Blogstöckchen: »Narbengeschichten«

Nur durch Zufall wurde ich gestern via RT auf diesen Tweet aufmerksam, aber er brachte einen Gedanken, den ich kürzlich ebenfalls hatte, wieder zurück an die Oberfläche. Im Dezember letzten Jahres stieß ich auf das famose Fotoprojekt »Behind The Scars«, bei dem Menschen allen Alters und Geschlechts die Geschichten zu ihren Narben erzählen. Wie wäre es wohl, dachte ich, wenn man diese Idee auf die Twitter- und Blogosphäre übertrüge und etwas ausführlicher als in nur 280 Zeichen – womöglich sogar bebildert – die Geschichten erführe, die Blogleser, Follower und Followees zu ihren Narben berichten könnten? Ich weiß nicht, ob der schöne Brauch des »Blogstöckchens« noch gepflegt wird, aber ich möchte es hiermit gerne versuchen und alle dazu anregen, unter #narbengeschichten von den Begleitumständen ihrer bedeutsamsten Narben zu erzählen.

Zur größten Narbe an meinem Körper gibt es sogar schon einen Blogeintrag, deshalb wähle ich für heute aus meinen sechs vorhandenen Narben eine andere, an deren Ursache ich mich noch erinnere. Es ist eine der ältesten, sie befindet sich an meinem rechten Ringfinger, direkt neben dem obersten Gelenk. Ich trage sie mit mir, seit ich sechs Jahre alt war.

Zu dieser Zeit lebte unsere Familie gerade in Algerien, wo mein Vater von 1973 an für zwei Jahre als Gießereiingenieur für das Industrieunternehmen DIAG arbeitete. Für mich stand im Jahr 1973 mit sechs Jahren die Einschulung an und für alle Eltern schulpflichtiger Kinder gab es in der Nähe unseres Wohnortes die von diesem Unternehmen betriebene Deutsche Schule DIAG, Constantine. Dort besuchte ich die erste und teilweise zweite Klasse, ehe die Familie 1975 wieder zurück nach Deutschland umsiedelte.

Der Schulbus für die überschaubare Zahl an Schülern war ein graublauer VW Bulli mit dem in weiß auf den Seitentüren angebrachten, markanten Logo der Firma DIAG. Jeden Morgen machte der Bus im firmeneigenen »Siedlungscamp« am Stadtrand die Runde, sammelte die Schüler aller Klassen ein und lieferte sie auf dem Schulhof zum Unterricht ab. Nach Ende der vierten Stunde und nach Ende der sechsten Stunde holte der Bulli dann die Kinder nach ihrem jeweiligen Schulschluss wieder ab.

Am »Narbentag« hätte ich eigentlich länger als vier Stunden Unterricht gehabt und wartete in der Klasse auf den Beginn der folgenden Unterrichts, als plötzlich verkündet wurde, dass die folgende(n) Stunden ausfielen. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und rannte aus der Schule, denn vielleicht konnte ich ja den Schulbulli noch kriegen, der jeden Moment abfahren müsste. Ich hatte Glück (zunächst), denn der Bus stand noch abfahrbereit auf dem Schulhof, die Seitentür war geöffnet und ich beeilte mich, um ihn noch rechtzeitig zu erreichen. Im selben Moment, als ich am Bus ankam und einsteigen wollte, schloss einer der mitfahrenden Schüler, der mich nicht bemerkte, von innen mit Schwung die Schiebetür des Busses und der Ringfinger meiner Hand, mit der ich zum Einsteigen just in diesem Moment an den Türholm gegriffen hatte, geriet in den Schließmechanismus.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge danach nur noch das Bild rotbraun verfärbter Haut um die heilende Wunde, irgendjemand musste sie nach dem Vorfall mit Jod desinfiziert haben. Aber an mehr erinnere ich mich nicht. Ich hatte Glück, der Finger hätte vermutlich auch ohne weiteres noch stärker verletzt oder gar abgetrennt werden können. Die an jenem Tag ausgefallenen Schulstunden kamen mir aber wohl trotz des glimpflichen Ausgangs deutlich weniger zugute, als ich mir zunächst erhofft hatte.

Es liegt im Wesen von Narben, dass sie oft mit Blut und Schmerzen verbunden sind, aber das muss nicht heißen, dass es nicht auch andere Geschichten geben kann, die vielleicht sogar heitere oder skurrile Begleitumstände haben. Und selbst die schmerzvollen und düsteren Erfahrungen mit unseren Narben haben alle etwas Positives gemein: wir haben sie überlebt.

Ich werfe das Stöckchen hiermit in die Blogosphäre und würde mich sehr freuen über eine rege Teilnahme – für einen thematisch gebündelten Zugang könnt Ihr gerne hier in den Kommentaren oder bei Twitter (#narbengeschichten) auf Eure Erlebnisberichte verlinken.

Heimat, das sind Menschen.

Hallo, mein Name ist Thomas, ich bin jetzt 48 Jahre alt und kenne keinen Ort, kein Dorf, keine Stadt, die ich als meine »Heimat« bezeichnen würde.

