Beer outside the Box

Bei Getränken bin ich recht genügsam. Wasser gegen den Durst. Kaffee am Morgen, die eine oder andere Tasse tagsüber, manchmal eine zum Abendausklang. Gelegentlich Tee. »Softdrinks« nur ohne Zucker, lieber Grapefruit- oder zur Not Apfelschorle. Wein – lieber roten als weißen. Und Bier.

»Genügsam« heißt allerdings nicht »anspruchslos«. Es sind gerade diese einfachen Getränke, hinter denen sich eine schier unüberschaubare Vielfalt an Provenienzen, Sorten, Mischungen und Rezepturen verbirgt. Kalkiges Wasser, säuerliches, seifiges, metallisches. Kaffeesorten, Röstungen, Mahlgrade, Brühverfahren. Teesorten, Fermentationen, Pflückungen, Blends. Rebsorten, Böden, Jahrgänge, Cuvées. Biersorten, Hopfenpflanzen, Malzanteile, Getreide. Mir macht es großen Spaß, das alles zu schmecken, zu ergründen und zu bewerten.

Die Bierregale in Deutschland allerdings sind für mich größtenteils ein Grauen. Es gibt wenige Supermärkte, in denen über die anderthalb Dutzend geschmacklich rundgelutschter Standardbiere hinaus interessante Sorten oder Marken zu finden sind; meist muss man dafür schon (ausgewählte) Getränkemärkte aufsuchen. Und selbst, wenn man in speziellen »Bierparadiesen« endlich was Besonderes findet, sind bestenfalls die einheimischen Biere noch halbwegs bezahlbar. Bei Importbieren kostet die Flasche locker mal eben drei bis fünf Euro. Ich prangere das an.

Dass es auch anders geht, habe ich in Dänemark erfahren. Die Dänen scheinen nicht nur einen ausgesprochen guten Geschmack für exzellente Biere zu haben, sie brauen auch selbst hervorragende Sorten und bieten in jedem größeren Supermarkt ein Sortiment an nationalen und internationalen Bieren zu bezahlbaren Preisen an (1,50 bis 2,00 Euro pro Flasche) – aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Belgien oder Großbritannien. Warum das in einem so vergleichsweise dünn besiedelten Land mit seiner viel ländlicheren Infrastruktur geht und bei uns nicht, ist mir ein Rätsel.

Beim Einkauf in einem dieser Supermärkte während des jüngsten Jahreswechselurlaubs stieß ich nun auf eine junge schottische (!) Biermarke, deren Produkte mich absolut überzeugten. Die frech benannten und gelabelten Biere – sie heißen »Trashy Blonde«, »Hello My Name is Ingrid«, »Sink the Bismarck« oder »There Is No Santa« – werden von der Brauerei BrewDog in Fraserburgh, 65 km nördlich von Aberdeen an der Ostküste Schottlands, ausschließlich aus feinsten natürlichen Zutaten und ohne künstliche Zusätze gebraut. Als die beiden Gründer, James Watt und Martin Dickie, 2006 ihr Bier-Startup aus der Taufe hoben, waren sie beide gerade 24 und hatten die Nase voll von dem Trend zu immer weichgespülteren, langweiligen, minderwertigen oder mit Süßstoff, Zucker und Aromastoffen versetzten Industriebieren. Im April 2007 verließen die ersten selbstbefüllten Flaschen die Fabrik der beiden Braupioniere. Und was sie da fabrizieren, schmeckt absolut fantastisch. Ich habe aus Dänemark einen kompletten Kasten, fast ausschließlich mit meinem derzeitigen Lieblingsbier »Punk IPA«, importiert.

Auf den Etiketten verkündet BrewDog den eigenen Anspruch und die damit verbundene Mission – provokant und selbstbewusst:

You probably don’t know about beer.
You don’t understand beer. You don’t know what good beer is or how truly pathetic mass-market beers are. This is condemningly ironic considering how much beer we drink in the UK.
Would you apply the same lack of care, knowledge and passion in other areas of your life?
What does this say about you?
Maybe you want to define yourself with bland, tasteless lowest common denominator beer.
We won’t have any part of it.
It’s not all your fault. Constrained by lack of choice. Seduced by the monolithic brewers huge advertising budgets. Brain-washed by vindictive lies perpetrated with the veracity of pseudo-propaganda. You can’t help being sucked down the rabbit hole.
At BrewDog we are on a mission to open as many people’s eyes as possible.
The UK beer scene is sick.
And we are the doctor.

