Kalte Tipps für heiße Tage

Jetzt aber fix, heute ist der letzte Tag, an dem es noch erlaubt ist, bei der Aktion »Genussblogger empfehlen die besten Eisläden Deutschlands und der Welt« von nutriculinary mitzumachen. Und dazu habe ich – IMHO – so dies und jenes beizutragen:

1. Eismanufaktur Vanille & Marille, Berlin | 10 von 10 Punkten
Wieder mal war Twitter »schuld« an einer famosen kulinarischen Entdeckung. Es war @HilliKnixibix, die am 21. April 2011 ihre Follower anrief: »Wo gibt’s in Berlin denn das leckerste Eis?«. Eine Frage, die mich als regelmäßigen Berlinpendler sofort aufhorchen ließ. Aufmerksam verfolgte ich die Replies – und wurde von @EdibleSnail bald auf eine heiße kalte Fährte gesetzt: »In der Vanille & Marille Eismanufaktur, Hagelberger Straße 1, xberg! allerleckerstes eis ever und allerbeste sorten …!«

Beim nächsten Besuch in Berlin, die Sonne schien zwar noch zwischen Wolken hindurch, aber sie schien, machten wir uns zu zweit auf in die Hagelberger Straße. Schon von weiten markierte eine etwa 8 Meter lange Schlange qualitätsbewusster Eisfans unübersehbar die Adresse. So konnten wir die Zeit des Anstehens nutzen, um die Liste der tagesaktuellen Sorten zu studieren. Unter drei Kugeln, so befanden wir, lohne sich das Anstehen nicht – und so ließ ich mir den Becher mit Café Noir (Schokolade mit Kaffee und Sherry), Sesam mit karamellisiertem Honig und Zitrone-Zimt befüllen, mein Begleiter wählte Caramel Beurre salé, Marille aus der Wachau und ebenfalls Café Noir.

Auf den Parkplatzpollern gegenüber ließ es sich trefflich sitzen und schlecken und die Bewertung ergab Höchstnoten in allen Bereichen: üppige Kugelgröße, gemessen an Qualität und Zutaten ein angemessener Preis (1 EUR/Kugel), feine Cremigkeit ohne Kristallbildung, nicht zu süß und nicht zu sahnig, unglaublich feine und intensive Aromen und – tolle Geschmackskombinationen. Besonders angetan war ich von der ungewöhnlichen Paarung Zitrone-Zimt. Ein Sommeraroma trifft ein Wintergewürz, skeptisches Anlecken, dann jahreszeitenübergreifende Begeisterung. Für mich derzeit eine der besten Eisdielen ever. Und das hier gibt noch einen Pluspunkt dazu.

2. Svaneke Ismejeri & Café, Svaneke, Bornholm (Dänemark) | 9 von 10 Punkten
Die wundervolle dänische Insel Bornholm zählt seit 2008 zu meinen Lieblingsurlaubsorten. Neben der äußerst angenehmen Abwesenheit jeglichen neureich-penetranten Schnöseltums, wie ihm etwa auf Sylt kaum aus dem Weg zu gehen ist, weist das Eiland noch eine Vielzahl weiterer Vorzüge auf: eine überschaubare Größe, die trotzdem nie Langeweile oder Gewöhnung aufkommen lässt, unglaublich abwechslungsreiche Landschaften, traumhafte Ferienunterkünfte, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, angenehmes Klima und eine hervorragende lokale Genusskultur mit zahllosen delikaten Inselerzeugnissen: Fleisch, Gemüse, Öle, Senf, Bier, Spirituosen, Marmelade, Lakritze, Karamell, Schokoladen und – Eis.

In dem kleinen Hafenort Svaneke an der Ostseite der Insel ist nicht nur eine Brauerei ansässig, die mit ihren köstlichen Bieren den Gaumen erfreut, sondern auch ein feines, erstklassiges Eiscafé, in dem Vibeke Bengtson und Jonas Bohn jeden Tag frisches Eis aus lokalen Rohstoffen produzieren. Sahne und Milch von Jerseykühen, die auf den Inselweiden grasen und feiner Honig aus Ibsker bilden den Grundstoff für die leckeren Milcheissorten, die dann mit Schokolade, Vanille, Bier (!), Lakritze, Mandeln oder einem Hauch von Blauschimmelkäse (!!) aromatisiert werden. Im Fruchteissortiment locken z.B. Sanddorn, Erdbeere, Himbeere, Rhabarber, Apfel.

In der selbstgebackenen Waffel oder dem Becher gereicht, kann man sodann auf dem idyllischen Hof vor dem Café oder im rückwärtigen, gemütlichen Garten die cremige Handwerkskunst der beiden Eiskonditoren verzehren. Ein Grund unter vielen, einmal Bornholm zu besuchen.

3. Gelateria und Pizzeria Cuffaro, Berlin | 8 von 10 Punkten
In Sichtweite zu dem – ebenfalls sehr zu empfehlenden – Wochenmarkt Kollwitzplatz befindet sich dieses unscheinbare kleine Eiscafé (ohne eigene Website) in der Kollwitzstraße 66 in Berlin Prenzlauer Berg. Die angebotenen Leckereien sind am besten »to go« zu verzehren, denn Innensitzplätze gibt es nur eine Handvoll und auch vor dem schmalen Bedientresen stehen im Sommer nur vier kleine Klapptische, an denen man seine Pizza oder sein Eis anders als im Stehen verzehren könnte.

