Corona.

Ich hab’s hinter mir. Hoffe ich zumindest. Zwar muss ich ab und zu noch husten, aber das kenne ich auch von herkömmlichen Erkältungen und es gibt sich nach einiger Zeit. An der »Erkältung«, die mich im März 2020 erwischte, war jedoch kaum etwas normal, obwohl mir glücklicherweise ein Klinikaufenthalt oder Schlimmeres erspart blieb. Inzwischen bin ich mir aufgrund der Begleitumstände in meinem persönlichen Umfeld, des Krankheitsverlaufs und dem inzwischen vorliegenden Ergebnis des nachträglichen Antikörpertests so gut wie sicher: es war »Corona« (COVID-19).

Ich habe mich nun mal daran gesetzt, anhand meines Textnachrichtenverlaufs, eigener Erinnerungen, meiner Twitter-Timeline und der Facebook-Chronik, meiner Handy-Anrufliste und meines Browserverlaufs den Hergang meiner ganz persönlichen »Corona-Geschichte« zu rekonstruieren. Es war ein wenig mühsam, die Geschehnispartikel zu sammeln und zusammenzusetzen, aber letztlich funktionierte es erstaunlich gut. Vielleicht kann ja der Eine oder Andere aus diesem »Tagebuch« für sich auch einen Nutzen ziehen.

Was an der folgenden chronologischen Aufzeichnung besonders deutlich wird: weil SARS-CoV-2 ein komplett neues Virus ist, wurden viele Erkenntnisse zum Infektionsverlauf, zu den Symptomen und den organischen Auswirkungen erst nach und nach bekannt – in meinem Fall bei allen drei genannten Beteiligten »zu spät«, um daraus sofort die richtigen Schlüsse ziehen zu können und die Erkrankung an den wenigen anfangs bekannten Symptomen zweifelsfrei zu erkennen.

Für die Zeit vor Beginn dieses Protokolls empfehle ich den Beitrag »Die verlorenen Wochen« auf der Website der Tagesschau. Er beginnt mit folgenden Worten:

»Am 31. Dezember versendet das internationale Frühwarnsystem ProMED eine E-Mail. Es geht um eine unbekannte Lungenentzündung in China. Die Meldung zum neuartigen Coronavirus geht auch nach Berlin ans Robert Koch-Institut.«

Donnerstag, 27. Januar
Der erste Corona-Fall in Deutschland wird bekanntgegeben.

Freitag, 28. Januar
Schaue mit dem Mann abends den sehenswerten, eher nüchtern inszenierten Spielfilm »Contagion« von Stephen Soderbergh via Amazon Prime, in dem es um eine tödliche Viruspandemie geht, deren Virus in China von Fledermäusen auf Schweine und von dort in der Küche eines Spielcasinos auf den ersten Menschen überspringt.

Sonntag, 01. Februar
In meinem Textnachrichtenverlauf taucht zum ersten Mal das Wort »Corona« auf, nachdem ich bereits seit dem Auftauchen der Nachrichten über das Virus den Hergang der Ausbreitung in den Medien verfolgt habe. Ich teile in einer Textnachricht einen Link zu einem Artikel im Ärzteblatt über den vermeintlichen biologischen Ursprung des Virus.

Montag, 24. Februar
Ich teile per WhatsApp einen weiteren Link über die Möglichkeit des Ausbruchs einer Pandemie:
https://scilogs.spektrum.de/fischblog/was-tun-bei-einer-coronavirus-pandemie/

Mittwoch, 26. Februar
Der Mann ist für einige Tage in Hamburg. Ich bin tagsüber bei der Arbeit im Büro in der Innenstadt, wir bewegen uns gemeinsam nach Feierabend ganz normal mit Bus und U-Bahn durch die Stadt, Ziel ist eine Bierbar in Altona. Ob zu dieser Zeit bereits infizierte Fahrgäste oder Barbesucher unterwegs sind, ist eine Frage, die ich mir später beim Rückberechnen der Inkubationszeit stelle, inzwischen aber für die weniger wahrscheinliche Infektionsmöglichkeit halte. Für Deutschland sind 27 Erkrankungen offiziell gemeldet.*

Freitag, 28. Februar
Der Mann begibt sich auf eine Reise in die USA, erste Station ist New York, wo er einige Tage mit dem – für sich erstmaligen – Erkunden der Stadt verbringen möchte, ehe der eigentliche Grund der Reise, ein mehrtägiges geschäftliches Treffen in Boston, ansteht. In New York nutzt er für seine ausgiebigen Exkursionen zu Sehenswürdigkeiten und Geschäften die U-Bahn und geht zu Fuß.

Sonntag, 01. März
Geburtstag ohne den Mann. Für New York wird der erste offizielle Corona-Fall gemeldet.

Eine Schlagzeile vom 02. März, die an diesem Tag in zahlreichen Nachrichtenmedien wortgleich erschien.

Montag, 02. März
Der Mann fährt von New York mit dem Zug weiter nach Boston, wo an diesem Tag gerade der zweite offizielle Fall von COVID-19 in einem angrenzenden County gemeldet wird. Aus China kommen Zahlen, die in einer Grafik einen Rückgang der Neuerkrankungen und einen Anstieg der Anzahl Genesener andeuten.

