Bücherfragebogen [♂] – 19


19 Ein Buch, das du schon immer lesen wolltest

Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen neben sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine gedämpfte Betäubung hervorruft … Sie gingen in diesem weiten, still sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah, zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt …

(Textquelle: „Buddenbrooks” bei Project Gutenbergwww.gutenberg.org)
Ich glaube, man kann durchaus durch den Erstkontakt mit einer als schlecht empfundenen Literaturverfilmung auf ein gutes Buch aufmerksam werden. Zumindest erging es mir so mit den Buddenbrooks von Thomas Mann. Etwa ab Mitte 2008 kam wohl niemand daran vorbei, die dauerbetrailerte und durch alle Kulturmagazine geisternde Neuverfilmung des Werkes durch den Dokudramenregisseur Heinrich Breloer wahrzunehmen, ehe sie im Dezember auf die Kinoleinwände kam. Die Crème de la Crème der deutschen Schauspielergilde stellte die Besetzung: Armin Mueller-Stahl, Iris Berben, Jessica Schwarz, August Diehl. Das Buddenbrookhaus wurde in einem Kölner Filmstudio rekonstruiert, die historischen Kostüme detailgetreu nachgeschneidert. Aufwendige Kamerafahrten und eine High-Tech-Farbbearbeitung sollten Atmosphäre und Stimmungen der schicksalhaften Familiensaga eindrücklich unterstreichen. Prädikat „besonders wertvoll”, Bayerischer Filmpreis für Szenenbild und Ausstattung. Gesehen habe ich den Film auf einer Leih-DVD und einem Flachbildfernseher beträchtlicher Größe – aber beeindruckt hat er mich nicht. Es war alles zu glatt, zu perfekt, auf Wirkung getrimmt, Disneyland in Lübeck. Der Score wogte wild durch die Gefühlsklaviatur, Farben, Gesichter, Einstellungen, alles wie aus Plastik. Als ich in einer Szene einen völlig nebensächlichen Kerzenleuchter sah, in dem eine der Kerzen leicht schief stand, dachte ich: endlich etwas, das nicht versucht, perfekt zu sein! Und spätestens, als ich bei der Sterbeszene der Konsulin Bethsy Buddenbrook laut auflachen musste, weil mich das auf verhärmt geschminkte, verkniffene Gesicht Iris Berbens an ihre altjüngferlichen Witzgestalten aus der Klamaukserie „Sketchup” erinnerte, war der Film für mich unten durch. Nicht aber das Buch. Ich spürte das Potenzial, die Kraft der Geschichte und ihrer Charaktere und wurde neugierig auf die literarische Vorlage.
Gesteigert wurde diese Neugier durch die zweite der insgesamt vier Verfilmungen, 1959 inszeniert von Alfred Weidenmann. Auch damals eine Spitzenbesetzung, u.a. mit Lil Dagover, Hansjörg Felmy, Liselotte Pulver, Helga Feddersen, Hans Paetsch, Nadja Tiller und Gustav Knuth. Der in schwarzweiß gedrehte Film berührte mich trotz seiner technisch beschränkteren Mittel weit mehr, ich empfand die Figuren als glaubwürdiger, die Erzählweise als bedächtiger und intensiver, die Schicksale als ergreifender. Und seitdem weiß ich: ich möchte dieses Buch gerne lesen. Und ich hoffe, ich werde mich von den bereits gesehenen Bildern abnabeln können, so dass dann in meinem Kopf endlich der dritte und beste Film dazu ablaufen kann.
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Das Bild zeigt eine noch in Fraktur gesetzte Ausgabe des Romans aus dem Jahr 1930.
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Bücherfragebogen [♂] – 11


