Autor: ProstetnikVogonJeltz

Radbericht (II)

Nun war er also angekommen, der riesige (aber gar nicht mal so schwere) Karton mit dem neuen LEMMO One E-Bike. Ich transportierte ihn die Treppen ins 1. OG hoch, machte etwas Platz auf dem Fußboden im Wohnzimmer und sah als erstes einen QR-Code außen auf dem Karton mit dem Hinweis, diesen zu scannen, bevor man den Karton öffnete. Daraufhin wurde ich zu einer Seite bei YouTube geführt, wo ein ausführliches siebenminütiges »Unboxing«-Video alle Schritte erklärt. »Hä?«, mag nun mancher denken, »Auspacken werde ich ja wohl noch selber können!«, aber das Video hat durchaus einen Sinn, denn die Lieferung ist im Inneren des großen Kartons in mehrere »intelligente« Teilverpackungen unterteilt und es ist durchaus von Belang, wie der Karton steht (nämlich hochkant mit einer definierten Seite nach oben orientiert) an welcher Stelle man ihn öffnet (nämlich an einer großen Aufreißlasche an einem der schmalen Enden) und in welcher Reihenfolge und auf welche Weise man dann die modularen Inhalte entnimmt. Denn der Hersteller hat sich durchaus viele und, wie ich finde, gute Gedanken zum Auspacken und Zusammenbauen gemacht. Zunächst entnimmt man eine kleinere Box, in der ein komplettes Werkzeugset und eine Fahrrad-Standluftpumpe mit Druckmesser (!) enthalten sind. Solch großzügiges Zubehör hat mich beim Preis des Rades ehrlich überrascht.

Als zweites entnimmt man das teilzusammengebaute Rad, das auf einem kleinen Kunststoffschlitten, der es auf ebenem Untergrund auch in der Senkrechten stützt, aus dem großen Karton gleitet. Daran ist auch das noch zu montierende Vorderrad befestigt. Noch ein Pluspunkt: sämtliche der ca. 20 Kabelbinder, mit denen die Teile in ihrer Verpackung fixiert sind, haben eine »Entriegelung«, so dass man sie zerstörungsfrei öffnen und ggf. im Haushalt wiederverwenden kann. Viele der Schutzmanschetten sind zwar aus Schaumstoff, aber etliche Polsterungen und Stoßfänger sind auch aus wabenartigem Pappmaterial gefertigt, so dass sich die Menge an Plastikabfall im Rahmen hält.

Ein größerer Wellpapp-Block mit einer Aussparung entpuppt sich als Ständer für das ummontierte Vorderrad, so dass man es ohne gesonderte Stütze senkrecht aufstellen kann, bis der Rest des Rades mit der vorderen Gabel aufgesetzt und verschraubt werden kann. Die Werkzeuge (ein großer gewinkelter Steck-Schraubenschlüssel und mehrere lange Inbusschlüssel in vier verschiedenen Größen) machen einen guten und soliden Eindruck. Im Video werden zum Festziehen der Schrauben Hinweise genannt, wie fest oder nicht so fest man die verschiedenen Schrauben anziehen soll. Das kann man nach Gefühl befolgen oder man hält sich an die exakten Drehmomentangaben, die ich später in der per QR-Code verlinkten PDF-Bedienungsanleitung entdeckte. Dafür braucht man dann allerdings einen eigenen Drehmomentschlüssel.

Der gesamte Aufbau geht natürlich nicht in den sieben Minuten vonstatten, die das Video dauert. Ich habe alles in allem etwa 90 Minuten ausgepackt, gelesen, mehrfach das Video oder einzelne Szenen angeschaut und die Montagehinweise befolgt. Alles war sehr gut verständlich und nachvollziehbar aufbereitet. Etwas verlängert wurde der Aufbau durch einen kleinen Transportschaden – der vordere Schmutzfänger (Kunststoff) hatte durch einen Stoß wohl einen Knick bekommen, der sich nicht durch manuelles Biegen entfernen ließ. Bevor ich diesen Schaden reklamieren wollte, habe ich aber den Versuch einer Reparatur vorgenommen, der auch erfolgreich war: Ich baute das Teil aus, fotografierte den Schaden zu Dokumentationszwecken und übergoss es dann in einer flachen Auflaufform mit 90 °C heißem Wasser. Wie erhofft, »erinnerte« sich der Kunststoff daraufhin weitgehend an seine ursprüngliche Form, ließ sich manuell problemlos wieder zurechtbiegen und behielt diesen Zustand dann in erkaltetem Zustand auch. Yeah!

Der Rest des Aufbaus verlief ohne Probleme, auch der Download der App, die Einrichtung des Accounts und das separate Registrieren des Rades sowie des SmartPacs klappten auf Anhieb. Die mitgelieferte Pumpe ist ebenfalls von guter Qualität und ließ mich die Reifen wie empfohlen aufpumpen. Nun musste ich noch das SmartPac aufladen, bevor ich zur »Jungfernfahrt« startete. Die Wartezeit vertrieb ich mir mit der Lektüre der Bedienungsanleitung und dem Studium der App. Gut: In der Bedienungsanleitung gibt es eine Liste mit möglichen Fehlercodes, die bei Defekten auf dem Display angezeigt werden, das erspart es dem Nutzer, mit kryptischen Kürzeln ratlos alleine dazustehen.

Ein kleiner Minuspunkt bei der ansonsten sehr aufgeräumten und intuitiven Bedienerführung und Dokumentation ist für mich die Übersetzung der deutschen Texte. Denn obwohl LEMMO offensichtlich ein in Deutschland gegründetes und ansässiges Unternehmen ist, laufen sehr viele Prozesse während der Bestellung und Dokumentation auf Englisch ab und Deutsch ist ganz offensichtlich nur »Plan B«. So stehen zum Beispiel auf der deutschsprachigen Website fehlerhafte Sätze wie »Dieses elegante Allroad-Maschine bringt Sie weit.« Bestellbestätigungs-Mails und -PDFs sowie der Rechnungstext sind ebenfalls englisch und die Servicemitarbeiterin, mit der ich wegen der verzögerten Lieferfrist telefonierte, ließ ebenfalls erahnen, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Alles legitim und (bis auf die etwas peinlichen Übersetzungs- und Tippfehler in den Werbetexten) vernachlässigbar, aber in der Software wäre m.E. etwas mehr Sorgfalt angebracht gewesen. Prüft man dort z.B. die Version der Firmware und diese ist auf dem neuesten Stand, erscheint die etwas sonderbare, wenngleich verständliche Meldung »Neueste Version schon!«. Manche ins Deutsche übersetzten Texte umfassen unweigerlich mehr Buchstaben als das englische Original, was dazu führt, dass bei Fortschrittsanzeigen oder Popup-Meldungen Textteile aus dem Display ragen oder die Fläche von User-Interface-Feldern überschreiten und somit für den User nicht lesbar sind. Zwar waren dies bislang nur Textschnipsel minderer Wichtigkeit, aber wer weiß, was noch kommt. Da ist noch Luft nach oben, doch Ähnliches habe ich selbst mit Photoshop schon erlebt, insofern darf man es nicht allein dem Startup-Status des Herstellers ankreiden.

Was noch auffällt, ist das etwas eigenwillige Profil der Reifen (Innova 44-584*). Ich bin gespannt, wie sich diese nach längerer Benutzung auch bei ungünstigeren Wetterverhältnissen auf der Straße verhalten. Optisch aber auf jeden Fall ein Hingucker und rein theoretisch wirken sie nicht, als wäre ihr Grip schlechter als bei herkömmlichen Profilen.

Nachdem das SmartPac aufgeladen war – laut Dokumentation dauert das vollständige Laden des entleerten Akkus gut 3,5 Stunden und ab Werk war er etwa halbvoll geladen, somit ging es schneller – setzte ich es erstmals in die Verriegelung am Rad ein. Dank der guten Anleitungen ging auch dies einfach und problemlos vonstatten. Sowohl am Rad als auch am SmartPac sind Abdeckungen gegen Staub und Feuchtigkeit angebracht, die aber leicht klapp- oder verschiebbar zu öffnen und zu schließen sind. Das Smartpac ist außen interessanterweise mit einer Art Textilbezug versehen, wie sich dieser bei Regen verhält, wird noch zu beobachten sein. Aber gegebenenfalls kann man ja hier mit einem Imprägnierspray bei Bedarf für Schutz sorgen.

Danach probierte ich »im Trockendock« noch die Steuerungen mit den Knöpfen am Lenker aus. Ein kurzer Druck auf den Knopf links lässt die elektronische Klingel ertönen. Ein netter und mäßig lauter Ton ist zu hören, leider mit einer kleinen Verzögerung, was im Gefahrenfall kritisch sein kann. Ich brachte daher sofort wieder wie beim VanMoof eine schön helle und laute herkömmliche Klingel am Lenker an. Ein langer Druck auf den Knopf links schaltet die Beleuchtung ein oder aus. Ein Druck auf beide Knöpfe links und rechts aktiviert und deaktiviert die Bolzenverriegelung des Rades und den Alarmton bei Bewegung im Parkzustand. Der Alarm ist nicht ohrenbetäubend, aber markant, aus meiner Sicht okay. Ein 2 Sekunden langer Druck auf den Knopf rechts soll im E-Bike-Betrieb während der Fahrt den »Turbo«-Modus aktivieren, dessen Benutzung steht allerdings bei mir noch aus. Ein kurzer Druck auf denselben Knopf rechts schaltet beim Fahren bequem und ohne Verzögerung durch die vier Unterstützungsstufen des Motorbetriebs (0 bis 3), die beiden Hebel für die 10-Gang-Schaltung (hoch/runter) sind ebenfalls am rechten Handgriff angebracht.

Am Hinterrad befindet sich eins der spannendsten Bedienelemente des LEMMO One E-Bikes: die patentierte Kupplung zwischen »motorisiertem« und »manuellem« Antrieb. Mit einem einfachen Herausziehen eines Drehknopfes direkt in der Mitte der Nabe und dessen Drehung nach rechts, bis er wieder zurückrastet, schaltet man zwischen den mit Buchstaben klar gekennzeichneten Modi »E« und »M« um. Ich habe das inzwischen mehrfach ausprobiert und bin von der Handhabung sehr angetan.

Nun ging es auf die Straße. Schon das Tragen aus dem ersten Stock nach draußen war deutlich angenehmer als mit meinem vorherigen VanMoof. Ohne SmartPac wiegt das LEMMO One 15 kg, mit SmartPac 3 kg mehr. Einige Kommentatoren kritisierten die recht hohe Montageposition des SmartPacs am Rahmen des Bikes, ich bewerte dies jedoch nicht als kritisch für den Schwerpunkt des Rades bei normalem Betrieb. Lediglich beim stehenden Transport unterwegs, z.B. in einem Bus oder Zug, würde ich das Bike sorgsam gegen Umfallen sichern, um die Halterung des SmartPac vor Schäden bei einem Aufprall zu bewahren.

Das Rad fährt sich »spritzig«, so mein Fazit nach den ersten Kilometern. Die Motorsteuerung springt smooth an und gibt, je nach Leistungsstufe, schon ab Level 2 spürbaren Schub. Der Motor (Dual Mode Hub/540 Wh*) läuft leise und für mich fast unhörbar, die Reifen rollen glatt und leichtläufig ab, die Bremsen (Disc, Zoom-4-Kolben*) lassen sich gut dosiert bedienen und greifen robust. Die erste Probefahrt über rund 8 km Strecke absolvierte ich komplett im E-Bike-Betrieb. Bei kleinen Halten zwischendurch erprobte ich die Ver- und Entriegelung mit dem integrierten Schloss, auch dies verlief problemlos. Insgesamt ein schönes Debüt.