Nichtsdestotrotz beherbergt die Auslage ein rundes Dutzend äußerst schmackhafter Eissorten, die sich allesamt zum Probieren empfehlen. Das Sortiment in den stählernen Containern verzichtet auf Extravaganz und Aromaexperimente – Mango, Cookies und Zimt sind hier schon das Höchste der Gefühle –, aber Geschmack, Konsistenz, Süße und Cremigkeit sind hervorragend und die Preise berlinerisch bodenständig (80 Cent/Kugel). Was will man mehr?

4. Gelateria Venezia, Regensburg | 8 von 10 Punkten
Und noch eine Urlaubsentdeckung, wenn auch diesmal innerhalb des Landes. Aus kulturellen Gründen besuche ich seit einigen Jahren die schöne Domstadt Regensburg, und zwar alljährlich zu Pfingsten. Dann lockt das Musikfestival Tage Alter Musik hunderte Klassikfreunde an die Donau, wo bei meist schönem Feiertagswetter sowohl hochklassige Konzerte als auch die famose örtliche Gastronomie die Hauptanziehungspunkte touristischer Besucher darstellen. In den Konzertpausen bieten die verzweigten Wege und Gässchen der historischen Regensburger Innenstadt vielfältige Möglichkeiten zum Bummeln, Shoppen und Genießen.

Der Drang zu Letzterem führte mich und meine Begleitung im Jahre 2000 erstmals in die Glockengasse 1 zur dort am Rande des Haidplatzes gelegenen Gelateria Venezia, die mit ihrer reichhaltigen Auslage vorbeiflanierenden eisaffinen Passanten das Wasser in den Mund treibt. Für die konservativen Genießer sind alle eisdielentypische Sorten vertreten, Freunde der gemäßigten Avantgarde können ihre Waffel mit Kompositionen wie »Bianco e Nero« (Sahneeis mit Schokoladencreme meliert), geröstete Mandel oder Erdbeer-Joghurt aufpeppen. Und wer vom Eis dann Durst bekommen hat, findet in Regensburg genug zünftige Biergärten, um auch diesen auf genussvolle Art wieder zu löschen. Aber das sind dann wieder andere Empfehlungen.

5. Eiscafé Il Gelato, Hamburg | 7 von 10 Punkten
Auch in meiner Wohn- und Arbeitsstadt überkommt mich manchmal die Lust auf ein gepflegtes Speiseeis. Bei der Durchfahrt mit dem Fahrrad entdeckte ich in der Dorotheenstraße 182 im Stadtteil Winterhude dieses außergewöhnlich sortenreiche Hamburger Eiscafé. Etwa 30 Sorten befinden sich ständig im Verkauf, vom fruchtigen Grapefruitsorbet über sahniges, mit großen dunklen Schokobrocken gespicktes Straciatella (m.E. die »Visitenkarte« eines guten Gelatiere) bis hin zu außergewöhnlichen Sorten wie Zeder (zitronig-tannennadelartiges Aroma), Maroni (Esskastanie), Erdnuss, Ingwer (ebenfalls mit Dunkelschokoladensplittern), Pflaume oder Marzipan.

Jede bisher probierte Sorte konnte mich (und andere) bisher überzeugen, die Aromen schmecken so, wie sie heißen (das ist nicht immer so, versucht mal, mit geschlossenen Augen eine unbekannte Sorte zu erraten!), das Eis ist gleichfalls nicht zu süß und mit 1 EUR pro ansehnliche Kugel angemessen kalkuliert. Squisito!

Update 01 – 06.06.2011: Fortuna war mir hold und ich wurde tatsächlich als Gewinner des Eisgutscheins ausgelost, worüber ich mich sehr freue. Natürlich wird der Gutschein bei meinem Favoriten-Eisladen »Vanille & Marille« in Berlin verschleckt werden. Heiß genug ist es ja derzeit.
Am vergangenen Wochenende testeten wir aus der nutriculinary-Liste den für Hamburg gelisteten Tipp »Eisliebe«, Eppendorfer Weg 170 im Stadtteil Hoheluft und können uns der Empfehlung nur anschließen. Aus 12 Sorten konnten wir wählen und entschieden uns für Schokolade, Othello (Kokos mit Schokoladensplittern), Gianduja, Pampelmuse, Crème Brûlée und Mandelkrokant. Ich vergebe 7,5 von 10 Punkten – und war dort bestimmt nicht zum letzten Mal!

Update 02 – 27.09.2011: Obwohl der Sommer kein richtiger Sommer war (ungeachtet der abweichenden Meinung von Statistikern und Meteorologen), so gab es doch reichlich Gelegenheiten zum Eisessen. Und so möchte ich für die goldenen Herbsttage mit Schleckeignung noch einen Neuzugang für Hamburg vermelden: Delzepich Eis in Hamburg-Winterhude, benannt nach einem früheren lokalen Milchhändler. Täglich werden hier während der Saison aus frischer Landmilch vom Bauern Kruse und natürlichen Zutaten etwa ein halbes Dutzend Sorten leckeres, sahnefreies Eis gekocht. Ich habe probiert und kann Delzepichs Slogan nur zustimmen: »Pures Glück« – 8 von 10 Punkten.

