Kategorie: Von der Tageskarte

Kaum passiert, schon gebloggt

Radbericht (I)

Im Sommer 2019 hatte ich mir mein erstes E-Bike gekauft. Ich war schon zuvor im Jahr 2014 auf die niederländische Firma VanMoof aufmerksam geworden, als ich nach einem schick designten »normalen« Fahrrad suchte und mir seinerzeit das Modell M2 zulegte (Edit: VanMoof kämpft offenbar seit Ende Juni gegen seine Insolvenz, siehe Updates am Ende dieses Beitrags). 2017 brachte das Unternehmen dann sein erstes elektrisch angetriebenes Rad (VanMoof Electrified S1) auf den Markt und nahm die »manuellen« Modelle nachfolgend aus dem Sortiment. Anfang 2019 bewarb VanMoof dann die elektrischen Nachfolgemodelle Electrified S2 und X2 und köderte Neukunden mit einem »Early Bird Offer«, der das größere Modell S2 zum Sonderpreis von 2.598 EUR anbot (der UVP betrug stattliche 3.398 EUR). Die Optik überzeugte mich, die in den Folgemonaten veröffentlichten Testberichte waren geradezu überschwenglich – und so griff ich zu. Knapp 8 Wochen musste ich warten, dann wurde das elektrifizierte Objekt der Begierde geliefert und ich durfte es »unboxen«.

Das VanMoof Electrified S2, frisch aus dem Karton (24. Juli 2019)

Ich bin eher ein »Schönwetterradler«, da ich in Hamburg als autoloser Verkehrsteilnehmer auch problemlos bei Regen, Schnee und Sturm mit dem ÖPNV an meine Ziele komme. Dennoch bin ich das Rad in den vergangenen 4 Jahren gut 2.700 km gefahren und habe in dieser Zeit genug Gelegenheit gehabt, die Vorteile und Nachteile, die es aus meiner Sicht hat, zu erkennen und zu beurteilen.

Das schicke Design gehört zweifellos zu den Vorteilen. Zu Beginn war die Marke VanMoof in Deutschland noch nicht allzu bekannt und so wurde ich mehr als einmal an der roten Ampel auf das Rad angesprochen. Ein weiteres hochgeschätztes Feature war für mich stets der sogenannte »Boost-Button« am rechten Lenkergriff. Man kann zwar den Grad der Motor-Unterstützung aus 5 Stufen wählen (0 bis 4), aber sowie man den Boost-Button gedrückt hält, schaltet der Motor für die Dauer des Knopfdrucks die volle Motorleistung dazu. Das verbraucht zwar bei häufiger Nutzung spürbar mehr Akku, aber es ist eine Freude an Steigungen, beim Start an der Ampel oder beim Überholen. Das im Oberrohr integrierte LED-Display zeigt u.a. Ladezustand, Motorstufe und Geschwindigkeit an und ist auch bei hellem Tageslicht gut ablesbar. Die breiten Reifen haben einen guten Grip, der Sattel ist auch während längerer Fahrten komfortabel und die Bedienung des Rades ist insgesamt recht intuitiv. Ein weiterer Pluspunkt ist die Möglichkeit, das Rad mit einem integrierten Bolzenschloss an der Nabe zu verriegeln und elektronisch zu entsperren. Auch der laute, fauchend-elektronische Warnton, den das Rad von sich gibt, wenn es in abgesperrtem Zustand bewegt wird, ist eindrucksvoll. Im Rad ist eine SIM-Karte eingesetzt, die es ermöglicht, es bei Verlust oder Diebstahl per GPS zu orten, die Lokalisierungsfunktion ist in die App integriert. Eine coole Idee, die mich ebenfalls überzeugte.

So mittelgut fand ich nach einiger Zeit, dass das Rad zwar zusätzlich zur Motor-Unterstützung zwei mechanische Gänge anbietet, die nicht per Schalthebel, sondern per »Automatik« gesteuert werden. Das hat oft nicht so gut geklappt. Die Gänge schalteten nicht rechtzeitig oder mit einem hörbar lauten »Ruck« und zwei Gänge fühlten sich auch nach etlichen gefahrenen Kilometern mit der Zeit etwas wenig an. Im Lieferumfang des Rades ist kein Gepäckträger enthalten, den musste ich für 59 EUR hinzukaufen. Die elektronische Klingel ist zwar ausgesprochen laut, aber der sonderbare Klingelton, der an die Glocke eines Eiswagens erinnert, klingt so wenig »nach Fahrrad«, dass Passanten das Geräusch oft gar nicht mit mir als herannahendem Radfahrer assoziierten und trotzdem weiter auf dem Radweg umherliefen. Auch hier musste ich mir eine »manuelle« Klingel hinzukaufen und montieren, mit der dies dann wesentlich besser funktionierte. Die Integration der App war im Großen und Ganzen okay, aber es gab doch häufiger mal Hänger, Verbindungsprobleme und später mit steigender Versionsnummer auch Funktionen, die mit meinem S2-Modell nicht (mehr) so gut funktionierten wie zu Beginn. Offenbar hatte VanMoof die App mit dem Erscheinen der Nachfolgemodelle Electrified S3 und X3 und wiederum deren Nachfolgemodellen zwar aktualisiert, aber dabei die Besitzer der älteren Modelle (vorsätzlich oder fahrlässig) aus dem Fokus verloren. Mehr als einmal kam ich mir »abgehängt« vor, wenn nach einem App-Update Dinge, die vorher klappten, nicht mehr (so gut) funktionierten. Das betraf insbesondere die Fahrten-Aufzeichnungsfunktion und die Einrichtung des Entsperrens des abgeschlossenen Fahrrads mit einem »Tasten-Morsecode«, was als Ausweichmöglichkeit dienen sollte, wenn die App oder das Smartphone mal nicht verfügbar sind. Alles zwar nur kleinere Wermutstropfen, aber in Summe dann doch etwas betrüblich.

Kommen wir zu den Nachteilen. Das hohe Gewicht des Rades war für mich einer davon und er hängt mit einem zweiten zusammen. Denn der Akku im Electrified S2 ist nicht zum Laden entnehmbar, das Rad muss also stets dort aufgeladen werden, wo es bei Nichtbenutzung abgestellt wird. Das führte in meinem Fall dazu, dass ich das Rad seit der Anschaffung bei mir im Wohnzimmer abgestellt habe und es somit jedes Mal durchs Treppenhaus in meine Wohnung im 1. Stock schleppen musste. Insbesondere nach Fahrten bei nassem Wetter war das zusätzlich lästig, denn die verschmutzten und feuchten Reifen wollten zuvor entweder gereinigt oder mit einer Unterlage versehen werden, um den Fußboden in der Wohnung nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Gut, man könnte sagen, das hätte ich mir auch vor dem Kauf überlegen können, aber unpraktisch ist es im Gebrauch dann halt doch.
Die Bremsen waren aus meiner Sicht ein weiterer Nachteil. Warum VanMoof für ein so schweres Rad, das bis zu 25 km/h schnell fahren kann, nur mechanische statt hydraulischer Handbremsen verbaut hat, ist nach einigen stärkeren Bremsmanövern verwunderlich. Auch bei der Beleuchtung stellten sich zwei Dinge als nicht wirklich gut durchdacht heraus: sie ist erstens ausschließlich per App ein- und ausschaltbar. Es gibt zwar einen »Automatik«-Modus, aber der wurde trotz einsetzender Dunkelheit bei Unwetter oder Dämmerung nicht immer zuverlässig aktiviert, so dass man unterwegs das Smartphone rauskramen und das Licht manuell einschalten musste. Und zweitens wurde beim Rücklicht leider die Sicherheit dem Design geopfert, finde ich. Das sehr hoch in der Querstange verbaute Rücklicht kann durch eine lange Winterjacke oder die Beladung auf dem Gepäckträger abgedeckt werden, weshalb ich mir am Heck-Schutzblech einen zusätzlichen roten Reflektor anbrachte.