Freitag, 06. März
Der Mann kommt zurück aus Amerika, gesund und munter. Ich setze mich am Nachmittag in Hamburg in den Zug und fahre nach Berlin, um dort mit ihm das Wochenende zu verbringen. Auch in der Hauptstadt bewegen wir uns an allen Tagen mit der BVG durch die Stadt – zum Einkaufen, Essen, auf ein Bier. Alles wie immer. Die Zahl der offiziellen Erkrankungen in Deutschland beträgt 690.*

Montag, 09. März
Die Berichte über die Epidemie veranlassen uns zur Sorge um unsere betagten, aber noch »fitten« Eltern. Ich stoße auf den NDR-Info-Podcast »Das Corona Update« mit Dr. Drosten und höre mir einige Folgen an.
Abends telefoniere ich mit meiner Mutter und versende eine Mail mit seriösen Links und Empfehlungen für eine Verhaltensänderung, darunter auch die Einschränkung des Kontakts zur nicht weit entfernt von der Mutter lebenden Familie meiner Schwester inklusive der geliebten Enkelkinder. Am Vortag erging die Empfehlung von Gesundheitsminister Spahn, Großveranstaltungen über 1.000 Teilnehmer abzusagen.

Dienstag, 10. März
Am Nachmittag im Büro poste ich einen Tweet zum Thema.

Abends besucht mich ein Freund, wir kochen gemeinsam, es gibt irgendwas mit Bulgur (Update: uns ist wieder eingefallen, was es war). Ganz fern verspüre ich ein leicht kratziges Nasenrachengefühl wie vor einer herannahenden Erkältung. Ich nehme vor dem Schlafengehen Vitamin C und Echinacea-Tinktur ein, meine beiden bewährten Hausmittel zur oft erfolgreichen Abwehr eines Infekts bei diesen Anzeichen. Erste anstehende Veranstaltungen in Konzerthäusern und Theatern in Berlin werden offiziell abgesagt.

Am Vorabend der ersten Symptome konnte auch gesunde ayurvedische Küche die Infektion nicht mehr abwenden.

Mittwoch, 11. März
Zu Hause geblieben, offziell »Home Office«. Leichtes Erkältungsgefühl mit Husten, kein Schnupfengefühl, kein Fieber, aber Mattigkeit. Von 16:30–17:30 Uhr eine Stunde geschlafen. Die WHO ruft den Pandemiefall aus.
Die BVG sperrt in Berlin den Vordereinstieg bei Bussen.
In Deutschland sind 2039 Fälle gemeldet.*

Donnerstag, 12. März
Nachts im Schlaf stark geschwitzt, mit starken Kopfschmerzen aufgewacht.
Tablette genommen (vermutlich Paracetamol), dann noch bis 10:30 Uhr geschlafen. Ganzen Tag im Bett verbracht, Kopfschmerzen lassen nur allmählich nach, gegen 17:00 Uhr aufgestanden, geduscht. Kein Fieber. Am Abend Besserungsgefühl, nur sporadisches Husten bleibt. Ich suche nach seriösen Quellen im Internet, um Corona-Symptome von denen einer normalen Erkältung zu unterscheiden.
Die USA erlassen einen 30tägigen Einreisestopp aus Europa.

Freitag, 13. März
Deutliche Besserung, keine Kopfschmerzen, kein Fieber, mir geht es gut. Gegen Abend kurz nach 18:00 Uhr Treffen mit dem Mann im Craft Beer Pub, denn die Erkältung scheint mit den offenbar rechtzeitig eingenommenen Hausmitteln abgewehrt. Glücklicherweise – im Nachhinein bemerkt – war sehr wenig Publikum im Pub und wir saßen abseits anderer Tische in einer Nische am Fenster. Nach Heimkehr gegen 22:30 Uhr plötzlich Fiebergefühl und tatsächlich erhöhte Temperatur. Messen nicht möglich, da die Batterie im digitalen Thermometer alle ist. Der Mann erzählt, dass sein Geruchssinn weg ist, einige Tage vorher hatte er Schnupfengefühl für 1–2 Tage, das aber bald verging. Bei ihm keine weiteren Symptome.
Auch in Hamburg dürfen Fahrgäste nun nur noch hinter dem Fahrer in Busse einsteigen.

Samstag, 14. März
Aufwachen ohne Fieber, aber ermattet. Batterie fürs Thermometer gekauft, abends gemessen: 38,4 °C. Schwächegefühl dauert an, begleitet von Appetitlosigkeit. Medikation weiterhin Vitamin-C-Brausetabletten, Echinacea-Tinktur, bei Kopfschmerzen gelegentlich wechselnd Aspirin/Paracetamol. Viel Tee (Kräutermix, Thymian, Minze), für die Atemwege Gelomyrtol-Kapseln.

Sonntag, 15. März
Morgens Fieber etwas niedriger bei 37,9 °C. Appetitlosigkeit dauert an, ebenso Husten. Am häufigsten esse ich Orangen, Apfelsinen, Knäckebrot, Frischkäse, kaum Wurst. Abends gegen 23:30 Uhr wieder 38,4 °C.

Montag, 16. März
Morgens Fieber wieder unter 38,0 °C. Ansonsten unverändert wie am Vortag. Erster Verdacht, es könnte eine Corona-Infektion sein, insbesondere aufgrund des schwankenden, anhaltenden Fiebers. Höchster Wert bisher: 39,2 °C, glücklicherweise trotz Hustens bislang keine Atemnot. Fahre fort, gelegentlich den NDR-Corona-Podcast mit Dr. Drosten zu hören.
Die Politik beschließt weitere Maßnahmen: Einreisestopp für Drittstaatler, weltweite Reisewarnung, Beschränkung nicht unbedingt notwendiger Reisen in die EU, Schließung zahlreicher Geschäfte.

