Nölplattformen

Bewertungen im Internet sind eine tolle Sache. Endlich haben Verbraucher eine Stimme! Fast ungefiltert und in Echtzeit kann jeder mit Internetzugang mittels Mundpropaganda (nicht zu verwechseln mit Mund-zu-Mund-Beatmung!) Produkte und Dienstleistungen empfehlen oder verteufeln. Davon profitieren alle! Die Suchenden werden sowohl mit Tipps und guten Erfahrungen auf die richtige Fährte gesetzt als auch durch Warnungen und fundierte Kritik vor Enttäuschungen gewarnt.

Wenn’s denn so wäre. Denn immer wieder finden sich in den Userkommentaren zu Firmen, Produkten oder Dienstleistungen vereinzelt Einträge, die in mir eine der Urfragen der Menschheit neu aufwerfen: Woher kommt der Mensch? Was will er von mir? Und warum schreibt er sowas?

Ich habe selbst schon beste Erfahrungen mit Qype-Rezensionen gemacht (Update: Qype wurde nach einiger Zeit assimiliert vom Konkurrenzportal Yelp). Und ich amüsiere mich über Spaßrezensionen wie beim schon legendären Amazon-Allmachtstaschenmesser. Aber jenseits dessen beginnt die Twilight Zone der Nutzerbewertungen, in der Menschen u.a. mit der Fähigkeit leben, Dinge zu bewerten, die sie gar nicht richtig genutzt haben. Die Bewertungen verfassen, die mit dem getesteten Ding oder seiner bestimmungsgemäßen Nutzung rein gar nichts zu tun haben.

Drei Beispiele. Suche ich z.B. bei Qype nach Bewertungen für Restaurants, die ich selbst oft und gerne besuche, stoße ich u.a. auf Folgendes:

»Wir haben hier nicht übernachtet und auch nicht wirklich richtig gegessen, eigentlich kann ich recht wenig sagen.«
– Bewertung: ★★★✩✩
User kitchenhero zum Mövenpick Hotel Hamburg Sternschanze

»Ich nehme mir Gänsebraten (frühmorgens!), Salzkartoffeln und Rotkohl, schliesslich ist (bald) Weihnachten. Später noch einmal Nachschlag, das ist erlaubt. Noch den ganzen Tag werde ich später daran erinnert, dass derartige Gerichte mit viel Fett (Gänseschmalz) zubereitet werden. Nach einem guten Gänsebraten muss man den ganzen Tag aufstoßen vom vielen Fett und das hat immer so einen öldichten Nachgeschmack.«
– Bewertung: ★★✩✩✩
User Thomas Go… zum Brauhaus Rixdorf, Berlin (inzwischen geschlossen)

»Ich mag es nicht, wenn in einem Restaurant grundsätzlich alle Tische vorreserviert sind.«
– Bewertung: ★✩✩✩✩
User annshee zur Trattoria Libau, Berlin (noch ohne Website)

Da könnte man sich schon fast einen Spaß draus machen, sich einige kausal ähnlich gelagerte Bewertungszitate auszudenken – etwa für Amazon-Produkte – und die Leser raten zu lassen, ob auch echte dabei sind oder nicht …

