Vorbildfunktionsstörung

Nachdem Rainald Grebe zweifellos Horst Köhler im Kopf hatte, als er sein brillantes Lied textete, keimt in mir aktuell die Sehnsucht nach einer Variante, die besser zum derzeitigen Amtsinhaber passt. Vielleicht fallen Euch ja auch noch ein paar passende Zeilen ein.

Ich bin der Präsident.
Guten Tag, ich grüße Sie.
Ich bin der Präsident.
An mich erinnert man sich nie.

Ich bin der Präsident.
Ich mache dies und das.
Ich hab ja jetzt bald Urlaub,
das wird bestimmt ein Spaß.

Hallihallo, der Präsident.
Ich bin Moralinstanz.
Das ist ein hoher Anspruch,
doch ohne Relevanz.

Ich bin der Präsident,
ich kenne Prominente.
Die sind sehr nett, die haben Geld
und geben mir Prozente.

(…)

Praesident
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Äpfel

Ich sitze zu Hause auf dem Sofa und bestelle online Weihnachtsgeschenke. Am vergangenen Wochenende war ich in der Stadt und versuchte, ein paar Besorgungen offline zu machen, doch es war wenig erbaulich. Überall Menschen, dicht gedrängt, ungeduldig, ellbogig, genervt, lärmend, lästig. Auch in den Geschäften wurde ich bei den gesuchten Präsenten nicht fündig. Gibtsnich, hamwanich, ausverkauft, zu teuer, zu klein, zu groß, zu anders. Nach zwei Stunden brach ich den Konsumausflug ab.

Wie ich es vor dem Internet geschafft und erduldet habe, Jahr für Jahr in solchem Gewimmel meine Bescherungsbesorgungen zu machen – es ist mir ein Rätsel. Einer GfK-Studie zufolge geben dieses Jahr 92% der Deutschen im Schnitt 241 Euro für Weihnachtsgeschenke aus.

Es sind nicht viele Menschen, die ich beschenken werde und möchte. Meine Großeltern und mein Vater leben nicht mehr, der Kontakt zu Onkeln, Tanten, Cousins, Cousinen oder gar weiter entfernten Verwandten ist spätestens seit Beginn meines Berufslebens, dem damit verbundenen Umzug nach Hamburg und dem Verbleib von Familienfeiern nahezu eingeschlafen. Doch der engste Beziehungskreis aus Partner, Familie und lieben Freunden ist wohl gepflegt, dort macht mir das Schenken Spaß. Kein Zwang, kein Geschenkewettrüsten. So soll es sein.

Während ich nach Geschenkideen google, Produkte vergleiche und meinen virtuellen Warenkorb bestücke, muss ich an ein ganz besonderes Weihnachtsfest denken. Es muss 1978 gewesen sein, da war ich elf Jahre alt und unsere Familie lebte damals in Nigeria. Mein Vater hatte sich in den Siebziger Jahren zwei Mal bewusst – in Übereinkunft mit meiner Mutter – eine Arbeitstelle im Ausland gesucht. Deutsches Know-how war gefragt, es wurde gut bezahlt und man sah etwas von der Welt. Länder wie Algerien (unser erster Auslandswohnsitz) und Nigeria, die heute von Aufruhr, politischer Instabilität oder islamistischen Tendenzen betroffen sind, waren für europäische Familien durchaus bewohnbar, wenn auch in firmeneigenen, aber keineswegs abgeschotteten Wohnanlagen. Ich ging dort mit den Kindern der Arbeitskollegen meines Vaters zur Schule, machte mit den Eltern auf den Märkten und in den Geschäften die täglichen Einkäufe und lernte neue Freunde kennen. Es war Alltag in einem Land, wo manche Urlaub machten.