Vor einer fotogenen Hecke bot sich ein erster Schnappschuss des Rades an.

Während der Fahrt konnte ich auch im hellen Sonnenlicht gut das integrierte Display ablesen. Es zeigt kontinuierlich den Ladezustand der beiden Akkus (SmartPac und Bedienelektronik) an, dazu die gefahrene Geschwindigkeit, die gewählte Leistungsstufe des Motors, den Status der Bluetooth-Verbindung und den der Beleuchtung. Ich habe keine Beanstandungen. Insgesamt habe ich bei dem Fahrrad das Gefühl, die Ingenieure und Designer haben sich vorab viele und gute Gedanken über das »Nutzererlebnis« gemacht, so dass das Rad angenehm und mit Spaß gefahren und bedient werden kann. Wäre die App noch ein bisschen sorgsamer umgesetzt (kann ja noch kommen), würde ich fast sagen »Ein E-Bike, wie es eines von Apple sein könnte«.

Die zweite Fahrt machte ich ohne eingesetztes SmartPac und mit ausgekoppeltem Motor im manuellen Betrieb. Hier fiel auf, dass die Kettenschaltung ab Werk bei meinem Rad offenbar nicht präzise genug eingestellt war. Bei etwa der Hälfte der zehn Gänge traten ständige »Kracher« und »Kettenrutscher« auf (gibt es dafür einen Fachbegriff unter Rad-Experten?) Ich werde mal recherchieren, ob es dazu direkt von LEMMO eine Anleitung oder ein Video zur Abhilfe gibt. Ansonsten gehe ich davon aus, dass ein Tutorial für die Justage dieser Art von Schaltung (Shimano Deore, 1×10; 38/11-42 Z*) auch anderswo zu finden sein sollte. Dem kann somit abgeholfen werden, obwohl ich diesen kleinen Makel ein bisschen schade finde, weil er gefühlt etwas auf das Qualitätsniveau der Endkontrolle zurückfällt.

Update: Ich hatte zwar ein sehr detailliertes Video bei YouTube gefunden, in dem die Einstellung einer Kettenschaltung von Grund auf sehr anschaulich erklärt wird, aber glücklicherweise brauchte es diese Maßnahme gar nicht. Es genügten zwei Drehungen des Einstellrades am Schalthebel, um die Schaltung zu justieren. 🙂

Ansonsten war auch die manuelle Fahrt ein angenehmes und Freude machendes Erlebnis. Ich freue mich über meine Kaufentscheidung und hoffe, dass ich mit diesem Bericht vielleicht einigen anderen E-Bike-Interessenten eine kleine Entscheidungshilfe an die Hand geben konnte.

Das Gefühl, mit dem LEMMO Bike One ein Gefährt erworben zu haben, das auch ohne Akku, App und Motor-Zuschaltung jederzeit wie ein ganz normales Rad funktioniert, hat sich nach den aktuellen Nachrichten über die finanziellen Turbulenzen des einstigen E-Bike-Pioniers und Platzhirschen VanMoof noch weiter verstärkt. Ich drücke LEMMO jedenfalls die Daumen, dass das noch junge Unternehmen mit seinem kreativen Konzept Erfolg hat.

Hinterlasst auch gerne einen Kommentar, ich freue mich über jedes Feedback!


* Quelle der genannten Detail-Informationen: Testbericht über das LEMMO One auf der MYBIKE Website.

Radbericht (I)

Im Sommer 2019 hatte ich mir mein erstes E-Bike gekauft. Ich war schon zuvor im Jahr 2014 auf die niederländische Firma VanMoof aufmerksam geworden, als ich nach einem schick designten »normalen« Fahrrad suchte und mir seinerzeit das Modell M2 zulegte (Edit: VanMoof kämpft offenbar seit Ende Juni gegen seine Insolvenz, siehe Updates am Ende dieses Beitrags). 2017 brachte das Unternehmen dann sein erstes elektrisch angetriebenes Rad (VanMoof Electrified S1) auf den Markt und nahm die »manuellen« Modelle nachfolgend aus dem Sortiment. Anfang 2019 bewarb VanMoof dann die elektrischen Nachfolgemodelle Electrified S2 und X2 und köderte Neukunden mit einem »Early Bird Offer«, der das größere Modell S2 zum Sonderpreis von 2.598 EUR anbot (der UVP betrug stattliche 3.398 EUR). Die Optik überzeugte mich, die in den Folgemonaten veröffentlichten Testberichte waren geradezu überschwenglich – und so griff ich zu. Knapp 8 Wochen musste ich warten, dann wurde das elektrifizierte Objekt der Begierde geliefert und ich durfte es »unboxen«.

Das VanMoof Electrified S2, frisch aus dem Karton (24. Juli 2019)

Ich bin eher ein »Schönwetterradler«, da ich in Hamburg als autoloser Verkehrsteilnehmer auch problemlos bei Regen, Schnee und Sturm mit dem ÖPNV an meine Ziele komme. Dennoch bin ich das Rad in den vergangenen 4 Jahren gut 2.700 km gefahren und habe in dieser Zeit genug Gelegenheit gehabt, die Vorteile und Nachteile, die es aus meiner Sicht hat, zu erkennen und zu beurteilen.

Das schicke Design gehört zweifellos zu den Vorteilen. Zu Beginn war die Marke VanMoof in Deutschland noch nicht allzu bekannt und so wurde ich mehr als einmal an der roten Ampel auf das Rad angesprochen. Ein weiteres hochgeschätztes Feature war für mich stets der sogenannte »Boost-Button« am rechten Lenkergriff. Man kann zwar den Grad der Motor-Unterstützung aus 5 Stufen wählen (0 bis 4), aber sowie man den Boost-Button gedrückt hält, schaltet der Motor für die Dauer des Knopfdrucks die volle Motorleistung dazu. Das verbraucht zwar bei häufiger Nutzung spürbar mehr Akku, aber es ist eine Freude an Steigungen, beim Start an der Ampel oder beim Überholen. Das im Oberrohr integrierte LED-Display zeigt u.a. Ladezustand, Motorstufe und Geschwindigkeit an und ist auch bei hellem Tageslicht gut ablesbar. Die breiten Reifen haben einen guten Grip, der Sattel ist auch während längerer Fahrten komfortabel und die Bedienung des Rades ist insgesamt recht intuitiv. Ein weiterer Pluspunkt ist die Möglichkeit, das Rad mit einem integrierten Bolzenschloss an der Nabe zu verriegeln und elektronisch zu entsperren. Auch der laute, fauchend-elektronische Warnton, den das Rad von sich gibt, wenn es in abgesperrtem Zustand bewegt wird, ist eindrucksvoll. Im Rad ist eine SIM-Karte eingesetzt, die es ermöglicht, es bei Verlust oder Diebstahl per GPS zu orten, die Lokalisierungsfunktion ist in die App integriert. Eine coole Idee, die mich ebenfalls überzeugte.

So mittelgut fand ich nach einiger Zeit, dass das Rad zwar zusätzlich zur Motor-Unterstützung zwei mechanische Gänge anbietet, die nicht per Schalthebel, sondern per »Automatik« gesteuert werden. Das hat oft nicht so gut geklappt. Die Gänge schalteten nicht rechtzeitig oder mit einem hörbar lauten »Ruck« und zwei Gänge fühlten sich auch nach etlichen gefahrenen Kilometern mit der Zeit etwas wenig an. Im Lieferumfang des Rades ist kein Gepäckträger enthalten, den musste ich für 59 EUR hinzukaufen. Die elektronische Klingel ist zwar ausgesprochen laut, aber der sonderbare Klingelton, der an die Glocke eines Eiswagens erinnert, klingt so wenig »nach Fahrrad«, dass Passanten das Geräusch oft gar nicht mit mir als herannahendem Radfahrer assoziierten und trotzdem weiter auf dem Radweg umherliefen. Auch hier musste ich mir eine »manuelle« Klingel hinzukaufen und montieren, mit der dies dann wesentlich besser funktionierte. Die Integration der App war im Großen und Ganzen okay, aber es gab doch häufiger mal Hänger, Verbindungsprobleme und später mit steigender Versionsnummer auch Funktionen, die mit meinem S2-Modell nicht (mehr) so gut funktionierten wie zu Beginn. Offenbar hatte VanMoof die App mit dem Erscheinen der Nachfolgemodelle Electrified S3 und X3 und wiederum deren Nachfolgemodellen zwar aktualisiert, aber dabei die Besitzer der älteren Modelle (vorsätzlich oder fahrlässig) aus dem Fokus verloren. Mehr als einmal kam ich mir »abgehängt« vor, wenn nach einem App-Update Dinge, die vorher klappten, nicht mehr (so gut) funktionierten. Das betraf insbesondere die Fahrten-Aufzeichnungsfunktion und die Einrichtung des Entsperrens des abgeschlossenen Fahrrads mit einem »Tasten-Morsecode«, was als Ausweichmöglichkeit dienen sollte, wenn die App oder das Smartphone mal nicht verfügbar sind. Alles zwar nur kleinere Wermutstropfen, aber in Summe dann doch etwas betrüblich.

Kommen wir zu den Nachteilen. Das hohe Gewicht des Rades war für mich einer davon und er hängt mit einem zweiten zusammen. Denn der Akku im Electrified S2 ist nicht zum Laden entnehmbar, das Rad muss also stets dort aufgeladen werden, wo es bei Nichtbenutzung abgestellt wird. Das führte in meinem Fall dazu, dass ich das Rad seit der Anschaffung bei mir im Wohnzimmer abgestellt habe und es somit jedes Mal durchs Treppenhaus in meine Wohnung im 1. Stock schleppen musste. Insbesondere nach Fahrten bei nassem Wetter war das zusätzlich lästig, denn die verschmutzten und feuchten Reifen wollten zuvor entweder gereinigt oder mit einer Unterlage versehen werden, um den Fußboden in der Wohnung nicht in Mitleidenschaft zu ziehen. Gut, man könnte sagen, das hätte ich mir auch vor dem Kauf überlegen können, aber unpraktisch ist es im Gebrauch dann halt doch.
Die Bremsen waren aus meiner Sicht ein weiterer Nachteil. Warum VanMoof für ein so schweres Rad, das bis zu 25 km/h schnell fahren kann, nur mechanische statt hydraulischer Handbremsen verbaut hat, ist nach einigen stärkeren Bremsmanövern verwunderlich. Auch bei der Beleuchtung stellten sich zwei Dinge als nicht wirklich gut durchdacht heraus: sie ist erstens ausschließlich per App ein- und ausschaltbar. Es gibt zwar einen »Automatik«-Modus, aber der wurde trotz einsetzender Dunkelheit bei Unwetter oder Dämmerung nicht immer zuverlässig aktiviert, so dass man unterwegs das Smartphone rauskramen und das Licht manuell einschalten musste. Und zweitens wurde beim Rücklicht leider die Sicherheit dem Design geopfert, finde ich. Das sehr hoch in der Querstange verbaute Rücklicht kann durch eine lange Winterjacke oder die Beladung auf dem Gepäckträger abgedeckt werden, weshalb ich mir am Heck-Schutzblech einen zusätzlichen roten Reflektor anbrachte.

