Gib!

Während meiner Studienzeit war ich öfter im Schrebergarten der Eltern meines Freundes M. zum Grillen zu Gast. Auf der Parzelle stand eins der üblichen Gartenhäuschen, in dem allerlei Arbeitsgerät, der Grill, Geschirr und Besteck gelagert waren. Aber auf den Simsen und Regalen stand auch auffällig viel Zeug: Zinnteller mit Motivreliefs, bunt bedruckte gläserne Bierhumpen, geschnitzte Holzfiguren und Ähnliches. Alles optisch derart kurios und abseits von Geschmack und Stil der häuslichen Einrichtung der Eltern, dass ich M. bei einem meiner Besuche fragte, was es mit dieser Sammlung auf sich habe. Er sagte, das seien Mitbringsel und Geschenke von Bekannten, die seine Eltern ins Gartenhaus »ausgelagert« hätten, weil sie sie nicht wegwerfen wollten. So könne man auf Nachfrage der Schenkenden wenigstens wahrheitsgemäß antworten, das stünde auf einem »Ehrenplatz« im Schrebergartenhäuschen. Ähnliche Depots aufgereihter kunstgewerblicher Kuriositäten begegneten mir vereinzelt auch beim Besuch bei Jugendfreunden, in den damals beliebten »Partykellern« der Eltern. Ich vermute, auch dort waren es aus dem alltäglichen Blickfeld verbannte Geschenke.

Ich habe daraus in puncto »Schenken« drei Schlussfolgerungen gezogen:

  1. Es gibt Menschen, die sich beim Schenken keine Mühe geben wollen, den Beschenkten eine echte Freude zu machen, sondern lediglich »irgendwas« mitnehmen, um nicht mit leeren Händen zu erscheinen (Dazu gibt es auch einen grandiosen Fernsehsketch von Gerhard Polt).
  2. Oder die Schenkenden beabsichtigen zwar, den Empfängern ein von Herzen kommendes Geschenk zu überreichen und ihnen echte Freude zu bereiten, landen aber aus unbekannten Gründen komplett neben deren Geschmack, Bedarf oder Interessen.
  3. Die derart Beschenkten trauen sich entweder nicht oder halten es für unnötig, den Schenkenden ehrlich zu sagen, dass das Geschenk nicht passt oder ihnen nicht gefällt, entweder um niemanden zu kränken oder zu brüskieren oder weil man sich nur oberflächlich kennt bzw. das Geschenk zu wenig bedeutsam ist – und werden es entweder entsorgen, weiterverschenken oder an geeigneter entlegener Stelle »einlagern«.

Ich habe auch schon etliche unpassende oder unerwünschte Geschenke bekommen, sogar aus dem Kreis enger Verwandter, die mich eigentlich hätten besser kennen sollen. Am häufigsten waren es süße Spezereien, die mir mit dem Begleitsatz »Hier, das magst du doch so gerne!« überreicht wurden. Zum Beispiel Ostereier mit Knickebein (bah!), Schaumwaffeln (pfüäch!), Irgendwas mit Marzipan (meh) oder ein Glas Marmelade (¯\_(ツ)_/¯ ich bin seit Jahrzehnten schon kein Süßfrühstücker). Oder eines Tages, auch in jüngeren Jahren, kam meine Mutter von einem Stadtbummel zurück und überreichte mir anlasslos ein Kleidungsstück: »Hier, du trägst doch neuerdings immer diese Hawaiihemden!« – Ja, das stimmte im Prinzip, aber meine damalige Kollektion an schreiend bunten, gegenständlich gemusterten Hemden war eine sorgfältig kuratierte Auswahl spezieller Marken mit famosen Motiven wie tellergroßen Stiefmütterchen, Ananasstauden oder prächtigen Wildvögeln. Mutter jedoch hatte beim Versuch der lieb gemeinten Nachempfindung meines Outfitgeschmacks ein zwar buntes, aber mit belanglosen abstrakten Motiven bedrucktes Hawaiihemd von »C&A« erstanden, das fortan auf einem Kleiderbügel in meinem Schrank verstaubte, denn was ist unangenehmer als in einem Kleidungsstück herumzulaufen, in dem man sich nicht wohlfühlt? Dazu gesellten sich aus anderer Hand Urlaubsmitbringsel wie eine lederbezogene Schnabelflasche (»Porrón«) als Urlaubssouvenir einer Reise nach Mallorca (wtf?), Abenteuerbücher mit Heldengeschichten aus dem Wilden Westen (gähn!) oder Flaschen mit süßem Likör (igitt!).

