Nahrungsaufnahme und Geschlechtsverkehr

Manche deutschen Worte klingen wie Aktendeckelbeschriftungen. Obwohl sie eigentlich etwas sehr Schönes oder Sinnliches beschreiben (ganz im Gegensatz zu z.B. „Kragenspeck” oder „Handkantenschlag”).
Erfreulich daher, dass im Blog von Sebas jetzt zum Bistro Poetry Contest aufgerufen wird, und somit jeder die Chance bekommt, u.a. auch das Umfeld der beiden obengenannten Vorgänge mit wohlklingenderen Worten und eigenen Versen näher zu beleuchten. Und obwohl ich noch ein relativer Blog-Neuling bin, bei jedem Eintrag erneut mit meiner Inhalts- und Stilfindung ringe und meine Dichtversuche bislang auf private Glückwunschkarten beschränkt waren, hat mich diese tolle Idee gleich zum Mitmachen inspiriert.
Hier mein Beitrag:

Chilischoten,
Venusmuscheln.
Sado-Maso
oder Kuscheln?

Artischocken,
Weinbergschnecken.
Harte Stöße,
sanftes Lecken.

Schwarze Trüffel,
Sauerkraut.
Hitzewellen,
Gänsehaut.

Austern, Kaviar,
Korinthen.
Mal von vorne,
mal von hinten.

Nougatcreme,
Forelle blau.
Lippenweich
und zungenrauh.

Ahornsirup,
Haselnüsse.
Süßer Atem,
dunkle Küsse.

Stangenspargel,
Sellerie.
Haut an Haut.
So nah wie nie.

Alle Sinne
öffnen sich.
Sei in mir –
ich schmecke Dich.

Barmbek live

Die angenehm hohe Dichte an Restaurants und Imbissen in meiner Wohngegend (Barmbek-Nord) verleitet doch gelegentlich dazu, statt des Kochlöffels den Hörer in die Hand zu nehmen und das Abendessen telefonisch zu ordern. So auch heute. Das winzige Thai-Restaurant „Baan Rao” taucht zwar in kaum einem der hippen Hamburger Gastroführer auf, bietet aber durchaus anständige Küche zum akzeptablen Preis. Die emsige Restaurantbesitzerin ist Köchin und Kellnerin in Personalunion und bereitet in der kleinen Küche alles eigenhändig zu. Leider wallen Brat-, Fritier- und Brutzeldünste aus der offenen Kochzelle ungefiltert in den Gastraum hinüber. Will man also nicht selbst wie die soeben verzehrte „17, gebacken” riechen, geht man sein Dinner – wie unsereins – holen.
Als ich das Lokal betrete, sitzt nur ein einziger Gast an einem der Tische. Er scheint mit dem Pils vor sich vollauf zufrieden. Auf dem Tresen steht, transportfertig eingetütet, die bestellte Ente „S5”. Beim Bezahlen übt sich die Hausherrin mit klischeereifem asiatischen Akzent in Smalltalk.
(Dialogwiedergabe gemäß Gedächtnisprotokoll):
Sie: „Und – haben auch schon gehabt Euro-Schein, die zerfallen?”
Ich (kurz überlegend): „Nein, gottseidank nicht.”
Sie: „Auch nicht gehabt. Aber was machen, wenn bekommen? Geht kaputt …”
Ich: „Schnell wieder ausgeben, bevor es zerfällt.”
(Heiterkeit)
Jetzt mischt sich in breitem Barmbeker Slang der Pilstrinker ein.
Er weiß mehr:
„Das is’ aus’m Bankraub. Fünf Mio’n ham die geklaut. Alles präpariert. Da war überall Farbe drauf. Und das ham die versucht, wieder wechzukriegen.”
Sie: „Fünf Million. Aber nur 1500 Scheine gefunden?”
Er: „Fünf Mio’n. Alles präpariert. Das kann man unter Ultraschall sehen, kann man das. Und die ham das dann versucht, mit Chemikalien wieder wechzukriegen. Mit’m Pinsel ham die das von Hand überall draufgemacht, wo die Farbe ist. Darum zerfällt das nur da, wo die Chemikalien sind.”
Sie: „Aber wenn zerfällt, was kann machen? Ist kaputt.”
Er: „Doch, das kamman umtauschen. Nimmtie Bank zurück.”
Ich nicke zustimmend. Meine Ente wird kalt.
Sie: „Nimmt Bank zurück? Kann umtauschen? Ah – ist gut.”
Er: „Jou, das zerfällt ja nur da, wo die Säure ist.”
Ich, dem Ausgang zustrebend: „Das kann ja dauern, mit dem Pinsel. Dann kommen bestimmt noch Scheine nach, die müssen das Geld ja unter die Leute bringen.”
(Heiterkeit. Abgang.)
Später lief im Fernsehen auf WDR 3 „Dittsche”.
Jetzt weiß ich: es ist alles wahr.