(Etikettentext »Trashy Blonde«)

This is not a lowest common denominator beer.
This is an aggressive beer.
We don’t care if you don’t like it.
We do not merely aspire to the proclaimed heady heights of conformity through neutrality and blandness.
It is quite doubtful that you have the taste or sophistication to appreciate the depth, character and quality of this premium craft brewed beer.
You probably don’t even care that this rebellious little beer contains no preservatives or additives and uses only the finest fresh natural ingredients.
Just go back to drinking your mass marketed, bland, cheaply made watered down lager and close the door behind you.

(Etikettentext »Punk IPA«)

Ich unterschreibe das.

(Bezugsquellenangaben für die Großräume Hamburg und Berlin in den Kommentaren sind mehr als willkommen. Mein Vorrat wird nicht lange reichen …)

BrewDog_Box
Foto: © formschub

Für F̷Weinschmecker

Da sag noch einer, Sonntag morgens faul im Bett liegen und ins Internet gucken sei Zeitverschwendung. Denn ohne diese Matratzenexkursion wäre mir am vergangenen Sonntag eine höchst begrüßenswerte Schlemmerveranstaltung völlig entgangen:
Als Teil der Eventserie Besonders-Hamburg lud die Veranstalterin Johanna Pröbstl zum »Besonderslecker«-Markt in eine Halle auf dem Gelände des Museums für Arbeit ein. Hier präsentierten von 11:00 bis 19:00 Uhr rund drei Dutzend in Hamburg beheimatete Läden, Manufakturen und Unternehmer ihr Angebot rund um Küche, Kochen, Trinken und Essen. Die 4,– Euro Eintritt waren ein fairer Preis für den Einlass zu der kleinen, aber feinen Foodschau, zumal darin ein Gratisexemplar eines von mehreren ausliegenden Wohn- oder Kochmagazinen enthalten war.

Nach zwei gemächlichen Rundgängen durch die Location (einer zum Gucken und Probieren, einer zum Kaufen) waren unsere Taschen gut mit einer erlesenen Ausbeute gefüllt: Feine Karamell- und Schoko-Brotaufstriche und Tafelschokoladen von Schokovida und Kakao Kontor Hamburg, ein Williams-Christ Birnenbrand von Vergiss Berlin, ein Glas Zucchini-Chutney von »Muttis Streichobst« und je eins mit Rote-Bete-, Wildkräuter- und Kürbis-Pesto von biowerk Feinkost und »Die Feinen Wilden«. Lecker!

Eine der für mich interessantesten Ideen kam von der Gewürzmanufaktur 1001 Gewürze: ein Sortiment aus zehn fein durchkomponierten Gewürzmischungen, welche die Aromen bestimmter Weine »ergänzen und zitieren«. In Kooperation mit dem Hamburger Weinhändler Rindchen’s Weinkontor entstanden spezielle Aroma-Gewürzcuvées für Rot- und Weißweine: Cabernet-Sauvignon, Merlot, Pinot Noir, Shiraz (die »Roten«) und Chardonnay, Sauvignon Blanc, Riesling (die »Weißen«). Schon das Öffnen und Riechen der Weißblechdöschen bereitet Genuss – die gelungenen Assoziationen an die Weinaromen mischen sich mit spontanen Rezept- und Zutatenideen für Wild, Rotkohl, Salatdressings, Schmorgerichte, Gemüse, Risotti … wobei die runden Kompositionen ihre Tiefe auch ungewöhnlichen Ingredienzen wie Kakaobohnensplittern, Sumach, Paradieskörnern, Schwarzen Johannisbeeren, Akaziensamen oder Langpfeffer verdanken. Sehr inspirierend!

Lobenswert auch, dass diese schöne Veranstaltung mal abseits der »angesagten« Viertel wie Eppendorf, Ottensen oder Altona im vielfach unterschätzten Barmbek stattfand. Und das sage ich nicht nur, weil ich da um die Ecke wohne. Am 25. März 2012 findet sie zum nächsten Mal statt – am besten jetzt schon mal im Schlemmerkalender notieren.

Hier noch ein Link: Besonderslecker bei Facebook.