Svaneke_Ismejeri
Foto: © formschub

London Delights

Für ein paar Tage durfte ich es mal wieder tun – einen privaten Kurztrip (in geschätzter Begleitung) in die britische Hauptstadt unternehmen. Das Wetter dort war trüb und kalt, aber trocken, so dass meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Erkunden der Stadt per pedes und Tube, nichts im Wege stand. Eigentlich war ich willens, ein wenig zu shoppen, doch zur Form- und Farbgebung der aktuellen Herrenoberbekleidung und Schuhmode im Angebot der aufgesuchten Geschäfte fand ich diesmal keinen rechten Zugang (teils auch nicht zur Preisgestaltung, aber das kennt man ja von London). Zudem bot das graue Wetter wenig fotogenes Licht für schöne Schnappschüsse, weshalb auch das Fotografieren nahezu unterblieb.

Fündig wurden meine Konsumsensoren in der Haushaltswarenabteilung des legendären Warenhauses Harrods, wo ich für meine ganz in grün ausgestattete Küche einen farblich passenden Zwiebelhacker der Firma Zeal und einen patenten Wechselsparschäler von Joseph Joseph erstand. Kochwerkzeug, und noch dazu so schönes, kann ich eigentlich immer gebrauchen.

A propos Küche: Essen und Trinken mussten wir natürlich auch auf unserer Reise. Von vergangenen Aufenthalten in London gab es zwar noch genug »Stammlokale« (z.B. Browns), die wir auch diesmal wieder hochzufrieden besuchten, aber auch ein paar neue Adressen beeindruckten uns nachhaltig:

Die mit drei Niederlassungen in der Stadt vertretene Pub-Kette The Draft House, die sich der Vielfalt globaler Bierkultur verschrieben hat und in einem sehr geschmackvollen Ambiente je Filiale etwa 20 Fassbiere und 30 Flaschenbiere aus aller Welt ausschenkt (wir besuchten diejenige am südlichen Ende der Tower Bridge). Für Bierfreunde auf jeden Fall ein lohnenswerter Ort!

Die zweite Entdeckung war das karibische Restaurant Mango Room, nicht ganz so zentral, aber dafür nur wenige Meter entfernt von der Tube-Station Camden Town gelegen und somit bequem mit der schwarzen Northern Line erreichbar. Und wieder einmal wurde das Vorurteil widerlegt, es gäbe in London keine hervorragenden und trotzdem preiswerten Restaurants. In dem nicht zu großen, gemütlich eingerichteten Lokal hat man durch die verglaste Fassade einen schönen Ausblick auf die belebte Kentish Town Road. Der Service war freundlich und hoch aufmerksam und das Essen war delikat – denn wenn ein Fan gebratener Entenbrust nach dem Genuss der Roast Honey and Ginger Duck Breast with Sweet Potato Crisps and Juniper Berries Jus diese zur besten jemals genossenen kürt, dann will das schon was heißen. Ich entschied mich für die Platter of Sea Bass, Grilled Tiger Prawns and Scallops with Papaya Sambale and Fried Cassava und wurde ebenfalls nicht enttäuscht. Besonders angetan war ich von den frittierten dicken Stäbchen Cassava (Maniok), so ganz anders als Pommes Frites: leichter, fluffiger, trotzdem knusprig und ausgesprochen lecker. Wurde sofort auf der To-Nachkoch-Liste vermerkt.

Damit London schließlich nicht gleich wieder kulinarisch verblasst, kamen ins Heimgepäck zum Schluss noch zwei kleine, typisch britische Melton Mowbray Pork Pies zum Aufbacken aus der unvergleichlichen Harrods Food Hall. Soeben, vor dem Verfassen dieses Blogbeitrags habe ich sie genossen – und damit sofort meinen Wunsch wiederbelebt, eine dieser köstlichen Pasteten einmal selbst zuzubereiten. Schon beim letzten London-Besuch hatte ich mir zu diesem Zweck ein opulentes Kochbuch gekauft, aus dem ersichtlich wurde, dass man sich für die Zubereitung entweder einen Tag Urlaub nehmen oder ein halbes Wochenende aufbringen muss – auch wenn das unten eingebundene, sehr anschauliche Video den Herstellungsprozess in nur 10 Minuten zu zeigen vermag. Das ist wahres Slow Food.
Ach, London, Du schmeckst mir jedes Mal wieder.

Dufter Jefährte

Le_Compagnon_Karte

Etwas Besonderes sollte es sein. Dabei nicht übermäßig kostspielig und in Berlin. Aus Anlass des partnerschaftlichen Jahrestages mit dem Mann hatte ich die schöne Aufgabe, einen gebührenden Restaurantbesuch in der Hauptstadt zu organisieren. Wenn möglich, mal was Neues.

Ich kletterte also ins Internet und recherchierte. Vier Lokale kamen in die engere Auswahl. Das Hugos schied trotz der fantastischen Speisekarte aus, da es meinen finanziellen Rahmen definitiv sprengt. Das Grünfisch, dessen Name nicht auf Anhieb die dort gebotene sizilianische Küche verrät, kam auf die Warteliste für den nächsten adäquaten Anlass, ebenso das Balthazar, dessen Kreationen eine interessante Fusion aus westlicher und asiatischer Küche verheißen. Meine Wahl fiel auf das Le Compagnon, in Ku’dammnähe, doch hinreichend weit um die Ecke in einer kleinen Seitenstraße gelegen. Drei Gründe sprachen dafür: die mundwässernde Karte, die sehr fairen Preise und – ich kann als Grafik-Designer eben nicht aus meiner Haut – das edle und sehr gelungene Logo mit dem goldenen Gabelkrönchen. Den Tisch reservierte ich noch spät abends online und am nächsten Tag wurde mir per telefonischem Rückruf die Reservierung bestätigt.

