Kategorie: Von der Tageskarte

Kaum passiert, schon gebloggt

Schon wieder …

Das wird ja fast schon langweilig. Aber nur fast. Das Typographie-Portal Typographica hat letzte Woche retrospektiv seine Schriftfavoriten 2011 gekürt. Und unter den ausgewählten Fontschätzchen funkelt mich eines schon wieder ganz besonders verführerisch an: Dane.

Warum? Ratet mal. Der Name kommt sicher nicht von ungefähr, stammt doch die Kopenhagener Typefoundry PlayType selbst aus dem Mutterland des »Danish g«. Und somit wartet auch der lokalpatriotisch benannte, klare und unprätentiöse Font – neben zahlreichen feinen Details an seinen anderen Glyphen – wieder mit diesem ganz speziellen Formschmankerl am Minuskel-g auf. Eine dänische Helvetica, könnte man fast sagen. Von mir aus kann’s gern zum Trend werden, ich schwärme ja schon seit Jahren dafür.

Dane_Sample
Font sample via PlayType | Composing: © formschub

Fa(r)belhaft

Très chic. Der Videoteaser für die jüngste Ausgabe #26 des in Hamburg verlegten Lifestyle-, Design- und Kunstmagazins TUSH katapultiert die surreale »Jalousie-Optik« aus dem Grace-Jones-Video »Slave to the Rhythm« von Jean-Paul Goude aus den 80er Jahren perfekt ins 21. Jahrhundert. Hinterlegt ist der kühle Clip zum Thema Männerkosmetik mit dem Song »Disco Science« des Produzenten und Musikers Mirwais (Ahmadzaï), der mit seinem gebrochenen Elektroniksound 2000 und 2003 auch für den Stil der Madonna-Alben »Music« und »American Life« verantwortlich zeichnete. Die visuelle Umsetzung leitete der Fotograf Armin Morbach.

Foto-WWWerkzeugkasten für die Hosentasche

Das Knipsen und Hochladen kurioser oder bemerkenswerter Alltagsschnappschüsse mit dem Smartphone zu Twitter, Facebook, Google plus oder ins eigene Blog ist inzwischen längst ein Massenhobby. Meist entstehen solche Fotos unter mehr als ungünstigen Bedingungen: mit wenig Zeit auf dem Weg von A nach B, aus fahrenden Verkehrsmitteln oder im Gehen fotografiert, unter schlechten Lichtverhältnissen, mit wackeliger Hand, aus ungünstigen Perspektiven oder mit unschönen Reflexionen, Schatten oder Störungen im Bild. Vielen Postern ist das egal, sie belassen es dabei und laden ihre Motive einfach so hoch oder bügeln mit Instapaper einen fancy Stylingfilter drüber, der solcherlei kaschiert.

Ich als Grafik-Designer hab es gern ein bisschen hübscher und möchte meine Bilder meist – ohne sie zu verfälschen – ein bisschen optimieren. Um so erstaunter bin ich, dass es unter den hunderttausenden Apps fürs iPhone bislang noch keine einzige gibt, deren Bildbearbeitungsfunktionen speziell auf die Korrektur solcher »Unterwegsbilder« zugeschnitten ist. Insbesondere die folgenden Funktionen sind aus meiner Sicht dafür am nützlichsten:

  • Perspektivkorrektur
  • Weißabgleich für Fotos in farbigem oder künstlichem Licht
  • Scharfzeichnung und Rauschentfernung
  • Korrektur von Tonwerten und Kontrasten, selektiv für Tiefen, Mitteltöne und Lichter
  • Rote-Augen-Filter für Personenaufnahmen mit Blitzlicht
  • Einfacher Retuschestempel zum Beseitigen von störenden Details
  • Resizing von Fotos auf gängige kleinere Formate (z.B. 640 x 480 px oder 800 x 600 px)
  • Styling-Filter (z.B. für Schwarzweiß-, Sepia-, Retro- oder Polaroid-Optik
  • Direktes Sharing-Interface zu Twitter, Facebook und Co.