Nach vier Jahren beschloss ich also, Ausschau nach einem neuen E-Bike zu halten, das möglichst alle Vorteile des »alten« Rades bewahrte und gleichzeitig alle Nachteile ausmerzen konnte – und das vorzugsweise zu einem bezahlbaren Preis. Gut drei Monate recherchierte ich Anfang 2023 und hatte am Ende drei Modelle in der engeren Wahl:

  • Das Smafo E-Bike von einem Hersteller, der in Paderborn gegründet wurde (1.799 – 2.099 EUR)
  • Das Smart Urban von Econic One, einem Anbieter mit Hauptsitz in Bulgarien (2.499 EUR)
  • Das LEMMO One von einem Startup aus Berlin (1.090 – 1.990 EUR)

Nach etlichen Vergleichen und der Lektüre von Testberichten entschied ich mich dann für das LEMMO One. Es hatte aus meiner Sicht die meisten Vorteile, die vor dem Kauf für mich entscheidend waren:

  • Das wirklich gelungene Design und die ansprechende Farbe
  • Das modulare Preiskonzept: Das »manuelle« Rad kostet nur 1.099 EUR, es hat zwar den Motor bereits eingebaut, ist aber ohne das optionale »SmartPac«-Modul (Akku & Elektronik) nicht als E-Bike nutzbar
  • Im SmartPac ist auch die gesamte Steuerelektronik enthalten – entnimmt man es, ist das Rad ein 3 kg leichteres »normales« Fahrrad. Man kann das SmartPac sowohl für 900 EUR kaufen als auch 12 Monate lang für 35 EUR/Mon. mieten. Sollte dann während der Mietdauer ein Defekt auftreten oder eine neue Generation des SmartPacs herausgebracht werden, kann es getauscht werden. Und falls alle Stricke reißen und die Herstellerfirma (wie schon so manches Startup) pleite geht, hat man immer noch ein herkömmliches funktionierendes Rad
  • Das SmartPac ist einfach und mit einem kräftigen Knopfdruck ohne Schlüssel entnehmbar, es kann in eingesetztem Zustand zusätzlich per App am Rahmen sicher verriegelt werden. Man kann das entnommene SmartPac zudem auch per USB-Verbindung als Ladegerät z.B. für ein Handy, Tablet oder Laptop nutzen!
  • Das »Hybrid«-Konzept des Bikes, das auch dann funktioniert, wenn man ein SmartPac erworben hat: Der Motor in der Hinterradnabe lässt sich mit einem einfachen Mechanismus auskoppeln und dann ist das Rad auch ohne Akku wie ein manuelles Rad nutzbar, ohne dass ggf. die Reibung im ungenutzten Motor es bremst
  • Das Rad hat eine 10-Gang-Shimano-Kettenschaltung
  • Hydraulische Bremsen am Vorder- und Hinterrad
  • GPS-Tracking und Ortungsfunktion – die Sensoren dafür befinden sich im SmartPac; zur Routenaufzeichnung nutzt das Bike lediglich die GPS-Positionsdaten des Smartphones, so dass dies auch auf Fahrten ohne montiertes SmartPac funktioniert
  • Das Frontlicht ist bei Bedarf entnehmbar und z.B. bei Reparaturen als »Notlicht« einsetzbar, es enthält einen Akku
  • Elektronisches Bolzenschloss mit Bewegungssensor und hellem Alarmton, diese Features funktionieren auch ohne das SmartPac, da im Rad ein zweiter kleinerer Akku für solche Betriebselektronik verbaut ist (ich vermute, es ist der Akku im Frontlicht)
  • Das Rücklicht ist tief am Gepäckträger angebracht, es hat einen Bewegungssensor und funktioniert daher auch als Bremslicht
  • Das Rad hat einen ähnlichen »Power Boost Button« am Lenker wie das VanMoof
  • Die Beleuchtung lässt sich einfach über einen Knopf am Lenker ein- und ausschalten (oder auch über die App)
  • Das LCD-Display im Oberrohr ist vielseitiger und detaillierter als beim VanMoof
  • Die Reifen haben von sich aus einen reflektierenden weißen Ring (im Gegensatz zum VanMoof)
  • »Die modularen Komponenten des LEMMO One vereinfachen die Wartung, da keine komplizierten elektrischen Teile in den Rahmen integriert wurden.« (Zitat des Herstellers)
  • »Die meisten der im LEMMO One verwendeten Teile sind Standardteile und in den meisten Werkstätten leicht erhältlich, was eine einfache Austauschbarkeit und bequeme Aufrüstung ermöglicht.« (Zitat des Herstellers)

Zum Zeitpunkt der Markteinführung des Rades im März 2023 war das Rad ausschließlich im LEMMO Headquarter in Berlin erhältlich, kurze Zeit später wurde es in Deutschland per Mailorder verfügbar. Aufgrund einer Aktion erhielt ich durch meine Registrierung für den LEMMO Newsletter 99 EUR Rabatt, zusätzlich wurden die Speditionskosten von 79 EUR erlassen und ich entschloss mich, das SmartPac in der Mietvariante zu erwerben.

Am Tag meiner Bestellung am 28. April 2023 war die Lieferfrist auf der Website mit 6 Wochen angegeben, es hätte also etwa Mitte Juni bei mir ankommen müssen. Und ungeachtet meines größtenteils positiven Fahrberichts (der noch folgt), möchte ich zuvor die größte Schwäche des Anbieters bzw. seiner verbundenen Dienstleister nicht unerwähnt lassen: die Kommunikation.

Als das Rad am 19. Juni noch nicht eingetroffen war, also gut siebeneinhalb Wochen nach Bestellung und ohne dass mich irgendeine Benachrichtigung des Anbieters erreicht hätte, schrieb ich eine E-Mail an die Adresse des Kundenservice. Nur wenige Stunden später erhielt ich einen Anruf von einer Servicemitarbeiterin, die mich informierte, dass sie versucht habe, mich einige Tage zuvor anzurufen, um mich über die Lieferverzögerung zu informieren. Ich hatte tatsächlich am 12. Juni einen verpassten Anruf von einer unbekannten Mobilnummer ohne Sprachnachricht erhalten (womöglich war es der erwähnte), aber in der Woche danach gab es weder einen erneuten Anrufversuch noch eine alternative Nachricht per Mail. Immerhin wurde mir nun am Telefon die Lieferung »bis spätestens 15. Juli« zugesagt – das wären 11 statt 6 Wochen nach meiner Bestellung.

Doch bereits am 04. Juli erhielt ich eine automatische Versandnachricht mit einer Trackingnummer für den Speditionsservice »GEL Express Logistik«, die jedoch zunächst, wie häufiger nach der ersten elektronischen Erfassung, noch nicht funktionierte. Am 06. Juli war in der Sendungsverfolgung zu erkennen, dass das Rad auf dem Weg war (»Sendung wird abgeholt«). Einen Tag später passierte die Sendung dann nacheinander zwei Logistik-Center in Werl und Kassel und traf am 10. Juli in einem vermutlich nahegelegenen »Zustelldepot« (ohne Ortsangabe) ein. Der nächste Schritt sollte laut Tracking eine »SMS-Avisierung« sein. Ich wartete. Am Abend erreichte mich folgende SMS:

Keine Anrede, keine Trackingnummer, kein Absender. Ich vermutete zwar vage, dass dies die Zustellbenachrichtigung für das Rad sein könnte, aber genauso gut könnte es SPAM sein.

Am nächsten Tag gegen 10:00 Uhr klingelte es an der Tür. Vor dem Haus stand ein Lieferwagen, aus dem der Versandkarton mit dem Rad entladen wurde. Man bat mich, mit dem Finger auf einem Tablet zu unterschreiben, was recht gut funktionierte. Fun Fact jedoch: Der »Kringel«, der auf dem elektronischen Lieferbeleg zu sehen ist, das mir danach per Download zugänglich gemacht wurde, stimmt null mit meiner geleisteten »Unterschrift« überein. Aber Name, Anschrift und die Uhrzeit der Zustellung stimmen immerhin.

Es ist schade, dass nach der Bestellung so eklatante Kommunikationsfehler auftraten. Viele Startups sind von ihrem Produkt so begeistert und so eingenommen – oft ja auch zu recht –, dass sie vergessen oder nicht begreifen, dass der Kaufprozess, die Bestellabwicklung, die »proaktive« Kommunikation ebenso ein Teil des Produktes sind wie die »Hardware«. Das muss (und sollte) auch LEMMO noch lernen, finde ich.

Und den Bericht zum »Unboxing« nach der Lieferung und zu meinen ersten beiden Fahrten verblogge ich dann in Kürze im nächsten Blogbeitrag. 🙂


Update 12. Juli 2023: Inzwischen sind von VanMoof die Modelle S4 und X4 in interessanten neuen Farben und mit neuen modernen Features, aber m.E. weiterhin mit den meisten der o.g. Nachteile, auf dem Markt. Heute nun las ich jedoch beunruhigende Berichte von einer möglichen Schieflage des Unternehmens (es ist offenbar nicht die erste) und nun bange ich ein wenig, ob und zu welchem Preis ich mein VanMoof noch gebraucht verkaufen können werde. Denn ohne eine gepflegte und funktionierende App durch den Hersteller sind viele E-Bikes gemeinhin nicht mehr oder nicht unbegrenzt lange benutzbar.

Update 13. Juli 2023: Es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Unternehmen VanMoof ernsthaft von einer Insolvenz bedroht ist. Ladenfilialen in Amsterdam und Rotterdam wurden kurzfristig geschlossen, die Annahme von Bestellungen gestoppt und Insolvenzverwalter nach niederländischem Recht bestellt. Aktuelle Artikel dazu finden sich u.a. bei The Verge und im Portal Silicon Canals.
Via Mastodon wurde ich zudem auf die Seite VanMoof Encryption Key Exporter aufmerksam. Hier kann man per Eingabe der Login-Daten seines VanMoof-Kundenaccounts wichtige Daten des Rades exportieren (ausgenommen die neuesten Modelle S5/X5). Zitat: »The idea behind this site is, that you can import this bike data into future 3rd party apps in order to connect to your bike.«. Der Code ist Open Source bei GitHub einsehbar.

I’m still standing

Der Deutsche liebt sein Automobil. Es bietet ihm Unabhängigkeit, Freiheit und modernes Lebensgefühl. Und glücklicherweise ist die prototypische und zukunftsgerichtete deutsche Stadt auch perfekt auf das Auto zugeschnitten. Mehrspurige, breite Straßen, unzählige Ampeln, tausende Verkehrsschilder, geräumige Kreuzungen, großzügige Brücken, üppige Unterführungen, gut ausgebaute Tunnel und ausgedehnte Stadtautobahnen machen aus Deutschlands Städten und Metropolen pulsierende Zentren urbaner automobiler Kultur. Reichlich verfügbarer gebührenpflichtiger sowie kostenloser Parkraum rundet das Angebot für Pkw-Nutzer ab – und wem das nicht reicht, der kann erfinderisch werden, denn für den findigen Automobilisten bieten sich darüber hinaus Dutzende weiterer Gelegenheiten auf Gehwegen, Radstreifen, in Einfahrten, Feuerwehrzufahrten und Ladezonen, um den geliebten Pkw abzustellen.

