Regensburgreise (II)

Vier Tage Regensburg sind schon wieder um. Wie immer bei solchen kompakten Auszeiten streiten im Kopf zwei Bewertungen miteinander – einerseits »Boah, es passiert jeden Tag so viel abseits der sonstigen Alltagsroutine, dass sich vier Tage anfühlen wie sonst vierzehn«, andererseits »Huch, ist ja schon wieder Zeit zum Abreisen, das ging eigentlich viel zu schnell vorbei«.

Nach drei Jahren Pause fühlte es sich gut an, mal wieder in dieser schönen Stadt zu Gast zu sein und die »Corona-Lücke« von zwei Jahren war gefühlt im Nu geschlossen, als sei ich tatsächlich letzte Pfingsten zum letzten Mal dort gewesen, anstatt 2018. Fast alle vertrauten und schon oft besuchten Orte – Biergärten, Restaurants, die Lieblingseisdiele, Geschäfte – haben die Pandemieflaute überlebt, etliche neue Locations haben eröffnet, ein sehr geschätztes Restaurant hat seine Preise dermaßen angezogen, dass es für mich leider unbesuchbar geworden ist – aber wenn die zahlungswillige Kundschaft das trägt (der Blick durchs Fenster am Pfingstsamstag ließ vermuten: nein), dann sei es.

Etwas enttäuscht war ich von einem anderen zuvor schon oft besuchten Restaurant, bei dem ich via OpenTable eine Reservierung vornahm: laut App hieß es »zur gewünschten Zeit noch vier Tische buchbar« und so belegte ich einen davon. Im Laufe des Tages kam dann jedoch ein Anruf: es hätte einen »Fehler« bei der Reservierung gegeben und man müsse die Reservierung entweder auf 18 Uhr vorverlegen oder stornieren. Damit fiel die Annahme in sich zusammen, ein Online-Reservierungstool würde verlässlich den realen Kapazitätsbestand der verfügbaren Tische abbilden, bedauerlicherweise in sich zusammen und wir mussten umdisponieren. Durch eine Wiedersehen (ebenfalls nach mehreren Jahren) mit alten Bekannten aus der «Alte-Musik-Szene« und eine spontane Verabredung zum Abendessen in einem großen Biergarten war dann aber die Stornolücke schnell gefüllt und so war es gut, wie es sich fügte.

Ich genoss es jeden Tag, dass wir diesmal Räder gemietet hatten. Das Wetter war größtenteils radeltauglich und so nutzte ich dies ausgiebig, teils zum Bummeln oder für Besorgungen in der Stadt, teils auf dem Weg zu den gebuchten Konzerten oder Biergärten/Restaurants und einmal sogar zu einer gemeinsamen Radtour zum Kulturmonolithen der »Walhalla«. Den Eintritt von 4,50 € in die Büstenhalle sparten wir uns, aber die schöne Radstrecke entlang der Donau und der dicht bewachsene, etwas abseits liegende steile Waldpfad zur Rückseite des von zahllosen Menschen aus allen Ländern umschwärmten Wagnertempels waren auch so Erlebnis genug.

Die beiden gebuchten Konzerte im Rahmen der »Tage Alter Musik«, beide in der Regensburger Dreieinigkeitskirche, brachten wie in vergangenen Jahren betagte Werke auf frische und neue Weise zu Gehör. Zum ersten Konzert (Nr. 3) am Samstag Vormittag heißt es in der Ankündigung:

»Obwohl wir von J.S. Bach mindestens fünf Konzerte für Solo-Orgel kennen, sind von ihm keine Orgelkonzerte mit Orchesterbegleitung überliefert. Der belgische Organist Bart Jacobs hat nun (…) mehrere solcher Konzerte rekonstruiert und er wird sie mit dem Brüsseler Barockorchester Les Muffatti auf der großen Bachorgel der Dreieinigkeitskirche aufführen. In 18 von seinen mehr als 200 Kantaten hat Bach die Orgel als obligates Soloinstrument in Arien, Chorpassagen und Sinfonias verwendet. Auf der Grundlage dieser Kantatensätze und diverser Instrumentalkonzerte erklingen die von Bart Jacobs rekonstruierten Orgelkonzerte, wie sie Bach 1725 anlässlich eines Konzerts in Dresden in der Sophienkirche auf der damals neuen Silbermann-Orgel aufgeführt haben könnte.«

