Minst 10 skäl att resa till Sverige (10)

#10 Die Schweden

In den bisherigen neun Beiträgen habe ich viel geschrieben über schwedische Sprache, Infrastruktur, Architektur, Essen, Trinken und Design. Was aber natürlich auf jeden Fall noch Erwähnung finden muss, sind die Menschen, die für all diese sehens-, probierens- und erlebenswerten Dinge verantwortlich sind – und für fast alles andere hier: die Schweden.

Ich habe die einheimischen Menschen in Schweden bei meinen bisherigen Urlaubsreisen immer als sehr offen, freundlich, hilfsbereit, naturverbunden und authentisch erlebt. Nach mehreren Aufenthalten in derselben Unterkunft fühlte es sich schon fast wie ein »Nachhausekommen« an, wenn ich im südschwedischen Ormeshaga mit dem Auto um die letzte Kurve bog und unser »Stammvermieter« uns von seinem Aufsitzmäher aus zuwinkte, während er dem Rasen am Seeufer hinter dem Haus eben noch einen frischen Schnitt verpasste. Ich kenne die Schweden als ebenso zurückhaltende wie gesellige Menschen. Sie sind keine Schwätzer, aber trotzdem kommunikativ und kontaktfreudig. Sie schätzen die Einsamkeit in der Natur ebenso wie Gesellschaft und Geselligkeit. In den langen dunklen Herbst- und Wintermonaten hat die Behaglichkeit zu Hause im Kreise von Freunden und Familie einen hohen Stellenwert. Was der Däne als »hyggelig« bezeichnet, nennt der Schwede »mysig«.

Neben der sympathischen Bevölkerung hat Schweden zahlreiche kluge und kreative Köpfe hervorgebracht, die weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt sind. Etwa die Erfinder und Wissenschaftler Anders Jonas Ångström, Jöns Jakob Berzelius, Anders Celsius, Victor Hasselblad, Carl von Linné und Alfred Nobel (historisch üblicher Männerüberschuss inklusive). Und fast jeder kennt die schwedischen Schriftsteller*innen Astrid Lindgren (u.a. Michel aus Lönneberga, Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Madita, Die Brüder Löwenherz und Ronja Räubertochter), Selma Lagerlöf (Nils Holgersson), Sven Nordqvist (Pettersson und Findus) oder Gunilla Bergström (Willi Wiberg), die seit Jahrzehnten Millionen Kinder begeistern. Erwachsene Leser können sich von den Krimis aus der Feder von Arne Dahl, Håkan Nesser, Henning Mankell, Stieg Larsson, Per Wahlöö oder Liza Marklund fesseln lassen oder zu klassischen Werken von August Strindberg, Per Olov Enquist oder – auch hier – Selma Lagerlöf greifen.

Was wäre die Popmusik ohne die schwedischen Superstars Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid von ABBA? Aber auch die Acts Europe, Roxette, Ace of Base, Army of Lovers, Robyn, The Cardigans, Rednex, Mando Diao, Lykke Li und Fever Ray stammen aus Schweden, ebenso wie die Solokünstler Neneh Cherry, Dr. Alban, Sophie Zelmani und Anna Ternheim. Nicht ganz so populär, aber auf jeden Fall hörenswert sind auch meine persönlichen »Geheimtipps« Stina Nordenstam, Lisa Ekdahl und Jonathan Johansson. Wer klassische Musik liebt, sollte erwägen, einmal Hugo Alfvén, Wilhelm Stenhammar oder Kurt Atterberg sein Ohr zu leihen und beim Jazz »made in Sweden« geben vor allem Esbjörn Svensson, Nils Landgren und Monika Zetterlund den Ton an. Ihre Jazz-Kolleginnen Alice Babs, Bibi Jones und Anita Lindblom wandten sich – ähnlich wie Nana Mouskouri und Caterina Valente – vom Jazz später eher Pop bzw. Schlager zu und machten ab den 60er Jahren dort Karriere.