Ich kenne Leute in meiner Familie, meinem Freundeskreis, unter Kollegen, bei denen dies anders ist – und ich vermute, das hängt sehr damit zusammen, wie und wo man aufgewachsen ist. Ich glaube, Heimat ist ein Gefühl, das sich durch das lange Verweilen an einem Ort (z.B. dem der Geburt oder Kindheit) verfestigt und durch häufige Ortswechsel, wie etwa Reisen oder Umzüge, auflöst. Ich lebe jetzt seit über zwanzig Jahren in Hamburg, weil ich hier einen tollen Job habe, weil ich die Stadt mag, weil das »Naturell« ihrer Bewohner dem meinen sehr ähnlich ist und weil ich hier Freunde habe.

Ja, ich fühle mich hier zu Hause. Aber ich könnte genausogut in Berlin, Leipzig, Stockholm, London, Amsterdam, Dublin oder Kopenhagen leben, um nur einige Städte zu nennen, die mir auch sehr gut gefallen.

Das Gefühl, keine geographische Heimat zu haben, hat seinen Ursprung in meiner Kindheit. Meine Großeltern kommen aus dem Südharz, aber auch sie wurden teilweise durch die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs dorthin verschlagen. Meine Eltern wurden zwar dort geboren, aber noch bevor ich das Licht der Welt erblickte, zogen sie (mit mir als Fötus im »Gepäck«) bereits das erste Mal um und so sollte ich im März 1967 rund 200 km vom Ort meiner Empfängnis geboren werden: in Friedberg, nördlich von Frankfurt/Main, wo mein Vater sein Studium absolvierte. Ich erinnere mich nicht mehr an meine ersten Lebensjahre in Hessen, ich habe nur Fotos von mir als pausbäckiges Kleinkind, die in jener Zeit aufgenommen wurden, aber meine Mutter erzählte mir, ich hätte im Zuge meiner sprachlichen Prägung sehr schnell das nachgestellte »Gell?« angenommen und als Kleinkind so quasi schon etwas vom hessischen Lokalkolorit assimiliert.

Der nächste Umzug, es muss um 1970 herum gewesen sein, führte uns zurück an den Rand des Harzes, nach Seesen, wo mein Vater seinen ersten Job nach dem Studium annahm. An diese Zeit habe ich tatsächlich rudimentäre Erinnerungen. Eines der Nachbarskinder, mit denen ich spielte, hieß Holger und von den Kinderspielen auf dem Innenhof trage ich noch heute ein »Souvenir« in Form einer haarlosen Narbe am Hinterkopf bei mir – ich war bei einer nicht sonderlich schlauen Variante des Fangenspielens – mit einer Spieldecke über dem Kopf – die Kellertreppe hinuntergefallen.

1972. Schon wieder umziehen. Diesmal nach Himmelsthür bei Hildesheim. Ich erinnere mich an Heckenrosen vor dem Haus, einen Spielkameraden namens Dirk, an Rosinenbrötchen vom umliegenden Bäcker. Da war ich fünf – und bekam eine Schwester.

1974 suchte mein Vater gezielt nach einer Anstellung im Ausland. Deutsche Ingenieure waren gesuchte Fachkräfte in aller Welt, die bei Bau- und Maschinenbautätigkeiten in vielen Regionen ihre Kenntnisse einbrachten und diese Jobs wurden gut bezahlt. Für die Kinder der »Auswanderer« stellten manche großen Firmen sogar eigene Kindergärten und Schulen auf die Beine. Und so hieß es 1975 erneut: umziehen! Diesmal übers Mittelmeer, ins französischsprachige Algerien, nahe der Stadt Constantine, die schon damals mehrere 100.000 Einwohner zählte. Es gab zwar ein eigens für die Facharbeiter der Firma errichtetes Wohngebiet, doch dieses war keineswegs wie ein Ghetto umzäunt.

Unsere Nachbarn waren Algerier, in deren Haus waren wir gelegentlich spontan zu Gast. Meine Eltern erzählten uns oft, wie fasziniert die Nachbarn und auch andere Einheimische von den weißblonden Haaren waren, die meine Schwester und ich zu dieser Zeit hatten. Von Algerien habe ich noch Erinnerungen an den Geschmack des selbstgebackenen Fladenbrotes der Nachbarsfamilie, an einen kleinen Bach jenseits der Straße, in dem Süßwasserkrabben, Frösche und Kaulquappen lebten, an Ausflüge in die Sahara, an Datteln, frisch von der Palme gepflückt und gegessen und an das Einkaufen in den wuseligen Basaren der Stadt, wo es nach Hammelfleisch, Brot, Abwasser und Gewürzen roch und an unsere junge Haushaltshilfe, Fatima, die außerhalb des Hauses immer schwarz verschleiert sein musste, und an ihre mit Henna rot gefärbten Handflächen.

Schon in der ersten Klasse hatte ich Französischunterricht, Madame Adas hieß meine Lehrerin und einer meiner besten Freunde hieß Ulrich. Es zerriss mir das Herz, als seine Eltern wieder aus der Nachbarschaft fortzogen mussten, zurück nach Deutschland oder in ein anderes Land, keine Ahnung. Mit 6 ist man noch zu jung für eine Brieffreundschaft, aber ich weiß noch: ich habe geweint.

Zurück nach Deutschland kamen wir 1975, es war wieder in der Nähe von Hildesheim. Eine neue Schule, neue Freunde, eine neue Wohnung. Auch einige meiner Mitschüler hatten offenbar Umzüge hinter sich, da waren zum Beispiel Mario aus Italien und zwei türkische Jungs, zweieiige Zwillinge, ihre Namen weiß ich nicht mehr. Zwei Jahre lang besuchte ich eine ganz normale Grundschule in Deutschland. Dann abermals: umziehen!

