Kleine Business-Twittiquette

Eben gerade stellte @claudine in meiner Twitter-Timeline eine interessante Frage an ihre :

Eure Meinung ist gefragt: die absoluten „don’t do it“ von Firmen auf twitter?

Mit diesem Thema beschäftige ich mich derzeit aus eigenem Interesse, da ich für Agentur, die ich mit zwei Partnern Anfang des Jahres gegründet habe, auch einen (noch jungen) Twitteraccount angelegt habe. Da stellt sich natürlich die Frage: was twittert man da? Und was/wie besser nicht?
Ich habe Claudine 10 Punkte genannt, die mich ganz persönlich an gewerblichen Twitterern nerven und die ich als Business-Twitterer auf jeden Fall versuchen würde, zu vermeiden:
1. Nur senden
Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Accounts, die einen Tweet nach dem anderen raushauen und so tun, als seien sie völlig alleine bei Twitter. Da wird nicht gefragt, auf keinen Follower reagiert, ein häppchenweiser Monolog heruntergeleiert – ohne Interesse an dem, was im Netz und bei Twitter eigentlich zählt: die Menschen. Langweilig wie eine Bahnsteigansage.
2. Desinteresse an Dialog suggerieren
Auch der Inhalt der Tweets kann abschottend wirken. Wer sich selbst nur zelebriert, ohne Feedback anzuregen, Lobhudeleien über Marke und Business als einzigen Content anbietet, also als reine Reklameschleuder agiert, kann auch Funkwerbung buchen. Das „Please don’t disturb“-Schild am Türchen des Twitteraccounts.
3. Auf Fragen nicht/schleppend reagieren
Ganz schlimm wird es, wenn Follower von sich aus etwas fragen, und der Firmentwitterer partout nicht aus dem Quark kommt. Bei E-Mails gilt eine Antwortfrist von 24 Stunden als gerade noch akzeptabel, bei Twitter würde ich diese gut und gern vierteln. Eine gewisse Wartezeit ist nicht unklug, da ggf. andere Follower des Unternehmens als Community agieren und dem Fragenden ihrerseits kompetente Antworten bieten. Das kann das Unternehmen aufgreifen und so einen fruchtbaren Gruppendialog anregen und mitführen. Aber spät oder gar nicht antworten geht gar nicht.
4. Kritik negieren/ignorieren
Follower sind kein Lobvieh, sie haben auch Probleme. Produkte gehen kaputt, enttäuschen Erwartungen oder werfen Fragen auf. Gewerbliche Twitterer, die dies abwiegeln, schneiden sich ins eigene Fleisch. Eine Antwort, die mich in Geschäften und bei Hotlines nach Schilderung von Problemen regelmäßig in Rage bringt, ist „Das kann eigentlich nicht sein“. Wer Kritik nicht ernst nimmt und als Chance zur Verbesserung bergeift, nimmt seine Kunden nicht ernst. Und wenn die dann weglaufen, ist das kein Schmollen, sondern verständlich.
5. Zu oft twittern
Hier geht es mir wie mit Newslettern. Einmal pro Woche ist gerade noch okay, alle zwei bis drei Tage ist schnell die Nervschwelle erreicht. Da stellen sich mir die Fragen „Wieso packen die ihre gesammelten News nicht in weniger E-Mails?“ oder „Befürchten die, dass ihre Kunden gleich eine Insolvenz vermuten, wenn mal drei Tage kein Newsletter kommt?“. Also bitte nicht alle 20 Minuten einen Tweet abschicken, das ist so penetrant wie an der Haustür Sturm klingeln.
6. Zu selten twittern
Das Gegenteil ist genauso kritisch. Verwaist anmutende Twitteraccounts, durch die man im Geiste schon digitale Tumbleweeds kugeln sieht, lassen vermuten, das Unternehmen sei entweder desinteressiert oder mit dem Kanal inhaltlich bzw. personell überfordert. Manchmal mag diese Vermutung sogar die Wahrheit sein. Wer als Unternehmer einen Twitteraccount anlegt, muss sich klar darüber sein, das dies engagierte Pflege, Zeit und personelle Ressourcen erfordert. Der große Name an der Tür oder ein tolles Produkt reichen noch lange nicht, um Follower länger bei der Stange zu halten.
