Wieso »leider«?

EM-Oase

»(…) Die Fahnen, der Jubel, das Hupen – sollen sie von mir aus alles machen. Schließlich bin ich tolerant. Ich habe nichts gegen Menschen, die sich an einem Gummiband befestigt eine Brücke hinunterstürzen oder Geld dafür bezahlen, sich auspeitschen zu lassen. Warum sollte ich etwas gegen Fußballfans haben? (…)«

Besser als in diesem Auszug aus dem »Tagebuch eines EM-Verweigerers« im boschblog könnte ich es auch nicht formulieren, daher hier die herzliche Aufforderung an alle Gleichgesinnten, dort weiterzulesen. Weitere Tipps zu EM-freien Gastrorefugien, Kneipenoasen und Biergartenasylen in Hamburg und Berlin nehme ich gern im Kommentarbereich entgegen.

Amrum (IV)

Boje

Sonne und Wind. Die Luft schmeckt nach Salz. Mit dem Rad durch die Dünen, es rauscht in den Ohren, nur die sich überschlagenden Vogelschreie dringen hindurch. Am Strand weiter zu Fuß, hier ist die Brise noch schärfer. Die meisten Naturwanderer kommen uns entgegen, Frühaufsteher kehren eben eher zurück. Am nördlichsten Punkt der Insel wechseln wir für den Rückweg über auf die Westseite der Landzunge.

Hier legt der Wind noch einmal zu, mit jedem Schritt durch den weichen, nachgebenden Sand, frontal gegen den stetigen Luftstrom, wird der Spaziergang zum merklichen Kraftakt. Wir wandern über einen Teppich aus Muscheln und Steinen, spüren das Knirschen und Splittern unter den Sohlen, aber um es zu hören, ist der Wind viel zu laut. Einfach gehen, auch mal ohne zu reden. Der helle Sand gleißt unter der Sonne, einige flüchtige Schleier wehen wie lebendig über die breite Strandebene. Ab und zu verdunkeln Wolken die Sonne, aber es bleibt trocken. Friesenwetter. Am Horizont hüpfen vereinzelt dunkle Silhouetten auf der Wasserlinie hin und her: Wind- und Kitesurfer, für sie ist das stürmische Wetter ein Segen.

Buntgewürfelt, verstreut kommen im Grünbeige der Landschaft Anzeichen für das Ende des Rundweges in Sicht: Strandkörbe, Surfbretter, ein verwitterter Kiosk. Der Wind läßt uns los, wird hinter der Düne zum Säuseln, zerzaust nur noch die Haare. Der Kopf ist frei.

Amrum (III)

Regenbogen

Ich merke, dass ich im Urlaub »angekommen« bin, wenn ich Zugang zu den Dingen hinter den Dingen erhalte. Das Bedürfnis, Sehenswertes zu besichtigen oder bestimmte Orte aufzusuchen, tritt plötzlich zurück hinter dem Gefühl, ganz gelassen jeden Moment zu genießen und einfach nur dort zu sein, wo man gerade ist. Das Reiseziel ist dann auf einmal mehr als eine fremde, bunte Kulisse, die besichtigt und ausgekundschaftet wird. Und dann ist es auch völlig okay, wenn der Tag nicht aus Plänen, Zielen und Ereignissen besteht, sondern nur ganz easy vor sich hinpassieren kann.

So war es heute. Ein heftiger Wolkenbruch während der Radtour wird dann eben in einem Unterstand überbrückt, die Einkehr in einen Strandkiosk am Rande des südlichen Kniepsandes kann sich mit Reden, Schauen, Sonnen und Sitzen auf Stunden erstrecken, ein kleiner Grillimbiss wird durch einen Plausch mit der Frittierfachkraft belebt und der Fotoapparat wird ohne Reue den ganzen Tag nicht benutzt.

Das »Ual Öömrang Wiartshüs«, wo wir gestern abend zu Gast waren, liegt nur fünf Minuten entfernt vom Hotel. Und es war gut. Warum also nicht wieder? Und nach dem erneut köstlichen Essen lässt sich die Chefin auf eine Zigarette am Nebentisch in der sich leerenden Gaststube nieder, spendiert einen Wacholderschnaps, raucht dem wohlverdienten Feierabend entgegen und erzählt so offen und freundlich von ihrem Gasthaus und aus ihrem Leben, als ob wir schon seit Jahren bei ihr einkehren würden.

Schön hier.

Amrum (II)

Möwe

Tag 2 auf Amrum. Gleich nach dem üppigen Frühstücksbuffet ist das Ausleihen zweier Fahrräder beim hoteleigenen Verleih unausweichlich, um die Kalorienbilanz vertretbar zu halten. Über den etwas schotterigen, aber landschaftlich schönen Waldradweg Richtung Süden strampeln wir der ältesten Siedlung Amrums, Nebel, entgegen. Der erste Zwischenstopp an einer Aussichtsdüne belohnt mit einem weiten Rundblick fast über die ganze sonnige Insel.