Das Kino! Auch hier kommen etliche Protagonisten aus Schweden, wie Zarah Leander, Greta Garbo, Anita Ekberg, Ingrid Bergman und Max von Sydow als Leinwandstars der »alten Garde«, in neueren Produktionen begegnen wir Dolph Lundgren, Noomi Rapace, Katia Winter, Peter Stormare, Stellan Skarsgård, Bill Skarsgård, Alexander Skarsgård, Alicia Vikander, Pernilla August, Lena Endre, Hanna Alström, Fares Fares und Michael Nyqvist. Als Regisseure (wieder leider hauptsächlich Männer) haben sich Ingmar Bergman, Lasse Hallström, Tomas Alfredson und Olle Hellbom international einen Namen gemacht, als Musikvideo-Regisseur setzte Jonas Åkerlund zahlreiche Popstars in Szene.

Und natürlich muss auch noch eine Schwedin genannt werden, die zwar weder Musik komponiert oder interpretiert noch zu Filmschaffenden, literarischen Autor*innen oder Wissenschaftler*innen zählt, aber trotzdem seit ihrem »Skolstrejk för klimatet« im August 2018 weltweit in aller Munde ist: Greta Thunberg.

Uff – so viele Namen. Zum Schluss möchte ich noch ein paar Film- und Serien-Empfehlungen schwedischen Ursprungs loswerden, die ich auch gerne mal mit »ins Urlaubsgepäck« nahm und dann im Land ihres Entstehens angeschaut habe:

  • Serie: Jordskott – Die Rache des Waldes
  • Serie: Real Humans – Echte Menschen (Äkta människor)
  • Serie: Die Brücke – Transit in den Tod (Broen), Koproduktion DNK/SWE/DEU
  • Film (Horror): So finster die Nacht (Låt den rätte komma in)
  • Film (Komödie): Ein Mann namens Ove (En man som heter Ove)
  • Film (Komödie): Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann)
  • Film (Komödie): Kops
  • Film (Komödie): Kitchen Stories (Salmer fra kjøkkenet), Koproduktion NOR/SWE
  • Film (Komödie): Jalla! Jalla!
  • Film (Komödie): Verschwörung im Berlin-Express (Skenbart – en film om tåg)

Damit endet diese kleine Blogserie mit »Werbung« für dieses schöne Urlaubsland und vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen dazu anregen, auch einmal (wieder) eine Auszeit hier zu verbringen. Ich jedenfalls komme auf jeden Fall wieder.

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Foto: © formschub

Minst 10 skäl att resa till Sverige (9)

#09 Lokale Mikrobrauereien und die »Systembolaget«-Geschäfte

Wer mir bei Facebook, Swarm oder Untappd folgt, wird bemerken, dass ich seit rund 10 Jahren an nahezu jedem Aufenthaltsort oft und gern die Gelegenheit nutze, lokale Craft-Beer-Pubs aufzusuchen und die dort gezapften Biere zu verkosten. Ebenso gerne suche ich in örtlichen Supermärkten oder Spirituosengeschäften nach interessanten Biersorten, die ich zu Hause erst dem Kühlschrank und anschließend mir selbst einverleiben kann. So auch dieses Jahr in Schweden.

Es ist übrigens ein sich hartnäckig haltender, aber inzwischen überholter Mythos, dass Alkohol in Schweden unfassbar teuer, ja sogar unerschwinglich sein soll. Korrekt ist, dass man alkoholhaltige Getränke mit mehr als 3,5% Vol. innerhalb Schwedens ausschließlich in den staatlich lizenzierten Geschäften namens Systembolaget erwerben kann. Alternativ ist es Schweden inzwischen auch gestattet, Alkoholika in anderen EU-Staaten per Mailorder zu bestellen, allerdings fällt für den Käufer darauf die (höhere) schwedische Alkoholsteuer an.

