Bornholm, Tag 4

Der anhaltende und sogar noch etwas auffrischende Wind war es, der die Wanderroute fĂŒr den heutigen Tag quasi alternativlos machte: in der NĂ€he des kleinen Fischerdörfchens Vang ist die WestkĂŒste der Insel steil und schroff und eine Felsformation namens »Jons Kapel« markiert dort einen besonderen Anziehungspunkt fĂŒr Wanderer und Touristen. Die Klippen sind nach einem Missionar, Prediger und Einsiedler benannt, der die Höhlen dort bewohnt haben soll. Jo(h)n war ein Mönch aus Irland, der im frĂŒhen Mittelalter nach Bornholm kam und sich der Legende nach in den Höhlen an den Klippen niederließ, die spĂ€ter seinen Namen tragen sollten:

Heute fĂŒhrt eine 171 Stufen lange Treppe die Klippen der Bornholmer WestkĂŒste hinab zur Predigerkanzel genannten Felsformation. Von dort aus soll der Prediger zu den Bornholmer Fischern (damals noch Heiden) gepredigt und Ihnen den Segen mit auf See und zu ihren Fischfahrten gegeben haben. Weiter in Richtung SĂŒden findet man drei Höhlen, in denen er gelebt haben soll. Eine Höhle nennt sich der Kirchenraum oder die Kapelle. Die anderen Höhlen tragen Namen wie Speisekammer, Sakristei, Esszimmer und sogar Schlafzimmer – eine ganze Wohnung also fĂŒr den Mönch.

Quelle: bornholm-ferien.de

Vor Beginn der Wanderung machten wir zwecks Einkauf fĂŒr die Abendverpflegung noch einen Abstecher zum etwas abgelegenen Hofladen »Hallegaard«, der nicht nur ein außergewöhnlich schönes Logo, sondern auch hervorragende Fleisch- und Wursterzeugnisse von Tieren aus eigener Haltung anbietet. Zwei schöne T-Bone-Steaks sollten es sein, dazu besorgten wir noch Karotten fĂŒr ein feines OfengemĂŒse. Das alles wurde in einer KĂŒhltasche deponiert und zurĂŒck ging’s zum Ausgangspunkt der Wanderung.

Schon auf dem Weg zu Jons Kapel kamen wir an felsigen, steilen AbhĂ€ngen vorbei, ĂŒber denen zahllose Möwen und andere Vögel im Wind segelten. Ich habe oft an solch stĂŒrmischen Tagen das GefĂŒhl, dass manche Vögel, obwohl sie ja vom FlĂŒggewerden an nichts anderes kennen, ihre FĂ€higkeit zu fliegen noch einmal ganz besonders genießen und ihnen dabei zusehen zu dĂŒrfen, macht mich fast schon ein bisschen neidisch.

In dieser Jahreszeit ist die Insel ĂŒberall ĂŒppigst am BlĂŒhen. Die SchlehenbĂŒsche, noch ganz ohne BlattgrĂŒn, besten vor kleinen weißen BlĂŒten, man sieht Veilchen, die purpurnen Schöpfe des Knabenkrauts, Sumpfdotterblumen, Raps, Löwenzahn, Buschwindröschen, blĂŒhende Kirsch- und ApfelbĂ€ume, Taubnesseln und Vergissmeinnicht. Im FrĂŒhling und FrĂŒhsommer ist Bornholm ein Paradies.

An Jons Kapel angekommen, verwunderte uns, dass keine anderen Besucher den Weg an diesen besonderen Punkt gefunden hatten. Der Himmel war strahlend blau, die Böen peitschten das Meer gegen die steil aufragenden Felsen und auch hier segelten die Möwen im Wind. Gute zehn Minuten standen wir allein unten am Fuß der hölzernen Stiegen und auf den zugĂ€nglichen FelsvorsprĂŒngen, ehe sich ein einzelnes weiteres Wandererpaar nĂ€herte. Aber da hatten wir schon genug gesehen und fotografiert und machten uns an den (Ă€chz!) etwas anstrendenden Aufstieg vom Ende der sehenswĂŒrdigen »Sackgasse« zurĂŒck auf die Wanderroute.

Die RĂŒckkehr zum Parkplatz am Ende der Strecke war nur noch einige hundert Meter weit und von dort aus (ratet!) fuhren wir schnurstracks zurĂŒck in den Unterkunftsort, um unserer »Stammkneipe« den obligatorischen Belohnungsbesuch nach dieser heute 7,1 km langen Tour (Komoot-Link) abzustatten. Mittlerweile erkannte man uns schon wieder und das Personal freute sich sichtlich ĂŒber die angehenden StammgĂ€ste.

Wieder daheim, machten wir uns an die Zubereitung des Essens, die aufgrund der naturbelassenen Zubereitung schnell erledigt war. Noch etwas KrĂ€uterbutter wurde angerĂŒhrt, dazu ein BĂ€rlauch-Dip fĂŒr die Ofenkarotten und nach knapp 40 Minuten konnte serviert werden. Im Heimkino lief heute »The Favourite«, den ich vor gut zwei Jahren schon einmal auf Englisch gesehen hatte, aber gerne auch noch einmal in der deutschen Fassung sehen konnte.

Danach, noch gefĂŒhlt mit dem Wind in den Haaren, ins Bett.

