Fakten, Fakten, Faktos

18. Mai 2015 um 11:11

Vor rund sechs Jahren hatte ich hier einen Blogartikel über die Hausschrift „Faktos“ des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) verfasst. Da ich immer bemüht bin, bei Berichten die verdienten Urheber zu nennen, hatte ich dies mittels Netzrecherche auch hier unternommen – musste jedoch nun aufgrund eines freundlichen E-Mail-Hinweises des Designerkollegen Philip Lammert feststellen, dass die im Netz am häufigsten genannte Quelle nicht zwangsläufig die „rechtmäßige“ ist. Das möchte ich hiermit korrigieren.

Philip hatte recherchiert, dass statt des zunächst genannten Schriftsetzers Dieter Steffmann der amerikanische Designer Cory Maylett aus Salt Lake City der verantwortliche Schriftgestalter ist. Die „Faktos“ findet sich sowohl auf seiner Bēhance-Seite als auch auf seiner Website wieder, allerdings ohne Angaben zum Entstehungszeitraum oder Link zum kostenlosen oder käuflichen Herunterladen der Schrift.

Ich habe daraufhin Kontakt mit Cory Maylett aufgenommen und ihn dahingehend befragt und erhielt eine sehr freundliche Antwort inklusive eines extra aufgrund meiner Nachfrage eingerichteten Links zum Gratis-Download des Original-Fonts, dem man seine 24 Jahre, wie ich finde, nach wie vor nicht ansieht. Hier ein Auszug aus der E-Mail des Schriftgestalters:

Hi Thomas,

Thank you for tracking me down. Yes, I’m the designer of Faktos, and yes, others have pirated it, called it their own, produced new variants and illegally posted copies on the Internet. I designed and released the font in Postscript Type 1 format way back in 1991. Due to the many pirated versions floating around, I no longer expect any reimbursement for using Faktos, but hardly a month goes by that I don’t see it used somewhere. I haven’t even made it available on my website for several years.

Your note, though, prompted me to set up a download page and post newly compiled TrueType and OpenType versions of the font there.
The direct address is http://maylett.net/faktos.

For what it’s worth, I hadn’t opened the font file for, probably, 15 years until today.
(…)
The character set isn’t as large as it should be, and there are many refinements I’d make if I were building it today. Perhaps someday I’ll get around to doing just that. In the mean time, the only official (and legal) version of the font can be downloaded from the link above.

Thanks again for the note. I greatly appreciate you wanting your blog link to lead to the right place.

Cory Maylett

Ich freue mich ebenso über den netten Hinweis von Philip wie über die Antwort von Cory Maylett und möchte hiermit allen interessierten Lesern die Möglichkeit zum Download der Original-Schrift weiterreichen. Wer je viel Arbeit in die Entwicklung oder Kreation einer Idee, eines Textes, eines Designs oder anderer kreativer Leistungen gesteckt hat, weiß, welchen Wert die Nennung und Würdigung der Urheber für deren Arbeit und für sie selbst hat, selbst wenn – wie hier – nicht einmal Geld für die Nutzung ihres „Produkts“ gefordert wird. Sie verdienen es einfach.

 

U-Bahnhof Hamburg Jungfernstieg

Foto: © Ingolf on flickr | Licensed under Creative Commons

Bio

12. Dezember 2014 um 10:50

Im wunderbaren Twitter-Adventskalender „Hilli will’s wissen. Ein Türchen für Euch“ von @HilliKnixibix wurde allen Followern heute die Frage gestellt: „Wie würde der 1. Satz Deiner Autobiographie lauten?“. Gute Frage! Klare Antwort:

Zumindest meine Geburt ereignete sich sowohl zum gewünschten wie auch zu einem passenden Zeitpunkt.

Ich bin schon seit jeher – warum auch immer – ein ziemlich duldsamer Mensch. Ungeduldig sein, Unzufriedenheit äußern, Grenzen setzen, einen gesunden Egoismus leben und „Nein!“ sagen musste ich mühsam lernen. Der Preis dafür war – auch gesundheitlich – bisweilen hoch, zumeist jedoch bezahlte ich mit Zeit. Zeit, die verstrich, bis ich nicht mehr konnte, obwohl ich schon lang nicht mehr wollte. Zeit, die von meinem Leben abging, weil ich sie anderen schenkte, die das weder verdienten noch zu schätzen wussten. Zeit, die ich nicht ich sein konnte, weil ich versuchte, für andere jemand zu sein, der ich nicht bin. Zeit, die ich Angst hatte vor Folgen oder Konsequenzen, die nicht eintraten, als ich mich endlich traute, über meinen Schatten zu springen. Ich grolle mir selbst inzwischen nicht mehr deswegen, weil mich die Wege und Weichen letztlich zu einem Punkt in meinem Leben führten, an dem ich jetzt und heute sehr gerne bin. Nur die Zeit – die ist weg.