Weingewuerz
Foto: © formschub

Cowsourcing

Aus der Reihe »Twitterer fragen, Follower antworten«, heute: In Hamburg auf der Suche nach dem perfekten Rindersteak. Gerne Bio, vorzugsweise regional – so rief ich in meine Timeline hinein. Geantwortet haben @ottoerich, @frolleinanna, @meta_morfoss, @maekuz und @Sciarazz (mit einem nachgereichten zweiten Tipp).

Getestet habe ich nach dem Besuch aller verfügbaren Websites – aus dem Bauch heraus (hihi) – zunächst die Filiale der 1836 gegründeten Fleischerei Beisser am Klosterstern. Unten meine Beute: eins von zwei »dry aged Club Steaks« vom rotbunten Schleswig-Holsteiner Niederungsrind. Ambitioniert bepreist, aber erstens gönne ich mir sowas höchst selten und zweitens kriegt man dafür auch exzellente Qualität fürs Geld – beim fachmännischen Braten in der schweren schwedischen Gußeisenpfanne mit anschließender Medium-Ofengarung bei 80 °C spritzte nix, trat kaum Saft aus, schrumpfte nix zusammen und anschließend zerging das Fleisch geradezu auf der Zunge. Ein Genuss!

Allen Tippgebern noch einmal herzlichen Dank, ich habe alle Adressen gebookmarkt und setze die Tests bei nächster Gelegenheit fort.

Steak
Foto: © formschub

At least 10 reasons to visit Great Britain (12)

#12 – India Pale Ale. During the last two weeks in Yorkshire and Wales we visited almost a dozen different pubs and tried at least 20 different tap ales. Furthermore, we continuously scoured the beer shelves of the local supermarkets for regional ales and stouts to taste. After all these samples, it was «India Pale Ale« (IPA) from various breweries, e.g. Thornbridge, that tickled my taste buds the most. It’s a beer with a very distinguishing flavour: on the one hand a sweet and flowery, perfume-like taste that reminds of jasmine or lychee, on the other hand a strong, hoppy bitterness, somehow reminiscent of wormwood or herb grapefruit. Delicious!

For the time being, this shall be the last episode of my little blog series about the numerous amenities suggesting a visit to Great Britain. But it’s going to be continued, I’m sure.

P.S. – Falls jemand unter den werten Lesern eine erschwingliche Bezugsquelle für importierte oder hierzulande gebraute India Pale Ales kennt (Online-Shop oder im Raum Hamburg), wäre ich sehr interessiert, davon zu erfahren!

12_Pro_GB_Jaipur_Tap
Photo: © walknbostonSome rights reserved

Genussprotokoll

Wie immer, seit 7 Jahren, zu Pfingsten in Regensburg. Wie immer, seit 7 Jahren, exzellent gegessen. Wie immer, seit 7 Jahren, in denselben Restaurants. Wir sind sooo langweilig. Gut, dass es sich nicht so anfühlt.

Freitag 10. Juni | Restaurant »Roter Hahn«

  • Sauerampferschaumsüppchen mit Blinis
  • Spargelcremesuppe
  • Rosa gebratene Entenbrust auf Grapefruit und Frühlingslauch mit Walnussgnocchi
  • Pommersches Rinder-Roastbeef mit Grillgemüse und Süßkartoffelgratin

Samstag. 11. Juni | Restaurant »Gänsbauer«

  • Variation von gebratener Jakobsmuschel und Thunfischtartar mit Tomatenmarmelade
  • Kross gebratenes Zanderfilet mit Kaviarschaum an Salat von Radieschen und Frühlingszwiebeln
  • Mit Erdnussbutter glasiertes Filet vom Ibericoschwein mit Marsalasauce, schwarzen Tagliatelle und Birnenchutney

Sonntag, 12. Juni | Restaurant »Roter Hahn«

  • Rinderfilet auf Tomaten-Brotsalat mit Kerbelschmand
  • Kokos-Curry-Suppe mit frittierter Banane
  • Rehrücken mit Rosmarinjus auf einem Pilz-Schnittlauchschmarrn
  • Eismeer-Lachsforelle mit Ingwer-Ananasrelish auf gebratener Wassermelone mit Koriander-Kartoffelpüree

Montag, 13. Juni | Restaurant »Gänsbauer«

  • Vitello Tonato mit Friseesalat und Balsamico-Vinaigrette
  • »Spezialsalat« mit sautierter Gänseleber und Apfelspalten
  • Rosa gebratene Entenbrust an Orangenglace mit Wokgemüse und Fingernudeln
  • Kalbsvögerl in Calvadosrahmsauce, dazu sautierte Pfifferlinge und Erbsenpüree