Diese Möglichkeiten zum Abstellen des Autos sind in unseren dicht besiedelten Städten essenziell. Denn ein Pkw steht pro Tag im Schnitt 23 von 24 Stunden ungenutzt herum. Genau dieses Missverhältnis aber bereitet vielen Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind, in Zeiten steigender Preise und grassierender Inflation große Sorgen. Sie müssen Kredite für die Anschaffung des Wagens aufnehmen oder hohe Leasingraten bezahlen. Die Kaufpreise für Neu- und Gebrauchtwagen steigen kontinuierlich. Kostete etwa ein VW Golf I im Jahr 1974 noch rund 8.000,– DM, werden inzwischen für einen Golf VIII schon fast 30.000,– € fällig. Doch nicht alles an diesem Preisanstieg kann der reinen Teuerung angelastet werden, denn die Fahrzeuge wurden auch über alle Klassen hinweg seit Jahrzehnten immer größer, leistungsstärker, komfortabler und sicherer: bessere Motoren, hochwertigere Ausstattung, komplexe Elektronik und Produktionsqualität »made in Germany« haben eben ihren Preis. Dazu kommen noch die Betriebskosten – sei es für Wartung und Reparatur, Spritkosten, Versicherung, Mitgliedschaft im Automobilclub, Reifenwechsel oder Zubehörteile.

Davon sind inzwischen zahlreiche Menschen überfordert. Sie sehen es weder ein noch können sie es finanziell stemmen, sich ein kraftvoll motorisiertes, fahrbereites, zeitgemäßes und sicheres Fahrzeug anzuschaffen, nur um es dann den Großteil des Tages am Straßenrand oder in der Garage herumstehen zu lassen. Doch nun verspricht ein großer deutscher Autokonzern Abhilfe. Gemeinsam mit Markt- und Trendforschern, Designern, Ingenieuren und Technikern wurde jetzt ein innovatives, zukunftsweisendes Konzept entwickelt, das großes Einsparpotenzial für alle Autofreunde birgt, die mit dem Kosten-Nutzen-Verhältnis bisheriger Pkw hadern oder an der Finanzierung zu knabbern haben: Das »Nownomobil« kommt!

Was ist das? Nun, es ist ein modern und komfortabel ausgestattetes Auto normaler Pkw-Größe, bei dem konsequent auf alle technischen Komponenten verzichtet wurde, die es während der statistisch zu erwartenden Standzeit auf seiner zugewiesenen Parkfläche schlicht nicht benötigt. Bei einem Nownomobil stellen sich beispielsweise von Anfang an nicht die Fragen »Diesel oder Benziner?«, »Verbrenner, Hybrid oder Elektro?«, denn es besitzt weder Motor, Tank oder Getriebe noch Räder, Reifen oder einen Airbag. Im Innenraum konnte durch den Verzicht auf Lenkrad, Rückspiegel und Armaturenbrett ein angenehm geräumiges und komfortables Ambiente geschaffen werden. Bei der Innenausstattung wurde an nichts gespart: je nach Ausstattung sind bequeme und ergonomische Sitze für zwei bis sechs Passagiere, wahlweise bezogen mit weichem Leder oder pflegeleichtem Stoff, erhältlich. Die leistungsfähige Klimatisierung sorgt auch beim Stand während heißer Sommer für angenehme Temperaturen und an kalten Wintertagen für wohlige Wärme. Alle Seitenfenster sind motorgesteuert versenkbar, so dass auch ein frischer Luftzug jederzeit hereinströmen darf. An trüben Tagen oder nachts kann eine angenehme indirekte Beleuchtung aktiviert werden, es gibt lichtstarke, auf die Sitzplätze fokussierte LED-Leseleuchten und das moderne Multimedia-Entertainmentsystem bietet allen Insassen einen Audio- und Videogenuss der Spitzenklasse – denn da der Wagen ohnehin steht und es auch keinen klassischen »Fahrer« gibt, können alle bedenkenlos jederzeit aufs Display schauen! Die Stromversorgung des Nownomobil wird entweder durch einen tragbaren Akku in einem leicht zu entnehmenden Gehäuse oder, in der heimischen Garage, durch einen Kabelanschluss an eine haushaltsübliche Schukosteckdose gewährleistet. Im geräumigen Kofferraum ist genug Platz für Proviant, Spiele und anderes Gepäck und im optional temperierbaren Handschuhfach lassen sich etliche kleinere Gegenstände für den spontanen Bedarf verstauen.

Auch von außen kann sich das Nownomobil sehen lassen: die stromlinienförmige Formgebung und die großflächigen Panoramafenster vermitteln Eleganz, Hochwertigkeit und Prestige. So muss sich der abgestellte elegante Schlitten nicht im geringsten neben seinen daneben geparkten rollenden Konkurrenten verstecken. In der Palette von insgesamt elf erhältlichen Lackierungen, davon sieben geschmackvolle Basistöne und vier trendstarke Effektfarben, ist für jeden Autofreund von Klassik bis Avantgarde etwas dabei.

Das beste ist jedoch der Preis: Durch den konsequenten Verzicht auf alle sonst für »Mobilität« verschwendeten Komponenten beginnt der UVP für das Nownomobil bereits bei sagenhaften 6.500,– EUR. Die Luxusvariante mit extra Kofferraumvolumen und motorisch bedienbarem Sonnendach schlägt mit knapp 11.000,– EUR zu Buche. Der Hersteller verspricht sich von seinem Vorstoß in diese Marktlücke einen echten Erfolg bei kostenbewussten Autokunden. Auf Wunsch kann der geplante Stellplatz für das Nownomobil bereits bei der Bestellung angegeben werden und bei Auslieferung erfolgen dann Transport und Abladung direkt bis zur gewünschten Parkfläche. In wenigen Tagen soll bundesweit ein Werbespot auf allen medialen Kanälen die Aufmerksamkeit potenzieller Käufer wecken. Als Kampagnen-Soundtrack fungiert ein Klassiker im neuen Gewand: »I’m still standing«, 1983 geschrieben von Elton John und nun eigens als zeitgemäße Cover-Aufnahme komplett neu produziert und stimmgewaltig ins Jahr 2023 katapultiert von Sarah Connor.

Die ersten 3.000 Käufer erhalten im Rahmen einer Marketingaktion zur Einführung des wegweisenden neuen Produkts für 24 Monate ein »Deutschlandticket« gratis.

Denn eine Stunde am Tag will man ja schließlich ab und zu doch mal irgendwohin.

Das futuristische Design des Nownomobils lässt das Herz jedes Autoliebhabers höher schlagen.
Vielen Dank an den K.I.-Bildgenerator »Midjourney« für die Visualisierungsmöglichkeit.
Idee und Bild: formschub.de

Technologieoffenh🥚t

Auch beim Öffnen gekochter Frühstückseier fordern wir Technologieoffenheit. Keinesfalls dürfen die Bürger und Bürgerinnen an deutschen Frühstückstischen bevormundet werden. Neben dem Aufklopfen mit Kaffee-/Teelöffeln, dem Köpfen mit dem Messer und der Nutzung spezieller mechanischer »Eierköpfer« sollen auch folgende weitere Optionen ausdrücklich erlaubt sein, um den Standort Deutschland eiertechnisch zukunftssicher zu halten und in einer globalisierten Gesellschaft international nicht abzuhängen:

  • Aufschießen mit (registrierten!) Gewehren und Handfeuerwaffen (nur unter Einhaltung der Mittags- und Nachtruhezeiten!)
  • Zerteilen mit Säbeln, Macheten und Schwertern (angemessenen Sicherheitsabstand bei Tisch beachten!)
  • Verwendung leistungsstarker Laser und Lichtschwerter, explizit auch im Rahmen der Bewegungssteuerung dieser Werkzeuge mittels Roboterarmen
  • Anwendung von Wasserstrahlschneidern
  • Nutzung von Laub-, Baum-, Metall- und anderen Handsägen sowie Kreis-, Motor- und Kettensägen, Trennschleifern und ähnlichen gezahnten Werkzeug-Schneidmaschinen (Gehörschutz tragen!)
  • Das Herausbeamen des essbaren Anteils aus der Schale mittels eines Transporterstrahls
  • Auflösen der Kalkschale in hinreichend starken Säurebädern (Handschuhe! Schutzbrille!)
  • Einbringen des gekochten Eies in natürliche oder künstliche Gravitationssingularitäten (»Schwarze Löcher«). Jenseits des Ereignishorizonts ist mit einer selbsttätigen Freisetzung des verzehrbaren Eiinneren zu rechnen
  • Züchtung gentechnisch veränderter Hühnerrassen, deren Eier bereits im Inneren des Nutztieres auf natürlichem Wege mit werkzeuglosen Öffnungsmechanismen versehen werden (z.B. Zip-Verschluss, Sollbruchnähte, Reißverschlüsse, Ring-, Laschen- und Zugfaden-Öffnungsmechanismen)

Diese Liste ist ausdrücklich nicht als abgeschlossen anzusehen. Wir freuen uns auf die vielfältigen Eizugriffsinnovationen, die in den künftigen Jahren durch mutige Investoren und kreative deutsche Start-ups auf den Markt drängen werden.
Guten Appetit!

Ihre FDP.

Bild erzeugt mit Adobe Firefly (Beta)

Der konjunktive Kuchen

Aufgrund zweier Mastodon-Postings von @kaltmamsell und @dentaku erfuhr mein Entzücken für seltene Wörter und Wortformen heute ein akutes Revival. Der Kuss der Muse traf auf etwas Muße, ich ergoogelte die Liste »Schwierige und häufig verwechselte Verbformen« und überlegte folgendes:

Nehmen wir also an, ich entsprösse einem Adelsgeschlecht und mein Alltag quölle über vor Langeweile. Eines Tages jedoch läse ich in einem Kochbuch vielerlei Rezepte zur Erschaffung süßen Backwerks und sänne darüber nach, ob es mir Kurzweil brächte, wenn ich dergleichen büke. Ich begänne, indem ich meinem Diener die Beschaffung der Zutaten beföhle und bärste vor Vorfreude auf mein famoses Vorhaben. Ich stellte mir vor, wie ich das heiße Gebäck aus dem Ofen bärge, darauf bliese, um es zu kühlen und dann in die süße, noch warme Krume bisse. Ich äße natürlich nicht alles allein, denn es brächte mir Vergnügen, wenn ich auch anderen diesen Genuss anböte und sie sich daran labten. In mir erglömme eine ganz neue Leidenschaft: ich mahlte vorab Nüsse, wiese den Knecht an, dass er die Kuh mölke, riebe die Schale von Zitrusfrüchten ab, schmölze Butter, Karamell und Kuvertüre, wöge Zucker und Mehl, schlüge Sahne und Eischnee auf, flöchte Marzipanzöpfe und schnitte Stücke seidiger Butter vom Block. Ich schmisse den Ofen an und sänge vor Elan. Die Küche röche nach allerlei Gewürzen, der Schweiß der Emsigkeit ränne mir über die Stirn und Funken der Freude glömmen in meinen Augen. Ich quirlte den Teig zusammen, fettete eine Backform, gösse ihn hinein, striche ihn glatt und schöbe ihn in den Ofen. Ich malte mir die Enttäuschung aus, wenn mir mein Werk misslänge und wände mich vor Ungeduld, während ich vor dem Herde hin und her schliche und nicht aus der Küche wiche. Ich kröche vor dem Ofenrohr und gierte durch die Scheibe, nach einiger Zeit stäche ich einen Holzstab hinein und wöge ab, ob mein Kuchen schon gar sei. Schließlich schwänge ich den Ofenschieber und bärge die Form aus ihrem dampfenden Schrein. Ich risse mich zusammen, bevor ich das warme Werk stürzte, damit es nicht noch mürbe zerbräche und ich vor Gram stürbe. Dann endlich höbe ich die Form empor und schlüge den Inhalt sanft auf einem Holzbrett hinaus. Ich priese, dass mir das glückte und pfiffe vor Freude. Dann schnitte ich den Laib auf und striche üppige Schichten süßer Füllung auf die Böden. Anschließend bettete ich alles wieder vorsichtig aufeinander und gösse den schokoladigen Überzug darüber. Ich bestreute mein Opus mit Nusskrokant und krönte dessen Kuppe mit dem Zopf aus Marzipan. Dann schnitte ich mir ein großes Stück ab, lüde es mir auf einen Teller und schlänge einen großen Bissen hinunter. Erst danach genösse ich die weiteren Happen etwas bedächtiger. Ich böge mich vor Entzücken und gurrte vor Genugtuung. Ich spönne, was ich wohl als nächste von mir zubereitete Spezerei erköre, zu deren Verköstigung ich auch Freunde einlüde und brennte vor Begeisterung über mein neues Steckenpferd.