Nach vier Jahren beschloss ich also, Ausschau nach einem neuen E-Bike zu halten, das möglichst alle Vorteile des »alten« Rades bewahrte und gleichzeitig alle Nachteile ausmerzen konnte – und das vorzugsweise zu einem bezahlbaren Preis. Gut drei Monate recherchierte ich Anfang 2023 und hatte am Ende drei Modelle in der engeren Wahl:

  • Das Smafo E-Bike von einem Hersteller, der in Paderborn gegründet wurde (1.799 – 2.099 EUR)
  • Das Smart Urban von Econic One, einem Anbieter mit Hauptsitz in Bulgarien (2.499 EUR)
  • Das LEMMO One von einem Startup aus Berlin (1.090 – 1.990 EUR)

Nach etlichen Vergleichen und der Lektüre von Testberichten entschied ich mich dann für das LEMMO One. Es hatte aus meiner Sicht die meisten Vorteile, die vor dem Kauf für mich entscheidend waren:

  • Das wirklich gelungene Design und die ansprechende Farbe
  • Das modulare Preiskonzept: Das »manuelle« Rad kostet nur 1.099 EUR, es hat zwar den Motor bereits eingebaut, ist aber ohne das optionale »SmartPac«-Modul (Akku & Elektronik) nicht als E-Bike nutzbar
  • Im SmartPac ist auch die gesamte Steuerelektronik enthalten – entnimmt man es, ist das Rad ein 3 kg leichteres »normales« Fahrrad. Man kann das SmartPac sowohl für 900 EUR kaufen als auch 12 Monate lang für 35 EUR/Mon. mieten. Sollte dann während der Mietdauer ein Defekt auftreten oder eine neue Generation des SmartPacs herausgebracht werden, kann es getauscht werden. Und falls alle Stricke reißen und die Herstellerfirma (wie schon so manches Startup) pleite geht, hat man immer noch ein herkömmliches funktionierendes Rad
  • Das SmartPac ist einfach und mit einem kräftigen Knopfdruck ohne Schlüssel entnehmbar, es kann in eingesetztem Zustand zusätzlich per App am Rahmen sicher verriegelt werden. Man kann das entnommene SmartPac zudem auch per USB-Verbindung als Ladegerät z.B. für ein Handy, Tablet oder Laptop nutzen!
  • Das »Hybrid«-Konzept des Bikes, das auch dann funktioniert, wenn man ein SmartPac erworben hat: Der Motor in der Hinterradnabe lässt sich mit einem einfachen Mechanismus auskoppeln und dann ist das Rad auch ohne Akku wie ein manuelles Rad nutzbar, ohne dass ggf. die Reibung im ungenutzten Motor es bremst
  • Das Rad hat eine 10-Gang-Shimano-Kettenschaltung
  • Hydraulische Bremsen am Vorder- und Hinterrad
  • GPS-Tracking und Ortungsfunktion – die Sensoren dafür befinden sich im SmartPac; zur Routenaufzeichnung nutzt das Bike lediglich die GPS-Positionsdaten des Smartphones, so dass dies auch auf Fahrten ohne montiertes SmartPac funktioniert
  • Das Frontlicht ist bei Bedarf entnehmbar und z.B. bei Reparaturen als »Notlicht« einsetzbar, es enthält einen Akku
  • Elektronisches Bolzenschloss mit Bewegungssensor und hellem Alarmton, diese Features funktionieren auch ohne das SmartPac, da im Rad ein zweiter kleinerer Akku für solche Betriebselektronik verbaut ist (ich vermute, es ist der Akku im Frontlicht)
  • Das Rücklicht ist tief am Gepäckträger angebracht, es hat einen Bewegungssensor und funktioniert daher auch als Bremslicht
  • Das Rad hat einen ähnlichen »Power Boost Button« am Lenker wie das VanMoof
  • Die Beleuchtung lässt sich einfach über einen Knopf am Lenker ein- und ausschalten (oder auch über die App)
  • Das LCD-Display im Oberrohr ist vielseitiger und detaillierter als beim VanMoof
  • Die Reifen haben von sich aus einen reflektierenden weißen Ring (im Gegensatz zum VanMoof)
  • »Die modularen Komponenten des LEMMO One vereinfachen die Wartung, da keine komplizierten elektrischen Teile in den Rahmen integriert wurden.« (Zitat des Herstellers)
  • »Die meisten der im LEMMO One verwendeten Teile sind Standardteile und in den meisten Werkstätten leicht erhältlich, was eine einfache Austauschbarkeit und bequeme Aufrüstung ermöglicht.« (Zitat des Herstellers)

Zum Zeitpunkt der Markteinführung des Rades im März 2023 war das Rad ausschließlich im LEMMO Headquarter in Berlin erhältlich, kurze Zeit später wurde es in Deutschland per Mailorder verfügbar. Aufgrund einer Aktion erhielt ich durch meine Registrierung für den LEMMO Newsletter 99 EUR Rabatt, zusätzlich wurden die Speditionskosten von 79 EUR erlassen und ich entschloss mich, das SmartPac in der Mietvariante zu erwerben.

Am Tag meiner Bestellung am 28. April 2023 war die Lieferfrist auf der Website mit 6 Wochen angegeben, es hätte also etwa Mitte Juni bei mir ankommen müssen. Und ungeachtet meines größtenteils positiven Fahrberichts (der noch folgt), möchte ich zuvor die größte Schwäche des Anbieters bzw. seiner verbundenen Dienstleister nicht unerwähnt lassen: die Kommunikation.

Als das Rad am 19. Juni noch nicht eingetroffen war, also gut siebeneinhalb Wochen nach Bestellung und ohne dass mich irgendeine Benachrichtigung des Anbieters erreicht hätte, schrieb ich eine E-Mail an die Adresse des Kundenservice. Nur wenige Stunden später erhielt ich einen Anruf von einer Servicemitarbeiterin, die mich informierte, dass sie versucht habe, mich einige Tage zuvor anzurufen, um mich über die Lieferverzögerung zu informieren. Ich hatte tatsächlich am 12. Juni einen verpassten Anruf von einer unbekannten Mobilnummer ohne Sprachnachricht erhalten (womöglich war es der erwähnte), aber in der Woche danach gab es weder einen erneuten Anrufversuch noch eine alternative Nachricht per Mail. Immerhin wurde mir nun am Telefon die Lieferung »bis spätestens 15. Juli« zugesagt – das wären 11 statt 6 Wochen nach meiner Bestellung.

Doch bereits am 04. Juli erhielt ich eine automatische Versandnachricht mit einer Trackingnummer für den Speditionsservice »GEL Express Logistik«, die jedoch zunächst, wie häufiger nach der ersten elektronischen Erfassung, noch nicht funktionierte. Am 06. Juli war in der Sendungsverfolgung zu erkennen, dass das Rad auf dem Weg war (»Sendung wird abgeholt«). Einen Tag später passierte die Sendung dann nacheinander zwei Logistik-Center in Werl und Kassel und traf am 10. Juli in einem vermutlich nahegelegenen »Zustelldepot« (ohne Ortsangabe) ein. Der nächste Schritt sollte laut Tracking eine »SMS-Avisierung« sein. Ich wartete. Am Abend erreichte mich folgende SMS:

Keine Anrede, keine Trackingnummer, kein Absender. Ich vermutete zwar vage, dass dies die Zustellbenachrichtigung für das Rad sein könnte, aber genauso gut könnte es SPAM sein.

Am nächsten Tag gegen 10:00 Uhr klingelte es an der Tür. Vor dem Haus stand ein Lieferwagen, aus dem der Versandkarton mit dem Rad entladen wurde. Man bat mich, mit dem Finger auf einem Tablet zu unterschreiben, was recht gut funktionierte. Fun Fact jedoch: Der »Kringel«, der auf dem elektronischen Lieferbeleg zu sehen ist, das mir danach per Download zugänglich gemacht wurde, stimmt null mit meiner geleisteten »Unterschrift« überein. Aber Name, Anschrift und die Uhrzeit der Zustellung stimmen immerhin.

Es ist schade, dass nach der Bestellung so eklatante Kommunikationsfehler auftraten. Viele Startups sind von ihrem Produkt so begeistert und so eingenommen – oft ja auch zu recht –, dass sie vergessen oder nicht begreifen, dass der Kaufprozess, die Bestellabwicklung, die »proaktive« Kommunikation ebenso ein Teil des Produktes sind wie die »Hardware«. Das muss (und sollte) auch LEMMO noch lernen, finde ich.