Darum ein guter Rat an alle: Bitte nicht nachmachen. Nehmt Euch all Eure Zeit für Euer Leben und lebt es so, wie es für Euch sein soll, wie es gut ist und sich richtig anfühlt. Ihr bekommt verlorene Zeit nicht zurück.

Photo: © russelljsmith on Flickr | Licensed under Creative Commons

Lesen lernen 2.0

17. Oktober 2014 um 13:57

Hier Ihr eBook downloaden

Ich bin gerade im Urlaub in Südwestdänemark. Es gibt viele Pilze hier im Wald, Dutzende von Sorten. Leider habe ich damit nicht gerechnet und meinen famosen gedruckten Pilzführer zu Hause stehen lassen. Nach zwei Wanderungen, bei denen ich zuhauf Pilze stehen lassen musste, da ich sie nicht kenne und mangels Bestimmungshilfe nicht identifizieren konnte, dachte ich: hey, das wäre doch mal eine Gelegenheit, einen Pilzführer als mein erstes eBook zu erwerben und einfach auf dem iPhone mit in den Wald zu nehmen. Toller Plan. Dachte ich. Denn nach dem ermunternden Rechercheergebnis bei buecher.de – ein Pilzbuch mit rund 260 Seiten im ePub/PDF-Format – begann die Agonie.

Ich legte das eBook in meinen Warenkorb und bezahlte. Wunderbar. Mir wurde sogleich ein Link-Button angezeigt: „Hier Ihr eBook downloaden“. Ich dachte: „fein, das geht ja einfach“ und klickte auf den Link. Der Download ging verdächtig schnell. Zu schnell für ein so dickes Buch. Hm. Ich schaute mir die versprochene „eBook“-Datei an. Sie trug die Dateiendung .acsm. Nochmal hm. Ich versuchte, sie mit dem Adobe Reader zu öffnen. Ging nicht. Ich googelte „acsm-Datei“ und las, dass ich eine Adobe-ID und die Software „Adobe Digital Editions“ benötigen würde, erst dann könne ich mein eBook „wirklich“ laden, entsperren und (hoffentlich) lesen.

Ich erinnerte mich, irgendwann im Pleistozän hatte ich mal eine Adobe ID. Aber wann? Wo? Wozu? Ich fand auf meinem Rechner keine Spuren mehr davon. Also ging ich zu adobe.de und suchte. Ich solle zu adobe.com gehen, sagte man mir dort. Das tat ich und – halleluja – es gab eine Seite, wo ich mit „Passwort vergessen“ ausprobieren konnte, ob ich noch als Karteileiche bei Adobe rumlag. Also E-Mail-Adresse eingeben, neues Passwort anlegen, Bestätigungs-E-Mail abwarten, Bestätigungs-E-Mail-Link anklicken, einloggen. Derweil hörte ich die Pilze leise im Wald wachsen.

Nun war da noch die Software. Die Seite war schnell gefunden, die neueste Version 4.0 wurde auf einem schlichten Screen zum Download angepriesen, Systemvoraussetzungen für den Mac wurden nicht genannt. Also flugs auf den Download-Link geklickt, den Installer gestartet und das Programm installiert. Die Pilze im Wald entfalteten derweil ihre jungen Hüte.

Doch die Software ließ sich nicht starten. „Sie benötigen mindestens MacOS 10.7“* sagte mir das fertig installierte Programm nach dem Startversuch. Eine Nachricht, die zwar inhaltlich wertvoll, aber fünf Minuten früher eine Idee willkommener gewesen wäre. Also deinstallierte ich die Software und legte all meine Hoffnung in die auf der noch geöffneten Adobe-Website direkt darunter zum Download angebotene Version 3.0. Hoffnungsvoll lud ich down, installierte und versuchte einen erneuten Start. Wieder Fehlanzeige. Die Wipfel der Bäume rauschten im Wald, während ich auch diese Version deinstallierte.

* (mein MacBook Pro ist schon etwas älter und macht seit 10.6.8 keine Systemupdates mehr mit, erfüllt aber nach wie vor ansonsten blendend seinen Zweck)

Doch halt, vor Users Blicken gut versteckt, gab es anscheinend auf einer anderen Adobe Download-Seite eine noch frühere Softwareversion. Toll. Ich downloadete und summte leise „Das Wandern ist des Müllers Lust“ vor mich hin, während ich den Installer startete und auf die Fertigstellung wartete. Angstvoll klickte ich auf das App-Icon … und – das Programm startete! Mein Herz klopfte. Wie aufregend doch das Zeitalter digitalen Lesens war!