Da es meines Wissens (noch) keine einzelne App gibt, die all das elegant bündelt, habe ich mir im Apple AppStore ein kleines Set an Apps zusammengestellt, mit denen ich einzeln sehr zufrieden bin und die diese Funktionen zumindest separat zur Verfügung stellen. Hier meine Empfehlungen für den anspruchsvollen Hosentaschenreporter:

  • Camera+ ergänzt die implementierte Kamera-App des iPhone um einige interessante Funktionen wie einen Bildstabilistator gegen Verwackeln, einen Auslösetimer oder Serienaufnahmen.
  • Mit FrontView (inzwischen nicht mehr erhältlich) kann man problemlos die perspektivischen Verzerrungen, z.B. bei Fotos von Plakaten, Gebäuden oder Schildern korrigieren (siehe Foto unten), auch eventuelle Verzerrungen in den Seitenproportionen lassen sich anschließend mit einem Fingertipp eliminieren.
  • Photogene² (inzwischen nicht mehr erhältlich) ist das bisher mächtigste Smartphone-Tool zur nachträglichen Bildbearbeitung, das ich kenne. Die Möglichkeiten zum Optimieren und Korrigieren von Fotos direkt auf dem iPhone sind großartig, das Interface extrem intuitiv. Alle testweise vorgenommenen Bearbeitungen lassen sich rückgängig machen. Enthalten sind Tools zum Zuschneiden, Drehen, Einstellungen für Helligkeit, Kontrast, Weißabgleich, Farbton, Schärfen, Entrauschen, jede Menge Stylingfilter, Rahmen, Rote-Augen-Filter, Retuschestempel und sogar ein Textwerkzeug zum Einfügen von Beschriftungen in Fotos. Zum Export sind Schnittstellen zu Twitter, Facebook, Flickr, Dropbox und Picasa enthalten, ebenso zum Transfer via FTP und E-Mail. Grandios!
  • Mit der App TiltShiftGen (inzwischen nicht mehr erhältlich), die ich hier im Blog bereits früher schon einmal anpries, kann man selbstgeknipsten Panoramen und Stilleben den aus Werbekampagnen bekannten »Modellbauwelt-Effekt« hinzufügen. Auch das kann an sich unspektakuläre Fotos deutlich aufwerten.

Update:

  • Nicht unbedingt Bildbearbeitung, aber dennoch nützlich, wenn man lediglich den Text von einem Schild, Plakat oder Zettel posten möchte, ohne das geknipste Bild hochzuladen: Die Zeichenerkennungs-App Mobile OCR Pro (inzwischen nicht mehr erhältlich) macht diesen Job sehr anständig. Ich habe den aus freier Hand abgelichteten A4-Ausdruck eines Briefes (nach einer Kontrastverstärkung mit der obengenannten App Photogene²) damit verarbeiten lassen und musste gerade mal an drei Stellen den erkannten Text nachbessern. Die App stellt den Text nach Erkennung für die Zwischenablage zur Verfügung, so dass man sie einfach in Postings, Blogeinträge oder E-Mails einfügen kann. Ebenfalls eine Empfehlung!

Wie immer freue ich mich natürlich auf weitere App-Tipps zum Thema in den Kommentaren …

FrontView
Ein Screenshot der App »FrontView« (links) und das entzerrte Foto (rechts)

g-fällt mir!

Im Newsletterpostfach lag heute eine Nachricht zum Verlieben, meine Vorliebe für das sogenannte »Danish g« betreffend. Der neue Font »Ginga« der in Berlin lebenden Schriftgestalterin und Designerin Melle Diete entzückt nicht nur durch diese ganz besondere, frech gekappte Form des kleinen g, sondern durch viele weitere bezaubernd frische Buchstabenformen und -details. Das Fontmuster unten zeigt gerade mal 8 der insgesamt 15 Schriftstärken zwischen Ultra Light und Extra Black, die jeweils auch noch als Kursive (nicht abgebildet) erhältlich sind. Macht insgesamt 30 Familienmitglieder, die sich in allen zeitgemäßen Designprojekten zu Hause fühlen. g-nial!

Gingar_Font
Font Samples: via MyFonts

Beer outside the Box

Bei Getränken bin ich recht genügsam. Wasser gegen den Durst. Kaffee am Morgen, die eine oder andere Tasse tagsüber, manchmal eine zum Abendausklang. Gelegentlich Tee. »Softdrinks« nur ohne Zucker, lieber Grapefruit- oder zur Not Apfelschorle. Wein – lieber roten als weißen. Und Bier.

»Genügsam« heißt allerdings nicht »anspruchslos«. Es sind gerade diese einfachen Getränke, hinter denen sich eine schier unüberschaubare Vielfalt an Provenienzen, Sorten, Mischungen und Rezepturen verbirgt. Kalkiges Wasser, säuerliches, seifiges, metallisches. Kaffeesorten, Röstungen, Mahlgrade, Brühverfahren. Teesorten, Fermentationen, Pflückungen, Blends. Rebsorten, Böden, Jahrgänge, Cuvées. Biersorten, Hopfenpflanzen, Malzanteile, Getreide. Mir macht es großen Spaß, das alles zu schmecken, zu ergründen und zu bewerten.