Am Sonntag vor Nikolaus war es dann soweit. Als wir fröstelnd von der beschneiten Straße aus das Restaurant betraten, wurden wir aufs Freundlichste empfangen, unserer Garderobe entledigt und zu einem schönen Tisch am Fenster geleitet. Der in gelb und warmen Holztönen eingerichtete, indirekt beleuchtete Gastraum bietet vielleicht gerade mal 24 Personen Platz, aber – wie sich zeigen sollte – wäre mehr kaum zu bewerkstelligen, denn mehr Gäste könnten kaum so aufmerksam und persönlich bedient werden, wie wir es erfahren durften.

Am Nebentisch hatten zwei ältere, offenbar gutsituierte Paare mit der Speisenauswahl begonnen und wurden vom Küchenchef und Inhaber Christian Schulze dabei intensiv beraten: Herkunft der Zutaten, Wissenswertes zu den verwendeten Fleisch-, Fisch- und Gemüsesorten, kompetente Weinberatung – unterstützt durch einen eigens hinter dem Tresen hervorgeholten Weinatlas – keine Frage blieb offen. Wir gaben uns hingegen weniger beratungsbedürftig und wählten nach einem eingehenden Blick in die Karte die Fünf-Gänge-Version des aktuellen Dezembermenüs (möglich wären auch 3, 4 oder alle 6 Gänge), wobei es dem Gast obliegt, welche der Gänge er bis zur gewünschen Anzahl kombiniert. Wir verzichteten vorausschauend auf das Dessert und ließen uns statt Wein ein Bayreuther Bio-Weizenbier einschenken.

Vor dem eigentlichen Menü gab es zum Gaumenvorglühe reichlich Bonusspezereien aufs Haus: zunächst ein Körbchen mit dreierlei hausgebackenem Brot – ein Weißbrot, ein dunkleres, mit leicht lebkuchiger Würzung und Foccacciawürfel –, dazu ein Schälchen tiefgrünes Olivenöl, meergesalzene Butter und eine Wildkräuter-Crème-Fraîche. Als erster offizieller Gruß aus der Küche folgte eine kleine Portion lauwarmer Kalbfleischsalat mit Rote Bete, sehr dezent komponiert, ein schöner Start. Doch die Küche grüßte weiter: der nachfolgende Teller Kürbiscremesuppe mit einer Einlage aus Entenfilet und Entenleber ließ erahnen, was mit den »richtigen« Gängen auf uns zukommen sollte: ein Festmahl.

Hier die komplette Menüfolge des Dezembermenüs
inklusive des von uns ausgeschlagenen Desserts:

  • Terrine von Zander und Kaisergranat mit Kürbis-Wasabicrème an Kartoffelmeeresalgensalat
  • Champagnersenfsuppe mit Rehfilet
  • Handgetauchte Jakobsmuschel mit Steckrüben und Weihnachtsgewürzen
  • Seeteufel auf asiatisch mariniertem Rotkohl mit Rucola-Buttersauce
  • Rosa gebratene Brust und confierte Keule von der Challansente mit Hagebuttenjus, dazu getrüffelte Schwarzwurzeln
  • Nougateisparfait mit süßer Rote Bete Mousse und Zwergorangenragout

Ich kann gar nicht auf alle Details dieses herrlichen Menüs eingehen, nur so viel: es war perfekt, wunderschön angerichtet, ohne Chichi zubereitet und absolut delikat. Meine persönlichen Highlights waren die Champagnersenfsuppe und die getrüffelten Schwarzwurzeln in der Beilage des letzten Ganges. Das ist Feinschmeckerküche, die mich gleichermaßen beseelt wie mit Neid erfüllt, dass ich selbst als Hobbykoch derartiges wohl nie zustande bringen werde. Die Rechnung am Ende des Abends war zwar, wie erwartet, nicht ohne, doch umgerechnet belief sich jeder der fünf Gänge auf gerade mal 13 Euro – ein mehr als faires Preis-Leistungs-Verhältnis.

Am Nachbartisch wurde während der dreieinhalb vertafelten Stunden ebenso genussvoll gespeist und getrunken, es wurden 30 Jahre alte Erinnerungsfotos herumgereicht und die Konversation der beiden Paare ließ vermuten, dass sie ihr langjähriges Bekanntschaftsjubiläum feierten. Unweigerlich kam mir Loriots Sketch vom »Kosakenzipfel« in den Sinn, wo ein Treffen aus demselben Anlass in heftigem Streit um das unfair geteilte Dessert endet. Doch heute gab es keinen Zwist, keine Unstimmigkeiten, weder am Nachbartisch noch an dem unsrigen, sondern nur rundherum wohligen Genuss und das gute Gefühl, für diesen Anlass genau die richtige Wahl getroffen zu haben. Das Logo hatte nicht zu viel versprochen.

Update September 2020: Leider ist das Restaurant mittelweile dauerhaft geschlossen.

Le_Compagnon_Snapshot
(Die Bildqualität dieses funzeligen Handyschnappschusses von Gang Nr. 5 repräsentiert ziemlich genau das Gegenteil von dessen famosem Geschmack.)

Fotos: © formschub

Es lebe der Lebkuchen!