Wenn man keine Möglichkeit hat, solche Gabenverfehlungen weiterzuverschenken – idealerweise in einer Kontaktsphäre, die sich nicht mit dem Kreis der Schenkenden überlappt, damit das durchgereichte Ding nicht irgendwann im Exil ungewollt wiederentdeckt wird – oder sie an Bedürftige zu spenden, bleiben nur die Mülltonne oder ein außerhalb des Blickfelds liegendes temporäres Depot. Aber wie lang ist die Halbwertszeit unerwünscher Geschenke, ehe man sie dann doch ohne Scham und Schuld entsorgen darf? Ich habe meist die in unregelmäßigen Abständen sich ergebenden, »natürlichen« Ausmist-Anlässe wie einen Wohnungsumzug, Renovierung, den Austausch oder Hinzukauf von Schränken und Regalen oder einen Frühjahrsputz (sic!) dazu genutzt. Dann kann man hinterher immer noch sagen »Oh, das muss wohl beim [hier Anlass einfügen] verlorengegangen sein!« Win-win.

Überdies ist es zwar emotional verständlich, aber objektiv unlogisch, Menschen nicht behutsam, aber ehrlich zu sagen, dass sie mit ihrer Gabe danebenlagen. Das gilt, finde ich, umso mehr, je nahestehender die Schenkenden einander sind. Denn tut man es nicht und simuliert Entzücken beim Erhalt des Geschenks, nähert sich die Wahrscheinlichkeit 100%, dass man von derselben Person regelmäßig weiterhin gut gemeinte, aber unwillkommene Präsente überreicht bekommen wird. Es wäre also eigentlich besser, man würde die gebende Person vielleicht kurz verletzen oder kränken, aber ihr dadurch die Möglichkeit geben, künftig dauerhaft sowohl treffend als auch begeisternd zu schenken. Doch wie stellt man das an?

Ich glaube, man kann das am besten tun, in dem man selbst ein Schenkvorbild wird. Egal, wie viel Mühe ich mir selbst bei der Auswahl oder Anfertigung eines Geschenkes gebe und ganz gleich, wie gut ich die beschenkte Person zu kennen glaube – jedes Geschenk birgt in sich das Risiko, aus irgendeinem mir zunächst nicht ersichtlichen Grund unwillkommen oder deplatziert zu sein. Ich darf zwar Überraschung und Freude erwarten, wenn ich jemandem ein Geschenk überreiche, aber ich sollte immer damit rechnen, dass diese Erwartung auch enttäuscht werden kann. Wenn ich ein Geschenk überreiche, und das gilt um so mehr, je aufwendiger oder kostspieliger es ist, könnte es helfen, beim Überreichen quasi vorbeugend zu sagen »Ich glaube zwar, dass ich dir mit diesem Geschenk eine Freude machen kann und dass es dir gefallen wird, aber bitte sage mir ehrlich, wenn das nicht der Fall ist. Ich nehme es auch gerne zurück (oder tausche es um), denn mir ist wichtig, dass dir etwas an meinen Geschenken liegt, weil ich dich mag«. Auf diese Weise könnte man reihum Freunde und Bekannte »proaktiv« für diese Art der Ehrlichkeit sensibilisieren und selbst, wenn es mich als Schenkenden dann schmerzt, weil daraufhin eines meiner Geschenke zurückgewiesen wird, so habe dann auch ich etwas daraus gelernt und kann die betreffende Person idealerweise künftig besser beschenken.

Bei meiner eigenen Suche nach Geschenken, die gut ankommen, habe ich im Laufe der Zeit ein paar Erkenntnisse gewonnen, die mir (so glaube ich), merklich dabei geholfen haben, »treffender« zu schenken. Wie könnte das gelingen?