  1. »Ein Vorteil hat das Gerät, es ist Robust, als ich es vor kurzem vor Wut gegen die Wand gepfeffert habe ist nix kaputt gegangen.«
  2. »Leider konnte ich das eingeschweißte Produkt nicht öffnen, da ich eine Zellophanallergie habe.«
  3. »Das Buch hat sehr viele Seiten und wird leider nicht durch Bilder aufgelockert, damit sich die Augen mal etwas ausruhen können.«
  4. »Das Produkt ist genauso nutzvoll wie Scheiße unterm Schuh. Mehr braucht man dazu nicht mehr sagen …«
  5. »Ich hasse Rezensionen, die gemacht werden, bevor ein Spiel auf den Markt ist. Um so paradoxer ist es, dass ich gerade eben dies gerade tue.«
  6. »Leider kann ich mich den meisten anderen Rezessionen nicht anschließen.«
  7. »Der Schreibstil dieses Buches ist sehr primitiv. Alle Sätze sind sehr kurz gefasst. Nicht empfehlenswert.«
  8. »Meine Nachbarn haben die DVD gekauft und ich muss sagen, die Bässe bei den Explosionen sind viel zu laut eingestellt.«
  9. »Ich konnte zu keiner der in der Handlung vorkommenden Personen eine Beziehung aufbauen.«
  10. »Der Postbote, der das Paket brachte war sehr ungepflegt und hatte mundgeruch.«
  11. »Ich habe die DVD nicht angesehn, werde sie mir auch nicht kaufen, aber möchte trotzdem eine gutgemeinte Warnung aussprechen: Finger weg.«
  12. »Das Cover ist ansprechend, der Klappentext auch. Der Rest, naja.«

(Auflösung: die Zitate 2, 3, 8 und 10 sind frei erfunden.)

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Photo: © cesarastudillo | Some rights reserved

Klare Ansage

Durch Zufall bin ich dieser Tage mal wieder auf ein paar sehr gelungene legale Freefonts gestoßen, die ich den Schriftfreunden unter meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Alle vier folgen dem ungebrochen aktuellen Trend zu klaren Fonts mit irgendwie »skandinavischer« Anmutung und damit auch meinen ganz persönlichen Fontvorlieben:

Die im Moskauer Fontstudio Cyreal entstandene Artifica erfreut das Auge nicht nur mit einem klaren, offenen Schriftbild, sondern auch mit ihrer harmonischen Verbindung aus Druck- und Handschriftduktus und zahlreichen originellen Details, wie etwa dem nach rechts tretenden »Füßchen« am Versal-A.

Die Banda von Typedepot in Sofia, Bulgarien, erinnert mit ihren voluminösen Minuskeln und kleinen Ober- und Unterlängen u.A. an Museo oder Neuzeit Grotesk, besitzt aber durch die kleinen organischen Schlenker in ihren An-/Abstrichen ein emotionaleres Gesicht.

Die Collator soll laut ihrem Entwerfer, dem in Kanada lebenden Gestalter Vince Lo, eine formale Brücke zwischen asiatischen und lateinischen Schriftzeichen schlagen, was auch gelingt. Doch auch bei ihr findet man Anklänge an derzeit populäre, kantig-organische Fonts wie Klavika, Neo Sans (Hausschrift Kabel 1) oder den exklusiven Corporate Font der dänischen Supermarktkette Super Brugsen. Besonders angetan hat es mir mal wieder das kleine »g«. I love it.

Die Play des Kopenhagener Schriftenbüros Playtype erinnert etwas an den Schriftzug der Sony PlayStation, vielleicht rührt daher der Name. Was ich an ihr mag, ist der gelungene Einklang von sympathischer Offenheit und rechteckigen Formen, was sie für mich zu einer sehr schönen Alternative zur inzwischen ziemlich ausgelutschten Eurostile macht.

Update: Artifika und Play sind übrigens inzwischen auch bei Google web fonts für die Darstellung auf Webseiten verfügbar.

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Man sieht: auch in (Ost)europa tut sich was in Sachen Typedesign.

Bücherfragebogen [♂] – 20

20 Das beste Buch, das du während der Schulzeit als Lektüre gelesen hast
Die Paarung der Wörter »Lektüre« und »Schulzeit« ruft bei mir oft wenig erbauliche Erinnerungen hervor. Das Lesenmüssen von als öde oder unergiebig empfundenen Texten – und die meist folgenden Klausuren darüber – ließ mich so manche Unterrichtsstunde verfluchen.