1977 nahm mein Vater erneut einen Job im Ausland an. Wieder Afrika, diesmal allerdings viel näher am Äquator. Nigeria hieß unser neues Ziel. Hier gab es eine übergreifende Deutsche Schule für die Kinder zugewanderter Arbeiter, aber es waren auch einige einheimische Kinder in den Klassen, meine Mathelehrerin war mit einem Nigerianer verheiratet, die Frau eines Kollegen meines Vaters und Nachbarn in unserem Wohnhaus, war Äthiopierin, ihre Kinder, Rodney und Colette, unsere Spielkameraden. Im Garten wuchsen Zuckerrohr, Papayas und Bananen, wenn wir als weiße Exoten zum Einkaufen oder bei Wochenendausflügen in ausschließlich von Schwarzen bewohnte Orte kamen, strömten oft Scharen von Kindern herbei und riefen »Oibo! Dash me!« (Weiße! Schenkt mir was!). Dass viele Einheimische nicht viel Geld hatten und die ausländischen Arbeiter im Vergleich merklich wohlhabender waren, äußerte sich nicht nur in diesen kleinen Aufläufen, sondern auch in gelegentlichen Überfällen und Einbrüchen auf Weiße bzw. in deren Wohnungen. Auch Bekannten unserer Familie passierte dies, wir aber hatten Glück.

Ich vermisste oft ganz banale Lebensmittel, die in Deutschland jeden Tag verfügbar waren: Mortadella, Schnittkäse oder Äpfel (dazu gibt es auch schon einen früheren Blogeintrag). Meine Oma ging derweil in Deutschland alle 14 Tage für mich zum Kiosk und kaufte für mich das neue YPS-Heft. Nur zweimal im Jahr maximal hatten wir einen freien Heimflug auf Firmenkosten nach Deutschland, die große Kiste YPS, die dann auf mich wartete, war jedesmal ein großes Highlight. Ich schloss neue Freundschaften, ging hier zwei Jahre zur Schule. 1979 zogen wir zurück nach Deutschland.

Das nächste Auslandziel war schon geplant: Venezuela. Anfang der Achtziger sollte es losgehen, der Arbeitsvertrag meines Vaters war schon unterzeichnet. Dann die Diagnose aus heiterem Himmel: Krebs. Kaum ein Jahr später war mein Vater tot, mit nur 37 Jahren. Ich war 14. Von nun an blieben wir eine lange Zeit in Deutschland.

Was geblieben ist von diesen vielen, oft schmerzhaften, aber auch unglaublich bereichernden Ortwechseln und Umzügen, ist die Gewissheit, dass ich überall leben könnte, wohin mich Menschen begleiten oder wo ich auf Menschen treffe, die ich mag, an denen mir etwas liegt, die mir verbunden sind, die mir Nähe geben. Heimat ist kein Ort, es ist ein Gefühl, eine Konstellation aus Geborgenheit, Zuversicht, Wohlbefinden und Freundschaft, vielleicht auch Liebe. Und es sind immer Menschen. Ohne sie kann kein Ort eine Heimat sein.

Heute lebe ich in Hamburg, dem »Tor zur Welt«. Ich finde es gut, dass dieses Tor zu beiden Seiten hin geöffnet ist, dass in meinem Viertel, in Barmbek, Geschäfte und Menschen aus zahllosen Ländern ansässig sind und dass ich in der Stadt auf Touristen und Einwohner aus allen Kontinenten treffe. Es spielt keine Rolle, ob sie hierhergezogen sind, hier geboren wurden, als Touristen zu Besuch, nur auf Zeit, des Jobs wegen oder aus Herzensangelegenheiten, ob sie bald wieder fortziehen oder Geflüchtete sind. Ich finde es selbstverständlich, dass meine Bekannten und Freunde Namen wie George, Nese oder Ario tragen und dass ich in meinem Job bisher unter anderem Serkan, Mehran, Monique, Jo, Poul Erik, Ngoc Minh und Ufuk begegnet bin. Diese Vielfalt ist ein unendlicher Reichtum – und ich möchte nie wieder so arm sein, wie diejenigen, die sich ihr verweigern.

Ich unterstütze die Initiative #BloggerFuerFluechtlinge und würde mich freuen, wenn auch einige meiner Blogleser sich mit einer Spende am Fundraising des Projekts beteiligen.

Blogger für Flüchtlinge

Wer auf seiner Seite ebenfalls ein Banner der Aktion einbinden möchte, kommt per Klick auf das Bild zum Blog tollabea.de, wo diese schöne visuelle Umsetzung entstand und in vielen Varianten frei zum Download bereitsteht.

20 Dinge über mich

Ein schönes Stöckchen, das da gerade umgeht, wird mal wieder Zeit, bei sowas mitzumachen, auch, wenn es mir niemand zuwarf.