  • Wenn ich die Person, die es zu beschenken gilt, häufiger oder gar regelmäßig treffe, blicke ich mich in der Wohnung um oder versuche aus Gesprächen zu entnehmen, was ihr gefallen könnte. Plant sie eine Urlaubsreise, eine Anschaffung, einen Umzug? Fehlt etwas im Haushalt (»Ach, ich habe gar keinen Tortenheber, nehmen wir einfach das breite Messer!«)? Mit der Zeit konnte ich so ein recht gutes »Radar« für Geschenkebedarf und -vorlieben entwickeln.
  • Ich habe tatsächlich eine Rubrik »Geschenkideen« in einer Notiz-App auf meinem Smartphone eingerichtet, in die ich meine Wahrnehmungen umgehend (unbemerkt) eintrage. Dann erinnere ich mich auch noch zu späteren Anlässen an gute Geschenkideen.
  • Ich verschenke niemals Gutscheine für Anlässe ohne einen konkreten Termin, sei es »für einen gemeinsamen Restaurantbesuch« oder »für ein Konzert«. Meine Erfahrung ist, dass solche locker auf »irgendwann mal« oder »demnächst« datierten Coupons fast immer nicht eingelöst verfallen oder schlicht vergessen werden. Sinnvoller ist es, den Termin vorher ganz klar mit der beschenkten Person abzustimmen, z.B. »Ich habe vor, Dich an einem bestimmten Datum zwecks einer Überraschung zu treffen. Lass uns mal in den Kalender schauen, ob dir der Tag X passt (z.B. bei einem angedachten fixen Konzerttermin) oder wann Du Zeit hast (bei einem frei terminierbaren Event).« So wird erstens die Vorfreude zum Bestandteil des Geschenks, zweitens verwaisen keine Gutscheine und drittens wird möglichst sichergestellt, dass alle Beteiligten am Stichtag anwesend sein können. Geschenke, bei denen Menschen etwas zusammen unternehmen oder erleben, sind meines Erachtens ohnehin mit die schönsten.
  • Wenn die zu beschenkende Person ein leidenschaftliches Hobby hat (z.B. Angeln) oder begeistert Dinge sammelt (z.B. Porzellanfiguren), mag das zwar oberflächlich eine gute Quelle für Geschenkideen sein, aber meiner Erfahrung nach ist das aus mehreren Gründen ein Minenfeld. Erstens sind viele Menschen, je hingebungsvoller sie dieser Passion nachgehen, auf diesem Gebiet entweder Experten und besitzen ein Fachwissen, das ein unbeteiligter Schenkender gar nicht erreichen kann. Oder der ganz persönliche Geschmack des Beschenkten spielt bei seinen Anschaffungen auf diesem Gebiet eine sehr große Rolle. Beides erhöht das Risiko, mit einem Geschenk danebenzuliegen, welches diese Anforderungen nicht 100%ig berücksichtigen kann. Zweitens werden sehr wahrscheinlich auch andere Schenkende im Umfeld der Person von dieser Leidenschaft gehört haben und regelmäßig mit Gaben aus dieser Rubrik bei ihr auflaufen. Das kann nicht nur die subjektive Wertigkeit eines Geschenks in der Flut aller erhaltenen ähnlichen Gaben senken (»Oh, eine Froschfigur! Jaja, ich sammele die ja.«), auch das Risiko, etwas zu schenken, was die beschenkte Person bereits besitzt, steigt. Und nicht zuletzt kaufen sich eingefleischte Hobby- oder Sammlernerds auch oft genug selbst neue Dinge für ihre Interessengebiete hinzu. »Hab ich schon, genau so oder so ähnlich« ist deshalb eine vermeidbare Geschenkefalle, in die ich versuche, möglichst nicht zu tappen.
  • Gleiches gilt für Bücher. Jemanden zu beschenken, der viel und gerne liest, eröffnet zwar einerseits unendlich viel Raum für Geschenkideen, aber lässt andererseits auch viele Möglichkeiten, mit dem Geschenk zu scheitern. Ich versuche dann z.B. ein Buch mit einer Widmung des Autors zu erwerben. Selbst für den Fall, dass genau dieses Buch bereits im Regal stehen sollte, gäbe es dann noch etwas, was das Geschenk besonders und persönlich macht. Ansonsten achte ich auch hier darauf, was ich zu Autoren, Fachgebieten oder Genres z.B. bei Besuchen in der Wohnung oder aus Gesprächen erfahren kann. Liebt die beschenkte Person Bücher eines bestimmten Autors oder einer Autorin – lieber Finger weg: Doppelschenk- oder Selbstkaufrisiko! Oft kann bei Büchern – je nach Genre – auch ein Antiquariat ein Quell schöner Geschenkideen sein, etwa eine Erstausgabe oder ein besondere, limitierte Auflage, die im Handel längst vergriffen ist. Ansonsten spielt beim Thema Lesen auch der persönliche Geschmack eine derart große Rolle, dass aus meiner Sicht ein Wertgutschein einer Buchhandlung (in Höhe des ungefähren Kaufpreises des Buches, das ich mit unsicherem Gefühl verschenkt hätte) und der weniger wahrscheinlich verfallen wird als einer der obengenannten Eventgutscheine, möglicherweise die bessere Idee ist.