Alleskönner

Super finde ich immer die Bringdienst-Imbiss-Flyer in meinem Briefkasten, deren herausgebende Etablissements unter der Rubrik „Internationale Küche” prinzipiell ALLES anbieten: Gyros, Grillhähnchen, dazu eine ellenlange Pizzaliste (als Extrabeläge wählbar u.a. Spargel, Ei, Tzatziki, Dosenpfirsich oder Sauce Hollandaise), Spaghetti Bolognese und andere Nudelklassiker (Carbonara, Puttanesca, Napoli), überbackenes vegetarisches Allerlei (Broccoli, Ofenkartoffel), Indische, chinesische und asiatische Standards (Süßsauer, Chop Suey, Bami und Nasi Goreng, Peking-Suppe, Putencurry), für die kalorienbewußte Klientel einen bewährten Salatbaukasten (klein/groß gemischt mit Dressing nach Wahl) und wenn’s geht, dazu noch die deutsch-deftigen Favoriten Currywurst, Pommes, Frikadellen und Schnitzel. Da ist das Vertrauen in die kulinarische Kompetenz doch von Anfang an auf dem Nullpunkt. Solcherlei breitgestreute Kompetenzbekundungen verewigt der geschäftstüchtige Unternehmer auch gern auf Schaufenster oder Beschilderung seines Ladenlokals abseits der Imbissbranche („Gravuren – Stempel – Pokale – Visitenkarten – Folienschriften”). Schadet auch nicht, wenn sicherheitshalber nochmal das Offensichtliche propagiert wird, am Getränkemarkt etwa „Bier – Limonade – Mineralwasser – Fruchtsaft”. Warum nicht an der Fahrschule „Schalten – Kuppeln – Lenken – Bremsen”?
Kurios wird’s bei gewagteren Kombinationen. „Mode – Fisch – Getränke” warb mal ein Strandkiosk um flanierende Laufkundschaft an einer norddeutschen Küstenpromenade. In der Hamburger Langen Reihe lockt ein indischer Supermarkt mit dem Sortiment „Musikinstrumente – Gewürze – Reis – Tee”. Friseursalons mit integriertem CD-Shop oder die Paarung „Wein und Schuhe” – gibt’s beides – wirken daneben fast einfallslos. Noch ungefüllt klaffen (vermutlich) die folgenden, vielleicht erfolgversprechenden Marktlücken:

• Reifenservice mit einliegendem Intimfriseur (Das Rundum-Angebot für „Untenrum” – auch ohne Anmeldung!)
• Kleintierhandel mit angeschlossener Feinkosttheke (Ladenhüter können marktfrisch zubereitet dem Zweitsortiment zugeführt werden)
• Schönheitsklinik mit kompetentem Änderungsschneider (Upscale/Downscale-Body-Pimping und passgenaues Abnähen des Outfits in einem Rutsch)
• Bestattungsinstitut mit einfühlsamer Dating-Agentur (Ein neues Leben – JETZT!)

Gibt bestimmt noch mehr …

Grüezi!

Dieses Wochenende steht eine Kurzreise nach Basel auf dem Programm. Per Billigflieger von Hamburg, dem „Venedig des Nordens” in die Schweiz, das „Japan Europas”: Ein relativ kleines Land, die Einwohner sind als fleißig, wohlhabend, humorlos und etwas verschroben verschrien und wenn sie sich unterhalten, verstehen Außenstehende kein Wort. Auf unsere Bierorder im Wirtshaus heißt es z.B.: „Mechz aach eppisch z’asse?”
Hmwasmeintderjetzthabendiehiermehreresortenodernurhellesodernurdunkles
odernurnulldreiodernullfünfoderistamwochenendeüberhauptkeinbierausschank
achessenderfragtobwirwasessenwollendiespeisekartenatürlichgerne … – „Ja.”
Die ca. fünf Dechiffriersekunden, in denen ich den Kellner unverständig anglotze, kommen mir endlos vor.
Nach anfänglichem Regen zeigt sich der Oktober von seiner goldensten Seite. Auf dem Platz um das Hotel verschlossene Buden, geparkte Schaustellerwagen, halbfertige Fahrbetriebe und eine Riesenradbaustelle – offenbar soll hier demnächst ein „Chilbi” (Kirmes) stattfinden. Schade, dass wir dann schon wieder weg sind. Wie gerne hätt’ ich mir an diesem verlockend beschrifteten Stand einen ofenwarmen, knusprig-süßen Wildnagersnack reingezogen …

