Tiny Music Makers

Fast jeder ist wohl schon einmal zusammengezuckt, wenn zur Unzeit aus dem eigenen oder fremden Handy der allseits bekannte »Nokia-Tune«-Klingelton düdelt. Weniger bekannt ist, dass die Melodie keine Kreation aus dem Nokia Klingeltonstudio ist, sondern ein Auszug aus dem 1902 geschriebenen Solo-Gitarrenstück »Gran Vals« des spanischen Komponisten Francisco Tárrega.

Hört man genau hin, ist der Alltag voll von Klängen, Soundbits und Melodien, die jeder kennt – ihre zeitgenössischen oder klassischen Urheber jedoch bleiben oft anonym. Das im Januar 2009 leider eingestellte Blog Music Thing des Briten Tom Whitwell hat in einer Miniserie über bekannte zeitgenössische Markensounds die Stories einiger »Tiny Music Makers« recherchiert und aufbereitet.

Eine ähnlich informative Quelle zur Herkunft populärer Soundschnipsel, die sich Werber und Firmen – wie z.B. Nokia – bei der klassischen Musik »borgen«, wäre auch mal interessant.

Intel Chime
(Wellenform-Darstellung des »Intel inside« Sounds)

Neu im Ohr

Manchmal klingt sie beim Singen, als ob sie dabei gedankenverloren mit einer ihrer blonden Haarsträhnen spielt, ein andermal, wie allein mit ihrer Gitarre an einem Campingfeuer im Wald sitzend, aber immer wunderbar unprätentiös. Rezensenten ihres neuen Albums »Changing of the Seasons« vergleichen sie mit Billie Holiday, Dolly Parton, Kate Bush, Björk oder Joni Mitchell und liegen damit gleichzeitig ganz dicht dran und doch meilenweit weg.

Sie covert »True Colors« von Cyndi Lauper und »Big in Japan« von Alphaville so, dass man die Songs wieder wie zum ersten Mal hört – und sie steht derzeit ganz oben auf meiner Playlist: Ane Brun, 23jährige Songwriterin aus Norwegen. Schön, dass es solche Musik gibt, bei der man die guten Zutaten hören und an einer Hand abzählen kann: Eine geniale Melodie, eine tolle Stimme, eine Gitarre und ein paar sparsame akustische Akzente im Hintergrund. Und auf Tournee nach Deutschland kommt sie im Frühjahr auch noch.

Anspieltipps: »Armour« (bei Amazon), »I let myself go«, »Big in Japan« (bei myspace), weitere Titel bei last.fm.

Ane Brun
Photo: © Ane Brun

Was Buntes gegen das Trübe

Erst dachte ich, es sei der neueste Spot von SONY Bravia nach den Knetkaninchen, aber dann entpuppte es sich doch als Musikvideo des schwedischen Minimal-Techno-Projekts Minilogue von Marcus Henriksson und Sebastian Mullaert. Zu den pluckernden Beats des Tracks »Animal« liefert die Choreographie der putzigen animierten Kreaturen – teils offenbar leicht sadomasochistisch veranlagt – das perfekte Quentchen schrägen Humors (bei Timecode 00:43 auf den unscharfen Kinderwagen am linken Bildrand achten!). Weird, sagt der Nerd und guckt strange.

Minilogue – Animals from ljudbilden on Vimeo.

Bühnen-Bilder

Beim Schmökern in aktuellen Kulturprogrammen stolperte ich heute über eine Anzeige des Theaters Lübeck, die mir im Einerlei vieler sonstiger Veranstaltungshinweise angenehm auffiel. Die Idee, für jedes Stück der Spielzeit ein aufs Wesentliche reduziertes Piktogramm zu entwickeln, ist möglicherweise nicht neu, aber, wie ich finde, hier sehr schön umgesetzt. Mit ein bisschen Feinarbeit könnte die teilweise etwas uneinheitliche Detailtreue der Symbole zwar noch harmonisiert werden, aber es macht allein schon Spaß, zu raten, welches Stück sich hinter welchem Zeichen verbergen könnte.

Zum Mitraten hier in falscher Reihenfolge die Werke zu den abgebildeten Beispielpiktogrammen: Wiener Blut, Rigoletto, Der Steppenwolf, Evita, Die Zauberflöte, Penthesilea, Der Zauberberg, Salome, Die verkaufte Braut, Madame Butterfly, Tod eines Handlungsreisenden und Das Rheingold.

