Nur mal so.

Ich muss hier mal was loswerden.
 
Im September 2008 richtete ich mir bei Twitter mein kleines Accountnestchen ein. Die ersten Menschen, denen ich mich zu folgen „traute“, waren zunächst Blogger, deren Texte ich gerne und regelmäßig las. Recht schnell entdeckte ich im Gefolge derselben und durch inspirierende Empfehlungen zum „Follow Friday“ (der leider inzwischen etwas aus der Mode gekommen zu sein scheint), neue, interessante Twitterer, die meine Vorliebe für feine Formulierungen, Sprache, Texte und Wortspiele teilten. Vielen folge ich nun fast so lange, wie mein Accout hier besteht. Und es freut, freut, freut mich, zu sehen, dass es vielen davon in dieser Zeit gelungen ist, zu „echten“, teils sehr erfolgreichen Buchautoren zu werden: @ankegroener, @isabo_, @Buddenbohm, @Anousch, @FrauZiefle, @silenttiffy, @Vergraemer, @litchi7, @kumullus, @sciarazz, @bangpowwww, @HappySchnitzel … und bestimmt habe ich noch eine ganze Reihe vergessen*.

Ich kann natürlich nicht wissen oder erahnen, welchen Anteil am Weg jedes Einzelnen zu seinem Buch die Präsenz oder der Austausch bei Twitter gehabt hat (interessieren würde es mich allerdings, feel free to comment!), doch das ist auch eher zweitrangig für mich. Im Vordergrund steht die Freude, Euren Weg mitverfolgt haben zu dürfen, Eure Zweifel, Eure Motivation, Eure Kreativität, Eure Beseeltheit, Euer Lampenfieber, Euren Erfolg und Eure Freude miterlebt zu haben, darüber, etwas ganz Eigenes aus Eurem Inneren auf den Weg zu anderen Menschen gebracht haben zu können. Mögt Ihr für diejenigen bei Twitter, die dasselbe Ziel haben, ein Ansporn sein und ein kleiner Teil des Erfolgs, wenn sie eines Tages ebenfalls ihr erstes eigenes Buch in Händen halten.
Für solche Dinge liebe ich das Internet.

* Ich habe die Bücher hier mal bewusst nicht verlinkt, damit alle zunächst den Umweg über die Menschen nehmen müssen, die sie geschrieben haben. Ihr findet das im Zweifel schon allein raus …


Illustration: © photojenni | Some rights reserved

20 Dinge über mich

Ein schönes Stöckchen, das da gerade umgeht, wird mal wieder Zeit, bei sowas mitzumachen, auch, wenn es mir niemand zuwarf.

  1. Ich mag es, wenn Dinge in meiner Umgebung auf Ablageflächen orthogonal zueinander liegen.
  2. Bis deutlich nach meinem 18. Geburtstag habe ich freiwillig so gut wie nie Kaffee getrunken.
  3. Körperliche Gewalt im „echten Leben“ verabscheue ich, nur ein einziges Mal (in der Grundschule) hatte ich mit einem Mitschüler eine „Klopperei“ – ich weiß nicht mal mehr, wieso.
  4. Es macht mich wahnsinnig, wenn Menschen sich nicht entscheiden können oder sich wiederholt kurzfristig umentscheiden, etwa bei der Sitzplatzwahl in einer Kneipe („guck mal, da drüben sitzt man noch schöner!“). Krisch Plack.
  5. Mit das Anstrengendste an anderen Menschen ist für mich, wenn sie zuviel reden.
  6. Mein Vater starb, als ich 14 Jahre alt war. Mittlerweile ist mir klar, dass ich (unbewusst) daraufhin die rebellische Komponente meiner Pubertät quasi ausgesetzt habe, um meine verbliebene Mutter und Schwester nicht mit meinen Bedürfnissen zu belasten. Anpassen und Zurückstecken wurden zum obligatorischen Verhaltensmuster. Ein Idol meiner Jugend war Mr. Spock, der sich stets absolut unter Kontrolle hat. Diese Haltung währte, bis ich 40 war, dann hat mir meine Psyche sehr deutlich klar gemacht, dass ich laut werden muss und darf, wenn gehört werden soll, was ich will und was nicht.
  7. Meinen ersten Computer kaufte ich mir 1983, einen „Sinclair ZX Spectrum“. Auf diesem Gerät wagte ich mich vor bis in die uncompilierte Programmierung der CPU in Maschinensprache. Etwas, bei dem ich mir selbst heute rückblickend komplett fremd vorkomme, obwohl ich nach wie vor täglich intensiv Computer nutze.
  8. Schon als Kind war ich fasziniert von Gespenstern, Monstern und Vampiren. Ich nervte Eltern und Großeltern ständig, abends für „Gruselfilme“ à la Dracula aufbleiben zu dürfen (meist vergebens), stromerte in den Videotheken der frühen Achtziger Jahre herum und bestaunte die Cassettencover in der – damals noch frei zugänglichen – Horrorfilm-Ecke, denn ausleihen durfte ich ja noch nichts, und stand oft vor den Schaukästen der lokalen Kinos, in denen damals noch Szenenfotos aus trashigen Italo-Zombiefilmen öffentlich ausgehängt werden durften. Nachts konnte ich dann im Schein des Steckdosen-Schlummerlichts nicht einschlafen, sah auf jedem Kellergang in dunklen Ecken, hinter mir und jeder Tür das Böse lauern und trug sogar eine Zeitlang als Elfjähriger nachts zum Schutz ein Kreuz an einem Gummiband um mein Handgelenk. Der Reiz des Horrors blieb dennoch bis heute ungebrochen.
  9. Eins meiner schönsten Weihnachtsgeschenke waren ein paar Äpfel.
  10. Ein anderes meiner schönsten Weihnachtsgeschenke war ein Elektronik-Experimentierkasten. Gleich nach dem Auspacken begann ich, mit meinem Vater mehrere Stunden lang das komplette beiliegende Handbuch „durchzuspielen“, sehr zum Missfallen meiner Mutter, die es gern etwas gemütlicher gehabt hätte. Es war das intensivste Spielerlebnis, das ich als Kind mit meinem Vater hatte.
  11. Ich hasse umziehen. Da ich als Kind mit der Familie bis zum Alter von 12 Jahren etwa zehn Mal unziehen musste, hatte ich irgendwann genug von ständigen Ortswechseln. Seit ich 1995 nach dem Studium der Arbeit wegen nach Hamburg zog, bin ich nur ein einziges Mal umgezogen. Der Gedanke an einen Umzug weckt in mir das Bild eines Aquariums, in das jemand einen elektrischen Rührmixer hält.
  12. Ich halte jegliche Zerstörung von Gegenständen aus Spaß, zur Unterhaltung oder aus Langeweile für eine Missachtung der Schaffenskraft jener Menschen, die an der Herstellung dieser Sachen beteiligt waren. Deswegen finde ich es schön, dass die meisten Dinge, die heutzutage in Filmen „in Dutt gehen“, aus dem Computer kommen.
  13. Meine ersten drei Schallplatten mit Musik (nach unzähligen EUROPA-Hörspielplatten) waren die Singles „Die Roboter“ von Kraftwerk, „Fatima, heut ist Ramadan“ von Dieter Hallervorden und „Never for Ever“ von Kate Bush.
  14. Ich möchte gern einmal ohne Grabstätte und Stein in einem Park oder unter einem schönen Baum in einem Friedwald beerdigt werden.
  15. Ich war nie mit der ganzen Familie im Urlaub. Beide Male bekam ich kurz vor der Abreise (Dänemark bzw. Mallorca) eine Kinderkrankheit – einmal Masern, einmal Windpocken und musste bei der Oma zurückbleiben.
  16. Das Zusammensein mit vielen Menschen auf einmal raubt mir Energie. Inzwischen glaube ich auch, verstanden zu haben, warum das so ist.
  17. Ich mag meinen Beruf als Grafik-Designer und könnte mir nur schwer vorstellen, etwas anderes zu machen.
  18. Ich würde gern einen Bildband zusammen mit einem Fotografen gestalten und herausbringen, in dem Menschen die Geschichten zu bedeutsamen Narben an ihrem Körper erzählen.
  19. Beim Kauf neuer Möbel bin ich extrem zurückhaltend. Die ältesten Möbelstücke in meiner Wohnung sind annähernd 30 Jahre alt, zeitlos schön und optisch tadellos, deshalb wüsste ich nicht, wozu ich neue bräuchte.
  20. Ich würde gern einmal ohne jegliche technische Hilfsmittel, wie im Traum, durch einen uralten bizarren Canyon fliegen.