Dienstag, 17. März
Zustand unverändert: Husten, Fieber, Schwäche. Beginne, mich nach der Möglichkeit für einen Corona-Test zu erkundigen.

Mittwoch, 18. März
Leichtes Gefühl der Besserung, trotzdem nach wie vor Husten und Appetitlosigkeit, vormittags Temperatur 38,5 °C. Am frühen Abend etwas geschlafen. Der Mann berichtet von der allmählichen Rückkehr seines Geruchssinns. Angela Merkel hält ihre Corona-Fernsehansprache.
Der Freund, der mich am 10. März besuchte, erzählt von leicht erhöhter Temperatur seit einigen Tagen sowie Kratzen im Hals.

Donnerstag, 19. März
Nachts mit kühler Kompresse geschlafen zur Linderung der Temperatur. Leichter Durchfall, weiterhin Husten, manchmal stärker mit merklichen Atembeschwerden, aber keine Atemnot. Aus Supermärkten werden im Netz Bilder von leeren Regalen aufgrund von Hamsterkäufen gepostet – Toilettenpapier, Nudeln, Mehl.

Freitag, 20. März
Temperatur am Vormittag 38,6 °C. Ansonsten unveränderter Zustand. Seit Tagen nicht das Haus verlassen, viel Ruhe, Tee. Anruf beim Hausarzt bzgl. Erkundigung nach einem Corona-Test, man verweist mich auf die beiden zentralen Rufnummern 116 117 (ärztlicher Bereitschaftsdienst) und 040 311 9 311 (Hamburger Gesundheitsamt-Hotline). Anrufe bei beiden Hotlines verlaufen nach derselben ergebnislosen Prozedur: man stellt mir die beiden damals bindenden Standardfragen »Waren Sie auf einer Reise in ein ausgewiesenes Risikogebiet?« (nein) und »Hatten Sie Kontakt zu einer nachweislich an COVID-19 infizierten Person?« (nein). Ergo: »Da könn’ wa nüscht für Sie tun – zu Hause bleim, auskuriern!« lautete die schon fast etwas brüsk vorgetragene Handlungsanweisung. Kann aber auch an der hörbaren »Berliner Schnauze« einer der beiden Hotlinedame gelegen haben.

Samstag, 21. März
Die anhaltende Appetitlosigkeit wird begleitet von einem gewissen Gefühl des Ekels vor Essen, als seien alle Nahrungsmittel nur mühsam vor der Verwesung bewahrte Substanzen, die man möglichst schnell zu essen hat, bevor sie ungenießbar werden. Außerdem schmeckt das Essen nicht wie sonst, der Geschmack erscheint »flacher«, eindimensionaler, unappetitlicher. Alles schmeckt irgendwie zu sehr nach irgendwas: zu fettig, zu salzig, zu süß.

Sonntag, 22. März
Das Fieber lässt merklich nach. Während der stärkeren Phasen erlebte ich auch Sinnestäuschungen (kein Delirium) – einmal das Gefühl, ich sei ca. 50 cm größer als normalerweise, alle Möbel und Einrichtungsgegenstände in der Wohnung erschienen mir klein, puppig, tief unten gelegen, als stünde ich auf einem Podest. Seit Tagen auch oft mehrere Sekunden anhaltender, stärkerer Schwindel beim Aufstehen aus liegender oder sitzender Position, vermutlich der Kreislauf bzw. zu niedriger Blutdruck. Weiterhin gelegentlich Durchfall.

Montag, 23. März
Weiterhin viel und starker Husten, unproduktiv, trocken. Temperatur 37,8 °C. Ganz allmählich kehrt der Appetit zurück, subjektives Gefühl des Gewichtsverlustes, noch ohne Bestätigung durch die Waage. Ich entdecke jüngste Berichte über Erkenntnisse, dass unter den Symptomen von COVID-19 auch der vorübergehende Verlust des Geruchssinns vorkommt und berichte dem Mann davon.

Dienstag, 24. März
Heute gewogen. Seit 11. März über 8 kg abgenommen. Trotz häuslicher, selbst verordneter Quarantäne immer mal wieder am Rechner gearbeitet, wenn etwas anfiel, aufgrund der Situation ist allerdings auch das Arbeitsaufkommen geringer. Hoffentlich gibt sich das bald.

Mittwoch, 25. März
Im Schlaf wieder stark geschwitzt, Temperatur am Morgen allerdings nur 36,8 °C. Der Appetit ist wieder da und auch das Essen schmeckt wieder.

Donnerstag, 26. März
Morgens 36,9 °C. Das erste Mal seit dem 13. März wieder draußen gewesen für einen Spaziergang. Ich spüre die Schwäche, die die Krankheit hinterlassen hat, durch die wenig beanspruchten Muskeln und den Gewichtsverlust. Das Handy zählt 3.870 bedächtige Schritte, gut eine Stunde gewandert in der Umgebung der Wohnung, möglichst durchs Grüne, die frische Luft und die Bewegung tun gut. Abends plötzlich stärkerer Husten, ich vermute, die kühle eingeatmete Luft während des Spaziergangs hat die Lungen etwas gestresst.

