Corona.

Foto: © formschub

Ich hab’s hinter mir. Hoffe ich zumindest. Zwar muss ich ab und zu noch husten, aber das kenne ich auch von herkömmlichen Erkältungen und es gibt sich nach einiger Zeit. An der »Erkältung«, die mich im März 2020 erwischte, war jedoch kaum etwas normal, obwohl mir glücklicherweise ein Klinikaufenthalt oder Schlimmeres erspart blieb. Inzwischen bin ich mir aufgrund der Begleitumstände in meinem persönlichen Umfeld, des Krankheitsverlaufs und dem inzwischen vorliegenden Ergebnis des nachträglichen Antikörpertests so gut wie sicher: es war »Corona« (COVID-19).

Ich habe mich nun mal daran gesetzt, anhand meines Textnachrichtenverlaufs, eigener Erinnerungen, meiner Twitter-Timeline und der Facebook-Chronik, meiner Handy-Anrufliste und meines Browserverlaufs den Hergang meiner ganz persönlichen »Corona-Geschichte« zu rekonstruieren. Es war ein wenig mühsam, die Geschehnispartikel zu sammeln und zusammenzusetzen, aber letztlich funktionierte es erstaunlich gut. Vielleicht kann ja der Eine oder Andere aus diesem »Tagebuch« für sich auch einen Nutzen ziehen.

Was an der folgenden chronologischen Aufzeichnung besonders deutlich wird: weil SARS-CoV-2 ein komplett neues Virus ist, wurden viele Erkenntnisse zum Infektionsverlauf, zu den Symptomen und den organischen Auswirkungen erst nach und nach bekannt – in meinem Fall bei allen drei genannten Beteiligten »zu spät«, um daraus sofort die richtigen Schlüsse ziehen zu können und die Erkrankung an den wenigen anfangs bekannten Symptomen zweifelsfrei zu erkennen.

Für die Zeit vor Beginn dieses Protokolls empfehle ich den Beitrag »Die verlorenen Wochen« auf der Website der Tagesschau. Er beginnt mit folgenden Worten:

»Am 31. Dezember versendet das internationale Frühwarnsystem ProMED eine E-Mail. Es geht um eine unbekannte Lungenentzündung in China. Die Meldung zum neuartigen Coronavirus geht auch nach Berlin ans Robert Koch-Institut.«

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Relax!

Auf der Suche nach Themen für einen neuen Blogbeitrag erhielt ich auf Nachfrage bei Twitter gleich mehrere inspirierende Anregungen in Form von Fragen von Frau @fragmente. Eine davon möchte ich sogleich aufgreifen:

Was entspannt dich am besten?

»Hvis du tænker positivt hver eneste dag, arbejder hårdt, stræber efter at blive den bedste udgave af dig selv, omgiver dig med inspirerende mennesker og aldrig giver op, så er der ingen grænser for, hvor udmattet du kan blive.«

(»Wenn du jeden Tag positiv denkst, hart arbeitest, danach strebst, die beste Version deiner selbst zu sein, die Gesellschaft inspirierender Menschen suchst und niemals aufgibst, dann gibt es keine Grenzen, wie erschöpft du sein kannst.«)

(Svend Brinkmann, Professor für Psychologie an der Universität Aalborg)

Nicht mein Tag. Wecker überhört, im Bad fällt alles mögliche runter, die Lieblingshose hat ein Loch. Teetasse umgekippt. Auf dem Rad durch einen distanzlosen Autofahrer ins Schlingern geraten. Der Kunde findet den knapp kalkulierten Kostenvoranschlag für seine Broschüre zu hoch. Die Rechtsschutzversicherung und die BahnCard-Abteilung der DB möchten gleichzeitig ihr Geld. »Alles anzünden« ist ein intuitives Verlangen, aber leider keine Lösung, ebenso wie andere gewalttätige Fantasien. Angemessen lautes Schreien riefe die Polizei auf den Plan. Was also tun? Bleibt nur noch: Entspannen.

Aber wie? Es gibt Entspannungsreisen, Entspannungskurse, Entspannungsbadezusätze, Entspannungstees, gedruckte Entspannungsratgeber, Yogavereine, Meditationsgruppen, Audiobücher für autogenes Training, Entspannungs-Apps, Antistress-Kochbücher, Relax-Floating-Studios, Wellness-Oasen, Wohlfühl-Massagesalons, Magazin-Tipps für entspannend wirkende Lebensmittel, Entspannungsmatratzen, ätherische Öle zum Entspannen, Entspannungsmusik, Entspannungsbälle (mit Noppen), Kurse für »meditatives Malen« oder Entspannungscoachings mit Tieren. Allein die richtige Auswahl scheint schon wieder ziemlich unentspannend werden zu können, ebenso wie wohl der darauf folgende Blick auf den Kontoauszug.

Vermutlich hat jeder seine ganz eigenen Symptome und Körperregionen, die sich bei Entspannungsmangel (vulgo »Stress«) bemerkbar machen. Bei mir ist es die Nacken-, Kiefer und Kopfmuskulatur. Man glaubt gar nicht, wieviel Kraft in den Muskeln in und um den Schädel herum steckt. Ihnen verdanke ich neben gelegentlichen spannungsbedingten Kopfschmerzen auch einen (glücklicherweise recht hohen und gut ignorierbaren) dauerhaften Tinnitus als Relikt aus der bislang unentspanntesten Phase meines Lebens. Damals half mir ein Yogakurs, in dem ich esoterikfrei (sic!) Atemübungen und Meditation lernen durfte. Dies war erstaunlich und oftmals augenblicklich wirksam, bis das Studio die Kursgebühren anhob (siehe »Kontoauszug«) und ich mich dort nicht mehr entspannt entspannen konnte.

Was ich aber auch aus dem Yogakurs mitgenommen habe, ist – lange vor der inflationären Ausbreitung dieses Wortes – im Alltag »Achtsamkeit« zu praktizieren. Sie besteht im Grunde darin, sich möglichst jeden Tag und insbesondere in stressigen Momenten, die einen mehr als zumutbar mitnehmen, mehrere einfache Fragen zu stellen: Fühle ich mich unter diesen Umständen (noch) wohl? Wenn nein: kann ich die Situation steuern oder den Bedingungen zugunsten meines Wohlbefindens entgegenwirken oder verantwortlichen Personen Grenzen aufzeigen (auch wenn diejenigen danach statt mir unentspannt sein könnten)? Wenn nein: kann ich mich der Situation (zeitweise) komplett entziehen? Wenn nein: kann ich zumindest im Anschluss an die Situation etwas tun, wodurch ich eine Kompensation, Entspannung und/oder meine innere Ausgeglichenheit (wieder)erlange? Eigentlich ganz einfach und man braucht dazu weder energetisierte Salzkristalle noch Lebenshilfebücher.