Nun konnte ich auch die acsm-Datei öffnen, meine noch warme Adobe ID eingeben und das eBook herunterladen. Auf die 5 Minuten Wartezeit auf die 150 MB große Datei kam es nun auch nicht mehr an. „Sie können kostenpflichtige und gratis erhältliche digitale Inhalte herunterladen und online oder offline lesen. Kopiergeschützte eBooks lassen sich mühelos von Ihrem PC auf andere Computer oder Endgeräte übertragen.“ verhieß derweil rosarot der Startbildschirm. In Gedanken sah ich mich schon mit meinem Weidenkörbchen am Arm über weiche Moospolster stapfen, die Zukunft des Pilzesammelns auf einem bläulich glimmenden Display in der anderen Hand. Der Download meldete Vollzug. Ich konnte die Buchdatei sehen! Öffnen! Darin blättern! Mit roten Wangen suchte ich nun nach der mühelosen Möglichkeit, das digitale Wunder im Nu, mit einem Wisch, einem Klick, vom Klapprechner auf mein iPhone zu übertragen. Und suchte. Im Menü. Und suchte. In der Hilfefunktion. Und suchte. Bei Google. Aha. Am Horizont verfärbte sich das Sonnenlicht in Erahnung des Abends zartrosa.

Ich schloss mein iPhone ans MacBook an. Es wurde nicht erkannt. Okay. Ich aktivierte Bluetooth, verband das Gerät mit dem Mac und hoffte, so einen Kanal zum eBook-Transfer herzustellen. Doch Hoffnung ist ein zartes Porzellan, das alsbald erneut von einer rohen Fehlermeldung in Scherben geschlagen wurde. Vor dem Haus umflatterten erste Fledermäuse den Giebel. Ich klappte meinen Rechner zu, stieg mit meinem Partner ins Auto und fuhr in den Wald. Ohne eBook. Nur mit Körbchen. Wir brauchten zwar schon fast eine Taschenlampe, aber am Ende kam doch gut ein Kilo mir bekannter Pilze zusammen. Die zahllosen anderen, unbekannten, die wir am Wegesrand zurücklassen mussten, verdanken ihr Leben – Adobe.


Update, 19. Oktober:

Inzwischen habe ich es tatsächlich nach weiteren 3 Stunden Recherche und App-Wahnsinn geschafft, das erworbene Pilz-eBook auf mein iPad zu übertragen. Ich gebe zu, es ist noch ein iPad 1 (2010) und läuft notgedrungen unter iOS 5.1.1, aber, hey: wir reden hier über den Wunsch, etwas zu lesen – und das sollte meiner Meinung auch im digitalen Zeitalter so einfach sein wie essen, trinken oder Zähne putzen. Ist es aber nicht. Gefühlt war das Finden und Installieren eines geeigneten Readers in etwa so nervig wie aus einem Karton Sägemehl, einer Tube Holzleim und ein paar Schrauben ohne Bedienungsanleitung ein Bücherregal aufzubauen. Die Abbildung unten verdeutlicht einige der Schikanen, denen ich auf dem steinigen Weg zu meinem – ich will es nicht „Erfolg“ nennen – Durchbruch begegnete.

Viele der Apps, die Adobe itself auf seiner Website anpreist, gibt es unter den genannten Namen nicht mehr. Andere ① verlangen die Einrichtung eines Accounts (ich will doch nur lesen!), erkennen das Dateiformat nicht ②/③, verlangen von mir ein Systemupdate, welches wiederum erfordern würde 300+x Euro für eine komplett neue Hardware auszugeben ④, oder versuchen, wie die Adobe-Reader-App (!!!), mir einen superduper Konvertierungsaccount für nur 79,99 EUR pro Jahr unterzujubeln ⑤, mit dem ich dann – oder auch nicht – mein schon bezahltes eBook auch auf dem iPad anschauen darf. Gelandet bin ich letztlich beim kostenlosen eBookS Reader von libri, der nach einer einmaligen Eingabe der Adobe ID das eBook-Dokument immerhin klaglos öffnet. Dass meine printverwöhnten Augen dann mit Seiten„layouts“ wie ⑥ verspottet werden, fällt nach der ganzen Mühe dann schon fast unter „Peanuts“.

Nein, ich warte lieber noch eine Weile, bis eBooks auf allen Devices wirklich mühelos, mit einem Klick oder Wisch angezeigt werden und digitales Lesen tatsächlich so einfach ist wie … naja, Lesen halt. Und ich bin gespannt, wenn es soweit ist (und ich es noch erleben darf), ob Adobe dann dabei noch eine Rolle spielt.

eBook Wahnsinn, Screenshots

Teilen

5. März 2014 um 13:49

Teilen ist toll. Teilen ist die Hefe im Contentteig des Internets. Ohne Teilen wäre das Internet ein öder, statischer Ort. Aber immer? Alles?