Gaensbauer_2011
Foto: © formschub

Kalte Tipps für heiße Tage

Jetzt aber fix, heute ist der letzte Tag, an dem es noch erlaubt ist, bei der Aktion »Genussblogger empfehlen die besten Eisläden Deutschlands und der Welt« von nutriculinary mitzumachen. Und dazu habe ich – IMHO – so dies und jenes beizutragen:

1. Eismanufaktur Vanille & Marille, Berlin | 10 von 10 Punkten
Wieder mal war Twitter »schuld« an einer famosen kulinarischen Entdeckung. Es war @HilliKnixibix, die am 21. April 2011 ihre Follower anrief: »Wo gibt’s in Berlin denn das leckerste Eis?«. Eine Frage, die mich als regelmäßigen Berlinpendler sofort aufhorchen ließ. Aufmerksam verfolgte ich die Replies – und wurde von @EdibleSnail bald auf eine heiße kalte Fährte gesetzt: »In der Vanille & Marille Eismanufaktur, Hagelberger Straße 1, xberg! allerleckerstes eis ever und allerbeste sorten …!«

Beim nächsten Besuch in Berlin, die Sonne schien zwar noch zwischen Wolken hindurch, aber sie schien, machten wir uns zu zweit auf in die Hagelberger Straße. Schon von weiten markierte eine etwa 8 Meter lange Schlange qualitätsbewusster Eisfans unübersehbar die Adresse. So konnten wir die Zeit des Anstehens nutzen, um die Liste der tagesaktuellen Sorten zu studieren. Unter drei Kugeln, so befanden wir, lohne sich das Anstehen nicht – und so ließ ich mir den Becher mit Café Noir (Schokolade mit Kaffee und Sherry), Sesam mit karamellisiertem Honig und Zitrone-Zimt befüllen, mein Begleiter wählte Caramel Beurre salé, Marille aus der Wachau und ebenfalls Café Noir.

Auf den Parkplatzpollern gegenüber ließ es sich trefflich sitzen und schlecken und die Bewertung ergab Höchstnoten in allen Bereichen: üppige Kugelgröße, gemessen an Qualität und Zutaten ein angemessener Preis (1 EUR/Kugel), feine Cremigkeit ohne Kristallbildung, nicht zu süß und nicht zu sahnig, unglaublich feine und intensive Aromen und – tolle Geschmackskombinationen. Besonders angetan war ich von der ungewöhnlichen Paarung Zitrone-Zimt. Ein Sommeraroma trifft ein Wintergewürz, skeptisches Anlecken, dann jahreszeitenübergreifende Begeisterung. Für mich derzeit eine der besten Eisdielen ever. Und das hier gibt noch einen Pluspunkt dazu.

2. Svaneke Ismejeri & Café, Svaneke, Bornholm (Dänemark) | 9 von 10 Punkten
Die wundervolle dänische Insel Bornholm zählt seit 2008 zu meinen Lieblingsurlaubsorten. Neben der äußerst angenehmen Abwesenheit jeglichen neureich-penetranten Schnöseltums, wie ihm etwa auf Sylt kaum aus dem Weg zu gehen ist, weist das Eiland noch eine Vielzahl weiterer Vorzüge auf: eine überschaubare Größe, die trotzdem nie Langeweile oder Gewöhnung aufkommen lässt, unglaublich abwechslungsreiche Landschaften, traumhafte Ferienunterkünfte, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, angenehmes Klima und eine hervorragende lokale Genusskultur mit zahllosen delikaten Inselerzeugnissen: Fleisch, Gemüse, Öle, Senf, Bier, Spirituosen, Marmelade, Lakritze, Karamell, Schokoladen und – Eis.

In dem kleinen Hafenort Svaneke an der Ostseite der Insel ist nicht nur eine Brauerei ansässig, die mit ihren köstlichen Bieren den Gaumen erfreut, sondern auch ein feines, erstklassiges Eiscafé, in dem Vibeke Bengtson und Jonas Bohn jeden Tag frisches Eis aus lokalen Rohstoffen produzieren. Sahne und Milch von Jerseykühen, die auf den Inselweiden grasen und feiner Honig aus Ibsker bilden den Grundstoff für die leckeren Milcheissorten, die dann mit Schokolade, Vanille, Bier (!), Lakritze, Mandeln oder einem Hauch von Blauschimmelkäse (!!) aromatisiert werden. Im Fruchteissortiment locken z.B. Sanddorn, Erdbeere, Himbeere, Rhabarber, Apfel.