Durch inzwischen geänderte EU- und Zollbestimmungen sowie die teilweise Liberalisierung des Marktes haben sich jedoch die Preise für Bier, Wein, Sekt und Schnaps (öl, vin, bubbel och snaps) in den letzten zwei Jahrzehnten recht weit dem Niveau in Deutschland angenähert. Eine gute Flasche Rotwein ist im Systembolaget für umgerechnet etwa 8 EUR erhältlich, einen feinen Whisky bekommt man für 40–60 EUR und eine Flasche Craft Beer liegt um die 3 EUR – alles Preise, die auch in deutschen Läden fällig werden.

Hochwertige Produkte unterscheiden sich (…) nicht besonders vom deutschen Preisniveau. Champagner kostet in Schweden ungefähr so viel wie in Deutschland. Gute Weine und hochwertige Craftbiere sind sogar günstiger als in Deutschland. Das liegt an der Marktmacht und an den Mengen, die der schwedische Monopolhandel Systembolaget erzielt.

Quelle: www.schweden-tipp.de

Mein Eindruck ist sogar, dass der exklusive Verkauf der meisten alkoholhaltigen Getränke in den staatlichen Geschäften einen Vorteil hat: die Betreiber stellen ihr Sortiment offensichtlich auch nach Qualität zusammen, sie »kuratieren« sozusagen die Auswahl der Produkte, die sie in ihren Filialen anbieten. Das führt dazu, dass man in den Systembolaget-Läden überdurchschnittlich viele gute Weine, Biere und andere hochwertige oder besondere Alkoholika vorfindet. Es gibt zwar auch »gewöhnlichere« Marken, aber übergreifend scheint dort der Gedanke, Alkohol im wahrsten Sinne des Wortes als »Genussmittel« statt zum »Komasaufen« zu verkaufen, zu dominieren. Ich habe schon manchmal in den schwedischen Geschäften internationale Weine oder Spirituosen entdeckt, die ich später in Deutschland nach der Rückkehr aus dem Urlaub online »nachgekauft« habe, weil sie mir so gut geschmeckt haben.

Ein anderes »Highlight« der Systembolaget-Filialen ist, dass sie auch oft die Produkte von Produzenten aus ihrer Region in das Sortiment aufnehmen, die man schon einige Kilometer weiter nicht mehr in den Regalen vorfindet. So wird man z.B. auf Biere oder Brände aufmerksam, die man ohne intensive Netzrecherche nach lokalen Anbietern von Bier oder anderen Spirituosen gar nicht entdeckt hätte.

Nur eine kleine Auswahl der Biere aus Emmaboda.

So geschehen z.B. im Systembolaget des südschwedischen Städtchens Emmaboda mit gerade mal 4.800 Einwohnern: im Bierregal des Ladens fand sich ein gutes Dutzend Craft-Bier-Sorten der örtlichen »Emmaboda Bryggeri«, die sofort zur Verkostung im Warenkorb landeten – und uns nicht enttäuschten. Vom Vor-Ort-Besuch bei der Karlskrona Mikrobryggeri hatte ich ja bereits in Beitrag #07 dieser Serie berichtet. Wir hätten auf unserer Urlaubsroute vom Ankunfts-Fährhafen zur Unterkunft (Göteborg – Karlskrona) noch etliche Brauhäuser und Biere, z.B. von Bryggeri Skeppsgossen, Sad Robot, Spike, Vega, Naked Rabbit oder Nättraby Kvartersbryggeri testen können. Aber so ein Urlaub ist ja leider erfahrungsgemäß immer zu kurz.