Der Schrittzähler im iPhone markiert die Krankheitsphase deutlich.

Freitag, 27. März
Temperatur erneut 36,9 °C. Husten wieder merklich weniger.

Samstag, 28. März
Langer Spaziergang rund um und durch den Stadtpark, 6.373 Schritte, allerdings wieder bei recht kühlem Wetter, trotz Sonnenschein. Bärlauch gesehen, aber keinen gepflückt.

Eine Bärlauchinsel im Hamburger Stadtpark.

Sonntag, 29. März
Ausflug zum Naturschutzgebiet Die Reit nahe Hamburg, Spaziergang mit 4.198 Schritten. Wieder sehr kühle Luft, aber herrlich sonniges, wolkenloses Wetter. Fieber scheint endgültig weg zu sein, gegen den hartnäckigen Husten reichere ich meinen Tee nun mit frischen Ingwerscheiben und einer Prise Kurkuma an. Habe das Gefühl, das tut mir gut. Nach wie vor habe ich die Vermutung, dass zu langes Einatmen kühler Luft bei Spaziergängen abends wieder zu vermehrtem Husten führt und werde das künftig durch einen Schal vor dem Mund zu mindern versuchen.

Montag, 30. März
Der andauernde, trockene Husten nervt. Ich nehme seit heute 1–2x am Tag eine ACC-Brausetablette, um eventuelle Sekrete in der Lunge zu lösen. Der möglicherweise von mir infizierte Freund berichtet von Hautausschlag an den Beinen und geschwollenen Hand- und Fußgelenken, in keiner aktuellen Quelle wird dies bislang mit COVID-19 in Verbindung gebracht – vielleicht Durchblutungsstörungen durch ungünstiges Sitzen im Home-Office? Außer moderatem Husten und einer längeren Phase mit zeitweise erhöhter Temperatur gab es bei ihm keine weiteren Symptome.

Graffiti an einer Wand in meiner Wohngegend.

Dienstag, 31. März
Das Fieber scheint endgültig vorbei zu sein. Wie sehr mich die letzten Tage geschwächt haben, merke ich, als ich vormittags mit dem Handrührgerät 8 Minuten lang einen schweren Brotteig durchknete, um mal wieder ein Brot zu backen. Danach fühle ich mich so erschöpft, dass ich mich zum Ausruhen hinlegen muss. Ich lese erste Meldungen über SARS-CoV-2-Antikörpertests, die aber noch nicht allzu verlässlich und ziemlich teuer sind sowie aktuell nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Werde das mal beobachten, so ein Test wäre für mehr Gewissheit sicherlich ratsam.
Abends einige Stunden lang vorübergehend stärkere Kopfschmerzen, vielleicht auch nur Wetterfühligkeit oder ich habe zu wenig getrunken.

Mittwoch, 01. April
Immer noch Husten und Schwächegefühl, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. In den Medien wird anhaltend über das Pro und Contra des Tragens von Schutzmasken diskutiert.

Donnerstag, 02. April
Nach einem Arztbesuch erhält der erkrankte Freund für sein Krankheitsbild die ungewöhnliche Diagnose »Vaskulitis« – eine Gefäßerkrankung, die erstens sehr selten ist und zweitens entweder Patienten über 60 Jahre oder aber Kinder betrifft, wo der Symptomkomplex auch als »Kawasaki-Syndrom« bezeichnet wird. Bislang gibt es keine Berichte in den Medien, die diese Symptomatik mit COVID-19 in Verbindung bringt. Sehr merkwürdig.

Freitag, 03. April
Keine Aufzeichnungen.

Samstag, 04. April
Immer noch Husten, nächtliches Schwitzen und allgemein verminderte körperliche Kondition. Ansonsten fühle ich mich allmählich einigermaßen »gesundet«.

Sonntag, 05. April
Nachmittags Wanderung mit dem Mann im Duvenstedter Brook, ansonsten keine Aufzeichnungen.

Ein Frühlingsbote im Wald.

Montag, 06. April
Das erste Mal wieder im Büro (nur für diesen einen Tag, um einige Dinge von dort nach Hause zu holen), sogar mit dem Fahrrad, wenn auch in gemächlichem Tempo. Es ist nur ein weiterer Kollege dort, wir halten vorsichtshalber Abstand und Vorsichtsmaßnahmen ein, obwohl ich inzwischen sehr wahrscheinlich nicht mehr infektiös bin.

Dienstag, 07. April
Schönes Zitat gefunden, passend zur Diskussion um die derzeitige häufige Korrektur der »Corona-Erkenntnisse« in Wissenschaft und Politik von Tag zu Tag:

»Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.« (Marie von Ebner-Eschenbach)


Samstag, 11. April
Einen Monat nach dem Auftreten der ersten Symptome selbst die Haare geschnitten. Gelingt. Ich bin wieder »alltagstauglich«.


Dienstag, 28. April
Der Husten ist seltener geworden, tritt aber immer noch ab und zu auf. Heute habe ich einen Termin bei meinem Hausarzt zum »After-Corona-Check«: Stethoskopuntersuchung der Lunge, Ultraschall des Brust- und Bauchraums, Ruhe-EKG sowie Blutabnahme für einen SARS-CoV-2-Antikörpertest. Der Befund des Arztes nach der Untersuchung ist gut, beim EKG sogar »super«, er kann keine Organschäden erkennen. Mal sehen, was der Antikörpertest in einigen Tagen ergibt.