Als ich diesen Facebook-Eintrag von Peter Breuer las, hörte ich sofort die Stimme von Herbert Grönemeyer in meinem Kopf singen. Die Melodie war die seines Songs „Kaufen“, aber der Songtext war ein anderer …

Teilen

Ich klick auf alles, ich klick auf »share«
Breaking News, Witzchen, Filme und mehr

Ich könnt im Internet ertrinken
mailen, teilen und verlinken
jeden Schwachsinn weiterwinken
oh, wie ist das schön

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal

Scrollt die Timeline dann weiter nach unten
hab ich längst schon was Neues gefunden

Online sein verzückt mich
»Share« klicken beglückt mich
Weil ich so zeigen kann,
hey ich bin vorn

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal

Die totale Contentflut
ich teile alles resolut
und es tut so gut,
oh, wie es durch mich strömt

Oh, ich teile das
Teilen macht so viel Spaß
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Was ich seh, sollen alle sehn
Teilen ist wunderschön
Ich teil, ich teil
Was, ist egal

Graphic: © jurvetson @ flickr | Some rights reserved

Gedanken zur DateNSAmmlung

28. Juli 2013 um 13:44

Wenn es etwas gibt, was das Internet bei mir bewirkt hat, seit ich es (seit 1997) nutze, dann, dass es mich zu einem politisch sehr viel interessierteren Menschen gemacht hat. In prä-online-Zeiten gab es nur die Printmedien und das Fernsehen, um sich politisch zu informieren. Eine oder mehrere Zeitungen oder Magazine regelmäßig, womöglich täglich zu lesen, brauchte viel Zeit, kostete einiges an Geld und das Verfolgen tiefergehender Rundfunk- oder Fernsehnachrichten erforderte die Anpassung an den Programmplan der TV-Sender oder das mühsame Aufzeichnen und spätere Schauen. Zumindest mein Informationsgrad blieb daher lange relativ oberflächlich.

Inzwischen, da ich online Nachrichten und Seiten abonnieren kann, mich selektiv zu einzelnen Themen informieren (lassen) kann, wuchs auch mein politisches Bewusstsein. Ich versuche, Zusammenhänge zu begreifen, Themen tiefer zu recherchieren, kann mir leichter eine möglichst fundierte Meinung bilden und anschließend durch die Teilnahme an (konstruktiven) Diskussionen oder Demonstrationen, durch das Teilen und Weiterverbreiten von Links oder durch das Zeichnen von Petitionen Einfluss auf die politische Meinungsbildung und Entwicklung nehmen. Einfach, weil es mir durch das Internet leichter gemacht wird, dies zu tun. Das ist eine tolle Sache.

Das politische Thema, das natürlich auch mich in den letzten Wochen am meisten beschäftigt hat, ist die Abhörtätigkeit der NSA und anderer westlicher Geheimdienste, inklusive des britischen GCHQ und des deutschen BND. Ich verwende bewusst nicht die Begriffe PRISM und TEMPORA, da sich ja inzwischen herausgestellt hat, dass diese nur kleine Module darstellen in dem viel größeren Konstrukt, das dahinterliegt und der Öffentlichkeit bislang kaum bekannt ist.

Ich finde es gut, dass dieses Thema öffentlich geworden ist und auch in den On- und Offline-Medien sehr fundiert erörtert und kommentiert wird. Ich finde es gut, dass (hoffentlich immer mehr) Menschen darüber diskutieren und diesen Aktionen – möglichst über Ländergrenzen hinaus – maßvolle Grenzen setzen wollen. Ich bin der Meinung, bei der Massenerfassung dieser Daten handelt sich um einen Grundrechtsbruch und um die gezielte Umkehrung der Unschuldsvermutung. Und ich finde es beschämend, wie die meisten Politiker dieser und früherer Regierungsparteien darauf reagieren, bin extrem enttäuscht von der Politik insgesamt und den sogenannten „Volksvertretern“, die diesen Titel jeden Tag unangemessener erscheinen lassen, was mir natürlich auch die Entscheidung bei der kommenden Bundestagswahl (und: ja, ich werde wählen gehen!) nicht einfacher macht. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Was Edward Snowden tat, indem er diese Programme öffentlich machte, hat meinen Respekt. Er setzt sich damit als sehr junger Mensch einer Verfolgung und einem Risiko aus, die geeignet sind, sein gesamtes weiteres Leben zu beeinträchtigen oder es sogar zu verlieren. Ich hoffe, dass die Dinge, die er damit in Bewegung gesetzt hat, den Menschen, ihrer Freiheit und ihren Grundrechten zugute kommen werden.