Und den Bericht zum »Unboxing« nach der Lieferung und zu meinen ersten beiden Fahrten verblogge ich dann in Kürze im nächsten Blogbeitrag. 🙂


Update 12. Juli 2023: Inzwischen sind von VanMoof die Modelle S4 und X4 in interessanten neuen Farben und mit neuen modernen Features, aber m.E. weiterhin mit den meisten der o.g. Nachteile, auf dem Markt. Heute nun las ich jedoch beunruhigende Berichte von einer möglichen Schieflage des Unternehmens (es ist offenbar nicht die erste) und nun bange ich ein wenig, ob und zu welchem Preis ich mein VanMoof noch gebraucht verkaufen können werde. Denn ohne eine gepflegte und funktionierende App durch den Hersteller sind viele E-Bikes gemeinhin nicht mehr oder nicht unbegrenzt lange benutzbar.

Update 13. Juli 2023: Es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Unternehmen VanMoof ernsthaft von einer Insolvenz bedroht ist. Ladenfilialen in Amsterdam und Rotterdam wurden kurzfristig geschlossen, die Annahme von Bestellungen gestoppt und Insolvenzverwalter nach niederländischem Recht bestellt. Aktuelle Artikel dazu finden sich u.a. bei The Verge und im Portal Silicon Canals.
Via Mastodon wurde ich zudem auf die Seite VanMoof Encryption Key Exporter aufmerksam. Hier kann man per Eingabe der Login-Daten seines VanMoof-Kundenaccounts wichtige Daten des Rades exportieren (ausgenommen die neuesten Modelle S5/X5). Zitat: »The idea behind this site is, that you can import this bike data into future 3rd party apps in order to connect to your bike.«. Der Code ist Open Source bei GitHub einsehbar.

I’m still standing

Der Deutsche liebt sein Automobil. Es bietet ihm Unabhängigkeit, Freiheit und modernes Lebensgefühl. Und glücklicherweise ist die prototypische und zukunftsgerichtete deutsche Stadt auch perfekt auf das Auto zugeschnitten. Mehrspurige, breite Straßen, unzählige Ampeln, tausende Verkehrsschilder, geräumige Kreuzungen, großzügige Brücken, üppige Unterführungen, gut ausgebaute Tunnel und ausgedehnte Stadtautobahnen machen aus Deutschlands Städten und Metropolen pulsierende Zentren urbaner automobiler Kultur. Reichlich verfügbarer gebührenpflichtiger sowie kostenloser Parkraum rundet das Angebot für Pkw-Nutzer ab – und wem das nicht reicht, der kann erfinderisch werden, denn für den findigen Automobilisten bieten sich darüber hinaus Dutzende weiterer Gelegenheiten auf Gehwegen, Radstreifen, in Einfahrten, Feuerwehrzufahrten und Ladezonen, um den geliebten Pkw abzustellen.

Diese Möglichkeiten zum Abstellen des Autos sind in unseren dicht besiedelten Städten essenziell. Denn ein Pkw steht pro Tag im Schnitt 23 von 24 Stunden ungenutzt herum. Genau dieses Missverhältnis aber bereitet vielen Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, in Zeiten steigender Preise und grassierender Inflation große Sorgen. Sie müssen Kredite für die Anschaffung des Wagens aufnehmen oder hohe Leasingraten bezahlen. Die Kaufpreise für Neu- und Gebrauchtwagen steigen kontinuierlich. Kostete etwa ein VW Golf I im Jahr 1974 noch rund 8.000,– DM, werden inzwischen für einen Golf VIII schon fast 30.000,– € fällig. Doch nicht alles an diesem Preisanstieg kann der reinen Teuerung angelastet werden, denn die Fahrzeuge wurden auch über alle Klassen hinweg seit Jahrzehnten immer größer, leistungsstärker, komfortabler und sicherer: bessere Motoren, hochwertigere Ausstattung, komplexe Elektronik und Produktionsqualität »made in Germany« haben eben ihren Preis. Dazu kommen noch die Betriebskosten – sei es für Wartung und Reparatur, Spritkosten, Versicherung, Mitgliedschaft im Automobilclub, Reifenwechsel oder Zubehörteile.

Davon sind inzwischen zahlreiche Menschen überfordert. Sie sehen es weder ein noch können sie es finanziell stemmen, sich ein kraftvoll motorisiertes, fahrbereites, zeitgemäßes und sicheres Fahrzeug anzuschaffen, nur um es dann den Großteil des Tages am Straßenrand oder in der Garage herumstehen zu lassen. Doch nun verspricht ein großer deutscher Autokonzern Abhilfe. Gemeinsam mit Markt- und Trendforschern, Designern, Ingenieuren und Technikern wurde jetzt ein innovatives, zukunftsweisendes Konzept entwickelt, das großes Einsparpotenzial für alle Autofreunde birgt, die mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis bisheriger Pkw hadern oder an der Finanzierung zu knabbern haben: Das »Nownomobil« kommt!

Was ist das? Nun, es ist ein modern und komfortabel ausgestattetes Auto normaler Pkw-Größe, bei dem konsequent auf alle technischen Komponenten verzichtet wurde, die es während der statistisch zu erwartenden Standzeit auf seiner zugewiesenen Parkfläche schlicht nicht benötigt. Bei einem Nownomobil stellen sich beispielsweise von Anfang an nicht die Fragen »Diesel oder Benziner?«, »Verbrenner, Hybrid oder Elektro?«, denn es besitzt weder Motor, Tank oder Getriebe noch Räder, Reifen oder einen Airbag. Im Innenraum konnte durch den Verzicht auf Lenkrad, Rückspiegel und Armaturenbrett ein angenehm geräumiges und komfortables Ambiente geschaffen werden. Bei der Innenausstattung wurde an nichts gespart: je nach Ausstattung sind bequeme und ergonomische Sitze für zwei bis sechs Passagiere, wahlweise bezogen mit weichem Leder oder pflegeleichtem Stoff, erhältlich. Die leistungsfähige Klimatisierung sorgt auch beim Stand während heißer Sommer für angenehme Temperaturen und an kalten Wintertagen für wohlige Wärme. Alle Seitenfenster sind motorgesteuert versenkbar, so dass auch ein frischer Luftzug jederzeit hereinströmen darf. An trüben Tagen oder nachts kann eine angenehme indirekte Beleuchtung aktiviert werden, es gibt lichtstarke, auf die Sitzplätze fokussierte LED-Leseleuchten und das moderne Multimedia-Entertainmentsystem bietet allen Insassen einen Audio- und Videogenuss der Spitzenklasse – denn da der Wagen ohnehin steht und es auch keinen klassischen »Fahrer« gibt, können alle bedenkenlos jederzeit aufs Display schauen! Die Stromversorgung des Nownomobil wird entweder durch einen tragbaren Akku in einem leicht zu entnehmenden Gehäuse oder, in der heimischen Garage, durch einen Kabelanschluss an eine haushaltsübliche Schukosteckdose gewährleistet. Im geräumigen Kofferraum ist genug Platz für Proviant, Spiele und anderes Gepäck und im optional temperierbaren Handschuhfach lassen sich etliche kleinere Gegenstände für den spontanen Bedarf verstauen.

Auch von außen kann sich das Nownomobil sehen lassen: die stromlinienförmige Formgebung und die großflächigen Panoramafenster vermitteln Eleganz, Hochwertigkeit und Prestige. So muss sich der abgestellte elegante Schlitten nicht im geringsten neben seinen daneben geparkten rollenden Konkurrenten verstecken. In der Palette von insgesamt elf erhältlichen Lackierungen, davon sieben geschmackvolle Basistöne und vier trendstarke Effektfarben, ist für jeden Autofreund von Klassik bis Avantgarde etwas dabei.

Das beste ist jedoch der Preis: Durch den konsequenten Verzicht auf alle sonst für »Mobilität« verschwendeten Komponenten beginnt der UVP für das Nownomobil bereits bei sagenhaften 6.500,– EUR. Die Luxusvariante mit extra Kofferraumvolumen und motorisch bedienbarem Sonnendach schlägt mit knapp 11.000,– EUR zu Buche. Der Hersteller verspricht sich von seinem Vorstoß in diese Marktlücke einen echten Erfolg bei kostenbewussten Autokunden. Auf Wunsch kann der geplante Stellplatz für das Nownomobil bereits bei der Bestellung angegeben werden und bei Auslieferung erfolgen dann Transport und Abladung direkt bis zur gewünschten Parkfläche. In wenigen Tagen soll bundesweit ein Werbespot auf allen medialen Kanälen die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer wecken. Als Kampagnen-Soundtrack fungiert ein Klassiker im neuen Gewand: »I’m still standing«, 1983 geschrieben von Elton John und nun eigens als zeitgemäße Cover-Aufnahme komplett neu produziert und stimmgewaltig ins Jahr 2023 katapultiert von Sarah Connor.