Bornholm, Tag 3

Heute ließen wir das Auto mal stehen und beschlossen eine Wanderung, die direkt am Ferienhaus ihren Ausgangs- und Endpunkt hatte: Von der Unterkunft aus fĂŒhrte sie zunĂ€chst hinunter zum örtlichen Strand und von dort aus durch die DĂŒnen hinauf auf die felsige KĂŒstenlinie des »Hammeren« (auch »Hammerknuden« oder nur »Hammer«), der Nordspitze der Insel. Vorbei an historischen Ruinen, an meerumtosten Klippen (es war immer noch ziemlich windig), an knorrigen, von Efeukorsetten eingezwĂ€ngten BĂ€umen und immer wieder mit einer fantastischen Aussicht auf das Meer Richtung Nordwesten. Der böige Wind war eine zustzliche Herausforderung an manchen schmalen Pfadpassagen, aber als geĂŒbte Wanderer und mit gutem »Schuhwerk« war das kein Problem. Etwas ĂŒber 11 km lang war die heutige Strecke (Komoot-Link), so dass sich der Bierdurst, trotz der mitgefĂŒhrten Wasserflaschen, gegen Ende schon etwas drĂ€ngender meldete. Auf dem Weg ĂŒbers Feld auf der letzten Etappe der Strecke lag am Wegesrand der teilweise skelettierte Kadaver eines Hasen oder Kaninchens. Mich fasziniert bei solchen Funden jedes Mal aufs Neue der fantastische und perfekte Recycling-Ansatz der Natur, der totes Leben binnen kĂŒrzester Zeit wieder in den Stoffkreislauf zurĂŒckfĂŒhrt. Etwas abstoßend ist das fĂŒr mich meist nur kurz zu Beginn, solange ein totes Tier noch blutig oder entstellt daliegt, danach ĂŒberwiegt das sachliche Interesse.

ZurĂŒck zum Bierdurst: Der Mann hatte spontan am Vorabend wĂ€hrend unseres Umtrunkes einen Blick in die Speisekarte des Bierlokals geworfen und einen Tisch reserviert, die kreativen und vortrefflich klingenden SmĂžrrebrĂžd-Kreationen hatten es ihm angetan. Und so konnten wir uns nach der Ankunft in der ȯlstauan« nicht nur auf frisch gezapfte Inselbiere freuen, sondern auch auf eine köstliche Mahlzeit. Ich entschied mich fĂŒr SmĂžrrebrĂžd mit Eismeerkrabben, Kaviar, Zitrone, Mayonnaise und Ei sowie Schweinebraten mit kaltem Rotkohl und Orangenscheiben, der Mann nahm SmĂžrrebrĂžd mit gebratenem Fisch, Krabben und grĂŒnem Spargel und Roastbeef mit geraspeltem Meerrettich, Röstzwiebeln und Kapern. Ich bin ja spĂ€testens seit meinem zweimaligen Besuch im grandiosen Kopenhagener Craft-Beer- und SmĂžrrebrĂždrestaurant »Selma« der Ansicht, dass ein Lokal mit dem Angebot »Craft-Bier & kreative SmĂžrrebrĂžd-Kombinationen« auch in einer deutschen Stadt wie Hamburg oder Berlin sehr gut ankommen wĂŒrde. Vielleicht nimmt sich ja demnĂ€chst mal ein hiesiger Startup-Gastronom dieser Idee an – ich wĂ€re bald ein Stammgast!

Nach der RĂŒckkehr in die »eigenen« vier WĂ€nde stand heute ein Science-Fiction-Klassiker auf dem Abendprogramm: »The Thing« in der Originalverfilmung von 1951. Schwarzweiß, recht kurz und aus heutiger Sicht etwas betulicher, zahlreicher besetzt und deutlich dialoglastiger als das doch drastisch blutigere Remake John Carpenters (1982) oder das gelungene Prequel aus dem Jahre 2011, aber durchaus sehenswert und ein Klassiker des Genres. Dennoch war der Film fĂŒr heutige Sehgewohnheiten nicht gruselig genug, um schlechte TrĂ€ume anzustoßen, und so war eine gute Nacht nach diesem sportlichen Tag absehbar.

Bornholm, Tag 2

Der einzige Unterschied im Tagesablauf vor dem Aufbruch zur heutigen Wanderung war, dass wir das TerrassenfrĂŒhstĂŒck auf der windabgewandten Seite des Hauses einnahmen. Zum einen scheint dort auch vormittags schon die Sonne, zum anderen hatte der Wind deutlich aufgefrischt, so dass es auf der gestrigen Hausseite zu kĂŒhl gewesen wĂ€re.

Die Wanderroute heute (Komoot-Link) im Nordosten der Insel ging entlang der steilen Felsklippen »Helligdomsklipperne« und durchs »DĂžndalen« genannte Tal, mit gut 6,5 km eine eher kurze Route, aber dafĂŒr nicht minder abwechslungsreich – blĂŒhende Wiesen, grellgelbe Raspfelder, viel Auf-und-Ab. An einer Stelle lag ein umgestĂŒrzter Baum ĂŒber dem Wanderweg, aber eine (nachtrĂ€glich gegrabene?) Senke im Waldweg machte das geduckte Passieren ohne weiteres möglich. Der Himmel war heute etwas bedeckter und der frische Wind hielt sich ebenfalls. Der Weg war fast ĂŒber die gesamte Strecke von BĂ€rlauch gesĂ€umt, was wir dazu nutzten, zwei ordentliche Handvoll BlĂ€tter fĂŒrs geplante Abendessen zu ernten, dazu etwa 200 noch geschlossene BlĂŒtenknospen, teils zum »Einkochen« und teils zum Anbraten fĂŒr feine FrĂŒhstĂŒcksomelettes an den kommenden Tagen.