Im Supermarkt liegen die Adventssüßigkeiten ja bekanntlich schon seit Ende August rum. Und spätestens seit heute greift wohl wieder fast jeder bei Kaffee, Tee oder einfach zwischendurch zu Dominosteinen, Printen, Spekulatius oder Lebkuchentalern. Einerseits schön, die vertrauten Geschmäcker der Advents- und Weihnachtszeit alle Jahre wieder auf der Zunge zu spüren, andererseits – wäre es nicht mal Zeit, die altbekannten Rezepte für Weihnachtsgebäck mit zeitgemäßen Innovationen zu »pimpen«?

Genau das dachten sich zwei Köche und ein Konditor aus Nordbayern und riefen das Projekt Tres Aromas ins Leben: Arnd Erbel, Freibäcker aus Dachsbach und Andree Köthe und Yves Ollech vom Sternerestaurant Essigbrätlein in Nürnberg. Sie widmeten sich dem klassischen Elisen-Lebkuchen und kreierten mit Gewürzen und Zutaten, die man auf Anhieb eher nicht darin vermutet, drei famose Aromavariationen, die den traditionellen Geschmack des Gebäcks in ganz neue Sphären befördern. Ich habe die »Tres Aromas« dieses Jahr zum zweiten Mal auf dem Bunten Teller und möchte sie dort nicht mehr missen:

  • Tres Aromas »Olive Noir« mit herben Taggiasco-Oliven
  • Tres Aromas »Oriental« mit Safran, Curry, Ingwer und Chili
  • Tres Aromas »Verde« mit Kaffirlimettenschale, Lorbeer und Thymian

Mein persönlicher Favorit ist die Kreation »Verde« mit ihrem intensiven, aber nicht aufdringlichen Aroma der Kaffirlimette, das der südostasiatischen Küche entstammt. Ein rundum gelungenes Geschmacksexperiment!

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Screenshot: © tresaromas.de

Sattvent, Sattvent …

Alle Jahre wieder, so auch dieses Jahr, möchte ich meinen foodaffinen Bloglesern die schon fast traditionelle Vorweihnachtsaktion »Ganz(s) weihnachtlich« der Gastroinitiative »Hamburg kulinarisch« ans Herz an den Gaumen legen. 48 Restaurants sind es diesmal, die aus diesem Anlass spezielle weihnachtlich inspirierte Menüs komponiert haben und ihren Gästen seit 11. November und noch bis zum 23. Dezember servieren. Ich hatte bereits das Vergnügen, im von mir gern besuchten Mövenpick Restaurant am Hamburger Sternschanzenpark eins davon zu genießen:

  • Mousse von Büffelmozzarella, Serranobrösel, kandierte Tomate, gebeiztes Heilbutt-Tatar, Saiblingskaviar, Rote Beete, Garnelensalat, Melone, getrocknete Aprikose, Mandelschaum
  • Gänsebrust und das Keulenfleisch im Brickteig gebacken, Miniknödel, Kerbelknollenpüree, Backapfel, Feigenrotkraut, Kaffeejus
  • Fourme d’Ambert Birne, Zwetschgen-Marzipan-Tarte, Mascarpone-Maronenmousse mit Fruchtbrotcroûtons

(Preis: 65,00 EUR für zwei Personen inklusive einer Flasche Wein)

Besonders verzückten mich die Büffelmozzarellamusse auf dem Vorpeisenteller und die Kombination aus Gänsekeulenfleisch im Brickteig, Feigenrotkraut, Kaffejus und Kerbelknollenpüree beim Hauptgang (bis dato wusste ich nicht mal, dass Kerbel Knollen hat). Die Köche im alten Wasserturm bewiesen erneut nicht nur ihr exzellentes Gespür für spannende Aromakompositionen, sondern beherrschten auch wieder das Spiel mit den Konsistenzen der Zutaten perfekt. Auch der Service war, wie ich ihn mag: ebenso aufmerksam wie unaufdringlich. Für den genannten Preis kann man kaum mehr erwarten. Ich jedenfalls bin spätestens jetzt in Weihnachtsstimmung.

Ganzs_weihnachtlich_2010
Photo: © Jo Naylor | Some rights reserved

Genussreise nach Regensburg

Bei fast durchgehend herrlichstem Frühsommerwetter (siehe Foto beim gestrigen Eintrag) verbrachte ich ich in angenehmster Begleitung – nicht zum ersten Mal – die Pfingsttage in Regensburg.

Und dort ließen wir es uns richtig gut gehen: Im gemütlichen, von Kastanien-, Ahorn- und Lindenbäumen beschatteten Innenhof des Biergartens Goldene Ente (Update: inzwischen »D’Oma in da Antn«) schäumte köstliches Weltenburger Bier aus Deutschlands ältester Klosterbrauerei (seit 1050) im Halbliterkrug, beim rustikalen, seit 1135 bestehenden Historischen Wurstkuchl war ein »Kipferl« mit frisch gegrillten Würstln im Brötchen ein Muss und bei der hervorragenden Gelateria Venezia (Glockengasse 1) warteten 30 famose Eissorten darauf, verkostet zu werden.