In der selbstgebackenen Waffel oder dem Becher gereicht, kann man sodann auf dem idyllischen Hof vor dem Café oder im rückwärtigen, gemütlichen Garten die cremige Handwerkskunst der beiden Eiskonditoren verzehren. Ein Grund unter vielen, einmal Bornholm zu besuchen.

3. Gelateria und Pizzeria Cuffaro, Berlin | 8 von 10 Punkten
In Sichtweite zu dem – ebenfalls sehr zu empfehlenden – Wochenmarkt Kollwitzplatz befindet sich dieses unscheinbare kleine Eiscafé (ohne eigene Website) in der Kollwitzstraße 66 in Berlin Prenzlauer Berg. Die angebotenen Leckereien sind am besten »to go« zu verzehren, denn Innensitzplätze gibt es nur eine Handvoll und auch vor dem schmalen Bedientresen stehen im Sommer nur vier kleine Klapptische, an denen man seine Pizza oder sein Eis anders als im Stehen verzehren könnte.

Nichtsdestotrotz beherbergt die Auslage ein rundes Dutzend äußerst schmackhafter Eissorten, die sich allesamt zum Probieren empfehlen. Das Sortiment in den stählernen Containern verzichtet auf Extravaganz und Aromaexperimente – Mango, Cookies und Zimt sind hier schon das Höchste der Gefühle –, aber Geschmack, Konsistenz, Süße und Cremigkeit sind hervorragend und die Preise berlinerisch bodenständig (80 Cent/Kugel). Was will man mehr?

4. Gelateria Venezia, Regensburg | 8 von 10 Punkten
Und noch eine Urlaubsentdeckung, wenn auch diesmal innerhalb des Landes. Aus kulturellen Gründen besuche ich seit einigen Jahren die schöne Domstadt Regensburg, und zwar alljährlich zu Pfingsten. Dann lockt das Musikfestival Tage Alter Musik hunderte Klassikfreunde an die Donau, wo bei meist schönem Feiertagswetter sowohl hochklassige Konzerte als auch die famose örtliche Gastronomie die Hauptanziehungspunkte touristischer Besucher darstellen. In den Konzertpausen bieten die verzweigten Wege und Gässchen der historischen Regensburger Innenstadt vielfältige Möglichkeiten zum Bummeln, Shoppen und Genießen.

Der Drang zu Letzterem führte mich und meine Begleitung im Jahre 2000 erstmals in die Glockengasse 1 zur dort am Rande des Haidplatzes gelegenen Gelateria Venezia, die mit ihrer reichhaltigen Auslage vorbeiflanierenden eisaffinen Passanten das Wasser in den Mund treibt. Für die konservativen Genießer sind alle eisdielentypische Sorten vertreten, Freunde der gemäßigten Avantgarde können ihre Waffel mit Kompositionen wie »Bianco e Nero« (Sahneeis mit Schokoladencreme meliert), geröstete Mandel oder Erdbeer-Joghurt aufpeppen. Und wer vom Eis dann Durst bekommen hat, findet in Regensburg genug zünftige Biergärten, um auch diesen auf genussvolle Art wieder zu löschen. Aber das sind dann wieder andere Empfehlungen.

5. Eiscafé Il Gelato, Hamburg | 7 von 10 Punkten
Auch in meiner Wohn- und Arbeitsstadt überkommt mich manchmal die Lust auf ein gepflegtes Speiseeis. Bei der Durchfahrt mit dem Fahrrad entdeckte ich in der Dorotheenstraße 182 im Stadtteil Winterhude dieses außergewöhnlich sortenreiche Hamburger Eiscafé. Etwa 30 Sorten befinden sich ständig im Verkauf, vom fruchtigen Grapefruitsorbet über sahniges, mit großen dunklen Schokobrocken gespicktes Straciatella (m.E. die »Visitenkarte« eines guten Gelatiere) bis hin zu außergewöhnlichen Sorten wie Zeder (zitronig-tannennadelartiges Aroma), Maroni (Esskastanie), Erdnuss, Ingwer (ebenfalls mit Dunkelschokoladensplittern), Pflaume oder Marzipan.

