Lavender

Das zweite und bislang letzte Motiv aus der illustrierten Gewürzserie (freie Arbeit). Spricht allerdings nichts gegen eine Fortsetzung – etwa mit Nelken, Safran, Zimtstangen, Sternanis, Kümmel …

Lavender
Illustration: © formschub

Mean and green

Die Idee dazu hatte ich schon vor Monaten, als die drohende EHEC-Seuche ganz Deutschland in eine kollektive Gemüsephobie stürzte. Aber wie das immer so ist: der Job, die Beziehung, der Haushalt … man kommt einfach zu nichts. Außer man sitzt mal alleine erkältet zu Hause.

Gurke
Foto und Schnitzerei: © formschub

Death in the Afternoon

In einem Frankfurter Bürogebäude wurde gestern die Leiche eines Angestellten entdeckt, der offenbar vor 3 Monaten dort unentdeckt an seinem Arbeitsplatz in normaler Sitzhaltung verstarb. Die Todesursache ist bislang ungeklärt, die Polizei vermutet akutes Herzversagen. Durch die trockene klimatisierte Luft und die schädlingsfreie, nahezu hermetisch abgekapselte Umgebung im 39. Stock war der Körper des Toten fast völlig geruchlos mumifiziert worden. Der Mitarbeiter war in einem Einzelbüro mit der Erstellung gedruckter Gebrauchsanweisungen beschäftigt; das aktuelle Dokument auf seinem Bildschirm war noch geöffnet. Die Geschäftsführung des Arbeitgebers, die deutsche Niederlassung eines multinationalen Konzerns, bedauerte den Vorfall schriftlich, war aber zu einem Interview nicht bereit. Seine Kollegen äußerten sich schockiert über den Vorfall.

Ich habe mir noch letzte Woche einen Tacker von ihm geliehen. Er war halt auch so ein ganz Stiller, darum fiel mir gar nichts Besonderes auf.
(Heike M., Produktmanagerin)

Ich hatte mich schon gewundert, dass er in letzter Zeit so wenige Reisekostenabrechnungen eingereicht hatte. Ach, dachte ich, dann hat er wohl endlich Wurzeln hier in der neuen Stadt geschlagen.
(Stefanie S., Buchhalterin)

War schon komisch, dass er die letzten Systemupdates nicht mitgemacht hat, aber es gibt ja auch Late Adopter, da habe ich mir nichts dabei gedacht.
(Jörg W., Systemadministrator)

Dass ihm das Essen in der Kantine nicht schmeckte, wusste ich, seit ich ihm einmal seine heruntergefallene SpongeBob-Brotdose aufhob, die er wohl jeden Tag mitbrachte. Darum wunderte es mich nicht, dass ich ihn nie in der Mittagspause traf.
(Robert T., Telefonmarketing)

Mochte ich den Mann, war auch immer länger im Büro wie andere hier, aber ist wenigstens beim Putzen nicht hin- und hergelaufen immerzu, konnte ich gut arbeiten. Und unterhalte ich mich mit den Leuten hier sowieso nicht, will ich niemanden stören und muss ich mich beeilen, damit ich schaffe alle Büros.
(Jana P., Raumpflegerin)

Office_Death
Photo: © Kevin McShane | Some rights reserved

Ein Tag im Leben der Edith K.

Vielleicht kennt sie ja tatsächlich jemand (noch) nicht, die kleinen, fiesen Kurzgeschichten des britischen Autors Roald Dahl (1916–1990), die hierzulande schon vor Jahrzehnten u.a. in den beiden Buchbänden »Küsschen, Küsschen« und »…und noch ein Küsschen« erschienen? Allen gemeinsam war ein unvorhersehbares, oft sehr schwarzhumoriges Ende. Als ich 1984–86 die Oberstufe des Gymnasiums besuchte, waren die bösen Miniaturen Dahls gerade sehr en vogue – und eines Tages kam auch mir ein Einfall für eine solche Geschichte. Ich habe das damals auf der elterlichen Schreibmaschine verfasste Manuskript sorgfältig aufbewahrt und nun mit dem gebührenden zeitlichen Abstand hier und da ein wenig nachbearbeitet. Bis heute gefällt mir die zugrundeliegende Idee sehr, auch wenn ihr leider keine ähnlichen folgten. Von einem Buch à la Dahl bin ich also weit, weit entfernt. Aber dafür hab ich ja schließlich mein Blog.