Ich gähnte bei Siegfried Lenz (»Das Feuerschiff«), Max Frisch (»Homo Faber«) und Bertolt Brecht (»Der gute Mensch von Sezuan«). Erweckend hingegend fand ich viele Kurzgeschichten, etwa von Heinrich Böll (»Es wird etwas geschehen«), Friedrich Dürrenmatt (»Der Tunnel«), Marie Luise Kaschnitz (»Das dicke Kind«) oder die Lektüren im Englischkurs, beispielsweise von Nevil Shute (»On the Beach«), Bram Stoker (»Dracula«) und Aldous Huxley (»Brave New World«).

Eine der typischen Darreichungsformen der Schullektüre waren und sind bis heute die kanariengelben Reclam-Heftchen, die nicht nur aufgrund ihrer handlichen Größe, sondern auch der kleinen Preise wegen sehr schülerkompatibel sind. Aus dieser Verlagsbibliothek stammte auch meine Lieblingslektüre: »Das Fräulein von Scuderi« von Ernst Theodor Amadeus (E. T. A.) Hoffmann. Es geht um ein miss-marple-esques Edelfräulein, hilfreiche Mätressen, rätselhafte Morde, wertvolle Juwelen, mysteriöse Intrigen und eine junge Liebe im Paris des Jahres 1680. Hach! Von Anfang an funkelt Hoffmanns Sprache wie die Schmuckstücke, die das Motiv der geheimnisvollen Mordserie der Erzählung zu sein scheinen:

Die Sonne schien hell durch die Fenstergardinen von hochroter Seide, und so kam es, dass die Brillanten, welche auf dem Tische neben dem offenen Kästchen lagen, in rötlichem Schimmer aufblitzten. Hinblickend verhüllte die Scuderi voll Entsetzen das Gesicht, und befahl der Martiniere, das fürchterliche Geschmeide, an dem das Blut der Ermordeten klebe, augenblicklich fortzuschaffen.

Die Lösung des Rätsels werde ich hier nicht verkünden, nur soviel, dass in der Psychologie in Anlehnung an diese Novelle der Begriff des Cardillac-Syndroms (Spoiler!) entstand, das wohl jedem Künstler bekannt ist, der von Hand geschaffene Unikate kreiert.

Dass E. T. A. Hoffmann ein talentierter Schriftsteller war, ist allgemein bekannt. Dass er sich zudem schon lange vor dem Schreiben auch als Komponist klassischer Musik sowie als Zeichner hervortat, weniger. Auf dem YouTube-Kanal MaiwaldBroadcast z.B. sind einige Stücke eingestellt, die einen kleinen Einblick in Hoffmanns musikalische Begabung verschaffen. Ein Multitalent.

Der komplette Fragebogen im Überblick.

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Foto: © formschub

Pasta mit Avocadopesto (Remix)

Eine der interessantesten Facetten von Foodblogs ist für mich, mitzuerleben und nachlesen zu können, wie gebloggte Rezepte auf vielerlei Art variiert, verbessert, verändert oder verfeinert werden. Ob es die Wasser-, Mehl- und Hefemengen bei Broten sind, die austariert werden, bis Kruste und Krume perfekt gelingen, ob aufgrund von Allergien oder Aversionen gegen bestimmte Zutaten interessante Alternativen entstehen oder einfach aus Freude am Ausprobieren und Improvisieren sich neue Ingredienzen oder Gewürze »einmischen«. Wer will, kann meist mit den genannten Links die Geschichte der Rezept-Remixe ergründen – oder man benügt sich mit der angeklickten Version und experimentiert selber weiter.

Als ich in Anke Gröners Blog von Tortiglioni mit Avocadopesto las – ein Rezept, das sie ihrerseits bereits variierte – spitzten sich meine Geschmacksknospen. Avocado kannte ich als kalte Salat- und Fingerfoodzutat, aber in einer Nudelsauce genoss ich sie noch nie. Da mich Avocado sehr schnell sättigt, versuche ich mit meiner Variante, das Rezept etwas leichter zu machen. Mit Blick auf das triste Grau vor dem Fenster sage ich bewusst nicht »sommerlich«, aber man kann sich den Sommer auch einfach schönessen …