Aber natürlich war vieles auch anders. Wir hatten zwar eine Ananaspflanze, einen Papayabaum, Bananenpalmen und Zuckerrohr im Garten, aber es gab keine Äpfel – in keinem Laden. Wir hatten keinen Fernseher, zwei Jahre lang. Die Kollegenfamilie, im Haus über uns, hatte einen der ersten Videorecorder, doch das Angebot an (kindertauglichen) Filmen war sehr begrenzt. Wir lasen, spielten draußen, besuchten Freunde, statt fernzusehen. Es war heiß und feucht, oft fiel der Strom und damit die Klimaanlagen in der Wohnung aus, was besonders nachts, bei Temperaturen noch über 25 °C, das Schlafen durchaus erschweren konnte. Draußen gab es Vogelspinnen und Schlangen (selten), riesige Tausendfüßler, gigantische Schmetterlinge und Eidechsen, Gottesanbeterinnen, überdimensionale Kakerlaken und anderthalb Zentimeter große Ameisen. Es gab unglaublich frischen Fisch: Makrelen, Barracudas, Garnelen und Blue Marlin. Aber es gab kein Schweinefleisch, kein Nutella, keine Yps-Hefte. Mortadella und andere Wurst waren manchmal in Dosen erhältlich, Käse nur als Schmelzkäseecken. Was es nicht gab und was haltbar war, konnten wir bei den halbjährlichen Heimflügen in tragbaren Mengen selbst importieren. Auf alles andere hieß es schlicht zu verzichten.

Etwas Schönes, das wir dort hatten, war ein kleines, rot-weißes Motorboot. Es gehörte uns und der erwähnten Kollegenfamilie gemeinsam und am Wochenende fuhren wir damit meist durch die Küstenlagunen und aufs Meer hinaus. Manchmal richtig weit, so dass ich das Land am Horizont kaum noch sah. Nicht immer waren beide Familien vollzählig an Bord, es kam auch vor, dass die Mütter und einige der Kinder am Strand blieben, wo das Boot im seichten Wasser gut anlegen konnte. Oft fuhren auch nur die beiden »Papas« zum Angeln raus aufs Meer und brachten abends von dort stattliche Fische zurück.

Auf einer der Bootstouren, es war kurz vor Weihnachten, aber in Äquatornähe nach wie vor tropisch warm, begegneten wir weit draußen auf dem Meer einem großen, dort ankernden Frachter. An der Reling standen Mitglieder der Besatzung, sie riefen und winkten. Wir näherten uns dem Schiff und die Väter verstanden irgendwann, dass die Funkanlage des unter Schweizer Flagge (sic!) fahrenden Schiffes ausgefallen und somit keine Verbindung zu Lotsen möglich war, die es sicher in den Hafen führen konnten. Man fragte uns, ob wir nicht als Kurier einspringen wollten. Und so fuhr unser kleines Motorboot nach Erhalt der entsprechenden Instruktionen los, Richtung Küste, um dort Meldung zu machen. Als wir später zum Schiff zurückkamen, um das nahende Geleit zu verkünden, warf uns ein Matrose zum Dank aus einer stählernen Luke, nicht weit über dem Wasser, einen großen Plastiksack zu. Darin: eine dicke, mit leuchtendrotem Wachs überzogene Käsekugel – und eine Menge knackig-grüner Äpfel. Käse! Äpfel! Was für ein aufregender Tag! Was für ein besonderer Dank.

Am Weihnachtsabend, kurz darauf, unter unserem tropentauglichen künstlichen Tannenbaum, dort lagen sie dann. Die Äpfel. Ich bekam auch einen Legokasten, aber ich habe schon lange vergessen, was man daraus bauen konnte. Aber an die Äpfel, an die frischen, gelbgrünen Äpfel, an die erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen.

Ich bin nicht traurig, dass ich als Kind ein paar Jahre lang auf einiges vermeintlich Selbstverständliche verzichten musste. Ich bin dankbar, dass ich den Wert solcher Dinge – und auch den von (Weihnachts)geschenken – anders zu schätzen gelernt habe.