Der rote Wagen fuhr schnell. Am Horizont verschwanden eben die Spitzen der Wolkenkratzer der Stadt, die er hinter sich zurückgelassen hatte. Wie die Wirbelschleppe eines Jets schlossen sich die morgendlichen Nebelschwaden hinter ihm über dem feuchten Asphalt. Auf der Straße war zu dieser Zeit niemand sonst unterwegs. Plötzlich wurde die weite, hier und dort von Gräsern, Büschen und einigen Waldstücken bewachsene Ebene von einem hoch aufragenden, stählernen Gitterzaun unterbrochen. Das riesige Areal dahinter schien das Ziel des Fahrers zu sein, denn der Wagen bog wie auf Schienen fahrend in eine breite, von zwei Betonpfeilern flankierte Einfahrt ein und hielt vor einer massiven Schranke. Der Schemen hinter der Scheibe des Pförtnerhäuschens winkte der Person im Fahrzeug wie einem guten Bekannten zu, dann hob sich die Barriere.

Der Zufahrtsweg hinter der Schranke führte auf einen massiven, einer kubistischen Festung gleichenden Gebäudekomplex zu, in dessen Mauern nur wenige Fenster eingelassen waren. Das Licht des blauen Neonschriftzuges auf dem Dach spiegelte sich in den Karossen der Autos auf dem riesigen Parkplatz wider, wo nun auch der eingefahrene Wagen zum Stehen kam: »MEGATOY«. Der Motor verstummte. Aus dem Fahrzeug stieg eine ältere Frau, die nun mit entschlossenen Schritten auf den verglasten Eingang des Gebäudes zuhielt, während sie suchend in ihrer Handtasche wühlte. Dort angekommen, zog sie ein weißes Plastikkärtchen hervor und schob es in einen kaum sichtbaren Schlitz in der Wand. Die Glastür glitt zur Seite.

Die Türen an den Wänden des endlos langen Korridors im Inneren der Konzernzentrale erschienen alle gleich groß, gleich weiß und gleich langweilig. Trotzdem blieb die Frau vor einer gezielt stehen und tippte eine Zahlenkombination in ein weiteres Sicherheitsschloss ein. Der Öffnungsmechanismus summte und sie betrat ihr Büro. Kaum hatte sie ihren Mantel abgelegt, da ertönte aus der Sprechanlage auf ihrem Schreibtisch eine verzerrte Stimme: »Frau Kott, guten Morgen. Bitte kommen Sie gleich einmal rüber zu mir und bringen sie den Führungsplan mit …« Seufzend entnahm sie einem großen dunkelgrünen Blechschrank eine Mappe und verließ den Raum durch eine zweite Tür in den benachbarten Raum.

Das leuchtend weiße Haar, das die Glatze des Direktors einrahmte, der in einem kastanienbraunen Ledersessel hinter seinem Schreibtisch saß, passte irgendwie nicht zu der dunklen Einrichtung seines Büros. Seine bebrillten blauen Augen musterten die eintretende Sekretärin. »Gut, dass Sie da sind. Bitte setzen Sie sich.« Sie nahm Platz, wobei ihr üppiger Haardutt eine seltsame Hüpfbewegung machte. »Herr Barten ist heute morgen nicht zur Arbeit erschienen.«, begann er und bemerkte nicht, wie sie eine Augenbraue hob. »Er hat sich krankgemeldet und kann somit die für heute angesetzte Führung durch die Produktion nicht leiten. Wir erwarten nämlich gegen zehn Uhr eine Gruppe japanischer Ingenieure, die allzu gern einen möglichst tiefen Einblick in die Abläufe der größten Spielwarenfirma unseres Landes bekommen würden …« Er lachte. »Ich möchte daher Sie mit der Vertretung von Herrn Barten betrauen. Wären Sie damit einverstanden?« Sie nickte. »Selbstverständlich dürfen unsere werten Besucher nur die auf dem Plan verzeichneten Abteilungen besichtigen. Wie Sie wissen, sind ja die Sektoren Planung, Entwurf und Design der Öffentlichkeit und Besuchern aus Konkurrenzgründen nicht zugänglich. Sie werden also bitte nur die Produktion und die Endkontrolle vorführen, okay?« Wieder Nicken. »Achten Sie bitte auf eine besonders freundliche Behandlung. Servieren Sie ihnen gerne Tee, einen Imbiss, irgendwas. Unsere Gäste kommen nämlich aus der Elektronikbranche und wären hervorragend geeignet, für unsere neue Turnpuppe das ,Gehirn’ in Auftrag zu nehmen. Selbstverständlich verstehen alle Englisch, und im Zweifelsfalle ist auch noch ein Dolmetscher dabei. Alle anderen Aufgaben können warten.« Das Telefon läutete. »Sie können jetzt gehen und alles vorbereiten. Ich rufe Sie, falls ich Sie noch einmal brauche.«