Ich läse gern noch viel mehr Beiträge zu diesem Stöckchen. Wer es fangen mag oder einen Link zu einem lesenswerten diesbezüglichen Blogpost hinterlassen mag, der möge dies tun.

Photo: © gabri_micha | Some rights reserved

Science Fiction

Wenn eine Technologie wie ein weltumspannendes Computernetz, die wenige Jahrzehnte zuvor noch unmöglich schien, erst einmal vorhanden ist, wird sie bald wie selbstverständlich hingenommen. Das betrifft sowohl ihre Vor- als auch ihre Nachteile. Doch wie wäre es, wenn ein Ereignis wie die NSA-Affäre ganz plötzlich in den Alltag der Vergangenheit eingebrochen wäre, als es das Internet noch gar nicht gab? Verkündet in einer der Hauptnachrichtensendungen des deutschen Fernsehens – damals, vor 35 Jahren …

„Washington. Wie die britische Zeitung ,Guardian’ berichtet, verfügt der US-Geheimdienst NSA über eine neuartige Technologie, die es ermöglicht, die Menschen nahezu aller Nationen weltweit in kaum vorstellbarem Ausmaß zu überwachen. Die Informationen und Dokumente, welche dies belegen, wurden der Redaktion von Edward Snowden, einem ehemaligen Mitarbeiter des Geheimdienstes zugespielt, der die Unterlagen zuvor gesammelt und an sich gebracht hatte. Mit der Veröffentlichung will der sogenannte ,Whistleblower’ die Aktionen des bislang streng geheim gehaltenen Überwachungsapparates gegenüber der Weltöffentlichkeit enthüllen und die damit verbundenen nationalen und internationalen Rechts- und Verfassungsbrüche anprangern. Die Überwachung, so Snowden, werde von den USA mit einer effizienteren Bekämpfung des internationalen Terrorismus begründet und umfasse dabei nicht nur die elektronische Kommunikation, sondern auch die Aufenthaltsorte der Menschen sowie Datum, Zeit und Inhalte der ausgetauschten Nachrichten. Dies betreffe sämtliche Bürger – auch Milliarden Privatpersonen seien von der elektronischen Erfassung betroffen, da jedes Verdachtsmoment für die Behörden von Bedeutung sei. Die amerikanische Regierung hat bisher zu den Enthüllungen jede Stellungnahme verweigert. Wo sich Edward Snowden derzeit aufhält, ist nicht bekannt, Geheimdienstexperten vermuten jedoch, dass der Informant auf der Suche nach einem sicheren Drittland ist, in dem er Asyl beantragen kann, ohne an die USA ausgeliefert zu werden. Die Bundesregierung, so ein Sprecher, wolle sich zu den Presseberichten des ,Guardian’ erst äußern, wenn die Behauptungen sich als stichhaltig herausstellten. In ersten Reaktionen zeigten sich internationale Bürgerrechtler sowohl teilweise ungläubig als auch entrüstet. Ein deutscher Verfassungsrechtler bezeichnete die Presseberichte als ,Science Fiction’ – es sei weder rechtlich und ökonomisch noch technisch plausibel, dass ein Geheimdienst – selbst der einer Großmacht wie der USA – eine derartige Infrastruktur in Betrieb nehme und nutze.“

(Tagesschau, Dienstag 06.06.1978)

* Ich weiß, dass der SPIEGEL 1983 bereits ausführlich über die Abhöraktionen der USA berichtete. Doch der damalige Artikel fokussierte sich m.E. eher noch auf „ausgewählte“ Zielgruppen innerhalb der Bevölkerung, nicht auf eine umfassende Ausspähung ganzer Nationen und ihrer Bürger.