Am Ende der Wanderung: Einkehr im Bierlokal ȯlstauan«, wo an 18 ZapfhĂ€hnen ausschließlich Biere ausgeschenkt werden, die auf Bornholm gebraut werden. Nach der ausgiebigen Erfrischung dann Heimkehr in die Unterkunft. Nachdem ich zwei kleine leere MarmeladenglĂ€ser mit den gewaschenen BĂ€rlauchblĂŒten gestopft hatte, um diese dann, mit Olivenöl ĂŒbergossen, im Backofen bei 160 °C zu garen und gleichzeitig zu konservieren, bereiteten wir das Abendessen zu: Lachsfilet auf der Haut gebraten und anschließend im Ofen unter einer BĂ€rlauch-Parmesan-Pinienkern-Eiweiß-Haube ĂŒbergrillt, dazu SpinatgemĂŒse. Da es schon spĂ€t war, blieb nach dem Essen zu wenig Zeit fĂŒr einen ganzen Spielfilm, deshalb diesmal zur Unterhaltung erneut eine Folge »Absolutely Fabulous« zum sich-bettschwer-Lachen.

Bornholm, Tag 1

Unsere TagesablĂ€ufe in Urlauben wie diesen sind eigentlich im Grunde meist sehr Ă€hnlich: Ohne Wecker schlafen, bis von selbst aufgewacht wird, duschen, bei geeignetem Wetter ausgiebiges FrĂŒhstĂŒck draußen auf der großen Terrasse. Danach ein bisschen am Rechner »schaffen«, lesen, Musikhören und anderer Zeitvertreib, derweil der Mann in seiner Wander-App die tĂ€gliche Ausflugsroute plant.

Die Wanderung ĂŒber rund 8 km fĂŒhrte in das Waldgebiet »Paradisbakkerne« (Komoot-Link), vorbei an idyllischen Waldseen, durch schattige Schluchten und ĂŒber kraxelige HĂŒgelkĂ€mme, z.T. mit in den Fels gebauten Treppenstiegen bis zum Endpunkt: der bereits erwĂ€hnten FischrĂ€ucherei, wo nicht nur ein, zwei kĂŒhle Biere auf uns warteten, sondern auch das dortige famose »All-you-can-eat«-Fischbuffet –genossen an einem Daußensitzplatz mit direktem Blick auf Felsen, KĂŒste und Meer. Perfekt!

Durch das recht frĂŒhe Abendessen blieb dann noch reichlich Zeit in der Unterkunft fĂŒr einen großen Film. Heute fiel die Wahl auf den Director’s Cut von »Amadeus«, den ich schon lange im Urlaubs-DiscmĂ€ppchen mitfĂŒhrte, aber der durch die extreme Laufzeit von 160 Minuten lange ungesehen blieb. Diesmal passte es. Ein genialer Film und der AbrĂ€umer bei den Academy-Awards 1985: Bester Film, bester Hauptdarsteller, beste Regie, bestes adaptiertes Drehbuch, bestes KostĂŒmdesign, bester Ton, bestes Szenenbild, bestes Make-up/Frisuren, bester Hauptdarsteller, beste Kamera und bester Schnitt.

Und ich vergebe hiermit noch einen Oscar fĂŒr diesen ersten Tag.

Mal wieder Bornholm 


Zum achten, zehnten oder zwölften Mal? Egal, ich zĂ€hle ja auch nicht, wie oft ich mein Lieblingsgericht esse oder meinen Lieblingsfilm schaue. Die Anreise in Richtung meiner Lieblingsinsel jedenfalls war diesmal sehr gemĂŒtlich: Ich fuhr am Freitag mit dem Zug von Hamburg nach Ostseebad Binz, wo ich gegen Abend mit dem Mann und seinem Auto, angereist aus Berlin, zusammentraf. Übernachtung im Hotel, zuvor ein kleiner Rundgang durch den Ort, Abendessen und Willkommensbier(e) im Braugasthaus »DoldenmĂ€del« und danach noch ein kleiner Abstecher zur abendlich sehr stimmungsvoll indirekt beleuchteten SeebrĂŒcke. Im Hotelzimmer konnten wir erfolgreich das MacBook an den Hotelzimmerfernseher anschließen und gönnten uns noch eine Folge »Absolutely Fabulous« als heiteres Betthupferl.

An nĂ€chsten Morgen nach dem FrĂŒhstĂŒck mussten wir dann nur eine Viertelstunde Autofahrt nach Sassnitz hinter uns bringen und konnten anschließend auf der (recht vollen) FĂ€hre gut drei Stunden die Überfahrt ohne weitere Autokilometer genießen.

Nach dem Anlegen in RĂžnne sorgte ein kurzer Zwischenstopp beim großen »Kvickly«-Supermarkt fĂŒr die ErstbefĂŒllung des KĂŒhlschranks, anschließend nochmal knapp 20 km Fahrt in den Ă€ußersten Norden der Insel zur Unterkunft, unserem »Stammferienhaus« in der NĂ€he des Örtchens Allinge, wo wir einen weiteren Zwischenstopp am LadengeschĂ€ft der FischrĂ€ucherei einlegten und uns mit köstlichen hausgemachten Salaten fĂŒrs Abendessen eindeckten. Dann am Haus schnell das Auto entladen, die Betten beziehen (nichts ist lĂ€stiger als das erst spĂ€t abends direkt vor dem Schlafengehen machen zu mĂŒssen) und dann noch mal raus an die frische Luft zu einem kleinen Rundgang mit Endpunkt in der »Underbar«, dem Craft-Beer-Ausschank in einem der örtlichen Hotels. Zum Abendessen dann ein großes FischsalatbĂŒffet im Wohnzimmer und eine Doppelfolge »Picard«.

