Kausales Topfschlagen

Ernstes Thema – amoklaufende Jugendliche. Doch statt helfender Hände, echter Präventivkonzepte oder kompetenter Diskussionsbeiträge, die am sozialen Gefüge der gefährdeten Menschen ansetzen, erfolgen hysterisches Gackern und Flügelschlagen im politischen Hühnerstall, wirres Schwadronieren und demokratisch bedenkliches Verbotswettrüsten.
Hey, Ihr Patentrezeptler – da hätt ich auch noch eine Idee. Vorhin hieß es im Radio nach dem bedauerlichen Fund der Leiche eines diesbezüglich verdächtigten Offenburger Schülers: „Der mutmaßliche Amokläufer trug schwarze Kleidung.” Na? Klingelt’s? Ist doch klar: Wenn die alle nicht nur „Killerspiele” spielen, sondern auch schwarze Klamotten anhaben, sofort konsequent schwarze Kleidung verbieten! Amokläufer, die nichts mehr zum Anziehen haben, gehen doch nie und nimmer aus dem Haus und bringen Leute um. Problem gelöst!
Hat jemand die Telefonnummer von Günther Beckstein?

D’accord!

Herrliches Zitat des schrulligen TV-Detektivs Monk beim Durchqueren einer mit ausgelassenen Feriengästen bevölkerten Cluburlaubs-Anlage: „Ach, das ist also Spaß. Ich hab schon von Spaß gehört, aber ich war noch nie so dicht dran.”

Fernsehen in Nahkose

Wie rasant sich die Technik beim Fernsehen weiterentwickelt hat, wird am ehesten sichtbar, wenn Jahre oder Jahrzehnte alte Werbespot-Klassiker, Tagesschauschnipsel mit Karl-Heinz Köpcke, Triumphmomente vergangener Sportmeisterschaften oder geschichtsträchtige (Talk)showhäppchen in Wiederholung über den Bildschirm flimmern. Körnige, verwaschene Szenen und muffiger Ton malträtieren Auge und Ohr und machen bewußt, dass dies einmal der ganz gewöhnliche Medienalltag war. Gottseidank ist das inzwischen – mit hochauflösenden Kameras, digitaler Sendetechnik und erschwinglichen High-Tech-Fernsehern – anders. Klarer. Schärfer. Bunter. Man ist einfach „näher dran”. Manchmal aber auch ein Ideechen zu nah. Speziell bei Interviewszenen mit Sportlern, Promis und Politikern packt mich in letzter Zeit der Reflex, mich weiter weg zu setzen, wenn es denn ginge, weil mir die gesendete Nähe regelrecht auf den Pelz rückt. „Dichter!” befiehlt die Regie bei Sabine C., Günther J. und Co. – und die Kamera gehorcht und umspielt gnadenlos jedes Detail im Gesicht der geladenen Gäste. Ein bei der Rasur vergessenes Barthaar des Fraktionsvorsitzenden – glasklar. Ein winziger Speiserest zwischen den Zähnen des Unternehmensvorstands – gestochen scharf. Die zart verschmierte Wimperntusche am Lid der Presseprecherin – erbarmungslos sichtbar. Speichelfäden beim Sprechen, rinnende Schweißtropfen, Hautrötungen, Schuppen, Falten, Pickel, Poren, Nasenhaare. Alles wird bildschirmfüllend gesendet. Kontrast 10.000:1, High Definition, Millionen von Farben. Zwischenzeitlich verrät nur die Stimme, wer gerade spricht; erst, wenn sich der Bildausschnitt weitet, werden dermatologische Strukturen wieder zu bekannten Gesichtern. Hinter den fesselnden mikroskopischen Details tritt schon mal der Inhalt der Rede zurück, was aber – je nach Redner – den Informationsgehalt der Szene nicht zwangsläufig mindert. Aus Fernsehen wird Nahsehen.
Ich selbst habe noch keinen 40-Zoll LCD- oder Plasma-TV. Aber, liebe Fernsehhersteller, eine Idee: Wie wär’s mit einem schicken Retro-Feature namens „Makro-Mercy” oder „Zoom-Escape”, das auf Knopfdruck die Bildqualität sofort um 30 Jahre zurückschaltet? Denn die Gnade der niedrigen Auflösung kann manchmal ein echter Fortschritt sein.