Am Abend gaben wir Bewährtem (siehe hier und hier) den Vorzug: die Restaurants Gänsbauer (etwas edler) und Roter Hahn (unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis) – letzteres gleich an drei Abenden – verwöhnten uns auf gewohnt hohem Niveau mit ihren raffinierten Küchenkreationen. Ich denke, unser Dinnerprotokoll der vier Abende spricht da für sich:

Roter Hahn

  • Spargelcremesuppe
  • Schwertfischfilet in Aromaten gebraten mit Mango-Korianderkompott auf grünem Spargel und Zitronen-Kartoffelpüree
  • Selleriecremesuppe mit Tempuragemüsespieß (siehe Foto)
  • Schweinefilet im Parmamantel auf Kartoffel- Rosenkohlgröstl und Pinienkernen (siehe Foto)
  • Carpacchio von Pulpo und Garnelen mit Chillimayonaise und Ruccolasalat
  • Filet vom Zackenbarsch gratiniert mit Spinat auf Muschel- Tomatenpasta
  • Cappuccino von braunen Champignons mit Tandorispieß
  • Hirschrücken mit Wacholderjus auf gebratenen Pilzen dazu Haselnussknödel
  • Rinderfilet unter der Bergkäsekruste auf zweierlei Bohnengemüse und Kartoffelgratin

Gänsbauer

  • Variation von Spinat und Rote Beete mit Jakobsmuschelragout
  • Gebratene Poulardenbrust auf Waldpilzrahm an Püreeduett von Erbsen und Karotten
  • Karree vom Lamm mit Rosmarinsoße und karamellisiertem Chicoree, dazu Kartoffelstroh

So, und jetzt muss ich erstmal dringend ein paar Kilometer mit dem Fahrrad umherfahren, bevor ich wieder irgendwas esse.

Selleriesuppe

Schweinefilet
Fotos: © formschub

Mobiles Schlemmen

Wohin nur?
Nach einer kleinen Sendepause hier im Blog heute mal wieder ein paar Restauranttipps. Da ich seit Anfang August (nach vierwöchiger Wartezeit wegen Lieferengpässen) inzwischen ebenfalls stolzer iPhone-Besitzer bin, habe ich natürlich gleich nach mobilen Applikationen – »Apps« – gesucht, die mir unterwegs und auf Reisen bei der kulinarischen Orientierung behilflich sind.

Neben »Around Me« (Link zum iTunes Store) habe ich insbesondere »Qype Radar« (leider nicht mehr erhältlich) ausprobiert – vorerst in Hamburg und Berlin – und bei allen drei Gastro-Testläufen Volltreffer gelandet. Das App, herausgegeben vom populären Empfehlungsportal Qype (inzwischen übernommen vom Konkurrenten Yelp), ermittelt den aktuellen Standort des iPhone-Nutzers und empfiehlt umliegende Locations zu den eingegebenen Suchbegriffen in einer nach Entfernung gestaffelten Liste, Userbewertungen inklusive.

O Café Central (Portugiesisch), Hamburg
Ein spontaner Anruf einer Freundin, die aus ihrem Niederländischen Exil zu Besuch in Hamburg war, war der Anlass für die Premiere von Qype Radar. Sie gab mir ihren Aufenthaltsort durch, ich ließ mich meinerseits per iPhone lokalisieren, wir besprachen unsere Appetitvorlieben und wurden vom Qype-Radar und vielen positiven Bewertungen ins O Café Central (inzwischen leider geschlossen) geleitet. Das urige kleine Souterrain-Restaurant ganz in der Nähe des Hamburger Rathausmarktes lud an dem warmen Augustabend mit weit geöffneten Fenstern und Türen zum sommerlichen Genießen ein. Die übersichtliche, aber vielseitige Karte wurde durch Empfehlungen auf einer Schieferwandtafel ergänzt und listete neben Tapas, Salaten und Suppen auch Fleisch- und Fischgerichte auf. Ich entschied mich beim Erstbesuch für in Rotwein gegarte Chorizo auf lauwarmem Linsensalat (5 EUR), Hähnchenröllchen mit Bergkäsefüllung im Serrano-Schinken-Mantel (6 EUR) und warmen Ziegenkäse in Rosmarin-Honig (3,50 EUR). Die freundliche Bedienung, interessante Zutatenkombinationen und moderate Preise hinterließen rundum einen exzellenten Eindruck und machten Lust auf einen erneuten Besuch.

3 MOMS, Berlin
Nach einer entspannten Samstagnachmittag-Shopping-Citytour auf dem Fahrrad bei herrlichstem Spätsommerwetter waren die Präferenzen fürs Abendessen klar: Draußen sitzen und leichte Küche, am besten asiatisch. Ein Blick aufs Qype Radar machte auf einen »Geheimtipp« in der Nähe aufmerksam: Das kleine, familiär geführte Vietnamesische Restaurant 3 Moms besitzt eine gemütlich begrünte Außensitzterrasse, liegt fast schon etwas versteckt in einem reinen Wohngebiet und wird in den Besucherkommentaren geradezu über den grünen Klee gelobt. Wir haben Glück, weil wir schon um 18:30 Uhr und damit recht früh eintreffen – gut eine Stunde später ist die Terrasse voll besetzt. Frische, unfritierte vietnamesische Sommerrollen mit leckerem Erdnussdip bilden ein köstliches Entrée, mit leckeren Kräutern, Gemüsen und verschiedenen Fleischsorten, hauchdünn in Reisteig eingehüllt, fast wie ein Salat. Auch das Hauptgericht mit knusprigem Entenfleisch und Gemüse, ist super gewürzt und passt mit dem knackigen Gemüse perfekt zur sommerlichen Stimmung. Die Preise sind selbst für Berlin unglaublich günstig: für zwei Personen – jeweils Vorspeise und Hauptgericht plus Getränke – bleiben wir unter 30 EUR. Der Name des Lokals, so heißt es, rührt tatsächlich daher, dass drei Mütter in der Küche am Herd stehen. Essen wie bei Muttern – nur eben auf Vietnamesisch: Cảm ơn! Ngon lắm. (Danke! Es war köstlich.)