Angekommen.

Uhrschlamm

Letzte Woche, wĂ€hrend meines Kurzurlaubs in MĂŒnchen, war ich in grĂ¶ĂŸerer Runde zu Gast im »Giesinger BrĂ€ustĂŒberl«. Es war ein semi-geschĂ€ftliches Treffen mit dem Mann, am Vorabend einer Statistiker-Konferenz und es gab deftige Speisen und reichlich bayerisches Bier. Gegen Ende der Tafelrunde wurde ich erstmals Zeuge, wie einer der GĂ€ste mit seiner Apple Watch seine Rechnung beglich. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber am Tisch entwickelte sich daraufhin ein kurzes GesprĂ€ch ĂŒber Armbanduhren – wer (noch) keine Smartwatch hat, wer besitzt eine »normale« Uhr, mit der man nichts bezahlen kann, wer trĂ€gt keine und aus welchem Grund nicht, beziehungsweise wer trĂ€gt eine und wieso.

Ich trage seit mindestens 20 Jahren keine Armbanduhren mehr, hauptsĂ€chlich aus zwei eher praktischen GrĂŒnden: seit ich stĂ€ndig ein Handy bzw. Smartphone bei mir habe, geschehen fĂŒr mich der Zugriff und der Blick aufs Display nahezu genauso schnell wie das Hochschieben des Ärmels und der Blick auf die Armbanduhr. Außerdem hat sich auch die Anzahl der Uhren im privaten und öffentlichen Raum gefĂŒhlt vervielfacht: auf dem Computermonitor, an der Mikrowelle, auf der Wanduhr, an Straßenkreuzungen, Ladenfassaden, in Schaufenstern, an Haltestellen und Bahnhöfen – ĂŒberall sind analoge und digitale Zeitmesser anzutreffen. Man muss nicht mehr nach der Uhrzeit suchen, man wird quasi von ihr auf Schritt und Tritt verfolgt.
Der zweite Grund ist, dass mich mit den Jahren – insbesondere in warmen Sommermonaten – das schwitzige GefĂŒhl unter dem Armband und die damit verbundene unweigerliche allmĂ€hliche Ansammlung von »Schmulk« auf und an dem Riemen störte, ich fand es zunehmend unangenehm und unhygienisch, egal, ob es ein metallenes Gliederarmband war oder eines aus Leder, Kunststoff, Gummi oder Stoff.

Das GesprĂ€ch am Wirtshaustisch erinnerte mich jedoch daran, dass ich einst ein begeisterter ArmbanduhrentrĂ€ger war, mir oft und gern ausgefallene Uhren zulegte und sie regelrecht »sammelte«. Mit »ausgefallen« meine ich keineswegs teuer. Nobeluhren interessieren mich nicht die Bohne, ĂŒberteuerte Protzchronometer lassen mich kalt. Nicht, weil sie außerhalb meines Budgets liegen – selbst wenn ich alles Geld der Welt besĂ€ĂŸe, wĂŒrde ich mir keine Luxusuhr zulegen. Geh weg, mir egal, kein Interesse, langweilig, passt nicht zu mir.

Mein »ausgefallen« ist anders definiert: originell, formschön und auffĂ€llig – aber nicht schrill. Und tatsĂ€chlich bewahre ich in einer Schublade die schönsten meiner Uhren immer noch auf. Obwohl ich sie nicht mehr trage, konnte ich mich bisher nicht davon trennen. Alle sind noch funktionstĂŒchtig, wenngleich ohne Batterien gelagert. Es folgt nun ein kleiner Blick in mein privates »Uhrenmuseum«, ungefĂ€hr in der Reihenfolge ihrer damaligen Anschaffung:

1983 brachte der japanische Uhrenhersteller SEIKO eine kleine Sensation auf den Markt: eine der ersten Digitaluhren mit Matrix-Display, etlichen Zeitmess- und Alarmfunktionen und – einem Textspeicher! Man konnte in sieben »Memo-Channels« jeweils einen alphanumerischen Textschnipsel mit sagenhaften 16 Zeichen LĂ€nge ablegen, also insgesamt 112 Zeichen SpeicherkapazitĂ€t, das reichte manchmal sogar fĂŒr einen elektronischen Spickzettel. Dieses Nerdjuwel musste ich unbedingt haben und so setzte ich die »Multi-Memory-Watch« D409 S auf meinen nĂ€chsten Geburtstags-Wunschzettel – und wurde nicht enttĂ€uscht.

Etwa zur gleichen Zeit begann der Siegeszug der »swatch« Plastik-Uhren. Die Uhr wurde zum erschwinglichen Modeaccessoire, jedes Jahr gab es neue Modelle mit schlichten oder exzentrischen Designs, in gedeckten Farben oder kunterbunt. Ich besaß etwa 5–6 davon, manche habe ich als »SammlerstĂŒcke« nie getragen, in meiner Uhrenschublade befindet sich inzwischen keine mehr. Eine, an die ich mich aufgrund dieses Fotos noch erinnern kann und die ich eine Zeitlang trug, war das Modell »Pinstripe« aus der Spring Summer Collection 1985.