Sie erhob sich. Japaner! dachte sie. Die geschäftlichen Repräsentanten dieser fremden Kultur, meist Männer, korrekt in Anzug und Krawatte gekleidet, waren ihr nie geheuer gewesen. Sie hatte zwar mit ihnen noch keine Führung durchgeführt, war aber doch schon einigen bei Verhandlungen begegnet. Immer höflich und zurückhaltend, dabei aber geradezu exzessiv neugierig. Sie vom Fotografieren abzuhalten, würde nicht einfach sein, aber sie musste es einfach auf sich zukommen lassen. Sie verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich. Die Stimme des telefonierenden Direktors verebbte zu einem dumpfen Murmeln.

Der Bus war angekommen. Kaum hatten sich die Türen geöffnet, strömte schon ein Schwarm der schwarzgekleideten Gestalten heraus, die sofort die nähere Umgebung fotografisch assimilierten. Ein Pförtner geleitete die etwa zwanzig- bis dreißigköpfige Gruppe ins Innere des Gebäudes, wo der Tee schon wartete. Sie schob die Gardine wieder zurück und trat von ihrem Fenster zurück. Auf in den Kampf. Schon bevor sie die Besucher sehen konnte, hörte sie auf dem Weg über den Korridor die fremdartigen Sprachfetzen an ihr Ohr dringen.

Die routinierte englische Begrüßung kam ihr wie selbstverständlich über die Lippen: »Willkommen in der Zentrale der Firma Megatoy, meine Herren. Mein Name ist Edith Kott und ich werde Sie auf dieser Führung durch die größte Spielwarenfirma des Landes begleiten. Sollten dabei Fragen auftauchen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Ich bitte Sie jedoch, das Fotografieren innerhalb der einzelnen Abteilungen zu unterlassen. Bitte folgen Sie mir …« Sie hatte Enttäuschung erwartet, sah jedoch nur freundlich lächelnde Gesichter, deren Besitzer schweigend die Verschlusskappen auf ihre Objektive stülpten.

Ein Blick auf den Führungsplan, den sie bei sich hatte, war unnötig. Die erste Station beherbergte die Kunststoffpressen des Werkes. Ihre letzte Führung lag schon einige Zeit zurück, und obwohl sie den offiziellen Text noch bestens kannte und mit freundlichem Tonfall zum besten gab, erschrak sie doch ein wenig, als sie die Presshalle betraten. Die computergesteuerten Containerwagen, die wie von Geisterhand bewegt durch die fast menschenleere Halle rollten, waren ein gewohnter Anblick. Ungewohnt waren nur die Massen erstaunlich echter, hautfarbener Gliedmaßen, die diese Wagen bis über den Rand füllten und deren Realismus seit der letzten Führung erstaunlich zugenommen hatte. Pausenlos kamen neue, leere Wagen angerollt, während sich die vollen leise summend entfernten. Köpfe, Beine, Hände, Arme und Rümpfe, für die verschiedensten menschenähnlichen Puppen bestimmt, fielen ohne Unterlass aus stampfenden Maschinen. Sie gingen weiter. Jetzt war es zwar weniger menschlich, was die Maschinen ausspieen, aber nicht weniger bizarr. Flügel, Klauen, Flossen und Schwänze, bestimmt für Spielzeuge in Gestalt der unterschiedlichsten möglichen und unmöglichen Tiere, rollten kreuz und quer in der Halle umher.

