Bücherfragebogen [♂] – 31

31 Das Buch, das du am häufigsten verschenkt hast
Jörg Metes und Tex Rubinowitz: „Die sexuellen Fantasien der Kohlmeisen”.
Ja, ich gestehe: das von mir meistverschenkte Buch ist kein Bestseller, wurde von keinem Literaturpreisträger verfasst, ja, erzählt nicht einmal eine richtige Geschichte. Aber es ist herrlich absurd. Der Inhalt? Listen. Und zwar „Listen, die die Welt erklären”. Seitenweise frei erfundene Nonsens-Rankings, die genau den Lesern gefallen werden, die Hitlisten aller Art hassen. Die Autoren haben zwar beim Verfassen vermutlich die eine oder andere bewusstseinsverändernde Substanz eingenommen, aber wichtig ist, was hinten rauskommt, und das ist famos. Ein Auszug:

Die sieben Bestellungen, bei denen ein Kellner garantiert
nachfragt, ob er das richtig verstanden hat

1. „Für mich bitte den Sauerbraten und zum Trinken einen Martini”
2. „Wirsing und Perrier”
3. „Die Austern und dazu einen Eierlikör”
4. „Gemischten Salat und Möbelpolitur”
5. „Antimaterie und Fanta”
6. „Spaghetti-Eis und 83er Mouton-Rothschild”
7. „Ein Glas Mehl und einen Teller Stroh”
Warum der Krill wieder nicht „Tier des Jahres“ geworden ist
1. Zu klein
2. Keine Lobby
3. Seine Rolle als Verbündeter der Achsenmächte im 2.Weltkrieg
4. Kein Fell
5. Die Wale sind dagegen

Also, ich find’s komisch. Und auch von den Beschenkten habe ich bisher nichts Gegenteiliges gehört.
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Foto: © formschub.de

Bücherfragebogen [♂] – 13

13 Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
Das Buch, bei dessen Lektüre ich mehrfach vor Lachen fast vom Sofa gerutscht bin, ist der wahnwitzige Reisebericht „Wo, bitte, geht’s nach Domodossola? Ein Amerikaner entdeckt Europa“ von Bill Bryson, das inzwischen in einer – wie viele Rezensenten sagen – wesentlich schlechteren Übersetzung unter dem Titel „Streifzüge durch das Abendland: Europa für Anfänger und Fortgeschrittene“ neu aufgelegt wurde. Ich bin froh, ein Exemplar der ursprünglichen Auflage zu besitzen.
Eine Kostprobe? Bill Bryson besucht während Seiner Europareise auf der Hamburger Reeperbahn einen Sexshop und begutachtet das Produktangebot:

Eine andere Puppe, der man den Namen »Chinese Love Doll 980« gegeben hatte, versprach allen Ernstes eine »lebenslange Freundschaft«. Darunter stand in Fettdruck: EXTRA DICKES GUMMI. Wenn das nicht die Romantik zunichte macht! Offenbar handelte es hierbei um ein Modell für den eher praktischen Typ. Aber auch sie lockte mit Verheißungen wie: TITTEN, DIE HEISS WERDEN und RIECHT WIE EINE RICHTIGE FRAU.
All diese Versprechungen waren in den verschiedensten Sprachen abgedruckt. Interessanterweise hörten sich die deutschen Versionen allesamt derb und vulgär an, während dieselben Worte auf Spanisch sanft und romantisch klangen: ANO TENTADOR, DELICIOSA VAGINA QUE VIBRA TU ORDEN, LABIOS AMOROSOS. Man könnte sich diese Worte beinahe als Bestellung in einem Restaurant vorstellen: »Ich nehme das Ano Tentador, leicht angebraten, und eine Flasche Labios Amorosos ’88.« Auf Deutsch hörte es sich an wie der Morgenappell in einem Gefangenenlager.