Kirmesbude

Vorratshaltung

Angesichts einer bevorstehenden Kurzreise bedurfte mein Kühlschrank nochmal einer vorherigen Ausmistung. Angebrochenes, leicht Verderbliches? Weg damit, ehe es einem bei Heimkehr mit irgendwas wedelnd im Flur freudig entgegengelaufen kommt. Von ganz hinten funkelt mich hämisch beim Aufräumen an, was ich irgendwann mal bedarfsweise oder im Affekt gekauft habe („DAS hab ich ja EEEWIG nicht gegessen”), um es dann zu Hause fast unberührt seiner Verderbnis entgegendämmern zu lassen: Quark, Cornichons oder Oliven im Glas, ungekühlt im Obstkorb auch gern mal Bananen. Oder, was sich dermaßen quälend langsam verbraucht, dass eigentlich ein Bruchteil der einzig erhältlichen Packungsgrößen völlig ausgereicht hätte, um davon Monate, wenn nicht Jahre zu zehren: Butterschmalz, Worcestersauce, Kapern, Paniermehl. Im Vorratsschrank stapelt sich Scheinverbrauchtes. Darunter fällt alles, was man spontan vorsorglich kauft, weil man meint, es sei alle, was es aber keineswegs ist – wie man nach dem Einkauf, um Stauraum ringend, erkennt. Exemplarisch: Nudeln, Reis, Dosentomaten. Nett gemeint und zweifellos köstlich, aber leider abseits raschen Konsums: exotische Geschenkzutaten aus dem kulinarischen Freundeskreis. Aprikosenkernöl, Südafrikanisches Reisgewürz oder Honigessig aus der Toskana. Die Freundschaft bleibt, die Aromen verfliegen.
Gelobt sei, was sich regelmäßig verbraucht: Wein, Schokolade, Brot und Kaffee.

Es ist überall…!

Aargh! Gammelfleisch gets me! Nach abendlicher Heimkehr ereilte mich bei der kurzfristigen persönlichen Dinnerplanung ein plötzlicher bajuwarischer Appetitflash: Mmh – Leberkäse mit Spiegelei an Sauerkraut. Also flugs nochmal um die Ecke zum lokalen gelb-blau beschilderten Supermarkt meines Vertrauens. Welches nach dem Blick ins Kühlregal jedoch rapide schwand, denn der enthüllte Grauenhaftes: der komplette Restvorrat von rund zehn Leberkäse-Packungen seit zwei Tagen ABGELAUFEN! Skepsis. Misstrauen. Genau hingeschaut. Sieht ja eigentlich noch ganz rosig aus. Aber auch ein bisschen schmierig. Eine Geruchsprobe würde die Gewissheit vertiefen, aber die Situation möglicherweise ungewollt komplizieren. Ausweichprodukt? Vielleicht Nürnberger Rostbratwürstchen? Tatsächlich: in der Truhe nebenan liegen noch zwei Vakupacks – mit immerhin zukünftigem Ablaufdatum. Aber holla: unter dem Haltbarkeitsetikett lugen Klebereste abgelöster Vorläuferetiketten hervor. SKEPSIS. MISSTRAUEN. Nö, jetzt doch lieber woanders einkaufen. Getrübt wurde die dann doch noch erfolgreiche Fleischbeschaffung (klingt irgendwie rotlichtmäßig) von Gewissensbissen: hätte ich „pro-aktiv” tätig werden und die Marktleitung von dem Missstand informieren sollen? Liegt bald aufgrund meiner Ignoranz irgendeine trübsichtige Barmbeker Oma nach dem arglosen Kauf und Verzehr der maroden Fleischbatzen im Gammelkoma?
Morgen Salat.

Sehr schön hat es Heinz Becker mal auf den Punkt gebracht: „Früher henn die Leut’ des Esse fortg’schmisse, wenn’s schlecht wor. Heut esse Se’s, nur weil druffsteht, dass es noch gut is.” (Die unzureichende schriftliche Übertragung ins Saarländische bitte ich mir nachzusehen)

Mahlzeit!

Wursttheke_Oxford

Schon auf die Karte geguckt? Was gibt’s denn heute Leckeres? Hmmm… Frikadellen mit Kartoffelsalat. Klassische Hausmannskost, da weiß man, was man hat. Keine Überraschungen. Oder doch die Quallenmedaillons an Wakame-Algensalat auf Wasabi-Galgant-Schaum? Wär‘ ja mal was anderes. Och, andermal. Ich glaub’, heut nehm’ ich nur ’nen kleinen Salat. Eisberg, Tomaten, Möhren, Gurken, wahlweise French oder Italian Dressing. Man muss ja auch auf die Linie achten. ’Nen Guten!
Lange hab ich überlegt, ob ich den „Spielplatz” auf meiner Website nebenan zu so ’ner Art Blog ausbauen soll. Seit die Seite online ist, sehe ich interessante oder skurrile Alltagsbeobachtungen viel öfter durch die „müsste-man-eigentlich-ins-Netz-stellen-Brille”. Aber nicht immer passten diese Erlebnisse und Gedanken zum eigentlichen formschub-Thema „Kreativität und Design”. Deshalb nun dieser separate Bereich. Mit einem eigenen Leitthema, das Klammer und Antrieb für die (meisten) hier erscheinenden Einträge sein soll – meine Leidenschaft für Essen, Trinken und Kochen. Denn das ist a) nicht nur ein schönes und inspirierendes Thema, sondern b) auch noch täglich aktuell. Tjaha! Und da ich im Zweifelsfall meist neugierig bin und gerne neue Gerichte, Produkte, Lebensmittel, Rezepte, Getränke und Restaurants ausprobiere, erhoffe ich mir davon genug „Fleisch” zum regelmäßigen Füttern dieses Blogs. Denn eins soll es nicht: mangels Input verhungern.
Und jetzt gib mir doch mal ein Stück von der Qualle.