7. Pausenlos dieselben selbstbezogenen Tweets wiederholen
Unverständnis befällt mich, wenn ich manche meiner Neufollower-Accounts anklicke und dort gebetsmühlenartig immer wieder dieselben drei bis vier Tweets lese: „Unser neues Produkt XXX ist ab sofort erhältlich!“, „Gehe jetzt zu YouTube/Facebook etc. und vote für das Video unseres neuen Produkts XXX!“. Wie Bart und Lisa Simpson auf der Rückbank des Wagens, die ohne Unterlass krakeelen „Sind wir bald da? Sind wir bald da? Sind wir bald da? Sind wir bald da? …“ Steter Tropfen höhlt hier nicht den Stein, sondern das Hirn. Und weckt schnell Fluchtimpulse.
8. Humorlos twittern
„Verschenke ein Lächeln, und Du bekommst eins zurück.“ Sollte eigentlich so sein, ist es aber leider nicht immer. Denn genau so befremdlich wie Unternehmen, die nicht auf Kritik reagieren, sind jene, die keinen Spaß verstehen. Twitter wird von spontanen geistreichen bis groben Frotzeleien im Sekundentakt angetrieben – für mich einer der großen Anreize dieses faszinierend lebendigen Social Networks. Firmen, die diesem Treiben hilflos, verständnislos oder sogar ablehnend gegenübertreten, haben hier entweder nichts verloren oder keine große Zukunft.
9. Orthographisch schlampig twittern
Schnellebigkeit verführt zu Hast und Hast fördert Flüchtigkeitsfehler. Jeder Tweet, und sei er noch so „BREAKING!“, sollte vor dem Absenden noch einmal korrekturgelesen werden. Idealerweise, nachdem er von einem Autor verfasst wurde, welcher der deutschen Sprache in Stil und Orthographie hinreichend mächtig ist. Wer als Unternehmen oder Marke die vielbeschworenen „Praktikanten“ (ich sage lieber Hilfskräfte) ohne Aufsicht oder kompetente Einarbeitung schlampig runtergeschrubbte Tweets raushauen lässt oder selber auf die Schnelle lieb- und stillose Meldungen einstreut, denen man anmerkt, dass sie nur lästige Pflichtübungen sind, darf nicht glauben, dass dies von den Followern als Wertschätzung oder Kompetenz interpretiert wird.
10. Nix Eigenes schreiben/nur Fremdtweets bzw. Links weiterverteilen
Wer keinen eigenen Content hat, steht im Internet in einem blühenden Garten Eden, wo die fremden Früchte verführerisch niedrig hängen. Da gibt es Newsmeldungen, Links, witzige Videos, Testberichte, Hilfsportale und und und … Das mag alles nützlich sein, vielleicht sogar für die Follower von Gewerbetreibenden, möglicherweise hat es sogar einen Bezug zu Marke oder Produkt. Aber wenn zu selten oder niemals eigene Inhalte in den Tweets auftauchen, stellt dies die Eigenständigkeit und Unverwechselbarkeit des Unternehmens massiv in Frage – vielleicht sogar bis hin zu der Vermutung, auch die Produkte könnten womöglich nur auf fremden Ideen basieren. Profilieren kann sich nur jemand, der außer Selektieren und Kombinieren auch das Kreieren beherrscht.
Soweit meine Meinung zu den zehn „No gos“ für gewerbliches Twittern. Ich freue mich wie immer über Kommentare und Ergänzungen. Und hoffe, dass ich und meine Kollegen es besser machen. Vielleicht mag uns ja der eine oder andere der Leser dieses Artikels folgen und uns ein bisschen beaufsichtigen …
Twittikette
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Badvertising