Inzwischen habe ich fast alles von Bryson gelesen, durchgehend sehr lesenswert und überaus lustig, aber den hysterischen Witz dieses Werkes erreichte er kein zweites Mal.
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Bücherfragebogen [♂] – 06


06 Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst
(egal, ob du es hasst oder nicht)

Trifft das nicht auf jedes Buch zu? So wie beim ersten Mal erlebt man ein Buch niemals wieder, selbst, wenn man es danach noch so oft liest: das Eintauchen in die Sprache, das allmähliche Entstehen der ersten Bilder im Kopf, die Formwerdung der Charaktere, das Gewahrwerden der Zusammenhänge, die Anteilnahme an den Gefühlen und Schicksalen der Romangestalten, die Überraschung bei unerwarteten Wendungen der Geschichte oder die verblüffende Aufklärung dunkler Verbrechen. Der Zauber der ersten Begegnung mit einem guten Buch ist unwiederholbar. Insofern habe ich all meine Bücher nur einmal zum ersten Mal gelesen, denn bei jeder erneuten Lektüre haben mich die damit verbundenen Bilder und Gefühle, und sei es verblasst, unweigerlich begleitet.
Und ich verfluche noch heute den Satan, der vor mehr als 25 Jahren auf dem Vorsatzblatt des Agatha-Christie-Krimis, den ich mir aus der Schulbibliothek lieh, unübersehbar den Namen des Mörders notiert hatte.
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Bücherfragebogen [♂] – 07

Von heute an werde ich die Fragen in freier Reihenfolge beantworten, da ich merke, dass einige Antworten schwerer aus den Fingern fließen bzw. mehr Recherche erfordern als andere. Aber weglassen werde ich keine.
07 Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
„Lübbes Auswahlband: Die besten englischen Schauergeschichten” (Bastei Lübbe 1981, ISBN 3404101308, vergriffen). Eigentlich ein ziemlich gewöhnliches, billiges Taschenbuch, wenngleich es einige recht gute Gruselgeschichten bekannter englischer Autoren enthält, wie z. B. Oscar Wilde, Agatha Christie, Bram Stoker oder Daphne Du Maurier, deren darin abgedruckte Kurzgeschichte „Die Vögel” durch Hitchcocks geniale Verfilmung weltberühmt wurde. Das Buch erinnert mich an meinen Vater, dem ich es frisch gekauft ausgeliehen hatte, als er zur Krebsbehandlung im Krankenhaus lag. Als ich es wiederbekam, hatte er auf dem Vorblatt handschriftlich meinen Namen in das Buch eingetragen. Dieser Namenszug ist die letzte persönliche und bleibende Erinnerung an ihn, ehe er mit 37 Jahren (ich war 14) an der Krankheit verstarb.
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Bücherfragebogen [♂] – 04

04 Dein Hassbuch
Ach, sicher könnte ich Bücher hassen, die mich langweilen, aber das ist mir zu anstrengend. Lieber gähne ich, klappe sie zu und lege sie zur Seite. Gleichermaßen verfahre ich – nur ohne Gähnen – mit Büchern, die mir zu provokant, zu krass oder komplett im Widerspruch zu meinem Naturell oder meiner Weltanschauung daherkommen. Was nicht heißt, dass ich nicht neuen oder fremdartigen Themen gegenüber aufgeschlossen wäre. Doch warum sollte ich von Dingen oder Personen lesen, bei denen ich durch eine vorherige Beschäftigung oder Konfrontation bereits festgestellt habe, dass ich damit nichts anfangen kann oder will? Oder es bewusst lesen, um mich dann unvermeidlich darüber aufzuregen? Von Elie Wiesel stammt das weise Zitat „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Haß, sondern Gleichgültigkeit.” Das halte ich ohne weiteres für übertragbar auf Bücher.
Dennoch gibt es ein Buch, das mich indirekt ein bisschen nervt, wenngleich es seine Popularität der viel berühmteren Verfilmung verdankt: „Die Feuerzangenbowle” von Heinrich Spoerl. Der Protagonist des Buches hat nämlich denselben Nachnamen wie ich. Und bei jeder Angabe meines Namens im gesamten deutschen Sprachraum folgen in 9 von 10 Fällen gewitzelte Anspielungen des Gegenübers auf den Charakter, den Heinz Rühmann im Film verkörpert: „mit drei f – eins vor dem Ei, zwei hinterm Ei”. Haha. Neu. Witzig. Originell. Nicht. Ich wüsste es wahrlich zu schätzen, hätte Spoerl seinen Aufmupfpennäler anders genannt.
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Bücherfragebogen [♂] – 03