Donnerstag, 30. April
Es tauchen erste Meldungen auf, dass COVID-19 bei Kindern und Erwachsenen Gefäßentzündungen hervorruft. Bei Kindern nennt sich eine Erscheinungsform dieses Symptoms »Kawasaki-Syndrom«, sie geht oft einher mit den Anzeichen einer Vaskulitis. Ich denke, ich kenne mindestens einen Erwachsenen in meinem Freundeskreis, der ebenfalls davon betroffen war. (Update: Inzwischen hat er ebenfalls einen Antikörpertest machen lassen – mit positivem Ergebnis.)


Montag, 04. Mai
Das Ergebnis des Antikörpertests ist da – im Kontext mit allen anderen geschilderten Ereignissen bin ich mir nun ziemlich sicher. Aber bin ich jetzt immun?

https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Coronavirus-Wie-zuverlaessig-sind-Antikoerpertests,coronavirus1232.html


Ende Juni steht noch eine Untersuchung beim Lungenfacharzt an, um zu klären, ob die Erkrankung dort Schäden hinterlassen hat. Ein Antikörpertest für den Mann steht noch aus.

Es bleibt spannend.

„Meine beste Metapher dafür bis jetzt ist eine wilde Gremlin-Party im Haus meines Körpers. Als ob die Viren an allen Ecken ungehemmt ausprobieren würden, was sie alles durcheinanderbringen können.“

(Antwort von mir auf Twitter am 28. März auf die Frage, wie die Infektion verlief)

Update: Und genau so scheint es zu sein:

Every Covid-19 Symptom We Know About Right Now, From Head to Toe (Medium, 18. Mai 2020)


* Meine Quelle für die genannten Zahlen gemeldeter COVID-19-Fälle in Deutschland: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/

48 Days Later*

Ach was – »die Alten«. Platz den Jungen!
Die Pandemie ist abgeklungen,
stark und gesund sind uns’re Lungen,
Lockerungen! Lockerungen!

Expertenrat mit Engelszungen,
der Virologen Forderungen:
in allen Ohren längst verklungen.
Lockerungen! Lockerungen!

Genug jetzt mit den Regelungen,
Kontaktverboten, Einschränkungen,
das Virus ist doch längst bezwungen,
Lockerungen! Lockerungen!

Den Mundschutz locker umgeschlungen,
wird unbeschwert sich aufgeschwungen.
Konsum! Kontakt! Beerdigungen.
Lockerungen. Lockerungen.

* Zeitraum zwischen der ersten Anordnung von Kontaktbeschränkungen (22.03.2020)
und dem Datum dieses Blogbeitrags.

Foto: formschub.de

Kulinarische Katastrophen

Ungenießbarer Fraß

Bild oben: Serviervorschlag.

Wohl jeder, der gerne essen geht oder selber kocht – auch für Gäste –, kennt sicherlich mindestens eines der beiden unschönen Szenarien, mit denen man nicht nur Freunde oder Bekannte zutiefst enttäuschen kann, sondern auch selbst vor (Fremd)scham am liebsten im Boden versinken würde:
A) ein vollmundig angekündigtes, selbstgekochtes Mahl für Besucher misslingt so grandios, dass man es als ungenießbar bezeichnen muss, oder
B) eine in hohen Tönen vom Gastgeber gelobte Spezialität oder ein empfohlenes Restaurant entpuppt sich, ausgerechnet zum verabredeten Zeitpunkt, als absolute Katastrophe mit verdorbenem oder schlecht zubereitetem Essen, miesem Service oder anderen Unglücksfällen.

Ich erinnere mich gut an einige dieser Ereignisse und obwohl die meisten schon lange zurück liegen, haben sie sich tief in meine Genießerseele eingebrannt. Von einem möchte ich heute berichten.

Es war noch zu Zeiten meines Studiums, als ich begann, als noch unerfahrener, aber ambitionierter »Junghobbykoch« eine aufwendig bebilderte Kochbuchreihe zu sammeln: großformatige Bände, durchgehend farbig bebildert, mit aufwändigen Fotos und herrlich angerichteten Speisen. Jeder Band widmete sich unter der Überschrift »Eine kulinarische Reise« einer bestimmten Länderküche, man bekam schon beim Ansehen Lust, auf fremden Märkten einzukaufen und die abgebildeten Köstlichkeiten genauso verführerisch nachzukochen. Aus dem Band »Amerika« wählte ich »Chili con Carne«, in einer angeblich authentisch texanischen Variante. Mehrere Gäste wollte ich mir dazu einladen – einige Mitstudenten und Freunde – und den Termin für das originalgetreue Essen bewusst auf einen Abend am Wochenende legen, damit auch zwei Freundinnen aus Hamburg und Marburg anreisen konnten.