Foto: © T. Bregenzer

Minst 10 skäl att resa till Sverige (8)

#08 Die lokalen Lebensmittel und Spezialitäten

Was wäre ein Urlaub ohne den Genuss der Leckereien, die typisch für das Reiseziel sind? – Ich würde sagen: trist und freudlos. Beim Essen bin ich seit jeher ein neugieriger Mensch. Im Restaurant bestelle ich gerne das Gericht, das ich als einziges von der Karte noch nicht kenne, so geschehen zum Beispiel mit Bries (ganz okay) oder Nattō (muss ich nicht nochmal essen). Ich freue mich immer, wenn ich neue ess- oder trinkbare Schätze aus der Natur zum Selberernten entdecke, wie den Fichtenreizker (letztes Jahr massenhaft in Dänemark gefunden, ganz famoser Pilz!) oder Giersch (dieses Jahr zum ersten Mal gepflückt, genialer Petersilienersatz!). Und die Supermärkte in Urlaubsländern sind mein Eldorado. Ich stromere grundsätzlich erstmal durch alle Gänge, schaue mir die Aromen der Zahncremes an, schnuppere an ungewöhnlichen Duschgels, erkunde die Gewürzregale, inspiziere die Obst- und Gemüseabteilung oder flaniere entlang der Kühltheken mit Käse, Wurst und Fischprodukten. Was unbekannt und interessant klingt, wird probiert. Und so habe ich im Laufe der Jahre auch in Schweden einige Spezereien entdeckt, die für mich seither obligatorisch zum Urlaubsspeiseplan gehören:

  • Dill: Wie in Finnland, Norwegen oder Russland verwenden auch die Schweden in ihren Rezepten oft und reichlich Dill. Das ist jetzt zwar kein besonders exotisches Kraut, aber wenn man in einem schwedischen Supermarkt im Sommer den Dill entdeckt, merkt man schon den Unterschied zu den robust bepreisten, eingeschweißten 25-g-Miniportionen zarter Blättchen, die in deutschen Gemüseabteilungen feilgeboten werden – hier steht er in kräftigen Sträußen mit gelbgrünen Blütenständen parat und wird gerne zum Einlegen von Fisch, für die Zubereitung von Flusskrebsen, Salaten oder für die berühmte, süßliche Senf-Dill-Sauce (Hovmästarsås) zum gebeizten Gravad Lax serviert.
  • Streich- oder Frischkäse mit Pfifferlingen: Abgesehen davon, dass dieser köstliche Sommerpilz natürlich auch gerne frisch gesammelt von mir verarbeitet und zubereitet wird, gibt es auch im Supermarkt delikate Produkte, in denen er enthalten ist. Ein langjähriger Favorit ist der streichbare Schmelzkäse »Kantarellost«, den man in ungekühlten (!) Regalen der Geschäfte finden kann. Im Kühlregal – wenngleich als finnisches Importprodukt – gibt es alternativ noch eine schmackhafte Frischkäsezubereitung namens »Creme Bonjour Kantarelli«.
  • Västerbottensost: dieser pikante schwedische Käse aus der nordöstlich gelegenen gleichnamigen Region Västerbottens län ist mein schwedischer Lieblingskäse und in Deutschland nach meiner Erfahrung kaum zu bekommen. Er hat eine recht krümelige, spröde Konsistenz und einen angenehm würzigen Geschmack. Die Besonderheit bei seiner Herstellung ist, dass die Rohkäsemasse mehrmals hintereinander erwärmt und wieder abgekühlt wird, was auch für den besonderen Geschmack verantwortlich sein soll. Auf frisch getoastetem Roggenbrot mit etwas Butter – einfach mumsig!