03 Dein Lieblingsbuch
Ein einzelnes Lieblingsbuch habe ich genausowenig wie einen absoluten Lieblingsfilm, ein ultimatives Lieblingslied oder ein alleiniges Lieblingsgericht. Lieblingsbücher würde ich diejenigen nennen, die mich für die Dauer der Lektüre komplett in ihre Geschichte und ihre Welt hineingesogen haben, manchmal so intensiv, dass ich mehrhundertseitige Werke in weniger als zwei Tagen durchgelesen habe. Einige Bücher, die mich derart gefesselt haben, waren unter anderem „Die unendliche Geschichte” von Michael Ende, „Die Augen des Drachen” und „Der Talisman” von Stephen King bzw. Stephen King und Peter Straub, „Dracula” von Bram Stoker, „Die geheime Geschichte” von Donna Tartt, „Die Asche meiner Mutter” von Frank McCourt, „Der Bericht des Arthur Gordon Pym” von Edgar Allan Poe, „Der Name der Rose” von Umberto Eco – und eine Science-Fiction-Dilogie, von der im Beitrag 30 noch die Rede sein wird.
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Bücherfragebogen 03
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Bücherfragebogen [♂] – 02

02 Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst
James Clavell: „Shogun”. Erst vor wenigen Wochen habe ich die 11-teilige Fernsehserienverfilmung mal wieder gesehen (Ostern 2010 bei arte aufgenommen) und war, wie damals beim ersten Mal, fasziniert sowohl von der famosen Umsetzung mit ihren Dialogen in japanischem O-Ton, die fast ohne Untertitel auskommt und trotzdem in allem Wesentlichen verständlich ist, als auch von der Story und den Einblicken in die historische japanische Kultur und Mentalität. Im Buch ist das bestimmt alles noch wesentlich dichter. Wozu hätte es sonst so viele Seiten? Nämlich 1227. Oha.
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Bücherfragebogen 02
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Bücherfragebogen [♂] – 01

