Proktologie to go

Die assoziative Aura dieses in seinem Informationsgehalt ebenso schlichten wie rätselhaften Schildes wird durch die darauf abgebildeten Eiswaffelhörnchen nachhaltig erweitert.

Analkiosk
(Gesehen in Gilleleje, Dänemark)

Doof sein. Glück haben. (Nachtrag)

Sich mit viertelvollem Tank auf den Weg von Hamburg nach Hannover aufmachen. Denken »Tankstellen gibt’s ja an der Autobahn alle paar Kilometer«. Beim vorletzten Balken der Füllstandsanzeige noch eine Tankstelle links liegen lassen, weil sie etwas umständlich erreichbar abseits der Autobahn auf einem Autohof liegt. Sich wundern, dass die Tankanzeige dann doch so plötzlich auf ‘Reserve’ wechselt. Die Autobahn bei der nächsten Ausfahrt verlassen in der Annahme, dass jede beschilderungswürdige Siedlung eine Tankstelle beherbergt. Nach weiteren 2 km im schweigenden Dunkel der wohnhausgesäumten Dorfstraßen feststellen, dass dies augenscheinlich ein Trugschluss war. Nacheinander an den Wegweisern sämtlicher Ortsausgänge erkennen, dass frühestens nach weiteren 12 km Fahrstrecke ein gewerblicher Kraftstoffverkauf zu erwarten ist. Sich im roten Licht der Tankwarnleuchte der eigenen Doofheit bewusst werden. Synonyme für ‘Provinz’ murmelnd (Pampa, Wüstenei, Ödnis, Diaspora, Wallachei, Jottwehdeh) nach praktikablen Alternativen suchen. An einer winzigen Gaststätte beschließen, sich vor Betreibern und/oder Gästen mit der Frage nach einem Reservekanister zu blamieren. Bei der Wirtin beginnen. Daraufhin von ihr mit schnellem Griff aus der Abstellkammer hinter der bratdunstigen Brutzelküche einen randvollen Fünfliterkanister Super bleifrei überreicht bekommen. Verdutzt den genannten (okayen) Preis zahlen und auf dem Parkplatz den kostbaren Inhalt mit gierigem Gluckern in das dürstende Gefährt kippen. Wieder auf die Autobahn fahren und das Wiedereinfädeln aufatmend als Rückkehr in die Zivilisation empfinden. Lächerliche 5 km nach der Wiederauffahrt vom Neonleuchten einer großen Tankraststätte verhöhnt werden. Heiser auflachen, abfahren und den Tank bis zum Anschlag wieder auffüllen.

Tankanzeige

An ocean of emotion. Live.

Weil ich heute nach der Tagesschau aus Unkenntnis über den weiteren Programmverlauf nicht schnell genug aus dem Ersten wegzappte, landete ich ahnungslos in der großen Anti-Leukämie-Charity-Show »José Carreras Gala 2006«. Vorab sei gesagt: Wohlwollen und Zuspruch, und je nach Finanz- und Sachlage auch gern eine Spende, bin ich jeder seriösen Initiative zur Minderung von Elend, Krankheit und Not bereit, entgegenzubringen. Doch die klebrig-süße Kitschtsunami, die bereits mit den ersten Takten des begleitenden Bühnenzaubers mein Wohnzimmer flutete, ertränkte augenblicklich jegliche altruistische Regung.

Im Zentrum des wohltätigen Entertainmentstrudels: gnadenlos off-synchrones Vollplayback angesagter bis betagter Showgrößen. Begleitende Havarie auf der Nebenbühne: Gruppenausdruckstanz in Paillettencatsuits. Untermalt waren die musikalischen Episoden des Spektakels wechselnd mit kalkuliert aufwallendem Orchestergetöse oder uninspirierten Benefizpopmelodien, die dem Wort »Mit-Leid« für mich als Zuschauer einen ganz neuen Sinngehalt gaben. Ach ja, Liedtexte gab es auch noch. Assoziationen herzchenverzierter Poesiealbumseiten mit Glitzer-Lackbildchen zogen angesichts der geballten Aufmunterungs- und Betroffenheitslyrik an meinem geistigen Auge vorbei.