Außerdem mag ich den Begriff »Work-Life-Balance« nicht. Er suggeriert, dass Work (Arbeit) etwas ist, was einem zwangsläufig Substanz raubt und dass Life (Freizeit) unweigerlich mit Erholung einhergeht. Aber kann Arbeit, wenn sie Freude macht, nicht auch Kraft spenden statt kosten? Oder Freizeit, wenn alles schief geht oder man von nervigen Mitmenschen umringt ist, extrem kräftezehrend sein? Vielleicht wäre »Give-Take-Balance« ein besseres Wort. Wenn mir durch anstrengende Situationen oder Aufgaben Energie abhanden kommt, muss ich die möglichst bald irgendwie wieder auftanken. Und Entspannung muss auch nicht zwangsläufig heißen, dass man irgendwo im Wasser oder an Land einfach nur passiv herumliegt. Auch schweißtreibende Tätigkeiten wie Wandern, Radfahren oder Joggen (letzteres nicht für mich) können durchaus entspannend sein. Entspannung heißt aber aus meiner Sicht auf jeden Fall auch: die Kontrolle zu haben. Wenn ich alle Umstände einer Situation ohne jede Anstrengung kontrollieren kann und mir dies gleichzeitig Kraft und/oder Befriedigung bringt, statt mich auszuzehren, dann kann ich dabei auch Entspannung finden.

Aber was entspannt mich am besten? Ich habe eine Weile überlegt und zwei Antworten auf diese Frage gefunden:

1. Im Wald umherstreifen

In Wald könnte ich mich wälzen.

Ich vermute, hier haben mich die Herkunft meiner beiden Eltern aus dem Südharz und die damit verbundenen häufigen Besuche und Ferien bei Oma und Opa am meisten geprägt. Bei beiden Großeltern lag der Wald nur wenige Fußminuten hinterm Haus und ich kann nicht zählen, wie oft ich alleine oder mit Freunden aus der Nachbarschaft dort herumstromerte. Wälder sind bis heute meine grüne, schattige, ruhige Batterie. Im Wald ist alles gut. Der Wald riecht nach feuchtem Moos, Pilzen, Humus, Laub und Ozon. Er spielt mit dem Licht, das durch die Baumkronen fällt. Er lässt unendlich viel wachsen und genausoviel sterben. Der Wald zeigt mir angstfrei, wie der Kreislauf des Lebens funktioniert und was er bezweckt. Alles Tote wird wieder zu etwas Lebendigem und umgekehrt. Im Wald habe ich das Gefühl, ich bin irgendwo, wo ich schon immer zu Hause war. Dort ist es im Sommer angenehm kühl, es gibt entweder so gut wie keine Geräusche oder sie sind wunderbar beruhigend – Blätter rauschen, Vögel zwitschern, irgendwo rauscht ein Bach, der Wind streicht durch die Wipfel. Im Wald kann ich Pilze finden, Kräuter, Pflanzen, Beeren. Entweder welche, die ich bereits kenne oder ich lerne neue (essbare) Arten kennen und erweitere mein Wissen – eine leckere Mahlzeit danach oder einen Snack am Wegesrand inklusive. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, in meinem Testament dereinst die Bestattung in einem schönen Friedwald zu verfügen. Ich mag den Wald. Er ist meine Entspannungsoase Nummer eins, nicht nur fast jedes Wochenende beim Wandern in den Wäldern in erreichbarer Umgebung, sondern auch im Urlaub (vorzugsweise Schweden, Dänemark oder auch Großbritannien). Wann immer ich ein neues Ferienhaus in unmittelbarer Waldnähe beziehe, ist meine erste Unternehmung nach dem Auspacken der Koffer ein Alleingang in den Wald. Ich möchte ihm Hallo sagen, ihn kennenlernen, einatmen, mit Augen, Ohren, Nase aufnehmen. Ohne Waldkontakt wäre ich wohl ein ziemlich unentspannter Mensch, ich würde sogar sagen: ich könnte nicht ohne.

2. Kochen

Rosenkohl in Blätter teilen (Mitte oben) kann ich zur Meditation sehr empfehlen.

Im Alltag hingegen, nach einem »nicht mein Tag«-Tag habe ich leider meistens keinen Wald zur Hand. Dann überlege ich zeitig (siehe oben unter »Achtsamkeit«), was mir guttun würde, was ich abends gerne äße, worauf ich Appetit habe oder was mir Freude machen würde, zu kochen. Je angespannter oder gestresster ich bin, desto entspannender wirkt es auf mich, das ausgesuchte Gericht zuzubereiten. Manch anderer gestresster Mensch hat womöglich null Lust darauf, sich nach einem unerfreulichen Tag lange mit der Zubereitung seines Abendessens zu befassen und bevorzugt das Prinzip »Dose (oder Packung) auf und einfach nur warmmachen«. Das ist durchaus nachvollziehbar. Ich hingegen finde es geradezu meditativ, eine Stunde oder länger am Küchentisch zu sitzen, Ingwer zu schneiden, Zwiebeln zu hacken, Käse zu reiben oder andere Zutaten zu putzen und zu zerkleinern. Manche Rezepte, die ein extrem aufwendiges Würfeln ihrer Gemüsezutaten anraten, wie ein von Grund auf selbstgekochtes »Ragù alla Bolognese« mit nur wenige Millimeter großen Sellerie-, Karotten- und Zwiebelwürfeln, wirken besonders tiefenentspannend. Ich rieche die Zutaten, spüre ihre Beschaffenheit, kontrolliere (!) ihre Verarbeitung und sehe unmittelbar danach das (zumeist) beglückende Ergebnis meiner Arbeit. Ein Teil der Entspannung beruht wohl auch darauf, dass ich – geprägt durch Fernsehköche der 70er bis 90er Jahre wie Max Inzinger oder Alfred Biolek – ein großer Freund des »mise en place« bin: alle benötigten Zutaten werden von mir vor dem Kochen, nicht währenddessen präpariert. Das maximiert die Dauer der zusammenhängenden meditativen Phase der Vorbereitung und minimiert eventuellen erneuten Stress, würde man plötzlich merken, dass man ja noch acht Kartoffeln schälen müsste, während gerade schon das Fleischmedaillon in der Pfanne verbrutzelt. Das sollte vermieden werden, denn es geht ja schließlich um Entspannung.