Die ersten 3.000 Käufer erhalten im Rahmen einer Marketingaktion zur Einführung des wegweisenden neuen Produkts für 24 Monate ein »Deutschlandticket« gratis.

Denn eine Stunde am Tag will man ja schließlich ab und zu doch mal irgendwohin.

Das futuristische Design des Nownomobils lässt das Herz jedes Autoliebhabers höher schlagen.
Vielen Dank an den K.I.-Bildgenerator »Midjourney« für die Visualisierungsmöglichkeit.
Idee und Bild: formschub.de

Technologieoffenh🥚t

Auch beim Öffnen gekochter Frühstückseier fordern wir Technologieoffenheit. Keinesfalls dürfen die Bürger und Bürgerinnen an deutschen Frühstückstischen bevormundet werden. Neben dem Aufklopfen mit Kaffee-/Teelöffeln, dem Köpfen mit dem Messer und der Nutzung spezieller mechanischer »Eierköpfer« sollen auch folgende weitere Optionen ausdrücklich erlaubt sein, um den Standort Deutschland eiertechnisch zukunftssicher zu halten und in einer globalisierten Gesellschaft international nicht abzuhängen:

  • Aufschießen mit (registrierten!) Gewehren und Handfeuerwaffen (nur unter Einhaltung der Mittags- und Nachtruhezeiten!)
  • Zerteilen mit Säbeln, Macheten und Schwertern (angemessenen Sicherheitsabstand bei Tisch beachten!)
  • Verwendung leistungsstarker Laser und Lichtschwerter, explizit auch im Rahmen der Bewegungssteuerung dieser Werkzeuge mittels Roboterarmen
  • Anwendung von Wasserstrahlschneidern
  • Nutzung von Laub-, Baum-, Metall- und anderen Handsägen sowie Kreis-, Motor- und Kettensägen, Trennschleifern und ähnlichen gezahnten Werkzeug-Schneidmaschinen (Gehörschutz tragen!)
  • Das Herausbeamen des essbaren Anteils aus der Schale mittels eines Transporterstrahls
  • Auflösen der Kalkschale in hinreichend starken Säurebädern (Handschuhe! Schutzbrille!)
  • Einbringen des gekochten Eies in natürliche oder künstliche Gravitationssingularitäten (»Schwarze Löcher«). Jenseits des Ereignishorizonts ist mit einer selbsttätigen Freisetzung des verzehrbaren Eiinneren zu rechnen
  • Züchtung gentechnisch veränderter Hühnerrassen, deren Eier bereits im Inneren des Nutztieres auf natürlichem Wege mit werkzeuglosen Öffnungsmechanismen versehen werden (z.B. Zip-Verschluss, Sollbruchnähte, Reißverschlüsse, Ring-, Laschen- und Zugfaden-Öffnungsmechanismen)

Diese Liste ist ausdrücklich nicht als abgeschlossen anzusehen. Wir freuen uns auf die vielfältigen Eizugriffsinnovationen, die in den künftigen Jahren durch mutige Investoren und kreative deutsche Start-ups auf den Markt drängen werden.
Guten Appetit!

Ihre FDP.

Bild erzeugt mit Adobe Firefly (Beta)

Eine Woche in Stralsund

Seit einigen Jahren hat sich in der jährlichen Reiseplanung des hiesigen »Haushalts« eine schöne Gepflogenheit herausgebildet: Schon seit 2016 zog es uns bisweilen Anfang/Mitte Juni nach Stralsund, um einzelnen Konzerten der »Greifswalder Bachwoche« beizuwohnen (Mit übrigens wirklich interessanten Ideen abseits des klassischen Mainstreams, in diesem Jahr z.B. ein Konzert mit Synthesizer und Theremin in einer Dorfkirche [S. 29 im PDF des Programmhefts] und eine Aufführung mit Breakdance zu Bachs »Wohltemperiertem Klavier« [S. 55 im PDF des Programmhefts]! Beides passte aber leider nicht mehr in die diesjährige Unternehmungsplanung.). Nachdem der Mann und ich im Juni 2019 dann hier in der Nähe auf einem Aussichtsturm standesamtlich geheiratet haben, kommen wir nach Möglichkeit jedes Jahr her, um neben dem Musikgenuss diesen Jahrestag zu feiern – und Geburtstag hat der Mann einen Tag zuvor auch noch.

Dieses Jahr war es wieder soweit. Eine Woche Stralsund bei schönem, wenn auch für die Natur deutlich zu trockenen Wetter und viel Zeit für Wanderungen, Ausflüge und Schlemmereien in der Umgebung der Hansestadt und auf Rügen.

Am Samstag reisten wir an und holten abends noch die vorher reservierten Fahrräder ab. Das Rad ist zu dieser Jahreszeit und angesichts vieler sehr gut ausgebauter Radrouten in der Gegend die absolut beste Art, sich fortzubewegen. Am Abend machten wir dann nur einen kleinen Ausflug an den Hafen, um dort – nach einem Bier-Aperitif im Braugasthaus »Dolden Mädel« – im italienischen Restaurant »Bellini« das Abendessen zu genießen. Ich freute mich, als ich eine Vorspeise, die ich noch aus dem letzten Jahr kannte, immer noch auf der Karte wiederfand: eine Cremige kühle Burrata mit einem warmen Cherrytomaten-Vanille-Ragout. Das hatte mir 2022 so gut geschmeckt, dass ich schon letztes Jahr das Gericht in »Kitchen Impossible«-Manier versucht habe, daheim nachzukochen. Sehr gelungen, wie ich finde, das Rezept steht auch hier im Blog.

Am Sonntag nach dem späten Frühstück holten wir unsere damalige Trauzeugin vom Bahnhof in Stralsund ab, sie ist Musikerin und sollte am Montag das Eröffnungskonzert der Bachwoche spielen. Nachmittags, während sie noch einmal fleißig übte, machten wir zu zweit eine kleine lokale Wanderung (mit einigen Sackgassen, die im Widerspruch zum Wegenetz der zuvor geplanten Komoot-Wanderroute standen) und probierten am Abend gemeinsam das im Netz zwar gut bewertete, aber im Vergleich mit bisher erlebten Highlights eher durchschnittliche orientalische Lokal »Shammaas Küche« aus. Schmeckte alles gut, aber reichte nicht an z.B. Shady (Leipzig), Qadmous (Berlin) oder Fardi (Hamburg) heran.

Am Montag musste ich vormittags einige Stunden im »Ostsee-Homeoffice« arbeiten, während sich am frühen Nachmittag Künstlerin und Mann schon zum Konzertort aufmachten. Ich fuhr, nach einigen Besorgungen in der Stralsunder Innenstadt, mit dem Zug hinterher (»Praise the Lord for the 49-Euro-Ticket!«) um ebenfalls das zarte, schöne Konzert zu genießen. Nach dem Konzert und der Rückfahrt in die Unterkunft, eine hübsche private Ferienwohnung nahe am Wasser des Sunds, ließen wir uns dann abends zu dritt Bier und Dinner im »Dolden Mädel« schmecken.

Am Dienstag mussten wir uns schon wieder von der Musikerfreundin verabschieden (Termine, Termine …). Für den Nachmittag war dann tatsächlich mal wieder eine etwas längere Wanderung (Komoot-Link) angesetzt: Vom Parkplatz der Rügener Insel-Brauerei (nicht ohne Hintergedanke der Ausgangspunkt der Tour) wanderten wir im Bogen über den kleinen Ort Grabitz bis an die Küste zum Kubitzer Bodden und im Bogen wieder zurück zur Brauerei, wo uns eine hopfige Erfrischung belohnte. Aus Geburtstagsgründen war die Einkehr zum Abendessen heute deutlich feiner: im Restaurant »Zum Scheele« des Stralsunder Hotels Scheelehof genossen wir köstliche »Sterneküche ohne Sterne«, denn der Koch des Lokals hat dem Stress der Verteidigung seiner früheren Sterne entsagt und kocht nun einfach genausogut und ohne diese Auszeichnung weiter. So schmeckt Work-Life-Balance!

