Konsumtempel

Einerseits …

… habe ich bestimmt schon tausenderlei Dinge online bestellt – Hosen, Pullover, Jacken, Küchenutensilien, Möbel, CDs, DVDs, Gewürze, Wanderschuhe, Schokolade, Schnaps, einen Kaffee-Vollautomaten, meine Heimkino-Anlage, Fahrradzubehör, Wein, Zimmerpflanzen, Bücher, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke und und und …
Ich möchte Online-Shopping nicht missen. Nirgends gibt es mehr Auswahl, kann man besser Preise vergleichen, akribisch nach ganz bestimmten Produkten suchen, die zu einem selbst oder zur Einrichtung passen (mein Küchentisch! ♥️), die Verfügbarkeit prüfen, einfach elektronisch bezahlen und sich alles bequem bis nach Hause liefern lassen. Ich hätte überhaupt keine Lust mehr, für alle etwas speziellen Bedarfe Dutzende Geschäfte in der Innenstadt oder in über die Stadt verteilten Einkaufsstraßen abzuklappern, insbesondere im Shoppinggedränge zur Weihnachtszeit, um dann doch meist mit leeren Händen wieder heimzufahren. Ich liebe es, im Internet einzukaufen. Toll, dass es das gibt!

Andererseits …

… bin ich auch mit Kaufhäusern in einer Zeit aufgewachsen, als sie in der Blüte ihres Erfolges standen. Von kleinen, lokalen Kaufhäusern namens kepa oder Schwickert (bei kepa gab’s von Mutti immer einen heißen Kakao!), über die etwas »ramschigeren« Warenhäuser wie Kaufhalle oder Woolworth, die lokalen und überregionalen Spezial-Warenhäuser für bestimmte häusliche Bedürfnisse (irgendwo zwischen Einmachglas, Musik-Keyboard und Vorschlaghammer) wie Brinkmann, Vetter oder den Hamburger Kultladen 1000 Töpfe, bis hin zu den großen Ketten und Häusern: Horten (kennt Ihr noch die berühmten »Hortenkacheln«?), Hertie, Alsterhaus, KaDeWe – und natürlich Kaufhof und Karstadt. Als Kind verbrachte ich nach der Schule oft Stunden in den Spielzeug- und Musikinstrumentenabteilungen der Kaufhäuser an meinem Wohnort. Ein großer Teil meines »Erwachsenen-Hausstands« stammt aus dem Sortiment dieser Häuser. In London stromerte ich staunend durch die Kaufhauslegende Harrods, durch Debenhams, Harvey Nichols und John Lewis Oxford Street, in Kopenhagen ist ein Besuch bei Illum Pflicht, keine Schwedenreise ohne Abstecher zu Åhléns. Ich bin gewiss weder Nostalgiker noch Fortschrittsverweigerer, aber ich fände es schade, wenn Kaufhäuser völlig aussterben. Denn zumindest aus meiner Sicht haben sie nach wie vor Vorteile.

Die spektakuläre »Food Hall« im Kaufhaus Harrods in London.

Trotzdem bleibt natürlich die Frage: Wozu suche ich selbst, oder andere Kunden, (noch) ein klassisches Kaufhaus auf? Wenn ich darüber nachdenke, meistens dann, wenn ich in einer speziellen Abteilung viele verschiedene Produkte unterschiedlicher Hersteller und Marken an einem Ort vorfinden und begutachten möchte, bei denen es mir wichtig ist, das Produkt sehr genau anzusehen, es anzufassen und manchmal auch »auszuprobieren«. Ein neues Portemonnaie, zum Beispiel. Es gibt kaum noch spezialisierte »Lederwarengeschäfte«, die Geldbörsen aller möglichen Hersteller führen, aber im Kaufhaus gibt es das noch. Ich z.B. bevorzuge kleinformatigere Portemonnaies, möglichst aus weichem, schwarzem Leder, mit vielen, praktisch angeordneten Einsteckfächern für Karten und Ausweise. Ich möchte ein ausreichend großes Münzgeldfach, mit einem Druckknopf, der nicht hervorsteht und daher die Magnetstreifen meiner Karten nicht beschädigt, wenn ich mit dem Portemonnaie in der Gesäßtasche darauf sitze. Ich möchte innerhalb weniger Minuten mehrere Börsen anfassen, aufklappen, inspizieren, bewerten, und mich dann für eine davon entscheiden. Alternativ müsste ich nacheinander den Samsonite-, den Picard-, den Aigner- etcetera-Flagshipstore abklappern und mir dort einzeln das begrenzte Sortiment ansehen. Viele der (preiswerteren) Hersteller, von denen ich bereits Geldbörsen kaufte, führen überhaupt keine eigenen Läden – wo also sollte ich im Einzelhandel danach suchen? Online kann ich nichts anfassen, aufklappen, testen, ich müsste in einem oder mehreren Shops infragekommende Modelle bestellen, bezahlen, warten, in Empfang nehmen, auspacken, anschauen, entscheiden, den Ausschuss zurücksenden und um Erstattung bitten. Das ist weder effizient noch nachhaltig noch spart es Zeit. Genau dafür lob’ ich mir das Kaufhaus. Ähnlich verhält es sich bei mir z.B. noch mit Schreibwaren, Glückwunschkarten, Hosengürteln und (sic!) Unterwäsche. Es gibt zwar inzwischen auch in Kaufhäusern die Tendenz zum »Aufsplitten« des Sortiments, weg von einer zentral dargebotenen Auswahl aller Marken und hin zu mehreren, in der Etage verteilten »Markeninseln«, wo dann ausschließlich die Produkte eines Herstellers zu finden sind, wie etwa bei Gürteln: eine Display-Säule mit Wrangler-Gürteln hier, ein Drehkarussell mit Tom-Tailor-Gürteln dort – aber man muss wenigstens nur ein paar Meter von Insel zu Insel schlendern und nicht einen ganzen Nachmittag in der City rumlaufen.