  • Ich verschenke selten Musikmedien (CDs/Vinyl), schon öfter Videomedien (DVDs/BluRays), lasse mich aber auch hier eigentlich von denselben Überlegungen leiten wie eben beim Thema Bücher.
  • Je älter die beschenkte Person ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie »schon alles hat«. Die Wohnung ist komplett eingerichtet, Bibliothek und Mediensammlung sind befüllt, Haushalt und Küche sind vollständig ausgestattet. Was kann man da noch schenken? Auch hier droht die Gefahr der Doppelbeschenkung mit Dingen, die schon im häuslichen Bestand sind. Dann macht es für mich Sinn, über ein Austauschgeschenk für verschlissene Dinge nachzudenken. Ein Ersatz für die durchgewetzte Fußmatte vor der Wohnungstür, ein schöner Blumenübertopf (ggf. samt Inhalt) anstatt der im matten Tontopf dahinwelkenden Zimmerpflanze, ein schönes, farblich passendes Badezimmerset mit Seifenschale und Zahnputzbecher im Austausch gegen die bald rissigen Utensilien vor dem Spiegel. Vorsichtig bin ich hier lediglich bei Dingen, die eine emotionale Bedeutung oder einen Erinnerungswert haben könnten, denn die wollen viele Menschen gar nicht ersetzt bekommen (wir erinnern uns: als Mutter uns als Kind einen neuen Teddybären kaufen wollte, weil beim alten schon die Füllung rausguckt).
  • Was erfahrungsgemäß immer gut ankommt, sind ess- und trinkbare Geschenke, die sich quasi von selbst verbrauchen und somit nicht dauerhaft die Wohnung zumüllen. Aber auch dabei versuche ich, bei der Auswahl etwas über das Offensichtliche hinaus zu schauen und mich vorher auf jeden Fall zu vergewissern, ob es etwas gibt, das die beschenkende Person gerne konsumiert und wenn ja, was es ist. Sie trinkt gerne Kaffee? Es gibt in größeren Städten inzwischen unzählige kleine Handwerksröstereien, bei denen man Sorten bekommt, die nicht im Supermarkt stehen. Whisky? Warum immer nur aus Schottland, inzwischen bekommt man im Fachhandel hervorragende deutsche, schwedische, dänische Marken, die den Gaumen der beschenkten Person überraschen können. Wein? Auch hier: wieso immer nur die bekannten Regionen? Famose neue Gewächse sind in Osteuropa zu entdecken: Rumänische, georgische, ungarische, moldawische Weine können auch erfahrene Weintrinker auf neue Pfade locken. Handgemachte Pralinen mit genialen experimentellen Füllungen definieren »Schokolade« neu, Brände und Geiste aus Mandeln, Mohn, Pistazien, Basilikum, oder Karotten bringen frische Aromen ins Schnapsglas. Geschenke, die zwar auf vorhandene Vorlieben treffen, aber zusätzlich auch die Neugierde auf mehr und anderes befeuern, bereiten mir persönlich den größten Schenkspaß.
  • Keinen Deko-Kram verschenken, der lediglich als Staubfänger dient und dessen einziger Zweck es ist, irgendwo hingestellt oder aufgehängt zu werden.
  • Niemals: Kleidung, Schuhe, Parfum, es sei denn, ich bin mir zu 100% sicher.
  • Nie protzen. Wenn ich Menschen beschenke, die wenig(er) Geld zur Verfügung haben, ist das Letzte, was ich durch ein Geschenk auslösen möchte, eine »Schenkschuld« für etwas materiell ebenbürtiges hervorzurufen. Im Zweifel würde ich auch dies offensiv bei der Übergabe ansprechen. Schenken ist für mich immer geben, nie hoffen auf bekommen. Und ich bin mir auch bewusst, dass viele meiner obigen Gedanken ein gewisses verfügbares Budget für die genannten Geschenke voraussetzen. Schenken ist noch unendlich viel schwieriger, wenn man knapp bei Kasse oder arm ist. Leider.

Ich bin nicht religiös, ich stelle mir keinen pflanzlichen Weihnachtsbaum in die Wohnung, nur ein paar Kerzen. Ich gehe an den Feiertagen nicht in die Kirche und singe und spiele keine (traditionellen) Weihnachtslieder. Was ich an Weihnachten gerne mache, ist mit lieben Menschen Zeit verbringen, viele köstliche (und meist selbst zubereitete) Leckereien verspeisen, mit dem einen oder anderen guten Tropfen in Kelch, Glas oder Humpen anzustoßen – und zu schenken.

Vielleicht erscheint manches banal oder selbstverständlich, was ich hier aufgelistet habe, aber falls es jemandem beim Schenken hilft, freue ich mich. Ebenso freue ich mich über Ergänzungen, Hinweise (oder auch gegenteilige Ansichten) in den Kommentaren.

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