In der nächsten Abteilung wurden die Teile montiert. Dies erledigten versierte Arbeiterinnen, die in langen Reihen mit blauen Hauben und Kitteln an Bändern saßen, auf denen die Einzelteile vorbeizogen. Von hier aus gelangten viele der hohlen Körper in die Elektronikmontage, wo oft beeindruckend komplexe Motoren und Schaltungen eingebaut wurden. So gab es Puppen, die liefen, sprachen, aßen, tranken, lachten, weinten, sangen, nuckelten oder ihre Windeln nassmachten. Monster, die brüllten, zuckten, geiferten oder harmlose Laserblitze abschossen, elektronisches Feuer spuckten oder sogar ein bisschen bissen. Katzen, die schnurrten und kleinen Bällen nachjagten, Teddys, die brummten, Mäuse, die piepten, ja, sogar eine Klapperschlange, die täuschend echt züngelte und zischte.

Hier erwachte dann auch das Interesse der japanischen Besucher. Lebhaft tauschten sie geflüsterte Bemerkungen aus, noch als sie die nächste Halle betraten. Hier entstand das Äußere der zahlreichen Spielzeugwesen. Haare, Pelze und Plüsch in allen Regenbogenfarben wurden angeknüpft und -geklebt, Lippen aufgemalt, Augen eingesetzt und Wimpern fixiert, Schuppen, Klauen, Zähne und Schnurrbarthaare angebracht. Stichproben der fertigen, mehr oder weniger niedlich beziehungsweise furchterregend aussehenden Produkte gelangten dann schließlich in die Testabteilung, dem nächsten Punkt auf dem Führungsparcours. An jeder der zahlreichen Stationen wurde eine an die Produkte gestellte Anforderung simuliert, was zuweilen ziemlich seltsam erschien. So gab es etwa ein Labor, in dem die Fall- und Stoßbelastung der Spielzeuge geprüft wurde. Dazu waren ganze sieben Mitarbeiter angestellt, die in Vollzeit Teddys durch die Luft wirbelten, Puppen auf den Boden warfen oder Kuscheltiere einquetschten. War ein Spielzeug nach hundert Testdurchgängen noch vollständig intakt, galt der Test als bestanden, anderenfalls musste nachgebessert werden.

Im darauf folgenden Labor widmeten sich die Tester der »zweckgerechten Belastungssimulation«. Hier wurde gekuschelt, geknuddelt, geritten, gefüttert und verhätschelt in einem Maße, dass es sogar bei Kindern lächerlich gewirkt hätte, erst recht jedoch bei den Erwachsenen, die das hier nach streng wissenschaftlichen Maßstäben vollzogen. Der Besuch dieses Labors führte regelmäßig zu Heiterkeitsausbrüchen bei den Besichtigungsgruppen, doch auch hier hielten sich die Japaner zurück. Als sie die Gruppe wieder hinaus auf den Korridor führte, fiel ihr sofort auf, dass die Tür eines gegenüberliegenden Labors offenstand, das zu dem der Öffentlichkeit vorenthaltenen Planungs- und Testkomplex gehörte. Obwohl sie die Tür fast augenblicklich verschloss, konnte sie nicht mehr verhindern, dass die asiatischen Besucher den Mitarbeiter dahinter bemerkten, der verzweifelt versuchte, rund ein Dutzend Testmodelle einer elektronischen Monsterfigur aus dem Stoff seines Kittels zu entfernen, in den sie sich wohl etwas zu kräftig verbissen hatten. Die Japaner warfen einander irritierte Blicke zu, aus denen nun selbst das allgegenwärtige Lächeln gewichen war.

Nachdem sie die Ingenieure sowohl durch die ganze Laborabteilung geschleust hatte und auch die Produktions- und Testabteilungen für Spielzeugautos, Geduld- und Gesellschaftsspiele nicht unbesichtigt geblieben waren, verabschiedeten sich die Besucher. Jetzt ein schöner, heißer Kaffee, dachte sie, nachdem auch der letzte der weitgereisten Gäste unter zahlreichen Verbeugungen in dem Reisebus verschwunden war, der das Fabrikgelände rasch Richtung Flughafen verließ.

Die Uhr auf ihrem Schreibtisch zeigte kurz vor Vier, als sie ihr Büro wieder betrat. Sechs Stunden Führung! Die Japaner waren aber auch zu wissbegierig gewesen. Hoffentlich hat der ganze Aufwand wenigstens etwas eingebracht, dachte sie, während sie die Kaffeemaschine befüllte.