Am Mittwoch wollten wir dann mal die Räder so richtig ausnutzen und so plante der Mann eine Tour, die wir im Sattel sitzend zurücklegen konnten. Es begann am Stralsunder Fährhafen, von wo wir mit den Rädern nach Altefähr auf Rügen übersetzten und dann ab dort einer schönen 28 km langen Rundroute folgten (Komoot-Link). Nach einer Zwischenstation bei der Insel-Brauerei (schon wieder!), wo im benachbarten Hofladen frischer Räucherfisch fürs Abendessen – das heute mal in der Unterkunft serviert werden sollte – besorgt wurde, radelten wir weiter, vervollständigten die Verpflegung mit Möhren und Ingwer für eine asiatisch aromatisierte Gemüsebeilage und machten es uns den Rest des Abends dann »inhouse« gemütlich. (Seit der Ankunft hier war eine abendliche Folge »Picard« täglicher Teil des Abendprogramms; die dritte Staffel hat m.E. gegenüber den ersten beiden deutlich an Spannung und Tempo zugelegt und bietet erhebliches Binge-Potenzial.)

Update: Ich hatte ganz vergessen, dass wir es am Mittwoch morgen wagten, am nahegelegenen Sund-Badestrand das »Anbaden 2023« zu vollziehen. Das Wasser war frisch, nicht zu kalt und wenn man erst einmal drin und abgekühlt war, fühlte es sich sehr angenehm an. Das Gefälle ins Meer hinein ist an diesem Stand sehr moderat, so dass man noch gut 100 m vom Strand entfernt gerade mal hüfthoch im Wasser steht. Als ich mit Schwimmbewegungen begann, spürte ich zwischen den Fingern plötzlich kleine götterspeisige Klümpchen hindurchgleiten und als ich mich aufrichtete und von oben ins Wasser sah, bemerkte ich Hunderte kleiner, etwa walnussgroßer Quallen mit dünnem violettem Ornament auf der Oberseite, die im Wasser umherschwammen. Da sie aber offensichtlich nicht nesselten, denn bei einer Berührung war nichts zu spüren, schwamm ich einfach weiter umher. Interessanterweise waren sie dann am Donnerstag und Freitag wieder komplett aus dieser Badezone verschwunden.

Der heute etwas kürzere Ausflug am Donnerstag Nachmittag führte zur Südspitze der Insel Rügen, dem »Palmer Ort« in der Nähe des Ortes Zudar. Auf sandigem Grund und durch von Kiefern dominierte Wälder ging der Hinweg, am kiesigen Strand der fast brandungslosen Küste entlang, lag dann der Rückweg (Komoot-Link). Während der Wanderung kam, nach einer eher bewölkten ersten Tageshälfte, die Sonne noch einmal überraschend zum Vorschein, so dass wir streckenweise möglichst im Schatten der Bäume zu bleiben versuchten. Sonnenwärme macht bekanntlich durstig, und so musste natürlich die Insel-Brauerei nochmals als Erfrischungsort herhalten. Nach der Rückfahrt stiegen wir um aufs Rad und fuhren zum Hafenlokal »Fischermänns«, wo die Wahl zum Abendessen auf eine Portion »Fish & Chips« und eine sehr schmackhafte Currywurst fiel. Schon auf dem Hinweg zum Restaurant spürte ich einige vereinzelte Regentropfen auf meiner Haut und tatsächlich sah man auf dem Regenradar – endlich einmal! – ein mäßig großes Regengebiet heranziehen. Die Rückfahrt vom Lokal zur Unterkunft verlief noch annähernd trocken bei ganz leichtem Tröpfeln, aber später »zu Hause« war deutlich das Klopfen des Regens auf den Fensterscheiben zu hören. Die Natur brauchte es dringend, von mir aus hätte es die Nacht durchregnen können.

Am Freitag war während der Wandertour ein eingebettetes Bad im Meer nach etwa 2/3 der Strecke vorgesehen. Während der Stralsund-Tour vor einem Jahr hatten wir in der Nähe des Ortes Lauterbach mitten im Wald am Meeresufer einen wunderschönen kleinen, feinsandigen, versteckten Badestrand entdeckt. Bei dem schönen Wetter heute schrie das förmlich nach einer Wiederholung. Also wurden Badehosen und Handtücher in den Rucksack gepackt und los ging’s. Der Weg durch den Wald war fast noch schöner als im letzten Jahr, man merkte, dass die letzten Monate mit mehr Niederschlag als 2022 gesegnet waren, Bäume und Vegetation am Waldboden waren üppiger und grüner. Doch als wir an dem Strändchen ankamen, war die Enttäuschung groß: Das Wasser und der Strand waren voll mit glitschigen braunen Algen, der komplette Gegensatz zum klaren sauberen Zustand von vor einem Jahr. Dort, wo sich die Algen in dicker Schicht an Land türmten, waren sie bereits in Fäulnis übergegangen und stanken, im Wasser waberten sie auf einem ca. 75 m breiten Streifen im Wasser, man konnte dazwischen kaum auf den Grund sehen. Sehr schade! Die Badepause musste somit entfallen und wir setzten unseren Rundweg weiter bis zum Ausgangspunkt fort.

Nach dem obligatorischen »Bierstopp« an der Inselbrauerei fuhren wir zurück zur Unterkunft, wechselten zur Badehose, stiegen aufs Rad und holten das Bad im Meer einfach an der algen- und quallenlosen Badestelle quasi vor der Haustür nach. Dann kurz zurück, geduscht, stadtfein gemacht und zum »Abschiedsessen« an den Bootshafen geradelt. Ziel heute: das feine Restaurant »Lara« direkt gegenüber dem Ozeaneum. Die Speisekarte ist frisch und regional und wird so spontan nach Marktlage erstellt, dass sie nicht im Internet einsehbar ist. Enttäuscht wurden wir dort aber bislang noch nie – und so war es auch diesmal. Nach einem Körbchen mit hausgebackenem Brot und einigen kross frittierten Blumenkohlnuggets mit einem Klecks fein gewürzter Mayonnaise als Küchengruß genoss ich als Vorspeise gebratete Jakobsmuscheln auf Mandel-Knoblauch-Schaum mit marinierten Pfirsichstückchen und als Hauptgericht ein zart-rustikales gebratenes Kotelett vom Duroc-Schwein mit Chorizo-Kartoffelstampf und grünen Bohnen. Als der Kellner abräumte und fragte, ob es geschmeckt habe, antwortete ich »Duroc’n’Roll!« und man sah ihm an, wie sehr ihm dieses Lob gefiel.

Zurück in der Unterkunft musste dann vor der abendlichen »Hygge« noch die Abfahrt am Samstag vorbereitet werden: Aufräumen, zusammensuchen, sortieren, einpacken. Bei einem Glas Wein streamte dann vor dem Schlafengehen noch eine (die vorletzte!) Folge »Picard«, dann war der letzte Tag vorüber. Morgen früh um 10 Uhr folgt erstmal die Rückreise nach Berlin und am Montag für mich dann die Heimkehr nach Hamburg.

Mach’s gut, Stralsund, bis nächstes Jahr!

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!

Ich gebe zu, ich liebe den Geschmack von Fleischgerichten. Ich schätze ein gutes Steak, im Sommer grille ich auch gerne mal. Ein Brathähnchen ist was Feines, oder ein Stück Lammfilet. Zum Frühstück ein Brötchen mit frischem Thüringer Mett – köstlich! Mutters Gulasch, Rinderrouladen, Currywurst, Hühnerfrikassee, Königsberger Klopse, Wiener Schnitzel, alles höchst delikat. Was mich nie gereizt hat, waren Lokale mit Angeboten wie »XXL-Schnitzel« oder »500 g Rib-Eye für 1 Person«. Ich muss Fleisch nicht in rauhen Mengen verzehren, um es genießen zu können. Doch seit etlichen Jahren ist in mir das Bewusstsein herangewachsen, dass mein Fleischkonsum ebenso wie der aller Menschen drastisch zurückgehen sollte, wenn es für alle eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft geben soll. Deshalb arbeite ich auch bei meiner eigenen Ernährung daran, reduziere die Anzahl meiner Fleischgerichte bzw. die Menge der verzehrten fleischhaltigen Lebensmittel, wähle beim Einkaufen stärker nach Art, Haltung und Herkunft des Fleisches aus (z.B. eher Geflügel statt Rind) und probiere vegetarische oder vegane Produktalternativen aus. Der Weg ist das Ziel.