Eben gerade erfuhr ich via Twitter von einem Postzustellerlebnis, das mir selbst vor kurzem ganz ähnlich widerfahren ist. Der Gedankengang dahinter seitens der Absender scheint in beiden Fällen derselbe zu sein, daher versuche ich mal, ihn hier nachzuvollziehen:

  1. Eine bekannte Firma möchte (neue) Kunden für ein (neues) Produkt begeistern und beauftragt ihre Agentur, sich was einfallen zu lassen.
  2. Die Agentur denkt sich „Mailing geht immer” und entwickelt eine fancy designte, mit Werbung bedruckte Verpackung für ein billiges, im schlimmsten Fall mindernützliches „Giveaway” – etwa ein Schlüsselanhänger, ein Kuli oder gar etwas mit witzigem Bezug zum beworbenen Produkt oder der Headline, die der Agenturtexter gebiert, z. B. ein Fläschchen Tabasco für die Kamera mit den jetzt „extra scharfen” Bildern.
  3. Wichtig! Der Mailingkarton muss in versandfertigem Zustand etwas höher oder breiter sein als ein üblicher Hausbriefkastenschlitz!
  4. Das Mailing wird an tausende ausgewählte Adressen verschickt, ohne dass einer der Empfänger es bestellt hätte. Niemand rechnet also mit Post.
  5. Der Postbote scheitert bei dem Versuch, das Mailing am Zielort in den Briefkasten zu werfen. Auf den Kasten stellen? Zu riskant. Beim Nachbarn abgeben? Keine Zeit oder keiner da. Kleiner Tipp an die kreativen Agenturen: Berufstätige sind oft tagsüber nicht da.
  6. Der Postbote hinterlässt eine Benachrichtigung zur Abholung auf dem zuständigen Postamt im Briefkasten.
  7. Der Empfänger bekommt die Nachricht und wundert sich. Nicht bestellte abholpflichtige Post ist meistens entweder wertvoll oder wichtig oder beides.
  8. Er macht sich in der knappen Zeit vor, zwischen oder nach der Arbeit auf den Weg zum Postamt und muss nicht selten eine Weile anstehen, um die geheimnisvolle Sendung zu erhalten.
  9. Er erhält und öffnet den Mailingkarton. Wertloser Krempel und die Werbebotschaft eines Markenherstellers purzeln ihm entgegen.

Und nun sei zu raten, wo auf einer Skala zwischen 1 und 10 die Begeisterung des Empfängers anzusiedeln ist.
Bei mir war es die Autofirma mit den vier Ringen, die mich einen silbernen Pappkarton mit einem Minifläschchen Olivenöl von der Post abholen ließ.
Für welches Fahrzeugmodell? Keine Ahnung. Ich habe den Brief nicht gelesen.
Das Öl hab ich als Entschädigung behalten.
Bad_Idea

Vorbildfunktionsstörung

Nachdem Rainald Grebe zweifellos Horst Köhler im Kopf hatte, als er sein brillantes Lied textete, keimt in mir aktuell die Sehnsucht nach einem Update, das besser zum derzeitigen Amtsinhaber passt. Vielleicht fallen Euch ja auch noch ein paar passende Zeilen ein.
Ich bin der Präsident.
Guten Tag, ich grüße Sie.
Ich bin der Präsident.
An mich erinnert man sich nie.
Ich bin der Präsident.
Ich mache dies und das.
Ich hab ja jetzt bald Urlaub,
das wird bestimmt ein Spaß.
Hallihallo, der Präsident.
Ich bin Moralinstanz.
Das ist ein hoher Anspruch,
doch ohne Relevanz.
Ich bin der Präsident,
ich kenne Prominente.
Die sind sehr nett, die haben Geld
und geben mir Prozente.
(…)
Praesident
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Nicht egal!

aktion-libero-button4
Dass mich Fußball als Sportart nun mal nicht die Bohne interessiert und ich das auch ab und zu erwähne, mag dem einen oder anderen meiner Blogleser nicht entgangen sein. Aber dass es jetzt eine Bloginitiative gegen Homophobie im Fußball gibt, finde ich gut und unterstützenswert. Mehr davon! Wo bleiben Formel Eins, Handball, Rugby, Boxen, Leichtathletik …? Ach, und überhaupt – wieso nur Sport! Am besten wäre doch, einfach alle Bereiche miteinzubeziehen, in denen Homophobie jeden Tag stattfindet. Gibt’s ja schließlich und leider immer noch zur Genüge. Also:
homophobie-button
Update: Hier noch ein paar Links rund um das Thema
(ich nehme gerne weitere entgegen):

  • Eine sehr lesenswerter und grandios geschriebener Beitrag zur Aktion Libero im Freitagsspiel Blog: Ich ist etwas Anderes.
  • Über Twitter kursiert aktuell ein „Casting Call“ an junge (österreichische) Schauspieler, die in einem Kurzfilm der Non-Profit-Initiative „Project Homophobia“ mitspielen möchten.
  • Seit Sommer 2007 kursiert ein originelles, aus Frankreich stammendes Poster, das sich gegen Homophobie beim (Rugby-)Sport aussprach, im Netz.
  • Die australische Online-Fotogalerie This is Oz fordert jeden dazu auf, ein fotografisches Statement gegen Homophobie abzugeben. Tolle Idee! (Noch toller wäre natürlich eine deutsche oder gar europäische Version.)
  • Don’t Stand for Homophobic Bullying – ein gelungener Spot im Rahmen der Anti-Homophobie-Kampagne Stand Up! des irischen LGBT-Jugendnetzwerks BeLonG To.