Was ich selten in Kaufhäusern kaufe, sind Produkte, die es fast überall sonst gibt: Zeitschriften, Schokoriegel, Duschgel, Batterien. Ich schätze sehr die gehobenen Lebensmittelabteilungen mancher Kaufhäuser (»Perfetto«) mit ihrem durchaus oberhalb der klassischen Supermärkte angesiedelten Sortiment internationaler Delikatessen (»Die Sechste« im KaDeWe!), oder jene Bereiche der Süßwarenabteilung, die mit edlen Pralinen, Schokoladen oder anderem seltenen Naschwerk locken. Doch meinen täglichen Bedarf an Eiern, Milch, Butter, Mehl oder Brot decke ich dann doch lieber bei kleinen Händlern, auf dem Wochenmarkt, im Biomarkt oder bei Rewe, Kaufland, Lidl und Co.

An manchen Sortimenten in Kaufhäusern kann man auch gut einige Umbrüche ablesen, die der Einzelhandel durchgemacht hat. Wer kennt sie noch, die meist familienbetriebenen Spezialgeschäfte für Betten und Matratzen? Den kleinen Laden für Stoffe und Kurzwaren oder den »Eisenwarenhandel«, wo man Schrauben, Nägel, Werkzeug und Glühbirnen bekam? Sie sind fast völlig verschwunden und wurden durch Bettendiscounter, Baumärkte oder Onlineshops ersetzt. Doch die Kaufhäuser waren es, in denen einige dieser Produktgruppen ihre Nische finden und behaupten konnten, so dass man nicht zwangsweise jeden abgefallenen Knopf im Internet nachbestellen muss, man auch »offline« feine Bettwäsche jenseits von billig bedruckter Massenware findet oder – ohne lange Tour zum Baumarkt im Gewerbegebiet am Stadtrand – die Ersatz-LED-Birne für die Küchenlampe mal eben in der kleinen Heimwerkerecke des Kaufhauses bekommt. Auch das ist ein – wenn auch überschaubarer – Bedarf, den ein Kaufhaus befriedigen kann.

Auf Twitter sind die Meinungen gespalten: die klassischen Kaufhäuser seien überflüssig, altbacken, gingen am Bedarf vorbei, sagen die einen, andere betrauern den Verlust einer gut erreichbaren Einkaufsmöglichkeit mit fachkundiger Beratung, befürchten den Verlust der Attraktivität der Innenstadt oder fragen sich, was danach mit den geräumten Immobilien passiert.

Sicher ist: die Kaufhäuser müssen sich verändern. Sie müssen ihr Sortiment zuspitzen, verschlanken und den Stadtbewohnern und Touristen ein Angebot machen, das online und in anderen Innenstadtgeschäften so in dieser Form nicht zu finden ist. Noch mehr Malls und Einkaufspassagen – vor allem in Großstädten – braucht niemand. Ich zumindest würde mich freuen über eine zeitgemäße und tragfähige Renaissance der ehemaligen »Konsumtempel«.

Sowas könnte ich mir gut vorstellen. Manche Läden (z.B. Schokoladengeschäfte) schaffen das sehr schön im Kleinen: ein ansprechend »kuratiertes« Sortiment vieler Produkte unterschiedlicher Marken zusammenzutragen. Das müsste man für passende Warengruppen in Kaufhäusern skalieren.

Update, kurz nach dem Blogbeitrag auf Twitter

Update, 26. Juni 2020: Wie die substanzielle Reform des Konzepts »Kaufhaus« in den letzten 30 Jahren von Karstadt und Kaufhof verschleppt bzw. verschlafen wurde, hat der Twitter-User @jhein in einem Thread sehr anschaulich zusammengefasst.