Fernsehmakro

Bäckerlatein

Mittagspause im Büro. Jetzt ein kleiner Snack! Schön, wenn das lokale Umfeld der Arbeitsstätte geschmackliche Abwechslung auf dem Speiseplan zulässt. Aus Praxen, Kanzleien und Agenturen strömt das Officevolk, um sich mit Salaten, Süppchen, Wraps, Burgern und ähnlichen Imbissen für das weitere Tagewerk zu stärken. So auch ich. In der Auslage einer Bäckerkettenfiliale lockt appetitlich belegtes Backwerk. Warum nicht? denke ich und reihe mich ein in die vor dem Tresen wartenden Kunden. Als ich auf den Vitrinenschildern die Namen der angebotenen Snacks lese, bekomme ich Hitzewallungen.
Ich erinnere mich an auffällige kleine Schwarzweißanzeigen, die mir früher in preiswerteren Fernsehzeitungen wie z.B. Funk Uhr oder TV Hören und Sehen aufgefallen waren. Sie bewarben Mittel gegen Potenzprobleme, Durchfall, Inkontinenz und andere heikle Indispositionen. Mit einem besonderen Service für den bedürftigen Leser: einem kleinen Couponabschnitt, auf dem der Name des Therapeutikums stand. Das erspart in der Apotheke peinliche Wortwechsel und ermöglicht einen diskreten und zügigen Kauf. Ich bin dankbar, dass ich solcher Coupons niemals bedurfte, doch jetzt wäre mir eine ähnliche Einkaufshilfe willkommen. Scharfer Segler. Bäckwich Hawaii. Wikinger Pute. Die Schlange wird kürzer. Gleich bin ich an der Reihe. Gibt es denn nichts ohne albernen Namen? Auch unbelegtes Gebäck und Kuchen bieten keinen Ausweg: Zimt-Wuppi. Goldkrüstchen. Rübli. Röggli. Kornbatzen. „Ich hätte gern einen Apfeltraum?” Niemals. Bestimmt sind an den Regalen versteckte Mikrofone und Kameras. Die lachen sich tot da hinten. Jetzt bin ich dran. Ich deute mit dem Finger in die Vitrine. Ich will das nicht sagen – dann lieber als Analphabet oder Brillenvergesser dastehen: „So eins, bitte.” Klappt. Einpacken, zahlen und raus. Bäck to reality.
Ich glaube, ich geh jetzt zur Entspannung noch was Ehrliches kaufen. Irgendwas, was einfach nach sich selbst benannt ist. Holzschrauben oder Briefumschläge oder so.