Getoverit
Photo: © kafka4prez | Some rights reserved

Relativitätstheorie

Gestern wanderte ein Link durchs Netz, dessen Content mich – gelinde gesagt – etwas befremdete. Ein Videoclip, in dem erwachsene Menschen Kindern erzählen, sie hätten sich deren komplette Ausbeute an gesammelten Halloweensüßigkeiten einverleibt, worauf nahezu alle der beraubten Opfer in Tränen ausbrechen. Witzig? Nicht im geringsten.
Erwachsene fies verarschen ist schon ächtenswert genug, aber bei Kindern wiegt eine solche Perfidie ungleich schwerer. Ich glaube nämlich, dass es so etwas wie relatives Erfahrungsempfinden gibt. Ob diese Theorie schon existiert, habe ich nicht gegoogelt, darauf gekommen bin ich durch den oft gehörten Satz Erwachsener „die Zeit vergeht im Alter auch immer schneller“. Tut sie natürlich, absolut betrachtet, keineswegs. Aber in Relation zum bereits gelebten Leben sehr wohl.
Für ein Kind im Alter von sieben Jahren sind sechs Wochen Sommerferien eine scheinbare Ewigkeit. Was auch einleuchtet, wenn man diesen Zeitraum in Relation setzt zur bereits gelebten Lebenszeit: sieben Jahre (minus drei Jahre, da sich Kinder nach heutigem Kenntnisstand erst ab etwa diesem Alter bewusst an Ereignisse erinnern können) sind 208 Wochen. Sechs Wochen von 208 Wochen sind fast drei Prozent, d.h. das Kind empfindet die Dauer der Ferien als einen Zeitraum, der drei Prozent seines bisher erinnerten Lebens ausmacht. Ein Erwachsener von 20 Jahren (wieder minus drei) müsste für dieselbe Empfindung rund 186 Tage = 26 Wochen Ferien machen. Und deshalb kämen ihm mit steigendem Alter die sechs Wochen zunehmend kürzer vor.
Wenn man diese Theorie auf die Erfahrungen überträgt, die Kinder mit anderen Menschen machen, dann nimmt eine einzelne (wirklich gemeine) Verarschung unter den ansonsten positiven sozialen Erlebnissen ebenfalls einen viel größeren Anteil der Erinnerung ein und prägt das Kind somit viel stärker als einen Erwachsenen. Sicher ist ein solches Erlebnis immer unangenehm, doch wenn es bei Einzelfällen bleibt, können die meisten „Großen“ einigermaßen damit umgehen. Aber das Weltbild von Kindern für ein paar YouTube-Lacher zu deformieren (und ich werde den Teufel tun, das hier zu verlinken), das ist schon ziemlich arm. Auch dann, wenn meine Theorie falsch ist.
Traurig
Drawing: © Derek Mueller | Some rights reserved

Aluminimum

Alutweet
Als ich gestern in der Mittagspause in einem Bistro einen ausliegenden STERN durchblätterte, las ich dort eine Information – so sie denn korrekt berechnet ist –, die mich entsetzte. Online fand ich nur einen Link zu identischen Mengenangaben bei capital.de, und so gab ich die Information mit dieser Quellennotiz als den obenstehenden Tweet weiter. Und offensichtlich überraschte die Rechnung noch weitere, denn binnen 24 Stunden wurde sie über 100× retweetet und lebhaft diskutiert. Einige (z.B. @matthiasjax) brachten ein, es würde ja auch eine Menge dieses Abfalls recycled, die Schätzungen lagen zwischen 20 und 80%. Auch das Argument, in Privathaushalten würde viel mehr Energie durch Elektrogeräte im Standby-Betrieb verschwendet als für die Aluminiumkapselproduktion, kam zur Sprache.
Ich möchte keiner dieser Entgegnungen widersprechen. Ich habe auch bewusst die Kapselfirma nicht benannt. Und ich bin selbst beileibe kein Umweltschutzheld. Ich wollte mit dieser Information niemanden anprangern. Sondern nur zum Nachdenken anregen, weil ich das Gefühl habe, das könnten wir alle viel öfter tun.

Aluminium ist zwar das dritthäufigste Element der Erdkruste, liegt aber nie in reiner Form vor. Bauxit, das wichtigste Erz zur Aluminiumherstellung, wird unter immensem Landschaftsverbrauch sowie mannigfachen negativen Umweltwirkungen (u. a. schwermetallhaltiger Rotschlamm, Fluoride) abgebaut und mit großem Energieaufwand über die Zwischenstufen Bauxit, Tonerde, kalzinierte Tonerde und Alugussbarren zu Aluminium verarbeitet. (…) Der Einsatz von (…) Aluminium ist daher nur für langlebige Gebrauchsgüter, die von den typischen Eigenschaften dieses Materials profitieren, empfehlenswert.