Von dem ebenfalls in der Schweiz ansĂ€ssigen Uhrenhersteller MONDAINE kam 1986 die Handgelenksversion der klassischen »Bahnhofsuhr« auf den Markt. Bis heute finde ich es ein bisschen schade, dass es nicht gelang, von der großen Mutter-Uhr auch das typische kurze Verharren des Sekundenzeigers auf der »Zwölf« und den nachfolgenden kleinen Ruck des Minutenzeigers zum nĂ€chsten Markierungsstrich auf die Armbanduhr-Version zu ĂŒbertragen. Die Uhr wird bis heute in leicht verĂ€nderter Form immer noch produziert. Ein Klassiker.

Dass man gar nicht unbedingt komplett sichtbare Zeiger oder Zahlen und Markierungen auf dem Zifferblatt braucht, beweist dieses schöne und schlichte Exemplar, das mir bis heute ausgesprochen gut gefĂ€llt. Ein Hersteller oder Fabrikat ist auf dem GehĂ€use nicht vermerkt. Ein besonderes Detail sind die beiden weißen Segmente des Stunden- und Minutenzeigers – sie wurden phosphoreszierend beschichtet und glĂŒhen blassgrĂŒn im Dunkeln. Das GehĂ€use ist tatsĂ€chlich nicht aus Kunststoff, sondern aus mattschwarz beschichtetem Metall.

Als Modell fĂŒr Menschen mit guter Sehkraft (in der Schublade ohne Armband aufbewahrt) prĂ€sentiert sich dieses originelle chromglĂ€nzende Exemplar mit seinen zwei winzigen ZifferblĂ€ttern, eins fĂŒr Stunden und Minuten und eins nur fĂŒr die Sekunden. Auch hier wurde verstĂ€ndlicherweise aus PlatzgrĂŒnden auf Zahlen und Markierungen verzichtet. Auf der RĂŒckseite des GehĂ€uses ist der Schriftzug »MODERN TIME« eingraviert, es handelt sich wohl um eine Mode-Uhr – nicht besonders kostspielig, aber trotzdem schön schlicht und in puncto Design mit dem »gewissen Etwas«, wie ich nach wie vor finde.

An Wanduhren und Wecker der 1970er Jahre erinnert dieses deutlich spĂ€ter erworbene Modell im Retro-Design: eine »analoge Digitaluhr«, bei der zur Abwechslung mal der »Zeiger« als dĂŒnne Linie stillsteht, sich aber dafĂŒr die Scheiben der ZifferblĂ€tter darunter drehen. Auch die Anordnung der Zeitanzeige ist »andersherum«: Die Scheibe mit der Stundenanzeige ist die grĂ¶ĂŸte, die mit dem kleinen roten Dreieck der Sekundenanzeige hat den kleinsten Radius. Genauso schön metallisch glĂ€nzend verkapselt wie die zuvor gezeigte Uhr mit den Mini-ZifferblĂ€ttern, aber etwas »maskuliner« im Design.

Noch einmal die Marke SEIKO, aber diesmal deutlich moderner als beim ersten gezeigten Modell. UngefĂ€hr 1990 brachte das Unternehmen Uhrenmodelle unter dem Namen KINETIC auf den Markt. Das Besondere: es waren »Automatik-Quartzuhren«. Wie frĂŒhere Automatik-Uhren bezogen sie die Energie fĂŒr ihren Antrieb aus den Bewegungen des TrĂ€gers, aber hier wird kein mechanisches Uhrwerk aufgezogen, sondern eine Batterie aufgeladen, die das Quartzuhrwerk speist. Ein Batteriewechsel ist somit nicht mehr erforderlich. Cool finden, haben wollen.

Ein Konkurrent der swatch-Uhren in einem vergleichbaren Preissegment, mit stĂ€ndig neuen Kollektionen, aber einem deutlich nostalgischeren Designkonzept, ist die 1984 gegrĂŒndete amerikanische Uhrenhersteller FOSSIL. Bei diesem Exemplar irgendwann aus den 1990er Jahren hatten es mir die Farb- und Formzitate technischer GerĂ€te aus den USA der spĂ€ten 1950er Jahren angetan, wie z.B. bei den damaligen Straßenkreuzern oder KĂŒhlschrĂ€nken. Auch der Schriftzug der Uhrenmarke wechselte bei FOSSIL oft passend zum Design der jeweiligen Uhr.

Meine zweite FOSSIL-Uhr bewegt sich stilistisch irgendwo zwischen 30er/40er-Jahre Retro-Design und Steampunk. Statt einem glĂ€nzend silbernen UhrengehĂ€use besitzt sie eins, das an mattes Messing erinnert und mit kĂŒnstlicher Patina auf alt getrimmt ist. Das Modell stammt ebenfalls aus den 1990er Jahren, etwa als auch in meinem TĂ€tigkeitsfeld Grafik-Design gerade eine Retro-Welle »angesagt« war und Designer wie Charles Spencer Anderson oder die Duffy Design Group mit ihren nostalgischen EntwĂŒrfen Erfolge feierten. Die Anschaffung der zu diesem Trend passenden Uhr war damit ein Muss.