  • Der Blauschimmelkäse Castello Black: Die Marke an sich mit ihrer azurblauen Verpackung ist vielen sicher aus deutschen Lebensmittelgeschäften bekannt. Eher seltener bis gar nicht findet man dort die schwarz verpackte Variante mit Schafsmilchanteil in der Zubereitung. Ich ziehe dessen noch etwas kräftigeren, runderen Geschmack der »normalen« Sorte vor, der Hersteller meint, das Aroma enthalte »… dezente Noten von frischem Apfelsaft, Roggen und Lakritz«. Vortrefflich!
  • Besondere Knäckebrotsorten: Ein Brot, das Vegetarier eher meiden sollten, ist das PALT Tunnbröd der Firma Mjälloms. Seine dunkle, rotbraune Farbe verdankt es nicht etwa einer besonders langen Backzeit, hohen Temperaturen oder einer speziellen dunklen Mehlsorte, sondern dem Gehalt an getrocknetem Blutprotein, der das Brot auch besonders eisenreich macht. Muss man mögen, ich finde, man schmeckt es nur ganz dezent heraus, wenn man es nicht weiß, kommt man nicht drauf, aber ich esse es hin und wieder sehr gerne.
    »Harmloser« sind da die »Rosemary Knäckebröd Sticks« der schwedischen Firma Vilmas: schmale, knusprige Knusperbrotscheiben, mit einer ganz leichten Süße von Honig und Sirup im Teig, bestreut mit Salzkristallen und getrockneten Rosmarinnadeln. Gibt’s anscheinend nur in Schweden – leider!
  • Produkte aus skandinavischem Wild: Wer ab und zu gerne Wildfleisch genießt, wird in Schweden auch oft bei kleinen lokalen Anbietern fündig. In der Göteborger Markthalle Saluhallen bekommt man am Stand von Nobelius Vilt etliche Köstlichkeiten aus Rentier-, Elch- oder Wildschweinfleisch angeboten. Vieles ist zart geräuchert, besonders gewürzt und zumeist aus eigener Produktion. Auf Wunsch werden die abgewogenen Waren sogar vakuumiert eingeschweißt und dadurch besser transporttauglich.
    In der Nähe unseres Urlaubsortes in diesem Jahr entdeckten wir in dem Ort Vissefjärda die Målatorps Viltrökeri, die in ihrem kleinen Hofladen ebenfalls Wildfleisch und -wurstwaren aus eigener Produktion verkauft. Auch dieser Einkauf wurde gut konserviert verpackt – das Probieren steht noch im Laufe dieser Woche aus …
  • Sürströmming: Das ist eine der wenigen schwedischen Spezialitäten, an die ich mich bislang noch nicht herangewagt habe. Die im Netz veröffentlichten, kontroversen Geschmacksprotokolle der zahlreichen nichtschwedischen Sürströmming-Tester – ob schriftlich oder als Videoclips – reichen von »brechreizerregend« bis »unvergleichlich köstlich«. Erhältlich ist diese besondere Konserve, u.a. vom Hersteller Oskars, mit milchsauer vergorenem, intensiv stinkendem Hering in fast jedem schwedischen Supermarkt, insbesondere nach Beginn der jährlichen neuen Saison Ende August (also jetzt). Was mich abhält, sind aber weniger Abscheu oder Skepsis vor dem zu erwartenden Aroma als vielmehr die gängigen Dosengrößen zwischen 300 und 500 Gramm. Ich möchte einfach kein Lebensmittel kaufen, von dem ich womöglich nach dem Kosten bei »Nichtgefallen« den Großteil wegwerfen müsste. Böte man mir hingegen auf einem Markt oder an einem Probierstand die Möglichkeit, ein einzelnes Filet zu kosten, würde wohl – wie so oft – meine Neugier siegen.

