresendurlaubs einen Spaziergang mit meinem Freund in der Nähe eines Meißener Weingutes. Weite Felder, ein paar Rebstöcke, eine einsame Landstraße, Feldwege. Kein Mensch, so weit das Auge reicht. Auf einem teils matschigen, schnurgeraden Feldweg wanderten wir unter dem diesigen, grauen Dezemberhimmel am früheren Nachmittag dahin, als vor uns in der Ferne eine Person sichtbar wurde, die offensichtlich auf uns zujoggte. Etwa hundert Meter, ehe wir einander passierten, erkannten wir, dass es sich um eine Frau handelte. Und da setzte das Gefühl wieder ein. Zwei Männer, eine Frau, niemand sonst in der Nähe. Ich wandte mich meinem Freund zu und wechselte ein paar Worte mit ihm, um das Unbehagen, das seitens der Joggerin spürbar war, zu zerstreuen. Wortlos auf den Boden blickend lief sie an uns vorbei.

Ich bin ein friedfertiger Mensch. Ich habe mich nur einmal – da war ich etwa 9 Jahre alt – mit einem anderen Menschen, einem Mitschüler, geprügelt. Ich verabscheue Gewalt, Aggression, sinnloses Zerstören von Dingen. Ich finde Nötigung, Misshandlung, Vergewaltigung absolut inakzeptabel, unentschuldbar und verabscheuenswert. Ich bin überdies als schwuler Mann ohnehin der falsche Adressat dieses bedrückenden Gefühls (auch, wenn man mir das nicht ansieht). Und dennoch verschwindet dies im Dunkel meines „Männerschattens“, wenn ich in ähnlichen Situationen wie geschildert, einer Frau begegne. Ich werde unfreiwillig zu einem Repräsentanten derjenigen Männer – wie viele es davon auch geben mag (hoffentlich immer weniger) – die jeden Tag in Wort und Tat, unverblümt oder angedeutet, in vollem Ernst oder mit sexistischen Witzchen, einzeln oder im Rudel, Frauen diskriminieren oder sogar angreifen.

Ich will das nicht. Aber ich bin auch unsicher, was ich in einer solchen konkreten Situation tun soll, um meinen „Männerschatten“ zumindest aufzuhellen. Die Frau freundlich ansehen? Gar anlächeln? Schneller gehen, um sie zu überholen und ihr das Gefühl des Verfolgtwerdens zu nehmen? Langsamer gehen? Die Straßenseite wechseln? Den Abstand vergrößern? Etwas sagen? Garnichts tun? Vielleicht finden die Blogleserinnen unter meinen Besuchern ja meine Gefühle und Gedanken dazu auch komplett bescheuert. Aber wissen würde ich es gerne.

Update: Sophie Montag hat in ihrem Blog eine Antwort auf meinen Artikel geschrieben, die ich gern als Leseempfehlung verlinke.

Männerschatten
Foto (Bildmontage): © formschub.de

Post von der Bahn

Rund sechs Wochen ist es her, dass ich hier im Blog von einem aus meiner Sicht bedenklichen Wortwechsel berichtete, der auf einer Bahnreise zwischen einem schwarzen Fahrgast und einem Zugbegleiter erfolgte. Die Resonanz bei den Leserzahlen und Kommentaren war – für meine Verhältnisse – enorm: über 6.000 Besucher lasen den Blogbeitrag und hinterließen fast 50 Kommentare, 243mal wurde der Beitrag bei Twitter verlinkt. Das »Netzrauschen« war immerhin so groß, dass noch am selben Abend der Twitteraccount der Bahn (@DB_Bahn) von sich aus Kontakt mit mir aufnahm und um eine detaillierte Schilderung des Geschehens bat. Da ich mir alle Orte, Zeiten und Namen notiert hatte, kam ich dieser Bitte gerne nach.
Rund zwei Wochen später wurde ich von einem freundlichen Mitarbeiter aus dem Callcenter »Zentraler Kundendialog, Vorstandsangelegenheiten« kontaktiert und über die weiteren Schritte der Bahn in dieser Sache unterrichtet. Ich betonte in diesem Gespräch auch, dass mir keinesfalls daran gelegen sei, dem betreffenden Zugbegleiter persönlich zu schaden, sondern auf den Vorfall als solchen hinzuweisen, um derartige Verfehlungen, auch durch andere Mitarbeiter, künftig zu vermeiden.

Inzwischen wurde der Sachverhalt untersucht und seitens der Bahn, wie ich finde, angemessen darauf reagiert. Nach einem erneuten Anruf aus dem Callcenter zum Abschluss der Angelegenheit erhielt ich nun vor zwei Wochen die nachfolgende E-Mail. Ich veröffentliche sie erst jetzt, da ich zuvor um die Genehmigung bitten wollte, den Wortlaut hier im Blog zu veröffentlichen:

Sehr geehrter Herr Pfeiffer,

vielen Dank für Ihre Nachricht und die freundlichen Telefonate.

Für Ihre ausführliche Schilderung zu Ihren Erlebnissen im IC 2327 am 29. September danke ich Ihnen sehr.

Das Geschehene können wir leider nicht mehr rückgängig machen. Das Verhalten unseres Mitarbeiters bedauere ich sehr und bitte im Namen der Deutschen Bahn AG, das Verhalten unseres Zugbegleiters ausdrücklich zu entschuldigen.

Mit dem Mitarbeiter wurde ein ernstes Gespräch geführt. Er hat dabei sein Bedauern über das eigene Verhalten und die ungebührliche Wortwahl zum Ausdruck gebracht. Der Mitarbeiter erläuterte, dass er zu keinem Zeitpunkt den betreffenden Fahrgast zu beleidigen oder zu diskriminieren beabsichtigte. Vielmehr verfolgte er laut eigener Aussage die Absicht, den Fahrgast durch einen lockeren Spruch aufzuheitern. Die Außenwirkung seiner Aussagen sei ihm während der Fahrt nicht bewusst geworden.

Wir haben den Mitarbeiter im Zuge des Gesprächs eindringlich darauf hingewiesen, dass sein Verhalten nicht zu akzeptieren sei. Dabei wurde ihm vor Augen geführt, dass wir von unseren Mitarbeitern ein stets zuvorkommendes und respektvolles Verhalten gegenüber unseren Fahrgästen erwarten.

Sehr geehrter Herr Pfeiffer, Ihnen wünschen wir zukünftig angenehmes Reisen in unseren Zügen.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. ████████████
Deutsche Bahn AG
Zentraler Kundendialog
Vorstandsangelegenheiten

Auch ich betrachte den Vorfall damit als abgeschlossen und hoffe, dass ich damit ein bisschen dazu beitragen konnte, für Bahnkunden aller Nationen, Religionen und Hautfarben ihre Reisen, von wo auch immer wohin auch immer, etwas angenehmer zu machen.