Der große Abend war gekommen, alle Zutaten eingekauft und ich machte mich ans Kochen. Noch während ich in der Küche werkelte, trafen die Gäste ein. Ich schnibbelte, rührte und briet, möglichst alles genau nach Rezept. »60 Gramm Chilipulver« stand da – und ich wunderte mich zwar, dass das mehr als meine ganze Dose sein würde, aber ein bisschen Feuer sollte es ja haben, das Chili, und so kippte ich das rote Pulver beherzt in die appetitlich auf dem Herd blubbernde Masse – zwar etwas weniger als im Rezept angegeben, aber eine minder pikante Würzung, so dachte ich, käme ja deutschen Gaumen entgegen. Bald wurde der Tisch gedeckt und die Gäste bekamen Wein und das vermeintlich authentische Opus serviert. Schon nach wenigen Löffeln wurde es stiller am Tisch. »Boah, ist das scharf!« war die erste Meldung. Was da ausgesprochen wurde, hatte ich auch gerade gedacht. »Ey, wieviel Chili ist denn da dran?« – »50 Gramm.« – »Ich glaub, das ist zu viel.«. Man verlangte nach Wasser, ich holte einen großen Krug. Mein Mund brannte. Bei Tisch wurden erste Diskussionen darüber geführt, dass Milch Schärfe schneller von der Zunge abführen könne als Wasser. Die Bestecke ruhten auf den fast vollen Tellern. »Tut mir leid, aber das kann man nicht essen.« sprach der erste bei Tisch die bittere scharfe Wahrheit aus. Alle nickten, tranken Wasser, rangen nach Luft, mampften trockenes Weißbrot. Mein Kopf war inzwischen von der Schärfe so rot, dass meine hinzukommende Schamesröte nicht weiter auffiel. Wir räumten den Tisch ab. Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir stattdessen noch Pizza bestellt hatten, damit wenigstens alle satt wurden, wohl aber, dass die Gäste von außerhalb, die bei mir übernachten mussten, am nächsten Morgen bestätigen konnten: »es brennt immer zweimal«.

So lernte ich meine Lektion, wie wichtig beim Kochen gewissenhaftes Abschmecken ist – insbesondere das letzte Mal kurz vor dem Servieren. Keine der damaligen Freundschaften zerbrach an dem Missgeschick, aber die Anekdote vom »Chili aus der Hölle« musste ich mir in den Jahren danach noch etliche Male anhören.

Nun gebe ich das Stöckchen an meine Leser weiter – was waren Eure größten Koch-Reinfälle, Restaurant-Debakel, Bewirtungs-Schlappen? Schreibt in die Kommentare, bloggt, postet bei Facebook oder Kurzes bei twitter und verlinkt es gerne hier – Hashtagvorschlag: #tellerpannen

Ich freue mich auf spannende Beiträge!

Foto: uberculture via Foter.com | Lizenziert unter CC BY

Lammköfte im Auberginenbett
mit Sesamsauce und Zitronen-Couscous

Lammköfte

Ich blogge zwar kaum noch, aber ich koche nach wie vor. Diesen »Remix« aus 4 getrennt recherchierten Rezepten habe ich gestern zubereitet und war absolut begeistert. Wenn man alle Zutaten parat hat, ist das Gericht zudem sehr schnell gemacht, da man die Sauce und den Couscous parallel zubereiten kann, während die Köfte im Ofen backen.
Guten Appetit!

Für 3–4 Personen:

Köfte
500 g Lammhack
1 Handvoll fein gehackte Petersilie
2 Knoblauchzehen, durchgepresst
1 kleine Zwiebel, fein gehackt
1 Ei
2 gestr. TL gemahlener Zimt
3–4 gestr. TL gemahlener Kreuzkümmel
1 Msp. Cayennepfeffer
2–3 gestr. TL Salz
1 Aubergine
Olivenöl

Aubergine in ca. 1×1 cm große Würfel schneiden, den Boden einer Auflaufform damit bedecken und großzügig mit Olivenöl besprenkeln. Backofen auf 200 °C vorheizen.

Alle Zutaten für die Köfte in einer Schüssel gut miteinander vermengen. Aus der Hackmasse 8–10 längliche, wurstförmige Klößchen formen und verteilt auf das Auberginenbett legen.

Die Auflaufform in den Ofen stellen und die Köfte ca. 30–40 Minuten schön braun backen. Falls sie rundum braun sein sollen, nach geraumer Zeit in der Form wenden.

Sesamsauce
150 ml cremiges Tahini (Sesammus)
Saft einer halben Zitrone
1 Knoblauchzehe, durchgepresst
1–2 EL griechischer Joghurt (10%)
Salz, Wasser

Tahini, Knoblauch, Zitronensaft, Salz und Joghurt in einer Schüssel glatt miteinander verrühren. Dann mit lauwarmem Wasser nach und nach auf die Konsistenz von flüssigem Honig verdünnen, ggf. etwas nachsalzen.

Couscous
1 Tasse mittelfeiner Couscous
2 Knoblauchzehen, durchgepresst
1 gestr. TL Kurkumapulver
1–2 TL abgerieben Bio-Zitronenschale
1 Handvoll Koriandergrün, gehackt
Saft einer halben Zitrone
1/2 TL Salz
1 Tasse Wasser (dieselbe Menge wie Couscous)
Olivenöl

Olivenöl in einem Topf erhitzen, den Knoblauch mit dem Kurkuma darin ca. 1 Minute anschwitzen. Wasser, Zitronenschale und Salz hinzugeben und aufkochen. Den Topf vom Herd nehmen und den Couscous einrühren. Ten Topf mit einem Deckel verschließen und den Couscous ca. 5 Minuten quellen lassen. Mit einer Gabel »fluffig« auflockern und Zitronensaft sowie Koriandergrün untermengen. Ggf. mit etwas Salz und Pfeffer nachwürzen.