Wer in den Achtziger Jahren die Schulbank drĂŒckte, erinnert sich sicherlich noch an die glĂŒhenden Ziffern auf den Displays der damals gĂ€ngigen programmierbaren wissenschaftlichen Taschenrechner, wie z.B. dem TI-57 von Texas Instruments. Diese VorlĂ€ufer- bzw. Konkurrenztechnik mit ihren relativ stromfressenden LED-Segmenten fand sich auch in einigen frĂŒhen Digitaluhren. Sie zeigten zwecks Schonung der Batterie die Zeit nur auf Knopfdruck fĂŒr einige Sekunden an. Dieses schöne Exemplar habe ich Anfang der 2000er Jahre fĂŒr wenig Geld auf einem Flohmarkt ergattert und mit einem neuen Armband versehen.

UnerfĂŒllte UhrenwĂŒnsche

Eine außergewöhnliche Uhr des Designers Tian Harlan, die in den 1980er/1990er Jahren fĂŒr lĂ€ngere Zeit auf dem Markt war und mir sehr gefiel, war die CHROMACHRON. Sie nannte sich »Farb-Zeit-Uhr« (der Werbeslogan lautete »Die Uhr, die Zeit hat«) und besaß keinerlei Zeiger, sondern nur eine einzige schwarze Scheibe, deren 30°-Aussparung ĂŒber den zwölf verschiedenfarbigen Stundensegmente des »Zifferblatts« rotierte und nur ungefĂ€hr anzeigte, wie spĂ€t es gerade war. Sicherlich kam man mit etwas Übung auf eine Genauigkeit von ±5 Minuten, aber diese Uhr war definitiv nichts fĂŒr PĂŒnktlichkeitsfanatiker. Lange hortete ich einen Prospekt dieses in limitierten Auflagen produzierten DesignerstĂŒcks, aber der damalige Kaufpreis von mehreren hundert DM lag weit außerhalb meines Budgets – und so blieb es beim Begehren.

Noch unerreichbarer war eine ebenfalls limitierte Uhr nach einem Entwurf von Andy Warhol, die Ende der 1980er Jahre vom Uhrenhersteller MOVADO angeboten wurde. Der Name des Kunstobjekts war »Times/5« (Ansicht: siehe Link 1 / Link 2). Es war eigentlich nicht nur eine Armbanduhr, sondern umfasste fĂŒnf rechteckige, voll funktionale UhrengehĂ€use, die durch Scharniere miteinander zu einem breiten tragbaren Armband verbunden waren. Auf den fĂŒnf zahlenlosen ZifferblĂ€ttern, unter den signalroten Zeigern, waren verschiedene von Andy Warhol aufgenommene Schwarzweiß-Fotografien der Skyline Manhattans zu sehen. Am nĂ€chsten durfte ich dieser Uhr einmal im Schaufenster eines Juweliers/UhrenhĂ€ndlers in MĂŒnster kommen, wo ich zu dieser Zeit studierte und so konnte ich das Objekt der Beigierde zumindest einmal aus 30 cm Entfernung durchs Sicherheitsglas anschmachten. FĂŒr die Uhr wurde damals nach meiner Erinnerung ein Preis von 10.000–15.000 DM verlangt, was natĂŒrlich jeden finanzierbaren Rahmen sprengte. HĂ€tte ich sie mir allerdings damals leisten können, wĂ€re sie heute (allerdings nur ungetragen) ein Vielfaches wert.

Seit 1999 bin ich ununterbrochen im Besitz eines Handys oder Smartphones und so hießen meine Zeitmesser fortan Siemens C25, Nokia 3310, Motorola RAZR V3, Nokia 6131 oder iPhone. Die kann ich zwar nicht am Handgelenk tragen – aber das Bezahlen geht inzwischen damit genauso gut wie mit einer Armbanduhr.

Im Schneckentempo

Schon wieder denke ich ĂŒber Zeug nach. In letzter Zeit oft ĂŒber Dinge, die sehr, sehr langsam passieren.

Bei manchem Schaufensterbummel, meist etwas abseits der teuren, gut besuchten Einkaufsstraßen, fallen mir ziemlich oft kleinere LĂ€den auf, bei denen ich mir auf den ersten Blick nicht ganz sicher bin, ob sie geöffnet haben. Manche EingangstĂŒr ist etwas verwittert, der TĂŒrgriff korrodiert, die Farbe blĂ€ttert ab. Folienschriften auf dem Ladenfenster sind verblichen, haben Risse, sind fragmentiert, abgeblĂ€ttert oder lösen sich einrollend an den RĂ€ndern ab. Im Schaufenster hĂ€ngen staubige, vergilbte Werbedrucke, aus denen sich durch jahrelange UV-Bestrahlung alle Magentatöne verabschiedet haben, auch das Gelb litt sichtbar, was bleibt, sind Cyan und Schwarz. Aber die LĂ€den sind geöffnet, der oder die Besitzer*innen sind gewiss schon etwas Ă€lter, womöglich steht der Ruhestand kurz bevor. Trotzdem regt sich bei mir die Frage: wieso hat der Gewerbetreibende es soweit kommen lassen? Die Werbeplakate nicht gelegentlich ausgetauscht, die Fenster geputzt, die Folienbuchstaben erneuert oder die Fassade renoviert?