(Quelle: „Auch das Äußere zählt“, Infobroschüre der Berliner Stadtreinigungsbetriebe BSR)
Rund 1,13 Gramm Aluminium fallen pro Kapsel laut Naturschutzbund (Nabu) an (Quelle: ZEIT Online), eine Kapsel enthält 5 Gramm gemahlenen Kaffee. Pro Kilo Kaffee ergibt das einen Aluminiumbedarf von 226 Gramm. Ein halbes Pfund Aluminium, das mit Gütertransporten unterwegs ist und entsprechend mehr Transportenergie benötigt, eine Verpackung, die mehr Volumen beansprucht als dieselbe Menge gemahlener Kaffee in einer einzelnen (Vakuum-)Verpackung. Und selbst wenn im Idealfall 80% der 6.000 Tonnen Aluminium recycled würden, wanderten immer noch 1.200 Tonnen davon in den Müll.
Das Argument mit dem viel höheren Energieverbrauch der heimischen Standby-Geräte stimmt, selbstverständlich, aber es taugt nicht zur Gegenüberstellung. Natürlich wird dort eine Unmenge Energie verschwendet, aber eben zusätzlich. Ein bisschen erinnert mich der Einwand an die Online-Dispute nach dem Tode Steve Jobs’ à la „Wie kann man über den Tod eines Menschen so trauern, während überall Tausende Menschen weltweit verhungern.” Es geht nicht um entweder/oder, sondern um sowohl/als auch.
Ja, ich besitze ein Auto. Aber weil ich alleine in einer großen Stadt lebe und es nur mäßig nutze, ist es ein leichter, kompakter Kleinwagen, der kaum mehr als 5–6 l Benzin verbraucht. Im Sommer fahre ich, so oft es geht, mit dem Fahrrad. Ich bin begeisterter Nutzer des papierlosen Handyticket-Dienstes für den ÖPNV in Hamburg. Für Strecken über 50 km mit normalem Gepäck nutze ich fast ausschließlich die Bahn. Ja, ich trinke argentinische Weine, (Bohnen-)kaffee aus Mexiko und kaufe frische Ananas. Aber ich muss nicht im September Spargel essen oder Erdbeeren im Dezember. Ich sammle Altglas und Altpapier, aber manchmal fliege ich für eine Woche in den Urlaub. Ich brühe meinen Kaffee mit der quasi müllfreien French Press oder dem Espressokocher, besitze aber ein Smartphone, das fast jeden Tag aufgeladen werden will. Im Wohnzimmer leuchtet gemütlich ein (dauerhaft gedimmter) Deckenfluter, dafür sind in der Küche und im Schlafzimmer Energiesparlampen eingeschraubt. Meine Wasserhähne mit häufig genutztem fließendem Wasser sind mit einem Sparventil versehen, trotzdem nehme ich im Winter gern einmal ein heißes Wannenbad. Mein Radiowecker ist 28 Jahre alt, mein zeitloser schwarzer Kleiderschrank und mein schlichtes Wohnzimmerregal fast ebenso; letztes Jahr habe ich mir zum dritten Mal ein MacBook gekauft.
Was ich damit sagen will, ist: ich halte Widersprüchlichkeit nicht für einen Frevel, solange sie von Nachdenken durchsetzt ist. Blinde Bequemlichkeit oder sogar eine „Mir-doch-egal”-Haltung hingegen stoßen mich ab. Ich zumindest möchte nachdenken, mein Umweltverhalten verbessern, und auch gern auf einiges – aber eben nicht auf alles – verzichten. Grabenkriege bringen uns nicht weiter.

Nölplattformen

Bewertungen im Internet sind eine tolle Sache. Endlich haben Verbraucher eine Stimme! Fast ungefiltert und in Echtzeit kann jeder mit Internetzugang mittels Mundpropaganda (nicht zu verwechseln mit Mund-zu-Mund-Beatmung!) Produkte und Dienstleistungen empfehlen oder verteufeln. Davon profitieren alle! Die Suchenden werden sowohl mit Tipps und guten Erfahrungen auf die richtige Fährte gesetzt als auch durch Warnungen und fundierte Kritik vor Enttäuschungen gewarnt.
Wenn’s denn so wäre. Denn immer wieder finden sich in den Userkommentaren zu Firmen, Produkten oder Dienstleistungen vereinzelt Einträge, die in mir eine der Urfragen der Menschheit neu aufwerfen: Woher kommt der Mensch? Was will er von mir? Und warum schreibt er sowas? Ich habe selbst schon beste Erfahrungen mit Qype-Rezensionen gemacht. Und ich amüsiere mich über Spaßrezensionen wie beim schon legendären Amazon-Allmachtstaschenmesser. Aber jenseits dessen beginnt die Twilight Zone der Nutzerbewertungen, in der Menschen u.a. mit der Fähigkeit leben, Dinge zu bewerten, die sie gar nicht richtig genutzt haben. Die Bewertungen verfassen, die mit dem getesteten Ding oder seiner bestimmungsgemäßen Nutzung rein gar nichts zu tun haben.
Drei Beispiele. Suche ich z.B. bei Qype nach Bewertungen für Restaurants, die ich selbst oft und gerne besuche, stoße ich u.a. auf Folgendes:

„Wir haben hier nicht übernachtet und auch nicht wirklich richtig gegessen, eigentlich kann ich recht wenig sagen.”
– Bewertung: ★★★✩✩
User kitchenhero zum Mövenpick Hotel Hamburg Sternschanze

„Ich nehme mir Gänsebraten (frühmorgens!), Salzkartoffeln und Rotkohl, schliesslich ist (bald) Weihnachten. Später noch einmal Nachschlag, das ist erlaubt. Noch den ganzen Tag werde ich später daran erinnert, dass derartige Gerichte mit viel Fett (Gänseschmalz) zubereitet werden. Nach einem guten Gänsebraten muss man den ganzen Tag aufstoßen vom vielen Fett und das hat immer so einen öldichten Nachgeschmack.“
– Bewertung: ★★✩✩✩
User Thomas Go… zum Brauhaus Rixdorf, Berlin

„Ich mag es nicht, wenn in einem Restaurant grundsätzlich alle Tische vorreserviert sind.”
– Bewertung: ★✩✩✩✩
User annshee zur Trattoria Libau, Berlin (noch ohne Website)

Da könnte man sich schon fast einen Spaß draus machen, sich einige kausal ähnlich gelagerte Bewertungszitate auszudenken – etwa für Amazon-Produkte – und die Leser raten zu lassen, ob auch echte dabei sind oder nicht …

  1. „Ein Vorteil hat das Gerät, es ist Robust, als ich es vor kurzem vor Wut gegen die Wand gepfeffert habe ist nix kaputt gegangen.”
  2. „Leider konnte ich das eingeschweißte Produkt nicht öffnen, da ich eine Zellophanallergie habe.”
  3. „Das Buch hat sehr viele Seiten und wird leider nicht durch Bilder aufgelockert, damit sich die Augen mal etwas ausruhen können.”
  4. „Das Produkt ist genauso nutzvoll wie Scheiße unterm Schuh. Mehr braucht man dazu nicht mehr sagen …”
  5. „Ich hasse Rezensionen, die gemacht werden, bevor ein Spiel auf den Markt ist. Um so paradoxer ist es, dass ich gerade eben dies gerade tue.”
  6. „Leider kann ich mich den meisten anderen Rezessionen nicht anschließen.”
  7. „Der Schreibstil dieses Buches ist sehr primitiv. Alle Sätze sind sehr kurz gefasst. Nicht empfehlenswert.”
  8. „Meine Nachbarn haben die DVD gekauft und ich muss sagen, die Bässe bei den Explosionen sind viel zu laut eingestellt.”
  9. „Ich konnte zu keiner der in der Handlung vorkommenden Personen eine Beziehung aufbauen.”
  10. „Der Postbote, der das Paket brachte war sehr ungepflegt und hatte mundgeruch.”
  11. „Ich habe die DVD nicht angesehn, werde sie mir auch nicht kaufen, aber möchte trotzdem eine gutgemeinte Warnung aussprechen: Finger weg.”
  12. „Das Cover ist ansprechend, der Klappentext auch. Der Rest, naja.”

(Auflösung: die Zitate 2, 3, 8 und 10 sind frei erfunden.)
Facepalm_Skulptur
Photo: © cesarastudillo | Some rights reserved