Der aktuelle Slogan der Firma Rügenwalder, die auf dem Gebiet der (ziemlich wohlschmeckenden) fleischlosen Ersatzprodukte seit einigen Jahren echte Pionierarbeit leistet, lautet »Am besten schmeckt’s, wenn’s allen schmeckt.« Und genau das sollte doch eigentlich das Ziel einer nachhaltigen Ernährungsumstellung sein: dass niemand gezwungen sein soll, etwas zu essen, was ihm/ihr nicht schmeckt. Gleichwohl müssen sich – dafür wird der Klimawandel unweigerlich sorgen – wohl alle damit abfinden, künftig weniger klimaschädliche Nahrungsmittel zu verzehren, obwohl sie sehr gut schmecken. Dieser Weg, der mir logisch und plausibel erscheint, bringt mich zu einem Gedankenspiel. Für dieses Gedankenspiel versuche ich aber mal, einige Schritte zurückzutreten und die Kulturgeschichte der Ernährung etwas langfristiger zu betrachten, wenn auch aus Laienperspektive. Ich habe zwar mehrere Bücher zur Kulturgeschichte der Küche und des Essens gelesen, aber bin bei weitem kein Fachmann. Falls mir also nachfolgend Denkfehler aufgrund meines lückenhaften Wissens unterlaufen, bitte ich mir, diese nachzusehen bzw. sie gern in den Kommentaren zu korrigieren.

Für diese drei roten Piktogramme oben habe ich versucht, drei ehemals sehr geläufige Alltagsgegenstände auszuwählen, die älteren Menschen in jedem Fall vertraut sein sollten, aber jüngeren und sehr jungen Menschen gegebenenfalls komplett unbekannt sind, denn diese Dinge sind mittlerweile fast vollständig aus unserem Alltag verschwunden: Sanduhr, Diskette und Filmstreifen. Dieses Verschwinden vollzog sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte, an die Stelle dieser Gegenstände traten andere Werkzeuge oder Technologien, die diese ersetzt oder überflüssig gemacht haben.

Ähnliches passiert auch bei der Ernährung. Wer isst heutzutage noch »Erbswurst« oder trinkt »Muckefuck«? Wieso gibt es Bücher mit Titeln wie »Vergessene Gemüse«, in denen man von »Postelein«, »Navetten« oder »Zuckerhut« lesen kann? Wer kocht heute noch eine »Funzelsuppe«, »Milchnudeln« oder »Ofenschlupfer«?

Im Mittelalter, also dem Zeitraum etwa vom Jahr 500 bis zum Jahr 1500, waren etwa 90% der Bevölkerung Bauern und einfache Bürger. Wie sah deren Speiseplan aus? Tomaten, Nudeln, Reis und Kartoffeln gab es noch nicht, ebenso raffinierten Zucker – und die meisten heute bekannten Gewürze waren unbekannt oder unerschwingliche Luxusprodukte.

Das wichtigste Nahrungsmittel im Mittelalter war Brot, meist dunkles Brot aus Roggen, Dinkel oder Hafer. (…) Oft gab es auch Brei und Suppen aus Getreide, etwa Hirse. Arm und Reich aßen Eintöpfe aus Linsen und Bohnen.

Quelle: https://www.tessloff.com/was-ist-was/geschichte/mittelalter/was-assen-die-menschen-im-mittelalter.html

Auch wenn die mittelalterliche Küche von Früh- bis zum Spätmittelalter eine große Vielfalt an Lebensmittel aufweist, so bleibt diese Vielfalt doch den reichen Herren vorbehalten. Die Hauptmahlzeit der armen Bevölkerung bestand aus Brot, Kraut und Rüben und Bohnen.

Quelle: https://deutschland-im-mittelalter.de/Kulturgeschichte/Ernaehrung

Da die Bauern oft auch selbst Tiere hielten, konnten sie natürlich prinzipiell auch deren Fleisch verzehren. Zu bedenken ist jedoch, dass die Nutztiere früher wesentlich kleiner waren als heutige Züchtungen und es deutlich aufwendiger war, Fleisch ohne moderne Kühl- und Konservierungsmethoden haltbar zu machen. Insofern war frisches Fleisch ein großer Luxus. Das gab es meist nur vor dem Winter, wenn vermehrt geschlachtet wurde, in den folgenden Monaten mussten dann Trocken-, Räucher- oder Pökelfleisch genügen.

Als noch während des späten Mittelalters sukzessive die Waldnutzungsrechte und später die Gemeinschaftsweiden verschwanden, musste sich der Großteil der Bevölkerung auf weitgehend vegetarische Ernährung umstellen. Nachdem der »Schwarze Tod« ganze Regionen entvölkert hatte, wurden die freien Flächen für die Rinder- und Schafzucht verwendet. Die Tiere landeten auf den Tellern der städtischen Bevölkerung: Rindfleisch für die wohlhabenden Bürger, Schaffleisch für die weniger Wohlhabenden, Füße und andere weniger begehrte Fleischteile für die Ärmeren. Und für die ganz Armen gab es Brot. Der Adel bevorzugte nach wie vor Wild, nun allerdings vor allem „feines“ wie Vögel (Fasan usw.).

Quelle: https://www.openscience.or.at/hungryforscienceblog/arme-leute-essen-und-luxusspeisen/

Andernorts kann man lesen, dass, sowohl im Mittelalter als auch in späteren Jahrhunderten, Lebensmittel wie Austern oder Hummer, die heute als Delikatessen für Wohlhabende gelten, einst »Arme-Leute-Essen« waren – zumindest für die Menschen, welche nah an der Küste lebten, denn auch frischer Fisch war natürlich aufgrund der fehlenden Möglichkeiten zur Haltbarmachung für Menschen abseits der Meeresküsten im Landesinneren oder in größerer Entfernung zu fischreichen Gewässern nicht zugänglich.

Austern wurden auch im Mittelalter geschätzt. Der größte Austernschalenberg wurde in Poole (England) gefunden und besteht aus ca. 3,8 bis 7,6 Millionen Austernschalen. Nach Paris – dem heutigen Mekka der Austernliebhaber – kamen Austern erst im 11. oder 12. Jahrhundert. Dort waren sie anfangs ein Essen für arme Leute. Man nimmt an, dass um 1300 Austern billiger als frischer Fisch waren. Pieter Brueghel d. Ä. stellt auf seinem Kupferstich »Die magere Küche« eine Gruppe armer Leute dar, die Austern aus einem Topf essen.

Quelle: https://www.fisch-gruber.at/fisch-und-mehr/fisch/eine-kleine-kulturgeschichte-der-auster/

Wenn man heutzutage jemanden fragt, was die typischsten Zutaten der italienischen Küche sind, landet vermutlich die Tomate mit auf den vorderen Plätzen. Tatsächlich kam sie jedoch erst um 1540 nach Italien und wurde dann noch weitere 150 Jahre lang (!) als Lebensmittel eher skeptisch eingeschätzt.

Nach dem ersten Auftauchen der Tomate in Italien 1548/1555 schmückten die Tomatenpflanzen die italienischen Gärten zunächst überwiegend als Zierpflanzen, da sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit anderen Nachtschattengewächsen als giftig angesehen wurden. Doch bereits die Medici waren an der Verwendung der Tomate für den Verzehr interessiert. Obwohl Mattioli schon 1544 ein Rezept für den Verzehr von Tomaten angab, wird in der Literatur daran gezweifelt, dass sie wirklich des Öfteren als Speisepflanze verwendet wurde.