Bücherstöckchen Tweet Isabo
Er nagte an mir, dieser Tweet von @isabo_. Nicht, weil ich mich als besonders repräsentatives Exemplar Mann sehe (eher im Gegenteil), und auch nicht, weil ich mich berufen fühlte, die literarische Ehre der bloggenden Penisträger zu retten, sondern vielmehr, weil ich jüngst in einigen gern besuchten Blogs mit großem Interesse die Beiträge anderer (in der Tat ausschließlich weiblicher) Blogautoren zu diesem anspruchsvollen Stöckchen lese bzw. gelesen habe und oft dabei an die für mich bedeutsamen Bücher der bebloggten Rubriken denken musste – aber bislang nichts drüber erzählte. Anspruchsvoll, weil die 31 Fragen nicht „mal eben so” zu beantworten sind, sondern einiges Nachdenken und – sofern man die eigenen Leser für die erwähnten Bücher weiterführend interessieren möchte – einen gewissen Rechercheaufwand erfordern. Aber da ich momentan irgendwie mal wieder ein bisschen mehr Lust zum Bloggen habe, fange ich einfach mal damit an.
01 Das Buch, das du zur Zeit liest
Im Moment lese ich viel zu wenig Bücher. Ich lese viel im Internet und in Zeitschriften und Magazinen, einige habe ich abonniert (PAGE), andere kaufe ich sporadisch (NEON, brand eins, mare Kulinarik, Efilee) und manche klaube ich aus dem Postmüllkörbchen im Treppenhaus (ZEIT Magazin). Das hält mich leider merklich vom Bücherlesen ab. Ich habe aber mehrere angefangene Bücher auf dem Nachttisch liegen, z.B. „Die Donnerstage des Oberstaatsanwalts” von Herbert Rosendorfer, das „PONS Twitter”-Buch und „Die Teufelsarie” von Kate Ross (Übersetzung: Birgit Moosmüller). Sie liegen dort – und ich lese fremd.
Das letzte Buch, das ich – im vergangenen Sommerurlaub – in einem Rutsch gelesen habe, war „All you can eat: Ein Gourmet reist um die Welt” von Simon Majumdar, auf das mich das Blog der beneidenswert emsigen Leseratte Anke Gröner gebracht hatte. Angenehm leichte Kost und wieder mal ein Buch, das in mir den verklärten Wunsch weckt, auch selbst ganz einfach, nur mit Reisen und Essen, mein Geld verdienen zu können.
Vielleicht führt mich ja die Beschäftigung mit diesem Stöckchen mal wieder näher an Bücher heran.
Hier nochmal der gesamte Fragebogen
(von hier aus verlinke ich dann auch sukzessive auf meine Beiträge)
01 Das Buch, das du zur Zeit liest
02 Das Buch, das du als nächstes liest/lesen willst
03 Dein Lieblingsbuch
04 Dein Hassbuch
05 Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
06 Ein Buch, das du nur einmal lesen kannst (egal, ob du es hasst oder nicht)
07 Ein Buch, das dich an jemanden erinnert
08 Ein Buch, das dich an einen Ort erinnert
09 Das erste Buch, das du je gelesen hast
10 Ein Buch von deinem Lieblingsautoren/deiner Lieblingsautorin
11 Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
12 Ein Buch, das du von Freunden/Bekannten/etc. empfohlen bekommen hast
13 Ein Buch, bei dem du nur lachen kannst
14 Ein Buch aus deiner Kindheit
15 Das 4. Buch in deinem Regal von links
16 Das 9. Buch in deinem Regal von rechts
17 Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
18 Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
19 Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest
20 Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
21 Das blödeste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
22 Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
23 Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
24 Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast
25 Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
26 Ein Buch, aus dem du deinen Kindern vorlesen würdest
27 Ein Buch, dessen Hauptperson dein „Ideal“ ist
28 Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
29 Warum zur Hölle wurde dieses Buch verfilmt?
30 Warum zur Hölle wurde dieses Buch noch nicht verfilmt?
31 Das Buch, das du am häufigsten verschenkt hast

Fotoblogstöckchen (II)