Kaum hatte sie in ihrem Bürostuhl platz genommen und einen Schluck des heißen Getränks genossen, als die Sprechanlage nochmals loskrächzte: »Frau Kott, sind Sie wieder da? Bitte kommen Sie doch noch zu einem Diktat zu mir …“ Sie seufzte. Auch das noch! Sie nahm Kaffee und Stenoblock und betrat das Chefzimmer. »Ah …«, begrüßte sie der Direktor, der ebenfalls eine Tasse Kaffee vor sich hatte, »Setzen Sie sich doch bitte. Es dauert nicht lange, nur ein Schreiben an die Firma Gunboker wegen der neuen Sicherheits-Zündplätzchen für Zimmerkanonen.« Sie nahm Platz und zückte den Stift. »Sehr geehrte Herren, …«, diktierte er, »… hiermit möchten wir die kürzlich begonnene Zusammenarbeit unserer Unternehmen nachhaltig vertiefen. Ich freue mich, dass die Verhandlungen zu den Konstruktionsdetails der neuen … neuen Zünd … Zündpläää …«

Erschrocken sah sie auf. Der Direktor verdrehte die Augen und rang nach Luft. »… blää …« lallte er. Sie sprang auf. Kaffee und Block fielen zu Boden. Sie trat heran und öffnete das Hemd des nun regungslos Dasitzenden. Er hat sich wieder einmal überanstrengt, dachte sie. Gottseidank wusste sie, was zu tun war. Wo zum Teufel bewahrte er die verdammten Dinger auf? Ah! Sie öffnete die unterste Schreibtischschublade und nahm ein grünes Päckchen heraus. Gleich würde er wieder auf den Beinen sein. Geschafft! Mit einem routinierten Griff hatte sie die rechteckige Klappe auf der Brust des Direktors wieder geschlossen. Die verbrauchten Akkus hielt sie in der Hand. Der Direktor schlug die Augen auf. »Vielen Dank, Frau Kott. Wir können weitermachen.«

Monsterspielzeug
Text: © formschub | All rights reserved.
Photo: © Parvati | Some rights reserved

»A«

Alltäglicher Abend. Anna, Angestellte, außerdem Anton, Anwalt (Annas Angetrauter), aßen Abendbrot: Antipasti, Aufschnitt, Appenzeller. Alltäglicher Austausch, angeregt albernd – als Anton abrupt abbrach:

Anton: Aah …
Anna (argwöhnisch): Anton …?
Anton (aufstehend): Atemnot …
Anna, Arges ahnend: Allmächtiger!
Anton (apathisch): Arzt …!
Anna, Anton auffangend: Anton! Atme!
Anton, auf Alabaster ausgebreitet: Anna …!
Anna alarmiert augenblicklich Ambulanz. Als Arzt ankommt, agiert Anna als Assistentin.
Arzt analysiert Anton:
Arzt: Aha. Aha!
Anna (aufgebracht): Aha? Antwort! Analyse abgeschlossen? Anton ansteckend? Abszess? Angina? Alzheimer?
Arzt (abwiegelnd): Aber, aber! Alles ausgeschlossen. Alle auftretenden Anzeichen augenscheinlich: Atemnot, azurblaues Anlaufen, Apathie. Attestiere Allergie!
Anna (angstvoll): Allergie?
Arzt: Aß Anton Artischocken?
Anna: Allerdings. Antipasti – Artischocken, Auberginen, Anchovis …
Arzt: Aha. Als Anton Artischocken aß, aktivierte Abwehrsystem Antikörper. Atemnot, Anfall, Ambulanz.
Anna: Abhilfe absehbar?
Arzt: Aber absolut. Allergischer Anfall abnehmend. Anton abschotten. Ausruhen, ausschlafen, abschalten. Appetit anregen. Alles außer Artischocken akzeptabel: Äpfel, Avocado, Aprikosen, Apollinaris, Amselfelder … Außerdem ausreichend Auslauf, ausspannen, abwarten.
Anna (aufatmend): Ausgezeichnet!
Anton (aufwachend): Anna …
Anna: Armer Anton! Alles ausgestanden! Arzt attestierte Allergie: Artischocken. Anfall aufgetreten.
Arzt: Also – Anna, Anton … adieu!
Anna: Adieu! Angenehm. Aufregender Abend!
Arzt: Allerdings! (Abgang.)
Anna: Ach, Anton … (ausgelassen) Aquavit auf Aufregung?
Anton: Ausgezeichnet!