Widerstand ist zwecklos

Hachschön. Die dunkle Jahreszeit ist da. Beim Aufwachen leckt dir feuchtgedimmtes Grau wie eine klamme Zunge durchs Gesicht, der Wind presst kalten Niesel in den Mantelkragen und wenn der Feierabend dräut, hat das Dämmerdunkel schon wieder ein paar Stunden Vorsprung. Erst hat’s mich in den letzten Wochen ziemlich genervt. Aber ab heute werden Trotzhormone ausgeschüttet. Und Weihnachts(vor)botenstoffe. Erste Auswirkung: Der kleine Ertrag aus der Auflösung eines uralten Postsparbuches wurde posthum (haha) in eine DVD-Box investiert :„Star Trek – The Borg Fan Collective”. Nicht besonders weihnachtlich, aber gemütlich. Sofa. Glas Rotwein. Film. Resistance is futile. Auch die Option eines heißen Wannenbades rückt wieder häufiger ins Blickfeld abendlicher Entspannungsrituale. Je nach Lebens-, Stimmungs- und Wohnsituation können bei beiden Anlässen weitere Beteiligte durchaus die Gemütlichkeit steigern.
Bestimmt sind es dieselben biochemische Prozesse, die Nagetiere ihre Nester vor dem Frost kuschlig auspolstern lassen, welche mich in einschlägige Läden und Kaufhausetagen pushen, um vor den Regalen plüschig-glitzernde Dekoideen für ein saisongemäßes heimisches Ambiente durchzuspielen – mit Filzsternen, Trockenduftpotpourris, Bienenwachskerzen oder Lichterketten. Die Nase wird wieder empfänglicher für Gewürz-, Mandarinen- und Schmalzkuchenduft. Öde Zartbitterschokolade wird verächtlich verschmäht, erst ein Stäubchen Kardamom, ein Hauch Zimt, ein Quentchen Marzipan rechtfertigt den Kauf. Bereitwillig lasse ich mir an Prä-Adventsbuden ein Tütchen gebrannte Mandeln andealen und schwelge zunehmend in Geschenkideen für den Kreis meiner Lieblingsmenschen. Kritisch beäuge ich Muster und Farben der aktuellen Geschenkpapierkollektionen und stimme sie mit farblich harmonierenden Satin- und Organzabändern aus dem Begleitsortiment ab.
Konsequent umgeschichtet wird auch der Wandschrank kulinarischer Gewohnheiten. Ab nach hinten mit dem Sommerzeug! Wer braucht Hüttenkäse, Friséesalat und Putenbrust? Grünkohl, Rotkohl, Sauerkraut, Bratwurst, Schmalz und Gänsekeule rücken wieder in den verdienten Fokus. Winter ist, wenn das Bratenfett in den Mundwinkeln glänzt. Möge das gemütliche Flackern brennender Kalorientabellen die Fenster erleuchten!

Deutschland muss sparen

Auch beim Essen. Da muss dann schon mal auf das eine oder andere L oder E verzichtet werden, wenn die Buchstaben gerade knapp sind. Aber mit ein bisschen Disziplin klappt das wunderbar, und mit einem vom Munde abgesparten R kann man dann auch mal wieder so richtig über die Stränge schlagen …

Mittagskarte

Gesehen in Hamburg Winterhude.

Verschleppte Prostituierte verdienen Vertrauen

Normalerweise bin ich ja skeptisch, wenn ich an Volkstreffpunkten wie z.B. U-Bahnhöfen von mir unbekannten Personen mit leicht flehendem Blick angesprochen werde. Selbst Mitmenschen mit reinem Teint und gepflegter Garderobe entpuppten sich schon als Bittsteller, die von mir mit sorgsam zusammengeklöppelter, dramatischer Erlebnisprosa Münzgeld oder ähnliche Solidaritätsgaben aus dem Handgepäck zu erhalten hofften.
Dann: gestern am Berliner U-Bahnhof Alex. Eine junge Frau nähert sich mir, als ich gerade dabei bin, am Bahnsteig wartend, eine SMS ins Handy zu tippen. Ich erahne Übliches.
„Entschuldigung, aber Sie haben doch ein Handy. Meins ist kaputt und ich muss dringend meine Freundinnen anrufen. Ich hab mich verspätet und bin auf dem Weg zu GZSZ und will nur bescheid sagen, dass die da an der Bahn auf mich warten.”
Ich entspanne mich etwas. Portemonnaie kann also zu bleiben. Da die Bahn gerade einfährt, zerstreuen sich nach dem Zusteigen auch meine Bedenken, mein Gegenüber hätte es evtl. auf ein neues Handy ohne Vertrag und SIMlock gegen Zahlung von 0,– Euro zzgl. Fersengeld abgesehen.
Nach dem Telefonat entspannt sich die Lage. Die Freundinnen werden warten, und ich erfahre auch, was es mit dem Zielort „GZSZ” auf sich hat: Es ist der Drehort der Daily Soap, wo die Truppe als Komparsinnen zu den nächtlichen Dreharbeiten erwartet wird und die Rollen verschleppter Prostituierter spielen soll. Es gäbe „echt gutes Geld” und zudem einen Nachtzuschlag.
Nein, ich werde deshalb jetzt NICHT anfangen, das zu gucken.
Höchstens mal reinzappen.