Auf der Suche nach weiteren Gegenständen, mit denen ich hier etappenweise das wundervolle Erinnerungsstöckchen von creezy auffangen möchte, stieß ich in einem Schmuckkästchen auf ein weiteres Souvenir meiner Kindheit. Für mich überraschend: nicht wenige der Erinnerungsstücke, die ich auf dieser Suche entdecke, haben etwas mit Tieren zu tun. Und das, obwohl ich nur sporadisch selbst welche besaß. Eines davon – mein erstes eigenes Tier – war Karlinchen.
Karlinchen war eine Schildkröte und ich war sechs Jahre alt. Mein Vater hatte sich etwa ein Jahr zuvor entschlossen, für zwei Jahre einen Job im nordafrikanischen Algerien anzutreten und die gesamte Familie mitzunehmen. Und so kam es, dass von 1973 bis 1975 ein kleiner Bungalow in einer kleinen deutschen „Gastarbeitersiedlung” nahe der algerischen Stadt Constantine mein Zuhause war. Ich wurde dort eingeschult, hatte bereits in der 1. Klasse Unterricht in der Landessprache Französisch (bis zu den späteren Gymnasialkursen allerdings das meiste wieder vergessen), lernte neue Freunde kennen – und bekam Karlinchen. Sie wohnte in einer kleinen Holzkiste hinter dem Haus, ich fütterte sie mit Kopfsalatblättern, gab ihr Wasser und studierte fasziniert die seltsamen Züge dieses vorsintflutlichen Tieres: den glänzenden, braungeschuppten Kopf, der sich sofort ins Innere des Panzers zurückzog, wenn das Streicheln mit dem Finger etwas zu unsanft ausfiel, oder die kleine rosa Zunge, die bei jedem Biss ins bereitgelegte Grünfutter kurz zwischen den Schnappkiefern aufblitzte. Und die stoische Langsamkeit, mit der sie außerhalb ihrer Kiste den mauerbegrenzten kleinen Hinterhof durchwanderte. Ein bodentiefes eisernes Gatter bildete den Zugang, eine kleine Stufe führte vom Hof aus ins Wohnzimmer des ebenerdigen Hauses – der ideale Ort zur Unterbringung des kleinen Urviechs, denn selbst außerhalb ihrer Kiste konnte es von dort nicht ausreißen. Jedenfalls nicht ohne Hilfe.
Doch eines Tages sollte ausgerechnet ich selbst ihr genau diese Hilfe anbieten. Es war Wochenende, nachmittags, und ich war auf dem Hof mit Karlinchen beschäftigt, als plötzlich ein Auto vorfuhr und meine Eltern riefen, Familie B. sei zu Besuch angekommen. Dies weckte sofort mein aufgeregtes Interesse, denn die beiden Söhne dieses Arbeitskollegen meines Vaters zählten zu meinen Freunden und Spielkameraden. Ich sprang auf und rannte vom Hof, um die eingetroffenen Freunde zu begrüßen – und vergaß, das Gatter zu schließen. Plötzlich war anderes wichtiger.
Gegen Abend, nach Abreise der Gäste, fand ich hinter dem Haus nur noch die leere Holzkiste vor. Die aufgeregte gemeinsame Suche mit den Eltern auf dem Hof und in der näheren Umgebung des Hauses war vergebens. Karlinchen hatte genug Zeit gehabt, für immer zu verschwinden. Ich war traurig.
Ein paar Wochen später, vielleicht im Bauchladen eines Strandhändlers, vielleicht in der Auslage eines algerischen Basars, sah ich meine Schildkröte wieder. Viel kleiner, silbern, und mit einer ovalen Öse am Kopf. Es war ein Kettenanhänger. Ich bekniete meine Eltern, mir die metallene Reinkarnation meines geflohenen Schützlings zu kaufen. Und der Verkäufer ließ mit sich handeln. Eine Zeit lang trug ich sie an einer silbernen Kette um den Hals. Weglaufen ließ ich sie nicht noch einmal.
Karlinchen
Foto: © formschub.de
(to be continued)

Fotoblogstöckchen (I)