  1. Ich mag es, wenn Dinge in meiner Umgebung auf Ablageflächen orthogonal zueinander liegen.
  2. Bis deutlich nach meinem 18. Geburtstag habe ich freiwillig so gut wie nie Kaffee getrunken.
  3. Körperliche Gewalt im »echten Leben« verabscheue ich, nur ein einziges Mal (in der Grundschule) hatte ich mit einem Mitschüler eine »Klopperei« – ich weiß nicht mal mehr, wieso.
  4. Es macht mich wahnsinnig, wenn Menschen sich nicht entscheiden können oder sich wiederholt kurzfristig umentscheiden, etwa bei der Sitzplatzwahl in einer Kneipe (»guck mal, da drüben sitzt man noch schöner!«). Krisch Plack.
  5. Mit das Anstrengendste an anderen Menschen ist für mich, wenn sie zuviel reden.
  6. Mein Vater starb, als ich 14 Jahre alt war. Mittlerweile ist mir klar, dass ich (unbewusst) daraufhin die rebellische Komponente meiner Pubertät quasi ausgesetzt habe, um meine verbliebene Mutter und Schwester nicht mit meinen Bedürfnissen zu belasten. Anpassen und Zurückstecken wurden zum obligatorischen Verhaltensmuster. Ein Idol meiner Jugend war Mr. Spock, der sich stets absolut unter Kontrolle hat. Diese Haltung währte, bis ich 40 war, dann hat mir meine Psyche sehr deutlich klar gemacht, dass ich laut werden muss und darf, wenn gehört werden soll, was ich will und was nicht.
  7. Meinen ersten Computer kaufte ich mir 1983, einen »Sinclair ZX Spectrum«. Auf diesem Gerät wagte ich mich vor bis in die uncompilierte Programmierung der CPU in Maschinensprache. Etwas, bei dem ich mir selbst heute rückblickend komplett fremd vorkomme, obwohl ich nach wie vor täglich intensiv Computer nutze.
  8. Schon als Kind war ich fasziniert von Gespenstern, Monstern und Vampiren. Ich nervte Eltern und Großeltern ständig, abends für »Gruselfilme« à la Dracula aufbleiben zu dürfen (meist vergebens), stromerte in den Videotheken der frühen Achtziger Jahre herum und bestaunte die Cassettencover in der – damals noch frei zugänglichen – Horrorfilm-Ecke, denn ausleihen durfte ich ja noch nichts, und stand oft vor den Schaukästen der lokalen Kinos, in denen damals noch Szenenfotos aus trashigen Italo-Zombiefilmen öffentlich ausgehängt werden durften. Nachts konnte ich dann im Schein des Steckdosen-Schlummerlichts nicht einschlafen, sah auf jedem Kellergang in dunklen Ecken, hinter mir und jeder Tür das Böse lauern und trug sogar eine Zeitlang als Elfjähriger nachts zum Schutz ein Kreuz an einem Gummiband um mein Handgelenk. Der Reiz des Horrors blieb dennoch bis heute ungebrochen.
  9. Eins meiner schönsten Weihnachtsgeschenke waren ein paar Äpfel.
  10. Ein anderes meiner schönsten Weihnachtsgeschenke war ein Elektronik-Experimentierkasten. Gleich nach dem Auspacken begann ich, mit meinem Vater mehrere Stunden lang das komplette beiliegende Handbuch »durchzuspielen«, sehr zum Missfallen meiner Mutter, die es gern etwas gemütlicher gehabt hätte. Es war das intensivste Spielerlebnis, das ich als Kind mit meinem Vater hatte.
  11. Ich hasse umziehen. Da ich als Kind mit der Familie bis zum Alter von 12 Jahren etwa zehn Mal unziehen musste, hatte ich irgendwann genug von ständigen Ortswechseln. Seit ich 1995 nach dem Studium der Arbeit wegen nach Hamburg zog, bin ich nur ein einziges Mal umgezogen. Der Gedanke an einen Umzug weckt in mir das Bild eines Aquariums, in das jemand einen elektrischen Rührmixer hält.
  12. Ich halte jegliche Zerstörung von Gegenständen aus Spaß, zur Unterhaltung oder aus Langeweile für eine Missachtung der Schaffenskraft jener Menschen, die an der Herstellung dieser Sachen beteiligt waren. Deswegen finde ich es schön, dass die meisten Dinge, die heutzutage in Filmen »in Dutt gehen«, aus dem Computer kommen.
  13. Meine ersten drei Schallplatten mit Musik (nach unzähligen EUROPA-Hörspielplatten) waren die Singles »Die Roboter« von Kraftwerk, »Fatima, heut ist Ramadan« von Dieter Hallervorden und »Never for Ever« von Kate Bush.
  14. Ich möchte gern einmal ohne Grabstätte und Stein in einem Park oder unter einem schönen Baum in einem Friedwald beerdigt werden.
  15. Ich war nie mit der ganzen Familie im Urlaub. Beide Male bekam ich kurz vor der Abreise (Dänemark bzw. Mallorca) eine Kinderkrankheit – einmal Masern, einmal Windpocken und musste bei der Oma zurückbleiben.
  16. Das Zusammensein mit vielen Menschen auf einmal raubt mir Energie. Inzwischen glaube ich auch, verstanden zu haben, warum das so ist.
  17. Ich mag meinen Beruf als Grafik-Designer und könnte mir nur schwer vorstellen, etwas anderes zu machen.
  18. Ich würde gern einen Bildband zusammen mit einem Fotografen gestalten und herausbringen, in dem Menschen die Geschichten zu bedeutsamen Narben an ihrem Körper erzählen.
  19. Beim Kauf neuer Möbel bin ich extrem zurückhaltend. Die ältesten Möbelstücke in meiner Wohnung sind annähernd 30 Jahre alt, zeitlos schön und optisch tadellos, deshalb wüsste ich nicht, wozu ich neue bräuchte.
  20. Ich würde gern einmal ohne jegliche technische Hilfsmittel, wie im Traum, durch einen uralten bizarren Canyon fliegen.