Kochen ist eigentlich eine Tätigkeit mit einem zeitlich vergleichsweise unverhältnismäßigen Aufwand. Fast alle selbstgekochten Gerichte benötigen für ihre Vor- und Zubereitung deutlich mehr Zeit als für den anschließenden Verzehr. Es gibt kaum ein Tellergericht, das man nicht innerhalb von etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten aufessen könnte, aber sehr wenige Gerichte, die man innerhalb desselben Zeitraums zubereiten kann. Gerade deshalb betrachte ich das Kochen ganzheitlich. Die Vorbereitungen sind keine lästige Hürde, die ich zu überwinden habe, um endlich etwas Essbares auf den Tisch zu bringen, sondern sie sind ein Teil des Genusses, auf ihre eigene, emotionale, handwerkliche Art. Ich genieße das in Zubereitung befindliche Gericht quasi beim Schnibbeln schon vorab – die Vorbereitungen sind die Ouvertüre, die Sneak-Preview, der Trailer. Die servierte Mahlzeit ist dann das Hauptprogramm.

Hinzu kommt, dass gutes selbstgekochtes Essen keine großen Kosten verursachen muss, wenn man sich ein wenig mit Warenkunde und der Qualität der Zutaten auskennt. Richtet man sich dann noch nach überall einsehbaren Saisonkalendern für lokales Obst und Gemüse, das je nach Jahreszeit reichlich und günstig erhältlich ist, kostet so ein schmackhafter Entspannungstrip in der heimischen Küche oft kaum mehr als fünf bis acht Euro. Hat man Freunde, deren Anwesenheit ebenfalls entspannende Wirkung entfaltet, kann man durch deren Einladung zum Mitkochen und -essen sogar noch eine Entspannungsebene drauflegen, ganz zu schweigen davon, dass auch der anschließende Verzehr der selbstgekochten Mahlzeit wesentlich zur Entspannung beiträgt.

Das ist es also, was mich am meisten entspannt. Das Bloggen heute war allerdings auch recht entspannend. Ich hoffe, das Lesen war es ebenfalls.

Fotos: © formschub

Hömma!

In freundlicher Zusammenarbeit mit Audible

Ich weiß jetzt schon, dass dies vermutlich ein Beitrag ist, der mir künftig bei der Blogpflege einiges an Mühsal bereiten wird, weil im Text so viele Verlinkungen mit Hörbeispielen und Videos vorkommen und diese ja meist nicht ewig funktionieren. Aber wie soll man über Stimmen schreiben, wenn man sie nicht auch hören kann? Deshalb die vielen Links – denn Stimmen sind heute mein Thema.

Foto: © formschub

Die Idee dazu kam mir, als ich neulich mal wieder eine Folge der Serie »Vikings« sah und merkte, dass mich die deutsche Synchronstimme einer der auftretenden Figuren, König Olaf, irritierte. Irgendwoher kannte ich sie, aber »anders gesprochen«, nicht so rauh und gepresst. Fast die gesamte Folge lang suchte ich in meinem Kopf nach der Assoziation, die die Stimme auslöste, bis es mir endlich einfiel – es war die älter intonierte Stimme des deutschen Synchronsprechers Detlef Bierstedt von Commander Will Riker alias Jonathan Frakes aus Star Trek – The Next Generation. Hätte ich »Vikings«, wie manch andere Serie, in der Originalfassung gesehen, wäre mir diese Irritation erspart geblieben – einer der möglichen Nachteile einer deutschen Synchronisation.

Stimmen der Kindheit

Aber deutsche Synchronstimmen sind trotzdem was Tolles. Wenn ich versuche, mich an die frühesten Stimmen fiktiver Figuren aus Hörspielen und Filmen zu erinnern, die mir einfallen, sind vermutlich die ersten aus meiner Kindheit »Dick und Doof« alias Oliver Hardy und Stan Laurel, gesprochen von Bruno W. Pantel als Olli und Walter Bluhm als Stan (Walter Bluhm begegnete mir später wieder als die Stimme von Mr. Stringer in den »Miss-Marple«-Verfilmungen mit Margaret Rutherford). Mit einer stimmlichen One-Man-Show sorgte auch Hanns-Dieter Hüsch als Off-Stimme bei den ZDF-Fernsehbearbeitungen der Laurel-und-Hardy-Filme und in den Slapstick-Episoden »Väter der Klamotte« für meine nachhaltige Erheiterung als Kind. Dicht dahinter folgen Ernie und Bert aus der »Sesamstraße«, deren unverwechselbare deutsche Stimmen Gerd Duwner und Christian Rode beisteuerten, und die »Nachbarn« des Puppenduos: Schlemihl, Sherlock Humbug (beide Horst Stark), Grobi (u.a. Karl-Ulrich Meves) und das Krümelmonster (u.a. Alexander Welbat).

Etwa im selben Alter, noch in der Grundschule, hörte ich auf meinem kleinen orangefarbenen Cassettenrecorder bis zum tränenreichen Bandsalat das Hörspiel »Eine Woche voller Samstage« und erinnere mich bis heute an die Stimme von Peter Schiff als Sams-Adoptivpapa Herr Taschenbier, der kurioserweise auch die deutsche Stimme des rebellierenden Bordcomputers HAL in »2001 – Odyssee im Weltraum« ist.

Mit dem ersten eigenen Plattenspieler hielten die EUROPA-Hörspiele Einzug in mein Kinderzimmer und mit ihnen »Hui Buh, das Schlossgespenst«, gesprochen von Hans Clarin in Begleitung von Wolfgang Kieling als »König Julius der Einhundertelfte«.

Vom leichten Grusel der Hui-Buh-Geschichten weitete sich meine Vorliebe dann zu Beginn der Teenagerzeit unter anderem aus auf Klassiker wie »Dracula« (ebenfalls ein EUROPA-Hörspiel), dessen unheimliche Inszenierung mir im Nachhinein manch schlaflose Nacht bereitete, aber ich wollte das ja schließlich nicht anders. Gesprochen wurde die Geschichte von der einzigartigen Stimme Hans Paetschs; den blutrünstigen Grafen verkörperte ebenso einprägsam Charles Regnier.