Jede bisher probierte Sorte konnte mich (und andere) bisher überzeugen, die Aromen schmecken so, wie sie heißen (das ist nicht immer so, versucht mal, mit geschlossenen Augen eine unbekannte Sorte zu erraten!), das Eis ist gleichfalls nicht zu süß und mit 1 EUR pro ansehnliche Kugel angemessen kalkuliert. Squisito!

Update 01 – 06.06.2011: Fortuna war mir hold und ich wurde tatsächlich als Gewinner des Eisgutscheins ausgelost, worüber ich mich sehr freue. Natürlich wird der Gutschein bei meinem Favoriten-Eisladen »Vanille & Marille« in Berlin verschleckt werden. Heiß genug ist es ja derzeit.
Am vergangenen Wochenende testeten wir aus der nutriculinary-Liste den für Hamburg gelisteten Tipp »Eisliebe«, Eppendorfer Weg 170 im Stadtteil Hoheluft und können uns der Empfehlung nur anschließen. Aus 12 Sorten konnten wir wählen und entschieden uns für Schokolade, Othello (Kokos mit Schokoladensplittern), Gianduja, Pampelmuse, Crème Brûlée und Mandelkrokant. Ich vergebe 7,5 von 10 Punkten – und war dort bestimmt nicht zum letzten Mal!

Update 02 – 27.09.2011: Obwohl der Sommer kein richtiger Sommer war (ungeachtet der abweichenden Meinung von Statistikern und Meteorologen), so gab es doch reichlich Gelegenheiten zum Eisessen. Und so möchte ich für die goldenen Herbsttage mit Schleckeignung noch einen Neuzugang für Hamburg vermelden: Delzepich Eis in Hamburg-Winterhude, benannt nach einem früheren lokalen Milchhändler. Täglich werden hier während der Saison aus frischer Landmilch vom Bauern Kruse und natürlichen Zutaten etwa ein halbes Dutzend Sorten leckeres, sahnefreies Eis gekocht. Ich habe probiert und kann Delzepichs Slogan nur zustimmen: »Pures Glück« – 8 von 10 Punkten.

Svaneke_Ismejeri
Foto: © formschub

London Delights

Für ein paar Tage durfte ich es mal wieder tun – einen privaten Kurztrip (in geschätzter Begleitung) in die britische Hauptstadt unternehmen. Das Wetter dort war trüb und kalt, aber trocken, so dass meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Erkunden der Stadt per pedes und Tube, nichts im Wege stand. Eigentlich war ich willens, ein wenig zu shoppen, doch zur Form- und Farbgebung der aktuellen Herrenoberbekleidung und Schuhmode im Angebot der aufgesuchten Geschäfte fand ich diesmal keinen rechten Zugang (teils auch nicht zur Preisgestaltung, aber das kennt man ja von London). Zudem bot das graue Wetter wenig fotogenes Licht für schöne Schnappschüsse, weshalb auch das Fotografieren nahezu unterblieb.

Fündig wurden meine Konsumsensoren in der Haushaltswarenabteilung des legendären Warenhauses Harrods, wo ich für meine ganz in grün ausgestattete Küche einen farblich passenden Zwiebelhacker der Firma Zeal und einen patenten Wechselsparschäler von Joseph Joseph erstand. Kochwerkzeug, und noch dazu so schönes, kann ich eigentlich immer gebrauchen.

A propos Küche: Essen und Trinken mussten wir natürlich auch auf unserer Reise. Von vergangenen Aufenthalten in London gab es zwar noch genug »Stammlokale« (z.B. Browns), die wir auch diesmal wieder hochzufrieden besuchten, aber auch ein paar neue Adressen beeindruckten uns nachhaltig:

Die mit drei Niederlassungen in der Stadt vertretene Pub-Kette The Draft House, die sich der Vielfalt globaler Bierkultur verschrieben hat und in einem sehr geschmackvollen Ambiente je Filiale etwa 20 Fassbiere und 30 Flaschenbiere aus aller Welt ausschenkt (wir besuchten diejenige am südlichen Ende der Tower Bridge). Für Bierfreunde auf jeden Fall ein lohnenswerter Ort!