Für die Auflösung verweise ich auf die Website des Hauses, dort finden sich noch mehr Piktogramme, die bei jedem Seitenreload in ihrem Raster neu durchgemixt werden. Eingeführt wurde der plakative grafische Auftritt des Theaters bereits zu Beginn der Spielzeit 2007/2008 im Oktober vergangenen Jahres, vermutlich im Vorfeld des aktuellen Jubiläums der Spielstätte, die diesen Monat vor genau 100 Jahren – am 1. Oktober 1908 – eröffnet wurde.

Theater Lübeck
Piktogramme: © Theater Lübeck

Insolvent und Spaß dabei

Auf den bislang besten Beitrag zur aktuellen Finanzkrise stieß ich dieser Tage in einem 26 Jahre alten, längst vergriffenen Taschenbuch des argentinischen Cartoonisten Quino. Und damit mir ob dieses visuellen Zitats kein böswilliges copyright infringement unterstellt wird, füge ich als aufrichtiger Bewunderer der Kunst seiner spitzen Feder hinzu: Besucht seine Website und kauft seine Bücher – denn seine anderen Zeichnungen sind mindestens ebenso genial wie das hier.

Quino
Cartoon: © Quino

Zwischen Gold und Schwarz

Der Herbst ist da. Der Griff zu Heizungsthermostat, Warmwasserhahn und Lichtschalter wird wieder zur Routine, man erinnert sich der im Schrank hinten unten liegenden Wolldecke, sinnt vermehrt über Koch- und Backrezepte nach, verspürt Appetit auf Deftiges und schwer gedeckten Obstkuchen und erhöht den Anteil der Heißgetränke am täglichen Flüssigkeitskonsum. Und: Herbstzeit ist Lyrikzeit.

Klar, da denkt jeder an Rilke und seinen stürmisch-einsamen, goldbraunen Herbst (»Herr: es ist Zeit …«), aber es geht noch eine satte Nuance dunkler, grauer und trostloser. Hier ein Herbstgedicht des inzwischen fast vergessenen Schriftstellers Oskar Kanehl (1888–1929), dessen spröde Sprachgewalt mich ebenso fasziniert wie Rilkes Werk und das zum Zwecke erhöhter Beachtung heute der Beitrag zum gewählten Thema sei:

Herbstnächtlicher Gang
Naßkalte Nacht.
Wie weißschaumiger Aussatz
deckt Nebel das sündige Land.
An meiner Hand
wandert mein letzter Begleiter: der Schatten.
Hastig vorbei
gleiten, wie tanzender Leichenzug,
schwarzgerippige Bäume.
Frierende Tiere
hallender Hungerschrei.
Eine Mühle wie Galgenspuk.
Drohende Telegraphenlatten.
Mit dunkelblutigen Armen
winkt gierig das Wasser.
Und durch ein Leichentuch blinkt
rot umrandet, gequält,
wie ein entzündetes Auge
der Mond.

Und jetzt schnell ein Stück Rum-Trauben-Nuss-Schokolade und ein Kaffee mit Amaretto als Antidot gegen eventuell aufkommende Herbstmelancholie.

September Sounds

Manchmal sind es die leisen, unauffälligen Dinge. Ein winziger, goldener Lichtreflex im Blattwerk einer Baumkrone, der wieder und wieder das Auge streift. Ein vergessener Geruch, der für einen Moment durchs Autofenster hereinweht und den Fahrtwind mit Erinnerung parfümiert. Ein besonderer Geschmack, der wie ein kurzes elektrisches Kribbeln die Zunge kitzelt und einen Augenblick lang alle anderen Sinne ausblendet. Oder – wie heute – ein Lied, das sich zwischen Verkehrsrauschen und Bürogesäusel hindurchschlich und warm und weich in meinen Gehörgang schmiegte, vertraut, aber doch irgendwie anders: »See You«, im Original von Depeche Mode, gecovert von der norwegischen Band Flunk, entdeckt via Tagged Radio bei lastfm. Herbst zum Hören.

Flunk CD-Cover


Eine weitere Coverversion von Flunk: »Blue Monday« (Original von New Order)
Flunk bei myspace

Thumbnails: © flunkmusic.com

Nosferatu goes Disco

Das neue Musikvideo von den Chemical Brothers, »Midnight Madness«, zeigt wieder einmal, dass CGI-Effekte um so eindrucksvoller wirken können, je raffinierter und weniger vordergründig sie eingesetzt werden. Ich habe bei dem kobolzenden Glitzergnom sofort Max Schreck vor Augen gehabt.

A propos: Hat beim Vergleich zwischen einigen Szenen des Chemical-Brothers-Videos zu »Believe« (2:02–2:07) und des Hornbach-Baumarktspots »Mach es fertig/Badezimmer« (0:19–0:24) sonst noch jemand ein Déja Vu?