So wäre das, wenn ich als gelangweilter Aristokrat einen Kuchen erschüfe.

Doch da ich nicht von blauem Blute bin, muss ich halt ganz normal backen.

Gradwanderung

Es ist Sommer und ich leide. Mir ist es zu heiß und mir ist es zu schwül. Seit ich mich erinnern kann, ist eher der Frühling meine liebste Jahreszeit, schon vor der Zunahme von »Rekordsommern«. Vielleicht liegt es daran, dass ich an der Schwelle zum Frühling, Anfang März, Geburtstag habe und in den ersten 2–3 Monaten meines Daseins auf der Erde auch mein Wohlfühlthermometer geeicht wurde. Das erschiene mir einleuchtender als irgendwelche Prägungen, die mit Sternenkonstellationen zu tun haben sollen. Ich liebe Temperaturen zwischen 19 und 25 °C, dazu ein paar schattenspendende Schäfchenwolken am Himmel und eine leichte Brise. Schweden kriegt so ein Wetter selbst im Sommer oft noch ziemlich gut hin, deshalb mache ich da vermutlich so gerne Urlaub.

Ich erinnere mich sogar noch an ein paar Zeilen aus einem Kinderbuch, das ich wegen der übersprudelnd fantastischen Geschichten darin bis heute aufgehoben habe. Ähnlich wie in den Büchern von J. R. R. Tolkien erlebt in diesem Buch eine Truppe von Gefährten auf einem langen Weg viele märchenhafte Abenteuer. Ein Mitglied der Gruppe ist ein Wassermann, der sich von den Mitstreitern überreden ließ, seinen Teich zu verlassen und mitzuziehen. Als die Abenteurer auf einem Stück des Weges unter großer Hitze leiden, überlegt der Wassermann, obgleich er von seinen Freunden fortwährend mit Wasser besprenkelt wird, die Mission aufzugeben:

Der Wassermann jammerte: »Das halte ich nicht aus! Ich muss umkehren. Ich will zurück in meinen Teich!« – »Aber Wassermann«, meinte ich, »denkst du denn gar nicht an das arme Mondschaf?« – »Ich kann nicht mehr denken«, blubberte er. »Wenn ich schwitzen muss, schlägt mein Gehirn Blasen!«

(Wolf Dieter von Tippelskirch: »Jeremias Schrumpelhut erzählt – Die Reise zum Stern Traumatia«)

Bestimmt habe ich mir diesen Absatz gemerkt, weil ich schon im Alter von 8 oder 9 allzu heißem Wetter nichts abgewinnen konnte. Ich erinnere mich, dass ich eine ziemliche »Wasserratte« war und mich im kühlen Schwimmbadwasser eher wohlfühlte als an Sandstränden, auf Liegewiesen oder glühenden Spielplätzen. Oft blieb ich auch im Sommer einfach drin (einige Jahre lang hatte ich ein riesiges Kinderzimmer im Keller unseres Mietshauses, das auch im Sommer wunderbar kühl blieb) und musste mir dann anhören, ich sei ein »Stubenhocker« und solle doch mal »an die frische Luft gehen«, dabei war die überhaupt nicht frisch. Erwachsene sagen auch nicht immer die Wahrheit, das wurde mir in den Sommern meiner Kindheit klar.

Ich muss einkaufen gehen, der Kühlschrank braucht neuen Content. Ich würde gern Fahrrad fahren, aber dann zerflösse ich endgültig. Ich schwitze relativ schnell, leider. Im Sommer gibt es für Menschen, die leicht schwitzen, eigentlich nur eine tragbare Klamottenfarbe: schwarz. Weiß geht gar nicht, das schmiegt sich in den nassgeschwitzten Zonen sofort eng an die Haut und man sieht das Epidemisrosa in klebrigen Inseln durchs trockene Textil schimmern. Farben wie Orange, Blau, Violett, Grün, Grau, Rot oder Rosa – abgesehen davon, dass mir die meisten davon nicht stehen – werden in den durchfeuchteten Transpirationszonen sofort markant abgedunkelt und man läuft mit weithin sichtbaren, tellergroßen Hitzeflecken unter den Armen, an Bauch und Rücken durch die Welt. Schwarz absorbiert die Feuchte, ändert dabei nur minimal die Farbe und lässt nichts durchscheinen. Nur nach längerer Anstrengung und anschließender Trocknung entstehen manchmal helle Streifen getrockneter Elektrolyte an einigen Stellen. Salzränder. Wie bei einem Margarita. Ein kleiner weiterer Nachteil: Schwarz wird in der Sonne noch eine Idee heißer als hellere Farben. Aber das ist irgendwann egal, genauso wie es egal ist, ob man sich an einer Tasse Tee mit 62 °C oder 65 °C die Zunge verbrennt.

Auf dem Weg durch die aufgeheizten Straßen fallen mir an mehreren Stellen auf dem Asphalt bei Lindenbäumen bemerkenswert große dunkle Flecken unter deren Baumkronen auf. Dass Linden im Sommer herumkleckern, ist mir geläufig, ich bewohnte 4 Jahre lang eine Wohnung, deren estrichbeschichteter Balkon unter einen Lindenbaum ragte. Dieser sorgte mit seinen Absonderungen im Sommer für ein pappiges Gehgefühl auf dem Balkonboden und versah alle dort abgestellten Dinge, wie etwa Klappstühle, mit einer klebrigen Glasur (als effektives Hausmittel zu deren Entfernung stellte sich übrigens, nach langen und ausführlichen Testreihen, ein Backofenspray mit dem Inhaltsstoff 2-Aminoethanol heraus). Aber in diesem Sommer scheinen die Linden geradezu vor Zuckersaft zu triefen, an manchen Stellen glänzte der Gehweg unter ihnen, die Schicht schien millimeterdick, als hätte jemand eine Flasche Sirup vergossen. Dank Internet lernte ich, dass Linden nicht selbsttätig tropfen, sondern dass die zuckerhaltigen Ausscheidungen einer auf Linden spezialisierten Läusepopulation dafür verantwortlich sind. Ist 2023 also ein Läusejahr? Es ist ja auch schon ein Orcajahr, und – wie mir letzte Woche an der Ostseeküste auffiel – offenbar auch ein Greifvogeljahr. Vielleicht sind manche vermeintlichen Häufungen aber auch nur gefühlt. In Zeiten des sich immer weiter manifestierenden Klimawandels mit seinen jährlich neu eskalierenden Anomalien guckt man womöglich ja auch genauer hin, hat feinere Antennen, eine geschärfte Aufmerksamkeit. Nicht normal ist das neue normal, man droht sich daran zu gewöhnen. Nicht schön.

Die Pflanzen auf den Grünstreifen neben Straße und Gehweg lassen welk Stängel und Blätter hängen. Mehr Vegetation in den Städten könne im Sommer an heißen Tagen die Temperatur merklich senken, liest man. Flächen sollten entsiegelt, von Beton und Asphalt befreit und üppig begrünt werden. Ich fände das wunderbar, allein optisch. Aber gleichzeitig vermelden die Nachrichten auch Dürren, Wassermangel und ausbleibende Niederschläge allerorten. Da kommt die Frage auf, ob und wie die zusätzlichen Stadtpflanzen in den dräuenden immer heißeren und trockeneren Jahren bewässert werden sollen, wenn die vorhandenen Gewächse derzeit schon dürsten.

Auch ich dehydriere allmählich auf meinem Weg. Ich hätte eine Wasserflasche mitnehmen sollen, bereits der mäßig weite Weg zum gewählten Supermarkt erweist sich als Durststrecke. Im Laden kaufe ich mir ergänzend zu den notierten Einkäufen ein isotonisches Sportgetränk. An heißen Sommertagen ist auch Gehen Sport.

Mit Blick aufs Thermometer ist es dieser Tage eigentlich noch gar nicht übermäßig heiß. 28 °C in Hamburg, sagt die Wetter-App. Der Hochsommer liegt noch vor uns, es könnten Tage mit 30, 34, 36 °C bevorstehen. Da fällt mir ein weiterer Textausschnitt ein, der mir im Kopf hängengeblieben ist – aus einer Satire des wunderbaren Ephraim Kishon:

Ich weiß nicht, auf welchem Breitengrad unsere Wohnung liegt. Es kann nicht sehr weit vom Äquator sein. Im Schlafzimmer haben wir 42 Grad gemessen, an der Nordwand unserer schattigen Küche 48 Grad. Um Mitternacht.
Seit den frühen Morgenstunden liege ich da, bäuchlings, die Gliedmaßen von mir gestreckt, wie ein verendendes Tier. Nur dass verendende Tiere kein weißes Schreibpapier vor sich haben, auf das sie etwas schreiben und mit ihrem Namen zeichnen sollen. Ich, leider, soll. Aber wie soll ich? Um den Kugelschreiber aufzuheben, müsste ich mich hinunterbeugen, in einem Winkel von 45° (45 Grad!), und dann würde der auf meinem Hinterkopf ruhende Eisbeutel zu Boden fallen, und das wäre das Ende.

(Ephraim Kishon: »Hitze«)

Meine Strategie gegen Hitze in der Wohnung – soweit die tageszeitlichen Schwankungen Außentemperatur das zulassen – ist, möglichst nur nachts zu lüften. Gegen Mitternacht reiße ich alle Fenster und Türen auf – außer der Wohnungstür natürlich – und lasse den linden Nachthauch durch meine Klause strömen. Morgens zwischen 7 und 8 wird dann wieder alles verrammelt, auf der Sonnenseite zuerst, auf der Schattenseite warte ich gern noch ein bisschen. Es gibt etliche Tipps und Tricks im Netz, wie sich eine sommerheiße Wohnung mit »Life Hacks« runtertemperieren lassen soll, viele davon nutzen das Prinzip der Verdunstungskühle. Man kann z.B. nasse Handtücher vor den Ventilator hängen und ihn dagegenblasen lassen. Das mag tatsächlich einen gewissen Temperaturabfall erzielen, aber ich frage mich, was passieren würde, wenn ich das den ganzen Tag und vielleicht auch nachts machte? Die viele Feuchtigkeit, die da verdunstet, bliebe ja in der Wohnung. Was nützte es mir, wenn ich vier, fünf Grad Abkühlung erziele, doch dafür wellten sich die Seiten meiner Bücher im Regal, die Tapete löste sich ab, Holzmöbel quöllen auf, Schimmel eroberte Winkel und Ecken? Ich bin ein bisschen skeptisch.