Die zweite Entdeckung war das karibische Restaurant Mango Room, nicht ganz so zentral, aber dafür nur wenige Meter entfernt von der Tube-Station Camden Town gelegen und somit bequem mit der schwarzen Northern Line erreichbar. Und wieder einmal wurde das Vorurteil widerlegt, es gäbe in London keine hervorragenden und trotzdem preiswerten Restaurants. In dem nicht zu großen, gemütlich eingerichteten Lokal hat man durch die verglaste Fassade einen schönen Ausblick auf die belebte Kentish Town Road. Der Service war freundlich und hoch aufmerksam und das Essen war delikat – denn wenn ein Fan gebratener Entenbrust nach dem Genuss der Roast Honey and Ginger Duck Breast with Sweet Potato Crisps and Juniper Berries Jus diese zur besten jemals genossenen kürt, dann will das schon was heißen. Ich entschied mich für die Platter of Sea Bass, Grilled Tiger Prawns and Scallops with Papaya Sambale and Fried Cassava und wurde ebenfalls nicht enttäuscht. Besonders angetan war ich von den frittierten dicken Stäbchen Cassava (Maniok), so ganz anders als Pommes Frites: leichter, fluffiger, trotzdem knusprig und ausgesprochen lecker. Wurde sofort auf der To-Nachkoch-Liste vermerkt.

Damit London schließlich nicht gleich wieder kulinarisch verblasst, kamen ins Heimgepäck zum Schluss noch zwei kleine, typisch britische Melton Mowbray Pork Pies zum Aufbacken aus der unvergleichlichen Harrods Food Hall. Soeben, vor dem Verfassen dieses Blogbeitrags habe ich sie genossen – und damit sofort meinen Wunsch wiederbelebt, eine dieser köstlichen Pasteten einmal selbst zuzubereiten. Schon beim letzten London-Besuch hatte ich mir zu diesem Zweck ein opulentes Kochbuch gekauft, aus dem ersichtlich wurde, dass man sich für die Zubereitung entweder einen Tag Urlaub nehmen oder ein halbes Wochenende aufbringen muss – auch wenn das unten eingebundene, sehr anschauliche Video den Herstellungsprozess in nur 10 Minuten zu zeigen vermag. Das ist wahres Slow Food.
Ach, London, Du schmeckst mir jedes Mal wieder.

Dufter Jefährte

Le_Compagnon_Karte

Etwas Besonderes sollte es sein. Dabei nicht übermäßig kostspielig und in Berlin. Aus Anlass des partnerschaftlichen Jahrestages mit dem Mann hatte ich die schöne Aufgabe, einen gebührenden Restaurantbesuch in der Hauptstadt zu organisieren. Wenn möglich, mal was Neues.

Ich kletterte also ins Internet und recherchierte. Vier Lokale kamen in die engere Auswahl. Das Hugos schied trotz der fantastischen Speisekarte aus, da es meinen finanziellen Rahmen definitiv sprengt. Das Grünfisch, dessen Name nicht auf Anhieb die dort gebotene sizilianische Küche verrät, kam auf die Warteliste für den nächsten adäquaten Anlass, ebenso das Balthazar, dessen Kreationen eine interessante Fusion aus westlicher und asiatischer Küche verheißen. Meine Wahl fiel auf das Le Compagnon, in Ku’dammnähe, doch hinreichend weit um die Ecke in einer kleinen Seitenstraße gelegen. Drei Gründe sprachen dafür: die mundwässernde Karte, die sehr fairen Preise und – ich kann als Grafik-Designer eben nicht aus meiner Haut – das edle und sehr gelungene Logo mit dem goldenen Gabelkrönchen. Den Tisch reservierte ich noch spät abends online und am nächsten Tag wurde mir per telefonischem Rückruf die Reservierung bestätigt.

Am Sonntag vor Nikolaus war es dann soweit. Als wir fröstelnd von der beschneiten Straße aus das Restaurant betraten, wurden wir aufs Freundlichste empfangen, unserer Garderobe entledigt und zu einem schönen Tisch am Fenster geleitet. Der in gelb und warmen Holztönen eingerichtete, indirekt beleuchtete Gastraum bietet vielleicht gerade mal 24 Personen Platz, aber – wie sich zeigen sollte – wäre mehr kaum zu bewerkstelligen, denn mehr Gäste könnten kaum so aufmerksam und persönlich bedient werden, wie wir es erfahren durften.