Zutaten
für 2 Portionen


250 g Pasta (ich wählte kurze gewellte Reginette)
1 Avocado
5 kleine Cherry- oder Rispentomaten*
1/2 Knoblauchzehe* (weniger als in der Rezeptvorlage)
1 Handvoll Pecannusskerne* (weniger herb als Walnüsse)
2 Zweige Thymian
3 EL Zitronensaft*
ein Schuss Oliven-* oder Rapsöl
etwas gehobelter Parmesan*
Salz, Pfeffer

(ein * kennzeichnet die Variationen)

Die Tomaten entkernen und in kleine Würfel schneiden. Knoblauch kleinhacken, Thymianblättchen von den Stielen zupfen und die Avocado in kleinen Stücken aus der Schale lösen (z. B. mit einem Grapefruitlöffel).

Avocado, Knoblauch, Nüsse, Thymian, Zitronensaft, Öl, Salz und Pfeffer im Mixbecher pürieren. Die Tomatenwürfel entweder unterheben oder bis kurz vor dem Anrichten aufheben. Nudeln al dente kochen und abgießen. Portionsweise Nudeln mit Pesto (plus Tomaten) auf Tellern anrichten und mit einigen Parmesanspänen bestreuen.

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Foto: © formschub

Alleluja

Seit Wochen habe ich nicht beim Follow Friday mitgemacht. Vermutlich halten mich einige bei Twitter schon für eigenbrötlerisch. Der Grund ist aber, dass ich mich gerade absolut nicht entscheiden will, wen ich empfehlen sollte, ohne den Rest meiner Timeline zu »entwerten«. Ich genieße derzeit das bunte Rauschen Eurer Vielfalt als Ganzes. Und daher lautet mein #ff heute: Ihr alle.

Damit dieser Eintrag bei Twitterausfällen und Accountlöschungen jetzt oder später nicht optisch zerfällt, habe ich alle Avatare in ihrer aktuellen Version lokal gespeichert. Wer damit nicht einverstanden ist, möge sich gerne bei mir melden, dann ersetze ich seinen/ihren Avatar permanent durch das Standard »Twitter-Ei«.

Bücherfragebogen [♂] – 28

Stimmt, den angefangenen Bücherfragebogen gibt’s ja auch noch. Ich merke allerdings, dass es mir schwerfällt, einige der noch verbliebenen 10 Fragen zu beantworten – teils, weil mir dazu so viel einfällt, dass ich kaum wüsste, wie ich die Fülle der Gedanken in einem Blogartikel unterbringen soll, teils, weil ich Mühe habe, überhaupt eine Antwort zu finden. Aber Bangemachen gilt nicht, darum geht es heute hiermit weiter:

28. Zum Glück wurde dieses Buch verfilmt!
Ganz klarer Favorit: Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien in der grandiosen, opulenten, effektreichen, epischen Verfilmung von Peter Jackson aus den Jahren 2001–2003. Ich besitze die Trilogie in Buchform nicht selbst, hatte sie seinerzeit während der Oberstufe aus der Schulbibliothek meines Gymnasiums entliehen und nahezu auf einen Streich verschlungen – gefolgt von der Vorgeschichte, »Der kleine Hobbit«.

Kurz nach der Lektüre sah ich damals im Kino eine Wiederaufführung des 1978 entstandenen ersten Versuchs einer Verfilmung des amerikanischen Regisseurs Ralph Bakshi. Die Mischung aus verfremdetem bzw. nachgezeichnetem Realfilm (Rotoskopie) und neu gezeichneten Trickfilmsequenzen empfand ich als Enttäuschung. Die Bilder auf der Leinwand hatten mit denen in meinem Kopf nichts gemeinsam. Darüber hinaus endet die Handlung des Films kurz vor dem Schluss des ersten Bandes der Trilogie, die Fortsetzung wurde später nur im US-Fernsehen gezeigt.