Wenn ich mit der U-Bahn den Heimweg antrete, steige ich hĂ€ufig an einer der beiden nĂ€chstgelegenen Stationen in Hamburg-Barmbek aus, sie heißt Habichtstraße. Wenn ich vom dortigen Bahnsteig die steinernen Treppenstufen hinuntergehe, fĂ€llt mir jedes Mal auf, dass die vordere Kante der Treppen nicht schnurgerade verlĂ€uft, sondern zur Mitte hin etwa drei Millimeter nach innen eine »Delle« aufweist. Das ist bei jeder Stufe leicht anders und legt nahe, dass die Stufenkante im Laufe der Zeit (die Station wurde 1930 in Betrieb genommen) durch Abertausende Schritte der FahrgĂ€ste und Treppenbenutzer abgetragen wurde, MĂŒ fĂŒr MĂŒ, bis diese Delle augenfĂ€llig wurde. An anderer Stelle, etwa in Bremen beim Denkmal der »Bremer Stadtmusikanten« oder – wieder ganz bei mir in der NĂ€he – in der Lendengegend der Aktstatue »JĂŒngling mit Schale«, an der ich unweigerlich auf dem Weg zum Wocheneinkauf vorbeikomme, fĂ€llt auf, dass selbst die Patina und das Bronzematerial durch reines Anfassen, ohne Zutun von Schleifwerkzeugen oder anderen mechanischen Hilfsmitteln, ĂŒber Jahre und Jahrzehnte abgetragen wird, so dass das glĂ€nzende, unoxidierte Metall sichtbar wird. Es gibt etliche solche durch Neugier oder Aberglaube partiell abgenutzten Skulpturen weltweit.

Ich erinnere mich auch noch an die flĂŒchtige Begegnung mit einer Frau, irgendwo in einem Supermarkt. Sie war geschĂ€tzt Mitte, Ende fĂŒnfzig, hatte blondiertes, sorgsam frisiertes Haar und gehörte zu den Frauen, die es fĂŒr modisch geboten oder Ă€sthetisch vorzuziehen halten, sich die eigenen, natĂŒrlichen Augenbrauen auszuzupfen und mit einem schwarzen Kajalstift neu aufzumalen. Ich bewerte das nicht, es möge sich jede(r) so herrichten, wie es nach eigenem GutdĂŒnken beliebt. Was mir jedoch auffiel, war, dass die gemalten Brauen der Dame sich an einem anatomisch recht abwegigen Ort befanden: sie waren von der herkömmlichen Position gut vier Zentimeter nach oben abgerĂŒckt und prangten nun knapp unter dem Haaransatz der TrĂ€gerin. Ich grĂŒbelte. Hatte sie das von Anfang an so gemacht und einst schon nach dem ersten Auszupfvorgang beschlossen, ihr kosmetisches Werk so weit oben zu platzieren? Oder waren die gemalten Brauen ĂŒber die Jahre oder Jahrzehnte Millimeter fĂŒr Millimeter weiter nach oben gerutscht, bis die anatomische Barriere des Haaransatzes einer weiteren Verschiebung Einhalt gebot? Ich glaube, sehr viele insbesondere schon Ă€ltere Menschen mit bizarren Frisuren oder wunderlichem Make-up haben diesen Stil selten plötzlich und aus dem Stegreif kreiert, fĂŒr viel wahrscheinlicher halte ich eine ganz allmĂ€hliche Metamorphose, die sich von ihnen selbst unbemerkt vollzog, in hohem Alter vielleicht auch bedingt durch einen Sehkraftverlust, EinschrĂ€nkungen der Wahrnehmung oder nachlassende motorische FĂ€higkeiten.

Ich selbst hatte auch mal an mir das PhĂ€nomen der unmerklich wandernden Selbstverzierung beobachten können. In den spĂ€ten Neunziger Jahren fand ich es eine Zeitlang schick, mir einen fein gestutzten »Goatee«-Kinnbart stehen zu lassen, Haare und Bart waren passend zueinander leicht kastanienfarben getönt und jeden Morgen wurde vor dem großen und gut ausgeleuchteten Badezimmerspiegel der schmale Oberlippenteil des Bartes, seine dĂŒnnen herabfĂŒhrenden AuslĂ€ufer und der Kinnbereich mit einem Klingenrasierer prĂ€zise in Form gehalten. Dachte ich. Damalsℱ machte man noch deutlich seltener »Selfies« als heute, aber eines Tages wurde ich mit einem Fotoabzug konfrontiert, auf dem mich jemand fotografiert hatte. Ich erschrak und dachte »Ups, mein Bart ist ja total schief!«. In der Tat hatte ich zwar die Form des Bartes konstant gehalten, aber offensichtlich war er mir unmerklich im Laufe der Wochen (Monate?) ca. 8 mm aus der Gesichtsmitte gerutscht. Im Spiegel fiel mir das nicht auf, der gewohnte (spiegeverkehrte) Anblick schien jeden Tag derselbe, aber das ungewohnt seitenrichtige Foto fĂŒhrte mir die Abweichung unwiderlegbar vor Augen. Ich glaube, kurz darauf Ă€nderte ich meinen Bartstil zu einer Variante, die weniger prĂ€zise Stylingmaßnahmen erforderte.