Und dann das Fernsehen! Auch das Kinderprogramm pflegte damals extra Programmankündigungen durch Ansagerinnen und zumindest an die warme Stimme von Heidrun von Goessel kann ich mich noch gut erinnern. Inzwischen dem Grundschulalter entwachsen, erlaubten mir die Eltern, die 70er-Jahre-Klamauk-Show »Klimbim« anzusehen und somit gehören auch die Stimmen von Ingrid Steeger und Elisabeth Volkmann in mein Stimmenschatzkästchen. Letztere begleitete mich als die Stimme von Marge in der deutschen Fassung der »Simpsons« bis in die Gegenwart, zumindest solange, bis – nach ihrem Tode – Anke Engelke diesen Part gekonnt übernahm. In die memorablen Stimmen aus der »Comedy-Ecke« gehören auch Hape Kerkeling, Otto Waalkes, Dieter Hallervorden (Didi in »Nonstop Nonsens«) und seine Sketchpartnerin Rotraut Schindler, deren Stimme ich gerne auch nach Didi gerne noch viel öfter woanders gehört hätte – und natürlich Loriot und Evelyn Hamann, die mir nicht nur durch den einzigartigen Humor des »Meisters«, sondern auch durch ihr brillantes Spiel mit Sprache und Stimme im Gedächtnis geblieben sind (Update und danke an den Kommentar von Carsten, der mich auf das peinliche Versäumnis der Erwähnung der beiden hinwies!).

Was fällt mir zu Kino- und Spielfilmen aus Jugendtagen ein? Natürlich die bis heute als Klassiker geltenden Komödien des »französischen HB-Männchens« Louis de Funès, dem zwar im Laufe seines Filmschaffens verschiedene deutsche Sprecher die Stimme verliehen, aber in meinem Kopf höre ich aus meinem Filmfavoriten »Brust oder Keule« zuerst immer Gerd Martienzen. Eine grandiose Frauenstimme aus dieser Zeit verbinde ich auch mit dem Disney-Abenteuer »Bernard und Bianca«, in dem die rauchige Stimme der Synchronsprecherin Gisela Fritsch die Bösewichtin Madame Medusa für mich zum Leben erweckte (Leider habe ich zu diesem Film keine deutsche Hörprobe gefunden).

Unter den Klassikern der Siebziger darf auch »Ein Herz und eine Seele«, eine der ersten deutschen »Sitcoms«, nicht unerwähnt bleiben, denn auch dort erklang eine Stimme, die ich im Kopf mit mir trage: Elisabeth Wiedemann und ihr immer leicht pikierter, hanseatischer Tonfall als duldsame Gattin von »Ekel Alfred«.

Aus den Achtzigern erinnere ich mich vor allem an zwei Stimmen, die wegen ihres vermeintlich »erotischen« Timbres populär wurden: der raunende Radiobass Elmar Gunsch und Susi, die leicht frivole Off-Stimme aus Rudi Carrells Kuppelshow »Herzblatt«. Und auch wenn mich beide Stimmen persönlich nicht ansprachen, habe ich sie dennoch bis heute im Ohr.

Ab 1990 wurden in Deutschland die ersten Folgen von »Star Trek – The Next Generation« ausgestrahlt – für mich als Fan der Originalserie ein Muss. Seit jeher war ich angetan von der perfekt passenden, unterkühlten Synchronstimme Mr. Spocks (Herbert Weicker) und nun kam mit Ernst Meincke für Captain Picard (Patrick Stewart) ein ebenbürtiger Stimmnachfolger im Star-Trek-Universum hinzu, einige Jahre später (1996) eroberte Kate Mulgrew als Captain Kathryn Janeway mit der deutschen Stimme von Gertie Honeck den Delta-Quadranten. Ein weiteres sprachliches Star-Trek-Feature ist, dass die weibliche Computerstimme in fast allen Star-Trek-Folgen Majel Barrett gehört, der Ehefrau des Serienschöpfers Gene Roddenberry. Die Rollen bei der deutschen Synchronisation des Computers teilen sich Eva-Maria Werth und Margot Rothweiler.

Verwechslungsgefahr

Die deutsche Synchronisation bringt es manchmal auch mit sich, dass einige Sprecher für die Vertonung eines bestimmten Leinwandstars quasi »fest angestellt« sind. Das ist für den Zuschauer angenehm, weil er sich in einem gewohnten akustischen Rahmen der erzählten Geschichte und der verkörperten Figur widmen kann, ohne sich jedesmal mit einer neuen Stimme desselben Schauspielers anfreunden zu müssen – muss man ja bei deutschen Filmen schließlich auch nicht. Und auch für den Sprecher ist es von Vorteil, hängt doch die Popularität seiner Stimme bisweilen an derjenigen des synchronisierten Stars und bietet ihm damit idealerweise eine längerfristige Einkommensquelle.

Kurios wird es, wenn ein und derselbe Sprecher parallel für mehrere berühmte Schauspieler »gebucht ist« – und noch kurioser wird es, wenn zwei dieser Schauspieler dann zufällig gemeinsam in einem Film auftreten. So war etwa Thomas Danneberg lange Jahre sowohl für die Stimme von Arnold Schwarzenegger verantwortlich als auch für die von Sylvester Stallone. In den Action–Blockbustern »The Expendables 2« (2012) und »The Expendables 3« (2014) spielen beide gleichzeitig eine tragende Rolle und wurden tatsächlich auch beide darin von ihrem gemeinsamen Stammsprecher synchronisiert. Ich habe beide Filme nicht gesehen, vermute aber, die für gewöhnlich eher reduzierten Wortbeiträge in Werken dieses Genres waren mit ein Grund dafür, dass kein zweiter Sprecher notwendig war …

Weitere Kandidat*innen für solche Starstimmenkollisionen sind zum Beispiel Joachim Kerzel (Anthony Hopkins/Harvey Keitel/Dennis Hopper), Manfred Lehmann (Bruce Willis, Gérard Depardieu, Kurt Russell, Dolph Lundgren) und bei den Frauen Petra Barthel (Julianne Moore, Nicole Kidman, Uma Thurman), Bettina Weiß (Sandra Bullock, Milla Jovovich, Rachel Weisz, Juliette Lewis) oder Ulrike Stürzbecher (Jennifer Aniston, Kate Winslet, Patricia Arquette). Hollywood, da geht noch was!

Raunen, Wispern, Brummen, Säuseln

Was für Stimmen gefallen mir heute? Oft merke ich das erst, wenn ich sie höre. Spontan erinnere ich mich an zwei Alltagsbegegnungen: die eine war ein Werbeagentur-Kundenmeeting bei einer Hamburger Spieleentwicklungsfirma, bei dem sich mir der sonore Bass eines der Geschäftsführer ins Gehör schmeichelte und die zweite war ein Essen in einem italienischen Restaurant in Stralsund, bei dem unter den Gästen ein bayerischer Bariton war, dessen Timbre mir bis heute ebenfalls nicht aus dem Kopf geht. Ich habe offenbar ein Faible für tiefe, dunkel vibrierende Männerstimmen – die Sprecher Bryant Cantrell, Rolf Buschpeter oder Michael Leon Wooley mögen als Beispiel dafür dienen – oder, je nach Rolle, Benedict Cumberbatch.