Köfte mit Auberginen und Couscous auf Tellern anrichten und mit der Sesamsauce servieren. Als »Topping« passen sehr gut Granatapfelkerne und gehackte Pistazien.

Vers-uchsweise

Ich bin kein Literaturübersetzer und es heißt ja, Gedichte zu übersetzen, sei eine der schwierigsten Disziplinen dieser Zunft, aber ich möchte es zumindest einmal versuchen – für eines meiner Lieblingsgedichte. Das Werk stammt von der amerikanischen Schriftstellerin Mary Oliver und trägt im Original den Titel »The Sun«.

Die Sonne

Mary Oliver

Erblicktest du jemals
im Leben
etwas Schöneres

als die Sonne,
die allabendlich
ruhig und stetig
gen Horizont sinkt

in die Wolken, auf die Hügel,
in das wogende Meer,
wie sie verschwindet –
und wieder aufsteigt

aus dem Dunkel
jeden Morgen,
auf der anderen Seite der Welt,
so blütenrot,

sich aufschwingend zu ihrer himmlischen Bahn,
eines Morgens etwa, im frühen Sommer,
in strahlender Ferne, so nah –
und empfandest du jemals für etwas
so tiefe Liebe –
glaubst du, weit und breit, in den Sprachen der Welt,
umfasste ein Wort gänzlich
die Freude

die dich durchströmt
wenn die Sonne
dich berührt
und dich wärmt,

wenn du dastehst
mit leeren Händen,
oder wandtest auch du dich
ab von der Welt –

oder ließest auch du
dich blenden
von Macht,
von Besitz?


Foto: © formschub.de

Der Wunsch

Gestern Abend habe ich zwei Folgen einer Dokumentation über Naturgewalten gesehen – Vulkane und Erdbeben. Es ging um Plattentektonik, den Pazifischen Feuerring, Millionen Jahre Erdgeschichte, die im Maßstab nur hauchdünne Erdkruste, Lavakonsistenzen und die Auswirkungen der Kräfte aus dem Inneren der Erde auf ihre Oberfläche und das Leben darauf.

Danach schaute ich vor dem Schlafengehen noch mal bei Twitter und Facebook rein: ein paar Schmunzler, die eine oder andere interessante Tagesmeldung, ansonsten der übliche Brei aus Grabenkriegen, Belanglosigkeiten, Gezeter und Mitmenschenbashing.

Ich glaube, wenn mir heute eine Fee erschiene und mir einen einzigen Wunsch gewährte, müsste ich ziemlich genau, was ich will. Es wäre kein altruistischer Wunsch, kein Ende der Armut, kein Weltfrieden, keine globale Harmonie. Es wäre ein eher egoistischer Wunsch, aber es ginge mir nicht um Geld, Status, Ansehen oder Ruhm.

Ich würde mir wünschen, dass ich einen Tag lang an beliebigen Orten der Welt und mit beliebiger Entfernung von der Erdoberfläche Geschehnisse, die sonst Jahrhunderte, Jahrtausende oder Millionen von Jahren dauern, im Zeitraffer anschauen und dabei auch in der Zeit umherreisen dürfte. Ich würde gern die flüssige Erde in einer Viertelstunde erkalten sehen, wäre dabei, wie kilometerdicke Eiskrusten wie gefrierende Wolken über Kontinente wallten und wieder abtauten. Ich stünde in Landschaften, aus denen in Minuten Gebirgszüge aufgefaltet würden, könnte sehen, wie die Kontinentalplatten über den Globus zögen, sich aneinander rieben, an ihren narbigen Rändern gelegentlich grelle Glutlinien aufflammten, könnte sehen, wie Fluten die Küstenlinien formten, wie Ströme und Ozeane mit den Gezeiten atmeten, wie riesige Wälder ergrünten und wieder verdorrten oder könnte einem Mammutbaum zuschauen, wie er in der Zeit, in der man sonst ein Früstücksei kocht, sich vom Keimling zum viertausendjährigen Waldgoliath emporknorrte. Ich könnte erleben, wie Erdbeben, Vulkane und Sedimente unablässlich das Gesicht der Erde verwandelten, beobachtete Meere, Flüsse und Seen beim Entstehen, Vordringen und Zurückweichen und über all dem spannte sich ein kreisendes Firmament mit den rasenden Bahnen unserer Nachbarplaneten und den gemächlich wechselnden Konstellationen der unzähligen Sterne dahinter. Ich sähe im Nu, wie Wüsten entstünden, wie neue Inseln und Landmassen aufstiegen und wieder untergingen, wie die Erosion Hügel und Berge modellierte und massive Felsbrocken in feinsten Sand verwandelte, könnte beobachten, wie Wasserläufe, Säure gleich, atemberaubende Canyons aus dem Fels ätzten, wäre Zeuge, wie riesige Meteoriten den Planeten torpedierten und die glühenden Wunden in seiner Haut erkalteten und von der Kraft der Elemente allmählich wieder geglättet würden.

Und nach diesen überwältigenden 24 Stunden meiner epochalen Reise würde ich mich vielleicht an ein kurzes, helles Flackern auf der Oberfläche des Planeten erinnern, kurz vor Schluss, an ein Netz von Lichtern und ein flüchtiges Wirbeln, verzweigte Bewegungen, gefolgt von einem Wimpernschlag Trübheit, vielleicht Rauch oder auch Staub und denken: dieses Flackern – das waren dann wohl wir.