Volver, Berlin
Freitagabend im ICE Richtung Berlin, Ankunft etwa gegen 21:00 Uhr, und es regt sich Appetit. Noch könnte man draußen sitzen – aber wo? Die Gegend um den Berliner Hauptbahnhof wirkt nicht gerade wie ein gemütlicher Kiez – doch ein Blick ins Qype Radar macht Hoffnung: zahlreiche Besucher empfehlen das keine anderthalb Kilometer entfernte spanische Tapaslokal Volver, wohl vor nicht allzu langer Zeit nach einem Pächterwechsel neu benannt (nach dem Film Pedro Almodóvars?), denn ältere Einträge zu dieser Adresse sprechen noch von »Papas Tapas«. Vorbei am fancy Bundespressestrand, wo sich lärmendes Szenevolk vergnügt, liegt das Volver an einer Straßenkreuzung einige Ecken weiter – und offeriert auf dem Bürgersteig sogar einige Außensitzplätze, die wir bei dem inzwischen mäßigen Abendverkehr gerne annehmen. Der sehr nette Kellner gab ausführlich Auskunft zu den Gerichten und Weinen in der Karte, nannte ergänzend einige Tagesgerichte und riet uns, zusammen nicht mehr als 5–6 Tapas zu ordern – ein Tipp, für den wir später noch dankbar sein sollten, denn die Portionen waren ebenso üppig wie schmackhaft. Der zu den delikat gewürzten Gemüse-, Fleisch- und Fischhäppchen gewählte Wein (Karma de Drac 2003 von der Kellerei Celler Los Trovadores, gekeltert aus Mazuela, Garnacha, Tempranillo und Cabernet Sauvignon) setzte dem Abend eine rotleuchtende Krone auf und ließ uns den Namen des Lokals wörtlich nehmen: »zurückkommen«. Das werden wir auf jeden Fall tun.

Qype Asterisk Logo: © Qype| Original Image: © Anders Pollas | Some rights reserved

Vom Mühen und Scheitern

Laut einer Studie der GfK gehöre ich zur Minderheit der Deutschen, die pro Monat gerne mehr als dreimal »auswärts« essen gehen. Davon profitieren zwar oft – bevorzugt in Hamburg oder Berlin – Restaurants meines Vertrauens, doch ebenso gerne probiere ich Empfehlungen von Freunden, aus Gastro- und Stadtmagazinen, aus dem Web oder spontane Entdeckungen am Wegesrand aus. Von zweien dieser Erlebnisse handelt der heutige Blogbeitrag.

Das Besondere daran war für mich die Diskrepanz zwischen Ambition und Performance bzw. zwischen Küche und Service. Eigentlich ist es das höchste Lob, nach einem Restaurantbesuch einfach sagen zu können »das war gut« – und zwar alles: Service, Angebot, Preisgestaltung, Essen, Getränke, Atmosphäre. Jede Einschränkung wie »bis auf« oder »außer« trübt das Prädikat. Es gibt aber immer wieder Gastronomen, die auf ihrer Website oder dem Vorblatt der Speisekarte wohlklingende Ansprüche formulieren und sie dann nur teilweise einlösen – in der Hoffnung, dass gute Küche oder edle Innenarchitektur andere Versäumnisse ausgleichen. Doch das gelingt nur selten – und wenn, dann mit bitterem Nachgeschmack.

Die erste gastronomische Begegnung führte mich ungeplant ins Restaurant Louisiana Kid (Update: inzwischen geschlossen) in der Nähe des Hackeschen Markts in Berlin. Es war der Vorabend einer Urlaubsreise und wir wollten zu zweit ohne großen Aufwand in der heimischen Küche ein schönes Dinner genießen. Ungeplant war die Einkehr deshalb, weil unter der angesteuerten Adresse am Stadtbahnbogen nicht mehr, wie erwartet, der Italiener La Rustica residierte, sondern das besagte Südstaatenlokal. Und da im Außenbereich genug Plätze frei waren, beschlossen wir, zu bleiben.

Das freundliche Bedienpersonal brachte die Karte. »Das Louisiana Kid bemüht sich stets, eine möglichst authentische Küche auf den Tisch zu bringen. Alle unsere Gerichte werden frisch zubereitet, in Zeiten des großen Andrangs müssen unsere Gäste daher mit ein wenig Wartezeit rechnen«, hieß es da. Doch da das Lokal nur mäßig besucht war, vernachlässigten wir diesen Hinweis.

Nach der Bestellung folgte ein Abstecher auf die sanitären Anlagen. Dazu war, ebenso wie für die ständig ein und aus laufenden Servicekräfte, der trendy mit Sand ausgestreute Außenbereich zu verlassen und der mit hochglänzenden Steinfliesen ausgelegte Innenbereich zu durchqueren. Hip, aber unpraktisch, denn trotz der großen Fußmatte vor der Eingangstür zog sich innen eine breite, unansehnliche Sandspur ambientemindernd quer durch den Gastraum. Die Toilette (Herren) war tadellos sauber, doch der Seifenspender hing frei an der Wand seitlich neben dem Becken, eine feuchtglänzende Seifenlache auf dem Boden darunter. Statt eines Handtrockners hatte man sich für Papierhandtücher entschieden. Völlig okay, doch das Volumen des dafür vorgesehenen Minimülleimers wäre spätestens nach dem vierten Besucher erschöpft. All das wertet ein Lokal zwar nicht unmittelbar ab, aber wirft dennoch die Frage auf, warum so an der Praxis vorbeigedacht wurde.