Ich war natürlich auch neugierig, welche Stimmen in meinem »Twitterversum« besonders beliebt sind, deshalb machte ich vor kurzem auf Twitter eine kleine Umfrage dazu. Die Resonanz darauf hat mich überrascht und gefreut: In insgesamt 162 Antworten wurden insgesamt 217 Sprecher und Sprecherinnen genannt, darunter 166 Männer und (leider, warum?) nur 51 Frauen. Ich habe die Antworten nach Mehrfachnennungen sortiert und die ersten vier Plätze für Herren und Damen zusammengestellt. Und weil viele der Replies sich auch ausdrücklich auf den Stimmengenuss bei Hörbüchern bezogen, habe ich für die Platzierten auch jeweils ein Hörbuch von Audible verlinkt, das von den gekürten Stimmenfavoriten gelesen wird – akustische Leseproben inklusive.

Männliche Stimmen:

  1. David Nathan (u.a. Christian Bale, Johnny Depp): 11 Nennungen, liest »Es« von Stephen King
  2. Hans Paetsch: 8 Nennungen, liest »Der Stechlin« von Theodor Fontane
  3. Benedict Cumberbatch: 7 Nennungen, liest »Die Verwandlung« von Franz Kafka, natürlich in englischer Sprache, und teilt sich den 3. Platz mit Christian Brückner (Robert de Niro), Norbert Langer (Tom Selleck) und Stephen Fry
  4. Andreas Fröhlich (John Cusack, Edward Norton): 6 Nennungen, liest »Der Krieg der Welten« von H. G. Wells

Weibliche Stimmen:

  1. Franziska Pigulla (Gilian »Scully« Anderson, Demi Moore): 8 Nennungen, liest »Carrie« von Stephen King
  2. Katharina Thalbach: 7 Nennungen, liest den Miss-Marple-Roman »Ruhe unsanft« von Agatha Christie
  3. Hansi Jochmann (Jodie Foster): 3 Nennungen, liest »Das Schweigen der Lämmer« von Thomas Harris
  4. Cate Blanchett: 2 Nennungen

Die komplette Liste mit allen Nennungen, alphabetisch nach Vorname sortiert (PDF)

Und obwohl Blogkommentare nicht mehr so richtig »en vogue« sind, freue ich mich natürlich trotzdem über Eure Stimm-Erinnerungen, Anekdoten oder Anmerkungen, falls Ihr auch welche beisteuern wollt. Ich höre!

Smultronställe

»Smultronställe« ist ein schwedischer Begriff für einen Ort, der ein unterschätztes Kleinod ist. Wörtlich übersetzt bedeutet er »Walderdbeerstelle« und bezeichnet einen Platz, an dem man sich wohl fühlt, den man zur Entspannung und Erholung aufsucht und der für andere nicht leicht zu finden ist. Oft hat man zu dieser Umgebung auch einen persönlichen emotionalen Bezug.

Letzter Urlaubstag an der Havel. Auf Wiedersehen im nächsten Jahr.

(Ich selbst beherrsche leider keine Aquarellmalerei, aber ich konnte der iOS-App Waterlogue zumindest die Fotovorlagen liefern …)

Grillmarinade »Tiānshàng de zhū*«

* Himmlisches Schwein

Trotz aller teilvegetarischen Ambitionen ist der Sommer für mich auch immer wieder der große Verführer dahingehend, mal wieder ein gutes Stück Fleisch zu verzehren und das – natürlich – gegrillt. In dem aktuellen Kurzurlaub kamen zwei weitere Versuchungskatalysatoren hinzu: zum einen überraschte uns der Vermieter mit einem nagelneuen, originalverpackten Luxusgrill mit Kohlebrikettwannenhöhenverstellung, Warmhalterost, Temperaturanzeige, Grillgutablage, integriertem Flaschenöffner (fällt marketingtechnisch vermutlich unter »Männerzubehör«) und etlichen Ventilationshebeln zum Regulieren von Feuer und Glut, zum anderen kamen wir bei einer Einkaufstour ins nächstgelegene supermarktbestückte Nachbardorf an einer kürzlich eröffneten Landfleischerei vorbei, deren Auslage mit Produkten aus eigener Viehhaltung lockte. Und so beschlossen wir, mit zwei rustikalen Nackensteaks, zwei Scheiben feinem Roastbeef und einem Paar »Currygriller« den in bester IKEA-Manier zuvor selbst zusammengeschraubten Grill einzuweihen.

Bei Nackensteaks geht es bei mir nicht ohne eine Marinade. Anders als sonst bin ich dabei jedoch extrem wenig experimentierfreudig, seit jeher lege ich diese in eine asiatisch inspirierte »Tunke« ein, deren Rezeptursprung irgendwo im Dunkel der elterlichen Grillhistorie liegt und die ich über die Jahre stetig perfektioniert habe, wobei das Rezept angenehm mengentolerant ist – will sagen: ob von einer Zutat etwas mehr oder weniger drankommt, wirkt sich auf das Ergebnis kaum aus, wichtig ist aber, dass keine Zutat vergessen wird. Auf dem Grill karamellisiert die leicht zuckerhaltige Mixtur zu einer köstlichen Kruste, die entfernt an die Lackierung einer Peking-Ente erinnert. Ich möchte meine Nackensteaks bitte niemals mit etwas anderem grillen.

Zutaten
Mengenangaben pro zu marinierendes Steak, einfach entsprechend multiplizieren

1 EL Sojasauce
1 EL dunkler Balsamico
1 EL Sherry medium, Portwein oder Madeira
1 EL guter Tomatenketchup (Zuckergehalt nach Geschmack, je mehr Zucker die Marinade enthält, desto mehr ist zum Karamellisieren da …)
1 TL Tomatenmark
1 EL Öl (Raps, Olive, Sonnenblume, Erdnuss o.ä.)
1 Prise Salz und Pfeffer
½ TL Chinesisches Fünfgewürzpulver

Alle Zutaten in einer flachen Schüssel gut miteinander verrühren und die Steaks rundum gut damit einstreichen. Mindestens 1–2 Stunden ziehen lassen und ab auf den Grill. Es hilft, wenn der Grill nicht allzu heiß ist, da der Zucker in der Marinade ansonsten schnell verkohlt – dunkelknuspriges Karamellisieren ist hingegen absolut erwünscht.

Fertig gegrillt, an Wachsbohnensalat mit Dill-Orangen-Sahne

Bonusrezept: Wachsbohnensalat mit Dill-Orangen-Sahne

Ein sommerliches Bohnensalatrezept für alle, die keine rohen Zwieben mögen.