Ich glaube, am Abend dieses Tages hätte ich das Gefühl, dass es ein schöner war.


Foto: © formschub.de

Lebenszeichen: Weihnachtsküche 2016

Das Blog liegt brach (solche Phasen gibt’s halt immer mal), aber der Herd keineswegs. Die Rezepte für das diesjährige Weihnachtsessen habe ich nach einigen Basisrecherchen im Netz selbst aus mehreren Rezepten zusammenimprovisiert und möchte sie Euch nicht vorenthalten. Als Fleischbeilage gab’s dazu eine klassisch gebratene Gänsebrust ohne weiteres Chichi. Die Stärkebeilage haben wir diesmal weggelassen, passen würden aber auf jeden Fall Spätzle oder Kartoffelknödel. Fröhliche Festtage!


Winterlicher Rahmwirsing mit Lebkuchengewürz

für 4 Personen

1 Kopf Wirsing, nicht zu groß
1 kleine Zwiebel
100 g Bacon in Scheiben
1 EL Butter
4 EL Olivenöl
250 ml Schlagsahne
2 EL Frischkäse
2 EL Crème Fraîche
3 TL Lebkuchengewürz (Zimt, Orangenschale, Koriander, Piment, Sternanis, Muskatnuss, Nelken)
1 TL Chinesisches Fünfgewürzpulver (Fenchel, Anis, Zimt, Pfeffer, Nelken)
etwas Madeira
Salz
Pfeffer

Grobe Stiele und den Strunk aus dem Kohlkopf entfernen und die Blätter in feine Streifen schneiden (ca. 4 cm x 5 mm). Die Zwiebel und den Bacon fein würfeln. Die Baconwürfel mit 1 EL Olivenöl in einer Pfanne knusprig braun braten und auf Küchenpapier abtropfen lassen. In einem großen Topf Salzwasser zum Kochen bringen und die Kohlstreifen 5–8 Minuten angaren, dann in ein großes Sieb abgießen und abtropfen lassen.

In demselben Topf Butter und 3 EL Olivenöl erhitzen und die Zwiebel glasig anbraten. Mit einem guten Schuss Madeira ablöschen und 2–3 Minuten weiterdünsten. Schlagsahne, Frischkäse, Crème Fraîche, Lebkuchengewürz und Fünfgewürzpulver hinzugeben, alles gut durchrühren und weitere 3–5 Minuten leicht köchelnd durchziehen lassen. Mit Salz und Pfeffer kräftig abschmecken (schließlich soll die Masse den gesamten Kohl aromatisieren). Die abgetropften Kohlstreifen und die Baconwürfel hinzugeben und alles gut unterheben. Den Rahmwirsing im Topf abgedeckelt bei schwacher bis mittlerer Hitze noch ca. 10–15 Minuten zuende garen.

Das Kohlgemüse schmeckt am besten, wenn es einen Tag vor dem Servieren zubereitet wird und über Nacht noch schön durchziehen kann.


Black-Beer-Sauce zur Weihnachtsgans

für 4 Personen

1 kleine Zwiebel
2 Knoblauchzehen
150 g Sellerieknolle
Olivenöl
ca. 800 ml kräftiges, schwarzes Stout- oder Black-Porter-Bier (ca. 6% Vol. Alkohol, mit Aromen nach Kaffee, Schokolade, Malz – etwa »Dunkle Macht« von Hopper Bräu oder »Insel Kap Oatmeal Stout« von der Rügener Insel-Brauerei, notfalls gehen auch Guinness oder Köstritzer Schwarzbier, obwohl sie »dünner« und weniger aromatisch sind. Ich habe diesmal 2,5 Flaschen Belhaven Scottish Oak Stout verwendet.)
2 EL brauner Zucker
1 Msp. Piment, gemahlen
1 Msp. Zimt, gemahlen
1 Msp. Cayennepfeffer
50 ml Sojasauce
etwas Madeira
Salz
Pfeffer

Die Knoblauchzehen schälen und in dünne Scheiben schneiden, die Zwiebel und den Sellerie fein würfeln. Das Olivenöl in einem Topf erhitzen und die Knoblauchscheiben darin goldgelb ankaramellisieren, dann sofort die Zwiebelwürfel hinzugeben und unterheben, damit der Knoblauch nicht zu dunkel und damit bitter wird. Das Knoblauch-Zwiebel-Gemisch 5–8 Minuten bei etwas reduzierter Hitze glasig andünsten, dann mit Madeira ablöschen und noch 2–3 Minuten weiterköcheln lassen. Das Bier, den Zucker und die Sojasauce hinzugeben und alles bei geöffnetem Topf und geringer Hitze etwa 30 Minuten garen und einkochen lassen. Das Gemüse in dem Biersud mit einem Pürierstab feinst pürieren und die Sauce danach durch ein Sieb streichen, damit grobe Gemüseteilchen ausgefiltert werden und die Sauce wieder schön glatt ist. Mit Piment, Cayennepfeffer, Salz und Pfeffer behutsam abschmecken und ggf. noch eine Weile bis zur gewünschten Konsistenz einkochen lassen.

Auch diese Sauce schmeckt am besten, wenn sie einen Tag vor dem Servieren zubereitet wird und über Nacht noch schön durchziehen kann.

Guten Appetit!

Black Beer
Foto: © formschub.de