11 Ein Buch, das du mal geliebt hast, aber jetzt hasst
Wie ich bei Frage 04 schon sagte, tue ich mir mit Hass gegen Bücher eher schwer, aber beim Nachdenken über diese Frage fiel mir zumindest ein Buch ein, mit dem ich einst Spaß hatte, das ich heute aber für nahezu überflüssig halte: Das Telefonbuch. Nicht selten nahm ich es als Kind oder junger Teenager zur Hand und suchte darin nach Einwohnern und Berufstätigen im Vorwahlgebiet meines Wohnortes, die mit skurrilen oder anzüglichen Namen geschlagen waren: Ludmilla Kotze, Heribert Pinkel, Zahnarzt Dr. Böse, Schneider Markus Fetzen. Ich war jung und es kostete kein Geld.
Doch heute gibt es das Internet, ’zig konkurrierende Telefonauskünfte, mobile Nummernspeicher in jeder Hosentasche und die Zahl an Offlinern, Handyverweigerern und netzunkundigen Senioren, die Telefonnummern noch schwarz auf weiß suchen, nimmt unaufhörlich ab. Ein landesweit in unglaublichen Auflagen gedrucktes Nachschlagewerk, das Unmengen Papier – egal ob recycled oder nicht –, Energie und Transportkapazitäten verbrennt und vermutlich eher veraltet ist als die Druckfarbe trocken, das will ich nicht und brauche ich nicht. Und ich weine ihm keine Träne nach, wenn es bald verschwindet.
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Bücherfragebogen [♂] – 22

22 Das Buch in deinem Regal, das die meisten Seiten hat
Noch vor zwei Wochen hätte ich hier irgendein anderes Werk aus meiner Bibliothek vorstellen müssen, doch mit einem Buchgeschenk, das ich mir selbst zu Weihnachten machte, wurden sämtliche Kandidaten für diese Frage locker enttrohnt: Das „Lesikon der visuellen Kommunikation” – ist ein Buch der Superlative. 9 Jahre lang hat die Autorin Juli Gudehus, Gestalterin und Grafik-Designerin aus Berlin, an ihrem monumentalen Nachschlagewerk gearbeitet, 9.704 Begriffe zusammen getragen, 3.513 Co-Autoren haben ihr mit eigenen Beiträgen geholfen. Wäre das Opus nicht auf hauchdünnem Bibelpapier gedruckt, würden die exakt 3.000 Seiten einen einzelnen Buchband zweifellos sprengen.
Schon am 07. Oktober 2010, dem Tag der Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse, machte ein Artikel im Fontblog auf den kuriosen Schinken neugierig. Kurios deshalb, weil sich das Werk – wie schon das Wortspiel „Lesikon” andeutet – der klassischen Nüchternheit herkömmlicher Lexika entzieht, sich seinen Themen stilistisch frei, assoziativ, spielerisch, subjektiv annähert. In einem kurz darauf im selben Blog geposteten Interview mit der Autorin erzählt sie von der nicht immer einfachen Arbeit an ihrem Großprojekt.
Was der Veröffentlichung folgte, waren wohlwollendste Rezensionen selbst in Medien, die sonst dem wenig massentauglichen Fachthema visuelle Kommunikation eher zaghaft gegenüberstehen: Die FAZ schrieb „Einer der schönsten Sachbuchtitel der jüngeren Zeit”, die ZEIT urteilte „Das Lesikon ist eine Feier der Schwarte in den Zeiten des Internets”, ihm wurde von der Stiftung Buchkunst in der Kategorie „Wissenschaftliche Bücher, Fachbücher” die Auszeichnung „Die schönsten deutschen Bücher 2010” verliehen und natürlich widmeten sich auch weitere Designer- und Typographieblogs, wie etwa Slanted, dem üppigen Druckwerk. Spätestens da war mir klar: dies ist ein Must-have für jeden, der mit Werbung oder Mediengestaltung sein Geld verdient.
Eine schöne Besonderheit abseits der Massenfertigung sind die fünf Lesezeichen-Unikate aus der Druckschnipselsammlung der Autorin, die jedem Band beiliegen, etwa ein echter handschriftlicher Einkaufszettel in Sütterlin-Schrift, eine Tageskarte für die Berliner S-Bahn oder ein Ausschnitt aus der grellen „Schweinebauch”-Beilage eines Lebensmitteldiscounters. Man spürt, wie viel Engagement und Leidenschaft Juli Gudehus in ihr Werk investiert hat. Und das Beste: man muss es auf keinen Fall an einem Stück lesen, sondern kann darin schmökern, blättern und springen wie man will. Was mir persönlich bei der unglaublichen Seitenzahl auf jeden Fall ein großes Stück entgegenkommt.
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Jahresrückblick 2010