Ich läse gern noch viel mehr Beiträge zu diesem Stöckchen. Wer es fangen mag oder einen Link zu einem lesenswerten diesbezüglichen Blogpost hinterlassen mag, der möge dies tun.

Photo: © gabri_micha | Some rights reserved

Schweinkram

Wun. Der. Bar. Endlich wieder eine Gelegenheit, den inneren Poeten von der Leine zu lassen. Der Kommentarbereich im Blog von Isabel Bogdan birst nach Ihrem Aufruf zum rüden Reimen gerade vor Leserbeiträgen, die sämtlich drei Dinge miteinander gemeinsam haben: es sind Limericks, sie sprühen vor Ideenreichtum und – sie drehen sich samt und sonders um Sex. Oder Erotik. Oder Masturbation, Geschlechtsverkehr und Co. Schweinkram, eben. Ich möchte daher eine dringende (NSFW-)Besuchs- und Leseempfehlung aussprechen und nachdrücklich auch zum Mitmachen anregen. Vielleicht wird’s ja sogar ein Buch …

Um vorab einen wenigstens kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was Besucher dort drüben erwartet, hier die beiden drei Pornofünfzeiler, zu denen mich dieser große Spaß inspirierte:

Es war mal ein Dichter aus Plön,
dessen Verse war’n immer obszön.
Sie wimmeln vor Brüsten,
Schwänzen, Mösen und Lüsten,
doch liest sich das trotzdem recht schön.

Ein sehr schüchterner Boy aus Marseille
liebte Sarah (aus PVC).
Doch beim Liebesspiel
barst prompt das Ventil
und die Leidenschaft endete jäh.

Update: … und noch eins

Ein Bisexueller aus Maine
hatt’ ein Date – die Lady hieß Jane.
Auf dem Weg dorthin dann
sprach ein Tarzan ihn an,
da entschied er: »Ich nehm lieber den!«

Bei sowas muss ich einfach mitmachen. Ich kann | nicht | anders.


Foto: © formschub

Jahresrückblick 2012

Über Weihnachten und Neujahr war die »To-Do-Liste« mal ein paar Tage ausgesetzt, daher schob ich diesen aufwendigeren Blogartikel bewusst etwas vor mir her. Doch da die erste Jahreswoche noch nicht rum ist, erlaube ich mir mal, etwas nachträglich Bilanz zu ziehen.

Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen. Egal. Ich fühl mich super.

Haare länger oder kürzer?
Gleichbleibend kurz, mit Tendenz zum Ultrakurzen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Es mehren sich Anzeichen für eine spürbare Kurzsichtigkeit. Ein Augenarzttermin für Januar 2013 steht ganz oben auf der To-Do-Liste. Bei meiner Eitelkeit wird die Brillenauswahl sicher Wochen dauern …

Mehr Kohle oder weniger?
Weniger. Seit Januar 2012 bin ich mit zwei Partnern selbstständig, zwar mit Festgehalt, aber deutlich reduziert. Da half das Ersparte zunächst sehr, über die Runden zu kommen. Aber es geht bergauf.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Weniger für »Zeug« wie DVDs, CDs, Technik-Gadgets, Klamotten. Mindestens genausoviel wie letztes Jahr für Essen (und Trinken), wenn nicht sogar mehr. Aber ist ja für ’nen guten Zweck …

Mehr bewegt oder weniger?
As bewegt as it gets. Gekündigt (November 2011), eine eigene Agentur gegründet. Jede Menge neue Leute kennengelernt, beruflich wie privat. Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gesammelt. Verantwortung übernommen. Sich was getraut. Gereift. Selbstbewusster geworden. Fühlt sich gut an.

Der hirnrissigste Plan?
Einen »Plan« gab’s nicht. Trotzdem sollte man Zimmerkamine nicht unbeaufsichtigt lassen. Nicht eine Minute.

Die gefährlichste Unternehmung?
Siehe »Der hirnrissigste Plan«.

Der beste Sex?
… ist immer der, bei dem man hinterher eine Weile braucht, um rauszufinden, wo man jetzt gerade ist und was man eben kurz vorher gemacht hat.

Die teuerste Anschaffung?
Ersetze ich mal durch »Die kostspieligste Investition« – mein Anteil an der finanziellen Einlage zur eigenen GmbH.

Das leckerste Essen?

Weitere besuchenswerte Restaurants 2012:

Eigentlich schmeckt’s meistens. Besonders, wenn die Freunde auch noch alle gut kochen können.

Das beeindruckendste Buch?
Friedrich Torberg, »Die Tante Jolesch« (ein Tipp von der Kaltmamsell). Großer Spaß.
Insgesamt aber wieder viel zu wenig gelesen, meistens »häppchenlesbare« Bücher, die ich abends kurz vorm Schlafengehen nochmal zur Hand nehmen kann, etwa Max Goldts »Die Chefin verzichtet«, Gedichtbände, Bücher mit kurzen Episoden eines Autors ( 1 | 2 ) oder Anthologien.