Zutaten
für 4 Portionen

3 Gläser/Dosen Wachsbohnen (Abtropfgewicht zusammen ca. 600 g)
200 ml Sahne
1 kleiner Bund Dill
Saft einer kleinen Orange
Saft einer kleinen Zitrone
1/2 TL frisch gemahlener grüner Pfeffer
1/2 TL frisch gemörserte Korianderkörner
1 EL Balsamico
Salz

Die Bohnen in einem Sieb gut abtropfen lassen und in eine Salatschüssel geben. Den Dill von dicken Stielen und Stängeln befreien und das Grün fein hacken. Sahne, Balsamico, Zitronen-/Orangensaft und Gewürze zu einem Dressing verrühren, den Dill zugeben und mit Salz abschmecken. Das Dressing unter die Bohnen heben und den Salat im Kühlschrank mindestens 2 Stunden durchziehen lassen.

Foto und Rezept: © formschub

Sommerkokon

Ich liege rücklings auf einer Decke auf einer Wiese am Ufer der Havel und schaue nach oben. Drei Baumkronen rahmen meinen Blick auf den Himmel ein. Überhaupt sollten nur Baumkronen das Wort »Krone« benutzen dürfen, alle anderen Kronen sind lächerlich, unmajestätisch oder eitel (»Krone der Schöpfung«, hamwergelacht). Die Schaumkrone auf einem Bier oder einer Welle würde ich vielleicht noch durchgehen lassen, aber damit hat es sich auch ausgekront.

Der Himmel ist unglaublich blau, nur ganz feine Wolken beschleiern ihn, Schwalben ziehen weite Schleifen hoch oben, es weht ein leichter Wind und die Temperatur ist »genau richtig«. Dann ist es egal, ob das Thermometer dreiundzwanzig Grad zeigt oder achtundzwanzig, die Luft hat auf eine wunderbare Weise genau dieselbe gefühlte Wärme wie die eigene Haut, sie ist einfach nur ein temperaturloser Hauch, der leicht zwischen den Härchen auf Armen und Beinen hindurchweht, ohne jede andere Eigenschaft als genau dieses sommerliche Streicheln. »Schwedenwetter« ist mein Wort für so eine Konstellation und dazu gehört irgendwie auch, dass man dabei in der Nähe eines schönen Gewässers liegt (oder sitzt).

Gerade war ich schwimmen, in der Havel. Das Wasser ist zwar noch ein wenig frisch, aber mit einem beherzten Eintauchen kalibriert sich der Körper schnell in der nassen Umgebung. Etliche kleine Fische huschen durch das erstaunlich klare Wasser, auf den ersten Blick sind sie kaum vom sauberen sandigen Grund zu unterscheiden. Wenn man ganz still hält, kommen sie in kleinen Wellen aus Neugier und Zurückschrecken immer näher, manchmal berühren sie fast meine Hände oder Füße. Zwischendurch durchstupsen sie immer mal die Wasseroberfläche, um sich einen obenauf treibenden Insektensnack einzuverleiben.

Schon mehrfach war ich hier in diesem Ort, in dem kleinen, gelb gestrichenen Häuschen, zwei Gehminuten vom Flussufer entfernt. Ich werde mich hüten, den Namen des Dörfchens auszuplaudern, es sind in diesem Jahr schon deutlich mehr Urlauber hier als in den vergangenen Jahren, Corona sei’s gedankt. Ich freue mich natürlich für die Ladenbesitzer, Ferienvermieter und Gastronomen, andererseits ist es gerade die spärliche Schar an Urlaubern, die einen der vielen Reize dieser Gegend ausmacht. Ich brauche keine Handtuchparzelle inmitten einer Horde von Ostseestrandtouristen, für mich gehört Abstand zu anderen Menschen seit jeher zu dem, was ich im Urlaub und im Alltag nicht missen möchte. Abstand und Stille.

Stille gibt es hier auch reichlich. Man spürt sie am stärksten, wenn man gerade aus der wimmeligen Großstadt eingetroffen ist, dann ist der Gegensatz zum Gewohnheitslärm am stärksten. Nach ein paar Tagen hört man die Stille nur noch, wenn sie durchbrochen wird, von einer vorbeibrummenden Hummel, einem klappernden Storch – von denen es hier viele gibt – oder von einem geselligen Heiterkeitsausbruch auf einer umliegenden Biergartenterrasse. Stille kann natürlich durchbrochen werden, aber sie muss nicht. Ich zumindest habe sie gerne in meiner Nähe und mag es, wenn sie mich begleitet. Es scheint Menschen zu geben, die sie nicht ertragen, die sich und andere stetig beschallen müssen, mit Musik aus Kopfhörern und Lautsprechern, mit Unterhaltungen, dem Lärm ihrer Maschinen und Gerätschaften, dem künstlich lautfrisierten Knattern von Motorrädern oder anderem Tumult. Ich bin dankbar für Tage wie heute, an denen mir solcherlei fern bleibt.

Ich liege hier auf dem Rücken am Fluss inmitten der Stille und der Sommer umspinnt mich mit einem Kokon aus flunkernder Friedlichkeit, die für einen Nachmittag alles vergessen macht, was die Welt da draußen beutelt. Es fühlt sich an, als gäbe es hinter diesem perfekten himmelblauen Tag kein Corona, keinen Klimawandel, kein Mikroplastik, kein Artensterben, keine größenwahnsinnigen »regierenden« Irren, keinen aufkeimenden neuen Faschismus, keine Überbevölkerung, keine Gewalt und keine Diskriminierung.

Ich weiß natürlich, dass dieser Tag mir nicht die Wahrheit sagt. Aber manchmal ist es einfach unbezahlbar, sich ganz bewusst auch mal einen Moment lang anlügen zu lassen.

Und selbst? – Muss ja.

Endlich habe nun auch ich mir mal die hochgelobte Serie »The Handmaid’s Tale« nach dem Roman von Margaret Atwood zur Ansicht vorgenommen. Vor einigen Monaten hatte ich bereits die Verfilmung »Die Geschichte der Dienerin« von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1990 gesehen, aber die Serie hat natürlich ungleich mehr Zeit zum Erzählen der Handlung und für die Zeichnung der Charaktere zur Verfügung – und sehr wahrscheinlich auch ein größeres Produktionsbudget.