Gelesen habe ich diesen Fragebogen gegen Ende der letzten Jahre bei meinen Lieblingsbloggern schon öfter, jetzt mag ich auch mal Bilanz ziehen. Mein 2010 war zwar nicht arm an Schönem und Interessantem, aber es war ein seltsam unentschlossenes Jahr. Was ihm zu danken bleibt, ist der Verzicht auf schmerzliche Ereignisse. Da kann 2011 gerne anknüpfen, nur bitte mit ein bisschen mehr Prickeln im Champagnerglas des Lebens.
Ich wünsche allen regelmäßigen und zufälligen Besuchern dieses Blogs einen stimmungsvollen und genussreichen Jahreswechsel und alles erdenklich Gute für 2011.
Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen, langsam, aber stetig. Inzwischen ein gleichbleibendes Hochplateau erreicht, von dem aus ich sehnsüchtig hinunter ins Wunschgewichttal blicke. Aber mit etwas mehr Bewegung ist der Abstieg auf 8 kg tiefer vielleicht ohne Askese zu schaffen. Aber ich esse auch einfach zu gerne.
Haare länger oder kürzer?
Sowieso schon immer sehr kurz, mit Tendenz zum eher noch kürzeren.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Gleich. Zumindest, was die Augen betrifft …
Mehr Kohle oder weniger?
Mehr Verantwortung, mehr Kohle. Wenn das heißt: mehr Mitbestimmung, war’s das wert. Wenn es heißt: mehr Stress, dann nicht.
Mehr ausgegeben oder weniger?
Mehr, weil mehr da war. Das ist wie mit größeren Festplatten.
Mehr bewegt oder weniger?
Privat gab’s nicht viel zu bewegen, das bewegt sich fast von selbst in die richtige Richtung. Beruflich mehr Chancen in Aussicht gestellt bekommen, etwas zu bewegen. Den Einklang von Theorie und Praxis bewerte ich 2011.
Der hirnrissigste Plan?
Offline an einem Adventssamstag in der City Weihnachtsgeschenke zu kaufen versuchen.
Die gefährlichste Unternehmung?
Einen kleinen elektrischen Schlag in die Nase bekommen, als ich mit einem Spannungsprüfer meine Wohnzimmerlampe gecheckt hab. Helles Köpfchen, ich.
Der beste Sex?
Sollte man nicht immer sagen: „kommt noch”? Sonst hätte man’s ja hinter sich.
Die teuerste Anschaffung?
Mein neues MacBook Pro (schon im März).
Das leckerste Essen?
Übers Pfingstwochenende im Roten Hahn und im Gänsbauer, beide in Regensburg. Dicht gefolgt von einigen Besuchen im Mövenpick Restaurant im Hamburger Sternschanzenpark und einem Candlelight Dinner im Le Compagnon in Berlin.
Das beeindruckendste Buch Die beeindruckendste Lektüre?
2010 habe ich definitiv zu viel in der Holzpresse, viel im Internet, aber zu wenige Bücher gelesen. Wieder ein Vorsatz für 2011. Aber ich erinnere mich stark an den Erzählungsband „Der Gefesselte” von Ilse Aichinger. Lesestoff mit Nachhall. Online beeindruckt mich immer wieder aufs Neue das Blog von Anke Gröner. Sympathische Frau, tolle Texterin und inzwischen – sofern lesend zu beurteilen – auch ’ne super Köchin.
Der ergreifendste Film?
Als Kinomuffel schaue ich Filme meist etwas zeitverzögert auf DVD und bin daher nicht immer à jour mit den Erscheinungsterminen angesagter Blockbuster, aber das ist ja für den Rückblick hier ohne Belang. Ein ergreifender Film in dem Sinne, dass er mich zu Tränen rührt (auch, wenn ich mich scheue, dem freien Lauf zu lassen), war um den Jahreswechsel 2009/2010 das Großstadtmärchen Angel*A von Luc Besson. Die Szene, in der der Protagonist sich buchstäblich selbst erkennt, während er in einen Spiegel blickt, hat mich schon sehr bewegt. Auch der absolut ungewöhnliche schwedische (ich mag das Wort gar nicht sagen, weil es viele abschrecken wird, die sagen „solche Filme interessieren mich nicht”) Vampirfilm „So finster die Nacht” hat sich mit seiner stillen, anrührenden, bösen und zärtlichen Geschichte sowie dem unglaublichen Soundtrack einen Platz in meinen persönlichen Top Ten 2010 erobert. Weitere Highlights: „Das Weiße Band”, „A Single Man”, „Julie & Julia”, „Up in the Air”. Jeder für sich ein Beweis dafür, dass Special Effects völlig unwichtig sind, wenn es darum geht, gute Filme zu machen.
Die beste CD?
Pop: „Philharmonics” von Agnes Obel. Klassik: „Trittico Botticelliano” auf der CD „Orchestral Songs” von Ottorino Respighi. Und viele, viele Neuentdeckungen einzelner Künstler und Songs durch Empfehlungen via last.fm, iTunes, durch Soundsamples mit Shazam und den neuen Hamburger Radiosender 917xfm. Loving the age of digital music.
Das schönste Konzert?
Das Konzert „Junge Instrumentalisten” am 21. Oktober 2010 in der Laeiszhalle Hamburg. Das NDR Sinfonieorchester unter Leitung von Matthias Foremny sowie der russische Pianist Andrei Korobeinikov (24) und die südkoreanische Geigerin Hyeyoon Park (18) spielten das Klavierkonzert g-Moll von Camille Saint-Saëns und das Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold. Endlich mal wieder ein Programm jenseits der endlos breit ausgelatschten Gassenhauerpfade von Mozart, Beethoven und Co. Es gibt so unendlich viel geniale Klassik zu entdecken, nur wird davon kaum etwas öffentlich aufgeführt. Dafür ein „Buh!”
Die meiste Zeit verbracht mit …?
… dem Lieblingsmenschen und guten Freunden.
Die schönste Zeit verbracht mit …?
… dito.
Vorherrschendes Gefühl 2010?
Im Wartezimmer.
2010 zum ersten Mal getan?
Einen Text verfasst, der in einem Magazin abgedruckt wurde. Twitterer „in echt” getroffen (to be continued).
2010 nach langer Zeit wieder getan?
Für eine Mottoparty ein Kostüm zusammengestellt und getragen.
Weihnachten nicht in Skandinavien, sondern in der eigenen Wohnung in Hamburg verbracht.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Mein Hang, zu viel über Künftiges nachzudenken. (Polit-)Talkshows, in denen sich immer wieder dieselben 18 Gäste unentwegt ins Wort fallen und anschreien. Regierungs-, Planungs- und Gesetzgebungsmurks (JMStV, Stuttgart21, LoveParade …).
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass es keinen Zusammenhang zwischen beruflicher Arbeitsleistung und Anwesenheit am Arbeitsplatz gibt.
Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Zuhören. Aufmuntern. Da sein. Was von den gekauften Sachen das schönste war, mag ich nicht selbst beurteilen.
Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Zuhören. Aufmuntern. Da sein. Und mehrere Kurzreisen zu wundervollen Orten und in fantastische Unterkünfte in Deutschland und Europa.
Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
„Ich dich auch.”
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Bücherfragebogen [♂] – 24