Warum schreibe ich diesen Blogartikel? Sicher nicht, weil noch zu wenig über die Spähprogramme im Internet steht. Ich habe vielmehr das Gefühl, die öffentliche Diskussion sollte über das Statement „wir wollen nicht a) länger und b) in diesem Ausmaß überwacht werden“ hinausgehen. Es geht auch um weit mehr als darum, ob wir „etwas zu verbergen haben“ oder nicht.


1. Wir sind euphorisch und naiv
Einer unter den Artikeln, die mich in den letzten Tagen am nachdenklichsten gemacht haben, war ein Gastbeitrag des ehemaligen BND-Vizechefs Rudolf G. Adam in der Süddeutschen Zeitung. Dort heißt es:

Das Internet entstand aus dem Bedürfnis des US-Militärs, ein Kommunikationssystem zu entwickeln, das auch unter chaotischen Bedingungen sicher funktioniert. Die erste Naivität besteht nun darin zu glauben, das Militär habe sein Interesse am Internet verloren, seitdem es zur zivilen Nutzung freigegeben worden ist.

Da ist was dran. Die Euphorie über die Möglichkeiten und Chancen, die das Netz bietet, können durchaus dazu beigetragen haben, dass wir Netznutzer die Wurzeln des World Wide Web vergessen haben und es (ausschließlich) als eine Infrastruktur gesehen haben, die „dem Volk“ zugute kommt. Doch dem ist nicht so. Das muss man akzeptieren – und es dämpft bei mir das „unbeschwerte“ Gefühl, das ich bisher online hatte, maßgeblich. Doch gerade deshalb empfinde ich die Diskussion über Abhörmaßnahmen als um so wichtiger.

Der Artikel führt weiterhin aus, dass natürlich auch „nicht-westliche“ Geheimdienste das Internet abhören und mit Sicherheit nicht damit aufhören werden, selbst wenn die Proteste der Menschen in Europa und Amerika zu Beschränkungen der Geheimdienstaktivitäten führen. Auch das muss man akzeptieren – ganz eindämmen kann und sollte man diese Maßnahmen in absehbarer Zeit klugerweise nicht. Idealistische Forderungen, alle Geheimdienste sollten einfach mit sämtlichen Überwachungsmaßnahmen aufhören, halte ich für weltfremd und wenig zielführend.

2. Wir sind arglos und vergesslich
Das Zweite, was ich durch die Enthüllungen Snowdens über die NSA gelernt habe: obwohl seine Enthüllungen wichtig und weitreichend sind, erzählt er uns im Grunde genommen, nicht nur Neues. In den letzten Tagen kam auch ein alter SPIEGEL-Artikel aus dem Jahre 1989 (!) wieder ans Tageslicht. Darin wird ausführlich berichtet, wie umfassend schon damals in der Vor-Internet-Ära die weltweite Telekommunikation durch die NSA überwacht und abgehört wurde – inklusive Schilderung der Empörung unter Politikern und Bürgern. Doch offenbar geriet diese erste Enthüllung inzwischen wieder komplett in Vergessenheit.

Warum folgte diesem Bericht damals kein Sturm der Entrüstung, keine Diskussionen, keine Demonstrationen? Vielleicht unter anderem auch, weil es das Internet noch nicht gab und sich sowohl der Bericht nicht dynamisch genug „herumsprechen“ konnte als auch die heutigen Vernetzungsmöglichkeiten zur Verabredung und Organisation von z.B. Demonstrationen noch gar nicht gegeben waren. Und vielleicht auch, weil es „nur“ um Telekommunikation ging. Zwar tauschte man auch 1989 schon viele und wichtige Nachrichten per Fax und Telefon aus, aber beide Technologien waren weitaus weniger umfassend und tiefgreifend mit nahezu allen Momenten des Alltags verwoben, wie es heute das Internet ist. „Ist ja nur Telefon“, dachte damals vielleicht mancher und ging nach draußen, um seine Überweisungen bei der Bank abzugeben und danach einen Urlaub im Reisebüro zu buchen.