Insbesondere in Italien wurde die Tomate ab dem 17. Jahrhundert immer bedeutender. Antonio Latini war ab 1658 als Koch beim spanischen Vizekönig von Neapel tätig. In dem von ihm verfassten Kochbuch fanden sich erstmals auch Rezepte mit neuweltlichen Zutaten. Die drei Gerichte, in denen die Tomate vorkam, wurden als „alla spagnola“ bezeichnet. Um 1700 begann man, die Tomate als eine Zutat für Speisen schätzen zu lernen; erneut galt Italien als Vorreiter.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tomate

Schaut man also in Zeitskalen von Jahrhunderten auf die Essgewohnheiten der Menschen, ändert sich dort an sehr vielen Stellen sehr häufig sehr viel, manches allmählich, manches auch umwälzend. Kriege, Missernten, Wohlstand und Armut sowie die Marktpreise von Nahrungsmitteln, Zugang zu neuen Technologien und Konservierungsverfahren, kultureller Austausch sowie Importe bislang unbekannter Lebensmittel, Gerichte und Zubereitungsarten, die Entstehung neuer Tier- und Pflanzenzüchtungen, in jüngerer Zeit auch Ernährungstrends, industriell gefertigte und hoch verarbeitete Lebensmittelprodukte, wissenschaftliche Erkenntnisse*, Gesundheitsbewusstsein – all das sorgt dafür, dass der Speiseplan der Menschen in jedem Winkel der Erde sich permanent ändert. Das, was oft von Konservativen als »Tradition« gelabelt wird, wie etwa der fast tägliche Verzehr von (frischem) Fleisch in größeren Mengen, ist oft erst seit wenigen Jahrhunderten oder Jahrzehnten üblich oder überhaupt möglich. Auch die Sitte, »traditionell« drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen (Frühstück, Mittagessen, Abendessen) ist kulturgeschichtlich relativ neu. Von den alten Römern bis ins Mittelalter hinein waren zumeist nur zwei Mahlzeiten pro Tag üblich – morgens und abends (Frühmahl »prandium« und Spätmahl »cena«). Erst zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstand die Gepflogenheit, drei oder gar vier Mahlzeiten am Tag einzunehmen. Ich finde sowas hochspannend.

* Auch die Ernährungswissenschaft entwickelt sich stetig weiter.

Zu den Veränderungen, die seit jeher diesen Wandel antrieben, kommt nun mit erheblicher Dynamik der Klimawandel. Ich glaube, seine Auswirkungen werden in wenigen Jahrzehnten einen gravierenden Einfluss darauf haben, wie wir uns ernähren werden wollen und können. Viele Nutzpflanzen werden sich sehr viel schwieriger, nur auf deutlich begrenzten Flächen, womöglich in ganz anderen Regionen/Klimazonen und mit deutlich geringeren Erträgen anbauen lassen, viele Lebensmittel könnten zum Luxusgut werden, vielleicht sogar so verbreitete und beliebte wie Kaffee, Kakao oder Wein. Viele mögen darüber schimpfen, ich finde das auch alles andere als erfreulich, aber ich glaube, es wird sich langfristig nicht verhindern lassen. Ich selbst würde niemanden dazu drängen oder überreden wollen, sich anders zu ernähren oder von fleischlicher auf pflanzliche Kost umzusteigen. Aber ich bin mir relativ sicher, dass in den nächsten 10, 20, 50 oder 100 Jahren der sich rasant verändernde Planet Erde diese Überzeugungsarbeit sehr nachdrücklich leisten wird.

Jede Generation, die neu geboren wird, wächst in einer »Blase« auf, die auch ihre Ernährungsgewohnheiten prägt. Ich erinnere mich, dass mich als Teenager die Kurzgeschichte »Schwein« (im Original »Pig«) von Roald Dahl überaus fasziniert hat. In dieser Geschichte wird der Protagonist, Lexington, als 12 Tage alter Säugling aufgrund einer tragischen polizeiliche Verwechslung zur Vollwaise. Eine alte Tante nimmt sich des Kindes an und zieht ihn in völliger ländlicher Abgeschiedenheit auf.

Aunt Glosspan, who is 70 but looks half her age, lives in an isolated cottage. »She was a strict vegetarian and regarded the consumption of animal flesh as not only unhealthy and disgusting, but horribly cruel.« (…) When Lexington is 6, Glosspan decides to home-school him, partially because she is afraid that the public schools will serve him meat. She describes the horrors of meat-eating to him on one occasion. One of the subjects she teaches him is cooking and he takes to it extremely well. He takes over cooking duties for the house at age 10. Eventually he begins to invent his own recipes, making them from all sorts of vegetarian items. He is so skilled that she suggests that he write a cookbook, and he agrees. The book is to be titled ›Eat Good and Healthy‹.

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Pig_(short_story)

Nach dem Tod der Tante, Lexington ist gerade einmal 17, wird er erstmals aus seiner hermetisch abgeschlossenen vegetarischen Blase gerissen und ist gezwungen, zwecks Regelung des Nachlasses seiner Tante nach New York zu reisen. Dort probiert er zum ersten Mal ein Fleischgericht vom Schwein – und es schmeckt ihm so unglaublich gut, dass er – neugierig geworden, wo und wie dieses Nahrungsmittel hergestellt wird – sich zur Besichtigung eines Schlachthofes entschließt …

In dieser Geschichte vollzieht sich der Weg aus der kulturellen Nahrungsblase heraus zwar in umgekehrter Richtung, von vegetarischer zu fleischlicher Kost, aber auch hier wurde die Prägung der Ernährungsgewohnheiten von Kindesbeinen an durch das direkte kulturelle und familiäre Umfeld geprägt. Auch der zeitliche Rahmen der Prägung ist entscheidend: Ich selbst kannte als Kind in den 1970er Jahren z.B. weder Rucola noch Auberginen, Mangos, Papayas oder Pastinaken. Gemüse wie Champignons, Erbsen, Karotten, Bohnen und Spargel kam aus der Dose, das erste Mal in einem chinesischen Restaurant war ich etwa mit 12 Jahren und ich wurde 25, bis ich das erste Mal ein indisches Lokal besuchte. Noch einige Jahre später entdeckte ich die thailändische Länderküche, die japanische (Sushi) und die syrisch-libanesische. Gefehlt hat mir davor nichts. Erst danach hätte ich es vermisst, darauf verzichten zu müssen.

Ich glaube, die beiden größten Talente der Menschheit sind Erfindungsreichtum und Anpassungsfähigkeit. Sie haben uns sowohl zu einer technologisch und wissenschaftlich hochentwickelten Zivilisation gemacht als auch an den Abgrund der Klimakatastrophe geführt. Und sie haben ebenso das Potenzial, uns vor diesem Abgrund wieder umkehren zu lassen. Ich betrachte die aktuelle Situation und alle Prognosen zwar mit Sorge, aber ich weigere mich auch, mir jeglichen Optimismus nehmen zu lassen. Ich möchte hoffnungsvoll und neugierig darauf bleiben, mit welchen Ideen, Erfindungen und Innovationen sich Menschen dieser Veränderung entgegenstellen werden, wie und wo sie sich werden anpassen können und auf welchen Wegen oder an welchen Orten sie die Welt vielleicht wieder lebenswert(er) machen können.

Denn vielleicht entdecken wir ja auch ganz famose neue Lebensmittel, Zutaten und Gerichte aus Pflanzen, vielleicht auch aus Algen, Mikroorganismen, Flechten, Moosen oder Pilzen, die uns so gut schmecken werden, dass wir in ein paar Jahrzehnten (oder Jahrhunderten, wenn es uns gelingt, den Klimawandel zivilisiert zu überstehen) Fleisch gar nicht mehr nachtrauern werden. Die Alten, die es noch kennen, werden allmählich weniger und die Jungen, die ohne Fleisch aufwachsen, werden nach und nach zur Mehrheit. Dann gäbe es weitere Piktogramme, die man jungen Menschen erstmal erklären müsste, weil sie die Dinge dahinter aus ihrem eigenen Leben weder kennen noch vermissen.