24 Ein Buch, von dem niemand gedacht hätte, dass du es liest/gelesen hast
Und wieder mal zurück zum Bücherfragebogen! Ich kann zwar nicht mit Sicherheit sagen, ob und wer in meinem Umfeld sich jemals tiefere Gedanken zu meinem Leseverhalten gemacht hat, aber ich deute die Frage mal um in: „Ein Buch, bei dem die meisten ,Echt jetzt?’ entgegneten, wenn du ihnen erzähltest, dass du es gelesen hast”.
Die 24bändige Bertelsmann-Enzyklopädie „Das moderne Lexikon” aus dem Bücherschrank meiner Eltern (Erscheinungsjahr 1974, im häuslichen Besitz befand es sich nach meiner Erinnerung seit etwa 1977). Genauer gesagt, habe ich nicht alle Bände vollständig gelesen, sondern nur das Fremdwörterlexikon. Es lag eine Weile auf meinem Teenagernachttisch und ich las es tatsächlich von A bis Z durch. Ohne dieses Buch wäre mein Wortschatz zweifellos deutlich kleiner und ich hätte z.B. das famose Synonym „Arbuse” für „Wassermelone” wohl nie kennengelernt, wenngleich der Alltagswert dieses Begriffs sich in Grenzen hält.
Der zweitinteressanteste Band war ganz klar das Gesundheitslexikon mit vielen ekligen Farbfotos von Ausschlägen und Geschwüren, in dem ich fast genauso häufig geschmökert habe.
Echt jetzt.
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Bücherfragebogen [♂] – 18