Zurück am Platz wurden die bestellten Vorsuppen serviert. Obwohl nicht zum Mitessen gedacht, irritierte mich zuerst der mit Balsamicosirup dekorierte Tellerrand. Als authentisch karibisch empfand ich diese inzwischen allgegenwärtige Dekolangeweile ebensowenig wie die in der Suppe schwimmenden Rosmarincroutons. Geschmacklich war die Suppe – eine tomatige Fischsuppe mit Shrimpseinlage – akzeptabel, allerdings deutlich weniger originell als die englischen Texte in der Speisekarte. In weltgewandter Vorbereitung auf Touristen hatte man dort das in einer Speise enthaltene Krebsfleisch als »Crap Meat« übersetzt. Doch offenbar waren keine Engländer anwesend, denn wir hörten niemanden lachen.

Das Warten auf die Hauptspeise schließlich zementierte die Urteilsfindung. Trotz mindestens halbleerer Tische und ungeachtet einer Zwischenmeldung, eines der beiden Gerichte würde »etwas länger dauern« kam der Hauptgang für meine Begleitung erst auf den Tisch, als ich bereits die letzten Soßenreste vom Teller kratzte.

Egal, aus welchem Anlass und in welcher Konstellation zwei Personen einen gemeinsamen Restaurantabend verbringen: ein solcher Servicelapsus ist indiskutabel. Was im Gedächtnis blieb, waren der freundliche Service, eine herbe Enttäuschung – und etwas Sand unter den Schuhen.

Ortswechsel. In Hamburg gibt es seit einigen Jahren regelmäßig die schöne Initiative des Schlemmersommers. Fast 90 Restaurants servieren im Rahmen des Angebots – 2009 vom 15. Juni bis 15. August – ein mehrgängiges Sommermenü für zwei Personen zum Festpreis von 59 Euro (ohne Getränke). Eine gute Gelegenheit, ausgetretene Genusspfade zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Unsere Wahl fiel auf das Fillet of Soul auf dem Freigelände hinter den Hamburger Deichtorhallen. Auf dem Speiseplan stand:

  • Rucola-Basilikum-Salat mit Wassermelone, Spargel, Hüttenkäse und Thunfisch im Szechuanpfeffer
  • Poulardenbrust im Serranomantel mit Safranrisotto, Pinienkernen und Paprika-Oliven-Salsa
  • Karamellisierter Key-Lime Pie mit Minzerdbeeren und Joghurteis

Angenehm fern vom bewegten Verkehr dieser Gegend bietet das Lokal einen geräumigen, verglasten Gastraum und einen großzügigen Bereich mit Außensitzplätzen, auf dem wir an dem betreffenden Sommerabend zu viert einen Tisch einnahmen. Obwohl wir beim Eintreffen in das etwa halbvolle Etablissement von einer Servicekraft begrüßt und platziert wurden, vergingen gut zehn Minuten, bis ein Satz Karten an unserem Tisch eintraf. Ebenso geruhsam waren die Intervalle bis zur Aufnahme der Getränkebestellung, deren vollständiger, in mehrere Etappen zerdehnter Auslieferung und der Entgegennahme der Speisewünsche. Doch dann sollten wir erfahren, was Warten wirklich bedeutet.

Etwa eine halbe Stunde dauerte es, bis die Vorspeisen ihren Weg zu uns fanden. Erschwert wurde die Wartezeit zusätzlich dadurch, dass das ziemlich unaufmerksame und m.E. eher nach der äußeren Erscheinung gecastete Serviceteam selbst den Getränkenachschub zur Herausforderung machte. Die Umgangsformen des Personals würde ich noch wohlwollend als »flapsig« bezeichnen, dass es nach einer ersten Kritik an der langen Wartezeit dann zwar einen Getränkegang aufs Haus gab, allerdings nur für zwei von uns Vieren, werte ich als Fauxpas.

Schließlich kam das Essen – und es war phantastisch. Tolle Aromen, fantasievolle Rezepturen, feine Zutaten, originell angerichtet, hervorragend gewürzt. Die gewagte, leichte Kombination der Vorspeisenzutaten inspirierte zu ähnlichen Experimenten in der heimischen Küche, der Kontrast der Konsistenzen im Hauptgericht war wunderbar ausgewogen und die angenehm frischen, nicht zu süßen Komponenten des Desserts bildeten einen perfekten Ausklang. Die nicht zu großen Portionen erlaubten es, ohne schlechtes Gewissen jeden Teller zu leeren und trotz der lauen Abendtemperaturen nicht gleich ins Phlegma zu sinken. Ein großes Lob an die Küchenkünstler, die jedoch ihr offensichtliches Credo »Feines braucht Zeit« (ehemaliger Slogan einer Keksfirma) für mein Empfinden an diesem Abend etwas überstrapazierten. Wir sind auf jeden Fall bereit, dem Fillet of Soul noch eine Chance zu geben. Mit besserem Timing und lernwilligem Personal wäre es eine echte Adresse.

Was ist nun mein Fazit nach diesen beiden Gastroabenteuern? In beiden Fällen hatte ich das Gefühl, dass Wirte, Köche und Kellner sich und ihren Job viel stärker mit den Augen ihrer Gäste hätten sehen sollen. Vielleicht sollten auch sie gelegentlich in einem Restaurant mal richtig gut essen gehen.

Mühen und Scheitern
Fotos (metaphorische Fotomontage):
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