Was der Darstellung der düsteren Geschichte aus meiner Sicht sehr zugute kommt, sind die zahlreichen Rückblenden – Alltagsszenen aus einer Zeit, die von der unseren (von Corona mal abgesehen) eigentlich kaum zu unterscheiden ist. Die rasend schnelle Transformation dieser »ganz normalen Demokratie« in eine christlich-fundamentalistische, patriarchalische Diktatur erscheint um so gruseliger im Lichte tendenziell nicht unähnlicher brandaktueller Situationen rund um den Globus, sei es in den USA unter Trump, in Brasilien mit Bolsonaro, in Polen (wo den aktuellen heutigen Wahlergebnissen zufolge die dortige PIS-Regierung vier weitere Jahre lang die Uhren zurückdrehen darf) oder in der Türkei, die sich ebenfalls immer weiter von einer Demokratie hin zu einer Autokratie bewegt.

Ich bin nun mitten in der ersten Staffel der Serie, die laut Episodenguide ähnlich enden wird wie die Literaturvorlage. Die bereits erschienene zweite und dritte Staffel wird wohl somit die Geschichte abseits des Buches fortsetzen. Ich bin gespannt, wie dies geschehen wird und ob es auf einem ähnlich hohen Niveau gelingt und funktioniert. Immerhin, so liest man, hat Margaret Atwood die erste Serienstaffel sowie deren Fortsetzungen als »Consulting Producer« begleitet, hat einen sekundenkurzen Cameo-Auftritt in der Pilotfolge und im Herbst 2019 erschien ihre eigene Fortsetzung der Geschichte (»Die Zeuginnen«) in Buchform. Diese wiederum spielt fünfzehn Jahre nach der Handlung des ersten Romans und somit auch nach Abschluss der bisherigen Handlung der Serie.

Trotz aller Düsternis jedoch findet sich auch in dystopischen Geschichten manchmal Platz für etwas Humor. Sei es, dass dieser vom Schöpfer selbst bereits so vorgesehen ist, wie etwa in Terry Gilliams großartigem Meisterwerk »Brazil«, oder er durch eigene Assoziationen beim Zuschauer bzw. Leser entsteht. Ich zum Beispiel musste im Verlauf der Serie zunehmend schmunzeln, und zwar jedesmal, wenn sich die Serienfiguren bei ihren Begegnungen die immer gleichen leergeleierten, staatlich verordneten Begrüßungsfloskeln zuwerfen. Ich hätte da längst schon den Drang nach etwas Abwechslung verspürt, geeignete andere Floskeln gibt es ja genug und einige davon habe ich mal zu einer kleinen Cartoonserie aufbereitet (die ersten beiden sind die Original-Begrüßungsformeln).

Viel Spaß – und mögen wir immer gut auf unsere schöne Demokratie aufpassen.

Amnesie und Inventur

Während – oder vielleicht auch aufgrund – des Corona-»Lockdowns« ab März/April 2020 habe ich mein Blog und das Bloggen wiederentdeckt. Zwischendurch lag das arme Ding sehr lange brach. Es gab immer schon mal kleinere »Lücken« von 2–3 Monaten (2007), von 2008 bis 2014 war ich recht regelmäßig aktiv, aber ab 2015 ging’s dann bergab. Es war mir lange gar nicht bewusst, warum eigentlich – ich war weder dauerhaft im Stress bzw. hatte keine Zeit noch hätte es mir an Themen oder Ideen gemangelt. Inzwischen habe ich eine Vermutung, aber davon erzähle ich gleich …

Backup-Fuck-up.

Während der langen Blogpause kam hinzu, dass sich Malware Zugang zu meinem Webhosting-Account verschaffen konnte und mein Provider aufgrunddessen die Domain kurzerhand offline nahm. Ich hatte zwar noch Zugang zu allen Daten auf dem Server und diverse rudimentäre, ältere Backups, aber im Prinzip gab es keine aktuelle und vollständige Kopie des Blogs vor der Abschaltung. Mit sehr kompetenter und netter Unterstützung von Thomas Renger (@dentaku) konnte ich im Herbst 2018 einen großen Teil meiner gesicherten alten Daten mit einer komplett neuen WordPress-Installation neu aufsetzen. Es gingen dabei leider etliche Kommentare verloren, aber die Blogbeiträge, Links und Bilder ließen sich rekonstruieren (sowas nennt man dann wohl »Web-Archäologie«). Mit frischem Kennwörtern, Schutz-Plugins und Updates kommt es nun hoffentlich nicht nochmal zu so einem »Blackout«.

Schädlinksbekämpfung.

Im Frühjahr folgte jetzt der zweite Schritt des »Refreshs«: ich implementierte ein »Recent Tweets«- und ein Cookie-Banner-Plugin, nahm etwas grafische Kosmetik vor, aktualisierte die Datenschutzerklärung und entfernte flattr- und Facebook-Like-Buttons, stattdessen können jetzt mit einem Klick datenschutzkonforme social-media-unabhängige Likes am Ende jedes Beitrags hinterlassen werden. Doch eine große Aufgabe (siehe Tweet zu Beginn dieses Beitrags) stand mir noch bevor: die Revision aller jemals geposteten Links. Es hatten sich insgesamt über 3.300 seit 2006 in allen Postings angesammelt. Glücklicherweise gibt es zum Auffinden ebenfalls ein hilfreiches Plugin, dennoch war das Ergebnis ernüchternd: etwa 300 Links wurden als »broken« klassifiziert, nochmal 180 weitere als »kritisch« (Timeout, Server Error, 403 Forbidden o.ä.). Fazit: »das Internet vergisst nichts« ist ein Mythos, im Gegenteil: es hat ein erschütternd löchriges und schnelllebiges Gedächtnis.

Vieles ließ sich »reparieren«, z.B. die Einbindung von YouTube-Videos, geänderte Links zu Unternehmens- oder Produkt-Websites, zu Bild- und Kartenmaterial oder Protokolländerungen von http zu https. Manches war irreparabel, aber verzichtbar, dann habe ich Links entfernt und dies in den Blogartikeln vermerkt. Tote Links, die essenziell für den Kontext des Blogartikels waren, erscheinen nun durchgestrichen, so dass man immerhin noch sieht, dass und unter welchem Namen dort einst ein Link existierte. Gut 1.500 Links wurden vom Plugin als »umgeleitet« gekennzeichnet, hier habe ich bislang nur Stichproben geprüft, diese Kategorie scheint insgesamt aber die unkritischste zu sein. Ich registriere ohnehin wenige Besucher, die im Archiv stöbern und ältere Beiträge lesen (obwohl es sich lohnt 😉), aber man hält ja auch gemeinhin jene Zimmer der Wohnung einigermaßen in Ordnung, die ein Besucher womöglich unerwartet betritt. Ergo: Frühjahrsputz erledigt!

Lang. Kurz. Kurz, kurz, kurz. Lang.