Peter Jackson kannte ich als Regisseur schon vor seinem Durchbruch, wenn auch als Schöpfer der ziemlich kruden Trash-(Splatter-)Produktionen »Meet the Feebles« und »Braindead«, an denen ich als bekennender Freund unterhaltsamer Horrorfilme nicht vorbeikam. Beide Werke befinden sich teils deutlich jenseits der Grenze des guten Geschmacks (machen aber Fans des Genres nichtsdestotrotz Spaß).

Um so neugieriger machte mich die Ankündigung einer derart monumentalen, eher auf ein Mainstream-Publikum zielenden Filmproduktion Jacksons. Und sicher war ich dann, als es endlich soweit war, nicht der Einzige, der nach jedem der mehrstündigen Epen greinend das Kino verließ, weil die Wartezeit auf die Fortsetzung dieses Meisterwerks so endlos in der Zukunft liegen sollte. Ich habe bis heute keinen Film mit so viel Liebe zum Detail in der Ausstattung, einer so treffenden Besetzung, so grandiosen (Landschafts-)Kulissen, so famosen Masken und Kostümen und so gleichermaßen beeindruckenden wie sich der Handlung unterordnenden Special-Effects gesehen – obwohl der Kinostart des ersten Teils nun schon zehn Jahre her ist. Sicher sieht man den damals bahnbrechenden CGI-Sequenzen – z. B. jenen mit Gollum – ihren Stand der Technik aus heutiger Sicht an, aber das mindert weder den Unterhaltungswert noch die Faszination dieses Werkes. Bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die noch vor dem Buch mit dem Film in Kontakt kommen und kamen, dadurch nicht von der Lektüre des Originals abgehalten werden. Denn das lohnt es sich auf jeden Fall trotzdem zu lesen.

Unter meinen weiteren Favoriten an Literaturverfilmungen befinden sich vergleichsweise viele Stephen-King-Adaptionen, allen voran diejenige der fantastischen Geschichte »Der Nebel« – im Original kein Roman, sondern eine etwa 190 Seiten umfassende Novelle. Das – in der geschriebenen Vorlage so nicht enthaltene – Ende gehört zum gleichzeitig genialsten und beklemmendsten, was ich je in einem Film sah (wer die Chance hat, die vom Regisseur favorisierte Schwarzweißfassung zu sehen, sollte sie der farbigen auf jeden Fall vorziehen!).

Auch »Carrie« (1976, Regie: Brian de Palma, mit Sissy Spacek, Piper Laurie und dem jungen John Travolta), »Christine« (1983, Regie: John Carpenter), »The Dead Zone« (1983, Regie: David Cronenberg, mit dem genialen Christopher Walken), »Der Feuerteufel« (1984, Regie: Mark L. Lester, mit der damals 6jährigen Drew Barrymore), »Shining« (1980, Regie: Stanley Kubrick, mit Jack Nicholson) und »Friedhof der Kuscheltiere« (1989, Regie: Mary Lambert) halte ich für Umsetzungen, die den geschriebenen Vorlagen vollauf gerecht werden, wenngleich es mich mit der Zeit ziemlich strapazierte, dass nahezu jeder Regisseur dieser und weiterer Stephen-King-Verfilmungen es für nötig hielt, am Ende des Films einen »Shock Twist« (YouTube-Link zur Schlusssequenz aus Carrie) einzubauen, um den Zuschauern per Paukenschlag einzubläuen, dass das eben noch besiegte Böse mitnichten schon tot ist. Aber so kann das Böse auf Dauer auch ganz schön rumnerven.

Der komplette Fragebogen im Überblick.