Innen toll, außen oll

Über mein Faible für schöne und hochwertige (Lebensmittel-)Verpackungen habe ich schon den einen oder anderen Blogbeitrag verfasst. Um so mehr ärgert es mich, wenn Hersteller solcher Produkte den Lapsus begehen, für ihre Verpackungen Designer zu engagieren, die zwar originelle Ideen, aber kein typographisches Feingefühl haben.
Gleich zwei Edelspirituosen aus dem wunderbaren Delikatessenladen mutterland in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs sprangen mir diesbezüglich besonders ins Auge. Der bayerische (!) Gin „The Duke” z.B., ein unglaublich dichtes, aromatisches Wacholderdestillat mit Anklängen an Lavendel und Zitrusfrüchte, viel zu schade, um damit Longdrinks zu mixen, reißt in der Unterzeile „Munich Dry” auf seinem Etikett die schwungvollen Buchstaben der gewählten Schreibschrift „Bickham Script” brutal auseinander. Das tut weh.
Typolapsus_01
Nicht minder schmerzt es die Gestalterseele, was die Feinbrennerei Simon’s – nicht nur auf dem Etikett ihres delikaten alten Apfelbrands „Wolfsschluchtwasser” – mit dem eigenen Firmennamen veranstaltet. Dass sich Unternehmen entschließen, ihrem Namen ein Apostroph vor einem Genitiv-s zu spendieren (wie bei Kaiser’s Supermärkten oder Joey’s Pizza Service) sei ihnen unbenommen. Aber dass dieses Satzzeichen in der wunderschönen Handschrift „Cezanne” dann auch noch falsch gesetzt als französischer Accent Grave und ohne jeden feintypographischen Ausgleich zentimeterweit entfernt vom dazugehörigen Wort in der Luft hängt, ist für mich ein gestalterisches Armutszeugnis.
Typolapsus_02
Wäre ich als Grafik-Designer auf der Suche nach einem Präsent für Freunde oder Bekannte, die im gleichen beruflichen Umfeld arbeiten, wären solche Fehlgriffe für mich ein Grund, ein anderes Produkt zu verschenken – da mag der Inhalt noch so sehr schmecken.
Falls unter den werten Lesern jemand noch andere Beispiele zur Hand hat, die solche Designschlaglöcher auf hochwertig verpackten Produkten enthüllen, freue ich mich auf jeden Hinweis in den Kommentaren. Bilddateien bitte nur beifügen, falls Ihr die Rechte an den Fotos besitzt, ansonsten bevorzuge ich Links zu den Quellen.
Fotos oben: © formschub.de

Alles Wurst?

Egal, ob sympathisch oder nicht, egal, welche Partei involviert ist, egal, was die Umfragen sagen, egal, ob das Thema inzwischen allen schon zum Hals raushängt, egal, ob einige Medien parteiisch sind, egal, ob nun alle Fakten auf dem Tisch liegen, egal, ob Umfragen „repräsentativ” sind, egal, ob es tatsächlich einen Ghostwriter gibt, egal, ob noch mehr unbelegte Zitatfetzen gefunden werden …
Aber dass so viele insgesamt dazu sagen „ist doch egal” – sollte das auch egal sein?
Mir ist es das nicht.
Guttidella
Original image: © fihu | Some rights reserved
Schablone: www.netzpolitik.org | Fotomontage: © formschub.de