Der ergreifendste Film?
Ich hinke ja aufgrund meiner Saalquatscherphobie dem Kinoprogramm stets leicht hinterher und schaue Filme lieber im DVD-Heimkino. Trotzdem wagte ich auch ein paar Mal den Ausflug in den Kinosaal. Auf jeden Fall war 2012 für mich das Jahr, in dem gute Serien mich mindestens ebenso sehr fesselten wie Filme.

Meine Top 3

Gutes Popcornkino

  • Planet der Affen Prevolution
  • Source Code
  • The Thing
  • Men In Black 3
  • Prometheus

Serienfavoriten

  • Breaking Bad
  • Six Feet Under
  • Walking Dead
  • Rome
  • Fringe

Die beste CD?
»50 Words for Snow« von Kate Bush, »Be Strong« von The 2 Bears, »Thousand Mile Stare« von Chicane, »Mein Herz Brennt« mit klassisch ganz famos aufbereiteten Liedern von Rammstein (sic!), »SSSS« – eine »Reunion« der Depeche-Mode Urväter Vince Clarke und Martin Gore.
Für mich neu entdeckte Künstler anhand von Einzeltiteln waren u.a. Androcell (»Neurosomatic Circuit«), Bon Iver (»Holocene«, »Flume«), FC Kahuna (»Machine Says Yes«), GusGus (»Hateful«, »Changes Come«), Index ID (»Windschatten«), Joey Fehrenbach (»Behold«), Koan (»Winged Knights«), Pomplamousse (»Bust Your Knee Caps«, »Nature Boy«), Saru (»Decompression«), Skizzy Mars (»Colours«, »Houdini«), Stempf (»Kraftfutter«), Trentemøller (»Marble Shade«, »Kink«, »Prana«, »Physical Fraction«) und Xploding Plastics (»Kissed By A Kisser«). Die verlinke ich jetzt aber nicht alle einzeln …

Das schönste Konzert?
Das Highlight 2012 war die »Parsifal«-Inszenierung von Stefan Herheim bei den Bayreuther Festspielen. Alle drei Aufzüge sind bei YouTube in voller Länge in HD verfügbar ( 1 | 2 | 3 ).

Dazu kamen die Kartengeschenke von Weihnachten 2011, die ich im letzten Jahr einlösen durfte: »Cardillac«) in der Semperoper, »Lear« in der Hamburgischen Staatsoper, zwei Konzerte in der Berliner Philharmonie (Edward Elgar: »The Dream of Gerontius« und Dmitri Schostakowitsch: »Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1«/»Symphonie Nr. 8«). Auch sehr schön: Benjamin Brittens »War Requiem« in der Marienkirche zu Lübeck und ein spätabendliches Orgelkonzert bei Kerzenlicht am 23. Dezember in der Dresdner Frauenkirche.

Die meiste Zeit verbracht mit …?
… dem Mann, guten Freunden (wie letztes Jahr) und den beiden Mitgründern der eigenen Agentur.
… dem guten Gefühl, dass mir mein Job wieder mehr Spaß macht.

Die schönste Zeit verbracht mit …?
… dem Mann und guten Freunden (wie letztes Jahr) und den beiden Mitgründern der eigenen Agentur.

Vorherrschendes Gefühl 2012?
So soll es sein, so kann es weitergehen.

2012 zum ersten Mal getan?
Eine Firma (mit)gegründet.

2012 nach langer Zeit wieder getan?
Operiert worden.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die Zeit von der Diagnose bis zur Operation des (letztlich gutartigen) Tumors in meinem linken Oberschenkel. Die elende Bürokratie und die immer noch laufende Klage im Rahmen meines (mit abwegigen Argumenten abgelehnten) Antrags auf Gründungszuschuss bei der Hamburger Agentur für Arbeit. Alle Begegnungen mit Menschen, deren Ignoranz, Arroganz, Egoismus, Aggression oder Trägheit mich unnötig Kraft und Lebenszeit kosten.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Ich musste eigentlich niemanden besonders nachdrücklich überzeugen, das ging fast wie von selbst.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Offenbar die Weihnachtsgeschenke »Magischer Unterwasser-Kristallpalast« von Playmobil für meine Nichte (4) und das fernsteuerbare Playmobil Motormodul 4856 für meinen Neffen (9), wenn es danach geht, wie schnell sie das Geschenkapapier von den Kartons abfetzten und schrien »DAS HAB ICH MIR SCHON IMMER GEWÜNSCHT!«

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Die Diagnose »gutartig« (obwohl ich nicht weiß, wen ich hier als Schenkenden nennen soll).

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
»Ich habe das Gefühl, du hast in meinen Kopf geschaut und das umgesetzt, was ich mir unausgesprochen gedacht habe.« (ein Kunde, nicht ganz wörtlich, angesichts der präsentierten Designentwürfe)
»Dann feiern Sie das heute mal richtig.« (Chefarztsekretärin nach dem telefonisch durchgegebenen negativen Befund)

Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Kein Satz. Blicke.

2012 war mit einem Wort …?
Wendepunkt.