Letzte Nacht gab es ein Gewitter in Hamburg, das war schön. Endlich mal länger als nur drei Minuten Regen, der sich ansammelt, anstatt sofort zu verdampfen und die Luft lediglich in ein atembares Heißgetränk zu verwandeln. Die Kühle hielt bis in den Morgen hinein an, ich wertschätze das. Überhaupt fühlt sich Sommer tagsüber und nachts, selbst bei annähernd gleich warmer Luft, für mich komplett anders an, erst recht in einer großen Stadt wie Hamburg. Wenn die emsigen Geräusche des Tages verstummen, kaum noch Autos und Fußgänger unterwegs sind, die Sonne untergegangen ist, in der Nachbarschaft überall die dunklen oder noch beleuchteten Fenster und Balkontüren weit offenstehen, nur ab und zu ein Lufthauch das Laub der Straßenbäume zum Rascheln bringt oder die nächtliche Stille ab und zu von fern durch ein Martinshorn oder das Rumpeln einer Hochbahn durchbrochen wird, hat eine Stadt im Sommer eine ganz besondere Atmosphäre. Kupferfarbene Zeitlupe. Ein früher Song der Eurythmics ist für mich seit einer Reise nach Chicago, als ich einmal mitten in der Nacht in der Maihitze auf dem Hotelbalkon diese Nachtstimmung einsog, deren perfekte musikalische Inkarnation:

Vorhin hatte ich ja gemutmaßt, meine persönliche Temperaturpräferenz könne mit der Jahreszeit meiner Geburt korrelieren. Aber in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es auch Gegenbeispiele. Eine ehemalige Kollegin, der es im Sommer nie warm genug sein konnte und die quasi gleich nach der ersten sonnigen Mittagspause eines Jahres braungebrannt wieder zurück ins Büro kam, hat Anfang Januar Geburtstag. Ein anderer Freund, der den Sommer und die Hitze liebt, ist im Mai geboren. Ein Kollege, der kurz oberhalb normaler Zimmertemperatur zu zerfließen beginnt, erblickte das Licht der Welt Anfang Juni. Kann also nicht sein. Sind es die Gene? Ist die Darmflora schuld? Gerne läse ich dazu von Indizien und weiteren Vermutungen in den Kommentaren. Von Max Goldt gibt es einen Text, der den Missmut der Thermophoben über alle Sternzeichen hinweg ganz gut in Worte fasst:

Viele Menschen hassen den Sommer. Doch niemand ist verpönter als einer, der den Mut besitzt, sich und andern einzugestehen, dass er dem Sommer nicht nur für sich persönlich keine gute Seite abgewinnen kann, sondern ihn regelrecht hasst und ihm den Vorwurf macht, an Übellaunigkeit und Antriebsschwäche schuld zu sein.
Dabei hat auch der Sommer durchaus schöne Tage, an denen es nur 15 Grad hat, ein freundlicher Wind die Windjacken wölbt und der Himmel die durstige Schöpfung labt. Doch dann wird gemault und gejammert, und die Medien überbieten einander mit langweiligen, leutseligen Wetterbedauerungen.
Doch freilich sind’s die heißen Tage, die uns Sommerverächtern am meisten auf die Nerven gehen. Sofort reißen sich die Leute die Kleider vom Leibe und finden es offenbar völlig normal, in Unterwäsche Kunden zu bedienen, Kinder zu unterrichten oder Kirchen zu besichtigen.

(Max Goldt: »Der Sommerverächter«)

Die steigenden Temperaturen führen auch dazu, dass ich eine Abneigung entwickele, Wärme absondernde Haushaltsgeräte in Betrieb zu nehmen. Gern äße ich eine Scheibe Toast zum Frühstück, aber die glühenden Drähte im Brotschacht knuspern ja nicht bloß die Brotscheibe rösch, sondern heizen daneben auch die Küche mit auf. Pinienkerne für Pesto im Backofen rösten? Inakzeptabel. Irgendwas auf einer Herdplatte kochen oder braten? Abwegig. Staubsaugen und sich die Abwärme in die Bude föhnen lassen? Schauderhaft. Den Geschirrspüler einschalten und beim Öffnen der Klappe, selbst nach Stunden noch, von einem warmen Dunstschwall umfangen werden? Unerquicklich. Gibt es schon den Begriff »Sommerverwahrlosung«?

Aber ich will auch nicht nur klagen, der Sommer hat schließlich immer noch auch ein paar schönen Seiten, trotz Klimawandel. Es gibt lecker heimisches frisches Obst und viel saisonales Gemüse, es blüht und grünt überall (sofern genug Regen fiel), man kann Eis essen und baden gehen, picknicken und im Schatten einer Kastanie im Biergarten oder auf dem Balkon sitzen. Aber manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich über den Sommer klage, wird es für die Dauer meiner Tirade ein kleines bisschen kühler. Vielleicht senken ja nicht nur nasse Handtücher vor dem Ventilator die Temperatur in der Wohnung, sondern auch ein bisschen Hitzejammern.


Wie kommt Ihr mit Hitzetagen klar? Was glaubt Ihr, wodurch Eure Präferenz geprägt wurde? Was sind Eure »Life-Hacks«, wenn Ihr Linderung sucht? Welche Texte oder Musikstücke assoziiert Ihr mit extrem heißen Tagen? Ich freue mich über Kommentare.

Eine Woche in Stralsund

Seit einigen Jahren hat sich in der jährlichen Reiseplanung des hiesigen »Haushalts« eine schöne Gepflogenheit herausgebildet: Schon seit 2016 zog es uns bisweilen Anfang/Mitte Juni nach Stralsund, um einzelnen Konzerten der »Greifswalder Bachwoche« beizuwohnen (Mit übrigens wirklich interessanten Ideen abseits des klassischen Mainstreams, in diesem Jahr z.B. ein Konzert mit Synthesizer und Theremin in einer Dorfkirche [S. 29 im PDF des Programmhefts] und eine Aufführung mit Breakdance zu Bachs »Wohltemperiertem Klavier« [S. 55 im PDF des Programmhefts]! Beides passte aber leider nicht mehr in die diesjährige Unternehmungsplanung.). Nachdem der Mann und ich im Juni 2019 dann hier in der Nähe auf einem Aussichtsturm standesamtlich geheiratet haben, kommen wir nach Möglichkeit jedes Jahr her, um neben dem Musikgenuss diesen Jahrestag zu feiern – und Geburtstag hat der Mann einen Tag zuvor auch noch.

Dieses Jahr war es wieder soweit. Eine Woche Stralsund bei schönem, wenn auch für die Natur deutlich zu trockenen Wetter und viel Zeit für Wanderungen, Ausflüge und Schlemmereien in der Umgebung der Hansestadt und auf Rügen.

Am Samstag reisten wir an und holten abends noch die vorher reservierten Fahrräder ab. Das Rad ist zu dieser Jahreszeit und angesichts vieler sehr gut ausgebauter Radrouten in der Gegend die absolut beste Art, sich fortzubewegen. Am Abend machten wir dann nur einen kleinen Ausflug an den Hafen, um dort – nach einem Bier-Aperitif im Braugasthaus »Dolden Mädel« – im italienischen Restaurant »Bellini« das Abendessen zu genießen. Ich freute mich, als ich eine Vorspeise, die ich noch aus dem letzten Jahr kannte, immer noch auf der Karte wiederfand: eine Cremige kühle Burrata mit einem warmen Cherrytomaten-Vanille-Ragout. Das hatte mir 2022 so gut geschmeckt, dass ich schon letztes Jahr das Gericht in »Kitchen Impossible«-Manier versucht habe, daheim nachzukochen. Sehr gelungen, wie ich finde, das Rezept steht auch hier im Blog.

Am Sonntag nach dem späten Frühstück holten wir unsere damalige Trauzeugin vom Bahnhof in Stralsund ab, sie ist Musikerin und sollte am Montag das Eröffnungskonzert der Bachwoche spielen. Nachmittags, während sie noch einmal fleißig übte, machten wir zu zweit eine kleine lokale Wanderung (mit einigen Sackgassen, die im Widerspruch zum Wegenetz der zuvor geplanten Komoot-Wanderroute standen) und probierten am Abend gemeinsam das im Netz zwar gut bewertete, aber im Vergleich mit bisher erlebten Highlights eher durchschnittliche orientalische Lokal »Shammaas Küche« aus. Schmeckte alles gut, aber reichte nicht an z.B. Shady (Leipzig), Qadmous (Berlin) oder Fardi (Hamburg) heran.

Am Montag musste ich vormittags einige Stunden im »Ostsee-Homeoffice« arbeiten, während sich am frühen Nachmittag Künstlerin und Mann schon zum Konzertort aufmachten. Ich fuhr, nach einigen Besorgungen in der Stralsunder Innenstadt, mit dem Zug hinterher (»Praise the Lord for the 49-Euro-Ticket!«) um ebenfalls das zarte, schöne Konzert zu genießen. Nach dem Konzert und der Rückfahrt in die Unterkunft, eine hübsche private Ferienwohnung nahe am Wasser des Sunds, ließen wir uns dann abends zu dritt Bier und Dinner im »Dolden Mädel« schmecken.

Am Dienstag mussten wir uns schon wieder von der Musikerfreundin verabschieden (Termine, Termine …). Für den Nachmittag war dann tatsächlich mal wieder eine etwas längere Wanderung (Komoot-Link) angesetzt: Vom Parkplatz der Rügener Insel-Brauerei (nicht ohne Hintergedanke der Ausgangspunkt der Tour) wanderten wir im Bogen über den kleinen Ort Grabitz bis an die Küste zum Kubitzer Bodden und im Bogen wieder zurück zur Brauerei, wo uns eine hopfige Erfrischung belohnte. Aus Geburtstagsgründen war die Einkehr zum Abendessen heute deutlich feiner: im Restaurant »Zum Scheele« des Stralsunder Hotels Scheelehof genossen wir köstliche »Sterneküche ohne Sterne«, denn der Koch des Lokals hat dem Stress der Verteidigung seiner früheren Sterne entsagt und kocht nun einfach genausogut und ohne diese Auszeichnung weiter. So schmeckt Work-Life-Balance!

Am Mittwoch wollten wir dann mal die Räder so richtig ausnutzen und so plante der Mann eine Tour, die wir im Sattel sitzend zurücklegen konnten. Es begann am Stralsunder Fährhafen, von wo wir mit den Rädern nach Altefähr auf Rügen übersetzten und dann ab dort einer schönen 28 km langen Rundroute folgten (Komoot-Link). Nach einer Zwischenstation bei der Insel-Brauerei (schon wieder!), wo im benachbarten Hofladen frischer Räucherfisch fürs Abendessen – das heute mal in der Unterkunft serviert werden sollte – besorgt wurde, radelten wir weiter, vervollständigten die Verpflegung mit Möhren und Ingwer für eine asiatisch aromatisierte Gemüsebeilage und machten es uns den Rest des Abends dann »inhouse« gemütlich. (Seit der Ankunft hier war eine abendliche Folge »Picard« täglicher Teil des Abendprogramms; die dritte Staffel hat m.E. gegenüber den ersten beiden deutlich an Spannung und Tempo zugelegt und bietet erhebliches Binge-Potenzial.)