Humbug im Glas

Würde man mich beim Einkaufen beobachten, könnte man oft meinen, ich hätte zu Hause keine Bücher. Denn nicht selten stehe ich bei der Auswahl von Industrielebensmitteln wie Fruchtjoghurt, Fleischsalat, Grünkohl, Frischkäse oder Ketchup minutenlang vor den Regalen und lese mir die aufgedruckten Zutatenlisten sorgfältig durch. Dabei geht es keineswegs um Allergien oder Angst vor chemischen Zusatzstoffen, nein, mich motiviert zweierlei: zum Einen möchte ich als engagierter Hobbykoch gerne wissen, was ich kaufe, bevor ich es kaufe, zum anderen weigere ich mich, Lebensmittel zu kaufen, die mir ihre Hochwertigkeit nur vortäuschen, tatsächlich jedoch zwecks Gewinnmaximierung aus minderwertigen Zutaten zusammengerührt, mit Verdickungsmitteln gestreckt und anschließend mit Aromen – egal welcher Art – wieder einigermaßen auf Geschmack getrimmt werden. So kommt mir zum Beispiel keine Schlagsahne ins Körbchen, die den Zusatzstoff Carrageen enthält. Er beeinträchtigt den Geschmack der Sahne zwar nur minimal – sie bekommt dadurch eine Nuance, die an Kondensmilch erinnert –, soll aber das „Aufrahmen” verhindern, also das Absetzen des fettreichen, festen Rahms (ähnlich der käuflichen Crème Double) auf der dünneren Sahneflüssigkeit. Doch wozu? Wer die aufgerahmte Sahne wieder in den Urzustand versetzen will, schüttelt den geschlossenen Becher kurz und heftig durch. Wer seine Suppe oder Sauce verfeinern will, kann ebenso gut Rahm und Sahnemolke getrennt in den Kochtopf geben, bei normaler Kochhitze fügt sich beides bald wieder schmelzend zusammen. Und wer ganz hemmungslos ist, kann den abgesetzten Rahm auch beim Frühstück als Butterersatz aufs Brötchen betten und mit Konfitüre oder Nutella zu einer ganz besonderen süßen Versuchung veredeln. Carrageen, Du kannst nach Hause gehn!
Ein anderes abschreckendes Beispiel für den sinn- und geschmacklosen Humbug der Lebensmittelindustrie ist „Pesto alla Genovese”. Selbst zubereitet, benötigt man für diese kalt zubereitete Nudelsauce nur wenige, aber feine Zutaten, die mit Reibe und Mörser oder Pürierstab zu einer der köstlichsten Pastabeigaben der italienischen Küche verquickt werden: gutes Olivenöl, Pinienkerne, frisches Basilikum, Knoblauch, Parmesan, Salz und Pfeffer. Trotz des einfachen Rezeptes und der denkbar simplen Zubereitung buhlen in den Regalen der Supermärkte zahllose fertige Pestozubereitungen um die Gunst der Verbraucher. Nudeln kochen, ein Glas Pesto dazu, unterheben, fertig. Doch wer sich die Mühe macht, mal die Zutatenlisten auf den Fertigpasten durchzulesen, wird vom Originalrezept nur noch Bruchstücke vorfinden: Das Olivenöl ist entweder mit Sonnenblumen- oder anderem, bisweilen nicht mal deklarierten Pflanzenöl, gestreckt. Statt Pinienkerne werden billigere Sonnenblumenkerne oder Cashewnusskerne benutzt. Der Basilikumanteil ist lächerlich gering oder sogar mit Spinat oder anderen Blattkräutern durchsetzt. Parmesan? Entweder nur in mikroskopischen Mengen vorhanden oder durch eine minderwertige Melange aus günstigeren Hartkäsesorten ersetzt. Knoblauch kostet fast nix, der bleibt meistens drin, ebenso Salz und Pfeffer. Und dazu kommen noch als „Bonusmaterial“ Kartoffelpulver, Stärkemehl, Säureregulatoren, Aromen. Bunte Kräuterbildchen auf dem Etikett suggerieren Authentizität, aber mit echtem italienischem Pesto hat die Fertigware in den meisten Fällen so wenig zu tun wie ein Hamburger mit Hamburg. Trotzdem kostet ein kleines Glas der entstellten Würzpaste oft zwischen 3 und 7 EUR. Nicht, weil so gute Sachen drin sind, sondern weil die Schrottzutaten so herrlich üppige Margen in die Kassen der Rezeptfälscher spülen.
Es lohnt sich also, mal auf die Etiketten zu schauen, wenn man sein Geld wirklich für Geschmack ausgeben möchte und nicht für Wasser, Luft, Aromen, Füllstoffe und minderwertige Ersatzingredienzien. Wer mag, kann ja mal ein Supermarktpesto gegen das nach meinem Lieblingsrezept antreten lassen. Ich bin sicher, der Geschmackstest wird jeden überzeugen.
Pesto alla Genovese
Zutaten für 4 Personen
400 g Spaghetti oder andere Nudeln (sehr gut passen auch Vollkornnudeln)
50 g Pinienkerne
2 Handvoll frische Blätter Basilikum
1–2 Knoblauchzehen
100 ml kaltgepresstes Olivenöl
50 g frisch geriebener Parmesan oder Pecorino (kann man auch mischen)
etwas Salz (dran denken: auch der Käse ist schon salzig)
frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
Das Wichtigste zuerst: die Pinienkerne in einer trockenen Pfanne unter ständigem Rühren goldbraun anrösten und anschließend abkühlen lassen. Die Basilikumblättchen von den Stengeln zupfen, die Knoblauchzehen schälen. Pinienkerne, Basilikum, Knoblauch und das Olivenöl im Mixer zu einer feinen Paste verarbeiten.
Anschließend den geriebenen Käse mit einem Löffel o.ä. unter die Masse rühren (nicht mit pürieren, sonst wird das Pesto „pampig“. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Die Nudeln in reichlich Salzwasser al dente kochen. Eventuell noch etwas Kochwasser der Nudeln unter das Pesto rühren, es soll apfelmusartig-cremig sein. Die Nudeln gründlich abtropfen lassen, mit dem Pesto vermischen und sofort auf vorgewärmten Tellern servieren.
Aufgrund des Ölanteils dieses Gerichts ist ein Grappa nach dem Essen sehr zu empfehlen.
Update: Auf der Website www.das-ist-drin.de können interessierte Blogleser in einer übersichtlichen, repräsentativen Auswahl an Glaspesto gerne mal die detaillierten Inhaltsangaben durchstöbern.
Pesto_alla_Genovese
Fotos: © formschub.de