Jahresrueckblick_2012
Foto: © formschub

Der Rest von Hamburg: Barmbek-Nord

Der geschätzte Herr Buddenbohm setzt gerade eine Bloglawine in Gang, in der – zuerst nur Hamburger, aber allmählich die halbe Republik – aus ihrem Stadtteilnähkästchen plaudern. Das inspiriert. Voilà:

Als ich Anfang 1995 von Hildesheim nach Hamburg zog, musste alles ruckzuck gehen. Ich hatte nach meinem Studium gerade mal auf eine einzige Stellenanzeige geantwortet und sofort ein Vorstellungsgespräch, dann wenige Tage darauf die Zusage bekommen. Nur wenige Wochen später sollte ich in der großen Stadt meinen Job als »Junior-AD« in einer kleinen Werbeagentur beginnen. Wohnungen waren knapp und teuer zu dieser Zeit, und so blieb mir nichts anderes übrig, als die erstbeste bezahlbare zu nehmen. In Wandsbek, in einem Hochhaus mit 64 Ein-Zimmer-Appartments am Eichtalpark, die 36-Quadratmeter-Wohnung kostete 960 Mark warm, teurer als die 100 Quadratmeter der elterlichen Wohnung, aus der ich damals auszog. Aber hey, es war Hamburg!

Viereinhalb Jahre lang kam ich mit dem begrenzten Platz aus, den meine erste Unterkunft mir bot, dann hatte ich genug von dem fensterlosen altrosa gekachelten Bad, der knapp 2 Quadratmeter kleinen Küche, dem Einbauschrank im Flur und dem nur meterbreiten Bett in der Wohnzimmernische. Glücklicherweise entspannte sich gerade der Wohnungsmarkt wieder und ich machte mich mit den inzwischen erworbenen Kenntnissen über die Hamburger Stadtteile auf die Suche.

Winterhude hätte mir gefallen, oder Uhlenhorst, Altbau, 50 bis 60 Quadratmeter, mit Dielenboden und einem schönen, großen Duschbad. Ich durchkämmte die Wohnungsangebote und besichtigte die angepriesenen Objekte: Wohnungen, bei denen »Altbau« eher den Zustand als die Kategorie bezeichnete, Bäder mit brotscheibenkleinen Waschbecken (Borgweg), Wohnzimmer mit in Armlänge vor dem Fenster verlaufenden Hochbahntrassen (Mundsburg), eine coole, aber leider renovierungsbedürftige Loftwohnung (Hasselbrook), im Billig-Baumarktschick totrenovierte Räume (Eilbek) und Neubauwohnungen mit wellenschlagendem Teppichboden (Schnelsen). Ein paar Schmuckstücke waren schon dabei, aber ich merkte auch, dass je nach Stadtteil bis zu 30% »Prestigezuschlag« auf die Kaltmiete anfielen, wenn die Wohnung in einem besser beleumundeten oder besonders begehrten Stadtviertel lag.

Und dann besichtigte ich eine Wohnung in Barmbek-Nord, einem mir bis dahin völlig unbekannten Stadtteil, nicht weit von der Fuhlsbütteler Straße entfernt. Hier haben die Straßen Vogelnamen, es gibt die Habicht-, Drossel, Schwalben-, Star- und Wachtelstraße. Die besichtigte Wohnung war frisch renoviert, hatte honiggoldene, quietschende Dielen, eine nagelneue Einbauküche, einen kleinen gemauerten Balkon – und als ich das neu gekachelte, helle Bad mit Badewanne und Duschkabine betrat, war es um mich geschehen. Ich hatte mich verliebt! Wo die Wohnung lag, war auf einmal nicht mehr so wichtig. Und ich bekam den Zuschlag!

Seit 13 Jahren bin ich nun Nord-Barmbeker und habe den Stadtteil und seine Bewohner schnell kennen und schätzen gelernt. Obwohl ich »Werber« bin, mag ich Menschen am liebsten, von denen noch etwas übrigbleibt, wenn man ihr Geld, ihren Besitz, ihren Job und ihren Status von ihnen subtrahiert. Mich befremden graulanghaarige, solariumgegerbte Männer mit Zigarren in röhrenden Sportwagen und riesensonnenbebrillte Frauen, die für 5.000 Euro Kleidung und Accessoires am Körper tragen, aber so dünn sind, dass man ihnen Geld für ein Brötchen zustecken möchte. Ich schätze Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Authentizität und bin der Meinung, das habe ich hier gefunden.

Die Nord-Barmbeker verstellen sich nicht. Schon kurz nach meinem Einzug, als ich beim Metzger Göpp an der Ecke fürs spontane Wohnungs-Einweihungs-Brunch eine Aufschnittplatte ordern wollte, schnell, nichts Großes, bloß keine Umstände, ein Klumpen Mett und etwas Wurst und Käse, wies mich Frau Göpp energisch zurecht: »Also, entweder wir machen das hier richtig, oder gar nicht!«. Von da an hatte ich Barmbek ins Herz geschlossen.

Hier ist Multikulti, aber gut gemischt: Afrika, Indien, Orient, Asien. In der Nähe der Fuhlsbütteler Straße habe ich in einem Fußwegradius von nur 5 Minuten alles, was ich im Alltag brauche: Apotheken, Metzger, Bäckereien, Supermärkte, Drogeriemärkte, ein Asia-Shop, ein Fischgeschäft, eine Postfiliale, Blumenläden, Handyshops, Fahrrad- und Buchhändler, Videotheken, Optiker, Banken und Discounter. Es gibt indische, italienische, asiatische und griechische Restaurants, Kneipen, Imbisse und Cafés. Einige Läden haben bis 22 Uhr geöffnet. Ich fahre 10 Minuten zur Arbeit, mit dem Fahrrad sind es 15. Ich kann zu Fuß in den Stadtpark gehen, bin im Nu an einem S-/U-Bahnhof, dessen Linien fast die ganze Innenstadt abdecken, zum Flughafen ist es ein Katzensprung, der Nachtbus vom Rathausmarkt hält quasi vor der Haustür.