»We will adapt.«

Seven Of Nine, Star Trek Voyager S04.E12, »Mortal Coil« (1997)

Ein paar Links zum Thema

Literaturtipps (aus meinem Bücherschrank)

Vier Bände kulinarischer Kulturgeschichte des Autors Peter Peter:

  • Kulturgeschichte der deutschen Küche
  • Kulturgeschichte der französischen Küche
  • Kulturgeschichte der italienischen Küche
  • Kulturgeschichte der österreichischen Küche

Vollgesogen

Das war sie nun, die re:publica 2023. Auf Twitter schrieb ich gestern:

Und so ist es. Es war Reizüberflutung, aber im bestmöglichen Sinne. Natürlich war auch das Trendthema »KI«, bzw. »AI« allgegenwärtig. Der Unterschied zu den überall hochsprudelnden Medienberichten und Postings im Netz, den ich auf der re:publica wahrnahm, war jedoch, dass das Thema, seine Auswirkungen und Teilaspekte von kompetenten Speakern mit sachlicher Distanz erläutert, beleuchtet, hinterfragt und diskutiert wurden. Weniger »parroting« und weniger »AI-Groupies«, dafür mehr Fakten und mehr Expertentum. Sehr angenehm.

Edit: Ach ja – ein sehr schönes Treffen mit »Netzmenschen« habe ich vor lauter geballten Sinneseindrücken fast vergessen, zu erwähnen: der re:publica-Besucher und Twitter-/Mastodon-Kontakt @grindcrank regte ein Instanztreffen für die kleine, feine Mastodon-Instanz fnordon.de an, bei der ich seit November 2022, für die Zeit »nach Twitter«, ebenfalls Unterschlupf gefunden habe. Am Treffpunkt, dem Strand des Festivalgeländes, fanden sich dann bei schönem, aber nicht zu sonnigem Wetter tatsächlich drei (!) Leutchen ein: außer mir und dem Initiator war noch @naturopath mit von der Partie. Es war wieder mal spannend, die Leute hinter dem Display kennenzulernen und so war die Stunde mit dem perlenden Plausch dann auch ausgesprochen kurzweilig (Ein Selfie davon gibt es übrigens auch).

Und auch wie 2022 war ich sehr angetan von dem visuellen Konzept der re:publica, das sich durch alle Medien, die Website, Bühnenveranstaltungen, Präsentationen und Postings zieht. Passend zum Leitthema »CASH« wurden grelle »Supermarkt-Plakatfarben« gewählt, dazu passend ein fetter serifenloser Display-Font und ein saftiger, dynamischer Marker-Font. Auf der Bühne stehen Warenkörbe, Palettenwagen und Kunststoffcontainer als Dekoration, die Visuals arbeiten mit Wiederholungen, auffälligen Störern und dem ultimativen Kontrast zwischen »Neonbunt« und »Schwarz«. Sehr gelungen!

Inzwischen weiß ich auch – dank der im Programm angesetzten Fragestunde mit den Organisatoren –, dass das Design von re:publica-Mitgründerin Tanja Haeusler in Zusammenarbeit mit der Berliner Agentur fertig design konzipiert und umgesetzt wird (und bin als Grafik-Designer ein bisschen neidisch auf so ein famoses 360°-Projekt). 😉

Wie der Marker-Font heißt, habe ich inzwischen schon herausgefunden: er nennt sich »Walmer Marker« und stammt von der finnischen Type Foundry »Typolar« des Designers Jarno Lukkarila. Auf der Website des Büros kann man die schöne Story zur Entstehung dieser interessanten Schrift nachlesen.

Wie die fette Plakatschrift (im nachfolgenden Bild rechts, über den Störern) heißt, habe ich bislang nicht herausgefunden, aber ich editiere das hier nach, falls es mir noch gelingt – oder vielleicht (er)kennt ja ein hiesiger Blogleser den Font? Die Formen sowohl des kleinen als auch des großen »Y« (siehe in »Ryanair«) sind darin sehr charakteristisch.

Wenn mich Freunde fragen, denen der Name re:publica nichts sagt, was das denn für eine Konferenz sei, sage ich »Es ist eine ALLES-Konferenz«, denn fast jeder gesellschaftliche Aspekt fand sich – wie schon im letzten Jahr – an den drei Veranstaltungstagen in dem einen oder anderen Panel wieder.

Meine drei Highlights 2023 waren:

  • »I’m sorry HAL, I won’t let you do that.« mit @tante
  • »Generative KI – schöne neue Welt?« mit Björn Ommer
  • »Wollt Ihr ewig leben? Vom Fluch der Unsterblichkeit und Segen der Biotechnologie« mit Thomas Ramge

Es war wieder inspirierend, spannend, lehrreich, interessant, überraschend und vielfältig. Und ich brauche jetzt erst mal ein paar Tage Ruhe im Kopf, um sich alles wieder setzen zu lassen.

Ehe ich mir die Panels, die ich verpasst habe, auf YouTube anschaue … 😉

Schlafen fetzt

Ich hätte es früher bemerken sollen, als ich am vergangenen Dienstag nach dem Pfingstwochenende in Berlin am Vormittag in den ICE zurück nach Hamburg stieg. Um die Mittagszeit nach (langen) Wochenenden sind die Züge angenehm leer und so war es auch diesmal, nur ein Viertel der Plätze in meinem Wagen war belegt. Ich suchte mir einen freien Fensterplatz in einer Zweiersitzgruppe und klappte den Rechner auf, um etwas zu arbeiten. Erst nach etwa 10–15 Minuten fiel mir auf, dass ein Mitreisender diagonal gegenüber auf der anderen Seite des Ganges immer mal wieder hustete – einzelne, tiefe, nicht besonders gesund klingende Stöße. Und dann fing das ganze auch direkt hinter mir an, bei einem Huster spürte ich, wie die dadurch bewegte Luft von hinten durch den Spalt zwischen den Sitzlehnen meinen Nacken umwehte. Da holte ich sofort meine FFP-Maske aus dem Rucksack, die ich »für alle Fälle« immer noch dabei habe und trug sie für den Rest der Fahrt.

Doch es war wohl schon zu spät. Am Donnerstag Nachmittag spürte ich ein leises Kratzen in Hals und Nase, am Freitag wuchs es sich zu einem spürbaren Schnupfen aus und am Samstag lag ich total flach. Trotz meiner verlässlich lindernden Hausmittel, die ich seit den ersten Anzeichen regelmäßig einnahm, war die Erkältung nicht mehr abzuwenden. Glücklicherweise hatte ich auch noch Corona-Sebsttests zu Hause – zwei mal negativ an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, immerhin. Dennoch ein ganzer Tag lang Kopfschmerzen aus der Hölle, Nase dicht, tränende Augen, Appetitlosigkeit, generelle Schlappheit und – sehr ungewöhnlich – Übelkeit. Von mir aus Männergrippe, aber gestern konnte ich nichts machen außer trinken, wimmern und – schlafen. Gefühlt 20 von 24 Stunden habe ich nur geschlafen. Und heute, am Sonntag, wachte ich auf und hatte kurz darauf Appetit auf Frühstück. Kaffee! Brötchen! Schlafen fetzt, wenn man krank ist. Da kommen keine Tablette und keine Nasentropfen mit. Und jetzt, am Sonntag Abend, spüre ich kaum noch was.

Während ich dies schreibe, sitze ich schon wieder im Zug nach Berlin. Diesmal trage ich von Anfang an eine Maske, hauptsächlich, um meine eventuellen Restviren bei mir zu behalten, aber auch in diesem Zug (deutlich voller, diesmal) wird um mich herum schon wieder reichlich geschnieft, gehustet und geschneuzt. Der Corona-Peak mag vorbei sein, aber ich weiß jetzt wieder: das Masketragen hat immer noch sein Gutes.

Der Samstag in einem Bild.

Das Wurmloch

In den letzten Jahren habe ich, wenn mir ab und zu mal eine Idee für einen Cartoon durch den Kopf schoss, diese schnellen Skizzen gerne mal auf Twitter rausgehauen. Inzwischen poste ich nicht mehr so viel auf Twitter und versuche zudem aus bekannten Gründen, mich weiter von dort zurückzuziehen, dafür poste ich mehr auf Mastodon. Insbesondere dort jedoch vermisse ich aber nach wie vor schmerzlich die Möglichkeit, nach eigenen und fremden früheren Postings suchen zu können, mit Volltext, Username, Datum etc. Deshalb landen solche Kleinigkeiten jetzt erstmal wieder hier. Ordentlich abgelegt, jederzeit wieder auffindbar und auch die Urheberschaft wird so etwas besser dokumentiert. Heute was mit Piepmatz.