Am Nebentisch hatten zwei ältere, offenbar gutsituierte Paare mit der Speisenauswahl begonnen und wurden vom Küchenchef und Inhaber Christian Schulze dabei intensiv beraten: Herkunft der Zutaten, Wissenswertes zu den verwendeten Fleisch-, Fisch- und Gemüsesorten, kompetente Weinberatung – unterstützt durch einen eigens hinter dem Tresen hervorgeholten Weinatlas – keine Frage blieb offen. Wir gaben uns hingegen weniger beratungsbedürftig und wählten nach einem eingehenden Blick in die Karte die Fünf-Gänge-Version des aktuellen Dezembermenüs (möglich wären auch 3, 4 oder alle 6 Gänge), wobei es dem Gast obliegt, welche der Gänge er bis zur gewünschen Anzahl kombiniert. Wir verzichteten vorausschauend auf das Dessert und ließen uns statt Wein ein Bayreuther Bio-Weizenbier einschenken.

Vor dem eigentlichen Menü gab es zum Gaumenvorglühe reichlich Bonusspezereien aufs Haus: zunächst ein Körbchen mit dreierlei hausgebackenem Brot – ein Weißbrot, ein dunkleres, mit leicht lebkuchiger Würzung und Foccacciawürfel –, dazu ein Schälchen tiefgrünes Olivenöl, meergesalzene Butter und eine Wildkräuter-Crème-Fraîche. Als erster offizieller Gruß aus der Küche folgte eine kleine Portion lauwarmer Kalbfleischsalat mit Rote Bete, sehr dezent komponiert, ein schöner Start. Doch die Küche grüßte weiter: der nachfolgende Teller Kürbiscremesuppe mit einer Einlage aus Entenfilet und Entenleber ließ erahnen, was mit den »richtigen« Gängen auf uns zukommen sollte: ein Festmahl.

Hier die komplette Menüfolge des Dezembermenüs
inklusive des von uns ausgeschlagenen Desserts:

  • Terrine von Zander und Kaisergranat mit Kürbis-Wasabicrème an Kartoffelmeeresalgensalat
  • Champagnersenfsuppe mit Rehfilet
  • Handgetauchte Jakobsmuschel mit Steckrüben und Weihnachtsgewürzen
  • Seeteufel auf asiatisch mariniertem Rotkohl mit Rucola-Buttersauce
  • Rosa gebratene Brust und confierte Keule von der Challansente mit Hagebuttenjus, dazu getrüffelte Schwarzwurzeln
  • Nougateisparfait mit süßer Rote Bete Mousse und Zwergorangenragout

Ich kann gar nicht auf alle Details dieses herrlichen Menüs eingehen, nur so viel: es war perfekt, wunderschön angerichtet, ohne Chichi zubereitet und absolut delikat. Meine persönlichen Highlights waren die Champagnersenfsuppe und die getrüffelten Schwarzwurzeln in der Beilage des letzten Ganges. Das ist Feinschmeckerküche, die mich gleichermaßen beseelt wie mit Neid erfüllt, dass ich selbst als Hobbykoch derartiges wohl nie zustande bringen werde. Die Rechnung am Ende des Abends war zwar, wie erwartet, nicht ohne, doch umgerechnet belief sich jeder der fünf Gänge auf gerade mal 13 Euro – ein mehr als faires Preis-Leistungs-Verhältnis.

Am Nachbartisch wurde während der dreieinhalb vertafelten Stunden ebenso genussvoll gespeist und getrunken, es wurden 30 Jahre alte Erinnerungsfotos herumgereicht und die Konversation der beiden Paare ließ vermuten, dass sie ihr langjähriges Bekanntschaftsjubiläum feierten. Unweigerlich kam mir Loriots Sketch vom »Kosakenzipfel« in den Sinn, wo ein Treffen aus demselben Anlass in heftigem Streit um das unfair geteilte Dessert endet. Doch heute gab es keinen Zwist, keine Unstimmigkeiten, weder am Nachbartisch noch an dem unsrigen, sondern nur rundherum wohligen Genuss und das gute Gefühl, für diesen Anlass genau die richtige Wahl getroffen zu haben. Das Logo hatte nicht zu viel versprochen.
Weitere Gästerezensionen zum Le Compagnon gibt’s bei Qype.

Le_Compagnon_Snapshot
(Die Bildqualität dieses funzeligen Handyschnappschusses von Gang Nr. 5 repräsentiert ziemlich genau das Gegenteil von dessen famosem Geschmack.)

Fotos: © formschub