Bildmontage: formschub.de
Photo of TV Set: © Stefan on flickr | Licensed under Creative Commons

Gedanken zur DateNSAmmlung

Wenn es etwas gibt, was das Internet bei mir bewirkt hat, seit ich es (seit 1997) nutze, dann, dass es mich zu einem politisch sehr viel interessierteren Menschen gemacht hat. In prä-online-Zeiten gab es nur die Printmedien und das Fernsehen, um sich politisch zu informieren. Eine oder mehrere Zeitungen oder Magazine regelmäßig, womöglich täglich zu lesen, brauchte viel Zeit, kostete einiges an Geld und das Verfolgen tiefergehender Rundfunk- oder Fernsehnachrichten erforderte die Anpassung an den Programmplan der TV-Sender oder das mühsame Aufzeichnen und spätere Schauen. Zumindest mein Informationsgrad blieb daher lange relativ oberflächlich.

Inzwischen, da ich online Nachrichten und Seiten abonnieren kann, mich selektiv zu einzelnen Themen informieren (lassen) kann, wuchs auch mein politisches Bewusstsein. Ich versuche, Zusammenhänge zu begreifen, Themen tiefer zu recherchieren, kann mir leichter eine möglichst fundierte Meinung bilden und anschließend durch die Teilnahme an (konstruktiven) Diskussionen oder Demonstrationen, durch das Teilen und Weiterverbreiten von Links oder durch das Zeichnen von Petitionen Einfluss auf die politische Meinungsbildung und Entwicklung nehmen. Einfach, weil es mir durch das Internet leichter gemacht wird, dies zu tun. Das ist eine tolle Sache.

Das politische Thema, das natürlich auch mich in den letzten Wochen am meisten beschäftigt hat, ist die Abhörtätigkeit der NSA und anderer westlicher Geheimdienste, inklusive des britischen GCHQ und des deutschen BND. Ich verwende bewusst nicht die Begriffe PRISM und TEMPORA, da sich ja inzwischen herausgestellt hat, dass diese nur kleine Module darstellen in dem viel größeren Konstrukt, das dahinterliegt und der Öffentlichkeit bislang kaum bekannt ist.

Ich finde es gut, dass dieses Thema öffentlich geworden ist und auch in den On- und Offline-Medien sehr fundiert erörtert und kommentiert wird. Ich finde es gut, dass (hoffentlich immer mehr) Menschen darüber diskutieren und diesen Aktionen – möglichst über Ländergrenzen hinaus – maßvolle Grenzen setzen wollen. Ich bin der Meinung, bei der Massenerfassung dieser Daten handelt sich um einen Grundrechtsbruch und um die gezielte Umkehrung der Unschuldsvermutung. Und ich finde es beschämend, wie die meisten Politiker dieser und früherer Regierungsparteien darauf reagieren, bin extrem enttäuscht von der Politik insgesamt und den sogenannten „Volksvertretern“, die diesen Titel jeden Tag unangemessener erscheinen lassen, was mir natürlich auch die Entscheidung bei der kommenden Bundestagswahl (und: ja, ich werde wählen gehen!) nicht einfacher macht. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Was Edward Snowden tat, indem er diese Programme öffentlich machte, hat meinen Respekt. Er setzt sich damit als sehr junger Mensch einer Verfolgung und einem Risiko aus, die geeignet sind, sein gesamtes weiteres Leben zu beeinträchtigen oder es sogar zu verlieren. Ich hoffe, dass die Dinge, die er damit in Bewegung gesetzt hat, den Menschen, ihrer Freiheit und ihren Grundrechten zugute kommen werden.

Warum schreibe ich diesen Blogartikel? Sicher nicht, weil noch zu wenig über die Spähprogramme im Internet steht. Ich habe vielmehr das Gefühl, die öffentliche Diskussion sollte über das Statement „wir wollen nicht a) länger und b) in diesem Ausmaß überwacht werden“ hinausgehen. Es geht auch um weit mehr als darum, ob wir „etwas zu verbergen haben“ oder nicht.


1. Wir sind euphorisch und naiv
Einer unter den Artikeln, die mich in den letzten Tagen am nachdenklichsten gemacht haben, war ein Gastbeitrag des ehemaligen BND-Vizechefs Rudolf G. Adam in der Süddeutschen Zeitung. Dort heißt es:

Das Internet entstand aus dem Bedürfnis des US-Militärs, ein Kommunikationssystem zu entwickeln, das auch unter chaotischen Bedingungen sicher funktioniert. Die erste Naivität besteht nun darin zu glauben, das Militär habe sein Interesse am Internet verloren, seitdem es zur zivilen Nutzung freigegeben worden ist.

Da ist was dran. Die Euphorie über die Möglichkeiten und Chancen, die das Netz bietet, können durchaus dazu beigetragen haben, dass wir Netznutzer die Wurzeln des World Wide Web vergessen haben und es (ausschließlich) als eine Infrastruktur gesehen haben, die „dem Volk“ zugute kommt. Doch dem ist nicht so. Das muss man akzeptieren – und es dämpft bei mir das „unbeschwerte“ Gefühl, das ich bisher online hatte, maßgeblich. Doch gerade deshalb empfinde ich die Diskussion über Abhörmaßnahmen als um so wichtiger.

Der Artikel führt weiterhin aus, dass natürlich auch „nicht-westliche“ Geheimdienste das Internet abhören und mit Sicherheit nicht damit aufhören werden, selbst wenn die Proteste der Menschen in Europa und Amerika zu Beschränkungen der Geheimdienstaktivitäten führen. Auch das muss man akzeptieren – ganz eindämmen kann und sollte man diese Maßnahmen in absehbarer Zeit klugerweise nicht. Idealistische Forderungen, alle Geheimdienste sollten einfach mit sämtlichen Überwachungsmaßnahmen aufhören, halte ich für weltfremd und wenig zielführend.

2. Wir sind arglos und vergesslich
Das Zweite, was ich durch die Enthüllungen Snowdens über die NSA gelernt habe: obwohl seine Enthüllungen wichtig und weitreichend sind, erzählt er uns im Grunde genommen, nicht nur Neues. In den letzten Tagen kam auch ein alter SPIEGEL-Artikel aus dem Jahre 1989 (!) wieder ans Tageslicht. Darin wird ausführlich berichtet, wie umfassend schon damals in der Vor-Internet-Ära die weltweite Telekommunikation durch die NSA überwacht und abgehört wurde – inklusive Schilderung der Empörung unter Politikern und Bürgern. Doch offenbar geriet diese erste Enthüllung inzwischen wieder komplett in Vergessenheit.

Warum folgte diesem Bericht damals kein Sturm der Entrüstung, keine Diskussionen, keine Demonstrationen? Vielleicht unter anderem auch, weil es das Internet noch nicht gab und sich sowohl der Bericht nicht dynamisch genug „herumsprechen“ konnte als auch die heutigen Vernetzungsmöglichkeiten zur Verabredung und Organisation von z.B. Demonstrationen noch gar nicht gegeben waren. Und vielleicht auch, weil es „nur“ um Telekommunikation ging. Zwar tauschte man auch 1989 schon viele und wichtige Nachrichten per Fax und Telefon aus, aber beide Technologien waren weitaus weniger umfassend und tiefgreifend mit nahezu allen Momenten des Alltags verwoben, wie es heute das Internet ist. „Ist ja nur Telefon“, dachte damals vielleicht mancher und ging nach draußen, um seine Überweisungen bei der Bank abzugeben und danach einen Urlaub im Reisebüro zu buchen.

3. Wir sind vertrauensselig und optimistisch
Ganze Scharen von Sprechern, Politikern und „Experten“, die derzeit die Wogen glätten und die Diskussion beschwichtigen oder herunterspielen wollen, versichern, es geschähe alles in gesunder Verhältnismäßigkeit, sei völlig legal, die Daten würden nicht missbraucht, alles sei sicher gespeichert, würde nach einer gewissen Zeit wieder gelöscht, etc. Mal angenommen, man nähme selbst die damit verbundenen Grundrechtsbrüche in Kauf, und gleichfalls angenommen, man könnte darauf vertrauen, dass diese Beteuerungen für den Moment der Wahrheit entsprechen und „die da oben“ die gesammelten Daten schon anständig und gewissenhaft verwalten und verwenden würden – wer garantiert uns denn, dass das so bleibt? Ich werfe nur einen mulmigen Blick zu unserem Nachbarn und EU-Mitglied (!) Ungarn, wo sich „demokratisch legitimiert“ eine massive Unterdrückung oppositioneller Kräfte abspielt. Was passiert mit den längerfristig gespeicherten Daten, wenn in fünf, zehn, zwanzig Jahren in einem heute freiheitlichen Land politische Umwälzungen eine andere Regierung ans Ruder bringen, der die Rechte ihrer Bürger (noch) weniger wert sind? Davor habe ich Angst. Ich will jetzt schon etwas dagegen getan wissen, dass weder heute noch in Zukunft jemand meine (Meta-)Daten missbrauchen kann.

4. Wir sind technikgläubig und überheblich
Die Mengen an (Meta-)Daten, die aktuell gesammelt sind, sprengen schon jetzt jedes Vorstellungsvermögen. Selbst Begriffe wie Yottabyte oder eine Gegenüberstellung der gesammelten Stasi-Daten mit der NSA-Datenbank helfen nur bedingt, diese Dimensionen zu erfassen. Das kann kein noch so großes Heer von Menschen mehr persönlich auswerten. Im o.g. Artikel der SZ schätzt Rudolf G. Adam, dass einer der maximal darauf angesetzten 50.000 Auswerter der NSA pro Tag nicht mehr als 50 Kommunikationsabläufe sichten und operativ bewerten kann. Selbst die damit erzielten 2,5 Mio. Vorgänge pro Tag decken nur 0,1% der täglich erfassten 2 Milliarden Kommunikationsabläufe ab. Den Rest müssen Maschinen erledigen.
Wenn Maschinen weltweit menschliche Kommunikation entschlüsseln, sind hochleistungsfähige Computer und Algorithmen im Spiel. Doch auch sie werden von Menschen programmiert und können nur vorgegebenen Schemata folgen. Was ist mit (automatisierten) Übersetzungen und damit einhergehenden Übersetzungsfehlern? Ironie? Sarkasmus? Humor? Bewusste Wortspiele? Kommunikationsmuster außerhalb der programmierten Schemata, die täglich millionenfach durchs Internet strömen und damit Fehlerquellen, die geeignet sind, Menschen ungerechtfertigt in Verdacht zu bringen. Eine gigantische Kafka-Maschine. Wie riskant es ist, sich Algorithmen auszuliefern, erzählt der Programmierer Lukas F. Hartmann, der durch einen Programmierfehler bei einem privaten Genom-Analyseservice eine falsche Krankheitsdiagnose erhielt.
Daneben existieren in der Statistik generell und unabhängig von Softwarefehlern die Begriffe der sogenannten „falsch positiven“ und „falsch negativen“ Befunde, eine Art Fehlergrundrauschen, das bei allen massenhaften Auswertungs- und Analyseverfahren von vornherein einkalkuliert wird und in der analogen Welt quasi unvermeidlich ist. Es wird also zwangsläufig bei der automatisierten Auswertung von Datenmengen sowohl zu unbegründeten Verdächtigungen führen als auch zu unentdeckten „echten“ Fällen. Wer schützt die Bürger gegenüber den so mächtigen Geheimdienstinstanzen vor solchen Kollateralschäden? Ein Blick nach Guantanamo bekräftigt die Berechtigung dieser Frage.

5. Wir vernachlässigen den Faktor Mensch
Ebenso riskant, wie es ist, Maschinen menschliche Kommunikation auswerten und private bis intime Daten verwalten zu lassen, ist es, dies von Menschen erledigen zu lassen – erst recht, wenn diese Auswertung von den Geheimdiensten auch noch an privatwirtschaftliche Unternehmen outgesourced wird.
Wenn Whistleblower ihre Position und ihren Zugriff auf geheime Daten ausnutzen, um die Öffentlichkeit zu informieren, wird dies von vielen respektiert und begrüßt. Doch diese aus Sicht ihres Arbeitgebers „abtrünnigen“ Angestellten stellen nur das eine Ende der Skala dar. Was ist mit korrupten, machtgierigen, kriminell veranlagten, geldgeilen oder anderweitig illoyalen Mitarbeitern, die ebenso in Versuchung kommen könnten, die ihnen anvertrauten Daten, Erkenntnisse und Befugnisse anders zu nutzen, als es „erlaubt“ oder vorgesehen ist? Menschen sind fehl- und verführbar. Und je mehr Menschen immer mehr Daten sammeln und verwalten, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass diese in falsche Hände oder Kanäle geraten. Auch das macht mir Angst.


Das sind die fünf für mich wichtigsten Gründe, warum ich mich dafür einsetzen werde, dass die Recht- und Verhältnismäßigkeit solcher Datensammlungen (wieder)hergestellt wird. Es gibt noch ’zig andere Argumente, etwa der schleichende Druck zur Selbstzensur, wie ihn Pia Ziefle in ihrem Blog beschreibt. Bestimmt kennt jeder, der sich dieser Tage deshalb unwohl fühlt, noch eine Menge andere. Und selbst wenn nicht: denkt nach, informiert Euch – und entscheidet, ob und was Ihr dagegen tun könnt und wollt, zum Beispiel bei diesem Offenen Brief der Digitalen Gesellschaft mitzeichnen.

Ironischerweise beißt sich hier das Internet selbst in den Schwanz – wenn es dabei mithilft, die Überwachung einzudämmen, zu der es selbst die Verlockung und die Möglichkeiten bietet.
Ich bin trotzdem froh, dass es das Netz gibt.

(Noch ein Hinweis: Wer in den Kommentaren mitdiskutieren möchte und ggf. anderer Meinung ist als ich, wird höflich gebeten, in seinen Beiträgen einen angemessenen Umgangston zu wahren. Anderenfalls werde ich kompromittierende Kommentare unerwidert löschen.)

Update: Kurz nach Veröffentlichung dieses Blogartikels erreichte mich der Link zu einem YouTube-Video des Comiczeichners manniac, das kurzweilig illustriert ebenfalls sehr viele der von mir resümierten Gedanken zusammenfasst. Anschauen und teilen empfohlen!


Image composing: formschub.de
Photo: © donsutherland1 | Some rights reserved

Hinter Net

Ich bin übrigens der Meinung, dass Frau Merkel ein gewisses Maß an Kritik bezüglich ihrer »Neuland«-Äußerung durchaus verdient hat. Politiker selbst müssen natürlich nicht mit jeder neuen Technologie Schritt halten oder diese selbst beherrschen können. Aber sie sollten fähig sein, zu bemerken, dass eine neue Technologie präsent ist, sich rasant entwickelt und umwälzende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der sich ihnen anvertrauenden* Bürger hat. Infolge dieser Feststellung sollten sie nicht zögern, kontinuierlich kundige Experten aller netzpolitisch relevanten Disziplinen zu konsultieren, für die diese Technologie eben kein Neuland mehr ist, sich mit ihnen zusammensetzen und auf ihre Empfehlungen hören, wie diese Technologie gefördert, demokratisch geregelt und ihre Chancen und Risiken verfassungsgemäß in eine kluge Gesetzgebung integriert werden können. Aber genau das ist im letzten Jahrzehnt verschlafen, ausgesessen, prokrastiniert, abgewiegelt oder aktionistisch bis inkompetent in völlig falsche, höchst bedenkliche Richtungen zwangsgeregelt worden. Dass die „Digital Natives“ in der Minderheit sind, rechtfertigt nicht, sie und ihre Bedürfnisse, Erfahrungen und die konstruktiven Vorschläge netzpolitischer Organisationen und Verbände zu ignorieren oder kleinzureden. Die „Neuland“-Metapher ist keine Entschuldigung oder Erklärung für das, was passiert oder nicht passiert ist oder dafür, dass für weite Teile der Bevölkerung das Netz nach wie vor nur aus Online-Shopping und E-Mails schreiben besteht. Sie ist eine Ausrede.

* Edit: Mit „anvertrauen“ meine ich nicht eine devote Selbstauslieferung der Menschen an die Regierung, sondern den Vertrauensvorschuss der Wähler, welchen sie ihren politischen Vertretern durch ihr Wahlvotum geben – und dafür erwarten dürfen, dass entsprechend gehandelt wird.


Photo: © Marie Mosley | Some rights reserved

Du bist viele

In den letzten Tagen und Wochen begegneten mir Meldungen, Ereignisse und Gedanken auf Websites, bei Twitter, Facebook, in Offline-Medien, in Nachrichtenmeldungen, in meinem persönlichen Umfeld, die in mir ein Gefühl auslösten. Sollte ich es benennen, würde ich sagen: „Ich glaube, es passiert gerade was.“ Vielleicht sind die Zusammenhänge, die ich zu sehen glaube, totaler Blödsinn oder längst irgendwo anders formulierte „olle Kamellen“, aber ich möchte sie zumindest einmal hier aufschreiben, auch, um mal etwas Ordnung hineinzubekommen.

Was waren das für Dinge, die dieses Gefühl in mir auslösten? Das hört sich auf den ersten Blick ziemlich abenteuerlich an, denn sie scheinen keinerlei Zusammenhang zu haben: klassische Parteipolitik, die Holzmedien und ihre Krise, Musikverlage, e-Books, Downloads, der Arabische Frühling, die aktuellen Demonstrationen in der Türkei, Shitstorms, Facebook-Partys, das Hochwasser in weiten Teilen Deutschlands, Germany’s Next Topmodel und andere Castingshows, subversive Social-Media-Postings chinesischer Internetnutzer zum Jahrestag der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Umweltschutz, Ökostrom und Nachhaltigkeit, die sogenannte „Mass Customization“, die Netz-Initiative #aufschrei sowie einiges andere mehr. All diese Ereignisse kreisen um ein Thema bzw. deuten für mich auf einen Trend hin, für den ich das Wort „Schwarmaktivismus“ gesucht und gefunden habe. Dieser Trend hat unmittelbar mit dem Internet zu tun, bewegt sich aber für mein Empfinden zunehmend ins Offline-Leben hinaus. Aber der Reihe nach.

Der finale Auslöser meines Gedankengangs war ein Zitat in dem Videoclip eines Vortrags einer TEDx-Konferenz, auf das ich im Blog von Isabel Bogdan aufmerksam wurde. Der Vortragende, ein Guerilla-Gardening-Aktivist aus Los Angeles, sagte darin:

„… ich weigere mich, Teil dieser vorgefertigten Realität zu sein, die von anderen Menschen hergesteⅡt wurde …“
(Video, Minute 4:49)

Seine Schlussfolgerung daraus war: ich tue selbst etwas, direkt vor meiner Haustür, werde nicht Mitglied einer Partei, warte nicht ab, bis andere für mich die Initiative ergreifen und kümmere mich nicht primär darum, wieviel ich mit meinem Tun bewege, sondern dass ich überhaupt etwas bewege, in einem kleinen, begrenzten Bereich (Selbstversorgung mit pflanzlichen Nahrungsmitteln) und unabhängig von Inititativen, Programmen und Vereinen, die sich Größeres auf die Fahnen geschrieben haben. Bis dahin eigentlich nichts bahnbrechend Neues. Aber ich interpretiere sein Zitat noch ein wenig darüber hinaus.

Bevor es das Internet gab, war der Austausch zwischen „Sendern“ und „Empfängern“ sowie innerhalb der „Empfänger“ stark begrenzt. Politische Meldungen entnahm man dem Fernsehen, dem Radio, der Tagespresse oder engagierte sich selbst politisch aktiv. Der Austausch und die Verbreitung von Nachrichten und Meinungen untereinander vollzog sich durch Telefonieren, Briefe schreiben oder persönliche Gespräche. Um in Kontakt mit den „Sendern“ zu treten, konnte man als „Empfänger“ so etwas wie „Leserbriefe“ schreiben, die nach Belieben veröffentlicht wurden oder man konnte bei Demonstrationen auf die Straße gehen. Das war’s. Dieselben Mechanismen bestimmten weitgehend auch das Kultur- und Alltagsleben. In Zeitungen und Magazinen konnte „man“ lesen, welche Modetrends, Popstars oder Gesprächsthemen angesagt waren, die Erscheinungszeiträume folgten einem starren, bestenfalls täglichen Rhythmus. Nischenthemen wurden zwar in Independent-Kanälen behandelt, aber meist auch nur von einem Nischenpublikum konsumiert. Die Aufbereitung der Themen geschah unweigerlich in vorverpackter, gebündelter Form – man musste ein komplettes Magazin kaufen, um nur einen Artikel von persönlichem Interesse zu lesen, ein komplettes Album kaufen, um nur einen Lieblingssong zu besitzen, eine ganze Nachrichtensendung schauen, um einzelne individuell interessante Meldungen wahrzunehmen oder eine Partei wählen, um vielleicht nur einen einzelnen oder wenige persönliche Standpunkte aus dem gesamten Parteiprogramm politisch zu forcieren.

Für die „Sender“ war diese Art der Beziehung zu ihren „Empfängern“ von großem Vorteil. Sie konnten sich institutionalisieren und solidarisieren. Ob Konzerne, Parteien, Verlage oder Religionsgemeinschaften – die Botschaften und die Bedingungen für deren Abnahme durch die „Empfänger“ konnten bequem vorgefertigt im Gesamtpaket gebündelt und verteilt werden, frei nach dem Motto „Alles oder Nichts“. So konnten Einfluss- und Machstrukturen entstehen, mit denen sich die Abnehmer bequem steuern oder zu vielfältigen Kompromissen bewegen ließen, sie konnten ja kaum etwas dagegen tun, das war nun einmal so. In vielen Bereichen, allen voran im Konsum, ist das weiterhin unverändert und wird es wohl auch eine Weile noch bleiben. Tausende Menschen, Erwachsene wie Teenager, kopieren ihren Lebensstil als „Bundle“, wollen aussehen (oder bei Castingshows singen oder tanzen) wie [hier bitte nach Belieben Promi, Popstar, Modestil oder Statusgemeinschaft einfügen], wir alle kaufen Massenprodukte, die vorgefertigt in den Regalen liegen, der Weg zur Individualisierung liegt lediglich in der Kombination unserer Einkäufe, in wenigen, begrenzten Customizing-Optionen wie Ausstattung, Material oder Farbe oder im Do-it-yourself-Verändern der Produkte nach ihrem Kauf. Natürlich erlischt dann sofort die Garantie.

Mit dem Internet begannen diese Machtstrukturen zu zerbrechen, denn die „Empfänger“ wurden nun nicht nur bald ebenfalls zu „Sendern“, sondern konnten sich auch untereinander in weitaus größerer Zahl, Frequenz und Intensität miteinander austauschen. Statt größerer Contentpakete zerfielen Botschaften und Medieninhalte in kleinstmögliche Einheiten. Songs statt Alben, Twittermeldungen statt Nachrichtenmagazine, individuelle Standpunkte statt Parteiprogramme. Ständig formieren sich changierende virtuelle Interessengemeinschaften von Fans, Aktivisten, Hobbybetreibern, Zeit und Ort sind egal. Jeder kann bloggen, twittern, posten. Das beunruhigt die gewachsenen Sendermonolithen natürlich, denn plötzlich werden Widerspruch und Kritik in Echtzeit öffentlich, manchmal in beängstigender Zahl und mit aggressiver Energie. Verlage fordern vom Staat Schutzmechanismen für ihre schwindende Relevanz ein, Regierungen überwachen oder manipulieren den Traffic im Netz, Konzerne reagieren mit Ignoranz oder richten mit panischem Feedback und Abmahnungen mehr Schaden als Nutzen für ihre Marken und Kunden an.

Dennoch hatte ich bislang das Gefühl, die Mehrheit der Internetnutzer bediente sich dieser Möglichkeiten des Netzes hauptsächlich auf zwei Arten: entweder totaler Individualismus („endlich kann ich mich mit meiner Meinung und meinen Themen im Netz selbst verwirklichen“) oder totaler Kollektivismus, wie er bei Shitstorms, Facebookpartys oder der Organisation von Massenprotesten wie z.B. beim Arabischen Frühling bzw. derzeit in der Türkei sichtbar wird. Ich will das gar nicht abwerten, ich finde es toll, dass jedes Nischenthema im Netz seinen Platz findet, ebenso begrüße ich die Macht, die durch die Online-Solidarisierung und -Koordination vieler Einzelner bei Demonstrationen, Petitionen und Diskussionen möglich wird. Dennoch blieb eine dritte, weitaus subtilere – und vielleicht gerade deshalb machtvolle – Einflussmöglichkeit aus meiner Sicht bislang wenig genutzt: der Schwarmaktivismus.

Der Schwarmaktivist (egal welchen Geschlechts) hat zwar ebenfalls keine Lust mehr, seine Themen und Ideologien im Komplettpaket von politischen oder sonstigen Instanzen zu „abonnieren“, aber er flüchtet sich nicht in einen neuen Kollektivismus, indem er nach Anderen sucht, die exakt dasselbe tun wie er und mit diesen wiederum neue Parteien und Interessengruppen gründet oder an bestimmte Orte reist, um diese Gleichgesinnten zu treffen. Stattdessen reicht es ihm vollauf, zu sehen, dass im Netz an unzähligen Stellen und Orten auf der Welt andere Individuen so denken wie er. Er handelt individuell, vor seiner Haustür, mit kleinen, persönlichen Beiträgen in dem Bewusstsein, dass überall auf der Welt Andere etwas Ähnliches tun. Um dieses Bewusstsein zu entwickeln, benötigt er das Netz. Um entsprechend zu handeln, braucht er es nicht. Gegenseitiger Online-Austausch mit Geistesverwandten hingegen ist erwünscht und wird auch genutzt. So beschließen Menschen, zu Ökostromanbietern zu wechseln, Solarkollektoren auf dem Dach zu installieren, zu vegetarischer Ernährung zu wechseln, Fahrgemeinschaften für Vor-Ort-Hilfe oder Spenden für Flutopfer zu organisieren, Obst auf Verkehrsinseln anzupflanzen, kluge und konstruktive Blogartikel zur Verlags- oder Buchhandelskrise zu veröffentlichen, sich persönlich aufgrund eines Online-Denkanstoßes in ihrem ganz persönlichen Umfeld gegen Sexismus im Alltag zu engagieren oder auf andere Weise „die Welt zu retten“. Vereint durch den Überdruss an Lobbyismus, Parteipolitik und des Wartens müde, dass sich von oben oder von selbst etwas ändert – und angetrieben von der Weigerung, zu resignieren, weil man als Einzelner ohnehin machtlos ist. Der Schwarmaktivist muss sich nicht zwingend mit jemandem verabreden, er kann selbst entscheiden, wie und wann er etwas tut – und was. Motiviert durch das Internet und durch die dort sichtbare Gewissheit, dass da draußen Millionen anderer Menschen ebenso denken und sich überlegen, was sie im Kleinen bewegen können, damit trotzdem, bald und überall auf der Welt das Leben jeden Tag wieder ein kleines bisschen besser wird. Und aufgrund meines Gefühls, dass die Zahl derer, die so handeln, täglich zunimmt, möchte ich gern optimistisch sein und glauben: das wird es.

33 Dinge, …

… die ich immer wieder verwechsele:

  1. konkav und konvex
  2. Mambo und Rumba
  3. Hamburg-Hamm und Hamburg-Horn
  4. Cary Grant und Gary Cooper
  5. a.m und p.m.
  6. Backbord und Steuerbord
  7. »Der dritte Mann« und »Der unsichtbare Dritte«
  8. Küfer und Kürschner
  9. Lüneburg und Lübeck
  10. Madeira und Marsala
  11. Leopard und Gepard
  12. Majoran und Oregano
  13. Pflaumen und Mirabellen
  14. Labrador und Golden Retriever
  15. Tortillas, Tacos, Enchiladas und Burritos
  16. Haschisch und Marihuana
  17. Suzuki und Subaru
  18. Balzac und Starbucks
  19. Star Trek und Star Wars
  20. Frodo und Bilbo
  21. Khaki und Oliv
  22. Wespen und Hornissen
  23. Lambrusco und Frascati
  24. .tif und .gif
  25. Mallorca und Monaco
  26. Elmex und Aronal
  27. Krethi und Plethi
  28. Rambazamba und Halligalli
  29. Gunter Emmerlich und Roland Emmerich
  30. FDP und PDF
  31. Cindy und Bert
  32. 4711 und 08/15
  33. Carmen Nebel und Kirsten Dunst

Hab ich was vergessen?

Update (05.05.): Ihr seid so großartig! Ich habe mal meine subjektiven Best-of aus den famosen Kommentaren (und das waren fast alle) in die Liste eingepflegt. Großer Spaß!

  1. Brutto und Netto
  2. Randy Crawford und Randy Newman
  3. Mein und Dein
  4. Sein und Schein
  5. Links und anderes Links
  6. Villariba und Villabacho
  7. Roland Kaiser und Howard Carpendale
  8. Wladimir und Vitali Klitschko.
  9. kurzsichtig und weitsichtig
  10. Witta Pohl und Gaby Dohm (und Thekla Carola Wied)
  11. Boba Fett und Jabba the Hutt
  12. gerührt und geschüttelt
  13. Internet und www
  14. dreifacher Lutz und dreifacher Rittberger
  15. Gitti und Erika
  16. Yul Brynner und Telly Savalas
  17. Nord und Süd und Ost und West
  18. Salz und Zucker
  19. Dill und Thymian
  20. Crevetten und Krabben
  21. Sanssouci und Versailles
  22. Touchscreens und Monitore
  23. Guinea und Guyana
  24. Uhr vorstellen und Uhr zurückstellen
  25. Hamburg-Barmbek und -Bramfeld und -Billstedt bzw. Hamburg-Eidelstedt und -Eilbek
  26. Bischöfe und Kardinäle
  27. Priester und Pfarrer
  28. Johannes Kerner und Markus Lanz
  29. Toto und Harry
  30. Stephen Hawking und Sam Hawkins
  31. Google+ und Xing
  32. Ludwig und Stefan Boltzmann
  33. Melancholiker und Sanguiniker
  34. clever und cmart (im Englischen und im Deutschen)
  35. unterschiedlich und verschieden
  36. Schulze und Schultze
  37. Busum und Husum
  38. Justin Bieber und Justin Timberlake
  39. Gaspedal und Bremspedal
  40. Herbert Knaup und Martin Brambach (im Tatort)
  41. Stalagtiten und Stalagmiten
  42. Die Geburtstage meiner Eltern (12.1 und 11.2.)
  43. Drücken und Ziehen (auf Türen)
  44. die Titel der Bud-Spencer-Filme
  45. Erle und Lerche
  46. Sekt und Champagner
  47. Sardellen und Sardinen
  48. Maikäfer und Marienkäfer
  49. Das Twitter- und das Tumblr-T
  50. Mary-Kate und Ashley Olsen
  51. Amerika und Indien
  52. Markus und Karsten
  53. Karsten Baumann und Stefan Emmerling
  54. Beige und Ecru
  55. Lavendel und Violett
  56. Rhododendron und Oleander
  57. Slowenien und Slowakei
  58. Den Staubsaugerknopf zum Abstellen des Staubsaugers und den um die Schnur aufzuwickeln
  59. U6 Richtung Alt-Tegel und U6 Richtung Alt-Mariendorf
  60. ob der IKEA nun links oder rechts von der Autobahnausfahrt im Industriegebiet liegt
  61. Helvetica und Arial
  62. Louis XV. und Louis XVI.

… und um die 100 vollzumachen, hier noch fünf von mir:

  1. Die niederländische und die französische Flagge
  2. Leonard Bernstein und George Gershwin
  3. Mojito und Caipirinha
  4. Joseph und Ralph Fiennes
  5. Tulpen aus Amsterdam und Weiße Rosen aus Athen

Das muss aber noch lange nicht der Schlusspunkt sein …

Update (08.05.): Ich verneige mich …

… kurz nachdem Peter Wittkamp, aka @diktator bei Twitter, mich gefragt hatte, ob er meine Liste zu seinem Projekt „Auslisten“ (Website | Facebook) hinzufügen darf, kommentierte der Autor des famosen (und von mir hier auch schon mal empfohlenen) Buches „Die sexuellen Fantasien der Kohlmeisen“, Tex Rubinowitz, die Liste mit einigen Einträgen, die natürlich hier nicht fehlen sollen:

  1. Stadium und Stadion
  2. Studium und auf der faulen Haut liegen
  3. Tofu und Futon
  4. Andy Warhol und Woody Allen
  5. Melbourne und Montreal
  6. Beirut und Bayreuth
  7. Bitte und Danke
  8. das gleiche und das selbe

Beides kleine Ritterschläge. Vielen Dank!

Panta Ente rhei

Am 15. September 2008 postete ich meinen ersten Tweet. Im Verlauf der darauf folgenden 1665 Tage landeten 21.380 Tweets in meiner Timeline, mittlerweile 6.573 Menschen (abzüglich Bots, Werbeaccounts und Karteileichen) lesen zumindest hin und wieder mal, was ich an Blödsinn vom Stapel lasse und 14mal habe ich meinen Avatar gewechselt. Ich kann und will unmöglich allen zurückfolgen, so gern ich dies täte, da ich meine Timeline gerne unter Kontrolle behalte und möglichst wenig von dem verpassen möchte, was meine Lieblingstwitterer schreiben. Ich freue mich sehr, dass die meisten, denen ich folge, auch mir schon sehr, sehr lange „treu“ bleiben, auch, wenn ich mal eine Reply verschlampe oder mich ein paar Tage in Schweigen hülle, weil Anderes meine Zeit und/oder Aufmerksamkeit fordert.

Es gibt so unglaublich viele Menschen hier, die ihre Persönlichkeit, Alltagserlebnisse, Weltsicht, Kreativität, ihren Humor, Beruf, ihr Hobby oder andere Themen und Beweggründe in ihre Tweets packen und mich jeden Tag zum Schmunzeln, Teilhaben und Nachdenken bringen. Sicher war Twitter früher heimeliger, intimer, vertrauter (besonders die Nachttimeline), aber das ist selten geworden. Es fühlt sich an, als wurde in den letzten 5 Jahren um ein einzelnes Haus, in das man mit seinen Followern und Followees einzog und wo man jeden kannte, den man im Treppenhaus traf, nach und nach eine Siedlung und schließlich eine große Stadt errichtet. Aber trotz der Vorkommnisse, die dort – in Twitterhude – gelegentlich die Eintracht trüben, wie Hämelawinen, Shitstürme oder Pauschalverurteilungen, polemische Diskussionen oder Entfolgungsschmoller, möchte ich hier nicht wegziehen.

Es gibt übrigens keinen Anlass für dieses Resümee, kein rundes Jubiläum an Tagen, Jahren oder Followerzahlen. Ich möchte Euch einfach mal „Danke“ sagen und mich grundlos freuen, dass es Euch und Twitter gibt.


Artwork: © formschub.de

Schweinkram

Wun. Der. Bar. Endlich wieder eine Gelegenheit, den inneren Poeten von der Leine zu lassen. Der Kommentarbereich im Blog von Isabel Bogdan birst nach Ihrem Aufruf zum rüden Reimen gerade vor Leserbeiträgen, die sämtlich drei Dinge miteinander gemeinsam haben: es sind Limericks, sie sprühen vor Ideenreichtum und – sie drehen sich samt und sonders um Sex. Oder Erotik. Oder Masturbation, Geschlechtsverkehr und Co. Schweinkram, eben. Ich möchte daher eine dringende (NSFW-)Besuchs- und Leseempfehlung aussprechen und nachdrücklich auch zum Mitmachen anregen. Vielleicht wird’s ja sogar ein Buch …

Um vorab einen wenigstens kleinen Eindruck davon zu vermitteln, was Besucher dort drüben erwartet, hier die beiden drei Pornofünfzeiler, zu denen mich dieser große Spaß inspirierte:

Es war mal ein Dichter aus Plön,
dessen Verse war’n immer obszön.
Sie wimmeln vor Brüsten,
Schwänzen, Mösen und Lüsten,
doch liest sich das trotzdem recht schön.

Ein sehr schüchterner Boy aus Marseille
liebte Sarah (aus PVC).
Doch beim Liebesspiel
barst prompt das Ventil
und die Leidenschaft endete jäh.

Update: … und noch eins

Ein Bisexueller aus Maine
hatt’ ein Date – die Lady hieß Jane.
Auf dem Weg dorthin dann
sprach ein Tarzan ihn an,
da entschied er: »Ich nehm lieber den!«

Bei sowas muss ich einfach mitmachen. Ich kann | nicht | anders.


Foto: © formschub.de