Foto: © formschub

Minst 10 skäl att resa till Sverige (7)

#07 Die Sprache

Vorgestern war eigentlich ein erneuter Ausflug nach Karlskrona geplant, wieder mit dem Zug, wieder am Nachmittag. Erst eine Wanderung in einem Waldgebiet am Stadtrand mit dem kuriosen Namen »Gummilunden«, danach vielleicht wieder ein Stadtbummel und/oder Einkehr in die dem Hotel »Arkipelag« angegliederte Craftbier-Bar der Karlskrona Mikrobryggeri. Eigentlich. Aber das elektronische Display am Bahngleis kündigte zuerst fünf, dann zehn Minuten Zugverspätung an und dann schließlich einen »Zugausfall aufgrund technischer Probleme«, so dass der Nachmittagsplan geändert werden musste. Ein Glück, dass es das schriftlich gab, denn die einzig auf Schwedisch durchgegebene Lautsprecheransage war für mich komplett unverständlich.

Doch auf Schwedisch klingt sogar die Ankündigung eines Zugausfalls – der ja eine eher unerfreuliche Nachricht ist – in meinen Ohren optimistisch und positiv. Die Intonation und Sprachmelodie, irgendwo zwischen Kölsch (Hörprobe) und Chinesisch (Hörprobe), dazu das gemütlich rollende R und ein paar skurrile Silbenfetzen – ich mag einfach den »Sound« (auch wenn ich selbst nur ein paar Brocken verstehe, und wenn, dann eher schriftlich als akustisch).

Einige schwedische Wörter lesen sich, als seien sie aus Berlin eingewandert: balkong, refräng, restaurang, terräng, följetong, säsong. Es gibt in der schwedischen Alltags- und Umgangssprache (»vardaglig«, abgekürzt: vard.) hunderte wunderbarer Vokabeln und Wortschöpfungen, von denen man von mir aus gerne einige ins Deutsche übernehmen könnte. Die Schweden haben ein paar Wörter, die kaum oder nur umständlich übersetzbar sind, wie »Tidsoptimist« (lit.: Zeitoptimist – jemand, der die verfügbare Zeit bis zu einem Termin regelmäßig überschätzt und deshalb gewohnheitsmäßig zu spät kommt) oder »Smultronställe« (lit.: Walderdbeerstelle – ein versteckter/geborgener Ort, an dem man sich glücklich fühlt), aber auch einige »ganz normale« Wörter finde ich ausgesprochen hübsch:

  • glasögon = Brille
  • grönsaker = Gemüse (Grünzeug)
  • hastighet = Geschwindigkeit
  • kram = Umarmung
  • gammel = alt
  • slickepinne = Lutscher
  • trängsel = Menschenmenge (Gedränge)
  • utkik = Ausguck
  • sjuksköterska = Krankenschwester
  • björnbär = Brombeeren
  • bubbel = Sekt
  • pimpelfiska = Eisfischen
  • vispgrädde = Schlagsahne
  • sjukhus = Krankenhaus (Seuchenhaus)
  • dröm = Traum
  • snigel = (Nackt)schnecke
  • torktumlare = Wäschetrockner
  • drottning = Königin

Schwedisch ist für mich, wie Italienisch oder Portugiesisch, eine Sprache, die ich gerne höre, auch wenn ich das meiste nicht verstehe. Wer mag: Einfach mal die Augen schließen und lauschen.

Foto: © formschub

Minst 10 skäl att resa till Sverige (6)

#06 Die Netzabdeckung

Etwa alle 14 Tage fahre ich mit dem ICE von Hamburg nach Berlin und einige Tage später wieder zurück. Und etwa genauso oft durchfahre ich auf dieser Strecke – die mit 6,1 Mio. Fahrgästen pro Jahr oder fast 17.000 Reisenden pro Tag eine der am stärksten genutzten Fernzugverbindungen Deutschlands ist – Streckenabschnitte ohne oder mit ermüdend schlechter Netzqualität (das on-board WLAN der Bahn inbegriffen). Bei der Fahrt mit der Hamburger U-Bahn kenne ich die Stellen, an denen die mobile Datenverbindung oft abreißt, inzwischen auswendig (Schlump) und auch mitten in Berlin stehe ich hin und wieder mit gerunzelten Brauen und einem »E« für EDGE auf dem Display herum.

Sicher, es wird allmählich Schritt für Schritt besser. Aber nach wie vor stellen Tester der Netzqualität in Deutschland ein ernüchterndes Zeugnis aus und verweisen es im europäischen und internationalen Vergleich auf hintere Plätze.

»Bei der LTE-Netzversorgung in der Fläche liegt Deutschland auf dem drittletzten Platz – noch hinter Albanien. (…) Auch in Sachen Daten-Tempo gehört Deutschland zu den Schlusslichtern.«

Quelle: logitel.de (April 2020)

Am vergangenen Montag machten wir hier in Südschweden einen Tagesausflug mit dem Regionalzug nach Karlskrona. Die Betreibergesellschaft Krösatagen befährt die nur 10 Stationen lange Strecke über Land mit putzigen, nostalgisch anmutenden, zwei Waggons langen Elektrozügen. In den Wagen weisen große Schilder auf das Gratis-WLAN-Angebot im Zug hin. Und auch später während des Stadtbummels bot fast jedes Geschäft einen kostenlosen Zugang für Besucher und Kunden an.