Die Bierregale in Deutschland allerdings sind für mich größtenteils ein Grauen. Es gibt wenige Supermärkte, in denen über die anderthalb Dutzend geschmacklich rundgelutschter Standardbiere hinaus interessante Sorten oder Marken zu finden sind; meist muss man dafür schon (ausgewählte) Getränkemärkte aufsuchen. Und selbst, wenn man in speziellen »Bierparadiesen« endlich was Besonderes findet, sind bestenfalls die einheimischen Biere noch halbwegs bezahlbar. Bei Importbieren kostet die Flasche locker mal eben drei bis fünf Euro. Ich prangere das an.

Dass es auch anders geht, habe ich in Dänemark erfahren. Die Dänen scheinen nicht nur einen ausgesprochen guten Geschmack für exzellente Biere zu haben, sie brauen auch selbst hervorragende Sorten und bieten in jedem größeren Supermarkt ein Sortiment an nationalen und internationalen Bieren zu bezahlbaren Preisen an (1,50 bis 2,00 Euro pro Flasche) – aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Belgien oder Großbritannien. Warum das in einem so vergleichsweise dünn besiedelten Land mit seiner viel ländlicheren Infrastruktur geht und bei uns nicht, ist mir ein Rätsel.

Beim Einkauf in einem dieser Supermärkte während des jüngsten Jahreswechselurlaubs stieß ich nun auf eine junge schottische (!) Biermarke, deren Produkte mich absolut überzeugten. Die frech benannten und gelabelten Biere – sie heißen »Trashy Blonde«, »Hello My Name is Ingrid«, »Sink the Bismarck« oder »There Is No Santa« – werden von der Brauerei BrewDog in Fraserburgh, 65 km nördlich von Aberdeen an der Ostküste Schottlands, ausschließlich aus feinsten natürlichen Zutaten und ohne künstliche Zusätze gebraut. Als die beiden Gründer, James Watt und Martin Dickie, 2006 ihr Bier-Startup aus der Taufe hoben, waren sie beide gerade 24 und hatten die Nase voll von dem Trend zu immer weichgespülteren, langweiligen, minderwertigen oder mit Süßstoff, Zucker und Aromastoffen versetzten Industriebieren. Im April 2007 verließen die ersten selbstbefüllten Flaschen die Fabrik der beiden Braupioniere. Und was sie da fabrizieren, schmeckt absolut fantastisch. Ich habe aus Dänemark einen kompletten Kasten, fast ausschließlich mit meinem derzeitigen Lieblingsbier »Punk IPA«, importiert.

Auf den Etiketten verkündet BrewDog den eigenen Anspruch und die damit verbundene Mission – provokant und selbstbewusst:

You probably don’t know about beer.
You don’t understand beer. You don’t know what good beer is or how truly pathetic mass-market beers are. This is condemningly ironic considering how much beer we drink in the UK.
Would you apply the same lack of care, knowledge and passion in other areas of your life?
What does this say about you?
Maybe you want to define yourself with bland, tasteless lowest common denominator beer.
We won’t have any part of it.
It’s not all your fault. Constrained by lack of choice. Seduced by the monolithic brewers huge advertising budgets. Brain-washed by vindictive lies perpetrated with the veracity of pseudo-propaganda. You can’t help being sucked down the rabbit hole.
At BrewDog we are on a mission to open as many people’s eyes as possible.
The UK beer scene is sick.
And we are the doctor.

(Etikettentext »Trashy Blonde«)

This is not a lowest common denominator beer.
This is an aggressive beer.
We don’t care if you don’t like it.
We do not merely aspire to the proclaimed heady heights of conformity through neutrality and blandness.
It is quite doubtful that you have the taste or sophistication to appreciate the depth, character and quality of this premium craft brewed beer.
You probably don’t even care that this rebellious little beer contains no preservatives or additives and uses only the finest fresh natural ingredients.
Just go back to drinking your mass marketed, bland, cheaply made watered down lager and close the door behind you.

(Etikettentext »Punk IPA«)

Ich unterschreibe das.

(Bezugsquellenangaben für die Großräume Hamburg und Berlin in den Kommentaren sind mehr als willkommen. Mein Vorrat wird nicht lange reichen …)

BrewDog_Box
Foto: © formschub