Einige Kilometer weiter parken wir die Räder erneut für einen kurzen Abstecher über den »Kniepsand«, einen kilometerbreiten, weitläufigen Sandstrand, bis direkt ans windbewegte Meer. Ein paar Urlauber haben Strandkörbe belegt, auf den leerstehenden sonnen sich Möwen, aber baden will bei 17 °C Wassertemperatur niemand.

Wir steigen wieder aufs Fahrrad und radeln zur nächsten Station unserer Tour, der 1240 erstmals erwähnten Kirche St. Clemens in Nebel. Neben den vielen schönen, uralten und aufwendig gemeißelten Seefahrergrabsteinen auf dem umgebenden Friedhof fasziniert mich vor allem das vor dem Altar ausliegende Gästebuch, in dem zahllose Besucher Einträge hinterließen – von jugendlicher Begeisterung (»Die Kirche ist super!«) über praktische Hinweise (»Man darf auch auf den linken Seiten schreiben«) bis zu fast intimen, sehr persönlichen Schicksalsberichten. Das meistgeschriebene Wort ist aber eindeutig »Danke«.

Bei der nachfolgenden Ortsbesichtigung geht seltsamerweise vom örtlichen Fischgeschäft die größte Anziehungskraft aus. Schuld daran ist die ungeniert aushängende Tafel mit den angebotenen knusprigen Zwischenmahlzeiten. Wie in Trance ordern wir zweimal Backfisch mit Pommes. Im lauschigen Garteneck des Café Nautilus planen wir für die Rücktour nach Norddorf eine Strecke entlang der sehenswerten Wattküste zu nehmen und nach kurzer Aufbruchsverzögerung durch einen sommerlichen Platzregen sind wir bald darauf zurück im Hotel.

Wer auf Amrum Rad- und Wandertouren plant, kommt an den seltsamen Straßennamen nicht vorbei: Oodwai, Degelk, Lunstruat, Poppenaanj, Neistigh und Ledj Nuurd – was aussieht wie verzweifelte Wortkreationen beim Scrabble, hat altfriesische Wurzeln und findet sich auch bei der Benennung vieler Wirtshäuser wieder. So auch beim »Ual Öömrang Wiartshüs«, in dem wir heute zu Abend essen. Hier bedient die wohlbeleibte Chefin noch mit, und nicht nur sie, sondern auch die reichlich portionierten Gerichte (»Omas Fischpfanne«) passen perfekt zum rustikalen Friesen-Wohnstuben-Flair der gemütlich eingerichteten Kate. Hier kommen wir gern ein zweites Mal her.

Ein weißer Fleck …

Amrum

… auf meiner Deutschlandkarte war bislang die Nordseeinsel Amrum. Durch wärmste Empfehlungen genußfreudiger Freunde kam das nordfriesische Eiland nun auf die Kurzurlaubsliste. Neben Reisen nach Seeland, Großbritannien und Bornholm wird 2008 damit für mich endgültig zum »Jahr der Inseln«.

Mit dem Zug von Hamburg nach Norddeich-Mole und von dort aus mit der mehrmals täglich verkehrenden Fähre übergesetzt, dauert die rund 160 km weite Reise ohne längeren Aufenthalt etwa fünf Stunden. Das erste, was mir am frischen, friesischen Klima nach der Ankunft hier auffiel, war der weiche, fast seidige Wind. Ganz anders als manch schneidige Brise, die sonst an nordischen Küsten die Haare zerzaust. Das Spektrum an Urlaubern ist breit gefächert. Von Familien mit Kindern über »Vaddi und Muddi«, die sich ihre Endfünfziger mit ehrlich erarbeiteter Inlandserholung versüßen und launig-tantige Damenreisegruppen bis hin zum gut situierten Seniorenpärchen spannt sich der Bogen der Inseltouristen.

Alles ist hier so schön überschaubar. Ein Rundgang durch Norddorf, der Destination unserer Reise, dauert gerade mal dreißig Minuten, die Fußgängerzone bietet in Sichtweite allerhand Lädchen und vom Fenster unseres Appartements im gediegenen, alteingesessenen Hotel Hüttmann können wir fast den gesamten Ort übersehen. Ziel für das Dinner am ersten Abend ist das Restaurant Deichgraf, direkt gegenüber – ebenfalls auf Empfehlung von Freunden. Mit dunklem Holz und freundlich orange-weißen Wänden wirkt der helle Gastraum auf Anhieb gemütlich.

Eine buttrig-würzige Currysuppe mit Krabben und ein sahniges Matjestatar auf einer Scheibe Pumpernickel bilden den gelungenen Auftakt zum Hauptgang: Steinbuttfilet an Safranfenchelgemüse und Kartoffel-Oliven-Püree mit Champagnerrahmsauce. Trotz der etwas dezenten Würzung des Fenchels und des recht üppig portionierten Pürees eine sehr empfehlenswerte Küche, in der goldenen Mitte zwischen guter Hausmannskost und kulinarischem Chichi. So, Amrum, kann’s weitergehen.