(entdeckt in meinem Skizzenbuch, ca. 1999, zweifellos inspiriert durch Heinz Erhardt)

Artischocke
Photo: © former Flickr user Dave Faris | Some rights reserved

Extended Version

Meine Inspiration zur folgenden kurzen Geschichte war dieser heutige Tweet:

Als sich der Staub legte, hielten alle den Atem an. Der letzte, komplizierte Durchbruch in die größte Kammer des unterirdischen Stollens hatte, wie geplant, kaum etwas von der innenliegenden extrem widerstandsfähigen Wandfläche beschädigt. Das Forschungsteam betrat den riesigen, fast 200 Meter durchmessenden, perfekt kugelförmigen Raum. Die Ultraschallsondierungen der Gesteinsschichten hatten nicht gelogen: es war der älteste unzweifelhaft künstlich erzeugte Hohlraum, den die Wissenschaft je im Bauch der Erde lokalisiert hatte – fast anderthalb Kilometer unter dem Meeresspiegel und in einer der härtesten Gesteinsschichten, die den Geologen bekannt war.

Wer hatte diese Struktur geschaffen? Und wann? Die Lichtfinger der Grubenlampen betasteten die wie geschmolzen wirkende Felsoberfläche. Irgendwo aus dem Raum glühte dazu ein diffuser gelblicher Schein, der die faszinierten Gesichter der Forscher erhellte. Eine künstliche Lichtquelle? Hier unten? In der Mitte der Kaverne ragte eine gigantische, mit regelmäßigen Rippen und Strukturen versehene, altarähnliche Metallkonstruktion in die Höhe. Die Wände der Grotte waren mit kryptischen, piktogrammähnlichen Symbolen bedeckt, die an nichts erinnerten, was die Archäologen und Semiotiker des Teams je erblickt hatten. Dr. Kay, der Teamleiter der Expedition, gab die Anweisung, mit der Kartographierung, Dokumentation und Vermessung des Raumes und der Artefakte zu beginnen. Sie hatten Fotoapparate, Infrarotkameras, Lasermessgeräte, geologische Probensets und 3D-Scanner dabei.

Ein Geigerzähler gehörte nicht zur Ausrüstung des Teams. Nur er hätte den Forschern augenblicklich mit kakophonischem Knistern ihren unvermeidlichen Tod ankündigen können. Keiner aus der rund 20 Mann starken Gruppe sollte das Licht des Tages wiedersehen, in wenigen Minuten würden die ersten unter ihnen die Symptome der massiven Strahlenbelastung bemerken. Das Warnkonzept der Baumeister des Stollens hatte versagt. Keiner der vor mehr als 18.000 Jahren in weitem Umkreis des Endlagers angebrachten Warnhinweise vor dem tödlichen, radioaktiven Inhalt des Depots hatte die Zeit überdauert oder war richtig gedeutet worden.

Es war zu spät.

Grotte
Photo: © bradley.hague | Some rights reserved

In Kürze

Ab und zu kommt die Muse zu mir und sagt: »Hey, schreib doch mal was Kurzes, Lyrik oder so.«
Dann sag ich: »Ich twittere doch, ist das nicht kurz genug?« — »Nee«, sagt sie dann, »anders.« Und dann mach ich das.
Hier mal vier Kostproben.

Müde

Das dämmrige Licht, schmal.
Die Zeit schiebt sich seitlich
daran vorbei.
Krümel im Kopf. Ohne Augen
sehe ich: Schlaf
rinnt zäh ins Zimmer.

Nachthunger

Und dann biss ich einfach
ein Stück aus der Nacht.
Sie war bitter, eisblau,
mit Zucker bestreut,
kaute sich wie Lakritz,
am Gaumen ganz weich.

Verlust

Die Welt reißt auf,
ist nur noch Schlucht,
es bleibt kein Halt.
Und alles Sein
ist Schmerz
und Fallen
in Dein Fehlen.

Am Meer

Das Meer ist Gestern
und ist Morgen,
war Quell des Lebens
und wird die Tränen sein,
die wir in Gräber weinen.

Schnipsel
Foto: Klebereste an einem Laternenmast in Salzburg | © formschub