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Foto: © formschub

Kalte Tipps für heiße Tage

Jetzt aber fix, heute ist der letzte Tag, an dem es noch erlaubt ist, bei der Aktion »Genussblogger empfehlen die besten Eisläden Deutschlands und der Welt« von nutriculinary mitzumachen. Und dazu habe ich – IMHO – so dies und jenes beizutragen:

1. Eismanufaktur Vanille & Marille, Berlin | 10 von 10 Punkten
Wieder mal war Twitter »schuld« an einer famosen kulinarischen Entdeckung. Es war @HilliKnixibix, die am 21. April 2011 ihre Follower anrief: »Wo gibt’s in Berlin denn das leckerste Eis?«. Eine Frage, die mich als regelmäßigen Berlinpendler sofort aufhorchen ließ. Aufmerksam verfolgte ich die Replies – und wurde von @EdibleSnail bald auf eine heiße kalte Fährte gesetzt: »In der Vanille & Marille Eismanufaktur, Hagelberger Straße 1, xberg! allerleckerstes eis ever und allerbeste sorten …!«

Beim nächsten Besuch in Berlin, die Sonne schien zwar noch zwischen Wolken hindurch, aber sie schien, machten wir uns zu zweit auf in die Hagelberger Straße. Schon von weiten markierte eine etwa 8 Meter lange Schlange qualitätsbewusster Eisfans unübersehbar die Adresse. So konnten wir die Zeit des Anstehens nutzen, um die Liste der tagesaktuellen Sorten zu studieren. Unter drei Kugeln, so befanden wir, lohne sich das Anstehen nicht – und so ließ ich mir den Becher mit Café Noir (Schokolade mit Kaffee und Sherry), Sesam mit karamellisiertem Honig und Zitrone-Zimt befüllen, mein Begleiter wählte Caramel Beurre salé, Marille aus der Wachau und ebenfalls Café Noir.

Auf den Parkplatzpollern gegenüber ließ es sich trefflich sitzen und schlecken und die Bewertung ergab Höchstnoten in allen Bereichen: üppige Kugelgröße, gemessen an Qualität und Zutaten ein angemessener Preis (1 EUR/Kugel), feine Cremigkeit ohne Kristallbildung, nicht zu süß und nicht zu sahnig, unglaublich feine und intensive Aromen und – tolle Geschmackskombinationen. Besonders angetan war ich von der ungewöhnlichen Paarung Zitrone-Zimt. Ein Sommeraroma trifft ein Wintergewürz, skeptisches Anlecken, dann jahreszeitenübergreifende Begeisterung. Für mich derzeit eine der besten Eisdielen ever. Und das hier gibt noch einen Pluspunkt dazu.

2. Svaneke Ismejeri & Café, Svaneke, Bornholm (Dänemark) | 9 von 10 Punkten
Die wundervolle dänische Insel Bornholm zählt seit 2008 zu meinen Lieblingsurlaubsorten. Neben der äußerst angenehmen Abwesenheit jeglichen neureich-penetranten Schnöseltums, wie ihm etwa auf Sylt kaum aus dem Weg zu gehen ist, weist das Eiland noch eine Vielzahl weiterer Vorzüge auf: eine überschaubare Größe, die trotzdem nie Langeweile oder Gewöhnung aufkommen lässt, unglaublich abwechslungsreiche Landschaften, traumhafte Ferienunterkünfte, vielfältige Freizeitmöglichkeiten, angenehmes Klima und eine hervorragende lokale Genusskultur mit zahllosen delikaten Inselerzeugnissen: Fleisch, Gemüse, Öle, Senf, Bier, Spirituosen, Marmelade, Lakritze, Karamell, Schokoladen und – Eis.

In dem kleinen Hafenort Svaneke an der Ostseite der Insel ist nicht nur eine Brauerei ansässig, die mit ihren köstlichen Bieren den Gaumen erfreut, sondern auch ein feines, erstklassiges Eiscafé, in dem Vibeke Bengtson und Jonas Bohn jeden Tag frisches Eis aus lokalen Rohstoffen produzieren. Sahne und Milch von Jerseykühen, die auf den Inselweiden grasen und feiner Honig aus Ibsker bilden den Grundstoff für die leckeren Milcheissorten, die dann mit Schokolade, Vanille, Bier (!), Lakritze, Mandeln oder einem Hauch von Blauschimmelkäse (!!) aromatisiert werden. Im Fruchteissortiment locken z.B. Sanddorn, Erdbeere, Himbeere, Rhabarber, Apfel.