Update: Ich hatte ganz vergessen, dass wir es am Mittwoch morgen wagten, am nahegelegenen Sund-Badestrand das »Anbaden 2023« zu vollziehen. Das Wasser war frisch, nicht zu kalt und wenn man erst einmal drin und abgekühlt war, fühlte es sich sehr angenehm an. Das Gefälle ins Meer hinein ist an diesem Stand sehr moderat, so dass man noch gut 100 m vom Strand entfernt gerade mal hüfthoch im Wasser steht. Als ich mit Schwimmbewegungen begann, spürte ich zwischen den Fingern plötzlich kleine götterspeisige Klümpchen hindurchgleiten und als ich mich aufrichtete und von oben ins Wasser sah, bemerkte ich Hunderte kleiner, etwa walnussgroßer Quallen mit dünnem violettem Ornament auf der Oberseite, die im Wasser umherschwammen. Da sie aber offensichtlich nicht nesselten, denn bei einer Berührung war nichts zu spüren, schwamm ich einfach weiter umher. Interessanterweise waren sie dann am Donnerstag und Freitag wieder komplett aus dieser Badezone verschwunden.

Der heute etwas kürzere Ausflug am Donnerstag Nachmittag führte zur Südspitze der Insel Rügen, dem »Palmer Ort« in der Nähe des Ortes Zudar. Auf sandigem Grund und durch von Kiefern dominierte Wälder ging der Hinweg, am kiesigen Strand der fast brandungslosen Küste entlang, lag dann der Rückweg (Komoot-Link). Während der Wanderung kam, nach einer eher bewölkten ersten Tageshälfte, die Sonne noch einmal überraschend zum Vorschein, so dass wir streckenweise möglichst im Schatten der Bäume zu bleiben versuchten. Sonnenwärme macht bekanntlich durstig, und so musste natürlich die Insel-Brauerei nochmals als Erfrischungsort herhalten. Nach der Rückfahrt stiegen wir um aufs Rad und fuhren zum Hafenlokal »Fischermänns«, wo die Wahl zum Abendessen auf eine Portion »Fish & Chips« und eine sehr schmackhafte Currywurst fiel. Schon auf dem Hinweg zum Restaurant spürte ich einige vereinzelte Regentropfen auf meiner Haut und tatsächlich sah man auf dem Regenradar – endlich einmal! – ein mäßig großes Regengebiet heranziehen. Die Rückfahrt vom Lokal zur Unterkunft verlief noch annähernd trocken bei ganz leichtem Tröpfeln, aber später »zu Hause« war deutlich das Klopfen des Regens auf den Fensterscheiben zu hören. Die Natur brauchte es dringend, von mir aus hätte es die Nacht durchregnen können.

Am Freitag war während der Wandertour ein eingebettetes Bad im Meer nach etwa 2/3 der Strecke vorgesehen. Während der Stralsund-Tour vor einem Jahr hatten wir in der Nähe des Ortes Lauterbach mitten im Wald am Meeresufer einen wunderschönen kleinen, feinsandigen, versteckten Badestrand entdeckt. Bei dem schönen Wetter heute schrie das förmlich nach einer Wiederholung. Also wurden Badehosen und Handtücher in den Rucksack gepackt und los ging’s. Der Weg durch den Wald war fast noch schöner als im letzten Jahr, man merkte, dass die letzten Monate mit mehr Niederschlag als 2022 gesegnet waren, Bäume und Vegetation am Waldboden waren üppiger und grüner. Doch als wir an dem Strändchen ankamen, war die Enttäuschung groß: Das Wasser und der Strand waren voll mit glitschigen braunen Algen, der komplette Gegensatz zum klaren sauberen Zustand von vor einem Jahr. Dort, wo sich die Algen in dicker Schicht an Land türmten, waren sie bereits in Fäulnis übergegangen und stanken, im Wasser waberten sie auf einem ca. 75 m breiten Streifen im Wasser, man konnte dazwischen kaum auf den Grund sehen. Sehr schade! Die Badepause musste somit entfallen und wir setzten unseren Rundweg weiter bis zum Ausgangspunkt fort.

Nach dem obligatorischen »Bierstopp« an der Inselbrauerei fuhren wir zurück zur Unterkunft, wechselten zur Badehose, stiegen aufs Rad und holten das Bad im Meer einfach an der algen- und quallenlosen Badestelle quasi vor der Haustür nach. Dann kurz zurück, geduscht, stadtfein gemacht und zum »Abschiedsessen« an den Bootshafen geradelt. Ziel heute: das feine Restaurant »Lara« direkt gegenüber dem Ozeaneum. Die Speisekarte ist frisch und regional und wird so spontan nach Marktlage erstellt, dass sie nicht im Internet einsehbar ist. Enttäuscht wurden wir dort aber bislang noch nie – und so war es auch diesmal. Nach einem Körbchen mit hausgebackenem Brot und einigen kross frittierten Blumenkohlnuggets mit einem Klecks fein gewürzter Mayonnaise als Küchengruß genoss ich als Vorspeise gebratete Jakobsmuscheln auf Mandel-Knoblauch-Schaum mit marinierten Pfirsichstückchen und als Hauptgericht ein zart-rustikales gebratenes Kotelett vom Duroc-Schwein mit Chorizo-Kartoffelstampf und grünen Bohnen. Als der Kellner abräumte und fragte, ob es geschmeckt habe, antwortete ich »Duroc’n’Roll!« und man sah ihm an, wie sehr ihm dieses Lob gefiel.

Zurück in der Unterkunft musste dann vor der abendlichen »Hygge« noch die Abfahrt am Samstag vorbereitet werden: Aufräumen, zusammensuchen, sortieren, einpacken. Bei einem Glas Wein streamte dann vor dem Schlafengehen noch eine (die vorletzte!) Folge »Picard«, dann war der letzte Tag vorüber. Morgen früh um 10 Uhr folgt erstmal die Rückreise nach Berlin und am Montag für mich dann die Heimkehr nach Hamburg.

Mach’s gut, Stralsund, bis nächstes Jahr!

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!

Ich gebe zu, ich liebe den Geschmack von Fleischgerichten. Ich schätze ein gutes Steak, im Sommer grille ich auch gerne mal. Ein Brathähnchen ist was Feines, oder ein Stück Lammfilet. Zum Frühstück ein Brötchen mit frischem Thüringer Mett – köstlich! Mutters Gulasch, Rinderrouladen, Currywurst, Hühnerfrikassee, Königsberger Klopse, Wiener Schnitzel, alles höchst delikat. Was mich nie gereizt hat, waren Lokale mit Angeboten wie »XXL-Schnitzel« oder »500 g Rib-Eye für 1 Person«. Ich muss Fleisch nicht in rauhen Mengen verzehren, um es genießen zu können. Doch seit etlichen Jahren ist in mir das Bewusstsein herangewachsen, dass mein Fleischkonsum ebenso wie der aller Menschen drastisch zurückgehen sollte, wenn es für alle eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft geben soll. Deshalb arbeite ich auch bei meiner eigenen Ernährung daran, reduziere die Anzahl meiner Fleischgerichte bzw. die Menge der verzehrten fleischhaltigen Lebensmittel, wähle beim Einkaufen stärker nach Art, Haltung und Herkunft des Fleisches aus (z.B. eher Geflügel statt Rind) und probiere vegetarische oder vegane Produktalternativen aus. Der Weg ist das Ziel.

Der aktuelle Slogan der Firma Rügenwalder, die auf dem Gebiet der (ziemlich wohlschmeckenden) fleischlosen Ersatzprodukte seit einigen Jahren echte Pionierarbeit leistet, lautet »Am besten schmeckt’s, wenn’s allen schmeckt.« Und genau das sollte doch eigentlich das Ziel einer nachhaltigen Ernährungsumstellung sein: dass niemand gezwungen sein soll, etwas zu essen, was ihm/ihr nicht schmeckt. Gleichwohl müssen sich – dafür wird der Klimawandel unweigerlich sorgen – wohl alle damit abfinden, künftig weniger klimaschädliche Nahrungsmittel zu verzehren, obwohl sie sehr gut schmecken. Dieser Weg, der mir logisch und plausibel erscheint, bringt mich zu einem Gedankenspiel. Für dieses Gedankenspiel versuche ich aber mal, einige Schritte zurückzutreten und die Kulturgeschichte der Ernährung etwas langfristiger zu betrachten, wenn auch aus Laienperspektive. Ich habe zwar mehrere Bücher zur Kulturgeschichte der Küche und des Essens gelesen, aber bin bei weitem kein Fachmann. Falls mir also nachfolgend Denkfehler aufgrund meines lückenhaften Wissens unterlaufen, bitte ich mir, diese nachzusehen bzw. sie gern in den Kommentaren zu korrigieren.

Für diese drei roten Piktogramme oben habe ich versucht, drei ehemals sehr geläufige Alltagsgegenstände auszuwählen, die älteren Menschen in jedem Fall vertraut sein sollten, aber jüngeren und sehr jungen Menschen gegebenenfalls komplett unbekannt sind, denn diese Dinge sind mittlerweile fast vollständig aus unserem Alltag verschwunden: Sanduhr, Diskette und Filmstreifen. Dieses Verschwinden vollzog sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte, an die Stelle dieser Gegenstände traten andere Werkzeuge oder Technologien, die diese ersetzt oder überflüssig gemacht haben.

Ähnliches passiert auch bei der Ernährung. Wer isst heutzutage noch »Erbswurst« oder trinkt »Muckefuck«? Wieso gibt es Bücher mit Titeln wie »Vergessene Gemüse«, in denen man von »Postelein«, »Navetten« oder »Zuckerhut« lesen kann? Wer kocht heute noch eine »Funzelsuppe«, »Milchnudeln« oder »Ofenschlupfer«?

Im Mittelalter, also dem Zeitraum etwa vom Jahr 500 bis zum Jahr 1500, waren etwa 90% der Bevölkerung Bauern und einfache Bürger. Wie sah deren Speiseplan aus? Tomaten, Nudeln, Reis und Kartoffeln gab es noch nicht, ebenso raffinierten Zucker – und die meisten heute bekannten Gewürze waren unbekannt oder unerschwingliche Luxusprodukte.

Das wichtigste Nahrungsmittel im Mittelalter war Brot, meist dunkles Brot aus Roggen, Dinkel oder Hafer. (…) Oft gab es auch Brei und Suppen aus Getreide, etwa Hirse. Arm und Reich aßen Eintöpfe aus Linsen und Bohnen.

Quelle: https://www.tessloff.com/was-ist-was/geschichte/mittelalter/was-assen-die-menschen-im-mittelalter.html

Auch wenn die mittelalterliche Küche von Früh- bis zum Spätmittelalter eine große Vielfalt an Lebensmittel aufweist, so bleibt diese Vielfalt doch den reichen Herren vorbehalten. Die Hauptmahlzeit der armen Bevölkerung bestand aus Brot, Kraut und Rüben und Bohnen.

Quelle: https://deutschland-im-mittelalter.de/Kulturgeschichte/Ernaehrung

Da die Bauern oft auch selbst Tiere hielten, konnten sie natürlich prinzipiell auch deren Fleisch verzehren. Zu bedenken ist jedoch, dass die Nutztiere früher wesentlich kleiner waren als heutige Züchtungen und es deutlich aufwendiger war, Fleisch ohne moderne Kühl- und Konservierungsmethoden haltbar zu machen. Insofern war frisches Fleisch ein großer Luxus. Das gab es meist nur vor dem Winter, wenn vermehrt geschlachtet wurde, in den folgenden Monaten mussten dann Trocken-, Räucher- oder Pökelfleisch genügen.