18 Das Buch mit dem schönsten Cover, das du besitzt
Da fällt es mir wieder schwer, mich zu entscheiden. Die Literatur in meinen Bücherregalen kommt meist vergleichsweise schmucklos daher, aber diese beiden Schmökerbände lassen sich optisch nicht lumpen. In kirschrotes Leinen gebunden, mit einem aufkaschierten Fotodruck versehen und in tiefgeprägten silbernen Lettern beschriftet, präsentiert sich „Das Alice B. Toklas Kochbuch”. Dabei stapelt der Titel ein wenig tief, denn es ist viel mehr als ein Kochbuch. Bei Alice B. Toklas und ihrer Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Gertrude Stein, gaben sich von 1909 bis 1946 in Paris die bekanntesten Künstler und Literaten jener Zeit die Klinke in die Hand: Picasso, Matisse, Hemingway – und es wurde nach Herzenslust gekocht und getafelt. Kalorien waren kaum mehr als ein weit entferntes Fremdwort, es gab Austern, Hummer, Trüffeln, man schmolz pfundweise Butter, rührte Zucker in Sahne, buk feine Quiches und reichhaltige Tartes, doch nie plump und schwer, sondern stets mit aller Raffinesse, die die französische Küche zu bieten vermag. Den illustren Gästen der beiden Damen entsprechend enthält das Buch nicht nur Rezepte, sondern auch Aufnahmen aus dem privaten Fotoalbum, Geschichten, Anekdoten und Reiseberichte. Das Buch wurde seit 1954 in verschiedenen Ausgaben verlegt, in der amerikanischen Originalausgabe fehlte allerdings ein Rezept, das erst in einer späteren britischen Version – und auch in dieser deutschen – abgedruckt wurde: ein auf zermörserten Trockenfrüchten, Gewürzen und Nusskernen basierendes Haschischkonfekt („Kann jeder an einem Regentag schnell zusammenhauen”), das die Autorin als „unterhaltsame Erfrischung für die Damen vom Bridgeclub” empfiehlt. Mon dieu!
Der zweite Prunkband enthält größtenteils Fotos. Sehr, sehr, sehr bunte Fotos. Es ist die zuckersüß-kitschige, bisweilen ziemlich frivole Werkschau „Pierre et Gilles, Sämtliche Werke 1976 – 1996“ aus dem für aufwendige Kunstpublikationen bekannten Taschen-Verlag. Die plastikglatte Perfektion und Liebe zum Detail in den Bildwelten Pierre et Gilles’ ist unerschöpflich. Zahllose Musiker, Schauspieler, Künstler, Fotomodelle und Freunde nahmen vor der Kamera des schwulen Duos Platz und ließen sich in den fantastischsten Kulissen und Posen fotografieren. Ein üppiger Bildband, der bei jedem Anschauen neue visuelle Delikatessen offenbart. Entprechend glamourös ist das Opus gestaltet: in den perlmuttgelben Schutzumschlag ist ein waffelartiges Rapportmuster geprägt und den Titel ziert als goldglänzendes Matrosentattoo ein Selbstportrait des Künstlerpaares. Zusätzlich sind die Buchseiten außen im Goldschnitt verziert. Mehr Glitter geht kaum. Und das ist auch gut so.
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Bücherfragebogen [♂] – 15

15 Das 4. Buch in deinem Regal von links
Für Menschen, die nur ein einzelnes Regalbrett mit Büchern besitzen, ist diese Frage wunderbar leicht zu beantworten. Meine Büchersammlung hingegen ist auf zwei prall gefüllte Regale mit bis zu sieben Einlegeböden verteilt, deshalb ergänze ich sie willkürlich und nehme das 4. Buch von links im größeren der beiden Regale ganz oben: Es ist „Sehr verehrte Damen und Herren … Reden und Ähnliches” von Loriot alias Vicco von Bülow.
Wie soll ich Loriot kommentieren? Ich bin von klein auf seinem Humor erlegen, habe schon im Grundschulalter seine Sketche nachgespielt, mein Zeichentalent mit dem Kopieren seiner Knollennasenmännchen geübt, alle Filme und Fernsehsendungen ’zigfach gesehen, kann die Dialoge mitsprechen und habe zahllose Floskeln und Zitate in meinen Alltagswortschatz übernommen („Mein Mann hat ja auch immer was. Männer haben immer irgendwas.”). Loriot ist die Inkarnation des intelligenten, gepflegten, aber immer subversiven deutschen Humors. Er ist ein Meister der Sprache, ein messerscharfer Beobachter, gnadenloser Perfektionist, wahnsinnig komisch und ein unerreichtes Unikat. Ich habe mich schon oft gefragt, ob – und wenn nicht, warum nicht – seine Cartoons, Sketche und Filme in anderen europäischen Ländern in untertitelter oder synchronisierter Form ein Publikum finden würden (oder unbemerkt bereits gefunden haben?). Ein gebürtiger Brite und Wahlschweizer in meinem Bekanntenkreis zumindest konnte sich darüber köstlich amüsieren. Und wie Loriots gezeichnete, gespielte und moderierte Werke sind auch die in diesem Buch enthaltenen Wortbeiträge: brillant.