An manchen Tagen, meistens im anbrechenden FrĂŒhjahr, scheint die Sonne durch die Fenster in meine Wohnung, in der ich als sehr ortsfester Mieter mittlerweile seit ĂŒber 20 Jahren wohne, und entlarvt unbarmherzig die OberflĂ€chen und Stellen, die in den dĂŒsteren Herbst- und Wintermonaten ganz offensichtlich beim Putzen vorĂŒbergehend vernachlĂ€ssigt wurden. Da muss ich dann ran und zu geeigneter Zeit mal wieder etwas grĂŒndlicher in den Ecken, auf Simsen und Leisten, zwischen Heizkörperrippen und auf senkrechten Kachel- und SchrankflĂ€chen wischen und putzen. Kein Problem, das lĂ€sst sich vergleichsweise unaufwendig, wenn auch mittels lĂ€stiger Arbeit, korrigieren. Aber die Sonne bescheint noch andere Details und lĂ€sst mich stutzen, dass ich diese nicht schon frĂŒher bemerkt habe. Da findet sich »plötzlich« eine dĂŒnne Leiste Rost an der Unterkante des blaulackierten Badezimmerspindes. Die Griffe am Geschirrschrank in der KĂŒche sind »auf einmal« stark abgenutzt, der Lack abgeblĂ€ttert. Die MessingtĂŒrklinken haben matte, dunkel angelaufene Stellen. Die Wohnung »verwittert«, jeden Tag ein winziges Bisschen, ohne dass ich es auf Anhieb mitbekomme. Jemandem, der nur alle vier Jahre bei mir zu Besuch kĂ€me, wĂŒrden diese VerĂ€nderungen bis hin zum Renovierungs-oder Erneuerungsbedarf, definitiv viel deutlicher auffallen.

Wenn sich etwas Plötzliches ereignet, das unbeabsichtigt zu Entstellung, Wandel, Zerstörung oder VerĂ€nderung fĂŒhrt, sei es ein Wohnungsbrand, ein Wasserschaden, ein Verkehrsunfall, eine Verletzung, VulkanausbrĂŒche, Überschwemmungen oder Erdbeben, tritt der neue Zustand in so kurzer Zeit ein, dass der Unterschied zu vorher unĂŒbersehbar ist. Das nennt man dann »Umbruch«, »UnglĂŒck«, »Katastrophe« oder »Desaster«. Ich glaube aber mittlerweile, dass die stillen, unmerklichen, sich in mikroskopischem Tempo außerhalb unserer bewussten Zeitwahrnehmung vollziehenden VerĂ€nderungen uns und die Welt mit viel brachialer Wucht verĂ€ndern, als den meisten Menschen bewusst ist. In maximal langen ZeitrĂ€umen können sich Milliarden Tonnen Gestein zu kilometerhohen Gebirgen emporfalten, ganze Kontinente verschieben. SĂ€ĂŸe man auf einem ewig haltbaren Stuhl daneben, unsterblich und mit hinreichend haltbarem Proviant, wĂŒrde es hingegen sehr schnell langweilig werden. Es passiert ja nichts.

Ein gutes Beispiel ist auch der Klimawandel. In der schönen, oberflĂ€chlich sauberen Wohnung unserer Zivilisation vollzieht sich eine VerĂ€nderung, die bislang viel zu langsam offenbar wurde, als wir es bemerken konnten. Aber nun scheint die Sonne ins Zimmer und beleuchtet die Risse und Verwerfungen, die ein baldiges Handeln erfordern, wenn die Behausung nicht unbewohnbar werden soll. Innerhalb der letzten rund 260 Jahre stieg die CO₂-Konzentration um ca. 130 ppm von ungefĂ€hr ~280 ppm im Jahr 1750 auf ~410 ppm im Jahr 2010 (Werte und Jahreszahlen habe ich bewusst ausgewĂ€hlt fĂŒr einfacheres Rechnen). Somit kam im Schnitt alle zwei Jahre ein ppm hinzu. Ein ⁠ppm⁠ entspricht einem MolekĂŒl Kohlendioxid pro einer Million MolekĂŒle trockener Luft. Es dauerte also ganze zwei Jahre, bis innerhalb dieser Maßeinheit aus 280 CO₂-Teilchen 281 wurden. LĂ€cherlich langsam, lĂ€cherlich wenig. Genauso wie der Meeresspiegelanstieg, der im Zeitraum zwischen 1901 bis 2010 popelige 1,7 bis 3,7 mm pro Jahr betrug. Jede PfĂŒtze nach einem Regenschauer ist tiefer, wie sollten davon StĂ€dte und Inseln ĂŒberflutet werden? Noch lachen sie.

Oder das stetig gestiegene Aufkommen an Automobilen. Wie kĂ€men jemandem, der etwa aus dem Jahr 1930 mit dem damals nur sehr ĂŒberschaubarem Autoverkehr hierher »gebeamt« werden wĂŒrde, unsere heutigen StĂ€dte und Straßen vor? Ich vermute, er oder sie wĂ€re zu Recht entsetzt, dass ĂŒberall derartige Massen an Fahrzeugen fahren und vor allem herumstehen, fĂŒr uns hingegen ist das ganz allmĂ€hlich ĂŒber Jahre und Jahrzehnte leider zu einem alltĂ€glichen Bild geworden (siehe dazu auch dieser wunderbare Sketch aus der Satiresendung »extra 3«).

Ich glaube, das Langsame, AllmĂ€hliche ist es, das die Welt wirklich prĂ€gt und verĂ€ndert. Sedimente, Patina, Erosion, Oxidation, Verwitterung, Diffusion, Plattentektonik. Überall um uns herum wallt, wandelt, altert, haucht, schabt, driftet und knistert es unmerklich. Menschen, die lautstark fordern, es solle doch bitte alles so bleiben, wie es frĂŒher immer war, setzte ich gerne eine VR-Brille auf, die ihnen die Welt milliardenfach beschleunigt vorfĂŒhrt. Danach könnten wir uns gerne weiter unterhalten.