Sorry, Leute, aber ihr müsst jetzt ganz doll tapfer sein: für mich ist das Plastikrührung, synthetischer Gefühlskleister, primetimetauglich grellbunt garniert und weit abseits von Authentizität und echter Anteilnahme. Immerhin – wenigstens die eingespielten Filmbeiträge brachten es hinreichend ungesüßt fertig, zu vermitteln, wie grausam Leukämie für jeden einzelnen Betroffenen ist.
Aber Fernsehen manchmal auch.

Wer ist schon morgens schön?

Meiner Vorliebe für abseitige Komik folgend, besuchte ich gestern in Begleitung eines Freundes die Lesung Performance Show Revue Aufführung Bühnendarbietung von Heinz Strunk im Hamburger Zeise Kino.
Das künstlerische Schaffen Heinz Strunks, Gründungsmitglied der Telefonanarchistentruppe »Studio Braun« und Createur von Vivas »Fleischmann TV«, ist ebenso facettenreich wie schwer fassbar. Die bislang erfolgreichste Frucht, die in seinem kreativen Garten gedieh, ist der mehr oder weniger autobiographisch durchwachsene Roman »Fleisch ist mein Gemüse«. Mit schorfiger Komik wird die ebenso perspektiv- wie gnadenlose Agonie einer Pubertät in der Provinz protokolliert. Alles aus der Sicht von Heinzer, dem Protagonisten und jüngsten Mitglied der Tanzband »Tiffanys«, die mit einem maximal massenkompatiblen Partymusik-Repertoire auf Schützenfesten, Hochzeiten, Vereinsjubiläen etc. das trinkfeste Landvolk in den nötigen Stimmungsorbit katapultiert. Seine aus einer schweren Akne resultierende Beziehungslosigkeit verdammt Heinzer zu einem permanenten Samenstau, den er durch regelmäßiges »Abmelken« im Zaum zu halten versucht. Ein sehr spezieller Humor also, der in diversen Beiträgen auch das gestrige Bühnenprogramm durchzog – insbesondere den zweiten Teil des Abends mit Auszügen aus der Hörspiel-CD »Trittschall im Kriechkeller – aus dem Leben des Jürgen Dose«.

Geschliffen in der harten Schule der erwähnten Tingelcombo, beherrscht Strunk zudem gekonnt diverse Instrumente. Mehrfach bot er diese Facette seines Könnens in Form eingeschobener, obskur-ohrwurmiger Popminiaturen dar – mit schrägem Eighties-Groove (»Hotel«), holprigen Volksmusik-Akkorden (»Schäferstündchen«) oder als triebhafte HipHop-Persiflage (»Erwachende Leiber«), textlich wie musikalisch irgendwo zwischen Andreas Dorau, Trio, DJ Ötzi und Helge Schneider und mindestens ebenso bizarr wie seine literarischen Ergüsse.

Die Verwandtschaft zu Helge Schneider wird auch in Strunks kuriosen Kurzhörspielen offenbar, die einen weiteren Teil der Abendgestaltung darstellten. Im Dialog mit der eigenen, per Playback zugespielten Stimme inszeniert Strunk grotesk-surreale Gesprächsszenen, die in wenigen Momenten den ganzen Kosmos seines delirierenden Humors verdichten.

Das Beste aber waren die Moderationen, mit denen Heinz Strunk die wild flatternden Stränge seiner Ein-Mann-Performance zu einem großen Ganzen zusammenzuspinnen vermochte. Zu gerne hätte ich seine ebenso gewollt wie gekonnt geschnitzten Verbalintarsien in den Ansagen und Kommentaren mitgeschnitten, um hier wenigstens noch einiges mehr als nur die Überschrift dieses Blogbeitrags zitieren zu können, aber es zieht einfach alles viel zu schnell vorbei, um es sich nach dem Lachen auch noch merken zu können.

So bleibt nur das Fazit: Das von Wurmlöchern aller Dimensionen des Humors perforierte, seltsame Universum des Heinz Strunk muss selbst durchfliegen, wer es kennenlernen will. Mich selbst hat die auf schlingerndem Kurs dahinstotternde Reise im Raumschiff seines gemütlich-gnadenlosen Bühnenprogramms auf dessen bisweilen leicht klebrigen, aufgeplatzten Kunstledersitzen jedenfalls sehr amüsiert.