3. Wir sind vertrauensselig und optimistisch
Ganze Scharen von Sprechern, Politikern und „Experten“, die derzeit die Wogen glätten und die Diskussion beschwichtigen oder herunterspielen wollen, versichern, es geschähe alles in gesunder Verhältnismäßigkeit, sei völlig legal, die Daten würden nicht missbraucht, alles sei sicher gespeichert, würde nach einer gewissen Zeit wieder gelöscht, etc. Mal angenommen, man nähme selbst die damit verbundenen Grundrechtsbrüche in Kauf, und gleichfalls angenommen, man könnte darauf vertrauen, dass diese Beteuerungen für den Moment der Wahrheit entsprechen und „die da oben“ die gesammelten Daten schon anständig und gewissenhaft verwalten und verwenden würden – wer garantiert uns denn, dass das so bleibt? Ich werfe nur einen mulmigen Blick zu unserem Nachbarn und EU-Mitglied (!) Ungarn, wo sich „demokratisch legitimiert“ eine massive Unterdrückung oppositioneller Kräfte abspielt. Was passiert mit den längerfristig gespeicherten Daten, wenn in fünf, zehn, zwanzig Jahren in einem heute freiheitlichen Land politische Umwälzungen eine andere Regierung ans Ruder bringen, der die Rechte ihrer Bürger (noch) weniger wert sind? Davor habe ich Angst. Ich will jetzt schon etwas dagegen getan wissen, dass weder heute noch in Zukunft jemand meine (Meta-)Daten missbrauchen kann.

4. Wir sind technikgläubig und überheblich
Die Mengen an (Meta-)Daten, die aktuell gesammelt sind, sprengen schon jetzt jedes Vorstellungsvermögen. Selbst Begriffe wie Yottabyte oder eine Gegenüberstellung der gesammelten Stasi-Daten mit der NSA-Datenbank helfen nur bedingt, diese Dimensionen zu erfassen. Das kann kein noch so großes Heer von Menschen mehr persönlich auswerten. Im o.g. Artikel der SZ schätzt Rudolf G. Adam, dass einer der maximal darauf angesetzten 50.000 Auswerter der NSA pro Tag nicht mehr als 50 Kommunikationsabläufe sichten und operativ bewerten kann. Selbst die damit erzielten 2,5 Mio. Vorgänge pro Tag decken nur 0,1% der täglich erfassten 2 Milliarden Kommunikationsabläufe ab. Den Rest müssen Maschinen erledigen.
Wenn Maschinen weltweit menschliche Kommunikation entschlüsseln, sind hochleistungsfähige Computer und Algorithmen im Spiel. Doch auch sie werden von Menschen programmiert und können nur vorgegebenen Schemata folgen. Was ist mit (automatisierten) Übersetzungen und damit einhergehenden Übersetzungsfehlern? Ironie? Sarkasmus? Humor? Bewusste Wortspiele? Kommunikationsmuster außerhalb der programmierten Schemata, die täglich millionenfach durchs Internet strömen und damit Fehlerquellen, die geeignet sind, Menschen ungerechtfertigt in Verdacht zu bringen. Eine gigantische Kafka-Maschine. Wie riskant es ist, sich Algorithmen auszuliefern, erzählt der Programmierer Lukas F. Hartmann, der durch einen Programmierfehler bei einem privaten Genom-Analyseservice eine falsche Krankheitsdiagnose erhielt.
Daneben existieren in der Statistik generell und unabhängig von Softwarefehlern die Begriffe der sogenannten „falsch positiven“ und „falsch negativen“ Befunde, eine Art Fehlergrundrauschen, das bei allen massenhaften Auswertungs- und Analyseverfahren von vornherein einkalkuliert wird und in der analogen Welt quasi unvermeidlich ist. Es wird also zwangsläufig bei der automatisierten Auswertung von Datenmengen sowohl zu unbegründeten Verdächtigungen führen als auch zu unentdeckten „echten“ Fällen. Wer schützt die Bürger gegenüber den so mächtigen Geheimdienstinstanzen vor solchen Kollateralschäden? Ein Blick nach Guantanamo bekräftigt die Berechtigung dieser Frage.

5. Wir vernachlässigen den Faktor Mensch
Ebenso riskant, wie es ist, Maschinen menschliche Kommunikation auswerten und private bis intime Daten verwalten zu lassen, ist es, dies von Menschen erledigen zu lassen – erst recht, wenn diese Auswertung von den Geheimdiensten auch noch an privatwirtschaftliche Unternehmen outgesourced wird.
Wenn Whistleblower ihre Position und ihren Zugriff auf geheime Daten ausnutzen, um die Öffentlichkeit zu informieren, wird dies von vielen respektiert und begrüßt. Doch diese aus Sicht ihres Arbeitgebers „abtrünnigen“ Angestellten stellen nur das eine Ende der Skala dar. Was ist mit korrupten, machtgierigen, kriminell veranlagten, geldgeilen oder anderweitig illoyalen Mitarbeitern, die ebenso in Versuchung kommen könnten, die ihnen anvertrauten Daten, Erkenntnisse und Befugnisse anders zu nutzen, als es „erlaubt“ oder vorgesehen ist? Menschen sind fehl- und verführbar. Und je mehr Menschen immer mehr Daten sammeln und verwalten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass diese in falsche Hände oder Kanäle geraten. Auch das macht mir Angst.