Meiner reizenden Blognachbarin creezy ist es zu verdanken, dass der schon fast totgeglaubte Brauch des Blogstöckchens eine wunderbar nostalgische Frischzellenkur erfuhr. Sie rief dazu auf, Gegenstände aus dem eigenen Haushalt zu fotografieren, die mit einprägsamen Kindheitserinnerungen verbunden sind – und deren Geschichte(n) zu erzählen. Ein Stöckchen, das ich gerne fange, weil es mich sofort auf eine Kopfreise durch Schrankfächer und Schubladen schickte. Aus Zeitgründen möchte ich meine Beiträge dazu auf mehrere Blogeinträge verteilen. Hier kommt der erste:
Ich war eben auf meinem Dachboden und habe ein Stückchen Vergangenheit heruntergeholt. Es ist ein kleiner Zettel, etwa so groß wie eine Postkarte. Ich wusste, dass er dort oben liegt. Ich habe ihn mit anderen kleinformatigen Papiersouvenirs in einem braunen Briefumschlag aufbewahrt. Es stehen acht handgeschriebene Zeilen darauf, in einer wunderschönen, doch für viele Menschen nahezu unleserlichen Schrift: Sütterlin. Und verfasst hat ihn meine Oma Margarethe, genannt „Oma Gretchen” – irgendwann im Sommer 1978. Da war ich elf.
Oma Gretchen lebt schon lange nicht mehr, sie starb 1983 in dem kleinen Ort mitten im Harz, wo sie den größten Teil ihres Lebens verbrachte, der Gegend, aus der meine Familie stammt. Oma Gretchen lebte, seit sie verwitwet war, in einer kleinen Etagenwohnung im Haus meiner Tante. Dort oben besuchte ich sie oft als Kind, an Wochenenden oder auch während der Schulferien, wenn ich abwechselnd ein, zwei Wochen bei meinen Harzer Omas verbrachte.
Die Wohnung von Oma Gretchen war sehr braun, schön warm und irgendwie weich. Dunkle Holzschränke, ein federkerngepolstertes Sofa, ein riesiges, unendlich nachgiebiges Bett, Spiegel, Vitrinen, Fußschemel und Deckchen. Es roch nach Holz, Latschenkiefer, Stoff und ein bisschen nach Vanille. Eine Omawohnung wie die korpulente und gemütliche Oma, die darin wohnte.
Auf dem großen Vitrinenschrank im Wohnzimmer, ganz oben, neben der hölzernen Kaminuhr, die mit einem gemütlichen Gongschlag die Stunden in Omas Wohnung durchnummerierte, stand ein Hund aus Porzellan. Ich musste diesen Hund gemocht haben damals, denn ich erinnere mich, dass ihn Oma oft vom Schrank holen musste. Vermutlich habe ich ihn nur angesehen, bewundert, berührt, denn Porzellan ist empfindlich und kein Spielzeug für Kinder. Ich fand ihn nie kitschig, denn er ist nicht bunt bemalt, nur ein paar graue und schwarze Farbflecken akzentuieren das Fell und die Augen. Er trägt kein Halsband und keine Leine, er ist nicht „niedlich”, sondern schlank und, wie ich finde, von einer vornehmen Wildheit. Er sitzt nicht brav bei Fuß, sondern ist draußen unterwegs, streift durchs Gras, apportiert vielleicht einem Jäger. Ich gab ihm nie einen Namen, er war einfach „der Hund”.
Nach dem Tod Oma Gretchens bekam ich nicht mit, was mit dem Nachlass in ihrer Wohnung geschah. Die Zimmer wurden renoviert, neu eingerichtet, ein Nähzimmer für die Tante, ich war selten wieder dort oben. Mit 16 macht man keine Ferien mehr bei Tanten und Omas. Sie war nicht mehr da, ebensowenig wie der vertraute Geruch, wie die Farben und Möbel, die alte Kaminuhr und das federnde Sofa. Oma war weg.
Dann wurde mir plötzlich der Porzellanhund gegeben, meine Tante oder meine Mutter überreichten ihn mir, ich erinnere mich nicht mehr genau. Beim Herunterholen vom Schrank hatte sich im hohlen Sockel des Hundes der handgeschriebene Zettel gefunden, den ich eben vom Dachboden holte. Ich kann ihn entziffern, denn meine Oma schrieb mir auch zum Geburtstag oft Karten von Hand:

Sommer 1978
Ich, der schöne Porzellan-Hund gehöre meinem Frauchen-Gretchen. (Auch Omchen, Omi oder Omichen)
Sollte mein Frauchen mich einmal verlassen, so möchte mich der Thomas (…) gerne haben.
Er freut sich.

Ich habe ihn gern aufgenommen. Er hat es gut bei mir, oben auf dem Schrank.
Hund
Zettel
Fotos: © formschub.de
(to be continued)