Außen retro, innen oho.
Fritt, fritt, hurra!

Bei anderen Ausflügen nutzten wir eher das Auto, denn zu den ausgewählten Wanderstrecken in der Region konnte uns kein Zug bringen. Was uns auf den ausgedehnten Routen durch Wälder, über Täler und Hügel im ländlichen Südschweden immer begleitete, war ein Mobilfunknetz in LTE-Qualität, höchstens in Ausnahmefällen mal kurzzeitig 3G. Die gefühlt bessere Abdeckung wird auch auf der Netzabdeckungskarte der schwedischen Post sichtbar: bis in die nördlichsten Regionen mit durchschnittlich nur 2–3 Einwohnern pro Quadratkilometer liegt die Abdeckung bei über 95%.

Ein Urlaub in Schweden (und anderswo in Europa) ist somit anscheinend nicht nur eine Auszeit von Alltag und Arbeit, sondern auch eine mit deutlich weniger Funklöchern.

Fotos: © formschub

Minst 10 skäl att resa till Sverige (5)

#05 Die vielen Inseln

»Na klar«, sagte Slartibartfaß. »Bist du mal in einem Land gewesen … ich glaube, es hieß Norwegen?« »Nein«, sagte Arthur, »nein, war ich nie.« »Schade«, sagte Slartibartfaß, »es war eins von denen, die ich gemacht habe. Hab’n Preis dafür gekriegt, nicht? Herrlich krickelige Küste. Ich war furchtbar sauer, als ich hörte, dass es zerstört worden ist.«

Douglas Adams, »Per Anhalter durch die Galaxis« (Kapitel 24)

Schaut man sich Schweden und Norwegen im Vergleich auf der Landkarte an, wird klar, wofür Slartibartfaß – völlig zu Recht – einen Preis erhalten hat. In den Kategorien »Fjorde« und »krickelige Küste« kann Schweden nicht mithalten. Wohl aber bei den Inseln. Schwedens Küste ist weniger »krickelig«, sie ist eher »krümelig«. Allein im sogenannten »Schärengarten« vor der Küste Stockholms liegen gut 30.000 kleine felsige Inseln in der Ostsee verstreut. 24.000 davon sind kleiner als 2 km² und nicht wenige sind nur wenige Quadratmeter groß. Auch inmitten der zahllosen Seen Schwedens finden sich hin und wieder idyllische Binneninseln, die Angler, Camper und Badende anlocken.

Insgesamt gehören ungefähr 221.800 Inseln zu Schweden. Die beiden größten sind die Oststeeinseln Gotland mit 2.994 km² und Öland mit 1.347 km² Fläche. Die drittgrößte, deutlich kleinere schwedische Insel Orust (346 km²) liegt an der Westküste des Landes in der Nordsee, etwa an der Grenze der Meeresgebiete Skagerrak und Kattegatt.

Wer die Gelegenheit hat, mit einem Ausflugsschiff oder einer der regulär verkehrenden Fährlinien eine Bootsfahrt durch die Stockholmer Schären zu unternehmen, sollte sie sich nicht entgehen lassen. Aber auch die etwas isolierter gelegenen »Einzelschicksale« unter den Inseln, wie das kleine Eiland Degelskär vor der südschwedischen Hafenstadt Karlskrona auf dem Foto unten, sind wunderschön. Douglas Adams erwähnt in seinem Roman leider nicht, welcher Kollege von Slartibartfaß Schweden und dessen Inseln entworfen hat – aber ich finde, auch dieser unbekannte Planetendesigner hätte einen Preis dafür verdient.