„Wir blicken zurück auf einhundert Jahre Orchestergeschichte … Musik, so meine ich … oder wie es Thomas Mann einmal formuliert hat: Hundert Jahre sind eine lange Zeit … und Adorno dreißig Jahre später: Jaja, die Musik … Kürzer, präziser ist das nie gesagt worden.”

(aus Loriots Festrede zum 100jährigen Bestehen der Berliner Philharmoniker im Mai 1982)
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Bücherfragebogen [♂] – 23

23 Das Buch in deinem Regal, das die wenigsten Seiten hat
Dieser Rang gebührt dem wunderbar zwischen Homoerotik und Zwölftonmusik balancierenden Comic „On the Road” aus der Eichborn-Minibuchreiche „Walter Moers’ schönste Geschichten”. Auf gerade mal 32 Seiten wird die bebilderte Anekdote eines jungen Anhalters erzählt, der von einem klassikbegeisterten Trucker auf der gemeinsamen Fahrt ziemlich durchgeorgelt wird. Insider-Zitat: „Haben Sie diese Trope gehört?”.
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Bücherfragebogen [♂] – 09

09 Das erste Buch, das du je gelesen hast
Eine nicht ganz einfache Frage, da ich nach der Erinnerung meiner Mutter bereits mit 4 Jahren selbst lesen konnte und von da an unaufhaltsam zum Bücherwurm wurde. Und das ist nun schon sehr lange her. Doch nehme ich die Frage gerne zum Anlass, die schmale Treppe auf den Gehirndachboden meiner Kindheit hochzusteigen und im flackernden Licht der Erinnerung nach dort lagernden Bücherschätzen zu suchen. Es ist dunkel hier oben, aber es ist eine heimelige Dunkelheit, warm und gemütlich, es riecht nach Staub und altem, vergilbtem Papier. Langsam gewöhnen sich meine Gedankenaugen daran. Was ich in den schattigen Winkeln als erstes erkenne, sind Bilder: Illustrationen, Zeichnungen, Figuren, Charaktere. Ich war schon immer sehr visuell veranlagt und konnte mich an optische Eindrücke (und an Gerüche) immer deutlicher erinnern als an Namen und Begriffe.
Hasen. Ich sehe Hasen, die Kleidung tragen und aufrecht gehen – wie Menschen. Ein Bilderbuch, das bis zum Jahr 2000 aufgelegt wurde und im Bücherregal meines Kinderzimmers stand, war „Ich bin der kleine Hase” mit Illustrationen von Richard Scarry. An die Geschichte erinnere ich mich nicht mehr, es ging um Jahreszeiten und der kleine Hase fiel, glaube ich, irgendwann in einen tiefen Winterschlaf (machen Hasen das eigentlich? Egal.) Wie es sich anfühlt, eine ganze Jahreszeit zu verschlafen, würde ich auch noch heute gerne noch wissen.
Das zweite Hasenbuch, das ich besaß, war das aus heutiger Sicht pädagogisch eher bedenkliche Werk „Die Häschenschule”. Die Hasenlehrer waren streng und zogen unartigen Hasenschülern zur Strafe die Ohren noch länger. Sogar einen der Verse aus dem Kontext der Züchtigungen weiß ich noch auswendig: „In den Karzer muss er nun. Ei, da kann er Buße tun!”. Der Untertitel „Ein lustiges Bilderbuch” wirkt in diesem Kontext schon fast bizarr. Meine Kerze flackert. Mich fröstelt kurz.
Hier! In der Truhe! Eine ganze Bücherserie, deren fantasievolle Geschichten komplett in Schulschreibschrift abgedruckt waren – tatsächlich aber ein Werbeprodukt: die Abenteuer von Lurchi und seinen Freunden, herausgegeben von der Schuhmarke Salamander. Wer neben der gelbschwarzen Amphibie die Freunde waren, das habe ich inzwischen vergessen. Eine Kröte, ein Igel, ein Frosch? Doch ich weiß: einmal gewann einer der Helden einen sportlichen Wettlauf, weil ihn ein Schwarm Wespen verfolgte. Zufälligerweise las ich beim Graben nach Weblinks, dass Lurchi wieder zum Leben erweckt werden soll. Vermutlich gezeichnet in zeitgemäßem Stil und ausgestattet mit Handy und iPod. Ich werde nicht nachschauen, will es nicht wissen.
Der Lichtschein meiner Kerze erfasst etwas Rotes. Es ist der Umschlag eines ebenfalls erzieherisch motivierten Buches meiner Kinderbibliothek – aus der Reihe „Carlsen Wunderbuch”: „Der Junge, der nicht essen wollte”, verfasst und bebildert von der Illustratorin Elisabeth Brozowska. Die im typischen Stil der späten Sechziger Jahre geschaffenen Bilder in diesem Buch sind mir bis heute klar im Gedächtnis geblieben und ich halte sie auch heute noch für genial. Der kleine Junge, der sich dem Essen verweigert, nimmt keineswegs ab, sondern schrumpft zum Winzling zusammen. Von der Putzfrau versehentlich aufgefegt und in die Mülltonne befördert, beginnt für ihn eine abenteuerliche Reise – natürlich eine mit Happy End. Das Buch ist damals offenbar in vielen Sprachen erschienen und der kanadische Illustrator Denis Goulet hat bei flickr ein Bilderset mit Scans der famosen Motive aus der französischsprachigen Ausgabe gepostet.
Jetzt höre ich Stimmen von unten, außerhalb des Speichers, den ich gerade erkunde. Es ist die Gegenwart, die mich zurückruft. Ich gehe die Stiege hinunter, lösche mein Licht und schließe die kleine, quietschende Tür sorgsam hinter mir ab. Den Schlüssel und die Kerze stecke ich gut verwahrt in die Tasche, denn ich werde sicher bald nachschauen, was dort oben noch alles liegt.
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Image: © Elisabeth Brozowska | Scan courtesy of Denis Goulet