In der selbstgebackenen Waffel oder dem Becher gereicht, kann man sodann auf dem idyllischen Hof vor dem Café oder im rückwärtigen, gemütlichen Garten die cremige Handwerkskunst der beiden Eiskonditoren verzehren. Ein Grund unter vielen, einmal Bornholm zu besuchen.

3. Gelateria und Pizzeria Cuffaro, Berlin | 8 von 10 Punkten
In Sichtweite zu dem – ebenfalls sehr zu empfehlenden – Wochenmarkt Kollwitzplatz befindet sich dieses unscheinbare kleine Eiscafé (ohne eigene Website) in der Kollwitzstraße 66 in Berlin Prenzlauer Berg. Die angebotenen Leckereien sind am besten »to go« zu verzehren, denn Innensitzplätze gibt es nur eine Handvoll und auch vor dem schmalen Bedientresen stehen im Sommer nur vier kleine Klapptische, an denen man seine Pizza oder sein Eis anders als im Stehen verzehren könnte.

Nichtsdestotrotz beherbergt die Auslage ein rundes Dutzend äußerst schmackhafter Eissorten, die sich allesamt zum Probieren empfehlen. Das Sortiment in den stählernen Containern verzichtet auf Extravaganz und Aromaexperimente – Mango, Cookies und Zimt sind hier schon das Höchste der Gefühle –, aber Geschmack, Konsistenz, Süße und Cremigkeit sind hervorragend und die Preise berlinerisch bodenständig (80 Cent/Kugel). Was will man mehr?

4. Gelateria Venezia, Regensburg | 8 von 10 Punkten
Und noch eine Urlaubsentdeckung, wenn auch diesmal innerhalb des Landes. Aus kulturellen Gründen besuche ich seit einigen Jahren die schöne Domstadt Regensburg, und zwar alljährlich zu Pfingsten. Dann lockt das Musikfestival Tage Alter Musik hunderte Klassikfreunde an die Donau, wo bei meist schönem Feiertagswetter sowohl hochklassige Konzerte als auch die famose örtliche Gastronomie die Hauptanziehungspunkte touristischer Besucher darstellen. In den Konzertpausen bieten die verzweigten Wege und Gässchen der historischen Regensburger Innenstadt vielfältige Möglichkeiten zum Bummeln, Shoppen und Genießen.

Der Drang zu Letzterem führte mich und meine Begleitung im Jahre 2000 erstmals in die Glockengasse 1 zur dort am Rande des Haidplatzes gelegenen Gelateria Venezia, die mit ihrer reichhaltigen Auslage vorbeiflanierenden eisaffinen Passanten das Wasser in den Mund treibt. Für die konservativen Genießer sind alle eisdielentypische Sorten vertreten, Freunde der gemäßigten Avantgarde können ihre Waffel mit Kompositionen wie »Bianco e Nero« (Sahneeis mit Schokoladencreme meliert), geröstete Mandel oder Erdbeer-Joghurt aufpeppen. Und wer vom Eis dann Durst bekommen hat, findet in Regensburg genug zünftige Biergärten, um auch diesen auf genussvolle Art wieder zu löschen. Aber das sind dann wieder andere Empfehlungen.

5. Eiscafé Il Gelato, Hamburg | 7 von 10 Punkten
Auch in meiner Wohn- und Arbeitsstadt überkommt mich manchmal die Lust auf ein gepflegtes Speiseeis. Bei der Durchfahrt mit dem Fahrrad entdeckte ich in der Dorotheenstraße 182 im Stadtteil Winterhude dieses außergewöhnlich sortenreiche Hamburger Eiscafé. Etwa 30 Sorten befinden sich ständig im Verkauf, vom fruchtigen Grapefruitsorbet über sahniges, mit großen dunklen Schokobrocken gespicktes Straciatella (m.E. die »Visitenkarte« eines guten Gelatiere) bis hin zu außergewöhnlichen Sorten wie Zeder (zitronig-tannennadelartiges Aroma), Maroni (Esskastanie), Erdnuss, Ingwer (ebenfalls mit Dunkelschokoladensplittern), Pflaume oder Marzipan.