Sieht geradezu karibisch aus: die Insel Degelskär im Schärengarten von Blekinge

Foto: © formschub

Minst 10 skäl att resa till Sverige (4)

#04 Das schwedische Gespür für gutes Design

Dass man bei dem großen schwedischen Einrichtungskonzern mit vier Buchstaben oft allerhand Möbel und Wohnaccessoires entdecken kann, die ebenso schlicht und schön wie praktisch gestaltet sind, muss ich wohl nicht erwähnen. Doch auch abseits des blaugelben Platzhirschen (oder Platzelchs) entdecke ich in Schweden seit jeher immer wieder famose Designideen, sei es auf dem Gebiet des Grafikdesigns bei Logos, Verpackungen, Plakaten oder Broschüren oder in puncto Produktdesign.

Beim gestrigen Tagesausflug in die nahegelegene malerische Hafenstadt Karlskrona gab es wieder so einen Moment: an mehreren Bauzäunen, hinter denen gerade neue Büro- und/oder Wohnhäuser entstanden, prangte das auffällige (neue) grau-gelbe Logo des Bauunternehmens JSB, das seit März 2020 im Einsatz ist und das mich sofort begeisterte. Das neue Design entstand in Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur Giv Akt aus Malmö.

Was ist nun so toll an diesem vermeintlich simplen Drei-Buchstaben-Logo einer Hausbaufirma? Das entdeckt man erst auf den zweiten Blick: in dem eigenwillig gestalteten B versteckt sich in der unteren »Punze« (dem »Loch« im Bauch des Buchstabens) die Silhouette eines Hauses. Das ist Logodesign, wie ich es liebe – intelligent, ästhetisch, schlicht, auf den Punkt gebracht, merkfähig – und irgendwie typisch schwedisch.

Image/Logo: © JSB Construction AB

Minst 10 skäl att resa till Sverige (3)

#03 Die vielen Seen

Kurz nach dem Verlassen der Autofähre im Hafen Göteborgs, während der Weiterfahrt Richtung Karlskrona, sagte ich noch bei der ersten Sichtung eines Sees am Wegesrand »Oh, guck mal – ein See!«. Ebenso beim nächsten und übernächsten. Danach wurde es dann müßig, denn wir fuhren alle Naselang an einem weiteren See vorüber – kleine Seen, große Seen, von Wald gesäumt, inmitten von Wiesen, mit großen Granitfindlingen am Ufer, mit Schilfgürtel, mit flachem sandigem Strand, klare Seen, trübgraugrüne Seen … Seen, Seen, Seen.

Will man die Anzahl der schwedischen Seen benennen, muss man zunächst definieren, ab welcher Fläche ein Gewässer als »See« gezählt werden soll. Nach wissenschaftlichen Schätzungen gibt es in Schweden 95.795 Gewässer mit einer Fläche von mehr als einem Hektar (10.000 m²). Lässt man alles bis 1.000 m² gelten, sind es sogar rund 227.000 Seen und bei einer Fläche von mindestens 100 m² kommt man auf beeindruckende ~520.000 Seen, obwohl dafür »Teich« vielleicht passender wäre.

Der mit rund 5.500 km² oder 772.983 Fußballfeldern größte schwedische See (und der größte in der EU) ist der Vänern, nordöstlich von Göteborg. Es folgen der Vättern bei Jänköping und der durch etliche Buchten und Inseln zerklüftete Mälaren bei Stockholm. Alle weiteren Seen in Schweden haben »nur noch« eine Fläche mit dreistelligen Quadratkilometern. Aber, wie es so schön heißt: es kommt nicht auf die Größe an. Ich habe schon mehrmals wunderschöne Wochen am Rottnensee (mit popeligen 32,5 km²) verbracht und der traumhaft schöne, einsame Waldsee, auf den ich dieses Jahr aus dem Ferienhaus blicke, hat auf Google Maps nicht einmal einen Namen.

Der Rottnensee bei Ormeshaga

Foto: © formschub