Bücherfragebogen [♂] – 05

05 Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest
Alle Kolumnen-Sammelbände von Max Goldt.
Ich „folge” Max Goldt seit etwa 1981, als mein älterer Cousin, der aus einer etwas ländlicheren Gegend stammt, mich bat, für ihn in den Plattenläden meiner damaligen Wohnstadt zunächst die Foyer-des-Arts-Single „Eine Königin mit Rädern untendran” und später das Album „Von Bullerbü nach Babylon” zu besorgen. Beide Vinyltonträger habe ich mir vor Übergabe auf Cassette überspielt (ja, Kinder, so war das damals!) und war durch die ebenso absonderlichen wie wohlformulierten Verse (z. B. „Wissenswertes über Erlangen”), die Goldt als textender und singender Frontmann zu diesem ganz eigenen NDW-Duo beitrug, im Nu entflammt. Seine ersten beiden Bücher „Mein äußerst schwer erziehbarer schwuler Schwager aus der Schweiz” und „Ungeduscht, geduzt und ausgebuht” sind noch kolumnenlos, nichtsdestotrotz bergen die enthaltenen Gedichte, Kurz- und Liedtexte sowie hörspielähnlichen Dialoge schon typisch goldt’sche Textgenüsse. Aber in den vier „Titanic”-Kolumnenbänden „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau”, „Die Kugeln in unseren Köpfen”, „Ä” und „,Mind-boggling‘ – Evening Post” übertrifft er sich eins ums andere Mal auf Neue. Ich liebe die Sprache, das Wortspielen, Wortschöpfen und Formulieren, und diese Texte Max Goldts sind für mich ein Lesewhirlpool, in dem ich immer wieder gern ein labendes Sprudelbad nehme.
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Foto: Aus meinem Plattenregal – LP-Cover der Wiederauflage des Max-Goldt-Albums „Die majestätische Ruhe des Anorganischen” aus dem Jahr 1990 (Ausschnitt)