Was will ich in St. Pauli, in Eimsbüttel, in Eppendorf? Barmbek-Nord ist das, was Helvetica und Arial bei den Schriften sind, es ist der mittelalte Gouda unter den Hamburger Stadtteilen, die Jeans, das Graubrot, der Opel Astra. Ehrlich, gut, robust.

Ich fühl mich wohl hier.


Foto: © Sven Sommerfeld | www.midairpublications.de

Bücherfragebogen [♂] – 25


25 Ein Buch, bei dem die Hauptperson dich ziemlich gut beschreibt
Auch diese Frage habe ich nur deshalb so lange vor mir hergeschoben, weil ich so intensiv darüber nachgedacht habe.

Ergebnis: Keins. Ich habe noch kein Buch gelesen, in dem eine Hauptperson in mir den Gedanken hervorrief »Ach, schau mal, der/die ist ja wie du.« Eher schon passiert(e) es, dass ich in Büchern auf Protagonisten stieß, die Züge oder Eigenschaften hatten, die ich gerne hätte, aber nicht habe oder die in mir Ambitionen weck(t)en, ihm/ihr nachzueifern, sei es Selbstbewusstsein, Schlagfertigkeit, Mut, Abenteuerlust oder Furchtlosigkeit.

Am ehesten verspürte ich dieses Gefühl bei der Lektüre von Kinder- und Jugendbüchern, in einem Alter, in dem wohl die Meisten ihre vermeintlichen oder tatsächlichen Unzulänglichkeiten viel stärker spüren und gewichten als die eigenen Stärken und Talente. Ein weiteres Lesegefühl daneben ist – Ihr kennt das – die Identifikation mit der Hauptfigur, das Gefühl, in sie hineinzuschlüpfen, mit ihr zu fiebern, zu lachen, zu leben – aber nahezu unabhängig von charakterlichen oder physischen Ähnlichkeiten zwischen ihm/ihr und mir als Leser.

Also lautet die Antwort auf Frage 25: Es gibt tolle Bücher mit famosen Charakteren, Helden, Vorbilder, vielleicht Idole – aber mich gibt’s nicht in Büchern. Nur in echt.
Der komplette Fragebogen im Überblick.

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Foto: © formschub

Bücherfragebogen [♂] – 17

Bald zwei Jahre knabbere ich nun schon an der Beantwortung der 30 Fragen dieses Stöckchens. Fünf davon sind noch übrig. Wäre doch gelacht, wenn ich so kurz vor Schluss schlappmache! Darum heute

17. Augen zu und irgendein Buch aus dem Regal nehmen
Nicht sooo einfach, weil ich ziemlich genau weiß, welche Bücher wo in meinem Regal stehen, insofern wird der blinde Griff in die Bibliothek kein völliger Zufallstreffer sein, aber egal. Ich lange mal in die Gruselecke, das passt auch zur nahenden düsteren Jahreszeit …

… und greife nach dem Taschenbuch »Stadt ohne Namen« von H. P. Lovecraft, eine Sammlung unheimlicher Geschichten, deren morbide Sprachgewalt mich nach wie vor fesselt. Schon während meines Studiums nutzte ich Textauszüge aus diesen Geschichten als Vorlage für die Übungsblätter im Kalligraphiekurs und bemühte mich, mit Feder und Skriptol die grausigen Schilderungen – wie etwa diese – in möglichst schönen Lettern zu Papier zu bringen:

Aus der unvorstellbaren Schwärze hinter dem verderbten Leuchten dieser kalten Flamme, aus den Meilen des Tartarus, durch die jener ölige Fluß sich unheimlich wälzte, flatterten rhythmisch, unhörbar und unerwartet, bastardähnliche geflügelte Geschöpfe, die kein normales Auge ganz begreifen kann oder deren sich ein gesundes Gehirn jemals ganz erinnern könnte. Sie waren weder Krähen noch Maulwürfe, noch Bussarde, noch Ameisen, noch verweste Menschenleiber, sondern etwas, an das ich mich weder erinnern kann, noch darf. Sie flatterten müde hin, halb mit ihren Schwimmhautfüßen und halb mit ihren häutigen Schwingen, und als sie die Menge der Feiernden erreichten, wurden sie von den kapuzenverhüllten Gestalten ergriffen und bestiegen, dann flog eine nach der anderen in die Weiten des unbeleuchteten Flusses in Höhlen und Gänge der Panik, wo vergiftete Quellen schreckliche und unentdeckbare Wasserfälle speisen.

Das ist noch Grusel alter Schule, zu lesen bei Kerzenschein in stürmischen Gewitternächten, wenn der Wind ums Haus heult und die Dielen im Korridor knarren, obwohl man doch eigentlich allein in der Wohnung sein sollte – aber wer weiß …

Der komplette Fragebogen im Überblick.

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