Das sind die fünf für mich wichtigsten Gründe, warum ich mich dafür einsetzen werde, dass die Recht- und Verhältnismäßigkeit solcher Datensammlungen (wieder)hergestellt wird. Es gibt noch ’zig andere Argumente, etwa der schleichende Druck zur Selbstzensur, wie ihn Pia Ziefle in ihrem Blog beschreibt. Bestimmt kennt jeder, der sich dieser Tage deshalb unwohl fühlt, noch eine Menge andere. Und selbst wenn nicht: denkt nach, informiert Euch – und entscheidet, ob und was Ihr dagegen tun könnt und wollt, zum Beispiel bei diesem Offenen Brief der Digitalen Gesellschaft mitzeichnen.

Ironischerweise beißt sich hier das Internet selbst in den Schwanz – wenn es dabei mithilft, die Überwachung einzudämmen, zu der es selbst die Verlockung und die Möglichkeiten bietet.
Ich bin trotzdem froh, dass es das Netz gibt.

(Noch ein Hinweis: Wer in den Kommentaren mitdiskutieren möchte und ggf. anderer Meinung ist als ich, wird höflich gebeten, in seinen Beiträgen einen angemessenen Umgangston zu wahren. Anderenfalls werde ich kompromittierende Kommentare unerwidert löschen.)

Update: Kurz nach Veröffentlichung dieses Blogartikels erreichte mich der Link zu einem YouTube-Video des Comiczeichners manniac, das kurzweilig illustriert ebenfalls sehr viele der von mir resümierten Gedanken zusammenfasst. Anschauen und teilen empfohlen!

Image composing: formschub.de
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Hinter Net

20. Juni 2013 um 08:34

Ich bin übrigens der Meinung, dass Frau Merkel ein gewisses Maß an Kritik bezüglich ihrer »Neuland«-Äußerung durchaus verdient hat. Politiker selbst müssen natürlich nicht mit jeder neuen Technologie Schritt halten oder diese selbst beherrschen können. Aber sie sollten fähig sein, zu bemerken, dass eine neue Technologie präsent ist, sich rasant entwickelt und umwälzende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der sich ihnen anvertrauenden* Bürger hat. Infolge dieser Feststellung sollten sie nicht zögern, kontinuierlich kundige Experten aller netzpolitisch relevanten Disziplinen zu konsultieren, für die diese Technologie eben kein Neuland mehr ist, sich mit ihnen zusammensetzen und auf ihre Empfehlungen hören, wie diese Technologie gefördert, demokratisch geregelt und ihre Chancen und Risiken verfassungsgemäß in eine kluge Gesetzgebung integriert werden können. Aber genau das ist im letzten Jahrzehnt verschlafen, ausgesessen, prokrastiniert, abgewiegelt oder aktionistisch bis inkompetent in völlig falsche, höchst bedenkliche Richtungen zwangsgeregelt worden. Dass die „Digital Natives“ in der Minderheit sind, rechtfertigt nicht, sie und ihre Bedürfnisse, Erfahrungen und die konstruktiven Vorschläge netzpolitischer Organisationen und Verbände zu ignorieren oder kleinzureden. Die „Neuland“-Metapher ist keine Entschuldigung oder Erklärung für das, was passiert oder nicht passiert ist oder dafür, dass für weite Teile der Bevölkerung das Netz nach wie vor nur aus Online-Shopping und E-Mails schreiben besteht. Sie ist eine Ausrede.

* Edit: Mit „anvertrauen“ meine ich nicht eine devote Selbstauslieferung der Menschen an die Regierung, sondern den Vertrauensvorschuss der Wähler, welchen sie ihren politischen Vertretern durch ihr Wahlvotum geben – und dafür erwarten dürfen, dass entsprechend gehandelt wird.

Photo: © Marie Mosley | Some rights reserved

Panta Ente rhei

7. April 2013 um 13:23

Am 15. September 2008 postete ich meinen ersten Tweet. Im Verlauf der darauf folgenden 1665 Tage landeten 21.380 Tweets in meiner Timeline, mittlerweile 6.573 Menschen (abzüglich Bots, Werbeaccounts und Karteileichen) lesen zumindest hin und wieder mal, was ich an Blödsinn vom Stapel lasse und 14mal habe ich meinen Avatar gewechselt. Ich kann und will unmöglich allen zurückfolgen, so gern ich dies täte, da ich meine Timeline gerne unter Kontrolle behalte und möglichst wenig von dem verpassen möchte, was meine Lieblingstwitterer schreiben. Ich freue mich sehr, dass die meisten, denen ich folge, auch mir schon sehr, sehr lange „treu“ bleiben, auch, wenn ich mal eine Reply verschlampe oder mich ein paar Tage in Schweigen hülle, weil Anderes meine Zeit und/oder Aufmerksamkeit fordert.