Als noch während des späten Mittelalters sukzessive die Waldnutzungsrechte und später die Gemeinschaftsweiden verschwanden, musste sich der Großteil der Bevölkerung auf weitgehend vegetarische Ernährung umstellen. Nachdem der »Schwarze Tod« ganze Regionen entvölkert hatte, wurden die freien Flächen für die Rinder- und Schafzucht verwendet. Die Tiere landeten auf den Tellern der städtischen Bevölkerung: Rindfleisch für die wohlhabenden Bürger, Schaffleisch für die weniger Wohlhabenden, Füße und andere weniger begehrte Fleischteile für die Ärmeren. Und für die ganz Armen gab es Brot. Der Adel bevorzugte nach wie vor Wild, nun allerdings vor allem „feines“ wie Vögel (Fasan usw.).

Quelle: https://www.openscience.or.at/hungryforscienceblog/arme-leute-essen-und-luxusspeisen/

Andernorts kann man lesen, dass, sowohl im Mittelalter als auch in späteren Jahrhunderten, Lebensmittel wie Austern oder Hummer, die heute als Delikatessen für Wohlhabende gelten, einst »Arme-Leute-Essen« waren – zumindest für die Menschen, welche nah an der Küste lebten, denn auch frischer Fisch war natürlich aufgrund der fehlenden Möglichkeiten zur Haltbarmachung für Menschen abseits der Meeresküsten im Landesinneren oder in größerer Entfernung zu fischreichen Gewässern nicht zugänglich.

Austern wurden auch im Mittelalter geschätzt. Der größte Austernschalenberg wurde in Poole (England) gefunden und besteht aus ca. 3,8 bis 7,6 Millionen Austernschalen. Nach Paris – dem heutigen Mekka der Austernliebhaber – kamen Austern erst im 11. oder 12. Jahrhundert. Dort waren sie anfangs ein Essen für arme Leute. Man nimmt an, dass um 1300 Austern billiger als frischer Fisch waren. Pieter Brueghel d. Ä. stellt auf seinem Kupferstich »Die magere Küche« eine Gruppe armer Leute dar, die Austern aus einem Topf essen.

Quelle: https://www.fisch-gruber.at/fisch-und-mehr/fisch/eine-kleine-kulturgeschichte-der-auster/

Wenn man heutzutage jemanden fragt, was die typischsten Zutaten der italienischen Küche sind, landet vermutlich die Tomate mit auf den vorderen Plätzen. Tatsächlich kam sie jedoch erst um 1540 nach Italien und wurde dann noch weitere 150 Jahre lang (!) als Lebensmittel eher skeptisch eingeschätzt.

Nach dem ersten Auftauchen der Tomate in Italien 1548/1555 schmückten die Tomatenpflanzen die italienischen Gärten zunächst überwiegend als Zierpflanzen, da sie aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit anderen Nachtschattengewächsen als giftig angesehen wurden. Doch bereits die Medici waren an der Verwendung der Tomate für den Verzehr interessiert. Obwohl Mattioli schon 1544 ein Rezept für den Verzehr von Tomaten angab, wird in der Literatur daran gezweifelt, dass sie wirklich des Öfteren als Speisepflanze verwendet wurde.

Insbesondere in Italien wurde die Tomate ab dem 17. Jahrhundert immer bedeutender. Antonio Latini war ab 1658 als Koch beim spanischen Vizekönig von Neapel tätig. In dem von ihm verfassten Kochbuch fanden sich erstmals auch Rezepte mit neuweltlichen Zutaten. Die drei Gerichte, in denen die Tomate vorkam, wurden als „alla spagnola“ bezeichnet. Um 1700 begann man, die Tomate als eine Zutat für Speisen schätzen zu lernen; erneut galt Italien als Vorreiter.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Tomate

Schaut man also in Zeitskalen von Jahrhunderten auf die Essgewohnheiten der Menschen, ändert sich dort an sehr vielen Stellen sehr häufig sehr viel, manches allmählich, manches auch umwälzend. Kriege, Missernten, Wohlstand und Armut sowie die Marktpreise von Nahrungsmitteln, Zugang zu neuen Technologien und Konservierungsverfahren, kultureller Austausch sowie Importe bislang unbekannter Lebensmittel, Gerichte und Zubereitungsarten, die Entstehung neuer Tier- und Pflanzenzüchtungen, in jüngerer Zeit auch Ernährungstrends, industriell gefertigte und hoch verarbeitete Lebensmittelprodukte, wissenschaftliche Erkenntnisse*, Gesundheitsbewusstsein – all das sorgt dafür, dass der Speiseplan der Menschen in jedem Winkel der Erde sich permanent ändert. Das, was oft von Konservativen als »Tradition« gelabelt wird, wie etwa der fast tägliche Verzehr von (frischem) Fleisch in größeren Mengen, ist oft erst seit wenigen Jahrhunderten oder Jahrzehnten üblich oder überhaupt möglich. Auch die Sitte, »traditionell« drei Mahlzeiten am Tag zu sich zu nehmen (Frühstück, Mittagessen, Abendessen) ist kulturgeschichtlich relativ neu. Von den alten Römern bis ins Mittelalter hinein waren zumeist nur zwei Mahlzeiten pro Tag üblich – morgens und abends (Frühmahl »prandium« und Spätmahl »cena«). Erst zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstand die Gepflogenheit, drei oder gar vier Mahlzeiten am Tag einzunehmen. Ich finde sowas hochspannend.

* Auch die Ernährungswissenschaft entwickelt sich stetig weiter.

Zu den Veränderungen, die seit jeher diesen Wandel antrieben, kommt nun mit erheblicher Dynamik der Klimawandel. Ich glaube, seine Auswirkungen werden in wenigen Jahrzehnten einen gravierenden Einfluss darauf haben, wie wir uns ernähren werden wollen und können. Viele Nutzpflanzen werden sich sehr viel schwieriger, nur auf deutlich begrenzten Flächen, womöglich in ganz anderen Regionen/Klimazonen und mit deutlich geringeren Erträgen anbauen lassen, viele Lebensmittel könnten zum Luxusgut werden, vielleicht sogar so verbreitete und beliebte wie Kaffee, Kakao oder Wein. Viele mögen darüber schimpfen, ich finde das auch alles andere als erfreulich, aber ich glaube, es wird sich langfristig nicht verhindern lassen. Ich selbst würde niemanden dazu drängen oder überreden wollen, sich anders zu ernähren oder von fleischlicher auf pflanzliche Kost umzusteigen. Aber ich bin mir relativ sicher, dass in den nächsten 10, 20, 50 oder 100 Jahren der sich rasant verändernde Planet Erde diese Überzeugungsarbeit sehr nachdrücklich leisten wird.

Jede Generation, die neu geboren wird, wächst in einer »Blase« auf, die auch ihre Ernährungsgewohnheiten prägt. Ich erinnere mich, dass mich als Teenager die Kurzgeschichte »Schwein« (im Original »Pig«) von Roald Dahl überaus fasziniert hat. In dieser Geschichte wird der Protagonist, Lexington, als 12 Tage alter Säugling aufgrund einer tragischen polizeiliche Verwechslung zur Vollwaise. Eine alte Tante nimmt sich des Kindes an und zieht ihn in völliger ländlicher Abgeschiedenheit auf.

Aunt Glosspan, who is 70 but looks half her age, lives in an isolated cottage. »She was a strict vegetarian and regarded the consumption of animal flesh as not only unhealthy and disgusting, but horribly cruel.« (…) When Lexington is 6, Glosspan decides to home-school him, partially because she is afraid that the public schools will serve him meat. She describes the horrors of meat-eating to him on one occasion. One of the subjects she teaches him is cooking and he takes to it extremely well. He takes over cooking duties for the house at age 10. Eventually he begins to invent his own recipes, making them from all sorts of vegetarian items. He is so skilled that she suggests that he write a cookbook, and he agrees. The book is to be titled ›Eat Good and Healthy‹.

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Pig_(short_story)

Nach dem Tod der Tante, Lexington ist gerade einmal 17, wird er erstmals aus seiner hermetisch abgeschlossenen vegetarischen Blase gerissen und ist gezwungen, zwecks Regelung des Nachlasses seiner Tante nach New York zu reisen. Dort probiert er zum ersten Mal ein Fleischgericht vom Schwein – und es schmeckt ihm so unglaublich gut, dass er – neugierig geworden, wo und wie dieses Nahrungsmittel hergestellt wird – sich zur Besichtigung eines Schlachthofes entschließt …

In dieser Geschichte vollzieht sich der Weg aus der kulturellen Nahrungsblase heraus zwar in umgekehrter Richtung, von vegetarischer zu fleischlicher Kost, aber auch hier wurde die Prägung der Ernährungsgewohnheiten von Kindesbeinen an durch das direkte kulturelle und familiäre Umfeld geprägt. Auch der zeitliche Rahmen der Prägung ist entscheidend: Ich selbst kannte als Kind in den 1970er Jahren z.B. weder Rucola noch Auberginen, Mangos, Papayas oder Pastinaken. Gemüse wie Champignons, Erbsen, Karotten, Bohnen und Spargel kam aus der Dose, das erste Mal in einem chinesischen Restaurant war ich etwa mit 12 Jahren und ich wurde 25, bis ich das erste Mal ein indisches Lokal besuchte. Noch einige Jahre später entdeckte ich die thailändische Länderküche, die japanische (Sushi) und die syrisch-libanesische. Gefehlt hat mir davor nichts. Erst danach hätte ich es vermisst, darauf verzichten zu müssen.

Ich glaube, die beiden größten Talente der Menschheit sind Erfindungsreichtum und Anpassungsfähigkeit. Sie haben uns sowohl zu einer technologisch und wissenschaftlich hochentwickelten Zivilisation gemacht als auch an den Abgrund der Klimakatastrophe geführt. Und sie haben ebenso das Potenzial, uns vor diesem Abgrund wieder umkehren zu lassen. Ich betrachte die aktuelle Situation und alle Prognosen zwar mit Sorge, aber ich weigere mich auch, mir jeglichen Optimismus nehmen zu lassen. Ich möchte hoffnungsvoll und neugierig darauf bleiben, mit welchen Ideen, Erfindungen und Innovationen sich Menschen dieser Veränderung entgegenstellen werden, wie und wo sie sich werden anpassen können und auf welchen Wegen oder an welchen Orten sie die Welt vielleicht wieder lebenswert(er) machen können.

Denn vielleicht entdecken wir ja auch ganz famose neue Lebensmittel, Zutaten und Gerichte aus Pflanzen, vielleicht auch aus Algen, Mikroorganismen, Flechten, Moosen oder Pilzen, die uns so gut schmecken werden, dass wir in ein paar Jahrzehnten (oder Jahrhunderten, wenn es uns gelingt, den Klimawandel zivilisiert zu überstehen) Fleisch gar nicht mehr nachtrauern werden. Die Alten, die es noch kennen, werden allmählich weniger und die Jungen, die ohne Fleisch aufwachsen, werden nach und nach zur Mehrheit. Dann gäbe es weitere Piktogramme, die man jungen Menschen erstmal erklären müsste, weil sie die Dinge dahinter aus ihrem eigenen Leben weder kennen noch vermissen.

»We will adapt.«

Seven Of Nine, Star Trek Voyager S04.E12, »Mortal Coil« (1997)

Ein paar Links zum Thema

Literaturtipps (aus meinem Bücherschrank)

Vier Bände kulinarischer Kulturgeschichte des Autors Peter Peter:

  • Kulturgeschichte der deutschen Küche
  • Kulturgeschichte der französischen Küche
  • Kulturgeschichte der italienischen Küche
  • Kulturgeschichte der österreichischen Küche