Motorboot_Nigeria

Weihnachten_1978
Das Boot. Die Äpfel. Und ich.
Fotos: © formschub

Foyermeldung

Die Frau vor mir am Geldautomat braucht unglaublich lange, bis sie den Automaten für den nächsten Bargeldjunkie in der Schlange wieder freigibt. Aber nicht, weil der Bedienvorgang übermäßig Zeit bräuchte. Sondern, weil sie das entnommene Geld anschließend, noch am Automaten stehend, in ihrem grotesk riesigen Portemonnaie verstauen möchte, das sich in ihrer nicht minder gigantischen Handtasche befindet.

Und das dauert. Handtasche öffnen, reingehen, Lichtschalter suchen, Licht ist natürlich kaputt. Also im Dunkeln langsam hoch in den ersten Stock – kein Portemonnaie zu sehen. Treppe wieder runter, Erdgeschoss absuchen, Portemonnaie finden. Zu schwer, es alleine rauszutragen. Handy suchen, beste Freundin anrufen, Freundin nicht da. Runter in den Keller, Sackkarre suchen, endlich die Karre die Treppe zum Erdgeschoss hochwuchten, oben das Portemonnaie draufladen, mit der Sackkarre zurück in den Bankvorraum. Dort wartende Automatenkunden bitten, beim Abladen und Öffnen des Portemonnaies zu helfen, gezogenes Geld in die Börse sortieren. Und dann wieder retour: Portemonnaie mit Geld auf die Sackkarre, rein in die Handtasche, usw.

Männer sind da schneller. Anstehen, zack! vor den Automaten treten, Karte rein, PIN vergessen, dreimal auf Verdacht irgendwas eintippen, Karte weg, raus.

Geldautomat
Foto: © achimh | Some rights reserved

Update: Sehr schön wurde derselbe Gedanke filmisch umgesetzt von Martina Hill für ihre Comedysendung »Knallerfrauen«:

Hal10ween

Ganz in der Tradition des von mir schon einmal hoch gelobten Buches »Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen« hier meine Top-Ten-Tipps für die gruseligsten Halloweenkostüme 2011.

Wenn Du beim Klingelrundgang richtig schocken willst, dann verkleide dich …
01. … als Birgit Schrowange (Mädchen) oder Ulrich Meyer (Junge)
02. … als aronal-Tube, auf der »elmex« steht
03. … als Ratingagentur
04. … als Carglass-Jingle
05. … als siamesischer Zwilling aus Claudia Roth und Sarah Wagenknecht
06. … als Schneechaos
07. … als Wanderbaustelle
08. … als Vorratsdatenspeicherung
09. … als Nacktmull
10. … als Erika Mustermann

Vielleicht fallen Euch ja auch noch welche ein …?

Eyes_of_fear
Photo: © MamboZ | Some rights reserved

Lafer, Lichter, Schuhbeck, …

… ich komme! Nachdem ich vor einigen Monaten (via Twitter, natürlich) die famose Zufallskochrezeptseite scheissewaskocheichheute.de (Edit: inzwischen offline) entdeckt und dort eins meiner selbstkomponierten Lieblingsrezepte hochgeladen hatte, fragte mich im August Anna aus dem Projektteam, ob ich etwas dagegen hätte, wenn mein Rezept als eins von 55 in das bald erscheinende Kochbuch zur Website aufgenommen würde. Hatte ich nicht.

Geld gab es zwar keines, aber natürlich Ruhm und umgehende Aufnahme in den Olymp der Küchengötter. Und heute kamen die Belegexemplare, das heißt: das Buch ist im Handel. In einer auf 999 Exemplare limitierten Auflage ist es ab sofort hier zu bestellen. Internetseiten kann man schließlich nicht verschenken – damit hat das Werk doch auf jeden Fall schon mal eine hinreichende Existenzberechtigung. Und ich freue mich natürlich gleichermaßen doll, falls jemand das Rezept mal ausprobieren mag, ganz egal, ob aus dem Netz oder von der Buchseite. Guten Appetit!

Und hier noch der Link zur englischsprachigen Vorreiterwebsite: whatthefuckshouldimakefordinner.com

Scheissewaskocheichheute
Foto: © formschub