Es gibt so unglaublich viele Menschen hier, die ihre Persönlichkeit, Alltagserlebnisse, Weltsicht, Kreativität, ihren Humor, Beruf, ihr Hobby oder andere Themen und Beweggründe in ihre Tweets packen und mich jeden Tag zum Schmunzeln, Teilhaben und Nachdenken bringen. Sicher war Twitter früher heimeliger, intimer, vertrauter (besonders die Nachttimeline), aber das ist selten geworden. Es fühlt sich an, als wurde in den letzten 5 Jahren um ein einzelnes Haus, in das man mit seinen Followern und Followees einzog und wo man jeden kannte, den man im Treppenhaus traf, nach und nach eine Siedlung und schließlich eine große Stadt errichtet. Aber trotz der Vorkommnisse, die dort – in Twitterhude – gelegentlich die Eintracht trüben, wie Hämelawinen, Shitstürme oder Pauschalverurteilungen, polemische Diskussionen oder Entfolgungsschmoller, möchte ich hier nicht wegziehen.

Es gibt übrigens keinen Anlass für dieses Resümee, kein rundes Jubiläum an Tagen, Jahren oder Followerzahlen. Ich möchte Euch einfach mal „Danke“ sagen und mich grundlos freuen, dass es Euch und Twitter gibt.

Artwork: © formschub.de

801,1

6. April 2013 um 13:32

Als ich vor ein paar Tagen im Fahrradkeller meinen Stromzähler ablas, um die jähliche Selbstablesekarte auszufüllen, habe ich mich gefreut. Ich dusche täglich, ich koche gern, ich besitze eine Waschmaschine (aber keinen Trockner), ich wärme mein Essen in der Mikrowelle auf, mein Fernseher und mein Computer sind abends oft stundenlang an, mein Haar ist so kurz, dass ich keinen Fön brauche, ich nutze an vielen Stellen Energiesparlampen (ganz begeistert bin ich jüngst von diesen tollen, schadstoffarmen LED-Birnen) und lasse das Licht möglichst nur in den Räumen brennen, in denen ich mich aufhalte. Und irgendwie klappt’s mit dem Stromsparen. Der Richtwert der Stromversorger für einen Einpersonenhaushalt liegt zwischen 1.500 und 2.000 kWh. Geht doch.
Und jetzt wechsele ich noch zu Ökostrom.

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Linknachtisch …

28. Februar 2013 um 14:41

Lesenswert und passend zu meinem letzten Artikel hier: zwei Beiträge (1 | 2) im schönen Blog Gemacht mit Liebe der Kölner Texterin und PR-Beraterin Daniela Warndorf, die sich darin ebenfalls mit den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln befasst.

Schweinkram

21. Februar 2013 um 13:34

Wun. Der. Bar. Endlich wieder eine Gelegenheit, den inneren Poeten von der Leine zu lassen. Der Kommentarbereich im Blog von Isabel Bogdan birst nach Ihrem Aufruf zum rüden Reimen gerade vor Leserbeiträgen, die sämtlich drei Dinge miteinander gemeinsam haben: es sind Limericks, sie sprühen vor Ideenreichtum und – sie drehen sich samt und sonders um Sex. Oder Erotik. Oder Masturbation, Geschlechtsverkehr und Co. Schweinkram, eben. Ich möchte daher eine dringende (NSFW-)Besuchs- und Leseempfehlung aussprechen und nachdrücklich auch zum Mitmachen anregen. Vielleicht wird’s ja sogar ein Buch …

Um vorab einen wenigstens kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was Besucher dort drüben erwartet, hier die beiden drei Pornofünfzeiler, zu denen mich dieser große Spaß inspirierte:

Es war mal ein Dichter aus Plön,
dessen Verse war’n immer obszön.
Sie wimmeln vor Brüsten,
Schwänzen, Mösen und Lüsten,
doch liest sich das trotzdem recht schön.

Ein sehr schüchterner Boy aus Marseille
liebte Sarah (aus PVC).
Doch beim Liebesspiel
barst prompt das Ventil
und die Leidenschaft endete jäh.

Update: … und noch eins

Ein Bisexueller aus Maine
hatt’ ein Date – die Lady hieß Jane.
Auf dem Weg dorthin dann
sprach ein Tarzan ihn an,
da entschied er: »Ich nehm lieber den!«

Bei sowas muss ich einfach mitmachen. Ich kann | nicht | anders.

Foto: © formschub.de