Jede bisher probierte Sorte konnte mich (und andere) bisher überzeugen, die Aromen schmecken so, wie sie heißen (das ist nicht immer so, versucht mal, mit geschlossenen Augen eine unbekannte Sorte zu erraten!), das Eis ist gleichfalls nicht zu süß und mit 1 EUR pro ansehnliche Kugel angemessen kalkuliert. Squisito!

Update 01 – 06.06.2011: Fortuna war mir hold und ich wurde tatsächlich als Gewinner des Eisgutscheins ausgelost, worüber ich mich sehr freue. Natürlich wird der Gutschein bei meinem Favoriten-Eisladen »Vanille & Marille« in Berlin verschleckt werden. Heiß genug ist es ja derzeit.
Am vergangenen Wochenende testeten wir aus der nutriculinary-Liste den für Hamburg gelisteten Tipp »Eisliebe«, Eppendorfer Weg 170 im Stadtteil Hoheluft und können uns der Empfehlung nur anschließen. Aus 12 Sorten konnten wir wählen und entschieden uns für Schokolade, Othello (Kokos mit Schokoladensplittern), Gianduja, Pampelmuse, Crème Brûlée und Mandelkrokant. Ich vergebe 7,5 von 10 Punkten – und war dort bestimmt nicht zum letzten Mal!

Update 02 – 27.09.2011: Obwohl der Sommer kein richtiger Sommer war (ungeachtet der abweichenden Meinung von Statistikern und Meteorologen), so gab es doch reichlich Gelegenheiten zum Eisessen. Und so möchte ich für die goldenen Herbsttage mit Schleckeignung noch einen Neuzugang für Hamburg vermelden: Delzepich Eis in Hamburg-Winterhude, benannt nach einem früheren lokalen Milchhändler. Täglich werden hier während der Saison aus frischer Landmilch vom Bauern Kruse und natürlichen Zutaten etwa ein halbes Dutzend Sorten leckeres, sahnefreies Eis gekocht. Ich habe probiert und kann Delzepichs Slogan nur zustimmen: »Pures Glück« – 8 von 10 Punkten.

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Foto: © formschub

Habt keine Angst

Es ist ein seltsamer Ort, an dem die Menschen auf den Zeichnungen von John Kenn leben. Dort gibt es keine Farben, außer ein fahles Gelb und ein dämmriges, an Schwarz erinnerndes Grau. Ab und zu sieht man auch Erwachsene, aber meist sind es Kinder. Seltsam unbeteiligte Kinder – obwohl ihnen auf Schritt und Tritt unheimliche Gestalten begegnen: Geister, Monster, Trolle, Dämonen, Kobolde, Vampire. Manchmal scheint es, als gehörten die gruseligen Begleiter mit zur Familie.

Ich stelle sie mir still vor, diese Welt, es ist üblich, flüsternd zu sprechen. Der Himmel ist dauernd mit Wolken verhangen, ständig verspricht die Sonne, bald durch den diesigen Schleier zu brechen, doch gehalten hat sie dieses Versprechen noch nie. Auch bleibt der Ort nicht von Grausamkeiten verschont, es gibt Bluttaten, Ängste und Gefahren, doch ereignen sie sich heimlich, vom Betrachter unbemerkt, er kommt als Zeuge stets entweder zu spät oder zu früh.

Gefunden habe ich den Eingang zu der faszinierenden Welt John Kenns, dessen Zeichnungen mich an Borislav Sajtinac, Gahan Wilson und Maurice Sendak erinnern, beim Stöbern in meinem Lieblingstumblr für weirde Bildwelten, 2headedsnake. Ihr solltet warten, bis es dunkel ist, ehe Ihr dort vorbeisurft. Es lohnt sich.

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Illustration: © John Kenn