Während der kompletten Link-Durchsicht aller Blogeinträge gelangte ich aber auch zu der anfangs erwähnten Vermutung, warum mir das Bloggen zwischenzeitlich so sehr »abhanden kam«: es ist eine Mischung aus »Twitter ist schuld« und »mir fällt nichts ein für einen längeren Beitrag«. Vom Zeitpunkt meines Blogdebüts im Oktober 2006 bis etwa 2011 hatte ich keinerlei Hemmungen, sogenanntes »Microblogging« mit Bildern und/oder Beiträgen bis etwa 140 Zeichen (dem Twitter-Limit bis November 2017) auch hier im Blog zu betreiben – hier mal drei Beispiele: eins, zwei, drei. Nach 2011 verlagerte sich wohl unbewusst mein Schwerpunkt für solchen »Kleincontent« fast ausschließlich auf Twitter – hier im Blog erschienen nur noch Beiträge mit längeren Texten, wie etwa Rezepte, Erlebnisberichte oder selbst verfasste Kurzprosa.

Diese Erkenntnis weckte in mir die Absicht, künftig auch hier öfter mal wieder »Kleinkram« zu posten, anstatt solche Contenthäppchen immer und ausschließlich Twitter zuzuschieben. Ergänzend gibt es dafür ab sofort (auch für alle älteren Kurzbeiträge!) die neue Blogkategorie »Häppchenkost«. Denn einen weiteren Dornröschenschlaf meines Blogs möchte ich – zumindest nach meiner derzeitigen Stimmung – erstmal bis auf weiteres vermeiden. We’ll see …

Sogar ein Baum kann sich Dinge länger merken als das Internet.
Foto: © formschub

Blogstöckchen: »Narbengeschichten«

Nur durch Zufall wurde ich gestern via RT auf diesen Tweet aufmerksam, aber er brachte einen Gedanken, den ich kürzlich ebenfalls hatte, wieder zurück an die Oberfläche. Im Dezember letzten Jahres stieß ich auf das famose Fotoprojekt »Behind The Scars«, bei dem Menschen allen Alters und Geschlechts die Geschichten zu ihren Narben erzählen. Wie wäre es wohl, dachte ich, wenn man diese Idee auf die Twitter- und Blogosphäre übertrüge und etwas ausführlicher als in nur 280 Zeichen – womöglich sogar bebildert – die Geschichten erführe, die Blogleser, Follower und Followees zu ihren Narben berichten könnten? Ich weiß nicht, ob der schöne Brauch des »Blogstöckchens« noch gepflegt wird, aber ich möchte es hiermit gerne versuchen und alle dazu anregen, unter #narbengeschichten von den Begleitumständen ihrer bedeutsamsten Narben zu erzählen.

Zur größten Narbe an meinem Körper gibt es sogar schon einen Blogeintrag, deshalb wähle ich für heute aus meinen sechs vorhandenen Narben eine andere, an deren Ursache ich mich noch erinnere. Es ist eine der ältesten, sie befindet sich an meinem rechten Ringfinger, direkt neben dem obersten Gelenk. Ich trage sie mit mir, seit ich sechs Jahre alt war.

Zu dieser Zeit lebte unsere Familie gerade in Algerien, wo mein Vater von 1973 an für zwei Jahre als Gießereiingenieur für das Industrieunternehmen DIAG arbeitete. Für mich stand im Jahr 1973 mit sechs Jahren die Einschulung an und für alle Eltern schulpflichtiger Kinder gab es in der Nähe unseres Wohnortes die von diesem Unternehmen betriebene Deutsche Schule DIAG, Constantine. Dort besuchte ich die erste und teilweise zweite Klasse, ehe die Familie 1975 wieder zurück nach Deutschland umsiedelte.

Der Schulbus für die überschaubare Zahl an Schülern war ein graublauer VW Bulli mit dem in weiß auf den Seitentüren angebrachten, markanten Logo der Firma DIAG. Jeden Morgen machte der Bus im firmeneigenen »Siedlungscamp« am Stadtrand die Runde, sammelte die Schüler aller Klassen ein und lieferte sie auf dem Schulhof zum Unterricht ab. Nach Ende der vierten Stunde und nach Ende der sechsten Stunde holte der Bulli dann die Kinder nach ihrem jeweiligen Schulschluss wieder ab.

Am »Narbentag« hätte ich eigentlich länger als vier Stunden Unterricht gehabt und wartete in der Klasse auf den Beginn der folgenden Unterrichts, als plötzlich verkündet wurde, dass die folgende(n) Stunden ausfielen. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und rannte aus der Schule, denn vielleicht konnte ich ja den Schulbulli noch kriegen, der jeden Moment abfahren müsste. Ich hatte Glück (zunächst), denn der Bus stand noch abfahrbereit auf dem Schulhof, die Seitentür war geöffnet und ich beeilte mich, um ihn noch rechtzeitig zu erreichen. Im selben Moment, als ich am Bus ankam und einsteigen wollte, schloss einer der mitfahrenden Schüler, der mich nicht bemerkte, von innen mit Schwung die Schiebetür des Busses und der Ringfinger meiner Hand, mit der ich zum Einsteigen just in diesem Moment an den Türholm gegriffen hatte, geriet in den Schließmechanismus.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge danach nur noch das Bild rotbraun verfärbter Haut um die heilende Wunde, irgendjemand musste sie nach dem Vorfall mit Jod desinfiziert haben. Aber an mehr erinnere ich mich nicht. Ich hatte Glück, der Finger hätte vermutlich auch ohne weiteres noch stärker verletzt oder gar abgetrennt werden können. Die an jenem Tag ausgefallenen Schulstunden kamen mir aber wohl trotz des glimpflichen Ausgangs deutlich weniger zugute, als ich mir zunächst erhofft hatte.

Es liegt im Wesen von Narben, dass sie oft mit Blut und Schmerzen verbunden sind, aber das muss nicht heißen, dass es nicht auch andere Geschichten geben kann, die vielleicht sogar heitere oder skurrile Begleitumstände haben. Und selbst die schmerzvollen und düsteren Erfahrungen mit unseren Narben haben alle etwas Positives gemein: wir haben sie überlebt.

Ich werfe das Stöckchen hiermit in die Blogosphäre und würde mich sehr freuen über eine rege Teilnahme – für einen thematisch gebündelten Zugang könnt Ihr gerne hier in den Kommentaren oder bei Twitter (#narbengeschichten) auf Eure Erlebnisberichte verlinken.

Update: Stöckchenfänger

Ich freu mich, die ersten Blogger haben sich beteiligt! Wer dort weiterlesen mag, lasse sich hier hinüberleiten:

Einige Twitterer/Blogger haben nun auch noch Links zu ihren bereits früher veröffentlichten Narbengeschichten beigesteuert: