Einspruch

Das berühmteste Herbstgedicht – wer kennt es nicht?

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Rainer Maria Rilke)

Ich hätte da allerdings eine Entgegnung:

Herr, bist Du jeck? Der Sommer war zu kurz!
Nimm fix die Schatten von den Sonnenliegen,
und wenn schon Wind, dann höchstens einen Furz.

Die letzten Früchte? – meinetwegen lass sie reifen,
dann scheint die Sonne wenigstens noch mal
und Wein hat schließlich auch sein Potenzial,
zum schweren, süßen aber sollen and’re greifen.

Dass Bauprojekte stocken, Herr, ist heute üblich.
Allein muss niemand bleiben – es gibt Internet,
Lesen und Schreiben tut man mit Tablet,
doch düst’re Jahreszeiten machen mich betrüblich,
ich glaub’, der Herbst ist mittlerweile obsolet.

 

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