www.tagealtermusik-regensburg.de

Ich war überrascht, wie gut Orgel (speziell das Instrument in dieser Kirche) und das von Streichern dominierte Orchester zusammenpassten. Der Klang der Saiteninstrumente schwirrte wie ein Schwarm Schmetterlinge über einem warmen, karamelligen Fundament, das die Orgel darunterlegte. Unerklärlicherweise war das Konzert nur etwa zur Hälfte besucht, aber auch das ließ sich zugunsten von mehr Abstandsmöglichkeiten zu den anderen Besuchern als Infektionsschutzpluspunkt verbuchen. Es gefiel.

Im zweiten Konzert (Nr. 15) am Montag Nachmittag erklang das selten zu hörende Blasintrument Zink, das interessanterweise nicht, wie der Name andeuten könnte, aus Metall, sondern aus Holz (früher auch Elfenbein) besteht. Dazu schreibt das Programm:

»Der französische Zinkvirtuose Adrien Mabire und sein mit erlesenen französischen Sängern und Instrumentalisten besetztes Ensemble La Guilde des Mercenaires (Die Söldnergilde) begeben sich in diesem Konzert auf eine Reise nach Venedig, um die musikalischen Wurzeln Giovanni Gabrielis zu erkunden, der hier 1557 geboren wurde, hier wirkte und hier 1612 starb. Dabei treffen sie auf die Entstehung einer typisch venezianischen Musizierpraxis, die Kunst der Mehrchörigkeit.«

www.tagealtermusik-regensburg.de

Mit viel Spielfreude und großem Können spielte sich das Ensemble durch das von geistlichen Texten geprägte, sehr melodische Programm und bekam am Ende großen Applaus. Die Zugabe fügte dann noch einen amüsanten Aspekt hinzu, indem die Sänger in zwei Gruppen geteilt wurde, die auf sehr gegensätzliche Weise einen in dieser Komposition angelegten »Sängerwettstreit« miteinander ausfochten. Das Etikett »Alte Musik« schreckt womöglich viele Menschen ab, sich derlei einmal anzuhören – so manches klingt nach fast 700 Jahren frischer als manche erst Jahrhunderte später komponierte Musik. Mein Alte-Musik-Anspieltipp: die »Sonata Representativa« (entstanden um 1670) des Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber – ein rund 10minütiges Potpourri kurzer Stücke, in denen mit historischen Instrumenten Tierstimmen von Nachtigall, Kuckuck, Frosch, Henne und Hahn, Wachtel und Katze imitiert werden. Sehr experimentell, witzig und überhaupt nicht »angestaubt«!

Eine kleine Überraschung ergab sich dann noch, als eine Message von zwei guten Berliner Freunden auf dem Handy eintraf »Viele Grüße aus Regensburg!«. Rein zufällig hatten die beiden (unabhängig von uns und dem Musikfestival) übers Wochenende dasselbe Reiseziel gewählt und so kam es rund 500 km südlich von unseren üblichen Treffpunkten in Berlin zu einem unerwarteten Wiedersehen.

Ansonsten waren die Tage in Regensburg von Freitag bis Montag ein angenehm sommerliches Puzzle aus Ausschlafen, ausgiebig Frühstücken, kleinen Wanderungen wie z.B. zur Spitze der Donauflussinsel Unterer Wöhrd, Stadtbummeln, Eisessen, reichlichem – aber nicht übermäßigem – Biergenuss und vielen kleinen Momenten die mich in diesen wenigen Tagen ausgesprochen reichlich mit Urlaubsgefühlen durchströmten. Und so half auch das leicht regnerische Wetter am Dienstag, dem Abreisetag, den Abschied etwas weniger wehmütig zu empfinden. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Regensburgreise – hoffentlich gleich wieder nächstes Jahr.

Die »blau-gelbe Stunde« auf dem Rückweg von der Leihfahrrad-Abgabe am Vorabend der Abreise.

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